Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1928)
- Date
- 1928-05-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 280 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 38/39, 16. V. 1928 Aussprache zum Delegierientag Für vertrauensvolleZusammenarbeit Von Alexander Adler, Vorsitzender des deutschen Misrachl Ls gab einmal eine Zeit im deutschen Zionismus, da war ein Delegiertentag das größte und wichtigste Ereignis /wischen zwei Kongressen. Alle Zionisten sahen ihm mit größter Spannung entgegen, erwarteten von ihm starke Anregung in geistiger wie in organisatorischer Beziehung, konnten sicher sein, daß die in der Kleinarbeit des Alltags erlahmenden Kräfte neuen Schwung bekommen würden durch die mit so vielen geistig hochstehenden und hochstrebenden Gesinnungsgenossen gemeinsam verlebten Tage. Hatte man sich im Laufe des Jahres in Zeitungen und Versammlungen auseinandergeredet, so lebte man sich in diesen Tagen wieder zusammen, kam wieder zu klarer Erkenntnis der gemeinsamen Linie und Idee, und mit neuer Energie ging man an die allen glcichhcilige Arbeit. Heute ist es anders geworden. Man erwartet keine so großen Dinge mehr von einem Delegiertentage und doch scheint mir dieses beinahe sentimentale Moment für die notwendige Neubelebung unserer Arbeit von äußerster Wichtigkeit zu sein. Wieder das innige, persönliche Verhältnis zwischen Zionist und Zionist herzustellcn, das früher bestand, die Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses der herzliehen Verbundenheit des Zionisten aus dem jüdischen Zentrum mit dem aus der Peripherie, das Ausarbeiten von Arbcitsmethode und Arbeitsweg, die eine allen Richtungen gemeinsame Arbeit ermöglichen, eine solche gemeinsame Arbeit, die von allen mit innerer Freudigkeit geleistet werden kann — das zu erreichen, scheint mir eine wichtige Arbeit des kotninenden Delegiertentages zu sein. Beantwortet der Delegiertentag die beiden Fragen von Dr. Kanowitz (״J. R.“ Nr. 31) nach Form und Inhalt der Durchsetzung des zionistischen Gedankens im deutschen Judentum und nach den Wegen für die Gestaltung eines zionistischen Lebens in Deutschland in dieser Richtung, dann wird Impuls von dieser Tagung ausgehen können. Aber um diese Atmosphäre innerer Befriedigung zu schaffen, kann man nicht gänzlich vermeiden, gerade die programmatischen Verschiedenhelfen der ein- /einen Richtungen zum Ausgangspunkt der Debatte zu machen. Wenn man die Linie der gemeinsamen Kulturpolitik und -arbeit festlegen will, müssen die Forderungen, die die verschiedenen Richtungen aufstellen, gegeneinander abgewogen werden und der Punkt, in dem sich alle treffen, festgestellt sein. Der Misrachi kann auf die Dauer nicht eine Kulturpolitik decken, die einseitig abgestellt ist auf hebräische Arbeit, ohne auch eine Möglichkeit zu haben, dem für ihn maßgeblichen inneren Gehalt jüdischer Kulturarbeit den Spielraum zu lassen, der allein erfolgreiche Arbeit verbürgt. Wir wollen nicht die Arbeit an der Jugend, die der deutsche Zionismus leistet, zu einer vom alten Kulturgut unseres Volkes sich entfernenden werden lassen, um getrennt von der allgemeinen Arbeit, unsere Ziele in getrennter Arbeit zu verfolgen- Die große Linie der Jugendarbeit muß feststehen für alle und das kann nur erreicht werden, wenn der Ausgangspunkt jüdischer Kulturarbeit zurückverlegt wird zu den Quellen jüdischen Kulturlebens. Dem Misrachi können die von Dr. Salti Hirsch (״J. R.“ Nr. 34) aufgeführten Veranstaltungen kulturellen Charakters: hebräische Konzerte, Theateraufführungen und Rezitationen nicht genügen, denn für uns ist die Haskalah nicht Ausgangspunkt und nicht Höhepunkt der jüdischen Kultur, sondern nur ein vorübergehender Moment im geistigen Leben und In der Entwicklung unseres Volkes. Die Auseinandersetzung mit den Nichtzionisten darf sich für den deutschen Zionismus nicht im Kampf mit dem C.-V. erschöpfen. Der C.-V. ist noch lange nicht der einzige Teil der deutschen Judenheit, in dem wichtige Energien für das Palästina-Aufbauwerk brachliegen, die wir gewinnen müssen. Die Richtlinien unserer Arbeit nach außen müssen so festgelegt werden, daß die Z. V. f. D. die Möglichkeit bekommt, an alle jüdischen Kreise, die Orthodoxie nicht ausgeschlossen, heranzukommen, daß sie sich nicht halbgewonnene Sympathien wieder verscherzt. Die Z. V. t. D. hat durch ihre ganze Propaganda und die Art ihrer Betätigung, auch durch ihre Presse, dafür zu sorgen, daß dem Misrachi nicht dadurch Expansionsmöglichkeit entgeht, daß wir bei unserer Propaganda immer wieder dem Einwand begegnen müssen: ״Misrachisten würden wir schon werden, aber in den deutschen Zionismus können wir nicht eintreten“. Bei Gewinnung neuer Kräfte für unsere Bewegung muß gleichmäßig Rücksicht genommen werden auf alle Kreise und Schichten, auch offizielle Auseinandersetzung der Z. V. f. D. mit den uns nahestehenden religiösen Kreisen ist notwendig. Bisher hat man geglaubt, diese einfach übersehen zu können oder man glaubte, daß der Misrachi allein den Kampf um ihre Seelen zu führen habe. Ein Vorfall aus jüngster Zeit scheint mir ein Schlaglicht zu werfen auf Zustände' im deutschen zionistischen Leben, die man bekämpfen muß. Dr. Sali! Hirsch und Dr. Bileski hielten es für nötig, ein Rundschreiben in die Ortsgruppen zu verschicken, Ln dem sie die ihrer politischen Richtung Nahestehenden als diejenigen bezeichnen, ״die mehr die Arbeit und Verantwortung für die gesamt-zionistischen Interessen auf sich zu nehmen pflegen“ im Gegensatz zu Misrachi, Linke und Revisionisten. Der Delegiertentag müßte ״gut“ besetzt sein, es sei erforderlich, daß die Flügelgruppen nicht stärker vertreten seien, als es ihrer inneren Stärke und ihrer Leistung entspricht. Unser Freund Dr. Rothschild, Lübeck, einer der vielen Angehörigen einer Flügelpartei, die seit Jahrzehnten ihre ganze Kraft der allgemein-zionistischen Sache zur Verfügung stellten, hat den Versendern des Rundschreibens bereits eine Antwort erteilt, die eine so verletzende Wahl- Propaganda zurückweist Aber aus dem Rundschreiben spricht eine so völlige Verkennung der Verhältnisse und Zustände in den Gruppen, daß der Delegiertentag Schritte unternehmen muß, die klar erkennen lassen, wie sich die Z. V. f. D. als solche zu der Arbeit der Flügelgruppen stellt, wie und ob sie diese Arbeit wertet und einschätzt Der Delegiertentag muß aussprechen, daß er alle Zionisten für gleichberechtigt ansieht, sich an allen zionistisehen Arbeiten zu beteiligen, daß die Z. V. f. D. nicht die ,Vertretung eines kleinen Kreises von politisch so oder anders orientierten Zionisten darstellt, daß nicht diese oder eine andere Richtung allein berechtigt ist, für den deutschen Zionismus zu sprechen, sondern daß die Gesamtheit der Zionisten In ihm verantwortungspflichtig und vertretungsberechtigt ist. Er muß abrücken von einer Wahlpropaganda der Verdächtigung und der Herabsetzung, wie sie leider immer wieder vorkommt, die in der früheren zionistischen Zeit, die ich eingangs dieser Zeilen erwähnte, nicht vorhanden war. Der deutsche Zionismus, wie auch die ganze zionistische Bewegung, kann der Mitarbeit keiner der Flügel- oder Zentrumgsruppca entraten. Es ist der Gipfel der Verständnislosigkeit gewisser Kreise des heute die Geschicke der Z. V.f. D. stark beeinflussenden ״linken Zentrums“ für die Bedeutung der Arbeit der Flügelgruppen in unserem gesamten Arbeitsgebiet, wenn behauptet wird, daß nur das ״Zentrum“ ״Arbeit und Verantwortung für die gcsamtzionlstischcn Interessen auf sich zu nehmen pflegt“. Diesen Geist der Ueberhebung allen Andersdenkenden gegenüber, deren Arbeit nichts bedeutet, weil sie oft gezwungen sind, ihre Arbeit im Rahmen der eigenen kleineren Organisation zu leisten, da die größere Organisation der Z. V. f. D. in ihrer jetzigen Gestalt sie nicht leisten kann, — diesen Geist muß der kommende Delegiertentag ausschalten und an seine Stelle wieder den Geist gegenseitigen Vertrauens und der Gleichaclituiig setzen. Eine Fraktion ist niemals stärker auf einer Tagung, mag es Kongreß oder Delegiertentag sein, vertreten, "als es ihrer inneren Stärke und ihrer Leistung entspricht, umgekehrt kann es sein, daß die Wähler denen zu einer Wahl die Gefolgschaft verweigern, deren Machtstellung nur eine angemaßte Macht ist, deren Anschauungen und Arbeitsmethoden nicht den Rückhalt in der Gesamtpartei haben, von dem sie glauben, daß er vorhanden ist. Die Wähler zeigen dadurch auch, wessen Leistung sie tatsächlich als die beste ansehen. Nicht immer ist die Quantität der Arbeitsleistung auch Maßstab für ihre Güte. Auch der eifrige Arbeiter für die zionistische Idee — und wer zweifelt daran, daß ein großes Maß von Arbeit vou einzelnen dem ״linken Zentrum“ angehörigen Zionisten geleistet wird — hat nicht das Recht, sich souverän über die Anschauungen Tausender von anderen Gruppen zuneigenden Zionisten hinwegzusetzen und ihre Meinungen einfach aus der Arbeit, für die alle doch letzten Endes verantwortlich gemacht werden können, auszuschalten. In einer demokratischen Organisation hat jeder aktive Arbeiter die Pflicht, einem Wahlergebnis in der Gestaltung der Arbeit Rechnung zu tragen. Es ist Pflicht des Delegiertentages, sich zu diesen Fragen eindeutig und mit Nachdruck zu äußern. Auch bei dieser Auseinandersetzung ist weniger Wert auf Kampf, als auf Aufklärungsarbeit und Willen zur gemeinsamen Förderung unserer wahren Interessen zu legen. Der Misrachi erhofft sich vom kommenden Delegierientag eine Klärung auch der innerzionistischen Situation in Deutschland. Was er zu einer friedlichen Lösung derselben beitragen kann, wird er tun. Die Krisis und der Delegierientag Von Julius Levinsohn, Königsberg i. Pr. 1. Wenn es wahr Ist, daß die Lösung der Palästinafrage weniger abhängig ist von einer Menschen k 1 a s $ e im fechnisch-europäischen Sinne dieses Wortes, als vielmehr von einer Menschen g a 11 u n g, einem aus den! palästinensischen Boden erwachsenen Typus, für den das deutsche Wort ״Arbeiter“ keine adäquate, und das hebräische Wort ״Chahtz“ keine mehr ganz umfassende Bezeichnung ist, von einer Menschengattuag, die mit einer Komponente ihres Wesens im Proletarischen wurzelt, mit einer anderen ira Mystizismus eines die Klasse überwindenden und jeden Rationalismus negierenden Nationalismus, so kann mit Recht gefragt werden, ob der deutsche Zionismus im Augenblick fällig ist, aus seiner Mitte diesen Typ der Gesamtbewegung zur Verfügung zu stellen. Der Geschichtschreiber der zionistischen Bewegung wird die Tatsache zu verzeichnen haben, daß am Beginn der zionistischen Bewegung der Idealismus jüdischer Jugend in Deutschland steht. Der gewissenhafte Beobachter derT'iegenwart findet sich einer _ gänzlich veränderten Situation gegenüber. Die Vorgänge in. den großen Organisationen ״Kadint ah“ und ״K. J. V.“ zeigen übereinstimmend in weitestem Ausmaße ein Verhältnis zur zionistischen Gegenwart, das ein völliges Aufgeben jener anfänglichen Einstellung bedeutet. ,,Chaluzijuth“ erscheint als abgetan, nicht in dem Sinne, daß ihre Verwirklichungsmöglichkeit im Augenblick durch höhere .Gewalt, durch die übermächtige politisch-ökonomische Krisis in Frage gestellt wäre, sondern im Sinne ihrer Ablehnung als eines überholten Systems. Bewußt wird an ihre Stelle die Philosophie des ״Tachlith“ gesetzt. Bewußt werden die Anforderungen, die diese Jugend an sich stellt, auf eine Stufe zurfickgeschraubt, die von dieser Jugend selbst als die Stufe des Durchschnitts bezeichnet wird. Damit wird die geistige und politische Kontinuität dieser Jugend mit dem arbeitenden Palästina, mit jener für den Aufbau lebensnotwendigen Menschengattung aufgegeben. Es wächst eine Jugend heran, die sich selber genug ist, die vor der chaluzischen Uebersteigerutig der Kraft- und Energieanspannutfg, vor der Leistung des Unerhörten, Einmaligen zurückweicht, und sich dafür begrenzt# Ziele steckt, die sie. innerhalb eines gefügigen Organlsationsapparates auf der Grundlage einer alles verzeihenden Gesellschaftlichkeit erreichen kann. Zionismus wird zu einer selbstverständlichen Vokabel, über die man nicht mehr spricht. Das Versagen des deutsch-zionistischen Idealismus, die Amerikanisierung unserer Jugend, folgt aber mit Notwendigkeit aus der soziologisch-geographischen Isolierung des deutschen Judentums. Der bürgerliche Idealismus dieser Menschen mußte in dem Augenblick zusammenbrechen, in dem seine Triebfedern, Erotik auf der einen, akademisches Besserwissen auf der anderen Seite, der Bewältigung realer Situationen nicht mehr gewachsen war. Es hat sich' gezeigt, daß die Galuth zur Wiedereroberung Palästinas mir imstande ist, wenn der Eroberungswille ihrer Menschen von denjenigen Energien getragen wird, die nicht in den Zufälligkeiten des individuellen Erlebens, sondern in der Tatsächlichkeit des realen Daseins der Masse erzeugt werden. Und hier liegen die tiefsten Wurzeln unserer Krisis. II. Die Generation, die sich vor 20 Jahren zu zionistischer Weltanschauung durchkämpfte, auf der heute ziaaistische Politik in Deutschland ruht, wird sich auf diesem Delegiertentag darüber klar sein müssen, daß sie ihre Frontstellung dieser Situation anzupassen hat. Ich bin nicht der Meinung, daß die kommende große Offensive der zionistischen Idee sich von vornherein auf diejenigen Teile des deutschen Judentums, insbesondere seiner Jugend, beschränken sollte, die für den zionistischen Gedanken mehr oder weniger ״reif“ sind. Ich glaube auch nicht, daß der Kampf gegen den C.-V. in einen Machtkampf ausarten muß; es ist nicht einzusehen, warum der Kampf nicht auch in diesem Rahmen der Idee und den Menschen, auch und gerade wenn sie noch nicht ״reif“ sind, gelten sollte. Ein Abweichen von dieser Kampfeslosung bedeutet eine politische Entsagung, der der radikale Zionist sich nicht gut wird unterziehen können. Aber auch ich bin durchaus überzeugt davon, daß der entscheidende Kampf im Augenblick an einer anderen Front wird auszufechten sein. Wir stehen heute unserer eigenen Jugend gegenüber. Und allen, die wir heute werben, werden wir früher oder später so gegenüberstehen. Es ist ein Kampf nicht gegen, sondern für; ein Kampf um die Seele des Zionismus in Deutschland. Ich weiß nicht, was eine Tagung wie der Delegierientag praktisch auf diesem Gebiet beschließen oder unternehmen kann. Lösungen erwarte ich jedenfalls nicht von ihm; wohl aber die Erkenntnis, wie es um uns steht und die Ab- Stockung unseres nächsten und wichtigsten Aufgabenkreiscs auf diesem Abschnitt unserer Front. Hierzu bedarf es des tatkräftigen und entschlossenen Zusammenschlusses. Wie weit die Konstellation der Kongreßfraktionell auf diesem Delegiertentag von Bedeutung sein wird, läßt sich im voraus nicht festlegen. Ich halte es jedenfalls für falsch, ihr von vornherein jede Berechtigung abzusprechen und so zu tun, als ob es in Deutschland in der zionistisclicii Welt nur eine allein selig machende Kirche gähe. Mir scheint aber, daß die Krisis des deutschen Zionismus im Augenblick über die Kongreßkonstellationen hinaus die bcdingung.slose Zusammenfassung aller mit Entschiedenheit für die Erhaltung der revolutionären Grundlage des deutschen Zionismus Eintretenden erfordert. In diesem Sinne erhoffen wir die Bildung einer großen radikal links orientierten Gruppierung auf dem Delegiertentag, im Sinne nämlich eines wirklichen Fortschritts, das heißt einer zunehmenden Uebcnvindung unserer gegenwärtigen Stagnation und Isolation durch die bewußte Umstellung unseres zionistischeu und jüdischen Lebens auf die Mandate und Impulse der großen Zentren jüdischen und zionistischen Gesamtgeschehen«. Wir halten es für die Erziehung einer neuen Generation im besonderen für einen Grundsatz erster Ordnung, daß der Maßstab für Gut und Böse, für Gelingen und Versagen, für Wert und Unwert zionistischen Geschehens in Deutschland zu suchen und zu finden ist überall da und nur da, wo die werdende Nation sich bereits Kristallisationspunkte ihres realen Daseins geschaffen hat. HL Von hier aus ergeben sich die konkreten Aufgaben der nächsten Zukunft. Voraussetzung für jede zionistisch revelante Tat in dem hier geforderten Sinne ist das Vorhandensein bestimmter Bewußtseinsinhalte. Es gehört nun einmal zu der Tragik unserer Galuthexistenz, daß die Universitas judaica für uns in aller Regel zunächst nur auf dem Wege gedanklichen, d. h. wissensmäßigen Erfassens zugänglich ist. In diesem Zusammenhänge gewinnt die Neuordnung unserer Kulturarbeit, über die an dieser Stelle wiederholt gcsprachen worden ist, ihre überragende Bedeutung. Der Delegiertentag sollte dieser Forderung mit größtem Ernst und Verantwortungsbewußtsein Rechnung tragen. Er sollte sich aber auch darüber klar sein, daß es mit der Aufstellung von Programmen nicht getan ist. Die eigentliche Aufgabe sollte vielmehr darin erkannt werden, unsere Menschen aus der Ebene des Gedankens und der Ideologie in die Sphäre des verantwortungsvollen Handelns überzuführen. Llnsere Kulturarbeit hat ihren Sinn verfehlt, wenn sie nicht imstande ist. Energien auszulösen. Und darum scheint mir im Augenblick die Frage der Methode unserer Kulturarbeit von ganz besonders großer Bedeutung zu sein. An die Spitze unserer künftigen Bemühungen auf diesem Gebiet darf aber schon jetzt der Grundsatz gestellt werden, daß die Erweckung nationaler Energie durch noch so lebendige Anschauung dies Vergangenen, und sei dieses auch unser kostbarstes' und genialstes Kulturgut, allein nicht möglich ist. Wir werden uns'an den Gedanken zu gewöhnen haben, daß der Bezirk ״jüdische Kultur“ für uns mehr umfaßt, als etwa der Bezirk ״klassische Antike“ oder ״europäisches Mittelalter“ oder irgendein anderer Einzclkomplex der Geschichte. Er umfaßt alles das als einen Gesamtkomplex und mündet in eine Gegenwart, deren noch längst nicht ausgeschöpfte Energien unmittelbar aus diesem Gesamtkomplex hervorgegangen sind und hervorgehen. Wie daher einerseits eine organisch verknüpfende Gcschichtsdarstcllung für das Verständnis zionistischer Ideologie und Weltanschauung unbedingte Voraussetzung ist, so ist andererseits die Erfassung der Gegenwart in aller ihrer realen Mannigfaltigkeit eine conditio sine qua non für die innere Verknüpfung der räumlich getrennten Glieder eines auferstehenden Volkes. Das gilt mit besonderer Dringlichkeit für die zionistische Bewegung in Deutschland. Fs gilt, Mittel und Wege zu finden, den deutschen Juden, insbesondere aber die neue zionistische Generation r-n dem kulturellen, politischen und sozialen Geschehen der jüdischen Gegenwart, vor allem in den jüdischen Massensiedlungen teilnehmen zu lassen. Es gilt weiter, unserer erzieherischen Arbeit reale Vorbilder zugründe zu legen. Wenn das Ziel aller unserer pädagogischen Bemühungen wirklich ein bestimmter Geist, ein bestimmter Typus, eine bestimmte Lebenshaltung ist, man mag sie nennen wie man will, so kann dieses Ziel nur erreicht werden, wenn dieser Geist, dieser Typus, diese Lebenshaltung irgendwo, für unsere Menschen greifbar, erfahrbar, vor gelebt wird. Dieser Typus wird vorgelebt in der Arbeiterschaft Palästinas. Ich glaube, daß diese Ausführungen nicht zu dem Mißverständnis zu verleiten brauchen, daß es für uns nunmehr darauf ankäme, die Losung auszugeben.־ werdet Arbeiter! Worauf es ankommt, ist, unsere Menschen mit dem Geist zu erfüllen, der die Arbeiterschaft beseelt. Dazu aber ist eine Wandlung in der psychischen Einstellung des deutschen Zionismus zu der Arbeiterschaft überhaupt erforderlich. Unabhängig von den politischen Tagesfragen, unabhängig yon der jeweiligen Parteikonstellation muß anerkannt werden, daß ein VÄsteil, der neben seinen eigenen Nöten freiwillig die Aufgabe übernimmt, sich der Erneuerung der Gesamtbewegimg zur Verfügung zu stellen, es wert ist, daß man ihn als einer! positiven Faktor erster Ordnung in Rechnung stellt. Der Arbeiter beginnt heute in unserer Bewegung eine ähnliche Rolle zu spielen, wie seinerzeit die revolutionäre Studentenschaft in Rußland. Es wird Aufgabe des Delegiertentages sein, diese Situation klar zu erfassen und aus ihr die nötigen Schlüsse für die zukünftige Arbeit in Deutschland zu ziehen. Und in diesem Zusammenhang wird schließlich die Frage aufzuwerfen sein, welche Veränderungen in dem organisatorischen Aufbau der Z. V. I. D. vorgenommen werden müssen, um alle Kräfte der zionistischen Gesamtbewegung in sie einzubeziehen.