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Jüdische Rundschau · 1928-05-16 · Heft 38-39 (16.5.1928) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 38-39 (16.5.1928)
Date
1928-05-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38/39, 16. V. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sehe 279 Die drei ״G“ in der Geschichte des (Odtsctien Theaters ״G“ ist der Anfangsbuchstabe des Namens seines Begründers Goldfaden, seines Entwicklers Gordin und seines Vollrnders Granowsky. Und um der Bedeutung Granowskys gerecht 7u werden, ist es unumgänglich, einiges über seine Vorgänger 7u berichten. — Goldfaden. Er kam um das Ende des 19. Jahrhunderts, gerade als das Leben der jüdischen Volksmassen im Osten zum ersten Male eine weltliche Färbung erhalten hatte. Bis dahin war jüdisches Theater nur in der Form von Passionsspielen bekannt, die an Feiertagen von Purim- Spielern in Privathäusern aufgeführt wurden. Goldfaden war selbst Begründer vieler Theater, war Direktor, Regisseur, Autor und Komponist von mehr als sechzig Stücken. Seine Stücke waren wirkliches Theater und ebenso wie die Gesänge in Fabel und Sprache aus folkloristischen Quellen geschöpft. Ihr Rahmen eröffnete dem Schaffen des Schauspielers viele Möglichkeiten. ״Jetzt kommt der Komiker und sagt das Seine“, ist eine häufige Remarke in seinen Texten. Eine andere Rcmarke: ״es entsteht ein Sturm, das Schiff beginnt zu wanken, die an Deck tanzenden Paare werden von der Panik ergriffen, die Rettungsboote werden herabgelassen, während das Schiff langsam sinkt, die meisten springen in die Boote, das Meer wird immer stürmischer, Jontel (Schnorrer und Held des Stückes), ein Engländer, ein Franzose und ein Amerikaner springen auf das Brett, das Schiff und die Rettungsboote sind nicht mehr sichtbar, nur noch die stürmischen Wogen, Haifische und die vier auf dem Boot sind zu sehen, Jontel schreitet von einem zum andern und verlangt mit ausgestreckten Armen: ״Schenkt etwas für eine arme Braut!“, soll seinen Mut und seine Auffassung von den Bühnenmöglichkeiteu zeigen. Denn so wurde es auch gespielt. Keine Einzelheit war da ausgelassen, und, Gott sei dank, der erwünschte Eindruck blieb auch nicht aus. Also war Goldfaden nicht nur der Begründer des Theaters der Juden, sondern auch der Begründer eines wahren, nämlich eines konventionellen Theaters, oder aber, wenn beliebt, eines guten, lieben Schmierentheaters. Die jüdischen Intellektuellen haben ihn hei seinem Werk nicht unterstützt, und diejenigen unter ihnen, die Theaterneigung hatten, haben diesen zum großen Glück des jüdischen Volkes auf den naturalistischen Bühnen anderer Völker freien Lauf gelassen. Fremder Mensch, der du diese Zeilen liest, ehre das Andenken des genialen, klugen Meisters Goldfaden (auf Deutsch läßt sich das Wort am besten durch Nestroy übersetzen) durch einmaliges Fernbleiben von irgendeinem der modernen Theater. Denn diese schadeten dem Werke Goldfadens, und durch ihren Einfluß kam eines Tages im New Yorker Ghetto eine Sehnsucht nach Ibsen und Tschechow auf. Die Situation war fatal, und wäre die Sehnsucht erfüllt worden, würden die Juden heuteutage wie alle anderen Menschenbrüder auch mit einem ״guten“, d. 11. schlechten Theater beschenkt sein. Zum Glück ia aus dieser Sehnsucht bloß Jakob Gordin entstanden. Eine Art, sagen wir, Sudermann, wenn er keinen Hauptmann und keinen Schnitzler als Zeitgenossen gehabt hätte. Er war der eigentliche Schöpfer des naturalistischen, problematischen Theaters. Seine Stücke wie ״Der jüdische König Lear“, ״Gott, Mensch und Teufel“, ״Mirele Ephros“ sollten Motive des zeitgenössisclien, europäischen Dramas ins Jüdische überpflanzen. Ich glaube, er vollbrachte cs mit vollstem Verständnis für die Ueberflüssigkeit solchen Beginnens. Auf mich machen seine Stücke den Eindruck sehr gut gelungener Parodien. Ihr damaliger großer Erfolg auf den Bühnen zeugt nicht für das Gegenteil. Der Beifall bei Juden ist eine viel zu unergründete Sache, als daß man genau wissen könnte, ob die Leute jemand wegen seiner Kläglichkeit auslachen oder wegen seiner Lacherlichkeit beweinen. Immerhin, eine gewisse Gefahr, die der Aufstieg Gordins mit sich gebracht hat, ist nicht zu verleugnen, die jüdischen Intellektuellen begannen sich unter seinem Einfluß für das jüdische Theater zu interessieren (Hirschbein, Pinski, Libin usw.). Dem hat aber zum Glück der Weltkrieg ein rasches Ende bereitet. Als nach der russischen Revolution das Bedürfnis nach einem jüdischen Theater entstand, war es Granowsky, der es schuf. (Parallel entwickelte sich die große Habimah, die aber wegen ihrer Sprache der großen Masse weniger zugänglich war.) Auch ihn ließen die jüdischen Intellektuellen im Stich. Das war sein Glück. Er wandte sich Goldfaden zu und belebte das alte jüdische Komödiantentheater mit allen Errungenschaften der modernen Theaterkultur. Auch hat er als erster damit begönnen, die gute jüdische Literatur dem Theater dienstbar zu machen. Theatralisierungen von Scholem Aleichem, Perez und Abramowitsch! F.cce jüdisches Theater! M. L i w s c h i t z. Der jüdische Dichter Schalom Asch ist in Moskau eingetroffen und wurde von den jüdischen Schriftstellern sehr herzlich empfangen. Er begibt sieh demnächst zum Besuch der jüdischen Kolonien nach der Ukraine und der Krim. Die Männer kamen schon aus dem Beth Hamidrasch zurück, und Jossel stand immer noch da. Das Wetter änderte sich immerfort. Sonne, Regen, Wolken, Wind, Frost. Und wie das Wetter war, so war es Jossel ums Herz. Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke: er werde sich aufhängen. Und daheim stehen die beiden Pferde, die der Vater vom Konopnitzer Hof gebracht hatte, er kann sie nicht loswerden, weil der Gutsbesitzer überall seine Knechte herum geschickt hat. daß sie aufpassen sollen. Er wird den Pferden einen Zügel abnehmen, ihn oben um den Balken schlingen.... er wird nicht reißen.... Im selben Augenblick hörte er aber, wie der Haken aus dem Querbalken gezogen wurde, auf den er die ganze Zeit geblickt hatte. Sein Herz begann schrecklich zu klopfen, wie mit Hämmern, und gleich trat Schewele heraus. Sie war noch nicht ganz angekleidet, bloß das bordeauxrote seidene Unterkleid trug sie und einen blauen Schal. Sie war noch ganz verschlafen und die Augen waren wie in Tau gebadet. Jossel blieb wie gelähmt stehen und Schewele erblaßte erschrocken. Lange sah sie ihn an, ob er derselbe sei, der gestern mit seinem Vater bei ihnen war, ■— und sie erkannte ihn. Ja, er ist derselbe, Wolf Duwids Jossel, der Dieb, vor dem die ganze Stadt zittert. Die Mutter hat es ihr gestern Abend gesagt, weil er sie immer so angesehen hat. Die Mutter hatte später, als die Chassidim weggegangen waren, nachdem sie den ganzen Tag gesungen, getanzt und Met getrunken hatten, dem Vater gesagt, daß es nicht gut sei, wenn der lange Mensch mit dem großen roten Bart, der Dieb immer mit seinem Sohn an den Tisch komme. Die Chassidim würden wegbleiben, sie würden es übelnehmen, daß ein Dieb an den Tisch komme. Aber ihm sagen, er solle nicht kommen, davor hatte sie Angst. Schewele hätte vor Schreck beinahe aufgeschrien, aber im selben Augenblick faßte sie sich. Sie sah gleich wieder aus wie immer und blickte auf Jossel mit ihren rejnen kindlichen unschuldigen Augen. Ihr Ausdruck ihm gegenüber war wie der einer kleinen Schwester zu ihrem Bruder, den sie lange nicht gesehen hat. Aus Jossels Augen blickte, nicht wie bei einem Dieb, den man fängt, Schreck oder Auf-alles-gefaßt-seii», sondern nur UnbeholTenheit und Demut. Wie ein Kälbchen, das mit großen, guten, dümmlichen Augen blickt Und dann änderte sich Scheweles Gesichtsausdruck nochmals, sie sah aus, als wollte sie Ihn fragen: ״Jossel, Du warst doch gestern bei uns mit Deinem Vater? Ihr habt W.eln gebracht?“ Und Das Arbeitertheater Ohel Einige Freunde des Hebräischen Theaters veranstalteten dieser Tage im Harne von Herrn Grüngard in Berlin einen Empfang für den Leiter des palästinensischen Arbeitertheaters ״Haohel“, M. Halevy. Herr Dr. Emil Cohn-Bernhard hielt eine Ansprache, worin er, ausgehend von den aktuellen Problemen des modernen Theaters, die nationalen und geistigen Aufgaben des Hebräischen Theaters charakterisierte. Anschließend schilderte Professor Gotthold Weil, der kürzlich aus Palästina zurückgekehrt ist, die unvergeßliehen, tiefen Eindrücke, die er bei einer Vorstellung des Ohel in Tel-Awiw erhalten hat. Beide Redner priesen nicht nur die erstaunlichen künstlerischen Leistungen, sondern auch die menschliche Hingabe, den wahren künstlerischen Idealismus der aus lauter Arbeitern und nichtzünftigen Schauspielern bestehenden Truppe. Dr. Welt sch unterstrich besonders die soziale Bedeutung dieses Theaters, das bei seinen Reisen durch das Land den schwer arbeitenden jüdischen Siedlungen die bitter notwendige seelische Erhebung bringt. Schließlich legte Halevy selbst in hebräischer Sprache Geschichte und Tendenzen des ״Ohel“ dar. Er selbst hat die Habimah in Rußland verlassen, weil er fühlte, daß ein Theater nur gedeihen kann, wenn es organisch in die Umgebung eingegliedert ist und einer eigenen sozialen Idee dient. In Palästina hat er mit seiner nach vielen Schwierigkeiten gebildeten Truppe sich zur Aufgabe gesetzt, das wahre Drama des jüdischen Lebens zu schaffen, indem die jüdischen Stoffe aus ihrer Verkleidung in fremde Stile befreit und aus dem jüdischen Volksleben heraus neu gestaltet werden. Der erste Versuch dieser Art war ,.Jakob und Rahel“. Jetzt plant das Theater die Aufführung einer Trilogie, und zwar in der Form, daß als erstes Drama ״Jeremias“ von Stefan Zweig aufgeführt wird, darauf folgt ein Drama des jüdischen Mittelalters (״Sabbatei Zwi“), und schließlich ein modernes Stück aus dem neuen jüdischen Leben Palästinas. Halevy betonte, er sei überzeugt, daß der Sache der jüdischen Wiedergeburt durch eine derartige Theaterproduktion, die natürlich auch im Galuth gezeigt werden müßte, mehr gedient wird, als durch viele Agitationsreden. Es wird hier in ganz sinnfälliger Form das Verständnis für die Echtheit jüdischen Wesens geweckt und die jüdische Geschichte wird eindrucksvoll lebendig. Herr Halevy schilderte dann die materiellen Bedingungen, unter denen das Theater zu arbeiten gezwungen ist. Obwohl die Schauspieler keine Gagen beziehen, sondern ihr Brot anderweitip verdienen, fehlen dem Theater doch die Mittel zu einer ungestörten fruchtbaren Tätigkeit. Es ist daher in der letzten Zeit in Palästina ein Verein der Freunde des Ohel gegründet worden. Nach einer kleinen Aussprache wurde von den Anwesenden beschlossen, auch in Deutschland die Freunde des Ohel in geeigneter Form zu sammeln. Zu diesem Zweck wurde ein kleines Komitee eingesetzt. Herr Halevy ist nach Salzburg gefahren, um mit Stefan Zweig über die Inszenierung des ״Jeremias“ Rücksprache zu nehmen. Von dort begibt er sich nach Palästina. Ein Habimah-Buch. Im Verlag von Heinrich Keller, Berlin-Wilmersdorf, erschien soeben ein Buch ״H a b i m a h“. Es enthält 32 Bilder und einen einführenden Text von Bernhard Diebold. Die Bilder, hergestellt nach photographischen Aufnahmen von Nini und Carry Heß in Frankfurt a. M. sind technisch ausgezeichnet reproduziert und zeigen die Darsteller der Habimah in ihren Hauptrollen jtn ״Dybuk“, ״Ewigen Juden“, ״Golem“ und ״Jaakobs Traum“. Man empfängt aus diesen Photographien einen geradezu verblüffend lebendigen Eindruck der dargestellten Figuren. Die Einleitung von Diebold beschreibt mit tiefem Verständnis und voll begeisterten Staunens das Wunder der Habimah, beginnen«) von der Sprache und der Gebärde bis zu den Einzelleistungen in den wichtigsten dargestellten Werken- Eine kurze Geschichte der Habimah ist angefügt. Allen Freunden des Theaters wird dieses schöne Buch eine wertvolle und liebe Erinnerung sein. Es wird aber zweifellos dazu beitragen, der Habimah neue Freunde zu werben und darüber hinaus die Botschaft von r'er Erneuerung der hebräischen Sprache und der jüdischen Renaissance in weite Kreise zu tragen. Das Aprilbeft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft de? Judentums beginnt mit einerWördigung Hermann Cohens (durch Dr. A. Lewkowitz) anläßlich der zehnten Wiederkehr seines Todestages und der Herausgäbe seiner kleinen Schriften durch die Akademie für die WissenschaJt de» Judentums. Harold M. Wiener gibt eine eingehende, kritische Uebersicht über die Literatur zum Pentateuch, 1■ El bogen eine solche über neue Werke zur Geschichte der Geonim. V. Aptowitzer bat einen Beitrag zur vergleichenden Sagenforsebung beigesleuert, Oh. A h 1 b e c. k einen solchen zur Midrasch- Literatur. Jossel sah aus, als wolle er ihr antworten: ״Ja.... gestern.... gestern war Gesetzesfreude.... man tanzte mit der Thorarolle, alle Männer haben getanzt, nur ich und der Vater....“ Er senkte seinen Blick zu Boden und sie auch. Beide standen da wie verschämte Kinder. Jossels Herz klopfte, er wurde bleich, und Schewele erschrak wieder über sein wieder verändertes Aussehen und sein Schweigen. Sie blieb stehen mit halb offenem Munde, wie die Knospe einer Rose, die sich erst entfaltet, und wieder wollte sie aufschreien. Doch der Schrei blieb hängen zwischen ihren Zähnchen wie zwischen Perlen und gerann in ihren weit geöffneten Augen. Jossel sah es und wurde noch bleicher. Und nicht deshalb, weil er fürchtete, daß auf ihr Schreien Menschen herbeieilen, der Rabbi, seine Frau herauskommen würden und der Vater ihm nachher zu Hause die Rippen zerschlagen würde, — nein, davor hatte er keine Angst. Ihm schnitt es ins Herz wie mit einem Messer, als er sah, daß er Schewele erschreckt hatte. Er war bereit, mit dem Messer, daß er im Stiefelschaft trug, sich den Hals zu durchschneiden, es sich ins Herz zu stoßen, sich den Bauch aufzuschlitzen, weil er Schewele erschreckt hatte. Er stand verwirrt, ohne zu wissen, was er tun sollte. Als wäre er gelähmt, stand er da und konnte sich nicht regen. Die Hände erschienen ihm wie zwei Bleiklumpen und die Beine wie zwei Eimer Wasser. Er wollte ihr etwas sagen, da biß er sich in die Zunge und fühlte es salzig im Mund. Er wußte nicht, wohin den Blick zu richten, da heftete er ihn auf das H laschen von Reb Awrum, dem Holzhändler, das gerade gegenüber dem Haus des Rabbi stand. Und bald vergaß er, wo er stand, wer vor ihm stand, und daß er auf sie an dieser Stelle eine ganze Nacht gewartet habe. Er fühlte, wie jetzt ein ganz neues Leben in ifim geboren werde, jetzt, während er auf das Häuschen blickt, strömt ein neues Leben durch all seine Adern. Das Häuschen gefiel ihm. Es war so schön, und er kannte den, der das Häuschen so schön gemacht hatte, er sah ihn daran arbeiten und sah ihn auch im Beth Hamidrasch studieren. Und er hatte ihn heb, den, Jossef heißt er, den Sohn des Holzhändlers. Aber im fleichen Augenblick wurde er ihm böse, haßte ihn. Wesaib?- Er sah noch einmal Schewele an, senkte den Kopf und ging weg. Schewele sah Ihm nach. Der Plastiker Sandor Jarey Zur Ausstellung des Herzldenkmals Im Atelicrhaus, Fasanenstr. 13 Sandor Jarey, derjüdische Bildhauer mit dem ungarischen Namen (geb. 1875 in Temesvar) war an der Wiener Akademie Schüler des Bildhauers Zumbusch. Vor dem Krieg war er als Schöpfer der Kainzporträtbüste und des Kainzdenkmals ״Kain/ als Hamlet“ bekannt. Sowohl der Kainz wie die Porträtbüste der Else Lehmann, oder der auf der Gartenbank poetisch hingelegte Schubert (Entwurf für ein Schubertdenkmal) verleugnen in keinem Zug ihre Konzeption vom schöpferischen Geist der Intuition. So empfunden ist auch der Moissikopf, etwas schräg geneigt in der charakteristischen Haltung, vom Leid der Generationen zerfurcht und dennoch schön. Ein Porträt von Oberrabbiner Chajes, den er gut kannte, war eplant. Es ist schade, daß es nicht zur Ausführung kam; enn seine anderen Porträts, ״der Musikschriftsteller Specht“ und ״der Soziologe Ooldscheid“ sind wunderbar lebensvoll nachgeschaffen. Bei einem Künstler, der über solche Mittei verfugt, darf man hinsichtlich eines Herzldenkmals den höchsten und strengsten Maßstab anlegen und man kann sagen, daß Sandor Jarey der Aufgabe, die er sich gestellt hat, gewachsen ist, mag auch über Einzelheiten der Ausführung der eine oder der andere seine besondere Meinung haben. Die Gipsausführung in der beabsichtigten Höhe des Denkmals ist jedenfalls auch nur Entwurf und wie ich höre, kämen bei der endgültigen Ausführung, wenn es pekuniär möglich ist, noch zwei Figuren hinzu. Der ursprüngliche Entwurf, gleichfalls im Atelier ausgestellt — er stammt aus dem Jahre 1916 und ist unstreitig gewaltiger im Aufbau — gibt außer der Dreiergruppe mit dem Führenden, das vorwärts wuchtende Volk: Alte Männer gläubig asketisch, jüngere in chassidischer Glut, eine Mutter mit dem Kind an der Brust, einer wie träumend nach dem Psalm: Wenn der Herr die Vertriebenen zurückführt.... Die vordere Gruppe, nur wenig unterschieden vom ausgeführten Entwurf, zeigt einen gewaltigen Alten vorwärts drängend. Seinen einen Arm umfaßt gläubig sein Weib, den anderen Arm hält Schutz suchend ein ninfälliger schwacher Greis. In der groß ausgeführten Gruppe führt ein athletischer nackter Jüngling, der Chaluz, Flammen im Haar, prophetisch; unerschütterlicher Wille kennzeichnet den Mund. Die alte jüdische Frau an seiner Seite ist diesmal die Mutter, die gläubig mit dem Sohn geht, dorthin, wo der Schn die Zukunft schafft, den anderen Arm hält wieder der müde Greis. Der Block trägt — später — die Inschrift: in memoriam Theodor Herzl. — Sandor Jarey sagt selbst das Folgende über beide Gruppen: Als ich 1916 in Wien den großen Flüchtlingsstrom erlebte, lernte ich mein Volk, unser Volk erst kennen, in seiner Not, in seinem grenzenlosen Elend. Da schuf ich aus der Idee ״Nach Zion“ die erste Gruppe, ich nannte sie ״Die Juden“. Als ich aber nach Palästina kam, da sah ich, daß nicht die Alten führten, sondern die Jungen, die starken, athletischen, daß sie dort so wachsen durften. Deshalb führt im ausgeführten Entwurf der junge Jude.“ Ruth Morold. Der New Yorker Komponist und Dirigent Lazare Saminsky, der aus Rußland stammt und vor zwanzig Jahren die ganze denkwürdige Bewegung tun den verstorbenen Joel Engel mitmachte, hielt im Hause von Herrn Dr. Bernhard,Kahn einen kurzen Vortrag über das Thema ״Das nationale Element in der modernen Musik“. Er beschränkte sich auf das Gebiet, das uns zunächst angeht, nämlich auf die jüdische Musik und hob insbesondere die allgemein gültige Tatsache hervor, daß das Volk als künstlerischer Schöpfer nicht unterschätzt werden dürfe. Daß beispielsweise ״Das Dudele“, wie Saminsky demonstrierte, eine solche originelle Fülle von Rhythmen aufweise, wie sie nur vortreffliche Musiker ersinnen können. Desgleichen zeigen die sonstigen jüdischen Volkslieder und die chassidischen Tänze eine bemerkenswerte künstlerische Eigenart, die den Grund für ihre Beliebtheit abgibt. Interessant war die Wiedergäbe einer Georgischen Weise des Hohenliedes, die Saminsky persönlich aufschrieb, die aber dem Kenner der Idelsohnschen Wiedergaben östlicher Synagogenmusik kaum Neues bietet. Wichtiger als die Ausführungen Saminskys über jüdische Musik, die uns verwöhnten Berlinern nicht allzu viel sagen konnten, waren seine Kompositionen ״Lajla“ und .,Rabbi Elaser“, die durch ihre sehr diskrete (besonders im ״Elasar“) geschmackvolle Bearbeitung zur Genüge zeigten, daß wir es im Komponisten mit einer künstlerischen Potenz zu tun haben, die noch gewiß in der Zukunft manches Schöne zeitigen wird. Arno Nadel. Die nationale Bewegung im Orient. Im Verlag Kurt Vowinckel, Berlin-Grunewald, erschien soeben das Werk von Hans Kohn ״Geschichte der nationalen Bewegung im Orient“. In dem dem Buch vorausgeschickten Geleitoort von Prof. Karl Haushofer spielt dieser bedeutende deutsche Geopolitiker auf die zionistische Qualität des in Jerusalem wohnenden Autors an, indem er schreibt: ״In dieses Chaos bringt der Verfasser, ein Kenner, der Ueberschau und Tiefblick in seltenem Maß vereinigt, Ordnung und Gliederung vermöge seiner staunenswerten Quellen- und Sprachen-Kenntnis. Der Urheber einer solchen Arbeit konnte nur aus einem Kreise stammen, der beide Kraftfelder — Abendland und Morgenland — aus einer Zwischenstellung heraus verstehend und vermittelnd zu überschauen vermag.... Es gibt keinen besseren Weg zur Erkenntnis des verwickelten und wichtigen vorderasiatischen Problems als gerade diesen, den eben nur gehen kann, wer an beiden Erdräumen inneren Anteil hat. Nur ein Mann, der aus einem Lager stammt, das — janUsköpfig — Orient und Okzident übersieht, kann beiden so gerecht werden, wie ein Mensch der Gegenwart dem Werdenden gegenüber gerecht zu sein vermag: einem Werdenden, das seine Wurzeln aus völlig unausgeglichenen, viertausendjährigen geschichtlichen Bewegungen zieht, die an wenig Stellen der Erde noch so stark aus einer unruhvollen, katastrophenreichen Vergangenheit bis in die Gegenwart hereinwirken, wie eben gerade im Nahen und Mittleren Osten, in Vorderasien.“ — Wir werden auf das wichtige Buch noch zurückkommen. Arthur fiolitscher veröffentlicht im ״Berliner Tageblatt“ vom 10. Mai ein Feuilleton ״Atmosphäre des Granowsky-Theaters“, worin er zwei Szenen gegeneinanderstellt: eine Gruppe von vier Juden in einem südrussischen Ghetto, zusammengepfercht und weltfremd, und eine Gruppe von vier Chaluzim in Tel-Awiw, die nach der Arbeit in ekstatischen Tänzen die Vollendung eines Baues feierten. Es waren im Grunde dieselben Menschen, aber das zweite Bild zeigt sie befreit, glücklich und schaffend. Granowsky hat — nach Holitscher — diese beiden Elemente des jüdischen Wesens, die hoffnungslose Oede des Ghetto, und die schrankenlose, über die Strange hauende Bewegung des von Jahrtausende alter Last befreiten Judentums, zwischen seine formenden Hände genommen, tpjd zeigt daher in seinem Werk ein Bild der in historischer Wandlung begriffenen Rasse. In Tel-Awiw verstarb am 5. Mai Alexander Rappaport, der1 Begründer der ersten jiddischen Tageszeitung, aer Zeitung ״Frajnd“ in Petrograd, im Alter von 66 Jahren. Er war ein bekannter Zionist. Nach Palästina kam er 1921.

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