Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1928)
- Date
- 1928-05-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 278 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38/39, 10. V. 1928 Daniten die so bewundernswerten Tugenden zugänglich mache. Der Saran macht auch eine Anspielung auf die Vermutung, daß Simson Philisterblut in sich habe. Simson lehnt das Anerbieten ab. Es möge schon richtig sein, daß er sich einzig unter den Philistern wohl fühle, aber jene dort, die vom Stamme Dan, Benjamin und Efraini haben ein ״hungerndes Herz‘‘. Zu zechen mit den Philistern ist er gern bereit, sie verstehen sich auf Späße; damit aber endet die Gemeinschaft, denn sie haben keine Zukunft und ihr Herz ist satt. ״Mit euch bauen?“ — ruft Simson aus — ״Ich glaube nicht an euch,“ Der wohlwollende Saran kehrt aus der Gefangenengrube unverrichteter Dinge zurück. Simson aber, dem man bald darauf die Augen mit glühenden Eisenstangen ausbrennen wird, nähert sich zusehends der Auffassung seines gutmütigen, etwas geduckten Vaters Manoah, der sagte: ״Wir werden nicht lernen, und sie werden uns nicht erdrücken ....“ Hermann Cohen •Gedenkfeier Die diesjährige Jahresversammlung des Vereins ״zur Gründüng und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums“ (Sonntag, den 13. d. M.) war mit einer Gedächtnis* feier anläßlich der 10. Wiederkehr von Hermann Cohens Todestag verbunden. Dieser deutsche Professor Hermann Cohen, mit seiner aus pathetischem Temperament gespeisten methodischen Strenge vielleicht der entscheidende Erneuerer der deutschen Kathederphilosophie in ihrer nun schon historischen Wende — es ist eigentümlich zu beobachten, wie er allmählich hineinwächst in den geistigen Raum, welchen das Judentum als den eigenen ansieht, aus dem sein Geist Atem holt. Vielleicht dauert’s nicht lange, daß ihm das Schicksal Mendelssohns widerfährt: in der Geschichte des Geistes durch nichts kräftiger eingetragen zu sein als durch jene Leistungen der Gelegenheit und des Alters, die man heut als ,jüdische“ zu bezeichnen pflegt. (Der Widerspruch Görlands gegen solche Bezeichnungsweise hat einen sehr ernsten Hinter- ״ rund.) Die Feier bestärkte den Eindruck von dieser Entwicklung. Zu Lebzeiten ab und zu als Repräsentant vorgeschickt, nicht immer wohl in allem bestätigt von Auftraggebern, die sich hinter ihm und seiner Reinheit verbargen, ist er indessen ״offiziell“ geworden — im guten Sinne. Daß bei dieser Feier so viele aer von ihm ja heftig bekämpften Zionisten anwesend waren, das bricht auch die Annahme, als wäre diese Trauerfeier nur eine Fortsetzung der ״Offizialität“ Cohens über den Tod hinaus. Spricht man von Cohen, dann erwartet der Jude, der sich Fragen stellt, etwas Wichtiges vom Judentum zu hören. So scheint es heute doch zu sein. Halb Haskarah (Arno Nadel am Harmonium, für den erkrankten Gollanin sang Lewandowsky vom Friedenstempel) hatte die Feier doch zum Mittelpunkt den Vortrag von Prof. Görland (Hamburg). Er sprach für die philosophische Schulgemeinschaft, die man die Marburger nennt und die an Cohens und später Natorps Werk anschueßt. Er erzählte, wie nach der beiden Schulhäupter Tod kein Angehöriger dieser Schule ein Ordinariat zu bekleiden vermochte, bis ein Zufall in Hamburg die neue Wirkungsstätte schuf; von den Schwierigkeiten und Hoffnungen, schließlich von den Verdiensten der ״Akademie“ für die Erschließung Cohenscher Werke und über die Möglichkeit, diese Tätigkeit fruchtbar fortzusetzen (z. B. durch Herausgabe der Briefe und einer Art Chrestomathie für Universitätszwecke). In diesem Zusammenhang fiel das freimutige Wort des Nichtjuden Görland, der sich darüber beklagte, daß jene dreibändige Sammlung Cohenscher Gelegenheitsauf־ sätze in jüdischen Zeitschriften, Sammelbüchem den Titel ״Jüdische Schriften“ trage. Es seien doch philosophische Schriften, die von jüdischen Dingen handeln oder auch nur in losem Zusammenhänge mit einem ״jüdischen“ Anlasse stehen, ihrem Wesen nach seien es indessen philosophische Schriften und nur philosophische. Görland hat recht Es gibt vom Rambam keine ״jüdischen“ Schriften und nicht einmal von Achad Haam, wenngleich beide von allgemeinen und jüdischen Dingen redeten, und so geht es mit allen, welche die hebräische Literatur hat. Sie ist Schicksal der gesteigerten Galuth, diese Etikettierung, diese immer wieder und an den widerstrebendsten Stellen hinzuzufügende Bezeichnung ״jüdisch“. Ob wohl dieser Titel auch in der hebräischen Uebersetzung stehenbleibt, welche die ״Akademie“ herauszugeben verspricht? M. Sp. ״Die Neue Bücherschau“, Herausgeber Gerhard Pohl, ist in den Verlag von J. M. Spaeth» Berlin SW 1! übergegangen. Die Zeitschrift ist eine links orientierte literarische Tribüne von großer Lebendigkeit und Reichhaltigkeit. Im Mittelpunkt des letzten Heftes stehen Tucholsky und Erich Mühsam, überdies bringt es eine Menge Notizen und Glossen. Die Ausdrucksmiüei des Moskauer Jüdischen Akademischen Theaters Von Ra hei Wischnitzer-Bernstein. Die Moskauer sind schon so etwas wie eine dauernde Einrichtung im Berliner Leben geworden. Im Publikum haben sich zwei Parteien gebildet: Anhänger der 000 200״“, Anhänger von ״Benjamins HI. Reise“. Sie repräsentieren zwei Geschmacks typen. Die ״Hexe“ wird manchen Gegner der 000 200״“ versöhnt haben, sie huldigt zwar auch dem Stil der Groteske, verletzt aber keine heiligen Gefühle. Die ״Hexe“ bereitet ungetrübte Freude. Goldfadens Stück aus dem Repertoire des alten, 1876 geborenen jüdischen Theaters ist nun schon wirklich überwundene Materie, und diesem alten Theater, dessen in der ausgelassenen Marktszene in jähen Klagetönen gedacht wurde, hat bestimmt keiner nachgetrauert. Zwei Liebende, umstellt von Stiefmutter und Hexe, bedeuten wohl doch nur einem ganz jugendlichen Auditorium ein tragisches Problem. Für die reifere Generation, man darf es annehmen, war der SW der Hariekinade die gegebene Form. M. Litwakow und Dobruschin bearbeiteten Goldfadens Text in diesem Sinne. Bemerkenswert, daß das Theater von Granowski mit dieser Aufführung 1922 in Moskau debütierte nach Abschluß seiner experimentellen Periode, deren Etappen bezeichnet sind durch drei Einakter nach Scholem Aleichem, ״Gott der Rache“ von Schalom Asch, ״Vor Morgengrauen“ von Weiter und ״Uriel Akosta“ von Gutzkow. Aus einem Theaterstudio für 90 Zuschauer, Im Kammerformat, verwandelte sich das Unternehmen in ein regelrechtes Theater mit Bühne und Zuschauerraum, einem Zuschauerraum für immerhin 500 Personen. Man bedenke, was das Theater des Westens in Berlin für diese Truppe bedeuten mußte mit seinem mehr als doppelt so großen Zusehauerraum! In der ״Hexe“ ist nun schon alles von erstaunlicher Sicherheit des Ausdrucks und ״Präzision“, wie manche es kopfschüttelnd bezeichnen. Man ist der Meinung, es handle sich um Drill, aber, abgesehen davon, daß jede menschliche Leistung durch eine weise Oekonomie der Natur, um gesteigert werden zu können, sich dauernd mechanisiert, arbeitet ein Michoels, ein Suskin, wie übrigens jedes Mitglied der Truppe, durchaus mit Hingabe und Verständnis für das Ganze. Durch musikalische Kultur, durch Körperkultur haben die Schauspieler eben ein ungewöhnliches Fingerspitzengefühl erlangt, sie arbeiten ihre Sprech- und Gebänlenrollen nach der Partitur aus, die Musik hält das Ganze zusammen, erleichtert die Mnemotechnik. Suskins Hexe war nicht komisch, sie war grauenhaft. Sie machte nicht hu, hu und wollte niemand erschrecken. Die scheinbar unfreiwillige Wirkung war um so stärker. Ekelerregend, grausig war das niesende, glucksende, senile Mannweib mit dem traurigen Blick der verwahrlosten Kreatur. Und wie sie uns — manche von uns — hineingelegt hat. Wie sie plötzlich einen weichen, anheimelnden Ton anschlug, man dachte: nun geschieht dem Mädel nichts. Die Mirele blieb übrigens mißtrauisch, aber wir die Gefoppten . . . Hinreißend, nicht wahr, Michoels, wenn er, die Tempi in plötzlicher Wildheit beschleunigend, Orchester und Bühne zusammenballt. Und gar nicht komisch, sondern furchtbar der in eine« antiken Priester mit der Nase einer äginäisehen Skulptur zurückverwandelte Fleischer, der die imaginären Opferkälbchen besprach und blitzschnell das Beil über sie zückte. Am stärksten aber Immer wieder der Eindruck der Gestik in Massenszenen, der sehr bezeichnenden jüdischen Geste des Bagatellisieren, mit krampfhaft gestreckten Fingern, gehobenen Händerücken, krauser Stirn, vorgeschobenen Lippen, zwischendurch grinste einen eine Harlekinmaske Somows an, der dreizehnjährige Bursche mit den Schläfenlöcklen trug sie unverkennbar. Unsere Romantiker aus dem polnischen Kulturkreis verleihen dem chassidischen Bocher nach einer fest eingebürgerten Tradition den spanischen, schmachtenden Typ, wie ihn Man£ Katz noch pflegt. Somows prickelnder Uebermut hat das träge Blut des aristokratischen Jünglings gründlich aufgefrischt. Demjenigen, der vertraut ist mit den Entwicklungen des russischen Theaters in den letzten 15 Jahren, der das jüdische Volkslied gehört hat, das getragen wird durch die Kontinente von Männern, wie Aeppelbaum — man hat ihn vorletzten Winter in Berlin gehört, — der wird die Zusammenhänge erfassen und das tiefgründige Kulturbild besonders genießen, das ihm das jüdische Theater bietet Ja, es ist ohne die russische Folie nicht denkbar. Die Russen waren es, die vor dem Kriege schon sich die comedia del arte zum Vorbild nahmen, die die fest umrissenen Typen der alten Volksposse aufleben ließen. Man hatte sich an den schwanken Gestalten Tschechows übergesehen, man wollte keine Seelendramen von Intellektuellen mehr, anstatt Stimmungen und Situationen waren Handlungen, eindeutige Charaktere, eindeutige Schicksale vonnöten. Der Uebergang zur voUcstümliehen Kunst war somit geschaffen. Eines hielt auf diesem Wege ir. Schranken — das Gespenst des Realismus, den man erst kürzlich überwunden hatte. Es durfte nicht heraufbeschworen werden. So blieb denn die italienische Volksposse in russischer Uebertragung eine ästhetische Angelegenheit Den Dekorationen von Ssudeikin haftete ein mondänes Parfüm, ein zuckersüßer Geschmack an. Ist es nun ein jüdischer Beitrag oder eine Errungenschaft der Revolution, daß das Moskauer jüdische Theater so gar nichts von dieser parfurnierten Süße hat? Man steht heute dem Realismus anders gegenüber. Die Ideologie der Sachlichkeit hat ihm wieder den Weg geebnet Man beachte, mit welcher unerschrockenen Sachlichkeit die Gestalt der Hexe geschaffen ist, dieses haarige, schwitzende Geschöpf, oder die zerlumpten Menschen in ״Benjamins Reise“. Wie unerbittlich nüchtern die Dessous all der amen Mädels, gesehen sind, es gehört schon ein gut Teil Selbstverleugnung dazu seitens der Darstellerinnen, um all die Scheußlichkeiten anzuziehen, die ihnen der Costumier zumutet. Diese Strümpfe und diese Schuhe. Nicht einmal im Nachtasyl von Oorid kriegte man solche Verlotterung zu sehen. Das wäre also ein neuer Realismus, ob jüdisch, ob kommunistisch, entzieht rieh unserer Beurteilung. Nach dem, was wir von Chagall kennen, könnte dies ein jüdischer Zug schon sein. Eine jüdisehe Selbstpersiflage, ein verzweifelter Wille zur Häßlichkeit, hinter dem, weiß Gott, sich Schönheitsträume verbergen. Armut wird durch erbarmungslos zur Schau getragenen Verfall des Körpers und des Kleides gekennzeichnet, Reichtum durch die Lächerlichkeit einer verschollenen und noch dazu provinziell gefärbten Mode. Das letztere Aasdrucksmittel ist uns aus der ״Dybuk“-Aufführung der Habüna bekannt Im Moskauer Theater bleiben naturgemäß gut und böse streng geschieden. Und der Taschendieb in ״Benjamin“ trägt bezeichnenderweise den modischen Anzug eines Städters. Die Armen und die Guten tragen stets die alte, lange Tracht. Die historischen Requisite werden von den Moskauern niemals zur authentischen Zeichnung eines Milieus etwa benutzt, sondern nur, insofern ihnen ein Gefühlswert anhaftet. Der sentimentale Liebhaber trägt ein kostbares Biedermeierkostüm aus Atlas, die Geliebte, ein trauriges Waisenmidchen, hat ein neugotisches Gewand an, wie sie die Mondgestalten von Schwind tragen. Ein besonders feiner Zug, daß die Stiefschwester genau so gekleidet ist Gefühlsunbetonte Requisite werden einfach weggelassen, so oft Werkzeuge, die Nadel des Schneiders, die Feder des Unterzeichnenden, der Leierkasten des Straßenmusikanten. Sie lassen sich glaubhaft durch Mimik suggerieren. Wird aber das eine oder das andere Reqqisit gebraucht, so wirkt sich auch sofort der Uebermut an ihm aus, darf cs doch keinen Eigenwert haben, uid so sehen wir den berühmt gewordenen Eimer ohne Boden. Acli, und manchmal schrumpft das Requisit zur Miniatur zusammen und kondensiert sich. So spart man einen Dekorationswechsel, wie z. B. in der Szene in Stambul, wo die landläufige Vor- Stellung von den Türken durch Häufung der Attribute: Pfeife, Halbmond, Moschee erzeugt wird, wobei die beiden letzteren einfach als Kopfschmuck getragen erscheinen. Das einzige stete Element bei allem Wechsel der Gruppen, der Bewegungsmustei, der Handlung, — ist der Rhythmus, der das BUd zusammenhält Die musikalische Begleitung breitet über die pfSzisen, superrealistischen Gestalten, die utrierten Gesten, die verdichteten und die vereinfachten Requisite einen flimmernden Schleier. Ob man ohne diesen Dämpfer das Zusammenspiel so starker Akzente genießen würde? Ist Granowrids Stil ohne die Musik denkbar? Man muß abwarten, was der Herbst bringen wird, oder aber nach Paris gehen, wo das uns für September zugedachte Programm ״Trouadec“ von Jules Romain, ״Bei Nacht auf dem alten Markt“ nach Perez und ״Der Luftmensch“ nach Scholem Aleichems ״Menaehem Mendel“ nächstens gegeben werden soll. werde. Er wollte nicht, — aber jetzt, wenn er jetzt Rabbiner wäre.... Er ist Immer aus der Schule wcggelaufen, er liebte es, im Wald zu sein und Vögel zu fangen. Einmal fing er ein Vögelchen, das nicht fliegen konnte. Es hüpfte zwischen dem Gebüsch, piepste und zitterte. Er wollte es mit seinem Hauch erwärmen, aber es starb in seinen Händen. Er hat grobe Hände, schwere, — und die Tochter des Rabbi — sie ist doch auch ein Vögelchen. Er beschloß bei sich, wenn er sie heiraten sollte, werde er sie niemals berühren. Und wenn sie jetzt herauskommen wird, den Fensterladen zu öffnen, dann wird er gleich, wenn er sie sieht, hinlaufcn zu dein Fensterladen, ihn öffnen, und sofort Weggehen. Es begann zu tagen. Der Wind wurde plötzlich sehr heftig und der Regen, den man kaum mehr empfand, hörte ganz auf. Bald verschwanden auch all die schweren Wolken, die den ganzen Himmel wie mit Blei bedeckt hatten, und der Tag begann hervorzubrechen. Jossei klopfte das Herz immer stärker. Er sah die ganze Stadt vor sich, eine tote Stadt, als wären die Menschen in ihr ausgestorben. Der Markt ist teer, die Läden alle geschlossen, eiserne Querbalken vorgelegt, und große Schlösser hingen an ihnen. Alle Fensterläden waren zu, ein weißer Reif, der erste, lag auf den Dächern. Er zitterte. ״Ach, man muß sieh ein bißchen warm machen, nicht wie ein altes Weib sein!“ und er schlug sich mit beiden Armen über die Brust, •׳- aber plötzlich blieb er erschrocken stehen. Aus einem schmalen Gärtchen kam der Nachtwächter mit ausgelöschter Laterne auf ihn zu und fragte ihn: ״Bei wem hast Du heute Nacht au.sgeräumt, Jossek?“ Jossei warf dem alten Michal einen schrägen Blick von unten nach oben zu, und da machte Michal einen krummen Buckel und ging davon. Als er nach Hause kam, erzählte er seinem Weib, das auf der zerbrochenen Pritsche auf schmutzigem Stroh lag und nicht schlafen konnte, daß er Jossek unter dem Fenster des Rabbi getroffen habe, und wer kann wissen.... Aber er vergaß nicht hinzuzufügen, daß er herausgeputzt war wie zu einer Hochzeit. Da brummte die Alte: ״Bah, nicht immer muß der Dieb, wenn er bei Nacht ausgeht, stehlen wollen! Er hat sich gewiß herumgetrieben mit der dicken Malgoscha, der blattcrnarbigen!“ Aber der alte Michal hat sich nicht beruhigen lassen: ״Eh, nein, Mutter! Unter dem Fenster des Rabbi hab ich ihn getroffen!“ Er zog sich unterdessen aus, legte sich hin und begann zu schnarchen. Es war schon gegen acht Uhr, und Jossei stand noch unter dem Fenster, hinter dem Schewele, die Tochter des Rabbi, schlief. Der Laden eines Fensters öffnete sich, und ein Jude mit einem Käppchen ohne Rock kam aus dem Hause. Er blieb auf der Saiwelle stehen, sah sich um und gähnte laut. Sein Gesicht war böse und finster. Es ärgerte ihn, daß das ganze Städtchen noch schlief, und er murmelte: ״Man schläft noch! alle betrunken 1 haben sich vollgesoifen wie die Säue! Gesetzesfreude gewesen! Schöner Rabbi!“ Jossei wurde böse auf den Mann. Er wußte nicht, weshalb, aber er fühlte, daß er den Mann haßte. Er richtete seine Blicke auf ihn, wie um ihn zu verschlingen. Das Blut schoß ihm in den Kopf und die Hände ballten sich zu Fäusten. Er wollte schon auf ihn losgehen, ihn schlagen, aber er hielt sich doch zurück. Auch trat der Mann im gleichen Augenblick in das Haus zurück. Jossei war es, als höre er ihre Schritte. So leicht waren sie, — und er spitzte die Ohren wie ein Hund. Ihm war nicht mehr kalt, es wurde ihm immer wärmer ums Herz, heiß. Die nassen Kleider auf ihm hatte der Wind schon getrocknet. Der Himmel war schon klar, die Wolken waren verschwurtden. Das Städtchen begann aus dem Schlaf zu erwachen. Die Geschäfte öffneten sich, und Juden mit Gebetmänteln unterm Arm eilten ins Bethaus. Vier Wochen hatten die Feiertage gedauert, nun war es genug. Die Krämer mit sauren Gesichtem stellten sich auf die Schwelle ihrer Läden, starrten mit den Augen, suchten nach Kunden. Jossei wurde zornig auf sie. Für ihn war es noch Festtag. Und sie wittern schon mit den Nasen wie Hunde, schnuppern, laufen über den Markt, und die Weiber — Aber plötzlich — ein Schlag, ein Querbalken sprang auf und ein Fensterladen beim Rabbi öffnete sich. Jossei spitzte wieder die Ohren. Er hörte die Frau des Rabbi sprechen und den Rabbi beten. Seine Augen begannen sich einzubrennen in das Stück ELsen, den Querbalken, der vor den Laden gelegt war von dem Fenster, wo Schewele schlief. Es schien ihm, als ob gleich der Balken aufspringe, weil sie dort den Haken herauszieht. Er glaubt zu sehen, wie sie auf ihrem Bettchen steht, nackt, bloß in dem feinen Hemd, das mit Spitzen umnäht ist. ohne Aermel.... Ihr ist kalt, sie zittert.... und es schien ihm, als rufe er ihr zu: ״Warte! Ich werde den Laden öffnen! Du sollst den Haken nicht herausnehmen, ich weide es auch so können mit einem Rudel Leg Dich wieder ins Bett, deck Dich gut zu mit der weißseidenen Decke, bis über den Kopf zieh sie, es soll Dir warm sein! Rühre den Haken nicht an, er ist eiskalt Heute Nacht ist Frost gewesen, und Deine Händchen, die so fein sind.... Du sollst heute den ganzen Tag im Bett bleiben. Ich werde unter dem Fenster stehen, bei Nacht den Laden schließen und am Morgen ihn öffnen! Das werde ich immer tun: die ganze Nacnt unter dem Fenster stehen, am Morgen den Laden öffnen und am Abend ihn wieder schließen.“ Seine Lippen verzogen sich wie die eines Negers, und er lachte vergnügt: ״Hl-hi-hi-hi! Wenn sie meine Frau sein wird!....“ Aber bald faßte er sich wieder. ״Ich bin doch ein Dieb! Mein Vater ein Dieb! Und sie... .“ Eine Flamme des Zornes loderte in ihm auf, als er plötzlich die dicke Malgoscha mit den Löchern im Gesicht, mit der plumpen Nase sah, als stünde sie vor ihm. Er knirschte mit den Zinnen und schlug sich mit der Faust gegen die Stirn. ״Da, Wolf Duwids Jossei!“ Er erinnerte sich, daß er erst letzte Woche bei der Magd im Dorf war, mit der er sich schon mehr als ein Jahr herumschleppt. Und er wollte wieder nach Hause gehen und konnte nicht fort. Er konnte seine Augen nicht von dem Querbalken lösen; sie hafteten an dem Stück Eisen. ״Wenn sie mich heiraten sollte“, schoß es ihm durch den Kopf, ״würde ich das ganze Geld, das in der Landbank ist, für sie stehlen! Die Wache mit den Gewehren, und wenn es auch viele hundert Soldaten wären, nicht zehn, würde ich kalt machen! Nur mit Honigkuchen und Wein würde ich sie den ganzen Tag füttern. Alle Gänse, die fettesten von allen Dörfern, würde ich für sie stehlen. Ich werde sie selbst zum Schächter tragen, selbst die Federn rupfen, sie ausnehmen und braten. Jeden Morgen würde ich ihr eine noch in der Bratpfanne, frisch aus dem Ofen heraus mit frischen Semmeln vom Bäcker ins Bett zum essen bringen. Den Ofen würde ich den ganzen Tag für sie heizen, bis er platzen würde. Keinen Augenblick würde ich das Feuer ausgehen lassen, warm soll es in der Stube sein wie in einem Dampfbad. Ich werde sie nicht berühren, niemals, nicht mit der Fingerspitze! Alles will ich für sie tun, sogar in den brennenden Ofen hineinspringen, mit einem Sprung will ich ln den Flammen sein, wenn sie es mich heißen wird!“ Und er fühlte, wie er das alles wirklich tat