Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1928)
- Date
- 1928-05-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE .6.M*i 8!9ו DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Jabotinskys Simson« Roman (Russisch int Verlag ״Slowo“. Deutsch unter dem Titel ״Richter und Narr“ uud dem Pseudonym Altalena im Verlag Meyer & Jessen, München, erschienen.) Von Sch. Gorelik. Wladimir Jabotinsky hat einen Simson-Roman geschrieben, der eine eingehende Betrachtung sowohl wegen seines künstle• rischen Wertes wie auch wegen der sehr interessanten Deutung, die der Simson-Gestalt in ihm gegeben wird, verdient. Dieser Roman ist von einem äußerst talentvollen Menschen klug und berechnend geschrieben worden. Nicht innerer künstlerischer Drang allein war hier Anlaß und nicht jahrelanges Forschen diente als Vorbereitung zu diesem Werk, an das der Verfasser mit viel Temperament, mit agitatorischer Eile und bewußt tendenziös heran ging. Merkwürdigerweise tat diesmal Tendenz dem Werke keinen Abbruch, eher im Gegenteil verlieh sie ihm Stärke, die Unmittelbarkeit des Lebens. Der Roman ist gelungen; der Leser kommt auf seine Kosten, mit immer größerer Spannung sieht er das Schicksal des biblischen Helden sich vollziehen. Simson ist hier mit sicherer Hand frei nach der Bibel mit einigen nicht unbedeutenden Abweichungen gestaltet worden und die Szenen, die von seinen sagenhaften Taten als Partisan, Richter, Liebhaber, Verteidiger und Rächer Zeugnis ablegen, sind von Leidenschaft durchglüht. Es gibt fast keine matten, blassen Stellen in diesem Roman und die Aufmerksamkeit ermüdet nicht. Alle Haupt- und Nebenfiguren, wie der Philister, so auch der Stämme Dan, Efraim, Juda, erscheinen als lebendige Menschen, und der Charakter jedes Einzelnen wurde mit bewundernswertem Können ausgeprägt. Einige, wie z. B. der jugendliche Nechuschtan, der dem Simson mit Leib und Seele hingegebene Jünger, oder der schlaue Levit Machbonai ben Scbunl, sind mit besonderer Feinheit gezeichnet worden. Da die Frau das Schicksal Simsons besiegelte (in dem Roman Jabotinskys wird Dalila-EUnoar nicht aus Patriotismus, sondern aus Eifersucht zur Verräterin) mußte ihr viel Platz gewidmet werden. Es ist höchst amüsant zu sehen, wie Jabotinsky seine immerhin nicht übermäßigen künstlerischen Kräfte sparsam verteilt und dafür Sorge trägt, daß auch die Schilderungen der leidenschaftlichen Liebe, der wilden Eifersucht, des Vergessens im Rausch nicht vernachlässigt werden. Da ihm wahrscheinlich nicht besonders daran liegt, mit den vielen bewährten Schilderern orientalischer Liebe zu konkurrieren, so passiert es zuweilen, daß er plötzlich, wie auf etwas Wichtigeres sich besinnend, derartige Schilderungen abbricht und die enttäuschende Bemerkung macht: ״Das kann man nicht erzählen.“ Gleichviel, Semadar und Elinoar, die später als Dalila auftaucht, sind Frauengestalten, die jedem Romandichter zur Ehre gereichen würden. Für die dramarischsten, entschiedensten Momente sind die reichsten dichterischen Farben verwendet worden. Die schönsten Blätter in diätem Roman sind jedoch die, auf denen die Niederlage Simsons dargestellt wird, und sein Leben als Erblindeter in der Philistervorstadt Gaza, wo er, jeder Zoll ein König, die Sklavenkinder mit Spaßen und Naehahmen von Vogelgezwitscher erfreut. Seine letzte Tat, sein letzter Schrei: ״Tomuss Nafschi im Pelischtim“, alles, was sich in dem Philistertempel damals abgespielt hat, ist in der Form eines Briefes, den ein freigeistiger, skeptischer ägyptischer Reisender an seinen Freund in Memphis schreibt, geschildert. Der Brief ist in einem Stil gehalten, wie man ihn später in den Episteln römischer Ironiker, der Petronius-Ji'mger oft begegnet. Mit wohlwollender Nachsicht und mit der Gelassenheit eines Abgeklärten beschreibt der ägyptische Aristokrat die viel kleinere Welt d״r Philister, das schreckliche Ereignis des Tempeleinsturzes und den Abschluß eines Heidenlebens. Die Briefform hindert nicht, diesen Abschluß, die Rache, die der erblindete Simson an seinen Feinden nimmt, zu stärkster Wirkung zu bringen. * Nachdem also hier dem künstlerischen Können jabotinskys verdienter Beifall gezollt worden ist, ist es notwendig, die Aufmerksamkeit der Ideenwelt zuzuwenden, mit der dieser Roman durchdrungen Ist; denn wir haben es hier mit einem ausgesprochenen Tendcnzroman zu tun. Hier wird für bestimmte Gedankengänge gefochtcn. Jabotinsky führt seinen Streit mit dem eigenen Volke im Namen einiger Tugenden, die er bei der nichtjüdischen Welt in ausgiebigem Maße findet und die sich anzucignen Israel wenig Neigung zeigt. Von dem Recht, dem eigenen Volke nicht nur zu dienen, sondern auch mit Forderungen und Mahnungen au es heranzutreten, von diesem natürlichen Recht macht Jabotinsky bekanntlich oft Gebrauch, indem er unter vielem anderen auch seinem Aerger Ausdruck gibt: Zu viel Geist, zu schlaffe Muskeln, zu wenig Achtung vor dem physischen Helden und zu wenig Verständnis für das Gehorchen und für die Disziplin. Ginge es nach ihm, er würde alles andere beiseite lassen und das ganze Volk vorerst in die Turnhalle schicken.... Wenn cs müßig und auch sonst nicht angängig ist, nach den Motiven zu forschen, die einen Romancier bewegen, diese oder jene historische Figur zum Helden eines Romans zu wählen, so ist in diesem Falle die Erklärung nicht schwer zu finden, warum Jabotinsky alle zwölf Bände von Graetz, alle geheiligten Legenden von Richtern, Propheten meidend, seine leidenschaftliche und gleichzeitig klug berechnende Feder dem Gibor Simson gewidmet hat. Nun denn, eben weil er ein Gibor ist, weil hier eine Ballade der physischen Kraft gesungen wird. Ein Riese wandelt hier, der bald einen Panther mit den bloßen Händen erdrosselt und bald in die Reihen der Philister Verwirrung, heillosen Schrecken bringt. Diese Kraft ist in den Dienst des Stammes gestellt, aber nicht mir durch patriotische Glut spontan hervorgerufen, sie ist immer da, auch in friedliehen Tagen. Jabotinsky, der eine Art Aversion gegen das Ucbergewicht des Geistigen empfindet, wird nicht müde, die Manifestationen der physischen Kraft Simsons zu schildern; er tut es nicht mit der objektiven Ruhe des Künstlers, sondern mit dem heißen Temperament eines Erziehers, eines Propagandisten. Die beredten Beispiele von Simsons Kraft und ihrer Verwendung, die wir in der biblischen Legende finden, genügen Jabotinsky keineswegs. Er zeigt ihn sozusagen uns noch in seiner Kleinarbeit, und er tut es gern, verweilt mit Freude bei diesem Helden, der nicht viel redet, aber wo es nottut immer zugreift, zupackt, Schläge verteilt, und sehr ungehalten darüber ist, daß die Daniten so wenig von dieser Fähigkeit besitzen und noch weniger Verständnis dafür haben. Deshalb fühlt er sich auch in ihrem Kreise fremd. Wenn Simson nicht gerade mit seinen Jüngern, den ״Schakalen“, in den nahen und ferneren Gegenden umherstreift, so sitzt er in Zorah gewöhnlich am Brunnen und schweigt. Austoben tut er sich nur in Timnata, bei den Philistern, dort zecht er mit den mutigen Kriegern und verwegenen Burschen, dort entfaltet er seinen ganzen Ungestüm, dort ergötzt er seine Freunde mit Späßen, Einfällen, und allerhand Verblüffungen. Nach Zorah aber zu den Seinigen kehrt er immer verstimmt zurück, ln Dan, bei den Stimmen Juda, Efraim und Benjamin, begegnet man nur versorgten Blicken, auf ihren Versammlungen herrscht Unordnung und aus den Höhlen kriechen halbnackte, verhungerte religiöse Fanatiker und Schwärmer, die von Gottes Gerechtigkeit sprechen und wüst fluchen. Die Philister werden Simsons Feinde sein und die Feinde seines Stammes. Er wird sie züch• tigen, ihre Gärten zerstören, ihre Dörfer in Brand stecken; und dennoch empfindet er Freude nur bei ihnen, hei den Philistern, liebt ihre Frauen, ihre Feste, die stramme Disziplin ihrer Soldaten. — Jabotinsky macht aus Simson einen modernen tragischen Menschen, in dessen Brust zwei Seelen wohnen. Die, welche Dan, seinem eigenen Stamme, gehört, ist stets düster. Kein besonders bequemer Volksgenosse, der immer nur auszusetzen hat, ein Richter, der zwar weise, aber sehr wortkarg ist und niemals ein freundliches Gesicht zeigt. ״Ja — bekennt Situson — meine Freude habe ich in Timnata und auch meine Freunde sind dort; in Zorah habe ich keine und werde sie niemals haben.“ Aus diesem Mißbehagen macht er kein Hehl und die ״Schakale“, seine Jünger, auch nicht. Sie stehen zum eigenen Stamme in schärfster Opposition. Und was ist der Grund für solches Verhalten? Kein anderer als der, welchen ein Schüler des Jaffaer Gymnasium gegen einen Golus-luden vorbringt, denn — und hier liegt das Eigenartige in diesem Tendenz-Roman all die Stämme Israels, die im Lande Kanaan zerstreut und armselig leben, hat Jabotinsky mit einer Onh1<- Mentalität behaftet. 111 Dan sieht es nicht besser aus als in Tunejadewke. Die Kinder laufen, wenn sie von Stärkeren Schläge kriegen, sofort zu ihrer Mutter und wehklagen. Die Erwachsenen wissen nichts von geräuschvollen Festen, von Reiten und Fechten, sie tragen sich mit Legenden über Moses und sind obendrein sehr furchtsam. Mit einem Wort Ciolu«- Juden! Tunejadewke! durch Geistigkeit schon angekränkelt und verseucht. Die ,,Schakale“ können ihre Liebe nur durch glühenden Haß bekunden. Zwei Simson-Jünger werden während dessen Abwesenheit den Philistern, die nach Zorah kamen, um für die durch Simson erlittene Unbill Vergeltung zu üben, ausgeliefert. Der eine nimmt Abschied mit folgenden Worten: ״Wenn Du einmal Simson siehst, so sage ihm, daß ich cs nicht bereue. Es war lustig in jener Nacht um Tirnnaie. Ist es denn eine Freude, das Leben inmitten dieser Fliegen, in dem Sumpfe Dan?“ Simson seihst empfindet starken Widerwillen jedesmal, wenn er nach langer Abwesenheit in die Heimat niri'trkkehrcn muß. ״Noch niemals — lesen wir in dem Roman — näherte er sich seiner Grenze mit einem derartigen Gefühl des Ekels. Wieder verdüsterte Gesichter, Sorgen, tiefsinnige Gemeinde- Vorsteher, schreiende Menge ... Er ist ihrer müde geworden.“■ Nicht nur technisch und zivilisatorisch sind die Daniten in! Vergleich mit den Philistern rückständig, sondern es fehlt ihnen auch das Gefühl für die Natur und ihre Schönheiten. Simson wandelt durch die Felder, an den Gärten vorbei, erfreut sein Auge au dem Anblick der Blumen, es kostet ihn aber Mühe, sich zu erinnern, wie diese Blumen heißen. In dem armen, trockenen Wörterbuch der Daniten fehlten derartige Worte.“ Im allgemeinen ist er unter den Seinigen sehr wortkarg, spricht er aber, dann ist es oft, als hätte er vorher mit Jabotinsky auf einer Konferenz zusammen gesessen. ״Kafior ist kein Knochen; Kaftor ist Eisen; unmöglich zu verschlucken, also entweder wir oder sie.“ * Schließlich fällt cs bei dem sehr modernisierten Simson auf, daß ungeachtet der Riesenkräfte, mit denen die Natur ihn beschenkt hat, ihm doch etwas sehr Wichtiges mangelt. Es fehlt ihm nämlich jene Zuversicht, die die Daniten trotz der Furchtsamkeit besitzen, es fehlt ihm der ״Bitochcn“. Sein Vater, der gutmütige und etwas geduckte Manoah — im Roman ist ihm die wenig beneidenswerte Rolle eines Hahnrei zugedacht worden als Folge der allzu menschlichen Auslegung der Engelgeschichte — hat diesen ״Bitochen“, deshalb wehrt er die düstere Prognose Simsons für den Fall, daß Dan nicht gleich den Philistern die Kunst des Marsehiereus in Reih und Glied lernen wird, mit den Worten ab: ״Wir werden nicht lernen, und sie werden uns nicht erdrücken,“ Manoah hat im allgemeinen doch recht behalten: Von den Philistern ist nicht viel übriggcblicben, Israel aber lebt. Dies merkwürdige geschichtliche Ergebnis, auf das Jabotinsky als jüdischer Patriot sonst gewiß stolz ist, aber dessen wahre Ursache er bei seiner ablehnenden Einstellung zum Geistigen leider oft vergißt, dies merkwürdige historische Ergebnis fällt ihm plötzlich wieder ein, uud er läßt Simson Widersprüche sehr erfreulicher Art begehen. Wenn Simson in der Grube gefangen liegt und dort den Besuch des Sarans empfängt, der ihm wohlgesinnt ist, der ihn retten will, weil eine Einzelerscheinung wie Simson nicht dein Verderben, nicht dem Tode ausgcliefert werden soll, entspinnt sich ein sehr interessantes dramatisches Gespräch — eine der stärksten um! wirkungsvollsten Szenen im Roman — zwischen ihm und Simson. Der Saran erinnert Simson daran, daß er doch eigentlich den Philistern sehr nahe steht, daß er ihrem Frohsinn, den Mut ihrer Soldaten liebt, ihre Ordnung׳ und ihre Staatsfähigkeiten bewundert, fragt, ob es denn nicht richtiger wäre, wenn Simson zu den Philistern käme, in ihren Reihen wirke und mit ihrer Hilfe auch den Der Dieb vor dem Fenster (Aus dem Roman ״Zeitwende“.) Von S. Lew in. (Uebers. von Etia Federn-Kohlhaas). jossel Wolf Duwids, wie sie ihn im Städtchen nannten, pflegte fast jede Nacht bei jemand anderem den Wäscheboden auszuräumen. Wolf Duwid aber, der Vater, wollte nicht, daß sein Sohn ein Dieb sei und schlug ihn deswegen halb tot, aber das half nichts, und darum ging er mit ihm zum Rabbi, daß dieser ihn, Jossel, segne, damit er kein Dieb werde. Grade kam Schewele, des Rabbis jüngste Tochter herein, ihren Vater etwas zu fragen — und Jossel verliebte sich in sie. Und es war nach dem Fest der Gesetzesfreude, daß Jossel eine ganze Nacht unter dem Fenster des Rabbi verweilte, wo Schewele schlief. Eine ganze Nacht hat er darüber nachgedacht, wie er ihr begegnen solle, wenn sie in der Früh in ihrem Wauen Schal, erst halb angezogen, noch verschlafen, herauskommen würde, den Laden ihres Fensters zu öffnen. Er hat sie schon einige Male gesehen, wie sic in der Früh den Fensterladen öffnete. Sie war da so schön, ihre Augen -- wenn sie da einen Blick auf ihn geworfen hä'tte, er würde es nicht ertragen haben, er hätte nicht gewußt, was in diesem Augenblick zu beginnen. Er beschloß bei sich, ihr guten Morgen zu sagen. ״Guten Morgen... “ Nein — er wird ihr sagen: ״Guten Morgen, Du Tochter des Rabbi!“ Er wird sich vor ihr beugen, wie er sich im Tempel am Versöhnungstag niedergeworfen hatte. Der Vater hatte ihn in den Tempel mitgenommen zum Beten, und als alle sich zu Boden warfen, gab er ihm einen Schlag in den Nacken und sagte: ״Goi! Warum wirfst Du Dich nicht nieder? Du siehst doch, daß alle Männer sich vor Gott beugen!“ So wird er es auch machen, wenn sie herauskommt: er wird sich selbst einen Stoß in den Nacken geben, fest, mit aller Gewalt, und wird vor ihr niederfallen. Er ward sich vor ihr beugen, wie er sich im Tempel am Versöhnungstag vor Gott gebeugt hat. Danach wird er sich nicht gleich wieder vom Boden erheben, sondern er wird ihr sagen, daß sie aut ihn treten und auf ihm stehend den Laden öffnen solle. Die ganze Nacht klopfte ihm das Herz: sie wird auf ihm stehen mit ihren Füßen.... die Tochter des Rabbi wird auf ihm stehen..,, den schönsten Anzug hat er heute angezogen, auf seinem schönsten Anzug soll sie stehen mit ihren Füßen. Er hätte gern die Achseln des Rockes, die Stelle, wo sie stehen wird, mit den Diamanten und Perlen benäht, die er beim Laubhüttenfest gestohlen hat. Er wird sich fest auf die Erde drücken, ganz fest, das Gesicht soll sich recht in die Erde wühlen, sie soll sich leicht auf ihn stellen können. Sie ist doch so klein, ein Kind! Er zwinkerte mit den Augen und fühlte, wie das Herz in ihm klopfte: Sie könnte sich, Gott behüte, beim Ladenöffnen einen Schaden tun, — der eiserne Querbalken könnte ihr ins Gesicht schlagen und.... er wollte nicht weiter denken, denn schon schien es ihm, als sähe er das les. Mit solchen Gedanken trug sich Jossel die ganze Nacht iter dem Fenster des Rabbi, hinter dem Schewele schlief, it einem Höllenbrand von Liebe in seinem Herzen und dachte ich, was er für sie tim solle, um ihr zu gefallen. Den hönsten Anzug hat er sich angezogen, ehe er herkam, auf inen schönsten Anzug soll sie mit ihren Füßen treten und if einmal — ein Gedanke wie ein schwarzer Dämon mit nem Messer in der Hand zuckte durch sein Gehirn: ״Der nzug, Jossel, den Du trägst, ist gestohlen, aus Sterns Gchäft!“ Sein ganzes Glück, all seine Pläne sind zerschnitten, r knirschte mit den Zähnen: ״Sie darf nicht mit ihren heiligen □Ben auf einen gestohlenen Rock treten. Sie ist die Tochter *s Rabbi.“ Er wollte heimgehen, aber er konnte nicht. Da beschloß bei sich, alle seine Anzüge, alles, was er gestohlen hatte. 1 nehmen, und jedes dem zurückzugeben, dem es Ursprungch gehört hatte. ״Das gehört Ihnen, nehmen Sie es zurück! ird er jedem das Seine wiederbringen. Danach wird er auf?n Markt gehen, sich auf eine Kiste stellen und rufen: ״Ich in kein Dieb mehr! Ich bin ein Mensch wie alle andern lenschen! Ich werde fromm!“' Er wurde fröhlich. Der feine Regen fiel die ganze acht und durchnäßte ihn. Es war kalt, der Wind wehte :ürmisch aus Norden. Es war finster, neblig. Jossel achtete essen nicht, er fühlte es nicht. Eine ganze Nacht ging er nter dem Fenster auf und ab und fühlte nur eines: Dort :hläft sie, die Tochter des Rabbi! Als er vom Hause wegging, kam er am Betli Hamidrasch orbei. Es hatte ihn dorthin gezogen: dort ist cs hell, warm, cimlich. Er guckte durch ein Fenster _1!״d sah, wie Alte und unge über großen offenen Talniudfoiianten saßen und studierten. Er hatte ihren leisen sehnsuchtsvollen, verträumten Tönen gelauscht, die plötzlich aufloderten, stürmten, sich erhoben, blitzten -- und es zog ihn immer stärker hinein. Fine Gewalt riß ihn hinein, — aber er blieb draußen stellen, durfte er denn hineingellen? Beim Rabbi, alle Männer tanzten, nur ihn und den Vater ließ m.111 stehen, weil er ein Dieb ist und der Vater ein Dieb ist. Mit gesenktem Haupt ging er von dem Fenster fort, in sich geduckt, wie ein gcprügeltet Hund, schleppte sich im Regen durch die finstere Nacht, durch die toten, schlafenden Gassen, und dachte nach: Wie oft war ich nicht schon mit der Bande im Beth-Hamidrasch, wartete, bis es recht spät wurde, bis man.... Mit Kaspar und Zwicker saß ich am warmen Ofen, briet Kartoffeln.... Die Männer studierten. Diesmal aber konnte er nicht hineingehen. Er wollte es und konnte nicht. Es schien ihm jetzt, als ob ihn jemand am Kragen halte und ihm in die Ohren schreie: ״Du bist ein Dieb! Du darfst nicht hinein!“ In spater Nacht, fast tagte es schon, fing Jossel an zu frieren. Er war müde geworden vom Auf- und Abgehen vor dem Fenster während der ganzen Nacht, er war schläfrig, durchnäßt, er blickte zum Himmel, ob es noch nicht tage, ob man nicht schon die Hähne krähen hörte. Er hörte des Nacht- Wächters harten, traurigen, eintönigen Schritt, hörte ihn, mit seinen schweren Stiefeln über die Steine der Gasse stampfen, die verschlossenen Läden, die schlafenden Häuser bewachen, damit man sie nicht bestehlen könne. Er lächelte schmerzlich und überlegen, aber die Tritte des Wächters trafen sein Herz wie Hammerschläge. Ein Gefühl, das ihn noch niemals beängstigt hatte, beherrschte ihn nun plötzlich. ״Jossck!“ kam es ihm plötzlich in den Sinn: ״Was wird sein, wenn ein Wächter jetzt auf dich zukommt und dir sagt: Jossek“.... Und er pfeift, es kommen noch Wächter zu ihm und.... Er tat einen Griff nach dem Messer in seinem Stiefelschaft. Mit einem starren Blick sog er sich fest in die Totenstille der Nacht, lauschte auf jeden Schritt des Nachtwächters, auf das Aufschlagen seines dicken Stockes, auf das Fallen des feinen Regens. Er überlegte noch einmal bei sich, daß sie sich auf die Jacke, die er trägt, nicht stellen wird, weil sie gcstöhlen ist und jetzt durchnäßt und kalt, - - und sie ist doch so fein, sie ist eine Tochter des Rabbi. Er erinnerte sich an die Zeit, als er in die Schule ging. Der Vater schlug ihn mit einem Strick, mit einem Scheit Holz, damit er in die Schule gehe, lerne und ein Rabbiner