Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1928)
- Date
- 1928-05-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2652971-2653007--19965-2677896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 270 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38/39, 18. V. 1928 f־ra״c der Zwangsarbeit von großer Wichtigkeit für die Kolonialarbt'iier und für die Arbeiter gewisser Mandatsländer der Kategoric ״B“ und ״€“, ohne jedoch irgendein unmittelbares luteresse für die palästinensische Arbeiterschaft zu haben. Umgekehrt wieder sind die meisten der in den Arbeitskonferenzen behandeltcn Fragen für die palästinensischen Arbeiter von ebenso großer Bedeutung wie für die europäischen, obgleich sic für Kolonien oder andere Mandatsländer gar kein oder ein nur sehr geringes Interesse darsteilen. Nichtsdestoweniger wird die Verwirklichung der Resolution Giris, die den Arbeitern der Kolonien und Mandatsiänder den Zutritt zu den Arbeitskonferenzen eroffnen würde, von großer Wichtigkeit für Palästina sein, da sie die bisherigen formellen Hindernisse der Anteilnahme der palästinensischen Arbeiterschaft an den Konferenzen aus dem VC ege schaffen wird. Was die Form anbetrifft, in welcher die Vertreter der Arbeiter der Kolonien und Mandatslinder an den Konferenzen teilnehmen könnten, so ist anzttnehmen, daß man sie als technische Berater den Delegationen der Metropole bzw. derMandalarmacht beigegeben wird. Der Delegierte der palästinensischen Arbeiterschaft würde demnach als technischer Berater dem Arbeitervertreter der britischen Delegation angeschlossen sein. Abschließend möchten wir hier der Hoffnung Ausdruck geben, daß die britische Regierung unter Berücksichtigung der besonderen politischen Lage Palästinas und des hohen organisatirischen und moralischen Niveaus der palästinensisch-jüdisehen Arbeiterschaft, welche praktisch an fast allen die Internationale Arbeitsorganisation beschäftigenden Fragen interessiert ist, diese Gelegenheit dazu benützen wird, ihren Delegationen zu den Arbeitskonferenzen einen Vertreter der palästinensischen Arbeiterschaft als ständigen technischen Berater anzuschließen. Die Mitarbeit der jüdischen Arbeiter Palästinas auf dem internationalen Forum kann, dank ihrer besonderen Qualitäten und Erfahrungen, nicht mir ihnen selbst, aber sicherlieh auch. dem allgemeinen Werke der Internationalen Arbeits- Organisation zum Vorteil gereichen. Alfred Mond-Bankett ln Rom Rom, 13. Mai. (J. T. A.) Das italienische Pro Palästina- Komitee (״Italia-Palestina“) hat zu Ehren des gegenwärtig in Rom weilenden Sir Alfred M o n d ein Bankett im Grand- Hotel zu Rom veranstaltet, an welchem führende Männer Italiens teilgenommen haben. Unter den Anwesenden bemerkte man den italienischen Handelsminister Belluzzo, den früheren Finanzminister Alberto de Stefani, den Unterstaatssekretär des Kolonienministeriums Roberto Cantalupo, den Vorsitzenden des Verbandes der italienischen Industriellen Deputierten Cino Olivetti, den Vizegouverneur von Rom Graf D’Ancora, Senator Ciraolo, den bekannten Historiker Professor Gioacehino Volpa, Senator Pavia, Senator Catalani, Oberrabbiner von Rom Professor Angelo Sacerdoti, den Präsidenten der italienischen zionistischen Föderation Dr. Gino dass, den Rektor der Universität Rom Professor Giorgio Del Vacchio, Professor Dante Lattes u. v. a. Der Vizepräsident des Komitees ״Itaüa-Palestina“, der frühere Finanzminister Alberto de Stefani, begrüßte Sir Alfred Mond im Namen des Komitees und sagte u. a.: Ich begrüße Sie als Christ, der an die christliche Prophezeiung glaubt, daß die Juden.noch einmal in das Land ihrer Väter zurückkehren werden, wir sind glücklich, daß wir nun die Möglichkeit haben, an der Verwirklichung dieser Prophezeiung milzuarbeiten. Sir Alfred Mond antwortete auf die Begrüßung mit einer längeren Ansprache, in welcher er die verschiedenen Phasen der zionistischen Palästina-Arbeit beleuchtete und zu dem Schluß kam, daß Palästina für jeden, der sich wirtschaftlich und finanziell dort betätigen will, sehr große Möglichkeiten bietet. Dreimal weilte, ich in Palästina, fuhr Sir Alfred Mond fort, und jedesmal kam ich mit einem gestärkteren Glauben an das Land und seine Zukunft zurück. Der Bau des Hafensvon Haifa, der der größte Hafen im Mittelländischen Meere werden wird, sowie die Verwirklichung des gigantischen Ruthenberg-Projektes, der Llektrifizierung Palästinas werden die Wirtschaftslage des Landes mit einem Schlage heben. Ich selbst, schloß Mond, habe nach jeder meiner Palästina-Reisen immer größere eigene Kapitalien im Lande investiert. Weltkonterenz des Misractii Die Leitung der Weltorganisation des M i s r a c h i hat beschlossen, gegen Ende des Sommers 1928 in einer europäischen Stadt eine weltkonfercnz des Misrachi abzuhalten. Als Konferenzorte kommen Warschau, Krakau, Preßburg oder Danzig in Betracht. Der Misrachi ia Amerika New York, 22. April. (J. T. A.) Die neue Exekutive des amerikanischen Misrachi hat in den letzten Monaten eine Werbekampagne in den gesamten Vereinigten Staaten durchgeführt. Der Präsident des amerikanischen Misrachi, Gedaüa Bublik und der Vizepräsident Rabbi Gold besuchten mehrere Zentren und gewannen überall zahlreiche neue Mitglieder. In New York, Washington, Baltimore, Richmorid, Detroit und in vielen anderen Städten wunden zu den bestehenden Ortsgruppen neue begründet, die von prominenten Rabbinern der lokalen Gemeinden geleitet werden. In Chicago wurde unter dem Vorsitz von Bublik eine Beratung aller Rabbiner des Kreises abgehalten; die anwesenden Rabbiner verpfl.icl1tet.cn sich, einen Teil ihrer Zeit der Werbearbeit für MI:;; aclii zu widmen. In den Synagogen Chicagos wurden mehrere Massenversammlungen abgchalten, neue Frauen- und Jugendorganisationen wurden begründet. In einer in Philadelpliia abgehaltenen Konferenz, an der die Präsidenten der Synagogen und der sozialen Organisationen teitnahmen, sprach Rabbiner Levinthal über die Misrachi-Arbeit in Palästina; es wurde beschlossen, innerhalb aller Synagogengemeinden der Stadt Misrachi-Gruppen zu bilden. In Boston wurde ein Misrachi-Büro begründet, welches die Werbearbeit im gesamten Staate New ״England leitet. Das £ 75000 Legat tür Jerusalem Jerusalem, 9. Mai. (J.T. A.) Durch Intervention des Oberstaatsanwalts Palästinas Norman Bcntwrh ist der zwischen der aschkenasisehen und sephardischen Gemeinde Jerusalems entstandene Streitfall wegen des Anspruches auf das Erbe der Frau Be’i'ius beigelegt worden. Frau Beliiius, die vor kurzem in Hongkong verstarb, vermachte ihr Vermögen tesamenlarich der ״Jüdischen Gemeinde Jerusalem‘•'. Nun beha uptetc die scphardischc Gemeinde, daß Frau Beliiius als Sepharditi nur die sephardische Gemeinde gemeint haben konnte und daß das gesamte Erbe im Betrage von 75 000 Pfund allein der sephardischen Gemeinde zufallen müsse. Die aschkenasisehe Gemeinde wollte aber ihren Anspruch auf einen Teil des Erbes nicht aufgeben. Beide Parteien waren entschlossen, den Rechtsfall vor das Gericht in Hongkong zu bringen. Be 11‘wich hat den Streit in der Weise geschlichtet, daß aus der Hinterlassenscliaft 25 000 Pfund der aschkenasisehen und 5000J Pfund der sephardischen Gemeinde zufallen. Die Parteien haben diesen Spruch angenommen. Zur zionistischen Theorie Von Dr. Erwin Hamburger, Gleiwitz. Der Zionismus ist eine von vielen auf das Judenproblem gegebenen Antworten. Wollen wir ihn verstehen und bewerten, so müssen wir uns zunächst über das Wesen der Judenfrage klar werden. Es ist eine ebenso beliebte wie verfehlte Theorie, den Zionisrnus aus dem Antisemitismus zu begründen. Der Zionismus will weit mehr sein als eine Antwort auf den Judenhaß, er will die Lösung der gesamten Judenfrage bedeuten. Gewiß steht es fest, daß der verwirklichte Zionismus den Antisemitismus beseitigen oder mindestens stark verringern wird, aber die heutige Generation kann darin nur eine erfreuliche Nebenerscheinung erblicken. Im Gegensätze zu Herzl, der den Judenhaß zum Ausgangspunkte seiner Theorie macht und ein jüdischcs Becken konstruieren will, das die ״überschüssigen Juden aller Länder“ in sich aufnimmt. Daher war ihm auch der Ort der Niederlassung zunächst nicht unbedingt Palästina. Das unterscheidet ja den Zionisten von seinem Antipoden, dem Zentralvereinler, daß er eine Idee hat, die nicht von dem Verhalten der Umwelt gegen ihn abhängig ist, sondern die von innen heraus kommt. Auch ohne Antisemitismus muß es einen Zionismus geben. Dieser ist lediglich durch das Oaluth bedingt. Die Behandlung des Antisemitismus nimmt einen viel zu breiten Raum in der jüdischen Presse ein. Es wird so leicht der Anschein erweckt, als sei der Judenhaß die jüdische Frage, während er in Wahrheit eine Angelegenheit allgemein-menschlieber Kultur darstellt. Der mit den verschiedensten Motiven begründete Haß gegen eine Gemeinschaft kann niemals die innere Lebensfrage einer Gemeinschaft sein: Das Volk existiert allen Anfechtungen zum Trotz, wenn es eben lebensfähig ist, und es geilt unter, wenn es seine Rolle ausgespielt hat. Aber seine innere Problematik ist unabhängig von der Einstellung der Umwelt zu ihm, mag diese auch am Charakter der Volksgenossen mitschaffen. Nein, aus dem Antisemitismus heraus läßt sich der Zionismus nicht begründen, und wir müssen die Judenfrage anders stellen. Das Judentum ist fn einer weit größeren Oefanr, in der Gefahr, daß seine Anhänger der Assimilation verfallen. Darin liegt in Anbetracht der Flöhe der uns umgebenden Kulturen durchaus kein Vorwurf. Wenn wir uns erinnern, daß wir Ostern feiern müssen statt Pessach, wenn unsere Kinder in den Schulen die römisch-griechische Kulturwelt schätzen lernen, ohne — selbst nicht in dem oft mangelhaften Religionsunterricht — etwas von jüdischen Werten zu erfahren, dann haben wir die innere Not des jüdischen Volkes vor Augen. Die jüdische Gemeinschaft ist in Gefahr, sich aufzulösen. Man hat auf liberaler Seite die These von der jüdischen ״Mission“ aufgestellt, ohne indessen die unbedingt erforderliche logische Konsequenz zu ziehen, vorbildlich zu leben und jüdische Werte zu vertiefen. Das Judentum ist jedoch mehr als eine sittliche Idee, es hat eigene Werte eschaffen, um derentwillen es einen Sinn hat, die jüdische Eineit zu erhalten und jüdisches Leben wieder pulsieren zu lassen. Die Idee der Gotteskindschaft aller Menschen, die Idee des Weltfriedens, die Idee der Nächstenliebe, das Gefühl der Verbundenheit mit Gott (wie man ihn auch philosophisch begründen mag), all das sind Fragen, die zwar die Welt bewegen, die aber von uns Juden nur in einem jüdischen Leben gelöst werden können. Die Neubelebunsr und Vertiefung jüdischen Lebens sowie die Erhaltung der jüdischen Gesamtheit als solcher ist das innere Problem des jüdischen Volkes, ist das Lebensproblem der jüdisehen Gemeinschaft. Und daß es eine jüdische Einheit gibt, dafür ist der Judenhaß ein Symptom. Denn der Antisemitismus richtet sich nicht gegen den einzelnen Juden, sondern gegen die jüdische Gesamtheit. Der Einzelne mag vor dem Urteil des schärfster! Juden- Hassers noch passieren, aber die Gesamtheit ist das Objekt seines Hasses. Der Judenhaß empfindet eine Einheit, die uns die Judenliebe bestätigt. Die Pogrome und anderes jüdisches Leid werden von uns allen empfunden. Begeht ein Jude etwas Schlechtes, so fühlen wir alle uns peinlich berührt. Nicht aus Mitleid geschiebt dies alles, sondern aus einem immanenten Gefühl der Zusammengehörigkeit. Diese Judenliebe kennt keine staatlichen Grenzen, wie auch religiöse Gegensätze ihr fremd sind. Fällt ein Jude vom Judentum ab, dann begegnen sich die Liberalen und Orthodoxen in dem Gefühl des Schmerzes. Wir fühlen uns als Einheit. Und wir sind eine Einheit. Trotz der vor Jahrtausenden erfolgten Zerstörung des Staates leben heute noch Juden. Trotz der Zerstreuung ist bei den Juden das Bewußtsein des Zusammenhanges mit den Vätern nicht erloschen, und auch die Umwelt empfindet einen solchen. Es ist dies kein Rasseproblem, es ist lebendige historische Ueberlieferung. Wir beten zum Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, wir tragen das Zeichen der Beschneidung an uns, wir sind stolz auf die Propheten, wir erinnern uns mit Schaudern der Martyrien unserer Ahnen wegen ihrer Zugehörigkeit zur Judenheit — um nur Beispiele zu nennen, die auch den ״Unfrömmsten“ nahe liegen. Obwohl wir keinen jüdischen Staat haben, sind wir uns doch des Zusammenbanges mit den Reihen der Vorfahren bewußt und damit des Zusammenhanges mit der jüdischen Geschichte. Wir sind gefiihlsmäßig davon durchdrungen, daß eine ununterbrochene Linie von Geschlecht zu Geschlecht führt, die nicht nur die Generationen verbindet, sondern auch die Juden zu einer Einheit zusammenschweißt. Dieses Bewußtsein der geschichtlichen Zusammengehörigheit ist im Schwinden begriffen, und daraus ergeben sich sowohl für die Existenz der jüdischen Einheit als auch für das jüdische leben die folgenschwersten Konsequenzen. Die Juden der einzelnen Länder verlieren so das Gefühl des untereinander bestehenden Zusammenhanges und bilden isolierte Landsmannschaffen, die sich der Kultur der Umwelt assimilieren und diese zum Maßstabe bei der Bewertung der Juden anderer Länder machen. Auf diese Weise leidet naturgemäß das jüdische Leben, weil die Sucht nach möglichst vollständiger Angleichung jedes Eigenleben ertötet. Man will nicht nur von den kulturellen Werten der Umweit möglichst viel in sich aufnehmen, sondern man gibt sein Ich auf in dem Bestreben, möglichst wenig aufzufallen und unterdrückt jede persönliche Regung, jede individuelle Sehnsucht, die notwendigerweise von dem Gefühlsleben der Umwelrabweichen müßte. So sind wir in der Gefahr, nicht nur von der jüdischen Geschichte und der jüdischen Gesamtheit losgelöst zu werden, sondern uns von uns selbst zu entfernen, ohne -- da es unmöglieh ist, seelische Transplantationen vorzunehmen — ohne uns der uns umgebenden Gefühlswelt anpassen zu können. Wir sind auf dem Wege zum Luftmenschentum. Das ist kein religiöses, es ist kein nationales (national nur, soweit es um die Erhaltung der jüdischen Einheit geht), es ist ein rein menschliches Problem. Die Einheit, die Harmonie im jüdischen Menschen, der seinen Lebensstil im Lager der Umwelt nie finden kann, ist eine menschliche Angelegenheit. Der Zionismus weist uns auf unsere Geschichte zurück, er gibt uns den Zusammenhang mit unserer jüdischen Gemeinschaft wieder. Praktische Bedeutung gewännt er, wenn.man in der Erriehtung der Heimstätte die Schaffung eines — wie Achad Haam sagt — geistigen Zentrums sieht, wo jüdisches Leben pulsiert, das befruchtend auf das Gallith wirkt. Trotz aller materieller Sorgen darf das große Ziel — das eistige Zentrum — nicht vergessen werden, weil erst dadurch as menschliche Problem des Juden gelöst wird. Soziale Not gibt es in jedem Volke, sie zu lindern, ist gewiß eine Ehren• Pflicht, aber die hier geschilderte Not des jüdischen Menschen hat ehren größeren Umfang und ist obendrein gleichzeitig die Lebensfrage der jüdischen Gesamtheit. Der jüdische Mensch muß einen Rückhalt durch das geistige Zentrum in Palästina erhalten, dann wird sich auch, zur Geschichte zurückgeführt die jüdische Einheit erhalten. ’ Wäre wirklich das Judenproblem in der Frage des Antisemitismus erschöpft, dann gäbe es kein besseres Mittel für die Lösung als möglichst baldige und restlose Assimilation. Denn dann hätte es keinen Sinn, die Judenheit aus bloßem Starrsinn oder etwa aus falsch verstandener Pietät heraus zu erhalten. Erst wenn man jüdische Werte anerkennt, erscheint es gerechtfertigt, das jüdische Volk als Träger dieser Werte vor dem unvermeidlichen Untergange zu bewahren. Wie man diese jüdischen Werte auf faßt, ob man sie auf religiösem oder nationalem Gebiete sucht, ist Sache der individuellen Erkenntnis und des persönlichen Erlebens. Was man aber als jüdisches Kuliurwerk anerkannt hat, das muß man auch mit allen Kräften zu erhalten suchen. Denn wir sind nun einmal in Gefahr, an die Umwelt auch unser Letztes zu verlieren. Man komme nicht etwa mit dem Einwand, die Religion sei lebendig geblieben und bedürfe keiner Stütze. Gerade die Religion ist auf dem Wege, zur bloßen Phrase oder im besten Falle zum Formalismus zu «׳erden. Wie immer man die jüdische Kultur auffassen möge, jüdisches Leben zu erhalten bzw. zu schaffen, ist und bleibt eine Angelegenheit des gesamten jüdischen Volkes. Auf die Erhaltung der jüdischen Werte kommt es an, und je mannigfacher die Auffassungen von jüdischer Kultur sind, desto reichhalliger wird das jüdische Leben in Palästina erblühen. Insofern aber tut allen an der Erhaltung jüdischer Werte ehrlich interessierten Parteien eines not: die Mitarbeit an der Schaffung des geistigen Zentrums in Palästina. Die Krim-Aktion des Joint Dr. Rosen in Amerika N e w Y o r k, 25. April. (J. T. A.) Der Leiter des Agrojoint in Rußland, Dr. Joseph Rosen, der vor kurzem in New York eingetroffen ist, entwickelte vor jüdischen Persönlichkeiten den Plan der Ansiedlung von weiteren 25 000 jüdischen Familien auf dem Lande im europäischen Rußland. Die Finanzierung dieses neuen Siedlungsplanes, sagte Dr. Rosen, wird durch den 20 Millionen Dollar-Fonds geschehen, zu dem Herr Julius Rosenwald durch seine 5 Millionen Dollar-Spende die Anregung gegeben hat. Weitere fünf Millionen sollen durch andere jüdische Persönlichkeiten Amerikas aufgebracht werden, während die Sowjetregierung ihrerseits 10 Millionen Dollar, und zwar je eine Million Dollar in der Dauer von 10 Jahren, beitragen wird. Ueber den Plan der Sowjetregierung, den Rayon Biro- Bidschan im Fernen Osten mit Juden zu besiedeln, äußerte sich Dr. Rosen dahin, daß Agrojoint zwar nicht gegen diesen Plan ist, aber an dessen Realisierung sich nicht beteiligen könne, aus dem einfachen Grunde, weil Agrojoint noch sehr viel in den europäischen Siedlungsgebieten zu tun hat. Dr. Rosen wandte sich scharf gegen diejenigen Kreise, die Gerüchte über angebliche Reibungen zwischen den jüdisehen Kolonisten und den benachbarten nichtjüdischen Bauern, über schlechte Ernte in den jüdischen Kolonien, über Pogrome usw. verbreiten. Der für das Jahr 1926/27 aufgestellte Plan des Agrojoint wurde um mehr als das anderthalbfache überschritt/!n. Es war die Verteilung von 108000 Acker Land vorgesehen, in Wirklichkeit wurden mehr als 200 000 Acker vermessen; statt der geplante» 176 Bppnnen wurden 389 hergestellt; statt der geplanten 150׳ Schulgebäude wurden 290 errichtet. Im Jahre 1926/27 gab Agrojoint für das Siedlungswerk 1500 000 Dollar aus, die Regierung schoß ihrerseits 180 000 Dollar in bar zu, lieferte unentgeltlich Boden, Baumaterial usw. und ermäßigte die Transportkosten. — Dr. Rosen erklärte, da freies Land im europäischen Rußland nur vorübergehend zu haben sei, wird bald dieses erschöpft sein. Immerhin wird die Ansiedlung der 25 000 neuen Familien in der Ukraine, der Krim und in Weißrußland noch gut möglich sein, wenn die Fonds rechtzeitig beschafft werden. Die neue jüdische Kolonisationsgesellschaft, die sich zwecks Erweiterung der jüdischen Kolonisationsarbeit des Joint Distribution Committee gebildet hat, wählte Julius Rosenwald und Feiix M. Warburg zu Ehrenpräsidenten. Die Gesell- Schaft wird auf der Basis des Abkommens zwischen Agrojoint und der Sowjetregierung wirken. Geperschait gegen das Sibirien-Projekt Wie die in Chabarowsk in Sibirien erscheinende ״Michaakeonskaja Swesdo“ mitteilt, wurden die jüdischen Siedler, die sich nach Biro-Bidschan begeben, von der sibirisehen Bevölkerung auf der Durchreise herzlich aufgenommen. Es wird auch von den Behörden alles getan, um den Pionieren die Beschwerden der Reise zu lindern. Die Zeitung wendet sich scharf gegen jene Elemente in Sibirien, die Unzufriedenheit über die Verwirklichung des jüdischen Siediungsplanes äußern und droht, daß man gegen solche Personen strengste Maßnahmen anwenden werde. Die sibirische Sowjetbehörde hat, wie mitgeteilt wird, gegen den Bürokratismus gewisser sibirischer Bahnbeamten bei der Beförderung der jüdischen Pioniere energische Maßnahmen ergriffen. Wer im Krieg sich im Lesen von offiziellen Berichten geübt hat, in denen Negatives stets nur in abweisender Form zu lesen war, wird aus dieser Meldung verstehen, daß sowohl in der Bevölkerung Sibiriens offene Gegnerschaft gegen den neuen territorialistischen Judenstaatsplan sich geltend macht, als auch die unteren Organe des sowjetistisenen Verwaltungsapparats selbst, bei denen der Antisemitismus immer unverhüllter wieder auflebt, die Sache sabotieren möchten. Dies wird kaum dazu beitragen, die Begeisterung der Juden für Sibirien, mit dem das Judentum keine inneren Bande verknüpfen, zu erhöhen. Siebzigster Geburtstag■ Am 15. Mai feierte Herr Ernst Bechert in Teplitz seinen siebzigsten Geburtstag. Bechert ist einer der ältesten Zionisten der alten österreichischen Länder und hat sich außerordentliche Verdienste um die Bewegung schon in ihrem Anfangsstadium in Böhmen und Mähren erworben. Bechert war ein hinreißender Redner und begeisterter Propagandist. Jahrelang war er der selbstverständliche Präsident aller zionistischen Tagungen in Böhmen und zum Teil auch in Oesterreich. Durch seine persönliche Reinheit und dem großen Charme seines Wesens erwarb er sich Sympathien weit über die zionistischen und jüdischen Kreise hinaus, und er war an seinem siebzigsten Geburtstag in Teplitz Gegenstand großer Ehrungen auch seitens der nichtjüdischen Gesellschaft. Auch wir beglückwünschen diesen ausgezeichneten Zionisten, aufrechten Mann und echten Idealisten und wünschen ihm noch viele Jahre.