Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 38-39 (16.5.1928)
- Date
- 1928-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 274 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38/39, 16. V. 1928 geduldet wurde, um Zeit zu gewinnen. Die Mehrzahl der rumänischen Bevölkerung, die Bauern, sind mit der Lage unzufrieden. Was liegt da näher, als die Juden zum Sündenbock zu machen und sie als Ursache der herrschenden Mißstände zu erklären? Die Bauern verlangen mehr Boden■, also läßt man Studentenkongrcsse zusammentreten, ein paar Synagogen zerstören, Juden verprügeln und das ganze Land hat rum einige Wochen Gesprächsstoff und vergißt die ureigensten Note, die mit den Juden in gar keiner Verbindung stehen. Die Erfahrung lehrt, daß Pogrome den Gang einer revolutionären Entwicklung in einem Lande nicht aufzuhalten vermögen. Aber es ist schon einmal so, 3aß kein Mensch von den Erfahrungen eines andern lernt, und leider auch kein Land von den Erfahrungen anderer Länder. Mittlerweile sind die Juden die Leidtragenden. * Minoritätenrechte Eine von den zuständigen Reichs- und Staatsressorts eingesetzte Studienkommission hat dem Preußischen Staatsministerium Vorschläge für eine Regelung der Rechte der Minderheitsvölker gemacht und einen Entwurf über diese Materie unterbreitet. Der Entwurf geht von dem Grundsätze aus, daß ,,das Bekenntnis zur Minderheit fn die freie Ent- Schließung des einzelnen gestellt wird, und daß der Minderheit jeder angehört, der ihr zugerechnet zu werden wünscht“. Dieser Grundsatz ist wohl aus zwei 'Gründen aufgestellt worden. Erstens mit Rücksicht auf die in vielen Staaten Europas als Minderheit lebenden deutschen Volkssplitter, zweitens weil tatsächlich im Preußischen Staatsministerium ein fortschrittlicher Geist lebt, der sich die Einsichten des modernen Rechtes zu eigen gemacht hat. Wir Zionisten, die die Einheit des jüdischen Volkes in der ganzen Welt postulieren, freuen uns, daß die Grundsätze des Minoritätenrechtes auch in Deutschland anerkannt werden. Ueberalf, wo die Juden in größerer Zahl wohnen, und besondere sprachliche und kulturelte Bedürfnisse haben, verlangen sie mit Recht die Anerkennung als nationale Minderheit, und die zionistischen Organisationen der betreffenden Länder stellen sich ganz auf den Standpunkt dieser berechtigten Forderung. Keineswegs bedeutet jedoch für den Zionisten, der von der Tatsache der Galuth ausgeht, und eine zureichende Lösung des Judenproblems mir in einer Konzentrierung zumindest eines großen Teiles des jüdischen Volkes in Palästina erblickt, die Frage der jüdischen Minoritätenrechte mehr als ein Zweckmäßigkeitsprinzip, das von der Zahl der in einem bestimmten Lande lebenden Juden und von ihrer kulturellen und sprachlichen Struktur abhängt. Aus diesen Gründen haben wir als Zionisten es z. B. immer abgelehnt, in Deutschland für die Juden die Rechte einer nationalen Minderheit zu verlangen. Diese Forderung würde mit Rücksicht auf den geringen Prozentsatz der Juden in Deutschland und in Anbetracht des Fehlens einer eigenen jüdischen Umgangssprache in keiner Weise zweckentsprechend sein. Trotzdem haben die Zionistengegner in Deutschland, die Herren aus dem C.-V., und aus dem jüdisch-liberalen Lager, stets behauptet, daß die Zionisten durch ihre Forderung nationaler Minderheitsrechte für die Juden in Deutschland das Judentum auf das schwerste gefährden. Jetzt leistet sich die •״Jüdisch-liberale Zeitung“ angesichts der Meldung von der Vorlage eines Entwurfes der Minderheitenrechte in Deutschland folgende Bemerkung: ״Falls der Entwurf zum Gesetz wird, wird die Stellungnähme der deutschen Zionisten nicht ohne Interesse sein. Wir zweifeln nicht, daß die Herren Klee, Kollenscher, Rosenblüth usw. wieder eine Theorie verfechten werden, nach der für die jüdisch-nationale Minderheit in Deutschland eine Beanspruchung der gewährten Rechte nicht gefordert werden kann.“ Diese Stellungnahme ist nicht ohne Interesse. Zuerst wird vor der deutschen Judenheit der Zionistenschreck errichtet: Juden paßt auf, die Zionisten wollen eure staatsbürgerliche Stellung gefährden! Schließlich hat man sich überzeugt, daß die Zionisten keine närrischen Doktrinäre sind, sondern gerade aus ihrer zionistischen Einstellung und der Erkenntnis heraus, daß die Lösung der Judenfrage in der Galuth nicht möglich ist, die Frage des jüdischen Minderheitenrechtes nur vom Standpunkte der Zweckmäßigkeit behandeln. Trotzdem wird, wie die wiedergegebene Bemerkung der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ beweist, weiter gehetzt und gehöhnt. Liegt in einer derartigen Kampfesweise nicht eine große Portion Unaufrichtigkeit und Spekulation auf uniformierte naive Leser? Im übrigen Ist die Feststellung der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ richtig. Auch jetzt werden die Zionisten keine jüdisch-nationalen Minderheitenrechte in Deutschland verlangen. Nicht um den Herren vom C.-V. oder der ״Jüdischliberalen Zeitung“ keine neuen Angriffsflächen zu bieten, sondern weil diese Forderung in Deutschland für die Juden überflüssig ist. Das sieht völlig in Einklang mit dem, was wir stets erklärt haben; die Liberalen ärgern sich wohl, daß die Unaufrichtigkeit ihrer Angriffe gegen uns jetzt aller Welt manifest wird. M. W. Die Jüdische Sonderschau auf der Kölner ״Pressa“ Nachdem am 12. Mai die Eröffnung der allgemeinen internationalen Presseausstellung in Köln stattgefunden hatte, erfolgte die Eröffnung der Jüdischen Sonderschau der ״Pressa“ am Dienstag, den 15. d. M. Der jüdische Pavillon befindet sich in der ״Straße der Nationen“, unmittelbar neben der in der Form einer Kirche erbauten Sonderschau der Protestanten. Der jüdische Pavillon ist vom Kölner Architekten Robert Stern erbaut. Ueber einem rechtwinkligen etwa 4 in hohen Unterbau erhebt sich eine sechseckige Halle, die von einem Turm überragt wird, von dem ein ״Davidsschild“ weithin leuchtet. Ueber den beiden hohen Toren des Bauwerks prangt die dreisprachige Inschrift (deutsch, hebräisch, jiddisch): Jüdische Sonderschau. Die ״Isop“ (Jüdische Sonderschau der Pressa) ist im Verhältnis zu den anderen Abteilungen in ihrer Durchführung viel weiter vorgeschritten, im Laufe des Monats Mai wird die innere Ausgestaltung vollendet sein. Ueber den Plan der jüdischen Sonderschau, über die einzelnen Sektionen und die im Jüdischen Pavillon untergebrachten Sonderkojen der einzelnen jüdischen Organisationen, besonders der Zionistischen Weltorganisation, sowie über den Verlauf der Eröffn ׳ngsfeierlichkeitcn werden wir ausführlich berichten. Die Hadassah gegen die LIpsky Administration Die Vorgänge in Amerika ״The New Pakstine“ veröffentlicht jetzt den vollen Wortlaut der Resolution, die von dem Landeskomitee der Hadassah am 22. April gefaßt worden ist. Die Resolution besagt, daß die Hadassah bereits seit längerer Zeit mit der Leitung der Zionistischen Organisation Amerikas unzufrieden sei, weil diese ein untaugliches Instrument für die Schaffung einer starken Organisation in Amerika sei. Die Hadassah glaubt, daß zwischen den amerikanischen zionistischen Angeiegenheiten und der unbefriedigenden Lage in Palästina ein direkter kausaler Zusammenhang besteht. Daher schlägt das Landeskomitee der Hadassah der Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten folgendes Programm vor: I. Verwaltung. a) Die Verwaltung der Zionistischen Organisation Amerikas soll bis zur nächsten Jahreskonferenz einem kleinen Komitee von höchstens sieben Personen übertragen werden, von denen jeder für mindestens ein Arbeits-Departement verantwörtlich sein soll. b) Keine von diesen sieben Personen soll ein Gehalt aus zionistischen Quellen beziehen. c) Das Verwaltungskomitee soll ein Redaktionskomitee ernennen, das die Prinzipien und die Politik der zionistischen Publikationen bestimmt. d) Die Zionistische Organisation Amerikas muß das Prinzip erneuern, daß jeder, der ein Mitglied der Zionistischen Organisation werden will, das Baseler Programm unterschreiben muß. Der bloße Beitrag zu einem Pa'ästinafonds soll noch nicht die Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation begründen. e) Die Erweckung des zionistischen Idealismus soll eine anerkannte Verpflichtung der Zionistischen Organisation Amerikas sein. II. Finanzen. a) Zwischen den Geldern für Verwaltungszwecke und denen für Palästinazwecke soll eine scharfe Trennung bestehen. b) Am Beginn des Budgetjahres soll ein balanciertes Budget für Verwaltungsausgaben entworfen werden. et Die amerikanische Organisation soll die ökonomischen Gesichtspunkte des Pafastinaprogramms betonen und eine Körperschaft errichten, zwecks Ermutigung und Beratung öffentlicher und privater wirtschaftlicher Unternehmungen in Palästina. Die Stellungnahme des Landeskomitees der Hadassah hat innerhalb der Organisation auch Widerspruch gefunden. Die Vizepräsidentin Mrs. Archibald Sil v ermann hat demissioniert. Zehn Ortsgruppen der Hadassah im Staate Connecticut beschlossen, Lipsky zu unterstützen. In ״ Ne w P a I e s t i n e“ wirft Maurice Samuel der Hadassah vor, sie übertrage die amerikanischen Begriffe der Demokratie mit ihrem schroffen Zweiparteiensystem auf den Zionismus. Die gegenwärtige Leitung sei stets der Meinung gewesen, sie müsse die 1921 besiegte Gruppe wieder zu aktiver Betätigung gewinnen, und sie habe daher immer wieder versucht, Brandeisisten in die leitenden Körperschaften zu wählen. Dem gegenüber spricht die Opposition und vor allem die Hadassah davon, die gegenwärtige müsse ״hinweggeschwemmt“ werden. Ein solches Vorgehen sei aber innerhalb des Zionismus, solange er eine freiwillige Organisation darstcllt, undurchführbar. Im Londoner ״J e w i s h C h r 0 n i c I e“ berichtet Leonard Steln, der politische Sekretär der Exekutive, der gerade aus Amerika zurückgekommen ist, über die dortigen Vorgänge. Er erklärt, rnan könne als Außenstehender die wirklichen Ursachen der Konflikte gar nicht erkennen. Auch sei die in den Vereinigten Staaten übliche Parteipolitik für Europäer schwer verständlich, da sie sich in Formen abspielt, die auch gebildete Amerikaner ablehnen. Diese Art Politik scheint aber aus dem allgemein amerikanischen Leben auch auf den Zionismus abgefärbt zu haben. Stein ist der Meinung, daß die persönlichen Verbitterungen, die aus dem Kampf mit der Brandeisgruppe im Jahre 1921 übriggeblieben sind, die Hauptursache des heutigen Konfliktes bilden. Zwar haben mehrere Brandeisisten in den letzten Jahren mitgearbeitet, aber seit Cleveland waren stets unterirdische Kräfte am Werk, um die Leitung zu stürzen. Andererseits müsse man anerkennen, daß jede Leitung, die mehrere Jahre im Amt bleibt, der Gefahr der Erstarrung erliegt. Die heutige Leitung hat aber unzweifelhaft der Bewegung in schwerster Zeit die größten Dienste geleistet. Die Schärfe der gegenseitigen Kritik und die gegen die einzelnen Personen von beiden Seiten erhobenen schweren Vorwürfe werden leider auf keinen Fall der Sache nützen. Die Heuschreckenplage Der Kampf gegen die Heuschrecken in Palästina ist noch in vollem Gange, da immer neue Schwärme herankommen. Nach dem offiziellen Bulletin, das von der Palästina-Regierung täglich ausgegeben wird, haben die militärischen Streitkräfte, die mit dem Kampf gegen die Heuschrecken auf einem Gebiet von 18000 Dunam in Transjordanien beschäftigt sind, dort 27 Tonnen lebender Heuschrecken und über 100 Scheffel (3650 Liter) Eier gesammelt; 500 Pflüge wurden in Bewegung gesetzt, um den Boden umzupflügen, wo Heuschreckeneier gelegt worden sind. Die ernsteste Erscheinung des Heuschreckcneinbruehs bis jetzt ist — wie es im Bulletin vom 10. Mai heißt — der Einbruch in die Ebene Jesreel, welche zwischen Meggidoh und Nazareth (also im westliehen Teil) ganz dicht mit Heuschrecken bedeckt ist, mit Ausläufern bis nach Sichron Jaacob auf der einen Seite und Balfouria auf der anderen Seite. Die ganze mili- (arische Besatzung von Haifa und eine Abteilung aus Jerusalern mit 45 Flammenwerfern ist ununterbrochen mit der Abwehrarbeit ir. diesem Gebiete beschäftigt. Auch aus dem Küstengebiet /wischen Jaffa und Haifa, in der Gegend von Tulkerem, werden starke Heuschreckenschwärme gemeldet, ebenso entlang der Linie Hebron—Artuf. Die Mitglieder der Zionistischen Exekutive hatten am 26. April eine Unterredung mit dem High Commissioner Lord Plumer, die sich auf die Frage der Vornahme von Arbeiten und Vorkehrungen gegen den infolge der Dürre zu erwartenden Notsland bezog. Der High Commissioner sicherte eine Beschleunigung der Durchführung der Regierungsarbeiten zu. Betreffs der Dürre lasse die Regierung jetzt eine genaue Prüfung der Lage vornehmen. Von der hebr&isehen Universität Am 3. Juni d. J. wird der Akademische Rat der Hebräischen Universität zu Jerusalem in London eine Tagung abhalten. Dieser Tagung schließt sich am 4. und 5. Juni eine Beratung des Direktoren-Ausschusses der Universität an. Polnische SlaatsbOrger indischen Glaubens organisieren sich Verschiedene assimilatorische Zeitungen veröffentlichen nachstehenden Bericht: ״Vor einigen Tagen fand im Festsaal der israelitischen Kultusgemeinde in Bielitz die Konstituierung der ״Union demokratischer Juden Polnisch-Oberschlesiens“ statt. Diese vorderhand nur für den ehemals österreichischen Teil Polnisch-Oberschlesiens gegründete Organisation wird demnächst auf die ganze Wojwodschaff ausgedehnt werden. Der Verband will (He nichtzionistisehen und nichtorthodoxen jüdischen Kreise, die auf dem Standpunkt des Judentums als religiös-ethischer Gemeinschaft stehen, liberal-demokratisch und westlich eingestellt sind, den p o 1 i - tischen Zionismus und den rassentheoretisehen Nationalismus ablehnen und sich vorbehaltlos auf den Boden des polnischen Staates stellen, zusammenfassen. Zu der Konstituierung gratulierten der Präsident der Welt- Vereinigung für das liberale Judentum, Sir Claude G. Montefiore aus London, der Central-Verein deutscher Staatsbiirger jüdischen Glaubens in Deutschland, die Union deutsch-österreichischer Juden u. a. m. Die Generalversamnilung gestaltete sich zu einer lebhaften Kundgebung für die demokratisch-überalen Traditionen im religiösen und sozhl-kulturellen Leben der schlesischen Judenheit, für ein Zusammenwirken mit der christlichen Umwelt zum Wohle der Oeffent ichkeit und des Staates, für den Kampf um Gleichberechtigung und Abwehr des Antisemitismus. Als Hauptredner traten auf Dr. Ludwig Heilpern, Prof. Feuerstein und Kultuspräsident Simachowitz. — Zum ersten Vorsitzenden wurde der Tuchfabrikant Heinrich Braun, zu Vizepräsidenten wurden Dr. L. Heilpern und Simon Huppert, zum ehrenamtlichen Sekretär Dr. Fritz S e i f t e r gewählt.“ * Dieser Bericht ist außerordentlich interessant. Bisher sind gerade aus den assimilatorischen Kreisen jener Gegend ununterbrochen vergiftete Pfeile nach Deutschland geflogen, die den Zionismus treffen sollten, weil die Zionisten und Nationaljuden durch ihre realpolitische Einordnung in die neuen Staatswesen angeblich das Auslandsdeutschtum und damit überhaupt die deutschen Interessen schädigen. Besonders Herr Dr. Fritz Seifte r hat sich durch solche Berichte hervorgetan. Jetzt hören wir plötzlich, daß er der Sekretär eines jüdischen Vereins ist, der sich ״vorbehaltlos auf den Boden des polnischen Staates stell t“, wobei von Auslandsdeutsclitum nicht viel die Rede ist. Der Sinn des Vereins ist klar: es ist ein neues Instrument des fanatischen Antizionismus dieses Herrn, dem nachgewiesenermaßen kein Mittel zu schlecht ist, um seinen Haß gegen den Zionismus abzureagieren. Einmal wird das Nationaljudentum des Auslandes in Deutschland denunziert, um den deutschen Antizionisten in ihrem Kampf gegen den Zionismus zu helfen; ja sogar den deutschen Politikern des Pro Palästina-Komitees haben diese eifrigen Beschützer des Deutschtums klarzumachen versucht, wie sehr sie das Deutschtum schädigen, weil doch die Zionisten in der Tschechoslowakei und in Polen keine deutsche Irredenta betreiben. Das anderemal versuchen dieselben Leute, sich in Polen selbst als die besten Patrioten und morgen oder übermorgen wahrscheinlich als besonders polnischnational auf- Zuspielen. Es gibt kein so widerliches Schauspiel Wie das jüdische A s s i m i 1 a n t rntiin, dasheute den und morgen jenen Herren zu dienen bereit ist', je nachdem wie der Machthaber wechselt, und dabei stets noch die Brusttöne tiefster ״Ueberzeugung“ aufwendet. Es ist klar, daß diese Politik der unablässigen Loyalitätsver- Sicherung gegenüber den Machthabern statt Vertrauen nur Mißtrauen erzeugen muß, und daß hier die eigentliche psychologische Wurzel des modernen Antisemitismus zu suchen ist. Das Assimilantentum, das durch Servilismus den Antisemitismus beseitigen zu können meint, ist natürlich so blind, daß es nicht bemerkt, wie es Spott und Verachtung auf das Judentum herabzieht. Es gibt auch für die Regelung des Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden im Galuth nur ein einziges würdiges Verhalten, nämlich das aufrechte Bekenntnis zum Judentum, zum jüdischen Volkstum, bei uneingeschränkter Anerkennung der Ansprüche, die Staat und Gesellschaft an alle ihre Mitglieder, natürlich auch an die Juden, zu stellen haben. Nicht alle Lebensverhältnisse regeln sich nach volkliehen Scheidungen; zusamraenlebende Menschen haben auch andere Interessen und sollen sie unbefangen und offen vertreten. Aber wo nach volküchen Scheidungen gefragt wird, da gibt es für den Juden, der sich selbst achtet und nicht lächerlich machen will, der statt kläglichen Opportunismus Politik auf lange Sicht macht, nur eine Antwort: das Bekenntnis zum Judentum. Der Untergang des ״Städtels“ M 0 s k a u, 9. Mai. (J. T. A.) Abraham Bragin, der seinerzeit als erster mit dem Plan der landwirtschaftlichen Ansiedlung von Juden hervorgetreten ist, hielt auf der Jahresversammlung des Moskauer ״OZET“, der mehr als 2000 ״OZET“-Mitglieder beigewohnt haben, eine Rede, in der er ausführte, es sei eine Pflicht der Regierung, das jüdische Element in den kleineren Städten, welches durch dies Sowjetsystem vollständig existenzlos geblieben ist, nicht nur landwirtschaftlich anzusiedeln, sondern auch in erweitertem Maße der Industrie zuzuführen. Das jüdische Städtchen, fuhr Bragin fort, ist dem endgültigen Untergang geweiht, auch die jüdischen Heimarbeiter und Handwerker sind zu 80 0/0 beschäftigungslos. Die Gesamtlage in den Städtchen ist katastrophal. Zwei Millionen Juden sind dem Untergang geweiht. Die Landwirtschaftskolonisation geht zu langsam vor sich• In der Nähe der jüdischen Städtchen sollen Fabriken erbaut werden, in denen die beschäftigungslosen jüdischen Handwerker und Heimarbelter Arbeit und Existenz finden sollen. Ara besten würden sich die jüdischen Arbeiter in der Bekleidungsindustrie bewähren. An die Ausführungen Bragins schloß sich eine erregte Debatte. Die Kommunisten wiedersprachen ihm, während die Unparteiischen ihn lebhaft unterstützten. + Der Direktor-Regisseur des Moskauer Großen Staatstheaters, Galawanow, der an diesem Institut lange Zeit hindurch ein antisemitisches Regiment führte und einen begabten jüdischen Musiker derart schikanierte, daß er Selbstmord beging, ist seines Amtes enthoben worden. Außer Galawanow werden auch sieben andere Theaterbeamte, die sich eine antisemitische Hetztätigkeit zuschulden kommen ließen, ihre Aemter verlassen müssen. Moskau, 30. April. (J. T. A.) in Moskau sind etwa 7000 jüdische Mitglieder der Gewerkschaften arbeitslos, in Leningrad sinn es 3500 jüdische Gewerkschaftsmitglieder, ־■ .1