Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1928-05-11 · Heft 37 (11.5.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 37 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2652971-2653006--19955-2677885
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 37, U V. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 267 Aussprache zum Delegiertenfaß Prüfet, wen Ihr wählt! Von Dr. Wo I f h e i m , Erfurt. Ganz gewiß sind die bevorstehenden Reichstags- und Landtagswahlen für uns als Juden und Zionisten von hervorragender Wichtigkeit, und kein Zionist wird seine Wahlpflicht versäumen oder einer der reaktionären, heimlich oder offen antisemitischen Parteien seine Stimme geben. Ebenso genau sollte jeder Zionist seinen Delegierten für unseren Delegiertentag auf Herz und Nieren prüfen. Denn von der Zusammen- Setzung des Delegiertentages hängt am ^nde — vermutlich bis über den nächsten Kongreß hinaus — Gestalt und Programm der neuen Leitung ab. An vielen Orten ist die Wahl der Delegierten zu einer formalen Angelegenheit herabgesunken, nur durch die Schuld der Herde, deren Gleichgültigkeit die der Hirten noch übersteigt; mancherorts entscheidet der größere Geldbeutel, wenn die Finanzen der Ortsgruppenkasse keine Reisevergütung für den Delegierten ermöglichen (was grundsätzlich zu fordem ist). Oftmals findet seitens der Ortsgruppen nicht einmal eine Prüfung statt, da die vorgeschlagenen Kandidaten ihre zionistischen Pflichten voll und ganz erfüllt haben (Schekel, Landes• beitrag, Maaßerpflicht). So haben sich seit Jahren Mißstände herausgebildet, die dringend der Abstellung bedürfen. Gerade dieser Delegiertentag, dessen Arbeitsprogramm keine großen Konfliktsmöglichkeiten voraussehen läßt, sollte es sich zur Aufgäbe machen, mit diesen Uebelständen endgültig aufzuräumen. Was nützen alle Beschlüsse, die Landesvorstand und Delegiertentag nach dieser Richtung hin wiederholt gefaßt haben, wenn sie auf dem Papier stehen bleiben? Wo ist die starke Leitung, die den Mut hat, hier Ordnung zu schaffen? Die Wahlprüfungskommission hätte nicht nur rein formal festzustellen, ob die Ortsgruppen ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllt haben und damit ihre Mandate gültig sind, sie müßte auch mit gleicher Gewissenhaftigkeit prüfen, ob der Delegierte selbst alle Voraus- Setzungen für die Berechtigung zu einer Maudatsübernahmc erfüllt. Dann würde der Delegiertentag, so fürchte und hoffe ich, ein ganz anderes Aussehen gewinnen. Mancher Zionist würde aus den Reihen der Delegierten verschwinden, bei dem es öffentliches Geheimnis Ist, daß er seiner Maaßer-Verpflichtung nicht nachkommt, und damit der müde, verdrossene Zug, der so manche Debatte erfüllt und mancher Entschließung ihren Stempel aufdrückt Neue Menschen würden auftreten mit unverbrauchter Begeisterung und neuen Gedanken und Anregungen für unsere Arbeit, und damit neuer Mut und neue Entschlußkraft der ganzen Bewegung mitgeteilt werden. Die Erfurter Ortsgruppe wird deshalb bei Beginn des Delegiertentages den Antrag stellen, kein Mandat anzuerkennen, dessen Inhaber seiner Maaßerpflicht nicht genügt hat, der sicherlich, von der Zustimmung aller guten Zionisten gegetragen, Annahme finden dürfte. Ich fordere deshalb die Ortsgruppenleiter schon jetzt auf, bei der Watt der Delegierten grundsätzlich n u r 8 p 1 c h e K a n di d a te n aufstellen oder gar t§r|i!fn za lassen, g:enWgen. Nur so werden uns unangenehme und zeitraubende Debatten über die Gültigkeit von Mandaten erspart bleiben. Schließlich hat die neu zu wählende Leitung das größte Interesse daran, von den richtigen Menschen gewählt zu werden, von denen, die nach restloser Erfüllung ihrer zionistischen Pflicht mit gutem Gewissen und in voller Erkenntnis ihrer Verantwortlichkeit ihr Votum abgeben, qnd dicht von Menschen, die — müde und mit sich selbst unzufrieden — die Leitung am liebsten wählen, die von ihnen am wenigsten fordert und ihnen ihr zionistisches Versagen erträglich erscheinen läßt Wählen wir pflichtbewährte Zionisten, die zuerst an sich selbst die höchsten Anforderungen stellen, so werden wjr auch eine neue Leitung bekommen, ein Präsidium und vor allem auch einen anders zusammengesetzten Landesvorstand, der mit ganz anderer Begeisterung an die Lösung der Aufgaben gehen kann, die uns Erez-fsrael und Galufh täglich stellen. Denn so mancher Versager, manch unerfüllt gebliebene Aufgabe, die der unzufriedene, von höchstem Pflichtbewußtsein erfüllte Zionist in der Provinz der Leitung der Z. V. f. D. zur Last legt, haben ihren letzten Grund darin, daß nicht die besten Zionisten bisher die bestmögliche Leitung wählten, sondern vielfach stumpf gewordene, von sich selbst enttäuschte Menschen, denen jede Leitung genehm war, die sie aus ihrer zionistischen Katalepsie nicht erwecken wollte. Wir aber, die wir bemüht waren — in allen Parteien und an allen Orten —, unserer schweren Aufgabe gerecht zu werden, erkennen nur denen eine Berechtigung zu, Leitung und Richtung der Z. V. f. D. zu bestimmen, die gleichen Geistes sind. Geistige Dezentralisation Von Rudolf Samuel, Breslau I. Mit einem gewissen Rechte wurde in den Aufsätzen, die die ״Jüdische Rundschau“ bisher zu den Problemen des kommenden Delegiertentages veröffentlichte, hervorgehoben, daß der XXII. Parteitag der deutschen Zionisten im Zeichen der Innerdeutschen Arbeit stehen würde. Jedoch muß einleitend festgestellt werden, daß diese Meinung nur bedingt richtig ist Zunächst einmal ist das Leben der Zionistischen Organisation so eng mit dem «׳erdenden Palästina verknüpft, daß diese Verflechtung nicht aufgehoben werden kann und auch nicht a ufgehoben werden soll. Delegiertentage sind Feiertage des zionistischen Lebens und die Parole, daß auf ihnen ״vom Thema nicht gesprochen werden darf“, wäre gerade im Interesse der zionistischen Arbeit, für die doch Palästina die wesentlichste Kraftquelle ist, falsch und unerwünscht Wenn heute darüber geklagt wird, daß sich soviel Zionisten nur noch ״als Objekt und nicht mett als Subjekt“ der zionistischen Arbeit fühlen, so trifft das sicher auf alle die nicht zu, die das Bewußtsein haben, den Aufbau Palästinas mit: zugestalten. Noch weitaus mehr als bisher muß der einzelne Zionist am innerpolitischen Leben der zionistischen Weltorganisation teilnehmen, die Verantwortung für unser Werk mittragen, mithelfen Entscheidungen zu treffen. Es wäre nicht nur unerträglich, wenn diese schicksalsschweren Entscheidungen hur auf einem kleinen Kreise lasten würden, während die Majorität der Zionisten den Auseinandersetzungen und Diskussionen fremd, verwundert und ohne Verantwortung gegenüberstehen, sondern diese Staatsbürgerschaft im Zionistenstaat ist ja gerade das Aequivalent, das dieser zu bieten hat. Alles andere, Geldsammlung ebenso wie Propaganda, ist nur äußeres, technisches Beiwerk, das die zionistische Gemeinschaft zur Erfüllung ihrer Aufgabe vollbringen muß, die gemeinsam und verbunden und unter innigster sorgenschwerer Anteilnahme jedes Einzelnen das künftige Ocmeinwesen des Judenvolks baut. So werden nicht nur, wie doch anzunehmen ist, diejenigen, die die Beschlüsse des letzten Zionistenkongresses mit herbeiführen halfen, gewiß freudig die seltene Gelegenbeit benutzen, ihrer Wählerschaft ihre vielleicht manchmal nicht ganz verstandene Stellung auf dem Kongreß zu erklären und zu deuten, sondern man muß auf dem XXII. Delegiertentag mit voller Absicht versuchen, die Verknüpfung des einzelnen deutschen Zionisten mit dem Innenleben der Weltorganisation ein Stück weiter zu treiben. Denn von denen, die lediglich mit den unangenehmen Aufgaben unseres Werkes belastet sind, aber, unberührt vom Innenleben unserer Gruppe, inj übrigen ohne Fragen und ungefragt beiseite stehen, kann man allerdings nicht erwarten, daß sie die seelischen und materiellen Lasten des Aufbauwerkes dauernd geduldig und in gleicher Frische tragen. II. Aber die weltanschauliche Differenzierung, die im Zeitalter der Verwirklichung als naturnotwendiger Prozeß die Zionistische Organisation ergriffen hat, läßt sich auch aus einem zweiten Grunde auf dem Delegiertentag nicht ausschließen. Denn auch die deutsche Arbeit wirft eine Anzahl Probleme grundsätzlicher Natur auf, die der Einzelne je nach seiner weltanschaulichen Stellung verschieden beantworten wird. Wir alle finden den augenblicklichen Zustand des deutschen Zionismus als nicht sehr befriedigend. Wenn aber eine Aenderung erreicht werden soll, so kann dies nur geschehen, wenn alle Gruppen und alle Kräfte zu gemeinsamer Arbeit zusammengefaßt werden. Damit nähern wir uns schon einem der, wie wir meinen, ganz zentralen Probleme der Z. V. f. D. Dabei handelt es sich nicht, wie es an dieser Stelle kürzlich hieß, um ״Imponderabilien“, sondern das ist ein Wort, das sich in der zionistischen Diskussion meistens dann einstellt, wenn man einem Problem ausweichen will. Ohne Rücksicht auf gemeinsame Kampfgenossenschaft und freundschaftliche Beziehungen muß einer der Gründe für die augenblickliche Entfremdung zwischen dem deutschen Zionismus und der deutsch-zionistischen Organisation einmal offen ausgesprochen werden. Das ist die allzu einseitige Zusammensetzung des Verwaltungskörpers, der den deutschen Zionismus seit einigen Jahren geführt hat. Jede Bürokratie wird stets in gewissem Sinne volksfremd sein, denn sie ist immer auf den Normälstaatsbürger zugeschnitten, der nicht existiert mA tedivliuelle Abwefchttngen «qn ihren Ragjdit־ uttd'Edrwff 8|«r ihr“' im 'GÄie‘*üt»e#hau|L nicht erlatäf. Für jede Biffröferatle liegt außerdem 'die''Versuchung nahe, auf dem Wege über die Verwaltung auch die politische Meinungsbildung der Untertanen zu beherrschen. Aus beidem resultiert nicht nur immer die Gefahr der Entfretndung, sondern auch die bei weitem größere, daß d i e freie Initiative der verwalteten Organisation zugunsten eines bürokratischen Zentralismus erstickt und getötet wird. Ganz besonders groß ist diese Gefahr aber dann, wenn der Verwaltungskörper nicht alle lebendigen Kräfte in sich sammelt, sondern — aus Zufall oder mit Absicht — nur einen Teil der Organisation hundertprozentig repräsentiert. Solche Entwicklungen wurden oft gesehen und auch bei uns scheinen sich Anfänge vorzubereiten. Wir wollen hier aber nicht sinnlose Kriegsschuldfragen aufrollen, sondern begnügen uns mit der Feststellung, daß der Verwaltungskörper der Z, V. f. D. geistig zu verarmen droht, weil die ehrenamtlichen und beamteten verantwortlichen Funktionäre fast ausnahmslos einer ganz bestimmten Richtung angehören, nur eine einzige ganz spezielle Nuance des deutschen Zionismus repräsentieren. Hier muß der XXII, Delegiertentag Wandlung schaffen und dafür sprgen, daß der Geschäftsführende Ausschuß und vor allem das Präsidium der Z. V. f. D. auch mit neuen Menschen aufgefüllt werden, die auf Grund anderer Herkunft und anderer Erziehung die Probleme des Tages anders sehen und anders beurteilen. Was der Delegiertentag uns vor allem geben muß, Ist, wie wir meinen, frisches Blut. Hi. Die Einseitigkeit, mit der der deutsche Zionismus heute nach außen vertreten wird, wirkt aber nicht nur auf die Stellung der Zionistischen Organisation, auf den Kreis der deutschen Zionisten zurück, sondern erschwert uns im gleichen Maße auch die Arbeit unter den Nichtzionisten. Unsere Propaganda ist heute einseitig und volksfremd, ln ihrem Mittelpunkt steht heute die Analyse der jüdischen Gegenwart mit dem Ziel, dem einzelnen jüdischen Menschen begreiflich zu machen, daß er aus innerer indi vidueller Notwendigkeit Zionist werden muß. Diese Methode ist zweifellos gut und wirksam, aber sie ist auch zweifellos nicht die einzig mögliche und ergreift darum nicht alle die Menschen, die wir erfassen könnten. Sie soll nicht beseitigt oder verringert, aber ergänzt werden. Das wird um so notwendiger, als sie, wie wir glauben, schon heute der geistigen Haltung des deutsch-jüdischen Menschen nicht mehr ganz so angepaßt ist, wie früher und ln absehbarer Zeit ihr noch ferner stehen wird. Das, was man heute ״neue Sachlichkeit“ zu nennet» pflegt, ist nicht nur ein Konglomerat von naiven und simpüzistischen Amerikanismen, sondern enthält auch einen berechtigten Kern, den man nicht ablehnen kann. Es ist zum Teil auch eine Reaktion auf Jahre der Romantik und Mystik, die in enger Anlehnung an die Entwicklung der Wirtschaft, der Technik und der exakten Wissenschaft versucht, einen rationaleren, realistischeren Menschentyp zu schaffen. Diese Tendenz kann in dem Augenblick nicht bezweifelt werden, in dem man sogar auf dem Gebiete der Philosophie und Erkenntnistheorie den neuartigen Versuch macht, ein neues System unter bewußter enger Anlehnung an die empirischen Wissenschaften aufzubauen. Ohne Zweifel dürfen wir diese Strömungen nicht aus dem Auge verlieren, denn■ was hier im kleinen Kreise geschieht, wird ebenso schnell wie unmerklich zum Gemeingut und Kennzeichen großer Schichten werden. In gewissem Sinne ist das heute vielleicht schon geschehen. Denn wer die großen Bewegungen verfolgt, die die Nachkriegswelt politisch und geistig beherrschen, der findet in allen von ihnen, sei es internationale Vertrustung oder Paneuropa, Bolschewismus oder internationale Politik, einen gemeinsamen und charakteristischen Zug. Der geistige Habitus der Menschheit transformiert sich in zunehmendem Maße vom Individualismus zum Kollektivlsraus. Dafür braucht man gerade jetzt keine Beispiele anzuführen, während sogar die liberale Partei Englands, der Jahrhunderte alte Hort des Individualismus, in ihrem neuen Partei- Programm die wesentlichsten Grundsätze des Manchestertums glatt gestrichen hat. So möchte man glauben, daß heute der Zionismus in einer solchen Form werbungskräftiger wäre, die ihn nicht als Individualproblem, sondern als Kollektivproblem aufzeigt. Man soll dein deutschen Juden heute nicht nur sagen, daß er zum Zwecke der Rettung seiner eignen schönen, aber völlig uninteressanten Seele Zionist werden muß, sondern, daß es sich um die Erhaltung oder* den Untergang des jüdischen Menschentypus, des Judentums als einer Gesamtheit handelt. Doch sind wir uns darüber klar, daß diese Auffassung des Zionismus und der zionistischen Propaganda an unsere eigne weltanschauliche Stellung gebunden ist. Sie kann darum gleichfalls nicht als einzige Geltung haben. Aber es spllte gezeigt werden, daß es verschiedene Auffassungen gibt und daß die Werbung des deutschen Zionismus, dadurch, daß sie lediglich die eine überbetont, heute einseitig und darum nicht so fruchtbar ist, wie sie sein könnte. IV. Die einseitige individualistische Auffassung des Zionismus, die heute in unserem Kreise herrscht, äußert sich aber nicht nur »n der Propaganda, sondern auch an vielen anderen Stellen Nur zwei Beispiele seien zum Schluß noch herangezqgen. Das eine ist die Erziehung der zionistischen Jugend. All die Kämpfe, die seit einer Reihe von Jahren um den Blau-Weiß und in seinen eigenen Reihen geführt wurden, sind im Grunde nichts anderes als dieser Gegensatz der Anschauungen gewesen. Das wurde von unserer Seite stets klar erkannt und ausgesprochen und das schon früh• zeitig prophezeite Ergebnis hat uns recht gegeben: Die Er- Ziehung von Menschen, die sich drüben im neuen Jischuw einordnen oder gar als Arbeiter hinübergehen sollen, wird lediglich dann erfolgreich sein, wenn die zionistische Auf fassung, die ihr zugrunde liegt, die eines kollektivistischen Zionismus ist. Das nicht frühzeitig genug erkannt, sondern im Gegenteil trotz aller Warnungen die individualistischzionistische Tendenz im Blau-Weiß ständig gestärkt zu haben, das ist die große Schuld derjenigen, die als Vertreter der Gesamtheit des deutsche(» Zionismus in all den vergangenen jafifqa,"'al|-:,'l?epi|5*ntiwt®»fax .?* V. f. D. di«. EntwiÄng . der zionistischen Jugend beeinflußten. 'Die Verkehrtheit’ iiifset' Weges ist heute in einer geradezu grotesken Form durch das Experiment bestätigt und wir wollen hoffen, daß der deutsche Zionismus nunmehr endlich daraus die Folgerung zieht, daß Ille Liebe und Sorgfalt gerade den zionistischen Jugendorganisationen gebührt, deren geistige Grundlage ein kollektivistischer Zionismus ist und deren Werk daher erfolgreicher ist und sein wird. Als letztes Beispiel sei unsere Stellung zum deutschen Judentum erwähnt. Der Zionismus behauptet stets und mit Recht, nicht eine Partei, sondern der legitime Vertreter des gesamten Judenvolks zu sein Der deutsche Zionismus steht aber dem deutschen Judentum kaum mit der geistigen Haltung einer Partei, sondern vielmehr mit der einer esoterischen Sekte gegenüber. Wo haben wir uns schon einmal um die wirklichen Lebensinteressen des deutschen Juden gekümmert? •Heißt denn Zionismus, als national-soziale Freiheitsbewegung de§ jüdischen Volkes gesehen, nicht auch Anteilnahme am Schicksal der Teile, die int Galuth leben? Einzelne Zionisten haben in dieser Richtung gearbeitet, die Z. V. f. D. als solche hat in ihrer augenblicklichen Einstellung hierfür kein sonderliches Interesse. Das alles wird nicht aus einer Doktrin heraus gesagt, sondern führt zu höchst praktischen Konsequenzen. Wie können wir uns darüber wundern, daß der Einfluß des C.-V. im deutschen Judentum immer noch stark ist? Wir zwingen ja den deutschen Juden mit all den Nöten, Forderungen und Aufgaben des Tages beim C-V. Schutz zu suchen, da wir uns um diese Dinge allzu wenig kümmern. Der G.-V. mag diesen Forderungen nur falsch und schlecht genügen, aber jedenfalls ist er da und tut irgend etwas. Daß dann sein Einfluß unter den deutschen Juden nicht auf das Gebiet des Abwehrkampfes beschränkt bleibt, sondern ihm und seinen Führern dann auch die beliebten Schauermärchen über den Zionismus und die grotesken Gerüchte über Palästina glaubt, ist klar wie der Tag. V. So mögen diese kurzen Betrachtungen zeigen, daß der Krebsschaden des heutigen deutschen Zionismus das Vor* herrschen einer einzigen geistigen Nuance ist. Das erschwert die politische Meinungsbildung und damit die Anteilnahme des deutschen Zionisten an unserem inneren Leben, und hierdurch wird ihnen die Kraft entzogen, die ihren zionistischen Elan ständig erneuern muß. .Das erschwert die gegenseitige innere Verknüpfung der Führung und Verwaltung mit dem Kreis des deutschen Zionismus. Das gefährdet aufs schwerste das Werk der zionistischen Jugenderziehung. Das macht die Propaganda einseitig und weniger wirksam. Das isoliert den deutschen Zionismus im deutschen Judentum. Nur um Mißverständnissen vorzubeugen, sei hinzugefügt, daß es sich in diesen Betrachtungen nicht um die Gegensätze eines mehr oder weniger ״radikalen“ Zionismus handelt Das blieb vielmehr ganz außerhalb der Erörterung und liegt uns auch fern. Es handelt sich auch nicht um einen Angriff gegen die, die den Zionismus in anderer Weise als wir begreifen. Nur der Schaden, der daraus erwächst, daß man das vielgestaltene zionistische Leben in eine einzige Form zu pressen versucht, sollte hier skizzenhaft angedeutet werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.