Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1928)
- Date
- 1928-05-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 285 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37, II. V. 1928 Oie Lage im polnischen Zionismus Uneinigkeit in der Se]m-Vertretung. — Die Regierung und die Juden. — Die Unifikation der allgemeinen Zionisten. Von unserem Korrespondenten. —g. Warschau, Anfang Mai 1928. 1»fe Wahlen rum polnischen Sejm und Senat brachten, wie wir ausführlich bereits berichtet haben, einen innerjüdischen Sieg der Zionisten, und zwar sowohl in Kongreßals auch in Kleinpolen. Nur darin liegt die große Bedeutung dieser Wahlen für die polnische Fudenheit, denn im übrigen ist doch die durch den Druck der Regierung erzwungene Reduzierung der jüdischen Repräsentanz eine Schwächung des jüdischen Einflusses. Diese numerische Schwäche noffte man nun durch die innere Stärke der zusammengeschlossenen, last rein zionistischen (17 von 19) Parlamentsvertretung zu kompensieren. Die unzweifelhafte Vorherrschaft der Zionisten im jüdisch-politischen Leben sollte auch der Hebung des zionistischen Prestiges und der Intensivierung der zionistischen Arbeit in Polen stärkstens deutbar gemacht werden. Leider sind bis nun diese Hoffnungen noch nicht in Erfüllung gegangen. Ein einheitlicher jüdischer Parlamentsklub existiert noch nicht, die reinzionistische Tätigkeit hat vom Märrsieg noch nichts genossen. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Grünbaum- und Reich-Gruppe machen einen Zusammenschluß der zionistischen Sejmvertreter unrnöglieh. Es herrscht gegenseitiges Mißtrauen, Angst vor Majorisierung (beide Gruppen sind fast gleich stark) und dies verursacht die Hauptschwierigkeiten. Denn die bestehenden aktuellen Differenzen betreffen fast nur taktische Fragen, sie könnten in einer versöhnlichen, vertrauensvollen Atmo- Sphäre immer ausgeglichen werden, in den gegebenen Verhältnissen aber spitzen sich die Gegensätze zu, das persönliche Moment wird hervorstechend, Fragen der Taktik verwandeln sich in prinzipielle Probleme. Scheinbar handelt es sich darum, wer Vorsitzender des Jüdischen Sejmklubs sein soll. Von den exponierten Führern (Grünbaum, Reich, Thon) äst jeder für die andere Gruppe unannehmbar. Auf die von Grünbaum vorgeschiagene Kandidatur des Abg. Hartglas gingen die Vertreter aus Kleinpolen nicht ein; dieses Amt bekleidet nun provisorisch der älteste zionistische Abgeordnete Dr. W i g o d z k i. Ein Provisorium ist aber auf die Dauer unhaltbar. Denn eigentlich bestehen noch einige selbständig vorgehende jüdische Sejmklubs (von den ״Regierungsjuden“ abgesehen); die vom Minoritätenblock gewählten Abgeordneten der Liste Nr. 18, die allgemeinzionistischen Vertreter aus Galizien (Liste Nr. 17) und der auf derselben Liste gewählte, doch keinem dieser beiden Klubs angeschlossene Hitachduth-Abgeordnete Heller. Abg. G r ü n d a u m suchte vom ersten Augenblick gar keinen Zusammenschluß mit den anderen zionistischen Gruppen, ja er dehnte sogar über die Wahlen hinaus sein Bündnis mit anderen jüdischen Organisationen, welche dem Minoritätenblock angehörten, aus, und schuf so ein künstliches Gegengewicht gegen die Zionisten aus Kleinpolen. Der ״jüdische Nationalrat“ unter Führung des Abg. Grünbaum sollte das gemeinsame Band dieser Gruppen in Kongreßpolen bilden. Dieser Schritt stieß auf Widerstand der ״Hitachduth“ in Kongreßpolen, welche einen Zusammenschluß sämtlicher zionistischer Verbände im Sejm forderte, um auf diese Weise faktisch und formell die Hegemonie des Zionismus zu erhalten. Grünbaum ließ nicht nach, konstituierte und registrierte im Sejm seine Gruppe als sog. ״Klub des jüdischen Nationalrats“, und verschärfte auf diese Weise die Beziehungen zu den Genossen aus Galizien. So sind wir jetzt Im Sejm Zeugen einer doppelten zfjitotstiיchen ,Ptfllttkf*fcn&Hflllffr V0fstfflt1i|»in>-%ftd' Interventionen bei den Zentralbehörden usw. Die breite jüdi» sehe Öffentlichkeit fordert aber Vereinheitlichung der Sejmarbeit, harmonisches Zusammengehen, Führer beider Gruppen beteuern ihren Willen zur Einheit, bis nun aber ist kein ernster Schritt dazu gemacht worden. Die Situation erheischt aber rasches und energisches Handein. Die Regierung, welcher beide Gruppen das Budget votierten, ruft mit manchen ihren Handlungen Beunruhigung und starke Unzufriedenheit der jüdischen Bevölkerung hervor. Zu den altbekannten, noch immer nicht realisierten Forderungen, welchen Abg. Grünbaum im Sejm und Dr. Schreiber im Senat während der Budgetdebatte Ausdruck gaben (Abschaffung der Begrenzungen aus der Zarenzeit, Milderung des Sonntagsruhegesetzes, Erfüllung der kulturellen Postulates, kommen letztens neue hinzu. In den Randgebieten und in Kleinpolen wurden Wahlen zu den jüdischen Gemeinden ausgeschrieben. Ein zu begrüßender Schritt, welcher endlich das jüdische Gemeindewesen in Ordnung bringen soll, wenn auch nicht gemäß allen unseren Forderungen. Aber schon wurden in vielen Orten Kleinpolens jüdisehe Gemeinden, die eine zionistische Mehrheit hatten, aufgelöst und die Befürchtung liegt nahe, daß die bevorstehenden Gemeindewahlen nach dem berühmten (letztens aufgefrischten) ״galizischen“ Muster durchgeführt werden sollen, was nichts anderes als Favorisierung der A g u d a h - Orthodoxie seitens der Regierung bedeutet. In den letzten Tagen kommen aus sämtlichen Gegenden des Landes schwere Klagen und Hilferufe infolge enorm hoher Steuern, welche in erster Linie Juden sehr hart treffen. Delegationen jüdischer Kaufleute und Handwerker belagern massenweise die jüdischen Abgeordneten und verlangen Hilfe. Die ganze Not und Tragik der jüdischen Lage in Polen wird wiederum augenscheinlich. Kaum begann sich seit zwei Jahren die ökonomische Situation zu bessern, fängt nun wieder die Steuerschraube unbarmherzig an, jüdische Existenzen zu gefährden. Ein Gebot mehr, die Reihen zu schließen. So wurde auch vor einigen Tagen der erste Schritt zur Unifizierung der zionistischen Bewegung in der polnischen Republik getan. Die Zersplitterung der zionistischen Kräfte ist doch eine der Hauptursachen der zionistischen Schwierigkeiten hierzulande. Zersplittert ist vor allem die allgemeinzionistische Bewegung, und eine Konsolidierung derselben kann erst den Zusammenschluß sämtlicher zionistischer Föderationen ermöglichen. Das erste Stadium der Unifikation der allgemeinzionistisehen Organisationen Polens wurde bereits vor zwei Jahren durchgemacht. Die Kämpfe auf landespolitischem Gebiete haben aber dieses Werk gleich im Anfänge zugrunde gerichtet. Nun wurden neue Bemühungen — wiederum gab Westgalizien die Initiative — unternommen, und am 29. April fand in Lodz (in einer ruhigeren und ernsteren Atmosphäre als in Warschau) eine Beratung der Vertreter der allgemeinzionistisehen Zentralkomitees aus Warschau, Lemberg und Krakau statt. Die Beratung bezweckte eine Koordination der reinzionistischen Tätigkeit obengenannter Verbände und Schaffung der hierfür nötigen Organe. Das Warschauer Zentralkomitee, welchem die raaikalzionistische Gruppe Grünbaums fernsteht, und in erster Linie die Zionisten Westgaliziens plädierten stark für einen Zusammenschluß, dagegen hielten sich die Delegierten aus Ostgalizien etwas reserviert, und zwar aus Angst vor Beeinflussung in landespolitischen Fragen. Es gelang schließlich, eine Verständigung zu erzielen. Den gefaßten Beschlüssen gemäß soll bis zur Einberufung des allpolnischen allgemeinzionistischen Delegiertentages (geplant Ende August d. J.) ein 14gliedriger Oberrat (6 aus Warschau, 4 aus Ost-, 3 aus Westgalizien, 1 aus Wilna) in gemeinsamen zionistischen Fragen und Tätigkeitsgebieten die Initiative ergreifen, zionistische Aktionen durchführen und die Tätigkeit einzelner Landesteüe in Einklang bringen. Es wurde auch beschlossen, die L a n d e s p o 1 i t i k der Zionisten Polens zu koordinieren. Es scheint aber zweifelhaft, ob in diesem Punkte die Grünbaum-Gruppe sich den Beschlüssen des Oberrats fügen wird. Die Lodzer Beratung ist als ein wichtiger Schritt zur Sanierung der Verhältnisse im polnischen Zionismus zu betrachten. Werden ihre Beschlüsse rasch ausgeführt werden, sind gute Aussichten für die zukünftige Arbeit vorhanden. Dann kann die Reihe an den ״Territorialverband“ kommen, welcher bis nun nur in Westgalizien ins Leben gerufen wurde. Eine Koordinierung zionistischer Tätigkeit auf sämtlichen Gebieten in allen Teilen Polens ist aber eine eiserne Notwendigkeit. Dies würde die Bewegung nach außen stärken, der zionistischen Propaganda dienen und eine Pro Palästina-Bewegung in Polen schaffen helfen. Keine zionistische Einzelaktion kann recht gedeihen ohne solche Koordination. Einen Beweis mehr liefern uns die letzten Wochen. Ein wirres Durcheinander in Kongreßpolen. Es wird gesammelt und agitiert für den Keren Hechaluz, für die Fonds des arbeitenden Erez-Israel (die Hitachduth und die Poale Zion besonders.1), für Keren Hatarbuth. Di« Schekelaktion leidet darunter und noch mehr der Keren Hafessod. Hoffentlich wird die Ankunft Leib Jaffes aus Palästina eine Gesundung dieser Verhältnisse anbahnen. In Galizien, speziell in Westgalizien, ist die Situation viel besser. Für den Keren Hajessod wird wiederum intensiv gearbeitet, die Schekelpropaganda im großen Elan durchgeführt. Soll aber der in diesem Jahre erwartete Besuch Wetzmanns In Polen Früchte bringen, muß bis dahin unbedingt alles weggeräumt werden, was im Innern die zionistische Arbeit auf breiter Basis hemmt und stört. Konzentration sämtlicher Kräfte ist die nächste Aufgabe des polnischen Zionismus. Jacob Wassermann, der gegenwärtig in der;,Berliner Illustrierten Zeitung“ Tagebuchaufzeichnungen von seiner vor• jährigen amerikanischen Reise veröffentlicht, schreibt in der letzten Nummer unter dem Datum 6. März (1927); ״Die ganze Nacht mit Chaim Weizmann im Gespräch. Interessante Aufschlüsse über Anfänge und Geschichte des Zionismus. Die Unterhaltung mit dem sehr bedeutenden Manne habe ich besonders fixiert, und sie wäre an besonderer Stelle einmal auszuführen.“ ' Franz Oppenheimer in London Wie schon kurz mitgeteilt, gab die Zionistische Exekutive in London zu Ehren des berühmten Soziologen Professor Franz Oppenheimer, der gegenwärtig an der Londoner Universität Gastvorlesungen hält, ein Luncheon im First Avenue Hotel. Nahum Sokolow, erinnerte daran, welchen starken Eindruck das Erscheinen Franz Oppenheimers auf dem 6. Zionistenkongreß gemacht hat. Oppenheimer entwickelte damals seine konstruktiven Pläne zum Aufbau Palästinas auf kooperativen Grundlagen. Der Eindruck war um so stärker, als bekannt war, daß Oppen• heimers Vater, ein Reformrabbiner, die Streichung des Wortes ״Zion“ aus den jüdischen Gebeten verfügt hat. Der Sohn aber, sagte Sokolow, kehrte zu Zion zurück und arbeitet seit jener Zeit an der Verwirklichung des zionistischen Ideals. Es sprach sodann der Lehrer der politischen Oekonomie an der Londoner Universität Prof. Graham Wallas, der ausführte, Oppenheimer sei derjenige deutsche Oekonomist, der durch seine metaphysikfreie, sachlich durchdachte Lehre den englischen Oekononnsten am meisten verständlich sei. Seine Mithilfe an dem Aufbau Palästinas entströmt all• gemein menschlichen Gesichtspunkten. Auch viele Christen sind an der Verwirklichung des zionistischen Ideals inter* essiert. Prof. Wallas, selbst Mitglied des Beirates der Jerusalemer Universität, glaubt, daß sich in Palästina die jüdische Begabung konzentrieren und vielleicht auf mancherlei soziale Probleme der menschlichen Gesellschaft, für die noch keine Lösung gefunden ist, die Antwort finden werde. Franz Oppenheimer sagte in seiner Dankrede, für ihn sei der Aufbau Palästinas sowohl ein jüdisches wie ein allgemein menschliches Problem. Er hoffe, Palästina werde einmal die ״Schweiz der Levante“ sein, in der Juden und Araber bürgerlich Zusammenarbeiten werden. Sein System der landwirtschaftlichen Kooperation sei in Palästina Schwierigkeiten begegnet; die Arbeiter waren nicht genug vor• bereitet gewesen; dennoch sei die heutige Genossenschafts• Bewegung Palästinas gewissermaßen ein Resultat jener Ver* suche. Der Zionismus werde sein Ziel nur erreichen, wenn seine Maschine mit etwas sozialistischem Oel geschmiert sein wird. Der Erfolg Palästinas hängt von dem Maß der Unterstützung ab, die die Nichtjuden und vor allem das jüdische Volk in seiner Gesamtheit der Sache des jüdischen Aufbaues, dieser wahren Menschheitssache, zuteil werden zu lassen. Er hoffe, daß in Palästina eine soziale Ordnung erstehen wird, die der Welt ein Beispiel geben werde. Haivany and Ralhenao Das Urteil gegen Baron Hatvany ist von der Berufungsinstanz in Budapest mit kleinen Milderungen bestätigt worden. Bei der Berufungsverhandlung bewies der Staatsanwalt den Landesverrat Hatvanys durch die Erwähnung, daß Hatvany sich bei Rathenau, dem ״Vorbereiter des deutschen Um- Sturzes“, Rat geholt habe. Diese Bemerkung des Staatsanwalts gab Anlaß zu einer Debatte im ungarischen Pariament. Das Hineinziehen des Namens Rathenau in die Affäre Hatvany ist sehr lehrreich. Man ist gegenwärtig in jüdisehen Kreisen Deutschlands geneigt, sich bezüglich des Antisemitismus zu beruhigen. In und zwischen den Zeilen der jüdischen Zeitungen in Deutschland wird mit Befriedigung festgestellt, daß bei den gegenwärtigen Vorbereitungen zur Reichstagswanl vom 20. Mai judenfeindliche Schlagworte und der Radauantisemitismus eine geringere Rolle spielen als bei den Wahlen im Jahre 1924. Da® ist tatsächlicn der Fall., Doch wäre es grundfalsch attzunehmeft, daß die Beziehungen der Judenfeinde zum jüdischen Teile der Bevölkerung in Deutsch• Iand sich wirklich gebessert hätten. Man vergißt in jüdisehen Kreisen zu leicht, daß 90 °/0 der deutschen Hoch- Schuljugend rassenantisemitisch sind, daß die pseudo-wissenschafüiche antisemitische Literatur mächtig angeschwollen ist und in starkem Maße auch ins Ausland exportiert wird. Einflüsse dieser in ״wissenschaftlichen“ Form gekleideten literarischen Judenhetze sind es, die im Budapesfer Staatsanwalt die Ueberzeugung reifen ließen, in Ratnenau einen Exponenten des jüdischen Zerstörergeistes zu sehen, mit dem er auch Hatvany angesteckt hat. Ueberflüssig zu betonen, daß Rathenau ein glühender deutscher Patriot und Hatvany ein fanatischer Vertreter des Magyarentunis ist. Trotzdem sind beide nicht davor geschützt, als Verräter und Zerstörer ihrer Vaterländer bezeichnet zu werden. In der großen Bäckerei Bermann in Jerusalem brach ein Lohn- und Arbeitszeitstreik aus, der nach mehrtägigen Verhandlungen unter Eingreifen des Justizministers Bentwich durch Einsetzung eines neungliedrigen Schieckgerichtes unter Vorsitz Dr. Ruppins beendet wurde. samtton. Die Unterrichtsstunde, ChederJungen mit dem Rabbi am Tisch, die Stube, in der neben der Wiege die Gans ihren Ruheplatz hat, andere Interieurs klar, exakt mit Sonne oder verteiltem Licht, sie alle haben blaue Wände, aber zumeist auch etwas Festliches. Die Spannweite, die vom Milieu zur Realität größten Stils führt und von der Altmeisterqualität zur dichterischen Schönfung aus Schicksal und Landschaft und darüber fort zur Synthese mit moderner Gegenwart rechtfertigt sicherlieh den Anspruch, daß Minkowski einer der wirklichen Meister ist. Von Daten ist zu melden, daß er 1881 geboren ist, als Mal- Wunderkind schon mit elf Jahren den Gouverneur von Warschau porträtierte und die Akademie in Krakau vom 19. bis zum 23. Lebensjahr besucht hat. In früher Jugend verlor er durch einen Unfall Sprache und Gehör. Die Hinwendung zum ausschließlich jüdischen Thema geschah durch die Erschütterung des Pogromjahres 1905. Seine Gemälde aus den Jahren 1905/1906 wurden durch Postkartenreproduktionen bekannt. Ruth Morold. Jankei Adler Seine Bilder ln der Kunstausstellung Düsseldorf Wirr durcheinandergemischt sind die Werke in den großen and kleinen Sälen. Ich passiere bekannte jüdische Namen: Liebermann, Levy, Kaufmann, Cesar Klein. Aber ich strebe weiter ins Zimmer 37 und stehe gebannt vor den zwei Soldaten von Jankel Adler. Man soll das Werk unabhängig vom Künstler kritisieren. Aber das Bild hat mich so fasziniert, daß ich Adler persönlich aufsuchte. Er ist der Typus des russischen Juden: klein, etwas rundlieh mit melancholischen Augen. Seine Art zu sprechen ist nachdenklich und gedehnt, wenn er Bart und Pejes hätte, könnte man ihn für einen Schalom-Alechem-Juden halten. ״Es gibt Maler, die Juden sind, und es gibt jüdische Maler“ sagte Jankel Adler. Adler ist ein jüdischer Künstler im wahrsten Sinne des Wortes. Denn es gibt selbstverständlich eine nationale Vojkskunst, ohne die Individualität des Schaffenden zu beeinträch• tigen. Aus Adlers Werken spricht jüdisches Wesen und jüdische Empfindung. Dieser Maler hat die jüdische Psyche erfaßt und prägt den Gestaltungen seinen individuellen Stempel auf. Drei Bilder dieses Künstlers sind ausgestellt: zwei Menschendarstellungen und ein Tierbild. Die Menschenbilder haben ein Gemeinsames im Ausdruck der Augen. Es sind keine Pupillen, sondern einfach Löcher Die Lider sind halb geschlossen und in den Höhlen gähnt eine dunkle Leere. Dem Reiz seiner eigenartigen ornamentalen koloristischen Gestaltung kann sich niemand entziehen. Betrachten wir das erste Menschenbild: Soldaten. Da sitzt ein Krieger auf einer Bank mit den Gebetriemen auf Stirn und Arm und be—, nein, er betet nicht, wenigstens nimmt sein Antlitz keinen ekstatischen Ausdruck an. Die Augen tief in den Höhlen mit zusammengepreßten Lippen, so sitzt er still da. Vielleicht macht er aber auch schaukelnde Bewegungen und murmelt etwas vor sich hin, ohne die Lippen zu öffnen, jedoch denkt er zweifellos nicht an das, was er murmelt, sondern — wahrscheinlich — an den Schützengraben, seine Heimat, die Familie, aber an nichts, was mit den Gebetriemen in Zusammenhang zu bringen wäre. Neben ihm steht sein Kamerad, die Arme auf ein Pult gelehnt. Hinter den halbgeschlossenen Lidern starren die Augenhöhlen ins Weite. Er träumt. Das zweite Bild: Zwei Mädchen. Es sind häßliche, aufgedunsene, jüdische Frauentypen. Das erste, was sich aufdrängt, ist der Ausdruck der Augen. Wie melancholisch, wie träumerisch, aber den Frauen fehlt das Geistige, das die Männer besitzen. Das Tierbild stellt zwei große, herrliche Katzen dar. Freie Tiere, auf freiem Hügel in freiem, wildem, sorgenlosem, ausgelassenem Spiele. Diese Katzen haben keine dunklen Augenflecke, wie die Ghettojuden. Grün leuchten sie, wie die Freiheit und das Glück. Jankel Adler sagt: ״Kritisieren darf nur der Künstler selbst“, aber damit hat er Unrecht. Wohl hat er recht, wenn er behauptet, es gäbe keine objektive Kritik. Und ich glaube, daß ich für seine Werke nicht so eingenommen wäre, wenn ich nicht selbst zum Volk der Juden gehörte. Wirklich berechfigt zur Kritik ist nur das Publikum. Nur iven das Volk anerkennt, der kann auch wirken. Düsseldorf, Anfang Mai 1928. Leo Krell Konzert Lazare Saminsky Im Rahmen der ״Internationalen Gesellschaft für neue Musik“ gastierte der jüdisch-russische Dirigent Lazare Saminsky vor einem Kammerorchester aus Mit• liedern der Städtischen Oper und unter Mitwirkung der ängerinnen Eugenia Van de Veer und Ria von Hessert. Saminsky bevorzugte in seinem Programm stark die jüdi• sehen Autoren der modernen Musik-internationale. Man hörte Werke von Darius Milhaud, Ernst Toch, Serge Prokofiew, Frederick Jacoby und von Saminsky ein Salonstück ״Venice“ sowie eine kräftig-naiv kolorierte ״Litanei“ für Sopran mit Orchesterbegleitung. Dann noch je ein Lied mit Kammerorchester von Griffes, Bauer, Car• penter, Kramer, Taylor. Der K1 a n g s t i 1 der aufgeführten Kompositionen stand im Zeichen der Nachfolge Gustav Mahlers, was die Einstellung zu Impressionismus, Romantik, Koloristik, Melodik und instrumentale Wirkungen anlangt. Mahler scheint für den modernen (jüdischen) Komponisten immer noch die musikalische Bibel zu sein. Jedoch waren in diesem Konzert auch vielfach Anklänge an Jazzmusik und typisch Jüdisches zu spüren. Saminsky hat eine deutliche Vorliebe für Wohlklang^ und weitausgesponnene Melodik. Ebenso scheint er als Dirigent eine ausgesprochene Prädisponiertheit für eine unkitschige, sachliche Darstellung romantischer oder romanti• sierender Musik zu besitzen, wenngleich er hierdurch leicht in Gefahr gerät, eine etwas oherflächenhafte, oft ans Süßliche grenzende Artistik zu vertreten. ' Immerhin wurde durch dieses Konzert — ebenso wie im Granowsky-Theater — wieder einmal bewiesen, daß die Art des jüdischen Künstlers von heute nicht mehr nur ״Schwermut und Klage“ auszudrücken braucht; daß sie auch einen etwas leichten, schwebenden, lebendigen Charakter haben kann. (Lazare Saminsky, ein russischer Jude, widmet seine Kunst vorwiegend Werken zeitgenössischer Musik. Er Ist gegenwärtig einer der Leiter der ״League of Composers“ in New York, die diese Ziele vertritt. Er hat außer den hier aufgeführten Werken noch drei Symphonien, eine Oper und ein Ballett ״Rahels Klage“ verfaßt. Seine Werke wurden von vielen europäischen Dirigenten ins Repertoire aufgenommen.) Alice Jacob-Loewenson.