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Jüdische Rundschau · 1928-05-11 · Heft 37 (11.5.1928) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 37 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 264 JUEDISCHE RUNDSCHAU 11. V. 1928 Süden von einer Mißernte betroffen wurden. Heute steht ein für das Land vielleicht noch wichtigeres Gebiet auf dem Spiele. Wir sind überzeugt, daß die Regierung־ die Sachlage gebührend würdigen wird. Es handelt sich nicht uni eine Hilfe für jüdische Kolonisation, sondern für Landesbevölkerung. Hier ist ein Fall, wo es keinen Unterschied zwischen jüdischen und arabischen Interessen gibt. Die wirklichen Lebensinteressen der Völker, die ein Land gemeinsam bcwohnen, sind, jenseits agitatorischer Schlagworte, solidarisch. Nichts zeigt dies deutlicher als die menschlichen Empfindungen gegenüber Naturereignissen, die Schicksalsgemeinsehaft stiften. Abwehr der Heuschrecken, Verhühitlg von Mißernten, Hilfe für die geschädigte Land- Wirtschaft, — dies alles sind gemeinsame Angelegenbeiten, und es wäre wünschenswert, wenn diese Erkenntnis auch Folgen für das politische Denket! hätte. Juden und Araber sollten der Regierung gegenüber in diesen Fragen gemeinsam auftreten. Wir dürfen uns aber keiner Täuschung darüber hingeben, daß auch die Zionistische Organisation durch die Mißernte in ihrem ökonomischen Programm in Mitleiden־ schaft gezogen wird. Das knappe Budget des letzten Jahres ließ nur die allernotwendigsten Aufwendungen zugunsten der im Aufbau begriffenen Kolonien zu. Die Mißernte macht einen Strich durch diese Rechnung. Die Exekutive wird zweifellos einspringen müssen. Es handelt sich natürlich nicht um große Beträge, vielleicht um 10000, vielleicht um £ 20 000; aber in dem bis aufs äußerste angespannten Budget bedeutet auch eine derartige Netiausgabe eine empfindliche Störung. Wir wissen noch nicht, wie sich die Sache in der Praxis gestalten wird; aber wir sollten daraus die Lehre ziehen, daß auch in der zionistischen Verwaltung, die heute bereits für wichtige Lebenszweige eines sich schnell entwickelnden Landes verantwortlich ist, die Anlage einer finanzielien Reserve ein dringendes Erfordernis ist. Unvorhergesehene Ereignisse können überall und zu jeder Zeit eintreten, sie sind kein Charakteristikum der zionistischen Arbeit. Aber nur, wenn man darauf vorbereitet ist, werden sie ohne nachhaltige Störung vorübergehen können. Freilich gibt es noch eine Reserve der zionistischen Fonds. Nur liegt sie nicht auf der Bank, sondern sie ist in den Taschen der Juden. Der Keren Hajessod wird in diesem Jahre mehr brauchen als vorgesehen war: das jüdische Volk muß also mehr geben. Wir betrachten es als selbstverständlich, daß jüdische Menschen diese Sachläge verstehen, die von ihnen nicht irgendwelche unproduktiven Ausgaben fordert, sondern nur das, was sie bisher schuldig geblieben sind, einen Beitrag für die Reserve, die notwendig ist, um in Zeiten vorübergehender Not df#;j|di$c!1e 5ie<fl«»gst§rerk., fntalrt .89' Die Warschauer Todesopfer Die zwei jüdischen Todesopfer der Zusammenstoße am 1. Mai wurden um Mitternacht auf dem Judenfriedhof der Vorstadt Praga bestattet. Die Beerdigung war von der Polizei geheimgehalten worden, so daß sich an der Trauerfeier nur die nächsten Angehörigen der Toten beteiligten. Ein großes Polizeiaufgebot patroullierte in der Umgebung des Friedhofes und hielt alle Neugierigen, die auf den Trauerzug aufmerksam geworden wären, an. In der jüdischen Bevölkerung Warschaus herrscht über die nichtliehe Verscharrung der Todesopfer des polizeilichen ״Miß- Verständnisses“ Empörung. Dr. Lee K. Frankel teilte der J. T. A. mit, daß für den Frühherbst dieses Jahres eine allgemeine jüdische Konferenz in einem Zentrum der Vereinigten Staaten in Aussicht genommen ist, die die Vorschläge der Jewish Agency-Kommission, die am 9. Mai d. I. in London zu tagen beginnt, prüfen und entgegennehmen wird. Das siebente Dominion Colonel Wedgwood über seine Idee Von unserm Wiener Korrespondenten. 1. th. Wien, 6. Mat 1928. Auf einer Durchreise durch Wien sprach Colonel Wedgwood auf Einladung der österreichischen Keren Hajessod-Kommission am Sonnabend, den 5. Mai, über seine Idee, Palästina nach Ablauf des Mandates als siebentes Dominion in das britische Weltreich einzugliedern, worüber er vor kurzem ein auch in der zionistischen Presse bereits vielbesprochenes Buch veröffentlicht hat. In seiner Wiener Rede, die Colonel Wedgwood aus einem Manuskript in deutscher Sprache hielt, setzte er sich zunächst mit den gegen sein Projekt erhobenen Einwänden auseinander. Wenn man sagt, führte Colonel Wedgwood aus, daß die Umwandlung Palästinas in ein Dominion des britischen Weltreiches im Gegensatz zu den Freiheitsbestrebungen des jüdisehen Volkes stehe, so ist dagegen zu erwidern, daß im Gegenteil ein solches Dominion die größte Freiheit für ein jüdisches Staatswesen in Palästina gewährleistet, da eine Eingliederung Palästinas in einen britischen Völkerbund innerhalb des Völkerblindes — außer der Unterstützung seitens der britischen Regierung — in e/ster Linie den ewigen Frieden mit den andern im britischen Weltreich vereinigten Völkerschaften sichern würde. Ueberdies hat ja jedes englische Dominion seine Vertretung im Völkerbund, es ist nur der britischen Krone unter* stellt, aber von der englischen Regierung unabhängig. Das Mandat wird einmal ein Ende finden müssen Und die erste Bedingung hierfür wird die Reife der palästinensischen Bevölke* rung zur Selbstregierung sein. Es wäre die größte Gefahr, wenn Palästina schon jetzt ein freigewähltes Parlament und eine unabhängige Regierung erhalten würde, solange die Juden dort keine Majorität besitzen. Wenn sich also die Zionisten entschließen würden, darauf hinzuarbeiten, daß Palästina einmal als Dominion in das britische Weltreich eingegliedert werde, so müßten Sie von der englischen Regierung zunächst die Ver- Sicherung verlangen, daß Palästina eine autonome Regierung erst dann erhalten würde, bis die Zionisten den Augenblick für gekommen erachten. Wenn England aber dieses Versprechen abgibt, müßten sich nach Colonel Wedgwoods Ansicht die Zionisten sofort entscheiden, denn ״das Ziel“, meint er, ״bestimmt die Arbeit und die Bundesgenossen der Arbeit“. Den Einwand gegen sein Projekt, daß das europäische Judentum in solch einem Falle vielleicht wertiger geneigt sein würde, dem Zionismus finanzielle Hilfe angedeihen zu lassen, hält Colonel Wedgwood für hinfällig, denn er glaubt, daß mit der verstärkten Sicherheit der Verwirklichung des Zionismus auch die finanzielle Hilfe der Juden und die moralische der Nichtjuden sich bedeutend steigern würde. Daß die Aussicht auf die Umwandlung Palästinas in ein Dominion den Zionismus der Verwirklichung viel näher bringen müßte, steht für Wedgwoöd außerhalb jeden Zweifels. Der Beamte der englischen Verwaltung in Palästina würde die Kolonlsation als seine eigene Sache betrachten, die er ebenso für die Juden wie für England macht. Dil palästinensisch# Regierung müßte und wftrti |n dleie« Falle auchvlel aktiver und 1»' ÄoniSteus/^HirbeW#«!'’ tttffit#;ÄiFAif-« ־ siedlüftgsdepärtement schaffen, deiseri ÄtifgaJj# ■«# wäre, die jüdische Ansiedlung aktiv zu fördern. Ferner hätte die Regierung eine Agrarbank ins Leben zu rufen und eine internationale Anleihe für Palästina ln die Wege zu leiten. Schließlich betonte Wedgwood die kulturelle Bedeut u n g einer engeren Zusammenarbeit und eines engeren Zusammensclilusses von Engländern und Juden, in deren National- Charakter er viele große Aehnlichkeiten findet. England müsse, sagte er, das Judentum Im Orient zumindest in dem Ausmaß schützen und fördern, wie es Frankreich mit dem Katholizismus tut. Bis ins 17. Jahrhundert reichen die Bemühungen Englands, in Palästina eine jüdische Kolonisation zu ermöglichen und an den Juden das ihnen angetane Unrecht gutzumachen zurück. ״Von dieser engen Zusammenarbeit werden sowohl die Juden als auch die Engländer großen Nutzen und Gewinn ziehen“ schloß Colonel Wedgwood seine eindrucksvolle Rede. Es soll noch bemerkt werden daß fast die gesamte Wiener Presse über die Rede Colonel Wedgwoods berichtet hat und daß seine, ganz neue Aspekte eröffnenden Ausführungen in der Oeffentlichkeit starkes Interesse hervorgerufen haben. Nr. 37, Palästina Im Jahresbericht des Internationalen Arbeitsamtes Von unserem Genfer Mitarbeiter. K-y. Oenf, 8. Mai. Der Bericht, den der Direktor des Internationalen Arbeit»־ amte» der am 30. d. M. in Genf zusammentretenden Allgemeinen Arbeitskonferenz vorlegt, enthält, wie alljährlich, Im Kapitel über Kolonialarbeit Such einetl PäSStiS Über Palästina. Die einleitenden Bemerkungen sind der Arbeitslosigk e i t gewidmet — der Bericht behandelt die Periode des Jahre» 1927 Und wurde Schon vor vier Monaten verfaßt —, welche krisenhaft gewirkt hat und der weiteren Verbesserung der Arbettsbedtngüngen im Wege stand. ״Der unerwartete Wohlstand des Jahres 1925“, lesen wir darin, ״lockte eine große Menge von Einwanderern ins Land, deren Zahl die momentanen Ab- Sorptionsmöglichkeiten überstieg. Besonders diesem Umstand zufolge stieg seit Herbst 1926 die Zahl der Arbeitslosen. Aus dem vierteljährigen Bericht der Palästinaverwaltung vom 30. September 1927 geht jedoch hervor, daß die Arbeit»■ bedingungen in Jerusalem und Haifa beträchtlich besser wurden, doch blieb die Lage in Tel-Awiw, wo es 5000 bis 6000 teilweise oder vollkommen Arbeitslose und Unterstützungsbedürftige gab, noch ernst. Die Regierung und die Zionistische Organisation waren eifrig damit beschäftigt, Mittel zur Lin־ derung der Lage zu finden. Gewisse Notstandsarbeiten wurden bereits begonnen.“ Der Bericht bespricht weiter die Schwierigkeiten, welche sich aus dem verschiedenen Lebensniveau der arabischen und der jüdischen Arbeiter ergeben und erwähnt die gemischte Kommission, die von der Regierung zwecks Ausarbeitung einer Minimallohnskala Ins Leben gerufen wurde: ״Der Bericht dieser Kommission wird mit großem Interesse erwartet.“ Er hebt Weiter die augenfälligen An• Zeichen der arabisch-jüdischen Annäherung hervor: ״Die Tatsache, daß jüdische Arbeiter Zutritt zu Arbeit*- mirkten erhielten, die bisher ausschließlich den Arabern offen standen, verdient sowohl vom ökonomischen wie auch vom poli* tischen Standpunkt besonders hervorgehoben zu werden. Ein Beispiel der immer häufiger in Erscheinung tretenden gemeinsamen Aktion jüdischer und arabischer Arbeiter sehen wir in der jüdisch-arabischen Vereinigung der Eisenbahnarbeiter.“ Nach Aufzählung der Fortschritte, die in Palästina im Jahre 1927 auf dem Gebiete der Arbeitsgesetzgebung und der Wohlfahrts- und Hygienebestimmungen in den Industriebetrieben gemacht wurden, schließt der Bericht mit folgenden Betrachtungen über die Tätigkeit der jüdischen Allgemeinen Arbeiterorganisation: ״Trotz der Schwierigkeiten, denen sie begegnen, setzen die Arbeiterorganisationen ihre Tätigkeit fort und sammeln Erfahrungen, welche dieses Land zu einem ausgezeichneten Beobachtungsfeld sozialer Entwicklung machen. Die Allgemeine Jüdische Arbeiter* Organisation (Histadruth Haowdim) vereinigt ungefähr 25 000 Mitglieder und hat eine Anzahl technischer und sozialer Institutionen, basiert auf den Grundsätzen der Gegenseitigkeit und versichert gegen Unglücksfllle und Krankheit, geschaffen. Man kan» Itp allgemelnn« tage«, daß die Arbeltsbadlntttttgeii «id ,dfe.'tetM&frä# diltfjüdi!ci)fen" ÄrbetteP::sicMet» in ״ vorherrschenden zu nähern trachten. I$e'Araber sind, Obwohl* sie im allgemeine« zu allen Formen der Assoziierung neigen, nicht in Berufsverbinden Organisiert, aber eine Anzahl von ihnen ist, wie wir schon bemerkt haben, den jüdischen Arbeiterorgamsationen beigetreten.“ Dr. Saadja Mase nach Palästina abgereist. Moskau, 8, Mai. (J.T.A.) Am 6. Mai hat der junge jüdische Gelehrte Dr. Saadja Mase, ein Sohn des ver* storbenen Oberrabbiners Mase, mit seiner Gattin die Reise nach Palästina angetreten. Dr. Mase wurde vor einigen Monaten auf Anordnung der O. P. U. unter der Beschuldigung zionistischer und prohebraistischer Betätigung verhaftet und sollte nach Sibirien deportiert werden. Man setzte durch, daß Mase befreit wurde, er mußte sich aber verpflichten, nach Palästina auf dem Wege über Odessa auszuwandern. Dem Moskauer J. T. A.-Vertreter teilte Mase vor seiner Abreise mit, daß die Zionistische Exekutive ihm das Palästina- Visum verschafft hat. Er habe den innigsten Wunsch, an der philologischen oder philosophischen Abteilung der Hebräischen Universität zu arbeiten. Maurice Minkowski Zur Ausstellung Irl der Kunstkammer Wasservogel Die Ausstellung Minkowski bedeutet eins der seltenen Ereignisse: ein Großer der Malerei zeigt sein vielgestaltiges Werk. Die Ausstellung der ״Ghettobilder“ in der Kunstkammer Wasservogel ist eine einzige herrliche Folge farbenstarker Gemälde ganz großer Schilderungskunst. Gemälde und Aquarelle enthüllen in ursprünglicher Kraft eine seltene Spannweite: vom Genre zur instinktsicher erreichten Realität und mit der rein malerischen Impression einerseits zu dem, was wir heute neue Sachlichkeit nennen, und auf anderem nicht weniger eigenen Wege zur Erneuerung der klassischen Malerei mit einer Liebe zum schweren und kostbaren Material. Der farbenfrohe Orient des großen Rußland und italienische Heiligenzartheit berühren sich außerdem in kristallklarer Farbe. Welches Motiv er ergreift, immer ist es Synthese zur Harmonie. Und alles das und noch mehr ist bei dem Reichtum an Motiven in den Judenbildern Minkowskis. Ghetto ist bei Minkowski keinesfalls trübe und unbarmherzige Darstellung. Minkowski gibt die farbige jüdische Welt, gibt sie zuweilen in einer hellfarbigen Zartheit, meist aber ist er Maler des jüdischen Schicksal». Aber es ist nicht nur Ghetto- Schicksal und Ghettoelend. Minkowskis Juden sind da» Königsvolk der Bibel. Er malt zwar die Flüchtenden, die Vertriebenen, er malt sie im Asyl, auf der Landstraße und bei der Rast auf der Dorfvviese, er malt sie gekauert auf der Erde, an Zäunen, zusammengepfercht mit der geretteten Habe, er malt sie in einem großen — leider nicht ausgestellten — Gemälde unmittelbar nach dem Pogrom auf der Landstraße, hinter sich die brennende Stadt; aber was er malt, ist Schicksal, ist Oeschehenes in der Ruhe des Unabänderlichen. Es ist die gestattende Hand eines Großen, der Geschichte sieht, das unzerstörbare jüdische Volk. Die Juden, die er matt, sind verzweifelt, aber ihre Verzweiflung ist stumm, sie sind ruhig. So sind diese biblischen Juden des Bildes von der Landstraße mit der jungen Frau im weißen Gewand, die schwebend voranschreitet, Sturm im Schritt, t Minkowski sieht intuitiv, wie nur ein begnadeter Künstler sehen kann, die Kraft, die im jüdischen Volke steckt. Er vergißt aber auch die Anklage nicht. Die erschütternde Leere des Blicks der stumm leidenden, blassen Frau im Gemälde ״Emigranten“, der leidensverstummte Mund eines Knaben, das verewigte Leid in den mandelförmigen braunen Augen der verzweifelt hockenden Frau mit den hohlen unheimlich natürlich gemalten Backen sind in ihrer lautlosen Klage nicht weniger wirksam. Der Schrei aber kann gar nicht da sein; denn Minkowski, der Maler dieses großgestalteten Epos ist stumm, taub und stumm. Aber seine Welt ist hell, und sie ist klar, ruhig und stark. Vor allem aber: er sieht, das Auge ersetzt die anderen Sinne. Er sieht einfach, unverstellt, sieht mehr als andere, fand aus Notwendigkeit ein• fachsten Ausdruck. Malerei und Zeichnung ist ihm ja Verstlndigungsmitte! mit der Welt, war es zuerst dem Kinde im allerprimitivsten Sinn. Und sö wird er Realist. Vier Gestalten ״Obdachlose“, zwei junge Frauen und zwei Kinder stehen hintereinander an einer Wand, modern, ais wären sie jetzt gemalt, aber so malte er vor 1920. Die Wand ist ein Rechteck wie bei Munch, aber da Ist ein kleiner jüdischer Junge, ein Kind, das nicht nur Individualität ist, sondern Teil eines Volkes. Etwa* Endgültiges ist in der Art, wie es den Kopf hält. Sehr merk* würdig ist Minkowskis Auseinandersetzung mit den StrömüngOn der Zeit. Er scheint sie nicht Zu beachten. Der fra* pressionismus wird neu verwertet. Impression ist in den Interleur» nichts als Mittel zur Darstellung einer Milieukunst mit modernen Mitteln. Immer wiederholt scheint das Erlebnis des Dauernden, der Realismus auf einem merkwürdigen, im Osten allerdings traditionellen Wege Ober das schnell verlassene Genre, an das hier und da noch Gestalten erinnern. Er konnte, hätte er cs gewollt, 1915 vollendeter großer Nachkomme der Impressionisten sein. Das Gemälde der obdachlosen ״Kinder im Asyl“ — das Motiv ist etwas später wiederholt in einem Aquarell von großer, ganz anders gearteter Schönheit —, in diesem Gemälde also benutzt er ausschließlich die Wirkung von Licht und Luft. Es ist Gestattung ganz vom Auge aus, alles ist vereinfacht. Aber es scheint, als ob er diese Art zu malen als provisorisch empfindet. In dem Gemälde ״Nach dem Pogrom“ — Flüchtlinge rasten auf der Dorfwiese — malt er Gestalten, an denen Courbet seine Freude gehabt hätte. Die Frauen, die auf die Wiese gekauert sind, die eine stumm ergeben das Kind Im Arm, ein weinendes junges Mädchen, ein anderes im Vordergrund wissend in Trauer und Trotz, die Gruppen auf der Straße und im Bauemwagen, die Gruppen vor den Bauernhäusern, sind alle zeichnerisch vollkommene scharf gesehene Realität Der Maler aber gibt den Köpfen geschlossene Form. Das Gesicht der alten Frau im Profil ist fast holzgemeißelt. Wundervoll ist der Fleischton der Gesichter. Darin ist er Meister. Und vor allem: Meister des Porträts. Ein Frauenporträt, bei dem er die geschlossene Form Max Band ähnlich matt, ist von diesem dadurch unterschieden, daß Minkowski reiner ist in der Vollendung des natürlichen Fleischtons und in der Harmonie einer fast schon unwahrscheinlichen Naturnähe. Dieses Gemälde ist ein Schlüssel, es zeigt die große Liebe zur alten Malerei der großen Meister in moderner Bindung des einfachen, klaren Stils. Diese beiden Malanschauungen: Vereinfachung mit Licht und Luft oder geschlossene Gestalt mit Kostbarkeit und Schwere geht durch sein ganzes Werk und gibt auch seinen Juden doppeltes Gepräge. Ein besonders schönes Bild: ״Die Braut unter dem Baldachin“: Die Frauen mit den gestrickten Hauben, die dem Gesicht Schwere geben und die Aufmerksamkeit auf die Fläche richten und der Pracht der seidenen Tücher, aus festlichem Grün mit Rosen Oder gewirkt aus Spitzen und hellblauen Seidenbindern, die Kleider aus Damastseide in großen Prunkmuster«. Die andere Gruppe aber ist Realismus, Realität ohne Farbe, hell, aber grau, nicht unbarmherzig, nicht furchtbar Im Affekt, aber hart und stählern im Ernst, daher grau. Minkowski ist auch in der härteren Gegenwart kein Pessimist. In den A q u a r e 11 e n ist die Erkenntnis der Not gemildert durch Dichtung. In dem Aquarell des jungen Mädchens, das auf der Dorfstraße die Oroßmutter führt, malt der Psychologe Minkowrski Unwägbares aus dem modernen Kamp? der Jugend, ln dem prachtvollen Gemälde aus der Kriegszeit: ״In der jüdi* sehen Volksküche“ werden die widerstreitenden Elemente auf- Schlußreich durch ihr Nebeneinander. In fast keinem der Aquarelle fehlt die duakdlbleue Farbe, zumeist gibt sie den Ge-

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