Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 36 (8.5.1928)
- Date
- 1928-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 260 JUEDISCHC RUNDSCHAU Nr. 36, «.V.!©28 den «Thoraverhör“ an dem Enkel vor. Die anderen sieben saghaft daneben, ernsthafte Gesichter begleiten die wichtige Handlung. Durch die Türe lugt verstohlen dfe M!mme, sie will auch etwas von der Gelehrsamkeit erhaschen und ist neugierig, ob der Sohn diesmal besteht. Wie köstlich ist diese Szene dem Leben abgelauscht, wie kennzeichnet sie das patriarchalische Familienleben dort in den kleinen verfallenen Hütten, die uns ein anderes Bild in dem grauen Zwielicht eines verschneiten Wintertages in ihren unregelmäßigen Formen zeigt. Alles lebt, dfe Menschen und ihre Umgebung. Ergriffenheit und leise Ironie, die sich selbst erkennt, und die menschliche Tragikomödie ohne falsche Sentimentalität erfaßt — so gestaltet Rahel Szalit ihr Judeptum. Es erscheint mir als kein Zulall, daß die Künstlerin, die in ihrem Temperament und ihrer Veranlagung so sehr mit dem aktiven Leben verbunden und mit ihrem Können und Wollen vorwirfssfrebend ist, neben diesen jüdischen Themen zwei andere Gebiete mit besonderer Liebe pflegt: Die Landschaft und das Kinderporträt. Beide führen zu dem Ursprung Ihrer künstlerischen Einstellung und erklären noch deutlicher die Starke ihrer Ausdrucksfähigkeit. Wie sic das Erleben aller Szenen, seien sie mm durch den Dichter beeinflußt oder ihrer eigenen Phantasie entsprungen, auf das zurüekführt, was das Blut in den Adern dieser Gestalten ist, das Sein, die Wirklichkeit, so muß die Knospe und der Traum alles Werdens dort am meisten packen, wo diese in ihrer unmittelbarsten Form in die Erscheinung treten. Hjer äußert sich am reinsten die Freude am Leben. Hier kann feie singen und jubeln und die ganze Farbenpracht aufleuchten lassen. Ihre ersten künstlerischen Arbeiten waren Land* gehalten. Stille versonnene Bildchln und leuchtende Blumenstücke; daneben aber auch Großstadtbilder, die das Getümmel bewegter Szenen wiedergeben. Auch hier nachhaltige Erlebnisse, die sie in München, Paris und London und vor allem in Berlin, wo dip Künstlerin seit 1916 lebt, empfangen hat. Immer wieder kehrt sie von den mehr dramatischen Kompositionen ihrer rastl#eü Phantasie zu den Darstellungen der Natur zurück und sucht überall neue Anregungen. Man muß euch ihre KinderbiMnisse gesehen haben, diese pausbäckigen Kleinen, die so unbeholfen und neugierig um sich bj|cken, um das reine und weitumfassende Künstllftlin» Rahel Söüts zu vergehen, um zu wissen, wje echt und lebenswahr die Kunst Ist, die uns in dieser Frau in so erstaunlicher Fülle und Kraft entgegentritt * Masere Bilder zeigen charakteristische Proben aus dem Werke der Illustratorin Rahel Szalit zu jüdischen Dich- Jungen. Lebensbilder berühmter Kantoren wsbst ei»om Anhang: ,Jur Geschiente das jüdischen KantoreU: Bar Verbeter". Heran*־ gegeben von Aron Friedmann, Berlin. Kantoren, von großem Wüten auf jüdischem Gebiet wie in allgemeiner 1nn*j|«liieljer Beziehung, haben «Jureh ihre ernsten ForsehuBgfW, beseht•«••׳•«•*# Erkenntnisse auf dem Gebielo des Syn- Äjgang1»»«Ug* wfiaiitfllt. Nsmeu wie Seher, Singer, ,Birnbaum, JÖwiÄper and |h$Mjjmwn bezeichnon da bedeutende Etappen. •IhliS*tr• Werke, dl•" den» Kantor unentbehrp# sind, und an denen 3ן|*|» der spätere Forscher nifbt 1ana«ht#»B1 voröherMben kann, hat der Berliner Oberk׳mtor Aron Fried msnu geaelgriaben. Ich erinnere nur an folgende: ״Der synagogala Gesang", ,jStmplung kantoral-wissenschaftlicher Aufsätze“ und .Beine ״Lebens- Bilder berühmter Kantoren", von denen bisher zwei Bände Vorlagen und nun der 3. Band als Endband vorliegt. Immer wieder, wenn man eine der Friedmannsehen Arbeiten zur Behd nimmt, muß man den Bienenfleiß bewundern, mit dem der Autor den ungeheuren Stoff aus den entlegensten Quellen herbeigeschafft hat. Auch von diesem 3. Band der ,,Lebensbilder" gilt dies, und zwar in ganz besonderer Weise. Direkt wertvoll wird d«JMi Buch durch seinen Anhang. Da wird un» zunächst eine Reihe von Reitapim vom 6. Jahrhundert an samt Angabe ihrer Dichtungen vhrgeführt. Von großen und alten Gemeinden, wie z. B. Frankfijrt a. M.. Worms, Fürth, Mannheim, führt Friedmann Kantoren- ^schlechter an aus mehr als zwei Jahrhunderten. Aus allen europäwehen Staaten lernen wir bedeutende Kantoren in ihrem Wirken und Schaffet . kennen. Ja, selbst orientalische und sogar karäische GJtafffW® fehlen nicht! Eine wahre Fundgrube für den Forscher! Es dürft« also keinen Kaptor geben, der sich nicht dieses Werk Friedroanns anschafft, das im Selbstverlag der ״Hilfskasse", z. H. des Bern» ttoehelsohn, Berlin, Hoher Steinweg 13,. erschienen ist. Der Gesamtertrag ist zugunsten dieser Kasse bestimmt. H. Fabisch-Gö Hingen. Das Moskauer ifldlsche akademische Theater Impressionen eines «Bastlers. Ich habe mir jede Aufführung einmal, zweimal, dreimal aagesehen. Ich könnte mir jede Vorstellung noch oft ansehen, ohne genug zu kriegen. So ergeht es vielen, die man in den Vorstellungen trifft, die in einem Rausch von Begeisterung sich immer wieder schon auf die nächste Aufführung freuen. Woran liegt das? Man genießt eine Kunst, für die die höchsten Superlative nicht ausreichen. Man fühlt sich begnadet, daß man Augen bat, um all das Herrliche zu sehen, Ohren, um all die Töne zu hören, ein Herz, um all das Schöne zu empfinden, Man genießt jedes einzelne Bild, jede Sjene, jeden Tanz, jeden Gesang, man bedauert, wenn irgendeine Köstlichkeit zu Ende ist, man möchte alles festhalten, mit der Zeitlupe ver- Ungern, alles lang, lang auskosten. — ״Verweile doch, du bist so schon.“ Nach Schluß der Vorstellung erbebt man sich nur wider* willig vom Platz, man bedauert, daß es schon aus ist, man könnte noch Stunden verweilen, schließlich dankt man den herr* liehen Künstlern mit einem Applaus, wie ihn die Berliner Theater nur seiten erleben. Man geht nach Hause nach dem Rhythmus der Melodien, die ganze Nacht umgaukeln einen die Gesichte, Es sind Eindrüdce, die man tagelang nicht los wird, die man nicht loswerden möchte, die einen umschmeicheln, die man in der Erinnerung immer wieder von neuem genießt. Man ist wie in einem Rausch — Festtagsstimpung. Eine Kunst, die auf absolute Phantasie gestellt ist Eine Kunst, an der E. T. A. Hoffmann seine hellste Freude hätte. In einer Schneiderwerkstatt herrscht eine phantastische Be* sessenheit der Arbeitswut, man näht ohne Nadel, ohne Faden und doch ist die Illusion stärker als bei aller Realistik. — Kpntrakte werden ohne Papier, Feder und Tinte unterschrieben, und man hat die Illusion vpn Transaktionen; aus Imaginären Gläsern wird Lechajlm getrunken, alles taumelt in seligem Rausch; eine Pferdeleine wird gepeitscht, und gibt das vollkommene Bijd eines pferdebespannten Wagens. Ein blaues Tuch wird vor unseren Augen über die Bühne gespannt, uijd wir sehen das wellen* bewegte Meer; ein kaqhiertes Pferdchen — ״Reb Pferd“ seufzt und spricht imt Menschenstimme, und alles Mitleid mit der Kreatur packt uns. Stambul entsteht wie mit einem Zauberschlag, einzig und allein dadurch, daß die auf der Erde hockenden Türken als Kopfbedeckung eine Moschee mit Minarett und Halbmond aufhaben. Der ganze Duft des Orients wird spürbar, ohne kitschige lackierte Dekorationen. Malerische Ideen von höchster Origi* nalität. Die Regieeinfälle Granovskys sind unerschöpflich, un* begrenzt Er ersetzt Dekorationen «furch fabelhafte Gruppierun* gen; man hat manchmal die Empfindung, daß sich alles in einem Wolkenkratzer von Stockwerken abspleit, so unerhört architek* tonisch wirkt die Raumverteilung; jede Ecke Ist ausgenutzt, auf jedem Podest, jeder Treppe, jeder Leiter spielt sieb in neuer Variation ein neues Leben ab. Manchmal hat man den Eindruck, daß man ein Baugerüst vor sich sieht, aber das Licht, die Farben übergießen alles mit einem Glanz, wie sie die kostspieligste Revueausstattung nicht aufzubringen vermag. Wenn diese Künstler gemeinsam zu sing«! beginnen, durch* flutet eine Wärme das ganze Haus, man ist bis zu Tränen beglückt. Verachtete, sogenannte ״Mauseheigebärden“, werden hier ins Künstlerische gesteigert, zu einer Gebärdensprache von suggestiver Plastik. Man begreift, warum große klassische Maier und Bildhauer sich die Modelle in den jüdischen Ghettos suchten. Rembrandtblldür. aper nicht g*st#1 sondern vop schäumendem Leben durchpulst. Ein Temperament In der Ekstase der Entfesselung. Die Bewegungen,;die Tänze, die Gymnastik sind von einer derartigen Körperkraft, daß sie den ganzen Raum be* Völkern; und das Wundervolle 1 sie sind im Räum, spielen im Raum, leben im Raum und sind doch nicht im Raum verhaftet, verwurzelt. Die optische Phantasie geht immer weiter, tiefer, höher, sie steigert sich hinauf ins ungrdfbkre, Raum* Und Zeitlose, hinaus über Straßen, Häuser, Dächer. Kamin! ins Unendliche. Eine neue frische, moderne Kunst. Die Kunst der Gegenwart und Zukunft! Meinhart Maur. JW<lisehes Mnseom“ tu Cassel Im Antikensaa! des Hessischen Landesmuseums jn Cassel fand die Gründung des Vereins ״Jüdisches Museum" statt, ln den Vorstand würde gewählt: 1. Vorsitzender Rechtsanwalt Lewinsohn, 2. Vors. Prof. Dr. Luthmer, Schriftführer R.*A. Dalberg und Dr. Hallo, Schatzmeister Bankier J. Plant und Dr. Gotthilf, ferner Landrabbiner Dr. Walter, J.-R. Dr. Rothfels, Ä. Fiorino, Frau H. Plaut und Kantor Horwitz, ,.Rn! ans der lelt“ Das ak erster Sonderdruck der Zeitschrift ״Die Kreatur" im Verlag Lambert Schneider, Berlin erschienene Gedicht ״Ruf aus der Zeit" von Ludwig Strauß gehört zu jenen Dichtungen, die, der Zeit analog, aus einem Chaos erschaut zu einem Kosmos sehnend h Umringen. Dieses Gedicht aber vermag die Sehnsucht dank der lyrischen Form unmittelbarer und drängender zum Ausdruck zu bringen als jene Prosa* bücher, an die man, Vergleiche ziehend, erinnert wird. Es Ist wie ein Aufschrei, wie ein Aufhämmern des Schmerzes; es ist schrille Anklage und doch zugleich der Ruf nach Frieden und Harmonie, nach Einklang der Geister, nach der Versöhnung. Ist sie vergönnt, dann ״müßten Gottes beide Hände schließen unsern Kreis.“ Sicher ist die Form, die Strauß für!»in Gedicht wählte, nicht jedem vertraut, der Lyrik liebt Mit einem einmaligen UeberfUegen der Verse ist es nicht getan. Die Strophen sind zuweilen spröde und verlangen ein strenges Eindringen. (Öle Form erinnert zuweilen an Stefan Georges späte Gedichte») Doch wenn tpan sieh den großen Visionen dieses Gesanges hingibt, dann ist er von allen Seiten her offen und klar• Das Erlebnis des Krieges ist seine Quelle. Welch ein Bild gibt Strauß, wenn er formt: ״Denn die Toten sind unbegraben hier, offne Erde wälzt Strauch und Mensch und Tier, ungeebnet bäumt sich wunde Flur, von den Fetzen voll deiner Kreatur“! Mit welch einer ergreifenden Prägnanz ist hier d!$ Schlachtfeld gesehen! Keine leichtfertige Sehnsucht verlangt nach Frieden. Es ist Mitschuld, Verantwortung, die den pichter bewegt: Jeder ist dem Wahn verfallen, jeder wird zu Ge* rieht gerufen: ״Herr, vergib uns nicht, Herr, versöhn uns nicht — siehe unsre Schuld, führe uns ins Licht!“ Fuhre uns ins Licht — das ist die Sehnsucht des Gedichtes. Wir haben keine Bindung mehr zu jenen ״Geistern heller, früher Zeiten “ Es ist eine andere Ebene, die uns trägt, der Krieg hat grau* 8ara das Einst vom Jetzt getrennt wo früher Glanz, da kauert nun die ״Menschen*Not“ und ״unsre Freigesagten stehn elender denn eure Knechte“. Es Hegt etwas Hoffnungsloses über den Anfangsstrophen des Gedichtes. Aber der Kauernde hebt das Haupt und hat die Vision der Versöhnung: Er betet Er ruft seinen Gptt an wie der biblische Sänger, er vertraut sich in kindlich* frommen Hoffen dem Herrn. So sieht er ״Keine Grenze mehr der Gnade, keine Kerker mehr der Pein.“ Und dieses Hoffen und Sehen steigert sich in den letzten drei Strophen zu einem wahren Psalm: Nicht ein müheloses Hinwerfen der Not, sondern aus ihr heraus ein Emporwachsen zu Gott,!in Erhärten, ein Weisewerden ist der Sinn dieser Dichtung: ״Eh wir von Schultern tun das anvertraute Leid, Eh rieht am Wegrand uns ein elend Ende! Laß hungern uns im Brot, Laß frieren uns im Kleid, Laß sehnen uns im Kuß Herr, bis?ur Wehdel" Manfred Sturm!« tt. Zeitschrift ״Palästina“. Vor kurzem *rschiflu das 110 Seiten stark• Heft Nr. 3/4 der «pagapidutet redigierten Zeitschrift ״PalSitiBa". J>r. Bonni behandelt darin 4** ,,Problem «fcr Teuerung“ in PalSstina. In sahireieheii Tabellen weist er nagli, daß, obwohl in Räjlitina. *eit dem Kriege di» Preise mehr als woanders gestiegen •ind, jetzt keine großen Unterschiede gegen ander# Lteaar *u v#r*efchn|1> *ind, da PwJstina 1g14 •ehr billig war. Wiikansky schreibt über ״Forschung über ©hat- und Gartenbau", In*. Arj* über die Aussichten der älateUindiistrig. Sri® Aufsatt bildet den S#hIußteU seines ausführlichen, bä Auftrag der Exekutive verfaßten Untersuchungsberichtes. Er weist nach, weich großen Markt für die Produkte dieser Industrie außer Palästina selbst die Nachbarländer bieten können. Dr. Graaoviky berichtet über den neuen Gesetzentwurf der Regierung betreffs Ab- Schaffung der Werkosteuer in den Stedten. Nehemia de Li •me bespricht an Hand Granovskvs Buch die Lsndbesteuerung in Palästina. Dr. Löwen» tein berichtet über PaU*ün*TTpuri*t1k. Wours e 11 unterbreitet einen Vorschlag auf Ansiedlung auf Grund rationaljer Milchwirtschaft und Dr. Goldwasser einen Vorschlag zur . Finanzierung des Siedlungswerkes durch Uebernabme lange fristiger Zeichnungen mit Garantieverpflichtung durch die Kar«p Hajessod-Zeichner. Des Heft enthält ferner eine ausführliche Bund* schau über den Aufschwung der Industrie von Ernst Davis und 30 Seilen höchst instruktiv und übersichtlich zusammengestellteif Nachrichten und Daten, ferner 10 Seiten ausführlicher Bücher- Besprechungen. — Jahresabonnement 8 M. Adr.: Wien t, Kärntnerstraße 98. Er wußte!ficht, ob er zum Militärarzt laufen sollte oder zurück in die Bar, um Neuner zu warnen. ״Neuner ist zu Hause!“ sagt der Arbeiter zu Öen Leuten draußen. ״Zu Neuner! Zu Neuner!“ schreit eine Frau. Die Gasse wird leer. Der Portier ist tot. Der Militärarzt sagt nichts. Ich habe ihn nie so bleich gesehn. Die ganze Bargesellschaft flüchtet. Neuner läßt sich vom Po!izeioffi/ier begleiten. xxvi! r. Der Morgen bricht mit einem schrägen Regen an, wie alle Morgen vorher. Vor dem Hotel Savoy steht ein Polizeikordon. Polizei sperrt die schmale Gasse von beiden Setten ab. Die Menge steht auf dem Marktplatz und wirft Steine in die leere Gasse, Die Steine füllen die Straßenmitte. Man hätte sic neu pflastern können. Der PolizeioHizier steht mit seinen wildledernen Handschuhen im Eingang. Er halt Zwonimir und mich zurück, als wir ninausgehen wollen. Zwonimir schiebt ihn zur Seite, Wir schleichen hart an den Mauern, um von den Steinen nicht getroffen zu werden. Wir passleren den Polizeikordon, drängen uns durch die Menge. Zwonimir hat viele Freunde. Sie rufen: ־•^..Zwonimir! —“ — ein Mann redet auf einen Brunnen n~ ״man erwartet Militär. Heute abend werden sieV..da,sein." Wir gffhen duresü die Stadt, sie ist still, die Läden sind geschlossen. Ein jüdischer Leichenmg begegnet uns, die Lt»ichentriger rennen mit dem loten auf den Schultern und die Frauen hasten schreiend nach. » Wir wissen, daß wir das Hotel Savoy nicht mehr wiedersehn. Zwonimir lächelt schlau: ״Unser Zimmer ist nicht bezahlt!“ Wir kommen an jenem Tabakladen vorbei, an dem die Treffer der kleinen Lotterie ausgestellt wurden. Ich erinnere mich an das Lös. ״Gestern war Ziehung,“ sagt Zwonjmir. Der Laden ist ängstlich und dicht verschlossen, alter die Ziehungen sind neben der grünen Ladentür an der Wand befestigt. Ich sah meine Nummern nicht, vielleicht hat man sie gestern mit Kreide aufgeschrieben — und der Regen hat sie!usgelösoht, Abel Glanz treffen wir im Judenviertel. Er hat gar nicht im Hotei geschlafen. Er erzählt Neuigkeiten: .,Neuners Villa ist zertrümmert, Neuner und seine Familie sind im Auto fortgefahren.“ .,Umbringen!״ schreit Zwonimir. Ein paar Heimkehrer wiederholen den,*Ruf. Ein Mann dringt sich durch die Mtngc, bleibt vorn. Plötzlich sähe ich, wie er die Hand aus* streckt, es knallt, der Pohzeikordon wankt, die Menge wälzt sich in die Gasse. Der Polizeioffizier schreit einen schrillen Kommandoruf, Ein paar armselige Schösse knattern, ein paar Menschen fallen, einige Frauen kreischen. ״Hurrah!“ schreien die Heimkehrer. ״Platz frei!“ ruft Täddeus Montag, der Zeichner. Er ist lang und dünn und überragt!He um einen nalbetf Kopf. Er schreit zum ersten Mal ln seinem Leben. Man läßt ihn hinaus und ihm folgen andere. Viele Bewohner des Hotels drängen durch die Menge de» Marktplatz zu. Der Holeldirekfcr steht auf dem Marktplatz, unbemerkt Ist er hierher gekommen. Er Hält beide Hände vor dem Mund und ruft und reckt den Kopf angestrengt gegen die Fenster des siebenten Stockwerks empor: ״Herr Kaleguropulos!“ Ich höre ihn rufen und breche eine Bahn zu ihm. Es geschieht so vieles hier. Mich aber geht Kaleguropulos an. ״Wo ist Kaleguropulos?“ ״Er will nicht fort!“ schreit der Direktor, ״er will ja nicht!“ In diesem Augenblick geht oben die Dachluke auf und Ignatz erscheint, der alte Liftknabe. Hat ihn heute äfein Fahrstuhl so höeh hinaufgeführt? ״Das Hotel brennt,“ schreit Ignatz. ״Kommen Sie dach wtrunter,“ schreit der Direktor. Da bricht eine helle Stichflamme aus der Dachluke, Ignatz׳ Kopf verschwindet ״Wir müssen ihn retten,“ sagt der Direktor. Eine gelbe Flammengarbe bricht aus, wie ein Tier. im sechsten Stockwerk brennt es auf, man sieht weiße Lichtbündel hinter den Fenstern. Im fünften brennt es, im vierten. F.s brennt in allen Stockwerken, während die Menge das Hotel stürmt Ich erblicke Zwonimir im Getümmel und rufe ihn. Dfe Glocken fler Stadttürme und Kirchen fallen schwer in den großen firm. Trommelwirbel erdröhnt, harter Schritt ge* nageiter Stiefel, ein Kommandoschrei zuckt auf. XXIX. Früher, als ich gedacht hätte, kommen die Soldaten. Sie schreiten genau so, wie wir auch einmal marschiert sind, in breiten, raum fressenden Doppelreihen, mit einem Offizier an der Spitze und einem Trommler zur Seite. Sie tragen die Gewehre mit aufgepflanzten Bajo* netten in der Hand, sie gehen durch den Regen, der Kot spritzt auf und die ganze geschlossene Soldatenmasse stampft wie eine Maschine. Ein Kommandöruf löst die festgefügte Masse, Doppelreihen lockern sich, die Soldaten stehen / däv-Ä:;ein schütterer Wald in großen Abständen apjjpi Ringplatz. ,Sie umringen den ganzen Häuserblock, die Menge ist im Hotel und in der engen Straße efngeschlossen. Zwonimir sah ich nicht mehr. XXX. ich wartete die ganze Nacht auf Zwonimir. Es gab viele Tote. Vielleicht war Zwonimft unter ihnen? Ich habe seinem alten Vater geschrieben, daß Zwonimir in der Oefangch* Schaft gestorben ist. Wozu sollte ich dem Alten mittcilen, daß der Tod seinen starken Sohn־ unterwegs getroffen hat? Viele Heimkehrer hat der Tod im Hotel Savoy erreicht Er hatte ihnen sechs Jahre lang nach* gestellt, im Krieg und in der Gefangenschaft — wem der Tocfnachstellt, den trifft er auch. ln den grauenden Morgen ragen halbverkohlte Reste des Hotels. Die Nacht war kühl und windig und hat das Feuer geschürt. Der Morgen bringt grauen, schrägen Regen, er löscht verborgene Gluten. Mit Abel Glanz gehe ich zur Bahn. Der nächste Zug soll am Abend abgelassen werden. Wir sitzen Im leeren Wartesaal. ״Wissen Sie, daß Ignatz eigentlich Kaleguro* ntdos war? — und Hirsch risch Ist auch im Hotel verbrannt.“ ״Schade,“ sagt Abel Glanz, ״es war ein gutes Hotel.“ Wir fahren in einem langsamen Zug mit sfld* slawischen Heimkehrern. Die Heimkehrer singen. Abel Glanz beginnt: ,,Wenn ich zu meinem Onkel nach New York komme-“ * ' Amerika, denke ich, hätte Zwonimir gesagt, nur: Amerika.