Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 36 (8.5.1928)
- Date
- 1928-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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U NTE R HALTUN G S ־ B EI LAG E 8. Mal 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 18 Die Malerin Rahel Szalit Von Dr. Karl Schwarz. Die jüdische Masse des Ostens wirkt auf viele beim ersten Eindruck wie der Körper eines Schwerkranken, der von schmerzhaften Zuckungen unaufhaltsam gequält wird. Es ist für den f remden, vor allem den aus dem Westen kommenden, ein Erlebnls besonderer Ar1, wenn ihm der Begriff Jude nicht wie bei uns 41s Einzclindividuum, sondern als Kaüe’dlvum entgegen tritt und Ihm ein von allen in gleicher Weise getragenes Leben und Leiden in einem scheinbar monotonen Rhythmus entgegenpulst. Wir sehen und empfinden überall die Masse, aus der sich kaum ein Einzelner heraushebt. In den winkligen Gassen schleichen sic umher, drängen sich auf dem Markt zusammen, versammeln sich in den Bethäusern und stehen im Gespräch beisammen. Gebeugte stille Gestalten mit ernsten Mienen, ohne Lebensfreude und ohne Lachen. Und doch hat dieses jüdische Volk seine Freuden und Leiden wie jedes Volk, hat seine Feste und frohen Stunden und seine Jugend mit ihren Scherzen und kleinen Narrheiten. Ja, es hat sogar mehr als alles dies: es besitzt infolge seiner geistigen Einstellung eine erhebliche Phantasie und liebt Humor und groteske Komik. Scholan Alechem weiß davon zu erzählen. Sein Buch von Tewje dem Milchiger gehört deswegen mit zu den unvergänglichen Werken der Weltliteratur, weil es in der Darstellung eines wahren Poeten eine einfache Volksseele ausschöpft Wer möchte nicht mit diesem biederen Mann, der es durch Not und Entbehrung zu einem Pferd und Wagen gebracht hat, und nun unentwegt seine Milch meilenweit transportiert, weinen und lachen, .wenn er seine stillen Betrach־ tungen als unkomplteieiter Philosoph über die Zusammenhänge Au SdioieB! AVichem. ״D« Sb*8* sh&t*?iSi Üliia 11. . ■ tfr/ MmJ1 v'-ätto.׳ / *V‘*ä fit#' \ kV#*;r,'^■ J v:׳m des Lebens anstellt? Und wenn wir an Mendeles Figuren eines Benjamin und Senderl aus Tumjadewke denken, so ersteht vor uns das ganze Idyll einer jüdischen Kleinstadt mit ihren tragikomischen Gestalten, die, mögen sic anstellen was sie wollen, in ihrer weltfremden Unbekümmertheit und biederen Treuherzigkeit, nie zu dem Ziele ihrer Wünsche gelangen, da sie es trotz aller Schalkhaftigkeit immer verpassen. Diese Typen, Symbole einer abseitigen, in sich abgeschlossenen Welt, muß man in ihrer Umgebung erlebt haben, und nicht nur dies, man muß mit ihnen gelebt haben, um zu erfassen, wie unsere jiddischen Dichter die Seele des Galutht füttfttf! Auf MwvtaJe Mochwr Sforim, ״FLschke (W Kram»♦׳ v Juden geschildert haben. Die Werke Mendeles, Scltalom Aleichems, Perez* u. a. liegen auch in guten deutschen Ueber- Setzungen vor, und diese deutschen Uehertragungen haben noch den ganz besonderen Vorzug, daß sie mit Illustratlonen geschmückt sind, die, wie es nur selten der Fall ist, so vollkornmen Im Geiste der Diehtiing konzipiert sind, daß sie den Schleier von Zeit und Raum zu lüften scheinen und uns ganz ln diese Welt versetzen. Es Ist erstaunlich, daß die künstlerisch-bildende Kraft, die rieh in den charaktervollen Zeichnungen offenbart, eine Frau ist, die alle bisherigen Leistungen jüdischer Künstler auf diesem Gebiet weit in den Schatten stellt Sie hat in ihrer Jugend das traurig-groteske Milieu kennengelernt, en'stammt einem kleinen polnischen Judehstädtchen und hat von dort die Lebensenergie mitgenommen, die in ihr, trotz schwerer Schicksalsschläge, den Optimismus des tatenfrohen Menschen genährt hat. Sie versteht, wie kaum ein anderer, die Gestalten eines Senderl und FtaeJik«, da sie vw?ie deten: Schöpfer da« weite jüdische Herz hat, das vom verzweifelten Schluchzen tiefer Ergriffenheit bis zum Lachen froher Ausgelassenheit alle Skalen menschlichen Seins durchlebt, erfühlt und — was eine besondere Gabe ist — nachempfindend auf andere zu überfragen versteht Als Illustratorin hat sich Rahel Szalit schnell einen Namen gemacht. Die Eindringlichkeit ihrer DarstellungswcLse erreicht sie rpt den einfachsten Mitteln. Nichts Gekünsteltes oder Gewolltes, nichts Aufdringliches oder Prätentiöses. Das Wesen der Illustration in ihrem wahren Sinne erfaßt, indem die Bilder immer taktvoll neben den Text treten, ihn nicht zu übertönen versuchen, aber auch nicht zu zaghaft als Nur- Buchschmuck erscheinen. Im Laufe weniger Jahre ist eine große Zahl solcher Illustrationswerke erschienen, die, neben den jiddiseien Dichtern, auch aus der Weltliteratur Ernstes und Heiteres, dramatisch Bewegtes und lyrisch Zartes in gleicher Meisterschaff wiedergehen. Tolstois Kreutzersonate, Dostojewski sowie Dickens und Daudet, Heine, Buber und Zangwill, auch TiUiers Onkel Benjamin erscheint in dieser mannigfaltigen Reihe, die die Vielseitigkeit der Künstlerin erkennen läßt. Niemals wirken diese Gestalten schemenhaft, nie hat man das Gefühl, als habe man es mit bloßen Phantasieprodukten zu tun, sondern überall weht der Atem der Erdhaftigkeit. Rahel Szalit entwirft keine Bilder; sie erlebt sie. Beim Lesen tauchen ln ihr Erinnerungen auf, die sofort Form und Gestalt annehmen. Ein interessantes Gespräch genügt, um in ihr das Wort in Mensehen und Handlungen umzuwandeln, die in ihre Umgebung gestellt sind. So entstehen ihre Zeichnungen und Aquarelle. Der rege Geist, der all« um sich mit der dieser aktiven Frau eigenen Lebendigkeit verarbeitet, führt sozusagen ein Doppelleben: rezipierend und produzierend zugleich, wodurch aber dein Erinnerungsbild die Wahrheit des Erlebens innewohnt. In einem modernen Hause hoher geistiger Kultur erlebt sie inmitten praktischer Geschäftigkeit den alten Geist echt jüdischer Tradition und innerer Frömmigkeit: Der Vater sitzt mit seinem Sohne beim Lernen und die Klänge aus der Jugend dringen an ihr Ohr. ln der Stille des Ateliers durchlebt sic nochmals die eindringliche Szene und ihr Stift schreibt die Erscheinung, losgelöst von den Schlacken der Alltäglichkeit in die alte heimatliehe Umgebung׳ versetzt, nieder. Diese Skizzen und schnellen Entwürfe zeigen aber auch das malerische Talent der Künstlerin. Manchmal sind sie nur von einem Hauch leichter Aquarelltönung begleitet. Aber diese Ans Hein?» Hebräische Melodien (JPrin&easiB Sabbat*) ׳ ׳ ■י *?$*. zarten Farben gehen den ,Blättern soviel Natürlichkeit, daß sie wie fertige Gemälde wirken. Um wieviel mehr tritt dies erst dort zutage, wo die Farbe als primäres Darstellungsmittel ver* wendet ist. Das bunte Gewirr des Jahrmarktes in einen! ästliehen Städtchen mit dem wüsten Durcheinander einer geschäftlgen und ausgelassenen Menge wird zu einem unentwirrbaren Knäuel, wo wie in einem Kaleidoskop alles durcheinandergeschüttelt wird. Der Geiger, von der Jugend umringt, spielt unentwegt seine Fiedelmelodie, während um ihn herum das an bescheidenem Vergnügen sich begeisternde Volk tobt und rennt -r In der niederen־Stube sitzt der Alte im Lehnstuhl und nimmt k.'; 11. Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. c 1 (Schluß.) ' Seine Kunst war nur für leichte Krankheiten gut, den Hunger konnte er nicht vertreiben und die Unzufriedenheit auch nicht. Der Fabrikant Neuner hörte nicht auf die Ratschlage Kanners und schob alle Schuld auf Bloomfield. Was aber gingen Bloomfield diese Gegend an, ihr Hunger und ihre Verhältnisse? Sem toter Vater Jechiel Blumenfe'd hungerte nicht und seinetwegen war Henry Bloomfield hierher gekommen. Die Stadt bekam ein Kino und eine Fabrik für' Juxgegenstände — was sollte das den Arbelterfrauen. Die Juxgegenstände waren fü־ die Herrschaften und ein Spielzeug taugte keinem Arbeiter. Bei den Knal'erbsen und brernenden Fröschen und im Kino kennten sie den Neuner vergessen, aber den Hunger nicht. XXVI. Zwonimir sagte einmal: ״Die Revolution ist da.“ Wenn wir in den Baracken sitzen und mit den Heimkehrern sprechen — draußen fILt der schräge Regen unaufhör'ich — fühlen wir die Revolution. Sie kommt aus de n Oden — uftd keine Zeitung uqd kein Militär kann sie aufhalten. ״Das Hotel Savoy,“ sagt Zwonimir zu den Heimkehrern, ,.ist ein reicher Palast und ein Gefängnis. Unten wohnen in schönen weiten Zimmern die Reichen, die Freunde Neuners, des Fabrikanten, und oben die armen Hunde, die ihre Zimmer nicht bezahlen können und Ignatz die Koffer verpfänden. Den Besitzer des Hotels, er ist ein Grieche, kennt niemand, auch wir beide nicht, und wir sind doch gescheite Kerle. Wir haben alle schon lange Jahre nicht ln so schönen weichen Betten gelegen, wie die Herrschäften im Parterre des Hotels Savoy. Wir haben alle schon lange nicht so schöne Mädchen gesehn, wie die Herren unten in der Bar des Hotel Savoy. Diese Stadt ist ein Grab der armen Leute. Die Arbeiter des Fabrikanten Neuner schlucken den Staub der Borsten und alle sterben im fünfiigsten Jahr ihres Lebens.“ ״Pfui!“ schreien die Heimkehrer. Man entließ den Arbeiter, der Ignatz verprügelt hatte, nicht aus dem Gefängnis. Jeden Tag ziehn die Arbeiter vor das Hotel Savoy und vor das Gefängnis. Jeden Tag brennen in den Zeitungen die Nachrichten von den Streiks ln der Textil- Industrie. Ich rieche die Revolution. Die Banken — so erzählt man bei Christoph Columbus —, packen ihre Tresors und schicken sie in andere Städte. ״Die Polizei soll verstärkt werden,“ berichtet Abel Glaste. ״Man will die Heimkehrer internieren,“ erzählt Hirsch Fisch. ״Ich fahre nach Paris,“ sagt Alexanderl. Ich dachte, daß Alexanderl nach Paris fahren würde, nicht allein, sondern mit Stasla, ״Man kann nicht noch einmal flüchten,“ klagt Phöbus Böhlaug. . ״Der Typhus ist ausgebrochen,“ erzählt der Militärarzt am Nachmittag iin Fünf-Uhr-Saal. ״Wie schützt man sich vor Typhus?“ fragt die jüngere Tochter Kanners. ' ״Der Tod wird uns alle holen!“ erklär; der Militärarzt und Fräulein Kanner wird blaß. Vorläufig aber holt der Tod nur ein paar Arbeiterfrauen. Die Kinder erkranken und kommen ins Spital Man schließt die Armenküche, um die Ansteckungsgefahr zu vermindern. Also bekamen die Hungrigen keine Suppe mehr. Die Heimkehrer konnte man nicht mehr in den Baracken internieren. Es waren zu viele Heimkehrer. Es waren ganze Völkerscharen. Der Polizeioffi/irr erzählt, daß man um Ver- Stärkung nachgesucht habe. Der Polizeioffirier war nicht aufgeregt. Er trägt eine Dienstpistole, und er steht nicht um zehn Uhr auf, sondern um neun. Er wedelt mit den Wildlederhandschuhen, als herrschte kein Typhus. Die Krankheit ergriff ein paar arme Juden. Ich sah, wie man sie bestattete. Die jüdischen Frauen erhoben ein gewaltiges Wehklagen, die Schreie standen in der Luft Zehn, zwölf Menschen starben jeden Tag. Der Regen fällt schräg und hüllt die Straße ein und durch den Regen fluten die Heimkehrer. In den Zeitungen flammen die schrecklichen Nachrichten auf und jeden Tag ziehen die Arbeiter Neuners vor das Hotel und schreien. XXV1L Eines Morgens fehlen Bloomfield, Bondy, der Chauffeur und Christoph Kolumbus. In Bloomflelds Zimmer lag ein Brief für mich, Ignatz brachte ihn. Bloomfield schreibt: ״Geehrter Herr, ich danke Ihnen für Ihre Hilfe und erlaube mir, Ihnen ein Honorar zu übergeben. Meine plötzliche Abreise wird ihnen verständlich sein. Wenn Ihr Weg nach Amerika führen sollte, so werden Sie hoffenflieh nicht verfehlen, mich zu besuchen.“ Ich fand ein Honorar in einem besonderen Umschlag. Es war ein königliches Honorar. In aller Stille ist Henry Blocmfie’d geflüchtet. Mit abgeblendeten Scheinwerfern, m't lautlosen Rädern, ohne Hupenschrei, im Dunkel der Nacht floh Bloomfield vor dem Typhus, vor der Revolution. Er hat seinen toten Vater besucht, er wird nie mehr in seine Heimat kommen. Er wird seine Sehnsucht unterdrücken, Henry Bloomfieki. Nicht alle Hindernisse kann das Geld aus dem Weg räumen. Am Abend kamen die Gäste in der Bar zusammen, sie tranken und sprachen von der plötzliehen Abreise Bloomfields. Ignatz brachte ein Extrablatt aus der Nachbar- Staat. Dort kämpften die Arbeiter gegen Militär aus der Hauptstadt. Der Polizeioffizier erzählt, man hätte schon dringend um Militär telephoniert. Alexander! Böhlaug wollte in den nächsten Tagen noch Paris reisen. Frau Jctti Kupfer läutete gerade. Die nackten Mädchen sollten auftreten. Da geschah ein Knall Ein paar Flaschen kollerten vom, Büffet herunter. Man hörte das Klirren zersplitterter Fensterscheiben. Der Polizeioffizier rannte hinaus. Frau Jetti Kupfer riegelte die Tür ab. ״Machen Sie auf,“ schreit Kanner. ״Glauben Sie, war wollen bei Ihnen krepieren?“ ruft Neuner und die Schipisse brennen auf seiner Backe, als wären sie mit Karmin aufgemalt Neuner stößt Frau Jetti Kupfer fort und öffnet die Tür, Der Portier liegt blutend in seinem Fauteuil Ein paar Arbeiter stehen im Flur. Einer hat eine Handgranate geworfen. Draußen drängt sich eine große Menge in der schmalen Gasse und schreit. Hirsch Fisch kam in Unterhosen herunter. ״Wo ist Neuner?“ fragt der Arbeiter, der die Handgranate geworfen hat ״Neuner ist zu Hause!“ sagt Ignatz. i f- ■i