Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 34 (1.5.1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 246 JUEÖISCHE RUNDSCHAU Nr. 34, I. V. ldh Kameraden erteilt habt. Das erste, was sie hier lernten, wird für sie nützlich sein: früher waren sie der Meinung, beim Wettlauf seien das Wichtigste die Beine, beim Ringkampf und Steinstoßen die Arme; jetzt werden sie wissen, daß nicht in den Armen und Beinen die Kraft liegt, sondern im Kopf, Diese eure Schwerter, die. wir . vorläufig! —- noch nicht haben, schlagen nicht deshalb so tiefe Wunden, weil Eisen — Eisen ist, sondern deshalb, weil es lange vorher vom Schmied geschmiedet und lange vom Schleifer geschliffen wurde. Das wird Dan nicht vergessen und ihr oder eure Kinder werdet noch einmal stolz sein auf eure Schüler.“ Der einfältige Bergan! klatschte Beifall, nach ihm noch einige naive Gäste. Achtur aber und seine Gruppe schwiegen. Achtur stützte die Ellbogen auf und starrte Simson an. Die Schakale rückten vergnügt auf ihren Plätzen umher und versetzten sich Rippenstöße. Simson fuhr fort־. ,,Das zweite, was ich hier in diesen Tagen lernte, ist die Weisheit des Feldgrenzsteines. Der Eingeborene hat viele Idole, das heiligste von ihnen aber ist für ihn der Stein an der Furche, die sein Feld vom Feld des Nachbarn trennt. Er hat recht. Nie darf die Furche überschritten werden. Oie Ackerfurche ist das Pfand des Friedens. Es herrscht gutes Einvernehmen zwischen den Nachbarn, solange ein jeder bei sich zu Hause sitzt; sobald sie sich aber zu besuchen beginnen, kommt Unglück. Die Götter haben die Menschen verschieden geschaffen und ihnen anbefohlen, die Ackerfurche zu achten; es ist Sünde für der! Menschen, jene zu vermischen, die von den Göttern getrennt wurden.“ ״Wozu braucht dann der Danite ein philistäisches Weib?“ murmelte jemand mit halber Stimme, doch Simson hörte es. ״Bei dem Tempel Baal-Sebubs in Ekron befindet sich ein Bienenfeld“, antwortete er. ״Es gehen nur jene Priester dorthin zum Beten, die durch Geburt bitteres Blut haben: weder Biene, noch Wespe oder Hummel tut ihnen etwas. Solcher aber s!md wenige; für andre dagegen bedeutet das Betreten des Bienenfeldes den Tod. Ich, Tajisch-Simson, Sohn des Manoa aus dem danitischen Zora, bin mit bitterem Blute geboren. Ich bin mitten unter euch aufgewachsen; ich liebe euch, und auch ihr liebtet mich; wir waren Freunde, und wenn ihr es wollt, so werden wir auch Freunde bleiben. Ich bin gleichsam die Hand, die Dan über die Ackerfurche hinweg Caphtor hinstreckt; doch ist das nur eine Hand — und auch die muß man nach dem Händedruck zur rechten Zeit wieder hinter die Furche zurückzieh«. Völker aber mögen die Feldgrenzen nicht überschreiten; dann wird Frieden sein. Friede euch, ihr Philister, meine Freunde!“ Es lag diesmal keine Herausforderung in seinen Worten; es war darin eher ernste Trauer, die vielen der Philister in die Seele drang. Letzten Endes waren sie empfindsame Menschen und nicht böse von Natur; sie verstanden auch den unausgesprochenen Vorwurf, die Gastfreundschaft und die Wettkampfregeln verletzt zu haben, und konnten den Gedanken nicht loswerden, daß der Vorwurf ein wohlverdienter war. Sogar Achturs Freunde senkten die Köpfe; doch wurden sie wieder munterer, als sic sahen, daß Achtur selbst die Ruhe bewahrt hatte und seinen hochmütigen, nichts Gutes verheißenden Blick von Simsons Gesicht nicht abwandte. Sie schrien: ״Achtur! Achtur möge reden!“ Achtur erhob sich. Noch ehe er begann, fühlte Simson plötzlieh: jetzt, im nächsten Augenblick, wird etwas kommen, was nicht wieder gutzumachen ist: das Ende seiner Freundschaft mit dieser schonen, gepflegten, heiteren Jugend Tiranatas; ja, noch mehr — das Ende seiner sorglosen Jugend. Sonderbar erschien ihm Achturs neue Art, obwohl er schon wußte, daß die Bande zwischen ihnen gerissen waren. Er hatte Achtur noch nie in dieser Rolle des Erbosten, des Hassenden gesehen und konnte sich nicht vorstellen, wie sich das anhören würde. Achtur war immer gelassen, zurückhaltend und voll wohlmeinender Zuvorkommenheit gewesen; sogar seine Ironie wurde nie verletzend. Jetzt aber sprach er anders, betonte einzelne Worte, zuweilen in fast grober Weise; man merkte, daß er den Zusammenstoß absichtlich verschärfen wollte. Auch merkte man, daß er absichtlich schwierige und weitschweifig? Redewendungen wählte, um die ungebildeten Gäste zu erniedrigen: selbst Simson verstand nicht alles. ״Als einer, der fast der jüngste und an Ansehen wie Verstand der letzte in dieser glänzenden Versammlung von Gästen ist, danke auch ich unseren edlen und freigiebigen Wirten für diese sieben Tage auserwählter Gastfreundschaft. Hier, ganz am Rande unseres Landes, in einem kleinen Städtchen, das nach allen vier Seiten des Himmelsgewölbes von halbwilden Völkern umgeben ist, haben sie es verstanden, uns in eine Umgebung zu versetzen, die uns — zur rechten Zeit! — an die verfeinerte Majestät der königlichen Vergangenheit unseres Volkes erinnert; die uns daran erinnert, daß ein Fürst selbst in der Wüste, ja, noch schlimmer, in einer stickigen Höhle, wo Vagabunden hausen — ein Fürst bleibt; und daß es seine Pflicht ist, fürstlich zu leben und mit den Bewohnern der Höhle fürstlich zu sprechen.“ Er machte halt, um den Zuhörern Zeit zu lassen, Ihren Beifall auszudrücken. ״Ich wäre froh, wenn ich mich hierauf beschränken könnte,“ sagte er, als sie verstummten, ״wenn unser Freund Simson es nicht für notwendig gehalten hätte, so großherzig bei uns für die Belehrung sich zu bedanken, die er und seine Kameraden hier empfingen — die Kameraden, deren Mut drei Tage hintereinander und deren gewählten Umgang noch länger zu bewundern wir das Glück hatten. Als einer der Lehrer bin ich selbstverständlich verpflichtet, Bescheidenheit zu wahren, darum will ich dem Zweifel Ausdruck verleihen, ob unser Unterricht in der Tat sich so erfolgreich erweisen wird, wie Simson es uns verspricht — ob denn tatsächlich diese hervorragenden Schüler, oder ihre Kinder, oder ihre Enkel es jemals werden den Lehrern gleichtun können. Ich bezweifle es sehr; doch ist das nicht die Hauptsache. Hauptsächlich wollte ich unseren Freund Simson, den Sohn Manoas aus der großen und ruhmreichen Stadt Zora, daran erinnern, daß, wenn man schon eine solche Kleinigkeit wie die von uns erteilten Lehren erwähnen will, es ihrer nicht nur zwei, sondern drei waren; gerade die dritte, aber die wichtigste, hat er mit Schweigen übergangen.“ Jetzt sahen Simon und alle anderen ihn starr an. Sogar Bergam begriff, daß dies ein Streit war, ein Streit in seinem Hause, auf seinem Fest, und daß er ihn durch nichts mehr verhindern konnte; zum ersten Male im Leben verlor er den Kopf und zupfte sieh nervös an seinem breiten Bart. ״Die dritte Lehre war deshalb wichtiger als die anderen, weil sic von euch nicht nur den jungen Genossen unseres Freundes, sondern auch Ihm selbst, dem mächtigen Simson, erteilt wunde. Ihr habt ihm etwas in Erinnerung gebracht, was er offenbar vergessen hatte oder nicht wußte — und was für ihn und sein ganzes Volk sich für immer zu merken sehr nützlich wäre. Dan er diese nützliche Wahrheit vergessen hat, beweist eine Einzelheit —• die auch wir, nebenbei bemerkt, alle fast vergessen hätten. Entsinnst du dich noch Simson, daß du uns am ersten Tage des Festes ein Rätsel aufgabst: ,Speise kam von dem Fresser und Süßigkeit aus dem Grausamen?‘ Heute läuft die Frist ab, und ich weiß die Lösung. Unser witziger Freund, ihr philistäischen Edlen, hat uns ein Gleichnis über uns selbst aufgegeben■ Er hat uns sich genau angesehen und gefunden, daß wir zwar Kinder Caphtors sind, aber unwürdige Kinder. Wir waren einmal Fresser, Eroberer, Herrscher, grausam gegen die Feinde; jetzt aber — so dachte er — sind wir verzärtelt, verflacht und taugen nur als Leckerei, nur dazu, daß namenlose Nachbarn, Nachkommen ägyptischer Sklaven und Wüstenvagabunden, hin und wieder zu uns kämen, um zu zechen, den Tänzen zu- Zusehen — oder sich unsere schönen Schwestern und Töchter zur Frau zu nehmen!“ Ein unterdrückter heiserer Wutschrei entwand sich plötzlieh Hunderten von Kehlen; aller Gesichter wandten sich Simson zu, und jedes von ihnen trug drohende Falten. Simson wollte sagen, daß dies nicht wahr sei, aber Achtur sprach bereits weiter: ״Du hast deine Lehre erteilt bekommen, Simson; du hast gesehen, ob unsere Jugend im Vergleich zu den Helden deiner Stadt verkümmert ist. Präge dir diese Lehre ein; auch ihr, meine Freunde, prägt sie euch ein. Für uns wie für sie ist es nützlich, eingedenk zu sein, wer die Herren von Kanaan sind. Und noch eines: schon unsere Anwesenheit hier ist eine Bürgschaft dafür, daß wir nichts gegen die Ehe einer unserer Fürstinnen mit einem der Herrscher des benachbarten Zora haben. Das ist auch im Altertum vorgekommen: auch der König von Kereth oder von Troja gab zuweilen seine Tochter dem Fürsten eines ihm untertänigen Gebietes zur Frau. Das ist nützlich; das festigt die Vasallenbeziehungen, vergrößert die Ergebenheit des Vasallen gegen den Herrscher. In diesem Sinne mögen denn die Götter deine Ehe segnen, Simson, Richter Dans, eines der künftigen Erbländer Phitistäas!“ Er setzte sich. Die teuflische Geschicklichkeit dieser Rede bestand darin, daß ihr Schluß jeglicher Gefahr eines Wutausbruches auf seiten der Philister wie mit einer Handbewegung beseitigte. Noch vor einer Minute waren sie nahe daran gewesen, sich auf Simson zu stürzen, aber Achturs Schlußhieb versetzte sie in derartige Begeisterung, daß ihr Zorn in Frohlocken und Gelächter zerran; sie sprangen von ihren Plätzen auf, umringten Achtur, drückten ihm die Hand, klopften ihm auf die Schulter. Simson hatte die Zähne fest zusammengebissen und dachte angestrengt und schnell nach. Irgend etwas mußte er jetzt tun, und zwar sofort. Wer aber? Ja — er mußte sagen, daß das nicht wahr sei, daß er nicht dies Rätsel aurgegeben habe; er hatte ja ein Rätsel über ganz unwichtige Dinge aufgegeben — über Honig, Bienen und einen toten Panther... Handelte es sich aber jetzt darum? Das war ja schon alles unwesentlich. Man mußte... Wie Bergam, hatte auch er jetzt zum erstenmal im Leben die Herrschaft über »einen willen verloren. Seine Gedanken wurden gleichsam von einem Wirbel mitgerissen. Woher hatte Achtur das Gleichnis vom Süßen und Grausamen genommen? Simson erinnerte sich jetzt, daß er etwas Aehnliches an jenem Morgen in Eliaoars Anwesenheit gesagt hatte... Instinktiv erhob er die Augen und sah die beiden Schwestern hinter sich stehen; sie stanaen hinter den Gästen, mit Krügen in der Hand; beide sahen ihn an. Elionar strahlte triumphierend; als sie Simsons Blick begegnete, lachte sie und rief aus: ,!Nicht ich habe es Achtur erzählt. Ich erzählte es nur Semadar — frage sie nur: nicht wahr, Semadar, ich habe es nur dir gesagt, und du erzähltest es Achtur?“ Da heftete er sein« Augen auf Semadar und sah, wie ihr Ausdruck unter seinem Blick sich allmählich änderte. Zuerst sah sie ihn mit scherzhaften Schuldbekenntnis an; sie allein in der ganzen Menge hatte offenbar nicht verstanden, was geschehen war, meinte, das alles wäre nur Scherz. Plötzlieh aber wurde ihr klar, daß Simson zürnte. Sie erbleichte, öffnete die Lippen, ließ den Krug fallen und hob die Hände wie zu einer Bitte oder zur Abwehr. Im nächsten Augenblick begriff sie, daß Simson nicht nur zürnte, sondern lief ersehüttert war, daß etwas Großes, Furchtbares, nicht wieder Gutzumachendes geschehen war... Simson aber wurde das alles gleichgültig und widerwärtig. Schmutz, Lüge, Verrat — wozu darüber streiten? Worüber sollte er mit ihnen allen reden? Fort von hier! Er erhob sich und rief aus Leibeskräften: ״Has!“ Das ist ein grobes Wort, es bedeutet: Maul halten! Nur selten entfaltete er seine übermenschliche Stimme in ihrem vollen Umfange, wie diesmal; die Mehrzahl der Anwesenden hatten diese Stimme noch nie gehört und ahnten nicht, daß es eine solche Lautfülle überhaupt geben könne. Nicht nur das Ueberraschende eines Donnerschlages lag in diesem Schrei, sondern auch noch etwas anderes. Simsons ganze Erscheinung war in diesem Brüllen enthalten, es war eine Erinnerung an die übermenschliche, phantastische Kraft, gegen welche die Hand zu erheben ein Wahnsinn gewesen wäre. ״Leb׳ wohl, Timnata“, sagte Simson ruhig inmitten der Stille. ״Ihr werdet mich nicht mehr als Gast dieser Stadt sehen; von euch hängt es ab, daß ihr mich nicht als Feind zu sehen bekommt. Wer Kanaan regieren soll — das wird nicht bei einem Festgelage und nicht durch Worte entschieden werden. Vorläufig wollen wir auseinandergehen zu beiden Seiten der Ackerfurche; das Eure ist euer, das Meine mein. Was mein ist, werde ich mir nehmen, wenn die Zeit gekommen sein wird... wann ich Lust haben werde. Was euer ist, weidet ihr erhalten. Den Wetteinsatz werde ich zahlen. Zwar habe ich ihn nicht verspielt, mein Rätsel war ganz anderer Art. Doch ist das nicht wichtig — ihr habt mit meiner Kalbin gepflügt, so muß ich den Schaden bezahlen. Leb׳ wohl, Tim* nata — und denk׳ an die Ackerfurche: du wirst sie nicht überschreiten.“ Er wandte sich zum Schwiegervater: ״Leb’ wohl vorläufig, Bergam“, sagte er. ״Du bist ein guter Mensch, und nicht du bist hieran schuld. Mich trifft die Schuld: verzeih mir.“ Da kam Semadar zu ihm gelaufen, streckte die Hände aus und wollte etwas sagen. Er vertrieb sie durch eine Handbewegung, als wäre sie eine Hummel. ״Geh fort von mir“, sagte er halblaut aber deutlich. Alle hörten es. Bergam wurde tiefrot und wollte etwas sagen. Aber Semadar warf sich ihm weinend an die Brust, und er widmete sich ihr. Simson ging, und die Schakale folgten ihm; Jahir vorneher, Nechuscntan, an einer saftigen Feige saugend, als Letzter. Achturs Haus befand sich ebenfalls vor der Stadtmauer, jedoch weiter westlich fort von der Stadt an der nach Ascalon führenden Straße. Etwa nach zehn Tagen fand sein Hofmeister am Morgen vor dem Hauseingfng einen sorgfältig verpackten Bauen- Es *befanden sieh darin dreißig setdepe Mäntel, wie eie die Philister bei feierlichen Gelegenheiten anzulegen pflegten. Sie waren nicht alle neu, jedoch alle gut gearbeitet. Achtur zweifelte nicht daran, daß es philistäische Minner waren und daß Simson irgendwo irgend jemanden beraubt hatte. Doch erfuhr er bis zu seinem Tode nicht, wen und wo. Franz Blei; Frauen und Männer der Renaissance. Mit 3ג Bildbeigaben in Tiefdruck Avalun Verlag, Hellerau. Die berühmtesten Novellier! der Renaissance läßt Blei persönlich .mftreton; jeder craähll •ein Leben und seine schönste Novelle. So ist das Buch nicht nur amüsante Novellensaromlung sondern in angenehmster Form Lehrbuch der Kultur- und Literaturgeschichte jener Zeit, auf dar das heutige Europa ruht. Wunderbare Ausstattung. ״Maskenball“, Drama in vier Akten von Lermontoff, deutsche Neudichtung und Bühnenbearbeitung von Arthur Sakheim, dem Frankfurter Regisseur und Dramaturgen, errang im Wiesbadener Staatstheater uni im Hamburger Thalia-Theater bei Publikum und Presse großen Erfolg. ״Bitte, gerne!“ Stasia hätte sagen können: Ich möchte mit Ihnen nach Paris fahren! Statt dessen bittet sie mich um eine Postkarte. ״Ich schicke Ihnen den Eiffelturm.“ _ ״Wie Sie wollen!“ sagt Stasia und es bezieh! sich gar nicht auf die Ansichtskarte, sondern auf uns selbst. Das ist unser letztes Gespräch. Am nächsten Morgen sehe ich Stasia am Arm Alexanderls die Treppe hinuntergehn. Beide lächeln mir zu — ich esse Frühstück unten. Da weiß ich, daß Stasia eine große Dummheit gemacht hat. Ich verstehe sie. Die Frauen begehn ihre Dummheiten nicht wie wir, aus Fahrlässigkeit und Leichtsinn, sondern wenn sic sehr unglücklich sind. XXIV, Den Hof liebe ich, in den das Fenster meines Zimmers hinausgeht. Er erinnert mich an den ersten Tag im Hotri, den Tag meiner Ankunft. Ich sehe immer not-n Kinder spielen, höre einen Hund bellen und freue mich, wie bunt und fahnenhaft die •Wäsche flattert. In meinem Zimmer ist die Unrast, seitdem ich die Besucher Bloomfields empfange. Unrast ist im ganzen Hotel, im Korridor und Im Fünf-Uhr-Saal und eine kohlenstaubüberwehte Unrast herrscht in der Stadt. Wenn ich zum Fenster hinausblicke, sehe ich ein Stück glücklich geretteter Ruhe. Die Hühner schreien. Nur die Hühner. Es gab im Hotel Savoy einen andern, einen engen Lichthof, der aussah, wie ein Schacht für Selbstmörder. Dort wurden Teppiche geklopft, dorthin schüttete man den Staub, die Zigarettenstummel und den Kehricht des polternden Lebens. Mein Hof aber war so, als gehöre er gar nicht zum Hotel Savoy. Er barg sich hinter dem riesigen Gemäuer. Ich wüßte gerne, was mit dem Hof geschehn ist. Auch mit Bloomfield geht es mir so. Wenn ich seiner gedenke, bin ich neugierig, ob er seine gelbe Hornbrille trägt. Auch wüßte ich gerne etwas von Christoph Kolumbus, dem Friseur. Welche offen gelassene Lücke des Lebens füllt er jetzt aus? Große Ereignisse nehmen manchmal ihren Anfang in Friseurstuben, ln dem kleinen Salon des Friseurs Christoph Kolumbus im Hotel Savoy ereignete es sich, daß einer der strelkenden Arbeiter Neuners Lärm schlug. Das Geschäft ging gut. Man hörte in Kolumbus Stube am Vormittag allerlei Neues. Die angesehenen Männer der Stadt, sogar der Polizeioffizier, alle fremden und die meisten heimischen Gäste des Hotels ließen sich bei ihm barbieren. Und einmal trat ein Arbeiter, ein bißchen angetrunken, in den Friseurladln und begegnete allen widerwiliigen Blick«! mit aufreizender Gleichgültigkeit. Er ließ sich rasieren und bezahlte nicht. Christoph Kolumbus hätte ihn — er war ein großzügiger Mensch — gehen lassen. Doch Ignatz drohte mit der Polizei. Da schlug der Arbeiter auf Ignatz ein. Die Polizei verhaftete den Arbeiter. Am Nachmittag zogen seine Kameraden vor das Hotel Savoy und riefen: Pfui! Dann gingen sie vor das Gefängnis. Und in der Nacht zogen sie Lieder singend durch die erschrockenen Straßen. In der Zeitung stand fettgedruckt eine Nachrieht, sie brannte in der Mitte des Blattes. Ein paar Meilen weiter waren die Arbeiter einer großen Textilfabrik in den Streik getreten. Die Zeitung rief hach Militär, Polizei, Behörde, Gott. Der Schreiber erklärte, daß alles Unheil von den Heimkehrern stamme, die den ״Bazillus der Revolution in das keimfreie Land“ verschleppten. Der Schreiber war ein jämraerlieber Mensch, er spritzte Tinte gegen Lawinen, er baute Dämme aus Papier gegen Sturmfluten. XXV. Es regnet nun schon eine Woche in der Stadt. Die Abende sind klar und kühl, aber bei Tag regnet es. Es paßt so zum Regen, daß in diesen Tagen die Flut der Heimkehrer sich mit frischer Gewalt hcranwälzt. Mitten durch den schrägen, dünnen Regen gehen sie, Rußland, das große, schüttet sie aus. Sie nehmen kein Ende. Sie kommen alle denselben Weg, in grauen Kleidern, den Staub zerwanderter Jahre auf Gesichtern und Füßen. Es ist, als hingen sie mit dem Regen zusammen. Grau wie er, sind sie, und beständig, wie er. Sie strömen Grau aus, unendliches Grau über diese graue Stadt, ihre Blechgeschirre klappern, wie der Regen in den Blechnanen. Ein großes Heimweh geht von ihnen aus, die Sehnsucht vorwärts treibt und eine verschüttete Erinnerung an Heimat. Unterwegs sind sie hungrig, sie stehlen oder betteln und beides ist ihnen gleich. Sie töten Gänse und Hühner und Kälber, es ist Friede in der Welt, aber das bedeutet nur, daß man keine Menschen mehr zu töten braucht. Gänse, Hühner und Kälber aber haben nichts mit dem Frieden zu tun. Wir stehen, Zwonimir und ich, am Rande der der Stadt, wo die Baracken sind und spähen nach vertrauten Gesichtern. Alle sind fremd und alle vertraut. Der sieht wie mein Nachbar in der Schwarmlinie aus und der hat mit mir Gelenksübungen gelernt. Wir stehn seitwärts und betragten sie, aber es ist genau so, als ob wir mit ihnen gingen. Wir sind, wie sie, auch uns hat Rußland aus* geschüttet und wir ziehn alle heim. Es führt einer einen Hund mit, er trägt das Tier auf dem Arm, und seine Eßschale klappert an seine Hüfte bei jedem Schritt. Ich weiß, daß er den Hund nach Hause bringen wird, seine Heimat liegt im Süden, in Agram oder in Sarajevo. Den Hund bringt er treu bis zu seiner Hütte. Seine Frau schläft mit einem andern, den Totgeglaubten erkennen seine Kinder nicht mehr — er ist ein anderer geworden und der Hund nur kennt ihn, ein Hund, ein Heimatloser. Die Heimkehrer sind meine Brüder, sie sind hungrig. Nie sind sie meine Brüder gewesen. Im Fehde nicht, wenn wir von einem unverstandenen Willen getrieben, fremde Männer tot machten und in der Etappe nicht, wenn wir alle, nach dem Befehl eines bösen Menschen, gleichmäßig Beine und Arme streckten. Heute aber bin ich nicht mehr allein in der Welt, heute bin ich Teil der Heimkehrer. Sie strichen in Gruppen von fünf oder sechs Mann durch die Stadt, sie zerstreuten sich kurz vor den Baracken. Sie sangen Lieder vor den Höfen und Häusern, mit gebrochener, rostiger Stimme und dennoch waren die Lieder schon, wie manchmal an Märzabenden die Stimme eines schadhaften Leierkastens schön ist. Sie aßen in der Armenküche. Die Portionen wurden immer kleiner und der Hunger wurde größer. Die streikenden Arbeiter saßen und vertranken ihre Streikgelder in den Wartesälen des Bahnhofs und die Frauen und Kinder hungerten. In der Bar griff der Fabrikant Neuner um sich, die vornehmen Frauen der Stadt ließen sich ihre Kopfschmerzen von Xaver Zlotogor wegmägnetisieren. Den Hunger der armen Frauen könnte Xaver Zlotogor nicht wegraagnetisicren. (Schluß folgt.)