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Jüdische Rundschau · 1928-05-01 · Heft 34 (1.5.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 34 (1.5.1928)
Date
1928-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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1§ UNTERHALTUNGS-BEILAGE 1.Mai 192s DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU n,« Justiz und Gerechtigkeit oder Der Fall Maurizius Das '.eben־• werk Jacob Wassermanns gleicht in seinrs »iieisrliopftichcn Fülle — soweit es sich uns bis jetzt offenbart etwa jener antiken Via Sacra, welche der siegreiche Feldherr an der Spitze seiner Truppen zu durchschreiten hatte, ehe er zum Kapitol gelangte. Zur Seite steht manch ein Tempel, wo man Bitten an die Gottheit richtet, und manche Basilika, wo die Geschäfte der Menschen verhandelt werden; hier weist ein Obelisk nach oben, dort birgt ein Grab manchen gefallenen Krieger. Aber von Zeit zu Zeit wölbt sich über der breiten Straße ein Triumpbbogen, als wolle er alles Erreichte zusammenfassen — und alles noch zu Erreichende überschauen. Eine solche Wölbung war jene Geschichte des Christian Wahnschaffe, in welcher die lang entschwundene Vorkriegszeit, die in aller Fülle des Daseins nach Bitternissen schmachtete, durchleuchtet und aufgewühlt wurde; einen solchen Triumphbogen, freilich von einer durch Wassermann selbst bis jetzt noch nicht erreichten Weite und Tragfähigkeit, stellt sein neues Buch dar ״Der Fall Maurizius“ (1928, S. Fischer Verlag, Berlin). Dem Juden bringt dies Buch — wie offen oder verhüllt alle Bücher Wassermanns — eine besondere Botschaft. Fast könnte man sagen: doppelte Botschaft. Dem ewigen Juden: denn es geht hier um ein in tiefstem Sinne jüdisches Problem, die Idee der Gerechtigkeit. Dem zeitlichen Juden: denn die Schicksalsgestalt des Buches bildet ein Jude, der in sich alle Möglichkeiten und allen Schiffbruch des europäischen Juden der Gegenwart verkörpert. Und Juden in aller Welt — der russisch« Jude, der in Amerika im eisernen Käfig schluchzt, wie der ungerecht angeklagte jüdische Schüler im deutschen Odenwaldheim — bilden den blutig und schmerzvoll zuckenden Hintergrund dieser gewaltigen Tragödie. Es gehörte schon seit je zu den Eigenheiten Jacob Wassermanns, daß er sich nicht scheute, in seinen Büchern Tagesereignisse aufzugreifen und dichterisch zu durchleuchten; man hat diese Furchtlosigkeit wohl früher manchmal verkannt und ihm den Vorwurf des Sensationshungers daraus geschmiedet. So spukte durch den Christian Wahnschaffe die Gestalt des Schauspielers Kainz, wie das unheimliche Bild jenes unseligen Kandidaten, von dessen Schicksal damals die Zeitungen voll waren; so bewahrt der Oberlin die Erinnerung an neuere pädagogische Erziehungsexperimente. Hier ist nun ein berühmter Prozeß in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Viele von uns mögen sich seiner noch erinnern, zumal die endliche Begnadigung und das dunkle Ende des einstigen Angeklagten noch nicht weit zurückliegt und der Unglückliche selbst nach seiner Begnadigung in einer großen Tageszeitung über seine seelischen Erfahrungen im Zu<;hthaus berichtete. Es führt nun schon tief in die Werkstatt eines Dichters hinein, wenn wir Zusehen, wie Wassermann diesen ihm von der Tagesgeschichte gegebenen Stoff umwandelt und wie mit einer Blendlaterne, von der in dem Buche manchmal die Rede ist, bald hier bald dort ausstrahlen läßt. Vor allem führt Wassermann in das Gewirr der Tatsachen eine unheimlich dämonische Gestalt ein, einen Mann namens Gregor Waremme, den Kronzeugen gegen Maurizius, der, wie es scheint, die andern nach seinem Willen lenkt, als wären es Marionetten. — Den Schauplatz seiner Handlung verlegt Wassermann nun, achtzehn Jahre nach der Verurteilung des Privatdozenten Maurizius, in das Haus des Staatsanwaltes Andergast, des ״blutigen Andergast“, wie man ihn nennt, der einst die Anklage gegen Maurizius in glänzender Rede formulierte und somit eigentlich zum geistigen Urheber seiner Verurteilung wurde. Dieser Vertreter des starren formellen Rechts hat seine papierne Rechtsauffassung auch in sein Privatleben übertragen; die Mutter ist ihm entfremdet, seine Frau hat er wegen eines Fehltritts zur Scheidung und zum Verzicht auf ihr Kind gezwungen. Neben ihm aber wächst ein Knabe auf, dessen Gestalt zu dem Schönsten und Zartesten gehört, was Wassermann, dessen Lieblingsalter diese erwachende Mannhaftigkeit ist, geschaffen hat: ein jüngerer Bruder des unvergeßlichen Kaspar Hauser (der nicht ohne Grund an einer bedeutsamen Stelle des Buches erwähnt wird) und des Junkers Ernst. Der junge Etzel Andergast erkennt, vom Vater des einstigen Angeklagten aufgerührt, als seinen tiefsten Beruf, die Unschuld des zu Unrecht Verurteilten ans Licht zu bringen — der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Heimlich verläßt er des Vaters Haus, spürt unter unendlichen Mühen jenen einstigen Kronzeugen aus dem Prozesse auf und erreicht nach unablässiger seelischer Arbeit — noch einmal erscheint hier jene gewaltigste Szene aus dem Christian Wahnschaffe, da Christian den Mörder zum Bekenntnis bringt und in ihm den Menschen erweckt — daß Waremme seinen Meineid eingestellt. Das Recht hat gesiegt, so meint Etzel — so meinen wir mit ihm. Nun aber ist unterdessen auch die Justiz auf dem Felde erschienen: Andergast hat in erwachendem Zweifel an der Schlüssigkeit des einstigen Verfahrens die Begnadigung des Sträflings Maurizius vorgeschlagen; Maurizius hat das Geschenk der Gnade, seines Lebenskampfes um das Recht überdrüssig, angenommen. Als Etzel heimkehrt, sieht er sich, sieht er die Gerechtigkeit um den Kampfpreis betrogen. Ihm wird die unterdessen heim* gekehrte Mutter ins Leben zurückhelfen; der Staatsanwalt aber, der aus einem ״Trismegistos“, einem unfehlbaren Wesen, nun zum unterlegenen, irrenden, schuldigen Menschen geworden ist, erträgt die Zertrümmerung seiner Welt nicht und bricht zusammen. ״Damit endet der Fall Maurizius, nicht aber die Geschichte von Etzel Andergast.“ So schließt das Buch. Mit gutem Grunde. Der Kampf um die Gerechtigkeit geht weiter, muß weiter gehen, so lange noch Menschenaugen zum Himmel blicken können. Unter den Trägern dieses Kampfes aber stehen, in aller Welt, — Juden. ״Der Jude ist da, um abzurechnen. Dazu hat ihn Gott bestimmt.“ So sagt . . . Waremme. Und nun erkennen wir, warum diese Gestalt von Wassermann erdacht — nein: herübergenommen wurde. Gregor Waremme heißt eigentlich Georg Warschauer und ist der Sohn jüdischer Eltern aus Thorn — ausgezeichneter Mensehen, die aber, stolz auf die bürgerliche Emanzipation, ״religiös und sozial in der Luft hingen“. Den alten Glauben hatten sie nicht mehr, einen neuen, will heißen den christlichen, anzunehmen weigerten sie sich. So wird der Sohn Einer, der die Wurzel verleugnet, aus der er gewachsen ist. Gesellschaft schloß ihn aus, der Staat schloß ihn aus; er litt und wußte nicht, warum — so ließ er sich von Katholiken adoptieren und wurde ״ein Andrer“, wie das alte jüdische Wort den Abtrünnigen neftnt. Die Geschichte seiner seelischen Ent- Wicklung, wie er selbst sie in gewaltigem Selbstbekenntnis dem lauschenden Knaben darlegt, ist vielleicht der psychologische Schlüssel des Ganzen. Waremme ist der Mensch der polaren Gegensätze, wie wir ihn unter Juden so oft sehen, als welchen gerade Wassermann wiederholt die Juden gezeichnet hat; er selbst ist sissh War, daß er bei tnfscheidendem Anstöße ״ein jüdischer Führer, ein Luther des Judentums“ hätte werden können. Statt dessen ward er zum Hasser der eigenen Stammes- und Leidensgenossen und zum Sklaven seiner Machtgier. Unsichtbare Hände haben ihm seit seinem Uebertritt zur katholischen Kirche alle seine Wege geebnet; er ist Philosoph, Philologe, Poet, Politiker — vor allem besitzt er unheimliche Gewalt über die Herzen der Menschen, Männer wie Frauen. — Es ist mehr als bezeichnend, daß in dem andern großen Zeitroman unserer Tage, in Thomas Manns ״Zauberberg“, ebenfalls ein zum Katholizismus übergetretener Jude, der Jesuit Naphtha, seine Macht über die Herzen der Menschen erprobt. Waremme und Naphtha: Sinnbilder der geheimen Mächte im Leben unserer Zeit . . . Aber ungleich dem Jesuiten erlebt dieser Georg Warschauer bürgerlichen Tod und — fast will es scheinen — seelische Wiedergeburt. Dazu helfen ihm die Unterdrückten in der neuen Welt, Neger wie Juden; dazu hilft ihm die warme Güte eines amerikanischen Menschenfreundes; dazu I hilft endlich die reine Jünglingsgestalt Etzels, der sein verwelktes Herz bewegt. Ihm verspricht er schließlich — nach einem letzten verzweifelten Ausweichen in russische Gefilde des Gedankens — das letzte Opfer, die ״Preisgabe seines unwürdigen lelis, um der maroden Justitia Beine zu machen ...“ Zugegeben sei: es stimmt nicht alles in dieser Ent- Wicklung. Der unheimliche Riese — ״der Golem“ wird er von Wassermann in gewissen Augenblicken gerne genannt — ist zu singulär, als daß wir ihn als Vertreter eines ganzen Geschlechts ansehen könnten. Aber dennoch: hier ist das unheimliche Schicksal der von ihrem Mutterboden losgelösten orientalischen Leidenschaft, die in der Maskenwelt des Renegatentums ihre Erlösung sucht. Dieser Golem-Jude ist der eigentliche Held des Buches, das eigentliche Opfer — nicht der ihm gegenüber zur Schattenhaftigkeit verdammte Maurizius. Der Kampf um das Recht, den Etzels glühendes Herz kämpft — hier ist er wieder, ausgekämpft in der Brust eines Einzelnen. ״Ich mußte trachten, den Waremme unschädlich zu machen — verstehen Sie, das wurde nach und nach die Kardinalfrage,“ sagt er selbst. Die Geschichte von Etzel Anclergast ist noch nicht zu Ende? — Auch nicht die Geschichte von Gregor Waremme — Warschauer. Bertha Badt-Strauss. Richter und Narr Von Altalena (W1. Jabotinsky). .1/if diesem Kapitel schließen mir den Vorabdruck aus der», im. Verlag Meyer ,f׳ Jessen erscheinenden Simxon-Roman ab. Eine. Würdigung des Buches, das neben lebendiger Schilderung des antiken Kanaan auch unverkennbare Anspielungen auf d<e Gegenwart enthält, behalten mir uns vor. Dreizehntes Kapitel. Streit Bei dem Gelage, das an diesem Tage stattfand, fühlten sich die Daniten etwas wohlcr. Zwar hatten sie keine Siege davongetragen, aber Gusch, Nechuschtan und der Zwischenfall mit der eingeborenen Bevölkerung hatte den Philistern doch wenigstens Unannehmlichkeiten bereitet. Die Schakale saßen alle an einem Tisch und unterhielten sich, wenn auch nicht sehr laut, so doch lebhaft und ohne die andern zu beachten. Simson war wieder auf seinen früheren Ehrenplatz zurückgekehrt und war ebenfalls guter Stimmung: diesmal hatte er die Mütze nicht abgelegt und den Wein nicht zurückgewiesen. Dagegen machte sich ein gewisser fester Zusammenhalt in der Hauptgruppe der Philister bemerkbar. Achtur und seine nächsten Freunde schienen nicht zur Unterhaltung aufgelegt; aber auch die übrigen Gäste Bergams schienen auffällig ver* stimmt zu sein. Die Philister brachten gern Tischreden aus und verstanden sich auch gut darauf. So hielt Bergam gegen Ende des Mahles eine wohlanständige, herzliche, gastfreundliche Rede. Er brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, daß er so vornehme Gäste . bei sich sehe; lobte in gleicher Weise Caphtor und Dan; erwähnte Simsons Kraft, indem er seinen Schwiegersohn mit irgendeinem Helden aus der Mythologie des Aegäischen Ar* chipeis verglich, der mit unbewaffneter Hand Löwen und vielköpfige Drakonen tötete; er wünschte ihm und seiner Tochter eine ebensolche Nachkommenschaft, verneigte sich nach allen Seiten und setzte sich. Als zweiter mußte der Sitte gemäß Simson eine Rede halten. Er sagte: ״Ich danke dir, hochedler Bergam, und euch allen, hoch* edle Gäste. Mein Glück ist groß, doch ist es nach den Sitten meines Volkes unschicklich, hierüber auch nur zu Freunden zu sprechen. Denn wenn ich mich auch freue, eure Kleider zu tragen und mit euch Wein zu trinken, so gehe ich doch in den wichtigen Dingen des Lebens die Wege Dans und Zoras, und werde sie auch weiterhin gehen.“ Etwas scharf Gemünztes, fast Herausforderndes klirrte bei diesen Worten in seiner Stimme. Die Philister sahen sich an. Simson fuhr fort: ״Das aber kann und muß ich euch sagen: ich danke euch für die zwei Lehren, die ihr in diesen Tagen mir und meinen Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. (13. Fortsetzung.) Zu mir kamen auch die Leute aus den oberen Stockwerken und es nahm kein Ende, Ich sah, daß keiner von ihnen freiwillig im Hotel Savoy wohnte. Jeden hielt ein Unglück fest. Jedem war Hotel Savoy das Unglück, er wußte nicht mehr gerecht zu scheiden zwischen dem und jenem. Alles Mißgeschick stieß ihnen in diesem Hotel zu, sie glaubten, Savoy heiße ihr Unglück. Es nahm kein Ende. Auch die Witwe Santschin kam. Sie lebte jetzt bei ihrem Schwager, auf dem Lande und mußte schwere Arbeit im Hause tun. Sie hatte von Bloomfields Ankunft gehört, und, daß er allen Mensehen half. Ich weiß nicht, ob die Witwe Santschin etwas erreicht hat. Ich weiß nicht, wie vielen Bloomfield gehohen hat. Der Polizeioffizier tauchte plötzlich auf, derselbe, dessen ganze Familie allabendlich im Varictd saß. Er war ein junger stupider Mensch mit Achselklappen und einem Schleppsäbel und nichts war an ihm besonderes. Er hatte von seinem Vorgänger das Zimmer 80 geerbt, alle Polizeioffiziere, die hierher versetzt wurden, wohnten umsonst im Zimmer 80. Seit einer Woche trug der Offizier eine neue Uniform aus dunkelblauem Tuch und eine Aus- Zeichnung auf der Brust. Ich glaube, er wurde endgültig zum Oberleutnant ernannt. Er stelzte feierlich, sein Säbel geriet ihm oft genug zwischen die Beine und in der Rechten schwenkte er gelbe Wildlederhandschuhe. Er kam in die Bar und trank an allen Tischen, auf aller Kosten und landete schließlich bei Alexanderl am Tisch. Die zwei verstanden sich gut. Der Polizeioffizier hat ein kurzes Schnurrbärtchen und ein kurzes, stumpfes Naschen und große, rote Ohren an einem glattrasierten kleinen Schädel. Das Haar wuchs ihm tief in die Stirn in einem spitzen Dreieck über der Nase, er mußte seine Dienstmütze streng über den Augen tragen, weil man sonst diesen lächerlichen Haarwuchs gesehen hätte. Ich weiß nicht, was ein Polizeioffizier zu tun hat, ich weiß, daß er sehr wenig arbeitet. Unser Polizeioffizier stand um zehn Uhr auf, er aß um zwölf Uhr Mittag und dann las er die Zeitungen. Das war eine schwere Arbeit, er legte immer den Säbel ab, wenn er Zeitungen las. Er gab sich sozusagen privat. Am Abend tanzte er flott — er war ein begehrter Tänzer. Er bestäubte sich mit Maiglöckchenparfüm, er roch wie ein Blumenpavillon und er tanzte in straffen Hosen, die mit Gummischnallen an den Stiefeln befestigt waren. Die Hose hatte einen dünnen, roten Streifen an der Naht, der sehr schön und blutig leuchtete. Seine großen Ohren flammten in tiefem Purpur und mit einem kleinen Spitzentaschentuch wischte er sich eine Schweißperle von der Nase. Der Polizeioffizier hieß Jan Mrock. Er war sehr höflich und gefällig und lächelte immer. Das Lächeln war seine Rettung, ein guter, gefälliger Geist hatte es ihm geschenkt. Wenn ich ihn so ansah, seine rosige Haut, seinen ahnungslosen Mund, dann wußte ich, daß er sich seit seinem siebenten Lebensjahr gar nicht geändert hatte. Er sah genau so aus, wie ein Scnulknabe. Zwanzig Jahre, Krieg und das Elend ließen ihn unberührt. Einmal kam er mit Stasia in die Bar. Zwei Wochen sind vergangen, seitdem ich sie zum letzten Mal gesehn habe. Sie ist braun und frisch und lächelnd und hat große graue Augen. ״Sie sind immer noch da?“ sagt Stasia und wird rot, denn sie hat sich verstellt, sie weiß ja wohl, daß ich nicht verreist bin. ״Sind Sie enttäuscht?“ ״Sie vernachlässigen unsere Freundschaft!“ Ich vernachlässige nicht die Freundschaft. Eiicser Vorwurf gebührt Stasia selbst. Zwei Wochen liegen zwischen ihr und mir, zweihundert Jahre können nicht mehr verwüsten. Ich habe auf sie zitternd gewartet, vor dem Variete, in den Schatten einer Mauer gedrückt. Wir haben Tee miteinander getrunken und eine leise Wärme lag um uns beide. Sie war meine erste liebliche Begegnung im Hotel Savoy und uns beiden war Alexanderl ttnsympathisch, Ich habe durch das Schlüsselloch gesehn, wie sie in einem Bademantel hin und her ging und französische Vokabeln lernte. Sie will ja nach Paris. Ich wäre gerne mit ihr nach Paris gereist. Ich wäre gerne mit ihr zusammengeblieben, ein Jahr, oder zwei oder zehn. Ein großer Haufen Einsamkeit hat sich in mir angesammelt, sechs Jahre großer Einsamkeit. Ich suche nach Gründen, weshalb ich ihr so fern bin und finde keine. Ich suche nach Vorwürfen was konnte ich ihr vorwerfen? Sie nahm von Alexander Blumen an und schickte sie nicht zurück. Es ist dumm, Blumen zurückzuschicken. Aber ich bin eifersüchtig. Wenn ich mich mit Alexander Böhlaug vergleiche, spricht freilich alles zu meinen Gunsten. Dennoch bin ich eifersüchtig. Ich bin kein Eroberer und kein Anbeter. Wenn sich mir etwas gibt, nehme ich es und bin dankbar. Aber Stasia hot sich mir nicht und wollte belagert werden. Ich verstand damals nicht — ich war lange einsam gewesen und ohne Frauen — weshalb die Mädchen so heimlich tun und so viel Geduld haben und so stolz sind. Stasia wußte ja nicht, daß ich sie nicht triumphierend angenommen hätte, sondern demütig und dankbar. Heute verstehe ich, daß es der Natur der Frauen ansteht, zu zögern, und daß ihre Lügen vergeben werden, noch ehe sie gesebebn. Ich kümmerte mich zu viel um das Hotel Savoy und um die Menschen, um fremde Schicksaie und zu wenig um mein eigenes. Hier stand eine schöne Frau und wartete auf ein gutes Wort und ich sagte es nicht, wie ein ver• stockter Schulknabe. Ich war verstockt. Mir war, als ob Stasia schuld wäre an meiner langen Einsamkeit und sie konnte es ja gar nicht wissen. Ich warf ihr vor, daß sie keine Seherin war. Nun weiß ich, daß die Frauen alles ahnen, was in uns vorgeht, aber dennoch aut Worte warten. Gott legte das Zagen in die Seele der Frau. live Gegenwart reizte mich. Weshalb kam sie’micht zu mir? Weshalb ließ sie sich von dem Polizeioffizier begleiten? Weshalb fragt sie, ob ich immer noch da wäre? weshalb sagt sie nicht: Gott sei Dank, daß Du da bist! Heute weiß ich, daß die Begleitung des Polizeioffiziers ein Zufall war, ihre Frage eigentlich ein Geständnis. Damals aber war ich einsam und verbittert und benahm mich so, als wäre ich das Mädchen und Stasia der Mann. Sie wird noch stolzer und kühler und ich fühle, wie sich der Abstand zwischen uns beiden vergrößert und wie wir immer menr und mehr fremd werden. ״Ich fahre bestimmt in zehn Tagen,“ sage ich. ״Wenn Sie nach Paris kommen, schreiben Sie mir eine Karte!“ -0!

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