Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 33 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33, 27. IV 1928 }UEDISCHE RUNDSCHAU Seite 237 ' Der Kischinewer Pogrom Zum 25. Jahrestag. Von Dozent Dr. Israel Rabin, Breslau. ln der ,Jüd. Zeitung" in Breslau veröffentlicht, Dr. Rubin einen rum. Teil auf persönlichen Erinnerungen beruhenden Artikel aber den Pogrom von Kischinew, der am 7. Tage des Peßachfettes im Jahre 1903, aha genau vor 25 Jahren, statt fand. Dieser furcht• bare Pogrom bedeutete zugleich ein Warnungssignal für das sich in gedankenloser Sicherheit wiegende und, dia Judenfrage bagatdUsicrcndc, Wrltiudentum. Wir entnehmen dem Aufsatz Rabim nachstehenden Teil: 'Am äußersten Rande des Zarenreiches, in einer nahe Ruminien gelegenen Ecke des vielgesegneten jüdischen Ansiedlungsravons, flackerte der Brand auf. In Kischinew, der Hauptstadt Beßarabiens, lebten beieinander Juden, Rumänen (Moldauer) und Großrussen, untermischt von Ruthenen, Grieehen und Armeniern. Erträgliche Beziehungen herrschten zwi- ,sehen den einzelnen Teilen dieser nach Rasse und Glauben buntgemischten Bevölkerung. Mit Hilfe von geheimen Regierungsfonds gelang es jedoch einer hetzerischen Presse, derer! lautester Wortführer Kruschewan, ein russifiziertcr Moldauer, war, den Frieden zu unterwühlen und das Zusammenleben zu vergiften. Authentische Berichte, insbesondere die von einem starken Wahrheitsdrange getragenen Memoiren des beßarabischen Gouverneurs Fürst U r u s s o w legten späterhin die teuflische Tücke der Zentralregierung bloß, mit der der Pogrom von Kischinew vorbereitet wurde. Die russische Bureaukratie, deren bewegende Kraft zu jener Zeit Innenminister Plehwe war, hat den Schauplatz für ihre Pogromtätigkeit mit gutem Vorbedacht gewählt. Das Zusammenleben verschiedener Volkselemente führt nur dort zu einem wirklichen Verstehen und gegenseitiger Freundschaff, wo Wissen, Bildung und sittliche Erziehung die wirkenden Faktoren des Volkslebens sind. In den breiten Massen der bäuerlich stumpfen Großrussen und Ruthenen und der unwissenden, leicht zu Gewalttätigkeit neigenden Rumänen wie in der skrupellosen bestechlichen russischen Beamtenschaft konnte den Juden gegenüber jedoch höchstens eine äußere Duldung herrschen. Im Gegensatz zu dem Pauperismus der jüdischen Bevölkerung in anderen Provinzen des Ansiedlungsrayons war die wirtschaftliche Lage der Juden in dem von der Natur gesegneten Beßarabien eine vorwiegend günstige. Hingegen lebten grolle Teile der moldauischen wie der russischen Bauernschaft, von den Latifundienbesitzern geknechtet, vielerorts in großem Elend. Es war daher leicht, die Urinstinkte dieser halbwilden Bevölkerung aufzureizen. Neben der offenen Wühlarbeit der Presse und der versteckten Hetze der Regierungsorgane spielte die Geistlichkeit eine besonders traurige Rolle. Ihre Spitzen, gefügige Werkzeuge des russischen Despotismus, waren bestrebt, die Unzufriedenheit der Volksmassen, die durch den Staat und den Adel ausgepowert wurden, auf die Juden abzulenken. Der russisehen Kirche war jede Verleumdung, die Blutlüge inbegriffen, recht, um die Volkswut gegen die Juden wachzurufen. Die zaristische Regierung, durch das Anwachsen der revolutionären Bewegung, die man heuchlerischerweise als das alleinige Werk der jüdischen Intelligenz hinstellte, unsicher gemacht und erschreckt, sann auf Mittel zur blutigen Bekämpfung. Der Mann der eisernen Baust, inöenmlnister Pleh#e,* der neben Pobe* dAftftecnr «ineri mephistophelischen Einfluß auf Nikolaus iusübte, hatte die Juääi äfs Opfet ausersehen. Er war der eigent* liehe Inaugurator des Pogroms. Dem geistigen Urheber der maßlosen Verhetzung der beßarabischen Bevölkerung Krus c h e w a n stellten sich auf solchen Antrieb von oben her die höheren Gouvernementsbeamten, die vorwiegend Großrussen aus Zentralrußland waren, zur Seite. Sogar der Vizegouverneur Ustrugow war der Mitarbeiter der Hetzzeitung Beßarabetz. Freiwillige Helfer aus der Elite der russischen Intelligenz fanden sich bereit den Intentionen der Regierung Schergendienste zu leisten. So war der Pogrom im Kischinew das Produkt einer von langer Hand vorbereiteten planmäßigen Organisation. Zahlreich waren die Leiden der Juden im Laufe der Jahrhunderte, mannigfaltig waren die Formen der Verfolgungen, grausam die Qualen, die man ersann. Einzigartig aber ist der Hexensabbat eines Pogroms. Dort offenbart sich die Bestie Mensch in ihrer ganzen ungezügelten Wildheit In keinem anderen Lande und keinem anderen Volke ist die Psyche des Pogroms in dieser Art möglich. Begriff und Inhalt sind die traurige Schöpfung des russischen Geistes. Wie eine Naturgewalt bricht ein solcher Pogrom herein: düstere Stimmung, die bleiern alles lähmt wie die Ahnung eines herannahenden Orkans, Zittern der Oeängstigten auf der einen Seite, Aufbrodeln, Wiederersterben und sich von neuem Verstärken der Volksleidenschaft wie das Grollen eines Gewitters, stille Verbissenheit und Bluttrunkenheit, die sich auf Taten der Zerstörung freut, auf der anderen Seite. Und plötzlich, längst gefürchtet und doch für den Augenblick nicht geahnt, ist der Vulkanausbruch da. Ein nichtiger Anlaß genügt, ihn hervor- Zurufen. Eine jüdische Marktfrau, wie später von offizieller Seite fälschlich behauptet wurde, soll einen Arbeiter um ein paar Pfennige betrogen haben. Mitten in der christlichen Osterfreude, aus den Belustigungen der Volksmasse bei Karussel und Würfelspiel, ertönte der Ruf: Schlagt die Juden tot! Und schon wälzte sich die Masse wie ein verheerender Lavaström durch die Jüdischen Viertel. In 21 Straften der Stadt, die vorwiegend von Juden bewohnt waren, begann die Plünderung zur gleichen Zeit, ein Zeichen der vorzüglichen Organisation. Mit Beil und Stemmeisen fielen die durch rote Hemden gekennzeichneten ״Pogromtschiki“ über die jüdischen Läden und Häuser her, die christlichen Nachbarn spielten die Ciceroni, kein jüdisches Haus sollte verschont werden. Polizei und Militär srtanden Gewehr bei Fuß als teilnahmslose Zuschauer dabei. Ein Geheimerlaß Plehwes wollte es so. Die Volksmasse sollte in ihrer ״Belustigung״ nicht gestört werden. Nur wenn der Mob sich auch gegen Christen wandte, durfte ihm mit Waffengewalt entgegengetreten werden. Die Zerstörung von jüdischem ff ab und Gut war fürchterlich. Der Schaden wurde auf 8 Mill. Mark geschätzt. Noch aber waren keine Menschenopfer gefallen. Vom Gouverneur wie vom Bischof, an die sich die Juden händeringend um Hilfe wandten, vernahmen die Geschädigten nur Hohn auf ihre Klagen. Es sei ja nur das Werk betrunkener Rowdies, Gefahr für Leib und Leben bestünde nicht Vom Polizeimeister wurden die Exzedenten direkt ermuntert. Recht- und Schutzlosigkeit der Juden traten in ihrer ganzen Kraßheit an den Tag. Als die Zerstörer erkannten, daß die Juden vogelfrei waren, wirkte sich ihre Bestialität in ihrer ganzen Stärke aus. Alle Schrecken der תוכחה und die grausigen Bilder der Visionen* der Propheten wurden zur Wirklichkeit Totschlag an Greisen wie an zarten Kindern, Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Schändungen von Leichen, Vernichtung und Verunglimpfung von Heiligtümern, kein Element der Zerstörung fehlte. Das Blutbad des 2. Pogromtages war entsetzlich. 47 Tote, 437 Verstümmelte und Verwundete waren die Opfer. 100 Waisen blieben . verlassen zurück. (Durch den bekannten palästinensischen Schriftsteller Israel Beikind wurde unmittelbar nach dem Pogrom in Rußland ein Fonds gesammelt, der zur Unterbringung der Kischinewer Waisen in einer landwirtschaftlichen Schule Palästinas diente. Mit großen Schwierigkeiten gelang es, 47 Kinder über die Grenze zu bringen. Der Schreiber dieser Zeilen begleitete diese Kinderschar nach dem Sukkothfest 1003 bis nach Wien, wo sie von Beikind in Empfang genommen wurde.) 8000 Familien waren ihres Vermögens und ihres Broterwerbes beraubt und dem Hunger preisgegeben. Drei Tage wütete der Sturm der Zerstörung. Danach waren 10000 Menschen obdachlos geworden. Jedoch der Verlust an Menschen und Vermögen war nicht das einzige Beklagenswerte. Die größten Dichter der russischen Judenheit Bialik und Frag haben bei der erschütternden Klage über das Leid des Pogroms die empörte jüdischen Seele, de® knechtischen« Sinn ihrer Volksgenossen erhoben, der sich in dem geduldigen Hinnehmen von Marter und Schande offenbarte. Dieses vernichtend! Urteil, aus dem Schmerz des Dfchterherzens geboren, entspricht jedoch nur zum Teil der Wahrheit des Geschehenen. Wohl ergaben sich viele ohne Gegenwehr ihren Peinigern. Viele suchten, von Todesangst gejagt, in heimlichen Verstecken ihre Rettung. Wenigen nur war es bei der wahnsinnigen Blutgier der tobenden Menge möglich, sich der Gewalt zu erwehren. Wirklich mannhafter Widerstand konnte auch angesichts des offensichtlichen Schutzes, dessen die Pogrombeiden bei der Polizei sicher waren, und der drohenden Haltung der gesamten christlichen Bevölkerung der Stadt kaum geleistet werden. Trotzdem wurden viele Versuche gemacht Die in Eile organisierte jüdische Selbstwehr wurde aber von der Polizei entwaffnet Solche Selbstwehren (dies möge zur Rehabilitation der jüdischen Ehre aus persönlicher Erinnerung beigefügt werden) wurden unmittelbar nach dem Pogrom von Kischinew in vielen jüdischen Gemeinden Rußlands organisiert Mit großer Begeisterung nahm die Jugend daran teil. Durch Befehl Plehwes sind all diese Kampfbünde, die beim Versagen der staatlichen Schutzorgane zur Verteidigung von Ehre und Leben dienen sollten, unterdrückt und aufgehoben worden. Von den Kischinewer Helden des Kampfes soll der alte Schammes unvergessen bleiben, der mit seinem Leib den Aron-ha’qodesch schützte und, von vielen Eisenstäben durchbohrt, vor den heiligen Rollen als wirklicher קדיש fiel. Unvergessen auch der junge Gymnasiast, der, fast noch ein Kind, mit seiner schwachen Kraft die Ehre seiner Mutter schützen wollte und sein junges Leben für ihre Reinheit opferte. Mit dem Massacre von Kischinew hat die Aera der Pogrome in Rußland von neuem begonnen. Seitdem wich die Furcht vor neuen Ausschreitungen nicht mehr aus der jüdischen Gasse. Kleinere Exzesse in der Ukraine gingen ohne Blutopfer vorüber. Erschütternd wirkte wieder der Pogrom von Hornel, dessen Gedenken mit blutigen Lettern in der Geschichte des jüdischen Volkes verzeichnet steht. Die Pogromwelle, von dem russisch-japanischen Krieg zum Stillstand gebracht, ergoß sich nach dem kurzen Rausch des russischen Freiheitsfrühlings mit erneuter Gewalt über die verschiedenen Teile des weiten russisehen Reiches, um in den sogenannten Oktoberpogromen der Jahre 1905/6 in 700 jüdischen Gemeinden Tod und Verwüstung zu bringen. So trafen 1919 die Unruhen der Denikin - und Petljurazeit i!1 Rußland ein geschwächtes jüdisches Geschlecht. Die Tage der Zerstörung — von Kischinew bis Proskurow — batten die Seele des jüdischen Volkes zu tiefst erschütfert, seinen Mut zerbrochen und seine menschliche Würde zertreten. Aus all dieser Zeit des Blutes und der Schande ragt Kischinew für die gesamte Judenheit der Welt als Wahrzeichen jüdischen Leidens im 20. Jahrhundert hervor. Unser Trost aber ist, daß uns aus der Tiefe der Aufstieg zum Leben gewiß ist;: גצה ישראל לא ישקר! Zur Jerusalemer Missionskonlerenz Von unserem Korrespondenten. F. L. Jerusalem, 23. April 1928. Die Konferenz protestantischer, anglikanischer und anderer Missionare (keine römischen oder griechischen Katholiken), die zwei Wochen in Jerusalem getagt hat, verlief andere, als man wohl vorher erwartet hatte. Die Konferenz hatte einen eminent politischen Charakter und hat aus diesem Grunde Anrecht auch auf unser Interesse. Was im Vordergründe dieser Konferenz stand, war das Problem, wie sich das Christentum in denjenigen Ländern zu verhalten hat, wo junge Völker zur nationalen Befreiung, zur Beseitigung der Herrschaft imperialistischer weißer Völker streben, und wo das Christentum einerseits in den Augen des Volkes als ein Bundesgenosse der impcrialistischen Mächte erscheint, andererseits Teile der Eingeborenen sich zum Christentum bekehrt haben, ohne dabei aufzuhören, die nationale Freiheit ihres Volkes zu erstreben. Auf der Konferenz waren die Vertreter christlicher Neger aus Uganda, christlicher chinesischer Nationalisten, christlicher Inder, Japaner, Philippinos und Koreaner. Der Vordere Orient, die Araber insbesondere, traten nicht hervor, obwohl die Konferenz in Palästina abgehalten wurde, aber es ist Idar, daß auch im arabischen Orient es ähnliche Probleme gibt, vor allem in Palästina und Syrien, wo erhebliche Teile der Bevölkerung Christen sind.׳ Die Förderung,- die/'Äf;der'^Kbnftf«ittzf'''rainK!r■ \üödifr' gehört wurde, daß der Missionar klar zum Ausdruck bringen müsse, daß er mit imperialistischen Methoden nichts zu tun habe, daß er industrielle Ausbeutung verwerfe, die Forderung, daß der Missionar aktiv gegen imperialistische und industrielle Ausbeutung aufzutreten habe; der Beschluß der Konferenz, daß der Missionar keinesfalls zu seinem Schutz die Waffen der europatschen Mächte anrufen dürfe: das alles läßt Gedanken in uns anklingen, die wir ja auch Gefahr laufen, mit imperialistischen Tendenzen gleichgesetzt oder verwechselt zu werden. Interessant ist der feindliche Widerhall, den diese Konferenz bei den palästinensischen Arabern gefunden hat, die in Protest- Versammlungen, Zeitungsartikeln, in Gaza sogar in einer blutig verlaufenen Demonstration gegen den Kongreß protestierten, der einen ״neuen Kreuzzug“ bedeutete. Derartige Proteste gegen die christlichen Missionen sind schon häufig in Palästina geehrt worden. Man empfindet es als eine Beleidigung, daß christliche Missionare unter den Anhängern des monotheistisehen Islam zu werben suchen. Die Missionare ihrerseits klagen über die Konkurrenz des Islam in Ostasien, dessen Vorzug gegenüber dem Christentum darin liege, daß der Islam keine Rassenvorurteile kenne. , Deutscher Geist und Judentum Eingeladen von der B.Z.V. sprach Ludwig Strauß über die Stellung, die deutsche Denker von Herder bis Nietzsche dem Judentum gegenüber einnahmen. Das große Gebiet erforderte Beschränkung auf die haupUä h ichs en Umrisse. In der klaren Darstellung kam aber das Auf und Ab, Zustimmung und ablehnende Haltung in den verschiedenen Lebensperioden der Philosophen sehr deutlich zum Ausdruck. Schleiermacher, der zu Rahel Varnhagens Kreis gehörte, begegnet dem Judentum geistig in durchaus moderner Anschauungsnähe. Er hält zwar nicht viel vom Judentum als lebendig wirksamer Religion, aber er rieht im Judentum sta־ke Gefühlskräfte. Schleiermacher teilt Herders Begeisterung für das antike Judentum. Für ihn ist Judentum, ebenso wie heute für Buber, ein Dialog zwischen Gott und Israel Gottes Antwort ist das Schicksal. ״Der Mensch redet in dem, was er tut, Gott an.“ Die messianische Sehnsucht ist das Verlangen nach dem ursprüng'ichen p־i!r.i i־׳en Anf־n״sv״ri,-ä"'h des Menschen zu Gott.“ Voraussetzung für die bürgerliche G'eichs'.ellung der, deutschen Juden ist für Schleierraacner der Verzieh tauf dasNationale und auf den Glauben an den Messias. Herder sieht umgekehrt in einer Zeit des Ressentiments den Verfall des Judentums darin, daß cs unfähig ist, die Verantwortung für ein eigenes Staatswesen zu übernehmen. Auch Nietzsche beiaht das an ilce Judentum in der Zeit des Willens zur Macht;'״Das mächtige Volk verkörpert seine Sehnsucht in seiner Gottesgestalt und sieht in ihr sich seihst.“ So verkörpert es das gute Gewissen. Ke Moral, die ״das Gute“ als von außen her gegeben ansieht, scheint ihm Erzeugnis der jüdischen Priesferkaste, Beginn des Schlechten, das er in den Judenchristen haßt. Im Judentum erkennt er trotz aller persön’ichen Ablehnung den Wi len zur Sc’bs'e hi'tung. Sonst aber schätzte er am Juden eine spezifische Diaspora-Eigenschaft, die jedes Grenzvolk hätte; die für den schwerfälligen nordischen □eist nötige Auflockerung. Neben Hegels Anerkennung — das Judentum als erste Trennung von Naturreligion und Gotteserkentnis — begegnet man Goethe unter den Ablehnenden, □oethes Abwehr richtet sich gegen den ״allzu losgelösten □eist“, der im Gegensatz stände zur sinnenfrohen Naturbejahung des Griechentums. Hölderlin fände aber trotzdem, daß alle eine Sprache sprechen könnten. Dr. Bär, der den Abend einleitete, wies darauf hin, daß gerade der Zionist, der inmitten all dieser Fragen lebt, die geistige und politische Stellungnahme der führenden Geister der Vergangenheit objektiv betrachten könne. Ruth Morold. Bücher jüdischer Antoren Efraitn Frisch: Zenobi. Roman. Bruno Cassirer, Verlag, Berlin. Efraim Frisch, in zionistischen Kreisen der vorigen Generation schon als Mitarbeiter des ersten ״Jüdischen Almanach“ bekannt, hat seit der Erzählung ״Das Verlöbnis“ und der wundervollen jüdischen Novelle ״Die Kantine“ wenig Dichterisches veröffentlicht und sich mehr einer fruchtbaren publizistischen und redaktionellen Tätigkeit gewidmet. Er ist aber nicht nur ein kluger kritischer Geist und glänzender Stilist, sondern vor allem Dichter. In seinem neuen Roman ״Zenobi“ hat er eine Gestalt geschaffen, die bleibende Symbolhaftigkeit besitzt. Zenobi ist ein Heimatloser, ein Assimilationskünstler ganz besonderer Art Er hat die Fähigkeit, überzeugend die Haltung irgendeines erdachten Phantasiehelden anzunehmen oder auch in vornehmster Gesellschaft als ihresgleichen aufzutreten, aber er tut dies nicht aus Bodenlosigkeit und Entwurzeltheit, nicht aus Hochstapelei, sondern in der eigentümlich ironischen Ueberlegenhelt eines Spielers, der auch die sogenannte wirkliche Welt als Theaterspiel durchschaut hat. Dieser gutmütige Schwindler, eine Art Feer Gynt und Don Quixote, kommt aus der südöstlichen Provinz der österreichischen Monarchie (Slovenien), er hätte auch aus der nordöstlichen (Gaüzien) kommen und ein Jude sein können. Denn im Grunde will er nicht weniger als eine Korrektur der Ungerechtigkeit der Welt bewirken.... Sein Weg bringt ihn mit Frauen und Freunden, sogar mit König Eduard VII. zusammen, und dann verschwindet er im Dunkeln," während das Kriegsgrauen über Europa hereinbricht. ״Zenobi“ ist kein Tagesroman, man wird immer wieder an diesen Helden denken uno zu dem Buch, um das die wundersame Atmosphäre des vergehenden Oesterrerh ist, greifen müssen. Sch. Die Dichterin Elischewa, über deren Eintreffen in Berlin wir in der vorigen Nummer berichtet haben, ist nach Litauen weitergereist und wird nach einigen Wochen zu längeren Aufenthalt nach Berlin zurückkehren. In der Notiz in der vorigen Nummer, die im letzten Moment unmittelbar vor Drucklegung uns zugekommen ist, haben sich zwei Irrtümer eingeschlichen: der Gatte der Dichterin ist nicht Prof. Beikowsky, sondern heißt Bieehowsky, und sie ist nicht in Kiew sondern in Moskau aufgewachsen. Blätter des Heine-Bundes. Zum Beginn *eines zweiten Jahrganges bringt dar Heina-Bund eine kleine interne Zeitschrift heraus. I>ie BDHB. sind bestimmt, den Kontakt der Mitglieder mit der Leitung und untereinander herzustellen und über bemerkenswert« Vorgänge des jüdisch-literarischen Lebens zu informieren. Das erste lieft liegt uns vor. Es enthält folgende Beiträge: Erinnerungen des Herausgebers Dr. Ahron Eliasberg an Martin Bubers Jugendzeit mit einem Bildnis Bubers als Verbindungsstudent in ״Wichs“ — eine nachträgliche Gabe zu Bubers 50. Geburtstag; eine Analyse des Romans von Myriam Harry (Bd. I der zweiten Jahresreihe) aus der Fodor das großen französischen Kritikers Julos L 6 rn a i t r e; eine hübsche Auseinandersetzung der Frau Nadja Stein mit den ,Judendichtern“ Gebrüder Tharaud anläßlich ihrer ״Kleinen Geschichte des jüdischen Volkes“; ferner Proben aus den in Vorbereitung befindlichen Büchern, Bildnisse von Verlagsautoren und endlich wissenswerte Angaben über Aufbau und Stand des Heine-Bundes. — Interessenten erhalten die Nummer kostenlos durch den Verlag des Heine-Bundes, Berlin W 5ך, Pallas- Straße 10/11. Unter dem Titel ״B e c 11 a s o n h a d o r o f h“ (״Im Spiegel der Generationen“) erschien in der Bloch Publishing Company New York, eine Sammlung von Essays des bekannten jüdischen Publizisten Dr. Simon Bernstein. Das Buch ist eine Art Geistesgeschichte des Judentums der letzten zwei Jahrhunderte. In Aufsätzen, die aus den Tagen Sabbbaiai Zwis über Ha&kalah und nationale Renaissancebewegung bis in die heutigen Tage führen, wird die innere Entwicklung der jüdisehen Geschichte und Literatur aufgezeigt Wir werden auf das interessante Buch noch zurückkommen.