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Jüdische Rundschau · 1928-04-24 · Heft 32 (24.4.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 32 (24.4.1928)
Date
1928-04-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 232 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 32, 24 IV.!928 ״Wirst du mich auch nicht verraten?“ ״Ich werde dich nicht verraten..." anwortete sie listig, ״wenn ich dich bis jetzt noch nicht verraten habe", und klatschte in die 1 lande über die Schlauheit ihrer Antwort. ״Es ist vom Panther und vom Honig“, erklärte er. ״Ich tötete den Panther, in seinem Gerippe aber bauten Bienen ihre Waben. Sie mögen nur versuchen, es zu erraten!" ״Du lügst, Simson,“ sagte sie, den Kopf schüttelnd. Aber nach dem Gespräch mit Achtur hatte sie kein ganz reines Ge* wissen und keine Lust mehr, gerade hiervon zu sprechen. ״Ich habe schon eine Ewigkeit nicht mehr gestickt," rief sie aus, .,du hast einen Faulpelz aus mir gemacht. Komm mit in mein Zimmer ~ willst du mir die bunte Seide halten? Oder magst du, daß ich dir das Sticken beibringe?“ Simson folgte ihr; er streckte beide Daumen aus, auf die sie die Seidenblinde legte. Dann nahm er eine Nadel in seine Riesenhände und durchstach geduldig das Wollgcwebc: mit der Rechten stach er die Nadel ein, mit der Linken holte er sie an der Spitze auf der anderen Seife wieder heraus, wobei er leicht schnaufte. Semadar aber lachte und nannte ihn bei einem weil)- Hchen Namen — ״Simsonith". Nachbarn ohne Acker Zwölftes Kapitel. Die Ernüchterung Simsons begann mit dem Wettkampf zwischen seinen Schakalen und der philistäPcben Jugend. Zwar hatte er auch schon früher gewußt, daß die Daniten sich nicht mit den hiesigen Jünglingen messen konnten, die von Kind auf in diesen Spielen unterwiesen wurden; aber er wollte, daß seine Kameraden etwas lernten und zu sehen bekamen. Spott hatte er nicht erwartet, da ihm der philistäische Brauch bekannt war, daß nach dem Wettkampf der Sieger den Besiegten umarmen mußte. Es zeigte sich aber, daß es hier anders war. Am ersten Tag maß man sich im Laufen. Simsons Schakale boten einen jämmerlichen Anblick. Einige wenige von ihnen, insbesondere Jahir, standen noch auf kurzer Strecke einigermaßen ihren Mann. >ann aber begann der große Wettlauf um die Stadtmauer — vom Südtor zum Nordtor und weiter zum Siidtor. Simson hatte seine Leute darauf aufmerksam gemacht, daß sie ihre Kräfte schonen müßten, aber für sie war das etwas Neues, sie waren aufgeregt und wußten nicht richtig maßzuhalten. Schon beim Nordtor strauchelten sie und rangen nach Atem, und die ein geborene Bevölkerung, die dort von der Mauer aus zusah, begrüßte sie — offenbar um die Stimmung der Herren der Stadt wissend — mit Pfiffen, Miauen und FIü hen. In geschlossener Reihe, Brust an Brust, langten die Philister am Siidtor an — sie wollten diesmal nicht untereinander wetteifern, Simson verstand die Absicht und sein Gesicht verfinsterte sich. Die Schakale kamen bedeutend später angetrottet, jeder einzeln, schweißtriefend, schmutzig, ein Ekel für sich selbst und die Zuschauer. Die Philister wurden stürmisch begrüßt; den herannahenden Daniten sah man schweigend entgegen oder man wechselte halblaute Bemerkungen — sie waren so wenig laut, daß Simson sie nicht verstehen konnte, obwohl er ihren Inhalt ahnte. Nichtsdestoweniger kam es ihm noch nicht in den Sinn, sich beleidigt zu fühlen. Sich an die Kampfregeln haltend, beglückwünschte er laut die Sieger; dann befahl er seinen ganz zerzausten Kameraden, sich an Ort und Stelle, angesichts der ganzen Menge, in Reih’ und Glied aufzustellen, und belehrte sie in aller Rune: sie sollten bei den philistäischen Gymnasien lernen, sich nie zu überhasten, richtig maßhalten ... Mit gesenkten Köpfen hörten sie zu. Um sie etwas aufzumuntern, leimte er es an diesem Abend ab, seinen gewohnten Platz am Haupttisch einzunehmen; er setzte sich mitten unter die Schakale, und das hob jn der Tat ihre Stimmung. Auch Achtur war unter ihnen und war sehr freundlich: er behauptete, sie seien tüchtige Burschen, ihr Mißerfolg gar nicht so schlimm, sie würden es nach weit bringen. Simson war ihm aufrichtig dankbar, bis er merkte, daß Jahir, fanz bleich, den schmeichelrednerischen Fremden mit krauser tirn und offenkundigem Haß ansah; und da kam Simson zum ersten Male der Gedanke, ob nicht sich vielleicht Achtur über seine kleine Kämpferschar lustig mache. Der zweite Tag des Wettkampfes war nicht viel besser, wenn nicht gar noch schlimmer. Am Anfang (es wurde mit dem Steinstoßen begonnen) siegten zwar die straffen Muskeln der Daniten. Einer von ihnen, namens Gusch, den Simson zuweilen mit ״Bruder“ anredete, hob über das festgesetzte Maß hinaus gleichzeitig zwei der schwersten Gewichte auf, je eines mit jeder Hand, schwang sie im Bogen durch die I.uft und schleuderte sie weiter, als der stärkste Philister kurz vorher nur eines dieser Gewichte 1geworfen hatte. Statt aber Beifall zu klatschen, schwieg die ganze Menge. Simson sprang auf, riß seine Philistermütze vom Kopf, schwenkte sie durch die Luft und brüllte mit bereits nicht mehr zu verhehlenden Zorn: ״Was ist denn — seid ihr etwa stumm geworden vor Neid?“ Auch Achtur hatte sich erhoben, klatschte in die Hände und schüttelte den Kopf vorwurfsvoll; da ertönte schließlich hier und da ein dünnes Klatschen. Aber auch dieser Eindruck verwischte sich im zweiten Teil — beim Schleudern der leichten Kupferdisken auf weite Entfernung. Hier war wiederum nicht allein Kraft, sondern auch Geschicklichkeit erforderlich; die Schakale verloren einer nach dem andern. Mehrmals wollte Simson das Kampffeld betreten und sowohl den Seinen als auch den andern zeigen, wie man Steine stoßen müsse; aber das ging nicht an — beteiligte sich doch an dem Wettkampf laut Verabredung nur die grüne Jugend. Als alle sich auf den Heimweg machten nach dem Garten Berganis, wo ihrer gedeckte Tafeln harrten — es war der vorletzte Tag des Festes —, trat Jahir zu Simson. ״Kann ich dich allein sprechen?“ fragte er, Simson nicht ansehend. — Sie gingen zur Seite. ״Morgen ist Ringkampf“, sagte Jahir. ״Ja.“ ,,Erlaß mir die Teilnahme, Simson. Ich ... ich kann nicht mehr.“ ״Hast du Angst?“ ״Du hast selbst mehr als einmal gesehen, daß ich kein Feigling bin.“ ״Ein Feigling ist nicht jener, der Wunden oder den Tod fürchtet, sondern jener, der vor dem Spott Angst hat.“ Da konnte Jahir nicht länger an sich halten; zusammenhanglos, bald Worte, bald Tranen verschluckend, sprach er: ״Du weißt nicht, was hier vorgeht. In deiner Gegenwart wagen sie es nicht . . . Uns aber verspotten sie auf Schritt una Tritt. Alles kommt ihnen lächerlich vor: die Worte sprächen wir aus wie die Eingeborenen, gekleidet seien wir nicht ordentlich, auch nicht richtig gewaschen. Und . . . und es wäre Zeit, Zora an Ekroti anzugliedern, um dem Bauernpack dort — das sind also wir! — beizubringen, wo sein Platz ist. Wir sind unsrer wenige, und wir sind hier Gäste, so können wir nichts anderes tun, als mit Schweigen antworten, aber . . . Kurz und gut, ich kann nicht mehr! Erlaß es mir, ich will nach Hause.“ ״Wenn du morgen nicht das Kampifeld betrittst,“ sagte Simson langsam, ״so ist dein Platz nicht mehr unter den Schakalen. Geh jetzt!“ Gesenkten Hauptes kehrte Jahir zu seinen Kameraden zurück. Simson ging lange allein seines Weges. Finster und schweigsam saß er an jenem Tage an der Tafel, aß wenig und dachte nach; die Mütze hatte er unter den Tisch geworfen und den Wein zurückgewiesen. Am nächsten Tage trat Jahir zum Ringkampf vor, doch streckte ihn der geschickte Philister in wenigen Minuten nieder. Uebcrhaupt fühlten sich die Schakale an diesem Tage noch unbehaglicher als vorher. Sie mußten sich in Gegenwart der Frauen bis zu den Hüften entkleiden, sie schämten sich. Und wenn sie dann den Versuch machten, den Gegner fest zu umschlingen, ihn kräftig an sich zu drücken, daß die Rippen krachten, um ihn dann wie einen Lappen fortzuwerfen — so trafen sie bald auf Ellbogen, bald auf einen Kopf, bald auf leere Luft. Der Gegner aber •hüpfte um sie herum und umfaßte plötzlich wie mit einem Schraubstock Hals und Fuß — und alles war aus. Und die Menge ringsum lachte, pfiff, wieherte und munterte die Ihren auf. Nur Gusch streifte den Philister, der ihn von hinten umschlungen hatte, wie ein Hemd ab, umfaßte ihn, konnte ihn zwar nicht auf den Rücken legen, richtete ihn jedoch derartig zu, daß Simson ihnen befahl, auseinanderzugehen; der arme Kerl mußte mit Wasser wieder zu sieh gebracht werden. Auch während dieses Kampfes schwieg die Menge mürrisch, dafür schrien sich die Schakale heiser. Unerwarteten Erfolg, sogar auf seiten der Philister, erntete Nechuschtan. Man hatte ihm einen Gegner gleichen Alters geben wollen, doch lehnte er mit einer komischen Gebärde ab und deutete mit dem Finger auf einen riesengroßen Philister, der an dem Tage schon zwei Mann spielend niedergerungen hatte. Das widersprach zwar den Kampfregeln, erschien aber so spaßig, aaß die Spielordner einwilligten. Gleich beim ersten Gang wurde es klar, daß Nechuschtan unbesiegbar war. Er wand sich in den unglaublichsten Richtungen, entschlüpfte jedem beliebigen Griff; zweimal warf er sich dem auf ihn zugehenden Gegner vor die Füße, daß dieser beide Male stolperte und der Länge nach hinfie!, indes Nechuschtan ihm aut den Rücken sprang; schließlich schlüpfte er dem Philister zwischen den Beinen durch, saß plötzlich auf dessen Schultern, preßte ihm den Hals mit den Beinen zusammen und klatschte noch dazu in die Hände. Das dauerte ziemlich lange und wurde so kunstvoll ausgeführt, daß sogar die philistäischen Zuschauer staunten und ihrem Beifall Ausdruck gaben. Als das Gesicht des Philisters puterrot geworden war und er Nechuschtan in den Knöcheln packte, mit der offenkundig gen Absicht, ihm die Füße zu brechen, erklärten Simson und Achtur den Kampf als mit unentschiedenem Ausgang abgeschlossen. Damit war der letzte Tag der Wettkämpfe beendet. Abraham Lodz (Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages.) Von Simon Ernst, Tel-Awiw. Zehn Jahre sind vergangen seit dem Tode des Pioniers der hebräischen Palistfnaforschung, des unermüdlichen Weckers des Interesses für das heilige Land, des erblindeten Gelehrten und überzeugten Zionisten Abraham Lunz. Es war ein Mann von großer Bescheidenheit Sein Werk ist: 13 Bände der Palästina-Jahrbücher ״Jerusalem“ (die ersten Bände deutsch und hebräisch), voll emsiger Forschung und großer Liebe zum Lande und Volke; die erste Wissenschaft liehe Ausgabe des Jerusalemer Talmuds, mit einem Varianten-Anhang und einem philologisch kritischen Kommentar, das den fehlenden ״Raschi“ für die gelehrte Welt ersetzen sollte. Diese Ausgabe, des aus dem Boden des Landes gewachsenen und noch zu wenig verbreiteten ״Talmud Jeruschalmi“, dem die Vollendung versagt wurde, ist eine gewaltige Leistung. Lunz wurde in Kowno im Jahre 1854 geboren. Als Kind kam er mit seinen Eltern nach Jerusalem und wurde dort in eine ״Jeschiwa“ verpflanzt. Nachdem die verstohlenen Früchte der Aufklärung, die 111 jene finstere Zelle Eingang fanden, lange Zeit unbemerkt blieben, entschied die schlimme Entdeckung der ״Zlonsllebe“ Mapus in den Händen des Jünglings über das Schicksal des künftigen Gelehrten. Für die gotteslästerliche Lektüre zur Verantwortung gezogen, fand er noch den Mut, dem Rabbi selbst den Roman angelegenstlich zu empfehlen. Er mußte nach Safed fliehen, wo die einheimischen Mystiker zu sehr in sich und Gott versunken waren, um auf die Lektüren anderer zu achten. Schon aber erwachte in Lunz der Palästinaforscher. Er kehrte nach Jerusalem zurück, um das ungeheure Tatsachenmaterial der kommenden Sammelwerke aus der Gruft der Jesehiboth und verstreuten Büchereien zu retten. Nun traf ihn der härteste Schlag: das Augenlicht erlosch ihm trotz der Bemühungen der besten Wiener Augenspezialisten, für immer. Aber e r blieb unerschütterlich. Der Erblindete unternimmt die Herausgabe der ״Jerusa!em“-Jahrbücl1er. Durch das wunderbare Gedächtnis und die hingebungsvolle Mitarbeit seiner Tochter unterstützt, entfaltete er die regsamste Gelehrtentätigkeit, die erstaunlich wäre, selbst wenn ihm nicht das zu einer solchen Arbeit notwendigste Organ, die Sehkraft, gefehlt hätte. Und im selben Monat, als Dr. Weizmann, der Bote eines neuen jüdischen Palästina, ins Land kam, um die erste zionistische Leitung des ״Waad Hazirim“ zu gründen, schied aus der Welt der Mann, der soviel Unvergeßliches zum Denkmal der Vergangenheit beitrug, Abraham Lunz. ״MorgenUed and Morgenland“ Bernard T a g hat unter diesem Titel in einem Büchlein, das vielen eine Stunde gehobener Stimmung schenken möge, eine Auswahl seiner Dichtungen vereinigt (Verlag Gilhofer & Ranschburg, Wien). Er gibt Gedichte von zarter Innigkeit, entstanden im stillen Erleben des Alltags, gottnahe Lebensfreude atmend; dazu eine Dichtung ״Der apokalyptische Reiter“ (1914), in der sich die Erschütterung des Weltkriegs kundgibt, und eine Reihe von Gedichten an Wien, die vertraute und geliebte Stadt. Der zweite Teil des Buches ist die romantische Novelle vom ״Batlan“ Benadi, der die Braut seines Freundes, Lilith, vergehlieh liebt; der dritte Teil endlich ein dramatisches Bild ,,Der junge Moses“, einen der entscheidenden Momente der jüdisehen Völkswerdung behandelnd: Moses’ Organisierung des Sklavenvolkes zum weg in die Freiheit Wenn auch sicherlich letzte dichterische Gestaltungskraft dem Werke Tags nicht eignet; so spricht doch aus seinen Zeilen ein liebenswerter Mensch und eine reine, junggebliebene Seele, die den Wunsch rechtfertigt, daß das Buch Tags ihm die Sympathie weiterer Kreise, die ihn noch nicht kannten, bringen möge. O. Professor Sellin, über dessen Ausgrabungen in Sichern wir bereits wiederholt berichtet haben, hat seit einiger Zeit seine Arbeit an Ort und Stelle wieder aufgenommen. Es sind bereits wichtige neue Entdeckungen gemacht worden. Wie jetzt von Professor Sellin mitgeteilt wird, ist er der Ansicht, daß eine große von ihm gefundene Steinplatte, deren Bedeutung man bisher nicht verstanden hat. innerhalb des bloßgelegten Tempels nichts anderes darstellt, als den berühmten Stelnvon Sichern, von dem in der Bibel in der Jakobsgeschichte (1. Mos. 33, 20) und bei Josua (Josua Buch 24, 26) die Rede ist. Man darf auf die weiteren Mitteilungen Professor Sellins und die Begründung dieser seiner Annahme gespannt sein. ״Tannerhfltte“, der Roman einer Soiialisierung, ein neue* Werk des bekannten volkswirtschaftlichen Schriftstellers Felix Pinner, erscheint in den nächsten Tagen im Avalun-Verlag, Hellerau. Abel Glanz sagte, Neuner spekuliere lieber an der Züricher Börse, er handelte mit Valuta. Er bekam jeden Tag Telegramme — sie kamen aus Wien, Berlin, London. Man kabelte ihm Kurse, er kabelte Aufträge, was ging ihm die Fabrik an. Es war vergeblich, Zwonimir diese verwickelten Dinge zu erklären, er wollte sie nicht vorstehen, weil er fühlte, daß cs ihn Mühe kosten würde und weil er eigentlich ein Bauer war, der täglich in die Baracken ging, nicht nur wegen der Heimkehrer, sondern, weil die Baracken in der Nähe der Felder standen und Zwommirs Seele sich sehnte nach den Garben und Sensen und Vogelscheuchen der lieimatliehen Aecker. Jeden Tag bringt er mir Nachrichten vom Weizen und in seiner Tasche birgt er blaue Kornblumen. Er flucht, weil die Bauern hierzulande keine Ahnung haben von der riehtigen Behandlung der Erde — sie lieben es, ihre Kühe laufen zu lassen, wie es den Tieren gefällt. Sie laufen auch in die Aehren und man kann sie nur mit viel Mühe herauslocken. Und die Vogescheuchen und die Prellsteine kann er nicht vergessen. Er kommt am Abend heim. Zwonimir Pansin, der Bauer, und bringt eine große Sehnsucht mit und ein gehütetes Heimweh. Er weckt in mir die Sehnsucht, und obwohl er sich nach Feldern sehnt und ich nach Straßen, steckt er midi an. Es ist so, wie mit den Liedern der Heimat: wenn einer sein Volkslied anstimmt, singt der andere sein eigenes, und die verschiedenen Melodien werden ähnlieh und alle sind nur, wie verschiedene Instrumente einer Kapelle. Des Menschen Heimweh erwacht draußen, es wächst und wächst, wenn keine Mauern es beengen. Ich geile Sonntag Vormittag hinaus, zwischen die Felder, mannshoch steht das Getreide und der Wind hängt in den weißen Wolken. Ich ehe langsam dem Friedhof entgegen, ich will as Grab Santschins finden. Ich finde es nach langem Suchen. £0 viele Menschen waren in dieser kurzen Zeit gestorben und lauter Arme, denn sie lagen in der Nähe des Santschin’schen Grabes. Fs geht den Armen schlecht in dieser Zeit und der Tod überliefert sie den Regenwürmern. Ich fand Santschins Grab und dachte, daß es galt, von seinem letzten irdischen Zeichen Abschied zu nehmen. Fr war zu früh gestorben, der gute Clown, er hätte noch den Henry Bloomfield erleben sollen, vielleicht hätte er sogar noch eine Reise nach dem Süden gewonnen? Ich steige über den niedrigen Zaun, der den jüdischen Friedhof abschlleßt und bemerke feine Aufregung unter den armen Juden, dfn Bettlern, die von der Gnade reicher Erben leben. Sie stehen nicht mehr einzeln, wie einsame Trauerweiden am Anfang einer Allee, sondern in einer Gruppe und reden viel und laut. Ich höre den Namen Bloomfield und horche ein bißchen und erfahre, daß sie auf Bloomfield warten. Das schien mir sehr wichtig. Ich frage die Bettler und sie erzählen mir, daß heute der Todestag des alten Blumenfeld ist, und Haß Henry, sein Sohn, deshalb hierherkommt Die Bettler wissen die Todesdaten aller reichen Leute, und sie allein wissen auch, weshalb Henry Bloomfield da war. Die Bettler wissen es, nicht die Fabrikanten. Henry׳ Bloomfield kam, seinen toten Vater Jechiel Blumenfeld besuchen. Er kam, um ihm zu danken für die Milliarden, für die Begabung, für das Leben, für alles, was er geerbt hatte. Henry Bloomfield kam nicht, um ei;1 Kino zu runden, oder eine Fabrik für JuxgigensfänJe. Ile Menschen glauben, er käme des Geldes oder der Fabriken wegen. Nur die Bettler wissen den Zweck der Bloomfield’schen Reise. Es war eine Heimkehr. Ich wartete auf Henry Bloomfield. Er kam allein, er war zu Fuß auf den Friedhof gekommen, die Majestät Bloomfield. Ich sah ihn vor dem Grabe des alten Blumenfeld stehn und weinen. Er zog seine Brille ab und die Tränen liefen ihm über die dünnen Wangen und er wischte sie mit den kleinen Kinderhänden weg. Dann zog er ein Bündel Banknoten, die Bettler fielen über ihn her, wie ein Fliegenschwarm, er verschwand In der Mitte der vielen schwarzen Gestalten, denen er Geld gab, um seine Seele loszukaufen von der Sünde des Geldes. Ich wollte nicht unbemerkt gelauert haben, ich ging auf Bloomfield zu und grüßte ihn. Er wunderte sich gar nicht, daß ich hier war — worüber wundert sich denn Henry Bloomfield überhaupt? Er gab mir die Hand und bat mich, ihn in die Stadt zu begleiten. ״Ich komme jedes Jahr hierher,“ sagt Bloomfield, ״meinen Vater besuchen. Und auch die Sfedt kann ich nicht vergessen. Ich bin ein Ostjude und wir haben überall dort unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben. Wenn mein Vater in Amerika gestorben wäre, ich könnte ganz in Amerika zu Hause sein. Mein Sohn wird ein ganzer Amerikaner sein, denn ich werde dort begraben werden.“ ״Ich verstehe, Mister Bloomfield.“ — Ich bin gerührt und spreche, wie zu einem alten Freund: ״Das Leben hängt so sichtbar mit dem Tod zusammen und der Lebendige mit seinen Toten. Es ist kein Ende da, kein Abbruch — immer Fortsetzung und Anknüpfung.“ ״In diesem Lande leben die besten Schnorrer;׳ sagt Bloomfield wieder lustig, denn er ist du Mann des Tages und der Wirklichkeit und er vergißt sich nur einmal im Jahre. Ich begleite ihn in die Stadt, die Leute grüßen uns und ich erlebe noch eine Freude: mein Onkel Phöbus Böhlaug kommt vorbei und grüßt zuerst und sehr tief und ich lächle ihm herablassend zu, als wäre ich sein Onkel. XXIII. Ich verstand Henry Bloomfield. Er hatte Heimweh, wie Ich und Zwonimir. Die Leute kamen immer noch aus Berlin und aus anderen Städten. Es waren laute Menschen, sie schrien und logen schreiend, um das Gewissen zu übertönen. Sie waren Auf- Schneider und Prahlhänse und alle kamen vom Film her und wußten viel zu erzählen von der Welt, aber sie sahen die Welt mit ihren Glotzäugen, hielten die Welt für eine geschäftliehe Niederlage Gottes, und sie wollten ihm Konkurrenz machen und ebenso große Geschäfte eröffnen. Sie wohnten in den drei unteren Stockwerken und ließen sich von Zlotogor ihre Kopfschmerzen kurieren. Viele kamen mit ihren Frauen und Freundinnen und dahei hatte Zlotogor erst recht zu tun. Es änderte sich viel im Hotel Savoy. Man gab Frauen- und Herrenabende und Tanzkränzchen, die Gesellschaft der Herren flüchtete um Mitternacht ln die Bar und zwickte die nackten Mädchen und Frau Jetti Kupfer. Oben stieg Alexanderi herum, in Frack und Lack, und Xaver Zlotogor mit einem hochgeschlossenen Rock und tat geheimnisvoll und trug ein schelmisches Jungengesicht Bloomfield kam und Bondy. Bondy sprach, die Frauen aber sahen nur Henry Bloomfield an und, weil er nichts sprach, schien es, als lauschten sie seinem Schweigen. Als hätten sie die Fähigkeit, zu hören, was er dachte und verbarg. (Fortsetzung folgt)

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