Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 32 (24.4.1928)
- Date
- 1928-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 24.April!928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU ״Die Reise Benjamins des Dritten" (Jüdisches akademisches Theater.) Wir sind in Berlin seit einiger Zeit darin geübt, Romane, Reportagen, Revuen, kurz, alles, was es an literarischen Ge* staltungsformcn gibt, auf der Bühne in höchster Kunst inszeniert zu sehen, nur keine Dramen. Insofern also fügt sich die Aufführung des berühmten Volksbuches von der ,,Reise Benjamins des Dritten“ gut in den Rahmen des Gewohnten. Aber gleich nach diesem Seufzer gibt man den kritischen Ton und alle Vorbehalte auf und gesteht, sich an die Hingerissenheit dieses Abends erinnernd und das Herz noch einmal an ihr wärmend: sollte die Bezauberung von der Bühne her gebunden sein daran, daß man alles andere spiele, nur nicht Dramen, so wollen wir vorderhand auf Dramen verzichten und hinnehmen, was so rührend und beglückend vom Schaugerüst herunter zu uns spricht. Aus dem Volksbuch von Mendele Mocher Sforim wurde mit Überlebensgroßer Stilisierung ein szenisches Gebilde gemacht, halb Kinder* fibel, halb weisestes Märchen, und um zwei Gestalten, um den hageren Benjamin und den schlaffen Senderle, eine Märchenwelt und Fabelwelt errichtet, die alle Einstudierung vergessen ließ durch das Holde und Komische dieser beiden Typen. Sie wurden, das ist wahr, ergänzt und bereichert von Meister Mendele selbst und seinem Pferdchen (Reb Pfcrdl), die als Prolog das Stück einleiteteten und es beruhigend und gewissermaßen als Chor durchsetzten und wieder schlossen. Aber sie selbst, Benjamin und Sender, erhielten durch diese Aufführung Rang und Art eines neuen Don Quijote und eines neuen, unendlich sympathischen Saneho Pansa, und ihre Irrfahrt, ihre Märchenreise zu den roten Juden und ihrem König, nach Jeruschalajim und Erez Jisroel wurde erschiit* fernd gleichnishaft für die Wanderung und Reise des jüdischen Volkes und seine Hungerträume von einer Größe und Erhebung in künftigen Welten. Ja, als blau in blau die Gestalten der ihr Päckele tragenden Juden wie auf Hirszenbergs berühmtem Bilde hinter dem komisch-spitzbärtigen Benjamin und seinem bleich-grauen Sender auftauchten, bemerkte man im ganzen Zuschauern um plötzlich das Golus; er war selbst da, denn in ausnahmslos allen diesen von einer Wunderbühne gebannten Westjuden spukten plötzlich ihre Großvater und Urgroßväter, die unter Ausnahmegesetze gedemütigt, ausgestoßen und zu gleicher Zeit hochmütig und abgeschlossen, ihren Packen durch nordische Flachländer jeder Art selbst geschleppt hatten. Und das Fanatisch-Magere und dabei so rührend ausgehungerte Vorwärtsdrängen Benjamins ward, unterstrichen von Senderles Weichheit, wie Jau von Schluck unterstrichen wird, für einige Tage verklärt zum Elan vital des jüdischen Menschen überhaupt, der auf seinen Kreisfahrten durchs Leben immer wieder an ein Tunejadowka zurückkehrt, um dort im Elend zu sterben, aber nie, ohne sein ״Vorwärts, mit dem rechten Fuß!“ an Kinder weitergegeben zu haben.* Da saßen nun dies«? Kinder in Smoking und Abendkleid vor der großen Märchenfibel des Mendele Gold bla tts, die Granowsky vor ihnen aufgerichtet hatte, und jubelten über Tunejadowka, über den Reb Pfcrdl lukowskis, über die Schwitzstube von Glubsk und seinen Jahrmarkt, über Alexander Mukden (Alexander von Makedonlen) und seine liederliche Tochter Rochow (Rahab), aber vor allem über diese beiden wundervollen Schauspieler M i - c h o e 1 s und S u s k 1 n , die in einen! mit Schauspielkunst geradezu überschütteten Berlin, wo von Bassermann und Steinrück bis Krauß und Deutsch, von der Höflich und der Wangel bis zur Durieux und zur Bergner alle möglichen Typen des Schauspielers ln erstrangigen Vertretern zu sehen sind, mit so primitiven Rollen lückenlos und beschwörend zwei Gestalten schufen, die vergessen ließen, daß man es mit der zufällig entstandenen Dramatisierung eines alten Romans zu tun hatte, und uns vielmehr ln die höchste Sphäre der Weltliteratur versetzten, eben dorthin, wo Schluck und Jau oder gar Don Quijote und sein Saneho Pansa beheimatet sind. Man wird zu den unvergessenen und mnergcßlichen Dingen des Berliner Theaterwinters diesen Abend stellen, | neben den Bettlertanz der Habima, den Shylodc Kortners, kurz, neben das Beste und Eindringlichste, das uns in den letzten Jahren beschert wurde. Und da man nicht das Ganze und das Einzelne rühmen kamt, weder die Musik Pulwcrs, die poch eindringlicher, charakteristisch beglückender war als das vorige Mal, nicht auch das kaum faßbare Durcheinanderwirbeln der exaktest gearbeiteten Gesamtszenen, sei nur noch eins als Schluß erwähnt: wie selbstverständlich jüdisch diese szenische Uebcrwältigung sich anließ. Von dem jüdischen Namen Mendele auf dem bunten Vorhang bis zum Leviathan atmete alles die mühelose und keiner Erklärung bedürfende Luft eines jüdischen Daseins aus, und selbst der Vollmond, der die Schläfer beschien, enthüllte im Aufsteigen ein jüdisches' Gesicht. Arnold Zweig. Der Spielplan ־<!׳•• MnsLitirr Jüdisch-Akademisch«׳־!! Theaters vom 53. bis 3Q. April ist wie folgt: Montag: Benjamin; Dienstag: Zweihundert taugend; Mittwoch! Benjamin; Donnerstag: Zweihunderttausend; Freilag: Zweihundertlausend; Sonnabend: Benjamin; Sonntag: Benjamin. Elischewa in Berlin Die Dichterin Elischewa aus Palästina ist, von Antwerpen kommend, am 23. d. M. in Berlin eingetroffen. Elischewa ist als Christin geboren und staramt aus ukrainischem Bauernblut; in Kiew, ihrer Vaterstadt, kam sie in enge Be- Ziehungen zu Juden und begeisterte sich für das Judentum und die jüdische Renaissance-Idee. Die hochhegab'e Lyrikerin, die in russischer Sprache bereits vie'e Ge 'i h e v:rö f h 'i ht lütte, lernte hebräisch und übersetzte hebräische Gedichte und Er- Zählungen ins Russische, später begann sie selbst hebräisch zu dichten. Nach dem Krieg ging sie mit ihrem Gatten, dem bekannten Zionisten Prof. Belicovsky, nach Pa’äsrina. Kürzlieh erst erschien von ihr in Td-Awiw ein Band hebräischer Gedichte, die sich durch Oefüh’stiefe und Formvollendung auszeichnen. Wir heißen die Dichterin in Berlin herzlich willkommen. Der Kri'iker der jiddischen Literatur Nach man M e i s e 1 aus Warschau, Herausgeber der ״Literarischen Blätter“, hielt in Berlin im Kreise jüdischer $״hrif!st־e'ler und Journa'is'en einen Vortrag über ״Das jüdische Kulturleben in Polen“. Der Referent gab einen Ueberbllck über die Presse, Literatur, Theater, Schule und das gesellschaftliche Leben der Juden in den polnischen Städten und auf dem Bachen Lande und kam zu dem Schlüsse, daß jene Vorurteile, die ein Außenstehender auf den ersten Blick vom jüdischen Kulturleben in Polen gewinnt, sich bei näherer Betrachtung verlieren müssen und man zu der Ueberzeugung kpmmen muß, daß hier ein schöpferisches und urwüchsiges kulturelles Leben nach Ausdruck und Gestaltung ringt. Im polnischen Judentum, sagte er, bekommt die jiddische Literatur von heute ihr Georäge. Hier wird das jiddische Buch gedruckt. Und auch die jüdische Schule erhält hier ihr individuelles Oesicht. Man erfuhr aus seinen Darlegungen, daß Im heutigen ־ Pölen neben zahlreichen Wochenschriften und Fach- Zeitschriften nicht weniger als 16 jüdische Tageszeitungen, 13 in jiddischer und 3 in polnischer Sprache, erscheinen. . ln dem eben erschienenen Heft dieses Jahrgangs der VierteljahrsKsitschrift ״Die Kreatur" (Herausgeber: Martin Buber, Victor von Weizsäcker und Joseph Wittig, Verlag Lambert Schneider, Bertin-Dahlem) ist ein Aufsatz von Ludwig Strauß ,,Natur und flemeinsciiaf.‘, Stücke einer Holderlin-Biotrraphie“ enthalten, der zeigt, wie Hölderlin als der erste Deutsche die klassizistische Vor- Stellung vom Griechentum durchbricht und damit die Möglichkeit einer dynamisch bewegten, mr licboverbundenen Measchengemeinschalt s'rohenden Welt findet. Der Deutung dinnvschen Griechent,«ms galt auch dio Abhandlung Floren.» Christian Rangs ilbor den Karneval. Hugo Bergmann schreibt über die Philosophie des englischen Physikers Wbi'ohoad. der dio Wissenschaft von ihrer Abstraktheit erlöst sehen will. Aus dom sonstigen Inhalt des reichen und fes«״lnden Hoftos, das dio Bedeutung dieser geistigsten deutschen Zeitschrift wieder offenhart, ist noch m erwähnen: Georg Koch, ,.Einfalt'‘; Joseph Wittig, ״Im Anfang"; DacquA, .,Dio (’rrinnessphiro״; Hans Ebrenberg, ״Das Amt". Richter und Narr Von Altalena (WL Jabotinsky). Das an dm in der vorigen Unte.rhaltungsbe.dage veröffentlichte Stück anschließende elfte Kapitel ,Jm fremden. Paradiesschildert Simsons glückliche Zeit mit. der bewunderten Semadar, die ihm, dem rnhschlächligen Dorfmanschen, höhere Zivilimtum und Lebensart erbringt und ihm ans alten Liedern varsingt. Simsons Ehern waren abgereist, die ״Schakale’' blieben and wurden 1׳on den Philistern zu einem. Wettkampf aufgef ordert. Eines Tages, um die Mittagsstunde, rief Simson sein Schwiegervater zu sich zu irgendwelchen geschäftlichen Besprcchungen. Nach phiiistäischem Recht blieb das Vermögen der Braut im Falle der Verwitwung oder Scheidung ihr Eigentum — vielleicht aber war es auch umgekehrt: Simson hörte zerstreut zu, es zog ihn zu Semadar zurück. Eine geschlagene Stunde erklärte ihm Bergam irgend etwas, und Simson nickte und war einverstanden. Als er schließlich entlassen wurde und in den Garten ging, um Semadar zu suchen, begegnete ihm auf der Schwelte Ehnoar. Bei der Frage, wo Semadar sei, geriet sie aus irgendeinem Grunde in große Verwirrung, wurde verlegen, blickte zur Laube hinüber, die hinter dem ausgetrockne'en Teich in einem Kranz von Palmen stand, und antwortete schließlich; ״Ich ... ich weiß es nicht.“ Er ging auf die Laube zu und erblickte schon aus der Ferne Semadar und Achtur. Sie saßen nebeneinander auf einer Bank; Semadar winkte ihm mit einem Band, sprang auf und lief ihm entgegen. Simson lachte, denn er begriff jetzt E’inoars Verwirrung; aas dumme Mädchen hatte gemeint, er sei eifersüchtig. Er liebte Achtur nach wie vor, ohwohl sie einander jetzt selbstverständlich fast gar nrht mehr allein begegneten; Achtur mußte sein Freund und der Freund seiner Frau bleiben. Er hob Semadar auf seine Schulter — sie nahm nur die Hälfte davon ein — und ging so zu der Laube. Achtur erwartete sie stehend. ״Wie geht es dir, Freund?“ rief Simson vergnügt. ״Ueber dem Saitenklang ihrer Harfe habe ich scheinbar deine Stimme vergessen.“ Er hatte erwartet, daß Achtur, wie gewöhn'ich, mit irgendeinem freundlichen S־׳herz antworten würde: hatte er doch sonst auf alles eine angenehme Erwiderung bereit Aber Achtur antwortefe panz sonderbar, gar nicht seiner gewohnten Art entsprechend: ״Hast du nur meine Stimme vergessen, Nasiräer Simson?“ ״Nasiräer? Simson? Was sind das für Namen? Du nanntest mich doch Tajisch?“ ״VergeO i h" eit ist e'ne ansteckende Kran’•׳hi“, sagte Achtur. ״Aber ich will mich nicht in eure Geheimnisse einmischen; wir werden uns noch später sehen, beim Wettkampf ... wo deine Jüngling? uns verzärtelten Nachkommen eines einst mächtigen Volkes Musterbeisniele wahren Mannestums zeigen werden." Er verneigte sich und ging. ״Was hat er denn nur heute?“ fragte Simson und Heß Semadar auf die Erde herabgleiten. ״Auch zu mir war er so sonderbar“, zwitscherte sie lachend. ״Er fragte mich aus..Sie sprach nicht zu Ende und unterbrach sich selbst: ״Er beneidet dich um dein Glück, daß du so eine Perle bekommen hast: nämlich mich. Nein, noch besser: weißt du, was ,Semadar* bedeutet? Das ist ein grüner Brillant״ der seltenste von allen Edelsteinen: so eine bin ich also!“ ״Selbst die Götter beneiden mich“, antwortete Simson mit tiefster Ueherzeugung. ״Alle Götter — die deinen, die meinen, die Götter Sidons, Moabs und Aegyptens.“ ״Aber sie beneiden schweigend, sie kommen nicht zu mir und langweilen mich nicht“, antwortete sie mit aufgeblasenen Lippen. ״Ich hasse ihn. Oder nein: er ist doch ein guter Bursche, ich liebe ihn. Ich liebe ihn zehnmal mehr als dich; er hätte mich nicht wegen eines Gespräches mit meinem Vater einen ganzen Tag allein gelassen.“ ״Dein Vater belehrte mich “ sagte Simson lachend, ״was wir tun müßten, wenn wir uns einmal scheiden lassen wollten. Das ist sehr einfach: ich glaube, es genügt, wenn ich vor Zeugen das gleiche sage, was du soeben sagtest: ,Ich hasse sie/ Wäre das einige Tage früher gewesen, ich wäre mitten im Gespräch von ihm fortgegangen. Doch wer lehrte mich höfliches Benehmen? Wer? Errate es einmal!“ Sie setzte sieh ihm auf die Arme, fast nicht zu sehen war sie zwischen seiner Riesenbrust und den Knien, löste seine Zopfe auf und flocht sie von neuem. ..Ich verstehe mich nicht aufs Raten“, sagte sie. ״Ach ja: was hast du ihnen allen eigentlich für ein schwieriges Rätsel an unserem Hochzeitstag aufgegeben?“ Hotel Savoy Roman von Joseph Rot 11. (12. Fortsetrung.) Er ist ein ungebildeter Mensch, er verwechselt Fremworfe, er ist ein schlimmer Mensch — er lügt nicht aus Freude an der Lüge, sondern er verkauft seine Seele um schäbigen Gewinn. In München habe ich die Kammerlichtspiele eröffnet, mit einer Ansnrache an die Presse und die versammelten Behörden. Es war im letzten Kriegsjahr, wenn die Revolution nicht gekommen wäre — Sie wüßten heute besser, wer Erich Köhler ist Und eine Viertelstunde später erzählt er von intimen Freundschaften mit russischen Revölutionären. Er war eine Größe, der Erich Köhler. Der andere Herr, der Jüngling mit den französischen Stiefeln, ein Elsässer, versprach Gaumontfilme und gründete wirklich ein Kino. Bloomfield hatte keine Lust, den Leuten seiner Heimatstadt Vergnügungen zu verschaffen. Aber der französische Jüngling kaufte einen Mllehladen von Frankel, dessen Geschäft schlecht ging und druckte Plakate und verkündete Amüsement für Jahrzehnte. Nein, es war nicht leicht, von Bloomfield Geld zu bekommen. Ich war mit Abel Glanz in der Bar, da saß die alte Gesellschaft. Glanz erzählte mir im Vertrauen — Glanz erzählte alles im Vertrauen —, daß Neuner kein Geld bekommen hatte, und daß Bloomfield überhaupt kein geschaftliches Interesse an dieser Gegend mehr hatte. In einem Jahr verzehnfachte sich sein Vermögen in Amerika — was ging ihn die schlechte Valuta an? Bloomfield hatte viele enttäuscht. Die Leute worden ihre Devisen nicht los, das Geschäft ging genau so weiter, als wäre Bloomfjeld aus Amerika gar nicht gekommen. Dennoch verstand ich nicht, weshalb jetzt plötzlich die Fabrikanten mit ihren Frauen auf den Plan traten und mit den Töchtern. Es änderte sieh nämlich inzwischen vieles in der Gesellschaft des Fünf-Uhr-Saals. Vor allem hat Kaleguropulos Musik bestellt, eine fünf Mann starke Kapelle, sie spielt Walzer wie Märsche, das Temperament geht mit ihnen durch. Fünf russische Juden spielen jeden Abend Operetten. Und der Primgeiger hat gekräuseltes Haar für die Damen. Nie waren Damen zu sehen gewesen. Jetzt hatte Fabrikant Neuner Frau und Tpchter, Kanner war Witwer mit zwei Töchtern, Siegmund Fink hatte eine junge Frau und dann kam noch Phöbus Böhlaug, mein Onkel, mit seiner Tochter. Phöbus Böhlaug begrüßt mich mit herzlichen Vorwürfen. Ich hätte ihn besuchen müssen. ״Ich habe jetzt keine Zeit,“ sage ich. ״Du brauchst kein Geld mehr,“ antwortet Phöbus. ״Sie haben mir nie etwas gegeben — “ ״Nichts für ungut,“ flötet mein Onkel Phöbus. XXIL Ich verstand nicht, wozu Henry Bloomfield eigentlich gekommen war. Nur um die Musik spielen zu lassen? Damit die Damen kämen? Eines Tages tauchte Zlotogor, Xaver Zlotogor, der Magnetiseur, im Fünf-Uhr-Saal auf. Er hatte sein schelmisches Judenjungengesicht aufgesetzt, er ging zwischen den Tischen herum und begrüßte die Damen und sie nickten ihm alle freundlich zu und baten ihn, Platz zu nehmen. Er mußte sich an jeden Tisch setzen, überall saß er fünf Minuten und stand auf und dann küßte er den Damen die Hände, er küßte fünfundzwanzig Hände in einer Stunde. Er kam auch zu mir, Zwonimir saß auch dabei, und fragte ihn: ״Sind Sie der Mann mit dem Esel?“ ״Ja,“ sagt Zlotogor, ein bißchen befremdet, denn er war ein stiller Mensch, sein Element war die Lautlosigkeit, er haßte das Gepolter Zwonimirs. ״Ein guter Witz.“ lobt Zwonimir weiter, und weil! nicht, daß seine laute Fröhlichkeit nicht erwünscht ist. Den Xaver Zlotogor konnte er allerdings nicht vertreiben. — Im Gegenteil: Zlotogor setzte sich und erzählte mir, daß er eine gute Idee habe. Es war jetzt keine Saison für öffentlichen Magnetismus, er wollte die Ferien ausnützen und privat magnetisieren. Im Hotel, in seinem großen Zimmer im dritten Stock. Er wollte Damen empfangen, die an Kopfschmerz litten. ״Prächtige Idee,“ schreit Zwonimir. ״Herr Doktor," schreit Zwonimir zum Militärarzt hinüber, und Zlotogor, der Magnetiseur, sitzt da, er hätte Zwonimir erdolchen mögen. Aber Zwonimirs starker Natur schadet kein Magnetismus. Der Militärarzt kommt herüber. ״Sie bekommen Konkurrenz,“ sagt Zw’onimir und zeigt auf den Magnetiseur. Xaver Zlotogor sprang auf, er wollte großeres Unglück verhüten und das Geschrei Zwonimirs und erzählte deshalb selbst von seinen Absichten. ״Gott sei Dank,“ sagt der Militärarzt, der nicht gerne arbeitet. ״Da werde ich kein Aspirin mehr verschreiben. Ich schicke Ihnen alle Pattenten.“ ״Verbindlichen Dank“ sagt Zlotogor und verneigt sich. Und am nächsten Tag kamen ein paar Damen und schickten Briefe zu Zlotogor hinauf. Ins Hotel traute sich keine, aber Zlotogor nahm es nicht genau. Er ging in die Häuser magnetisieren. Es ist werkwürdig,“ sagte ich zu Zwonimir, ״siehst Du, wie sich die Menschen verändern, weil Bloomfield, mein Chef, da ist? Jeder hat plötzlich geschäftliche fdeen in diesem Hotel und in dieser Stadt. Jeder will Geld verdienen.“ ״Ich habe auch eine Idee,“ sagt Zwonimir. «Ja?״ ״Bloomfield umzubringen.“ ״Wozu?“ ״So, zum Spaß, das ist ja keine geschäftliche Idee und sie hat auch keinen Zweck.“ ״Weißt D11 übrigens, wozu Bloomfield da ist?“ ״Um Geschäfte zu machen/‘ ״Nein, Zwonimir, Bloomfield pfeift auf diese Geschäfte. Ich möchte gerne wissen, weshalb er hier ist. Vielleicht liebt er eine Frau. Aber die könnte er ja hinübemehtnen. Eine Frau ist kein Haus, aber sie kann auch verheiratet sein. Dann ist sie noch schwieriger fortzubringen, als ein Haus. Ich glaube nicht, daß Bloomfield hierher kommt, um die Fabrik des seligen Maiblum zu reparieren. Juxgegenstände interessieren ihn nicht. Er hat Geld genug, um ein Viertel Amerikas mit Juxgegenständen zu versorgen. Ist er hierher gekommen, um in seiner Heimat ein Kino zu finanzieren? Er gibt nicht einmal dem Neuner Geld und die Arbeiter streiken schon die fünfte Woche!“ ״Weshalb gibt er kein Geld?* sagt Zwonimir. ״Frag' ihn doch." ״Ich werde ihn nicht fragen. Es: geht mich nichts an. Es ist eine Gemeinheit“ Mir schien, daß Neuner sieh nur mit Bloomfield herausredete und daß ihm nichts mehr an den Fabriken lag. Es war eine schlechte Zeit, das Geld hatte seinen Wert verloren.