Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 31 (20.4.1928)
- Date
- 1928-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 224 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31, 20.IV. 1928 Man begann mit Abendkursen ün Hebräischen, richtete Vortragsabende ein, und bald wuchs die Zahl der Teilnehmer an dieser Bewegung bis auf zirka 300. Darunter waren viele, die bis dahin nichts anderes gekannt hatten als ihre freien Stunden Zigaretten rauchend und tanzend in Jerusalems CaRs zu verbringen. Bald konnte man sich ein Klublokal einrichten, und heute, nach zehnjährigem Bestehen des Klubs, Ist die Klubwohnung der jungen Sepharden weitaus das reichlichste und schönste Lokal, das für Klubzwecke überhaupt in Jerusalem zu finden ist. Hier kommen nach vollendetem Tagewerk die jungen Kaufleute, Lehrer, Beamten, Akademiker, Handwerker, Seminaristen usw. zusammen, um zu plaudern, Gesellschaftsspiele zu spielen, Vorträge zu hören oder Arbeitsplane zu besprechen. Zu den regelmäßigen Vorträgen zieht man die besten geistigen Kräfte des Landes heran, und die Themen geben Ausblicke auf die verschiedenartigsten wissenschaftlichen und Zeitfragen. Neben dieser Erziehung der eigenen Mitglieder hat die Vereinigung der ״Pioniere des Ostens“ eine wichtige soziale Tätigkeit begonnen, indem sie in verschiedenen Stadtvierteln Abendkurse für Kinder orientalischer Einwanderer eingerichtet hat. Auch auf anderen Gebieten: Bekleidung von Schulkindern, Unterstützungsfonds usw. entfalten sie eine soziale Tätigkeit, die ihnen dadurch erleichtert wird, daß ihnen die Mittel der sephardischen Kreise zur Verfügung stehen, die sonst für Hilfe bei sozialer Arbeit kaum zu haben sind. Schon viele sephardische Kinder haben sie den Missionen entrissen. Die geistige und moralische Kraft, die diese jungen Sepharden mit einem starken nationalen Gefühl verbinden, ist bereits mehrfach in die Erscheinung getreten, wenn sie am politischen Leben aktiven Anteil nahmen. Als kurz nach dem Kriege der Jerusalemer Waad-ha-Ir — die Zusammenfassung aller jüdischen Kreise — gegründet werden sollte, da waren sie es, welche die Sepharden zum Beitritt veranlaßten. Auch am Zustandekommen der ersten Assefath-ha- Niwcharim waren sie in hohem Maße beteiligt Für die Annähme des Gemeindegesetzes durch die orientalischen Gemeinden haben sie eine kluge und erfolgreiche Tätigkeit entfaltet. Und noch jüngst haben sie eine für den Jischub wichtige Rolle bei den Wahlen für die Jerusalemer Stadtverwaltung gespielt. Wer sie in ihrem politischen Vorgehen zu beobachten Gelegenheit hat, der findet bei diesen jungen Sepharden einerseits eine zielbewußte Klugheit, andererseits eine taktvolle Zurückhaltung, wie sie europäische Jugend kaum kennt. Dank dieser Eigenschaften stehen die jungen Nationalisten nicht in dem Kampf mit der älteren Generation, den man im ganzen westlichen Kulturkreis findet, sondern es gelingt ihnen allmählich, die ältere Generation zu ihren Bestrebungen hinüberzuziehen. Mit diesem selben Takt entwaffnen sie auch un* bemerkt ihre Gegner und machen sie zu ihren Freunden; das ist z. B. im Falle der orthodoxen Jugendorganisation ״Al Hamischmar“ geschehen, die Rabbi Meir als Gegengewicht gegen die allzu liberalen ״Chaluze-ha-Misrach“ ins Leben gerufen hat und deren Mitglieder schließlich zu freundschaft-!!eher Zusammenarbeit mit ihren ״Gegnern“ gelangten. Nachdem die sephardische Jugendorganisation Ortsgruppen Im ganzen Lande gegründet und auch in Alexandrien, Bulgarien, Südamerika und anderen Ländern Stützpunkte geschaffen hatte, Berief sie vor zwei Jahren einen Kongreß nach Paris ein, auf dem die ״Weltorganisation der sephardischen Jugend“ gegründet wurde. Seit dieser Zeit war der Gedanke einer Weltorganisation der Sepharden für soziale Hilfe erwacht, und an seiner Verwirklichung wird seither ständig gearbeitet. In Palästina selbst wird vor allem die Hinüberleitung von Sepharden in produktive Berufe erstreckt. 20 sephardische Familien wurden für den Tabakbau angesiedelt, und die sephardischen Siedler in Ber Jakob erhalten ständige Unter- Stützung. Auch die Fischer-Vereinigung in Akko, die ausschließlich aus Sepharden besteht, erhält Hilfe durch den Verband der Sepharden. Die sephardische Bank, die vor einem Jahr mit einem Kapital von £ 1000 gegründet wurde, soll vor allem Anleihen für die ländliche Ansiedlung von Sepharden hergeben. Wenn man diese national geschulte Generation von gebildeten jungen Sepharden überblickt, so sieht man nicht nur kein Zurückstehen gegenüber dem Wert der aschkenasischen Jugend, sondern auf manchen Gebieten eine noch bessere Eignung für das Land und Leistungen in demselben als bei dieser. Tatsächlich beginnen im Verkehr der jungen Leute, Herzls politische and soziale Anschauungen Eine Buchbesprechung. In Tel-Awiw ist vor kurzem die zweite Auflage eines heb'rischen Werkes erschienen, das die besondere Aufmerksanu.it der zionistischen Oeffentlichkeit verdient. Der Verfasser, Dr. M. Lurie*), hat mit gewissenhaftem Fleiß aus den Schriften Theodor Herzls und seinen Tagebüchern Aeußerungen des Führers zusammengetragen und ineinandergearbeitet, die sich auf die zionistische Politik sowie den sozialen und v/irtschaftlichen Aufbau Palästinas beziehen. Für den, der die Schriften Herzls kennt, ist das Buch Luries ein gründliches Repetitorium, das ihm manches Vergessene oder flüchtig Ueberlesene in Erinnerung bringt. Mehr noch werden diejenigen aus dem Buche lernen, die die Schriften Herzls nicht oder nur teilweise kennen. Für sie ist das Werk eine Quelle bester zusamnienfassender Belehrung über Herzische Gedankmkonzepfionen. Es ist Lurie gelungen, trotz systematischer Ordnung des Materials die unwiderstehliche Idealgestalt Herzls in voller Lebendigkeit vor das Auge des Lesers zu stellen. Seine eigene hohe Verehrung für den Führer ist ihm dabei behilflich gewesen. Streben nach wissenschaftlicher Objektivität ist hier mit pietätvoller Liebe zur behandelten Materie vereint. Von besonderem Interesse ist derjenige Hauptteil des Buches, der die sozialen Anschauungen Herzls über den Palästina-Aufbau behande't. Es ist erstaunlich, zu sehen, mit welch seherischem Blick der Führer schon in jenen Jahren, da die praktische Kolonisationsarbeit noch in ihren ersten Anfängen stand, die künftige Entwicklung der Dinge vorausahnte. Trotz des ausgezeichneten Eindruckes, den man von diesem Buche als Ganzem erhält, dürfen gewisse kritische Bemerkungen nicht unterlassen werden. Es wird hier der Versuch unterr!ommen, Herzls politische und soziale Anschauungen in ein geschlossenes System zu bringen. Uns will dünken, daß ein solches Unternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, da Herzls Aeußerungen viel zu spontan, zu sporadisch und auch zu eklektisch sind, um sie in ein festes System zu bringen. Manchmal sieht sich der Autor selbst gezwungen, den Meinungs- *) Dr. M. Lurie: ״Theodor Hcrzl we-haschkafothaw hapolitioth we-hachewratioth“. Tel-Awiw 5687. Preis 1 Dollar. Adresse: Palästina, Tel-Awiw, Allenbystr. 64. die aus den gleichen Schulen hervorgegangen sind, Gegensätze und Fremdheit immer mehr zu verschwinden. Es mag als ein Symptom gelten, daß der Führer der palästinensischen Schüler- Organisation, der ״Zofitn“ (Scouts) ein Sepharde ist. Dagegen beklagen sich die jungen Sepharden bitter darüber, daß sie von den offiziellen jüdischen Behörden noch immer stark zurückgesetzt und dadurch in dem, was sie für das Land leisten könnten, gehindert werden. Ihre Anklage richtet sich auch gegen die Arbeiterorganisation, die von der alten Handwerkertradition, die sich bei Sepharden befindet, nur wenig Gebrauch mache. Sie weisen auf Fälle hin, in denen einige ihrer besten, von nationalem Gefühl erfüllten jungen Leute nach Amerika auswandern mußten, angeblich, weil bei der Vergebung von Arbeit nur aschkenasische Bewerber berücksichtigt wurden. Wie die nationale Ansiedlung in Palästina in zehn Jahren aussehen wird, ist heute schwer vorauszusagen. Aber fast sicher erscheint es, daß bis dahin dem Lande in diesen jungen Sepharden eine Macht erwachsen sein wird, die sich nicht mehr wird zurückdrängen lassen und die große, fruchtbare Kräfte in sich birgt Es ist kein kleines Verdienst des Zionismus, daß er es war, der ln das stagnierende Leben der Sepharden Bewegung gebracht hat Der ״Judenstaat“ In Sibirien M 0 sk a u, 12. April. (J.T. A.) Das Präsidium des Zentralexekutivkomitees der Sowjet-Union, das oberste legislative und administrative Organ der Union der Sowjet-Republiken, hat in seiner letzten Sitzung offiziell beschlossen, den Rayon Biro-Bidschan in Sibirien den Juden zur Kolonisation zu überlassen, mit dem Ziele, dieses Territorium in eine nationaljüdische, administrative und territoriale Einheit umzuwandeln. Das diesbezüglich offizielle Dekret ist bereits veröffentlicht worden; es trägt die Unterschritt des Sekretäre des Zentralexekutivkomitees, Jenukudze. Jüdische Koltarkonlerenz ln der Sowletnnion Moskau, 13. April. (J. T. A.) In Anwesenheit von mehr als 200 Delegierten aus allen Ländern der Sowjet-Union wurde in Charkow 1m Hause des jüdischen Staatstheaters die zweite Konferenz der jüdischen Kulturfunktionäre ganz Rußlands abgehalten. Aus dem Kongresse wurden dann Referate über die Notwendigkeit der politischen Erziehung der jüdischen Massen gehalten und Vorschläge unterbreitet, die darauf hinzielen, die Juden dazu zu bewegen, ihre Kinder in die jüdischen Schulen zu schicken. Gegenwärtig besucht die Mehrheit der jüdischen Kinder aie allgemeinen Sowjetschulen. Der Kongreß lehnte einen Vorschlag, die j i d d i - sehen Bücher in lateinischen Buchstaben drucken zu lassen, ab. Besonders interessant war die Ansprache des Sekretäre des Zentral-Exekutivkomitees der kommunistischen Partei, Lubtchenko, der ausführte: Wir können und dürfen das Bestehen einer antisemitischen Bewegung in Rußland nicht wegleugnen; es wäre beschämend für unsere Revolution, wenn wir einer offenen Erörterung dieser Frage ausweichen und nur flüsternd über sie sprechen wollten. Wir müssen offen darüber sprechen und ebenso offen und mit all«■ Strenge den Antisemitismus als eine gegenrevolutionäre Erscheinung bekämpfen. Im Zusammenhang mit dem jüdischen Kolonisationswerk sind unter den Bauern falsche Gerüchte verbreitet , die Sowjetregierung tut ihr Möglichstes, um solchen falschen Gerüchten die Grunaläge zu entziehen. Dr. Sad|a Mases Enthaltung M o s k a u, 12. April. (I. T. A.) Dr. Sadja Mase, der unter der Beschuldigung aktiver zionistischer Betätigung zwei Monate im Gefängnis zugebracht hat, erklärte dem Vertreter der J. T. A., er sei im Gefängnis sehr höflich behandelt worden. Er habe bei seiner Freilassung sich schriitich verpflichten müssen, im Verlauf eines Monats, und zwar im Wege über Odessa Rußland zu verlassen und nach Palästina zu gehen. Die jüdische Gemeinde von Moskau hat sich an die Behörde mit der Bitte gewendet, dem jungen Mase das Weiterverbleiben in Rußland zu erlauben. Sollte die Bitte abschlägig beschieden werden, so werden Mase und seine Gattin nach den Pessach-Tagen die Reise nach Palästina antreten. Dort will sich Mase der Forschungsarbeit an der Hebräischen Universität widmen. Für das arbeitende Palästina Vor kurzem fand im größten Saale Antwerpens eine vom belgischen Komitee für das arbeitende Palästina einberufene Versammlung statt, die von mehr als 800 Personen besucht war und einen eindrucksvollen Verlauf nahm. Ansprachen hielten die bekannte hebräische Dichterin Elischewa, der belgische Arbeiterführer Pels und Dr. Oskar Cohn aus Berlin. Die Aufforderung von Dr. Oskar Cohn, eine Aktion für Mithilfe an der Lösung des Arbeiterproblems in Palästina einzuleiten, fand starken Anklang, die eingeleitete Sammlung nimmt einen erfolgversprechenden Verlauf. Im engeren Kreise wurde dann im Beth Zion, dem zionistischien Heim Antwerpens, für die Gäste ein Empfang veranstaltet, wobei auch ein jüdischer Student und Arbeiter aus Palästina das Wort ergriff. Versammlung und Empfang standen unter dem Vorsitz des belgischen Advokaten Dr. Kubowitzki. Ara 14. April, abends, wurde in Warschau im Theater N o v o s c i die für eine zweitägige Dauer berechnete Konferenz für das arbeitende Palästina eröffnet. Anwesend waren die Vertreter d« palästinensischen Arbeiterschaft Feinstein, Reiß und Schürer, sowie 300 Delegierte aus allen Teilen Polens. Die palästinensischen Delegierten referierten über die Arbeitslage in Palästina. Im Verlauf der Diskussionen wurden die Arbeitsmethoden für die Zukunft festgelegt. Kandgebmgen gegen die Internationale Missionxkonlerai* Jerusalem, 15. April (J.T.A.) In Gaza demonstrierten die Moslemiten gegen die Abhaltung der Internationalen Missionskonferenz in Jerusalem. Der Distriktsbeamte verbot die Demonstration, erklärte sich aber bereit, eine Abordnung der Demonstranten zu empfangen, in der Moschee, wo die Demonstranten auf die Rückkehr der Deputation warteten, verbreitete sich plötzlich das Gerücht, das die Mitglieder der Deputation verhaftet worden seien. Die Menge eilte zu den Polizeibaracken und versuchte, diese zu stürmen. Die Polizei feuerte auf die Menge, die sich nun zurückzog, aber einige Verwundete auf dem Platze ließ. Tel-Awiw gegen Iransjordanlsehe Grcnzmacht Tel-Awiw, 17. April (J. T. A.) Eine in Tel-Awiw stattgefundenen Konferenz von Jugendlichen, angeblich Kommunisten, wurde aufgelöst, wobei 19 Jüdische Jugendliche, unter ihnen 6 Mädchen, und ein jugendlicher Araber verhaftet wurden. Der Stadtrat von Tel-Awiw gab heute in einem Beschluß dem Proteste über die Verletzung d« jüdischen Rechte durch die transjordanische Grenzmacht Ausdruck und lehnt die Einladung zur Teilnahme an der Organisation der Wettspiele, die die Grenzmacht demnächst in Tel-Awiw zugunsten der Erdbebengeschädigten veranstaltet, ab. Kein Jude wird bei diesen Wettepielen zugegen sein. Die Märzeingänge des Keren Ha)essod Wie der Ziko aus Jerusalem telegraphiert wird, betrugen die Märzeingänge des Keren Hajessod rund £ 45 000, gegen nur £ 34 495 Im Monat Februar. Reiciisverband nad LandesverMnde Die auf der Nürnberger Tagung gefaßten Beschlüsse zur Realisierung des Reichsverbandes stoßen, wie die Entwicklung zeigt, aut Schwierigkeiten. Die Differenz, die nantedtlieh dadurch entstand, aaß auf Antrag des Prof. Stein- Karlsruhe, den kleinen Landesverbänden keine Stimme gegeben werden sollte, sondern eine Zusammenfassung der kieinen Landesverbände verlangt wird, hat zu einem Protest der kleinen Verbände geführt. Auf der Nürnberger Tagung war von dem Vertreter der Volkspartei Dr. Klee, das Prinzip der Landesverbände als Träger des Reichsverbandes grundsätzlich verworfen, aber hinzugefügt worden, daß, wenn man dieses Prinzip akzeptiere, alle Landesverbände in gleicher Weise berücksichtigt werden müssen. Als Vertreter eines kleinen Verbandes hatte auch Landgerichtsdircl tor Alterthum- Dessau sich gegen die beschlossene Regelung auf das Schärfste gewandt. Wie nun der J. T. A.-Vertreter erfährt, haben die Landesverbände von Anhalt, Mecklenburg und Lübeck gegen diese Beschlüsse protestiert, einige kleine V«- bände auch bereits die Erklärung abgegeben, dab sie sich unter diesen Umständen an der Gründung des Reichsverbandes nicht beteiligen würden. Voraussichtlich wird im Juli eine Tagung der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft aller Landesverbände in Köln stattfinden, auf der diese Frage aufs Neue zur Erörterung gestellt werden wird. wandel Herzls gerade in grundlegenden Fragen festzustellen. Daß er die zuletzt von Herzt geäußerte Meinung als die legitime ansieht, hält den Forderungen wissenschaftlicher Beweisführung kaum stand. Man darf die Wahrscheinlichkeit nicht abstreiten, daß Herz], dessen Haupttugend es war. seine Meinungen durch die reale Entwicklung der Dinge zu kontrollieren und beeinflussen zu lassen, in der oder jener Grundfrage noch zu neuen, anderen Erkenntnissen gekommen wäre, wenn das Schicksal ihm ein längeres Leben gegönnt hätte. Das Mißliche an Luries Buch ist die Tendenz, die aus den Schriften Herzls eruierten Meinungen zu einem verpflichtenden politischen Glaubensbekenntnis der Zeitgenossen zu machen. Dabei soll ganz unerörtert bleiben, ob es angängig ist, gewisse phantastische Vorstellungen, die die Helden von ״Alt-Neuland“ als bereits verwirklicht verkünden, für Herzls zionistische und sozialpolitische Anschauungjen gleichberechtigt neben seinen Aufsätzen und Tagebuchnotizen heranzuziehen. Besonders befremdlich sind jedenfalls die zusammenfassenden Folgerungen des Verfassers im Schlußkapitel. Das Buch (das nicht zufällig im Verlag der Organisation der Herzlianer ״Mischmereth chadaschah“ nerausgegeben ist) schließt mit folgenden Thesen: ״Durch Studium des Herzlianismus zur Vertiefung unserer Weltanschauung! Durch Vertiefung unserer Weltanschauung zur Wiederbelebung des Herzlianismus! Durch die Wiederbelebung des Herzlianismus zur Steigerung des zionistischen Einflusses im jüdischen Volk! Das müssen unsere Parolen und Aufgaben in der nächsten Epoche sein. Im Herzlianismus werden wir uns selbst finden.“ Diese im Flugblattstil gefaßten Sätze vindizieren so nebenbei einen neuen ״—ismus“, demgegenüber wir schon deshalb mißtraulsch sind, weil unsere Zeit an der Ueberproduktion solcher -ismen nur allzu sehr leidet. Herzls genialen Gedankenreichtum auf bestimmte Nenner zu bringen und daraus ein politisches Glaubensbekenntnis zurecht zu machen, widerspricht unseres Erachtens dem Geiste dessen, dessen Verherrlicnung dieses Buch aut jeder Seite atmet Dr. Max Mayer. Der in Berlin lebende Komponist Israel Gladstein schreibt im Aufträge de* Kownoer hebräischen Theaters tudios die Musik rti den zur Aufführung gelangenden Bearbeitungen von I. L. Pcrez ״Der tote Musikant und ״Was dar Mond erzähl*". Jean-Richard Blochs Drama ״Der letzte Kaiser“, das gegenwärtig in der Piscator-Bühne am Nollendorfplatz gespielt wird, hat bei der Kritik keine sehr freundliche Aufnähme gefunden. Zweifellos ist der Dichter der ״Kurdischen Nacht“ und ״Simler & Co.“ als Romandichter bedeutender denn als Dramatiker, wo er weniger aus eigenem Ingenium, als mit den bewährten Mitteln dramatischer Routine arbeitet. Das aufgeführte Stück leidet an einer Reihe von Unwahrscheinliehkeiten, wobei freilich nicht immer festzustellen ist, welcher Teil der Handlung auf Konto des Dichters und welcher auf Konto des Regisseurs zu setzen ist. Bloch selbst hat bekanntlich eine Erklärung veröffentlicht, wonach alle die deutliehen Anspielungen auf Deutschland nicht von ihm sind, sondern von der Regie der Piscator-Bühne hinzugedichtet wurden. Die Ablehnung des Stückes ist vielleicht in erster Reihe auf den wachsenden Unwillen der Oeffentlichkeit gegen diese Methode des Umdichtens zurückzuführen. Das Drama selbst ist, wie gesagt, kein Meisterstück, aber es ist gut gearbeitet und enthält einen sittlich-sozialen zentralen Gedanken, der seinen Eindruck nicht verfehlt. Gemessen an so manchem Stück, das in Berlin monatelange Ausführungen erlebt, ist ״Der letzte Kaiser“ sicherlich sehenswert Vor allem auch dank der ausgezeichneten Aufführung, für die Karlheinz Martin und Piscator aller Dank gebührt. Unter den Schauspielern verdienen drei Juden in erster Reihe genannt zu werden: Der sehr edle, menschlich ergreifende Kais« Ernst Deutsch, der sentimental-vornehme, komisch« demokratische Professor Paul Graetz und d« energiegespannte revolutionäre Sprecher Alexander Granach. Dazu geseilt sich der verschlagene Intrigant und feudale Machtpotitfleer Albert Steinrück, der erst kürzlich Chaskel Hungerstolz war. Der Abend verdient — trotz der angedeuteten Bedenken — zweifellos Interesse und Besuch. sch. ״Die Pest“, Drama in drei Akten, von An»kl dem Dichter des ״Dybuk“, den die Habimah in dm Erdteilen «spielt hat, erscheint soeben in Uebersetsung und Bearbeitung für das deutsche Theater mit einer aus Synagogen- und Jazzmotiven verbundenen Musik in» Bühnen vertrieb von Felix S tö s singer, Verlag, Berlin.