Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 31 (20.4.1928)
- Date
- 1928-04-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31, 20. TV 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Die Lage in Palästina Von Harry Sacher. Herr Harry Sacher, Mitglied der Palästina-Exc- Iniiive, der gegenwärtig im Zusammer.lrng mit wi!tilgen Iseratungen in London weilt, veröffentlicht in Nr. 11 Von ״The New Judaea“ vom 30. März 1928 nachstehenden Artikel: Die gegenwärtige Exekutive ist jetzt ungefähr sechs Monate im Amte und es ist nunmehr möglich, über die Entwicklung der Lage in Palästina während dieser Zeit einiges auszusagen. Im ganzen ist die Situation günstiger als zu Beginn des vorgangenen Oktober-Monates angenommen wurde. Bei allen Schwierigkeiten erwies es sich doch als möglich, die Ausgaben der verschiedenen Exekutiv-Departements in Palästina mit der Schätzung der Einnahmen in Einklang zu bringen. Die Folge war natürlich die Einschränkung der Tätigkeit auf gewissen Gebieten, vornehmlich auf dem der Kolonisation, in deren Bereich die bestehenden Siedlungen aufrecht erhalten werden konnten, ohne daß zu ihrer Konsolidierung oder Erweiterung irgend etwas hätte geschehen körnen. Dem Beistände Baron Edmond Rothschilds und der Selbsthilfe der Eltern ist es in erheblichem Maße zu danken, daß das Schulwerk ohne Beeinträebtigung aufrecht erhalten werden konnte. Das schwierigste unter allen Problemen, mit denen sich die Exekutive auseinanderzusetzen hat, ist die Frage der Arbeftslosigkctt, und sogar auf diesem Qebiete kann eine sehr entschiedene Wendung zum Besseren verzeichnet werden. Die Gesamtzahl der Arbeitslosen hat sich mindestens um 50 9'״ verringert und dürfte in Zukunft noch mehr zurück gehen. Die Besserung ist teils eine Folge der Mitwirkung der Palästina- Regierung in der Arbeitsversorgung, teils ein Ergebnis vergrößerter wirtschaftlicher Aufnahmefähigkeit des Landes. Im letzten Jahre hat die Industrie in sehr ausgesprochener Weise an Kraft gewonnen. Nicht nur haben größere Unternehmungen, wie die Nescher Zement-Werke, die Fabrik Schemen und die Rutenberg-Gesellschaft, bemerkenswerte Fortschritte gemacht, sondern auch eine Anzahl kleinerer Industriebetriebe hat definitiv Wurzel fassen und seine Existenzfähigkeit nachweisen können. Die Skeptiker der industriellen Entwicklung Palästinas müssen jetzt zugeben, daß ihr Zweifel unbegründet ist. Auch die landwirtschaftlichen Fortschritte waren erheblich. Cic verschiedenen Siedlungen entwickeln sich deutlich in aufsteigender Linie und ganz allgemein geht es der Landwirtschaft gut. Abgesehen von den Arbeiten der Zionistischen Organisation und der Pica wird viel ln aller Stille durch Private geleistet. Die Summen, die in den letzten paar Monaten im Ankauf von Boden und in der Anlage von Pflanzungen investiert worden sind, sind sehr beträcht'ich, und dieser Fortschritt vollzieht sich in einem schleunigen Tempo, der auf ein erhebliches Maß von Vertrauen des privaten Kapitals in die wirtschaftliche Zukunft Palästinas schließen läßt. Obwohl es stets schwieriger Ist, geistige Entwicklungen zu bewerten als wirtschaftliche Veränderungen, so kann doch kein Zweifel daran sein, daß der Jischuw sich allmählich daran gewohnt, der Wirklichkeit, mag sie auch unerfreulich sein, ins Auge zu sehen, daß er es immer mehr lernt, sich auf seine eigenen Kräfte zu verlassen. Dies gilt in gleichem Maße von allen Jüdischen Gruppen, und es ist ein Gebot primitivster Gerechtigkelt, anzuerkennen, daß es ohne die rückhaltlose und unermüdliche Hilfe und Mitwirkung der .Arbeiterorganisationen nicht ,möglich gewesen "wlre,"'die' Arbeitslosen durch sehr schwere Zelten einer, wie man hoffen darf, besseren und nicht allzu fernen Zukunft entgegenzuführen. — Diese Aussagen über die verbesserten Aussichten in Palästina gewinnen noch an Wahrheitsgehalt, wenn man ein wenig weiter voraus in die Zukunft blickt und an die großen Unternehmungen denkt, die aller Wahrscheinlichkeit nach demnächst in Angriff genommen werden. In 18 Monaten werden die hydro-elektrischen Rutenberg- Werke fertiggestellt sein. Zu Ende dieses Jahres dürften die Hafenarbeiten in Haifa beginnen. Gleichzeitig ungefähr wird wahrscheinlich mit den Arbeiten am Toten Meer angefangen werden. Ebenfalls für Ende des Jahres ist die Entscheidung über die Mossul Oelröhrenleitung zu erwarten, und wenn, wie man hoffen darf, die Röhrenleitung über Haifa geführt wird, so wird damit möglicherweise der Bau einer Eisenbahnlinie von Haifa nach Bagdad verknüpft werden. In Gefolge solcher Ent- Wicklungen dürfte Palästina das Zentrum einer ansehnlichen chemischen Industrie werden, und Haifa dürfte sich zu einem der großen Oelhäfen der Welt entwickeln, zugleich zum Hafen Seite 223 beträchtlicher Teile von Mesopotamien und Persien. Eine Entwkklung dieser Art dürfte das ökonomische Antlitz des Landes gänzlich umgestalten, und es handelt sich hierbei durchaus eher um wahrscheinliche Aussichten für eine nicht zu ferne Zukunft als um vage Spekulationen. Kein vernünftig denkender Mensch hat nach alledem eine Entschuldigung für pessimistische Urteile über Gegenwart oder Zukunft Palästinas und des jüdischen nationalen Heims. Im Augenblick besteht die Hauptschwierigkeit darin, daß die amerikanischen Zionisten vorläufig Ihren proportiondien Anteil Zum Budget nicht beisteuern konnten. Wäre das Budget gesichert, so könnte die Zionistische Exekutive die Verantwortung für die Einstellung der Arbeitslosenunterstützung und ihre Ersetzung durch konstruktive Arbeiten übernehmen, eine Maßnahme, die für Palästina von großer Bedeutung wäre, ln früheren Jahren pflegte man als einen der Gründe für ein Nachlassen in den Anstrengungen amerikanischer Zionisten Mangel an Vertrauen in die Lage in Palästina anzugeben. Obschon noch keineswegs alle Schwierigkeiten in Palästina überwunden sind, so ist doch kaum ein Zeitpunkt vorstellbar, in dem ein solcher Mangel an Vertrauen weniger gerechtfertigt wäre als gerade jetzt. Der dauernde und wesentliche Erfolg jüdischer Arbeit in Palästina ist jetzt gesichert. Jüdisch-arabische Cooperation In der Wirtseb a[tsbeilage der Tageszeitung ״Haaretz“ (Tel-Awiw) lesejt wir im Rahmen einer längeren Uenersidit über die Entwicklung der palästinensischen Industrie, worin diese ziemlich optimistisch beurtei't wird, auch folgende interessante Bemerkungen: ,.Es lohnt vielleicht darauf hinzawelsen, daß wir in den letzten Industrienachrichten häufig arabische Namen finden, und zwar besonders als Kompagnons von Juden. Es heißt, daß eine der großen neuen Lederfabriken von einer jüdischarabischen Gesellschaft errichtet wird. Auch der Gruppe, die jetzt wegen Uebernahme der Scidenfabrik von De 1 p h i n e r verbandet, soll ein Araber angehören. Diese Tendenz ist zu begrüßen, nicht nur weil unser Bestreben dem Aufbau des Landes gilt, sondern auch, weil wir wissen, daß gemeinsame wirtschart'iclie Tätigkeit einer der sichersten Wege zur Annäherung der beiden Völker^ auf denen die Zukunft Palästinas beruht, ist.“ ״Haarez“ veröffentlicht einen Bericht über den Wicderaufbau von Nablus (Sichern), das bekanntlich durch das Erdbeben den meisten Schaden von allen Städten Palästinas gehabt hat. ln Nablus haben bisher keine Juden gelebt, nur die kleine Sekte der Samaritaner, die gleichfalls durch das Erdbeben sehr gelitten hat. In der letzten Zeit haben sich jedoch einige Juden in Nablus angeslcdelt. Darüber heißt es in dem erwähnten Bericht: Gegenwärtig leben hier etwa zehn jüd i s c h e F a m i 1 i en, außer den Arbeitern, die bei dem jüdischcn Ingenieur Bartier aus Haifa arbeiten. Dieser baut zwei große Gebäude für reiche Araber und die Arbeitgeber sind mit der Arbeit sehr zufrieden. Durch den guten Namen, den sich dieser Bauunternehmer erworben hat, macht er wieder gut, was ein gewisser Zuckermann dem jüdischen Ruf geschadet hat Es besteht die Aussicht, daß er noch mehrere Bauten übertragen erhalten wird. Außerdem wohnt hier eine jüdische Zannärzfin und ein jüdischer Baumaterialienhändler. Es besteht die Absicht, eine Synagoge für diese kleine Gemeinde zu errichten. Die Beziehungen der Araber zu den Juden sind sehr gut und der Verkehr zwischen den Arabern von Nablus und den Juden ist in der letzten Zeit sehr rege geworden. -״־«׳::׳.״ ‘ Jerusalem, 16. April. (J. T. A.) Etwa 120 Studenten der hebräischen Universität zu Jerusalem haben in dl־sen Tagen eine Exkursion nach Syrien und der Libanon- Provinz unternommen. In Gesprächen mit Vertretern syrlscher Zeitungen erklärten die jüdischen Studenten, daß die Juden Palästinas das ernsteste Bestreben haben, mit den Arabern in Frieden zu leben und mit ihnen zusammen an der Entwicklung des Landes zu arbeiten. Grimshaw in Palästina Jerusalem, 15. April. (J. T. A.) Grimshaw, der Vertreter des Internationalen Arbeitsamtes bei der permanenten Mandatskommission des Völkerbundes, der den Verhandlungen des internationalen Missionsrates in Jerusalem im Aufträge des Arbeitsamtes als Beobachter beigewohnt hatte, nahm auch an einer Sitzung des Waad Leumi teil und erklärte in einer bei dieser Gelegenheit gehaltenen Ansprache, daß Albert Thomas, der Leiter des Internationalen Arbeitsamtes des Völkerbundes, sowie er, Grimshaw, selbst, jederzeit und überall das jüdische Aufbauwerk in Palästina unterstützen wollen. Der Aufstieg der sephardisehen Jugend Von Helene Hanna Thon. Es ist verständlich, daß die aschkenasische Welt bei der Erörterung aller Probleme der Palästinahesicdlung fast aus• schließlich an die Siedler aus europäischen Ländern denkt Diese Menschen und ihre Daseinsfragen kennt man und ihre Ansiedlung in Palästina trägt zur Lösung europäischer Juden- Probleme bei. Das Leben in Palästina aber gestaltet sich unterdessen so, daß man unmöglich auf die Dauer jenen anderen großen Teil der Bevölkerung — den sephardisehen und aus orientalischen Ländern stammenden — übersehen kann. Es entspricht nicht der Art des orientalischen Juden, in derselben nachdrücklichen Weise, in welcher der Aschkenase es tut, die Blicke der Öffentlichkeit auf sich zu lenken, so aber auch eine ,bestehende Macht, auch wenn sie keinen Wert auf Wirkung nach außen legt, kann nicht ständig unbeachtet bleiben, und so scheint die Zeit nicht mehr fern, in der man sich allgemein in hohem Maße mit der sephardisehen Bevölkerung Palästinas wird beschäftigen müssen. Wird einerseits das Niveau dieser Bevölkerung durch die fortwährende starke Einwanderung unproduktiver und unkultivierter Elemente in jeder Weise tief herabgedrückt, so zeigt sich andererseits bei den schon länger im Lande ansässigen Elementen ein gewaltiger wirtschaftlicher und kultureller Auf• Schwung. Die Zahl der begüterten Kaufleute, Hausbesitzer, Bauunternehmer usw. unter den Sephardcn ist viel größer als man sich im Ausland klarmacht; u. a. ist der Leiter der Anglo Egyptian Bank ein Sephardc, ebenso der Leiter der Jerusalemer Branche der A. P. C. und einige der oberen Beamten in der Banque Ottomane. Jahrelang und jahrzehntelang mangelte aber jedes geistige und organisatorische Leben unter den sephardisehen und orientalischen Juden. Die Gemeinden waren in sich und untereinander zerfallen, und für soziale und nationale Belange fehlte jegliches Verständnis. Es ist interessant, sich klarzumachen, daß eine der Wir• kungen der Balfour -Deklaration darin bestand, daß sie in diese schlafende Welt Bewegung brachte. Zurzeit der Deklaration war gerade eine Generation von jungen Sepharden herangewachsen, die — im Gegensatz zu früheren Generationen — in den Hilfsvereins- und Allianceschulen eine gründliche Schulbildung genossen hatte. Wenn auch eine rückbiickende Kritik gegen das Schulwerk des ״Hilfsvereins der deutschen Juden“ in Palästina manches einzuwenden haben mag —- die Gerechtigkeit erfordert die Feststellung, daß in den Hilfsvereinsschulen eine ganze Generation, nicht nur eine gute Durchbildung — auch im Hebräischen — erhielt, sondern eine wahrhaft nationale Erziehung, während die Allianceschulen wohl auch eine brauchbare Ausbildung, aber keine Erziehung itn nationalen Sinne boten. ln den eben herangewachsenen Sepharden erweckte nun die Balfour-Deklaration mit allen sich daran knüpfenden großen Aussichten den Willen, den sephardisehen Teil der Bevölkerung mitarbeiten zu sehen am Aufbau des Landes. Dabei stießen sie auf Widerstände. Das größte Hindernis bei der Produktlvierung der des orientalischen Judentums lag in dem wirt* schaftüch und kulturell äußerst niedrigen Niveau breiter Kreise desselben. Aber auch jene, die sich als genau so gut ausgebildet und arbeitstüchtig fühlen durften wte alle anderen Telle der jüdischen Bevölkerung, fanden nicht die recht*« Wlrkungsraöglichkeitea, weil sie bei der Vergebung von Arbeit und Ansiedlungsmöglichkeiten und bei der Besetzung von zio* nistischen Aemtern allenthalben hinter aschkenasische Bewerber zurückgesetzt wurden. Besonders stark wirkte es auf diese jungen Leute, daß man auch da, wo es sich um Anbahnung von Beziehungen zu den Arabern handelte, keinen Gebrauch von ihrer Kraft und ihrem Willen zur Mitarbeit machte, obgleich sie, welche die arabische Sprache behe rschten und die Araber besser kannten als die europäischen Einwanderer, sich hierzu durchaus geeignet fühlten. Diese verschiedenen inneren Erlebnisse: die Erkenntnis des tiefen Niveaus der großen sephardisehen Bevölkerungskreise, die Verstimmung über Zurücksetzung, dazu auch das Besinne!« auf die große sephardische Kultur vergangener Zeiten führten dazu, daß kurz nach dem Kriege eine sephardische Jugend- Bewegung entstand, die sich in der ״Histadruth Chaluze-ha-Misrach“ organisierte. Die Weckung und Erziehung der sephardisehen Jugend hatten diese energischen jungen Leute zu ihrem Programm gemacht. Ein jüdischer Maler im Tessin (Zur 2. Porza-AusstcUung im Atelier Reichsstraße 99.) Die Einladung der Porzagruppe, einer sehr beachtenswerten neuen internationalen Kunstgemeinschaft auf sozialer Grundläge — ihre Gründer sind: der deutsche Maler A. v. Alvensleben, der junge sehr befähigte italienische Bildhauer Bernaszoni und der jüdische Maler und Bildhauer Arthur Bryks — ist Anlaß die kulturell interessierte jüdische Oeffentlichkeät auf den zuletzt genannten hochbegabten Künstler hinzuwefsen, dessen Werk man im Atelier in Porza Gelegenheit hat so kennen zn lernen, daß die Physiognomie dieser Künstler- Persönlichkeit sichtbar wird. Die erste Ausstellung der Vereinigung, leider an ungewohnter Stelle im Hause des Grand- Hotels am Knie und zur denkbar ungünstigsten Zeit, in den Weihnachtsferien, brachte von Arthur Bryks 4 Gemälde und eine sehr schöne Zeichnung; eine tessiner Landschaft im strengen Stil und war aus diesem Grunde geeigneter als diese Ausstellung, die von Bryks nur 6 Zeichnungen bringt, wenn sie auch dem Kenner des Gesamtwerks den vollen Klang des Wesens vermittein. Daß gerade Arthur Bryks fast als einziger nur Graphik schicken würde, war Allen unerwartet. Die jetzige Ausstellung zeigt nur so wenig von den Gründern, weil der Zweck dieser Ausstellung nicht mehr der ist, zu zeigen, welche Künstler hinter der Gruppe Porza stehen. Sie ist vielmehr die erste Ausstellung, der erfolgreichen jungen überraschend schnell gewachsenen Gemeinsebaft, die schon jetzt nach kaum einem halben Jahr über dreißig der bedeutendsten Maler und auch einige schon bekannte Schriftsteller zu Mitgliedern zählt: u. a. Käthe Kollwitz, Midi Sieger, Arthur Sega!, Stuckenberg, Moritz Melzer, Jawlensky, Lulu Albert Lazard und Issay Kulviansky. Dieser st übrigens mit zweien seiner stärksten Gemälde vertreten, aber die hier vor zwei Jahren berichtet wurde: ״der jüdische Tischler“ und die Komposition ״das Heim des jüdischen Tischlers''. Im Tessin, wo genug alte Schlösser und Herrensitze leer •teilen, wo Grund und Boden noch billig ist, sollen die ersten ״Porzahäuser“ gebaut werden. Die erste Stiftung ist bereits eingezahlt Maler, Schriftsteller, Musiker aller Nationen sollen hier für wenig Geld und im Notfall unentgeltlich Wochen oder Monate ungestörter Arbeitsruhe haben dürfen oder ihre Erholvngszeit hier verbringen. Die nächsten Veranstaltungen werden ausländischen Malern und Schriftstellern — jedesmal in geschlossenen Veranstaltungen, also nur Franzosen, Italienern usw. Gelegenheit geben, ihre Werke der deutschen Oeffentlichkeit zu zeigen. Bryks selbst zeigt eine Gesamtaus- Stellung in Palästina und palästinensische Künst- 1 e r können im Rahmen dieser Porzavcranstaltungen geschlossen Palästinakunst bringen, wofür sich auch Herr v. Alvensleben einsetzt. Die oft bezweifelte Existenz einer jüdischen Kunst wird durch die selbstverständliche Tatsache der jüdischen Kunst gegenstandslos als ״Frage“. Der Vater des Gedankens ist der Maler v. Alvensleben, den Grund aber gab die kleine Künstlerkoionie Porza, mit dem rotleuchtenden Malerheim von Arthur Bryks, das man fast auf halber Höhe des Tessereteberges sieht. ArthurBryks also, der schon seit einigen Jahren glücklieber Besitzer dieser Seeaussicht ist, nebst Traubenpergola und klassischen Bauten in Blickweite, konnte nicht unbeeinfluBt bleiben bei dem täglichen Anblick der edel geschwungenen ruhigen Landschaftslinie, bei dem wundervollen Land- Schaftsaufbau aus Flächen, niedrigen Mauern, die diese Flächen gliedern und Bergzügen, die die Höhe staffeln. Die Landschaft selbst drängt nach Form und Gliederung. An der ungeheuren formbildenden Kraft des Südens ist der Anteil der Landschaft nicht der geringste. Arthur Bryks, der jüdische Maler aus Polen, der in Flächen modelliert, weil er von der Plastik herkomrat, empfand die klare Gliederung schon deshalb als etwas ihm Gemäßes. Und der Süden füllte die Kom- Positionen nach Erinnerungsbildern aus Polen, all dies« Bilder von weichen, leise melancholischen Mädchen mit leuchtender Farbe. Er malt südliche Klassik mit jüdischer Note. Und in jüdischer Kunst einen neuen Typ. Der schon genannte Zug zur Klassik bzw. einer anderen Form des endgültigen Ausdrucks ist an sich nichts Außergewöhnliches. Wir kennen ihn von Jankel Adler u. a. Andere Künstler dieses Typs wie Artiutf Sega!, der gleichfalls Plastiker ist, bestätigen ihn durch rhyth* mislerte Flächen mit stark leuchtenden stoffbildenden Farben. Bryks aber malt jüdische Menschen mit polnisch jüdischer Ghetto- Weichheit, wie wir sie von Lazar Segal kennen, mit südlicher Pracht und Kultur der Farben ins Allgemeingültige entrückt Er malt nicht mehr die jiddische, schillernde Vielfältigkeit wie Berdzinsky, er geht auch weit hinaus über die kristallscharfe Ordnung in Kirschenbaums farbigen Bildern des jüdischen Dorfes. Wie Kirschenbaum ging er durch Expressionismus bis zur äußersten Abstraktion, um dann aus einfachsten Elementen Landschaft und Erinnerungsbilder an Menschen und östliches Leben gleichsam mit kritisierendem Stift im Unterbewußtsein vereinfachend, neu aufzubauen. Die Farbe ist mystisch. Be* stätigt wird die Mystik in der Graphik. Er hat fast alle Wunderrabbis gezeichnet, er ging zu diesem Zweck 1925 und 1926 nach Polen. Die Wunderrabbis erscheinen demnächst gesammelt in einer Lithographien-Mappe. Unvergeßlich ist der Kopf des Radoschitzers; ihn stellte er auch im Gemälde dar. Trotz der Schönheit seiner Malerei erhält man doch den größten Eindruck durch seine Plastik. Bryks begann als Plastiker (d. 11. nach seinen Musikstudien, er war schon als Kantor nach Zürich verpflichtet), zu zeichnen und zu modellieren. Als eine stärkste Leistung empfand ich den mächtigen Prophetenkopf mit loderndem Bart und drohendem Feuer im Blick, den Mund schmerzvoll bewegt von gewaltigem Leiden. Aehnlich stark in der Wirkung, wenn auch aus ganz anderem Stoffkreis, ist das Porträt der indischen Tänzerin, geformt aus braunem Gips und Zement; das ganze glasiert Dies Material mit der Fingerspitzen-Ausführung, die völlig dem Gefühl folgt, schuf hier nahezu die Illusion des Lebens. B r y k s, der eine Ge- Samtausstellung seiner Werke für Palästina ursprünglich schon für diesen Sommer geplant hat, will die gleiche Ausstellung — vermehrt um die Gemälde der holländischen Ausstellungen — vorher in Berlin zeigen. Ruth Morold.