Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 29-30 (17.4.1928)
- Date
- 1928-04-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 21a JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20/30, 17. IV. 1828 Heil unfrei, und das konnte schließlich m Unannehmlichkeiten führen. Unsere Jugend kennt ihn nicht erst seit gestern und wird ihn nicht mehr lange den Sanften spielen lassen.“ ״Ich verstehe,“ sagt Machbom io sich versunken, den Bart streichend, ״wie aber kann ich das tun?“ ״Du kannst es. Simson sagt: hen־Sr!1m1i ist der weiseste unter den Männern; meine Mutter gehorcht ihm wie das lamm dem Hirten, mein Vater aber tut das gleiche wie meine Mutter.“ ״Hm .. ..“.sagte Machbonai. ״Vielleicht wäre cs besser so . Lrivas später cibückte Elinoar in einem dunklen Winkel des Garten« die schnftoibaltc Gestalt eines Jünglings, der mit gesenkten! Haupte unter einem Baum sali. Sie selrte sich neben ihn und legte ihre Hand auf die seine. ״ Weshalb bist du so traurig, laln'r?“ Fr antwortete nicht; aber sie wußte schon, worüber er schwieg. Kami, seine Schwester, weinte diese Nacht, ihr Schluchzen in der Decke erstickend; Simson, der für ihn der Sinn und die Freude des Lebens gewesen, hatte ihn von sich gestoßen und einen anderen Liebling gefunden: niemand rauchte mehr Jahir, er war ein Verstoßener wie seine arme Schwester — ganz mutterseelenallein war er in der .Menge, ein ' Fremdling für die ganze Welt... ״Auch ich bin eine Fremde,“ flüsterte ihm das Mädchen zu, *ein Ohr fast mit ihren glühenden läppen streifend, ,.ich hasse die Philister; meine Mutter ist eine Eingeborene. Warum ist er zu diesem hoffärtigen Volk gekommen? Sie verhöhnen ihn flüsternd, über seine Kameraden aber spotte» sie laut.. ״Sie werden es nicht wagen“, sagte er jähzornig. ״Hast du cs denn nicht gehört* Essen, sitzen, sprechen alles tut ihr nicht so, wie es sich gehört... OI1, kn habe die Speisen gereicht, ich habe alles gehört. Da sagte einer: ,Seine Krieger sollen das sein? Wie unsere Wasserfiihrer sehen sie aus. Ein anderer sagte: ״Ein Riemen an meinem Schuh hat sich gelöst — sollte man nicht einen der Heerführer des mächtigen Dan holen, damit er ihn mir wieder festbinde?‘ Ein dritter... oh, ich kenne siel So haben sie meine Mutter ihr ganzes Leben lang verhöhnt, so werden sie mich mein ganzes Leben lang־ verspotten —- und jetzt haben sie auch Sinison im Käfig und werden ihn bald 711 necken anfangen: durch das Gitter hindurch.“ ״Ich werde es morgen Sinison sagen“, antwortete Jahir, am ganzen Körper zitternd. ״Ihm ist es nicht um dich zu tun.,. Wie du zitterst!“ nnd sie umschlang ihn; er wandte ihr das Gesicht zu, ihre Lippen begegneten steh — aber in dem gleichen Augenblick sprang Elmoir auf und lief davon indem sie ihn zuraunte: ״Man wird uns sehen .. Eia keckes, lautes Hochzeitslied singend, kreisten die Tanzenden auf einer Wiese in stampfendem, trunkenen Reigen. Auch Achte befand sich unter ihnen — Elinoar hatte ihn ihrem Hintermann abspenstig gemacht, hatte seine Hand fest ergriffen und tanzte hinter ihm her. Beim Kehrreim löste sich der Kreis: paarweise wandten die Tanzenden sich das Gesicht zu, faßten sich an den Händen, neigten sich weit zurück und drehten sich im Wirbel. Kreisend zog Elinoar Achtur unauffällig in den Schatten der Bäume. Er sang die anstößigen Worte des Kehrreims laut heraus —- doch da brach sie plötzlich in ein lautes Lachen aus, das er unvermittelt innehielt. ״Wie vergnügt du auf der Hochzeit deiner Geliebten bist, AchturI“ sagte sie immer noch lachend. Er war zwar noch nicht so betrunken, daß er nicht reden konnte, immerhin aber doch betrunken. Lächelnd antwortete er: ״Erstens ist Tajisch mein Freund,“ ״Und zweitens?“ ״... Ist eine Hochzeit keine Beerdigung : Semadar lebt noch — und ich bin noch nicht gestorben.“ ״Wenn Tajisch dich jetzt horte, so zerdrückte er dir den Kopf zwischen zwei Fingern wie eine hoble Nuß.“ ״Warum fürchtet ihr euch denn alle vor ihm?“ ״Fürchten? Wo willst du das bemerkt haben?“ ״Heute abend. Er hatte euch allen ins Gesicht ״:s•■׳;׳ n, ihr aber klatschtet in die Hände.“ ״Wieso denn? Wann denn?“ ״Sein Rätsel!“ ״Das Rätsel? Was ist denn an dem Rätsel?“ EBooar wandte sich um, als wollte sie gehen, und warf ihm verächtlich die Worte hin: ״Wenn du nicht feige bist, Achtur, so bist du dumm. Seit dem Tage, da unsere ersten Großväter hierherkamen, hat noch niemand der philistiischcn Jugend derartigen Spott ins Gesicht geschleudert.“ ״Halt“, sagte er gebieterisch. ״Ich muß wissen, um was cs sich handelt.“' ״Frag’ Semadar falls er dir noch nicht verboten hat, mit ihr zu sprechen: frage sic — sie wird es dir erklären.“ Achtur wollte sie zurückhalten, aber sie war bereits in der Tür von Bergams Haus verschwunden. Ihre Nachtarbeit war beendet; ee blieb nur noch der Morgen. Am frühen Morgen huschte die Neuvermählte, dem Brauch entsprechend, allein m die Hauskapelle. Dort waren auf einem kleinen Altar bereits drei Schalen bereitgestellt: mit Wein, Ghrysainöl und Ziegenmilch. Vor dem Altar, umgeben von den elfenbeiugeschnltzten Penaten, ragte ein weißes marmornes Säulchcn von der gleichen Form empor wie in dem Betgemach der Frau Manoas, jedoch nackt und schmucklos. Semadar stellte die drei Schalen davor hin, tauchte die Finger hinein und henetzte den Scheitel des Symbols. Dann kniete sie nieder, ver* hüllte das vorgeneigte Gesicht mit einem Tuch und flüsterte ein Gebet, daß die Hebamme sie eine ganze Woche lang vor der Hochzeit gelehrt hatte. Das Gebet war in dem ihr miverständliehen Dialekt ihrer inselahnen abgefaßt. Aber der Inhalt war ihr bekannt, sie schämte sich darum ein wenig, cs graute ihr -־־ »nd sie kam sich auch etwas lächerlich vor. Als sie fertig war, sprang sie auf, schüttelte sie sich und erbückte Elinoar auf der Schwelle. Die Schwestern hatten nie freundschaftlich zueinander gestanden, am allerwenigsten in der letzten Zeit; an diesem Tage aber war Semadar sehr glücklich. Sic reichte dem Mädchen die Hand, zog es an sich uml küßte es. Elinoar flüsterte: ״Weißt du, Sinison und ich haben uns versöhnt und sind jetzt Freunde.“ ״Oh,“ antwortete Semadar, ,Jrh freue mich.“ Und sie setzten sich auf die Schwelle des kleinen Götzentempels und begannen flüsternd sich zu unterhalten. Elinoar kreischte hin und wieder leise auf und wandte sich ab - wobei -sie die Uppen fest aufeinander biß —, indes die Neuvermählte errötete und das Gesicht in den Händen verbarg. Beide aber lachten ununterbrochen. ״Warum haben sie nur solchen Lärm im Garten gemacht?“ fragte Semadar. ״Ich hörte fortwährend die Stimme Achtes; wie mit Absicht sang er diese entsetzlichen Dinge gerade vor meinem Fenster., ״Armer Achtur“, sagte Elinoar, plötzlich ernst weidend. ״Er hat sicher seinen Kummer fiherschreien wollen. Es tat mir weh, ihn apzusehen.“ Semadar aber war allzu sehr von ihrem Glück erfüllt, um Mitleid empfinden zu können. ״Er soll nur ein wenig traurig sein“, sagte sie mit vorgeschobenen Lippen. ״Das Ist nützlich für ihn, er ist sonst gar zu stolz auf seine Schönheit. Simson ist besser als er.“ Elinoar schüttelte den Kopf, ״Sei lieb zu ihm, Schwester", sagte sie eindringlich. ״Er fst Simsons Freund — sein einziger wirklicher Freund in Timnata. Man darf nicht Streit unter sie bringen. Wenn du dein Verhalten zu Achtur scharf veränderst, so wird er meinen, es sei dir so befohlen worden, und wird auf Simson beleidigt sein.“ ״Simson fürchtet sicli nicht vor Nebenbuhlern,“ erwiderte Semadar sorglos, ״Achtur weiß das. Gut, damit er sich nicht einbilde, gefährlich zu sein, werde ich jetzt absichtlich mit ihm wie früher tanzen und sprechen — und sei es auch unter vier Augen, es ist mir einerlei." ,.Verrat ihm nur nicht d as Rätsel!“ drohte ihr die Schwester mit aera'Finger. ״Welches Rätsel?“ ,,Hast du denn nicht gehört, wie sic am Schluß des Mittagsniahles wetteten?“ ״Ich habe cs nicht beachtet. Um welchen Finsafz wetteten sie?“ ״Oh, um eine Kleinigkeit -- um einen Mailte! oder eine Mütze. Hat denn Simson es dir nachher nicht erzählt?“ ״Wir haben fast nicht miteinander gesprochen“, antwortete Semadar einfältig. Elinoar wandte sich ab und preßte die Uppen zusammen•, doch gewann sie sofort die Beherrschung wieder. ״Das Rätsel - - betraf dich“, sagte sie. ״Doch sag’ Simson nicht, daß ich es dir erzählt habe — sonst ist es aus mit unserer Versöhnung.“ In ihrer Darstellung verhielt sich die Sache folgendermaßen: 10 4er vergangenen Nacht habe sie nicht schlafen können; gegen Sonnenaufgältg habe sie das Hatis verlassen, sei Tajisch bcgeghet und sei mit ihm gegangen. Unterwegs hätten sie sich dann versöhnt. Und da habe er ihr gesagt, daß diese Hochzeit ein Symbol sei des ewigen Friedens zwischen den Phiüsfern und Dan. Semadar sei die süßeste Frucht von Kanaan. Bis jetzt hätten sein Stamm und alle ihm verwandten Geschlechter die Philister für grausame Feinde, für ״Fresser“ gehalten, das sei aber jetzt für immer vorbei: die Feindschaft sei vergessen, übriggeblieben nur das Süße. Semadar fühlte sich sehr geschmeichelt. Nie hatte sie gedacht, daß Simson so liebe Dinge sagen könne. Sie küßte die Schwester nochmals, und beide gingen schlafen - beide zufrieden. In den Räumen des ״Kunsfgeschichtüclien Seminars“ der Universität Marburg a. L findet vom 25. Mai bis 31. August eine Ausstellung religiöser Kunst aus Hessen und Nassau statt. Eine Abteilung für die Jüdische Religion ist vorgesehen, die unter der Leitung des Kustos am Museum jüdischer Altertümer, Herrn Erich Toeplitz, steht. Es soll versucht werden, das Judentum, seine Religion und seine rcligiösen Einrichtungen würdig zu repräsentieren. Eine Aus- Stellung in einem Universitltsinstitut Ist ein Novum und dürfte in mancherlei Beziehung von besonderer Bedeutung für weiteste Kreise sein. Alle jüdischen Gemeinden und Einzel- Personen werden zu tätiger Mitarbeit aufgefordert. Zar religiösen Lage ln einem Büchlein, das In der verdienstvollen ״Sam 1u9m1| gemeinverständlicher Vorträge“ des Verlages J. C. B. Mohr, Tübingen, erschienen ist, erörtert Paul T i I li c h den Begriff de« ״p ä m o n i s c 11 c 11“. Er nennt seine Arbeit einen ״Beitrag zur Sinndeutung der Geschichte“; denn es wird hier die Dialektik der Geschichte an jenem Prinzip aufgezeigt, das ein gestaltendes und gestaltzerstörendes Element in sich vereinigt, ״formschaffende Formwidrigkeit“ ist. Das Dämonische wirkt in den orgiastischcn Naturkultcn bis zudem Symbol von Dostojewskis Großinqnisitor, in der sich verabsolutierenden, in ihrem Machtwille« zerstörerischen Religion. Die logische Rehabilitierung des ״Dämonischen“ ist hier auch eine Hilfe zur logischen Erfassung der Kategorie der Religiösen, die durch die Aufklärung und ihren Kampf gegen den Mythus verschleiert worden ist. Tillichs Buch ist daher sehr aufschlußreich, in seiner klaren und prägnanten Diktion ein wirkliches Hilfsmittel zum tieferen Verständnis der in der Geschichte wirkenden Geistesmächte. Und er gibt zum Schluß auch praktische Hinweise, die unmittelbar in unsere Zeit führen, in der irrt Bereich des Vorstellens der Intellektualismus und Aesthetismus, im Bereich des Handelns Kapitalismus and Nationalismus als die charakteristischen Dämonien gekennzeichnet werden — die die entscheidenden Merkmale des Dlmonischen tragen: Verbindung der fragend-schöpferischen mit den zerstörenden Kräften. Von diesem Aspekt aus fuhrt eine Brücke zu Tillichs Büchlein ״Die religiöse Lage der Gegenwart“ (In Ullsteins gut redigierter und billiger Bücherreihe ״Wege zum Wissen“). Denn diese Dämonien sind die Merkmale der ״bürgerlichen Gesellschaft“, die das Ende jeder lebendigen Religion bedeutet in der bürgerlichen Epoche verschiebt sich da« ״Verhältnis von Zeit und Ewigkeit“, diese Grundform religiöser Problematik, aus der religiösen in die kulturelle Sphäre. Hier also muß eingesetzt werden, um die religiöse Lage der Gegenwart zu analysieren, und Tiuicb tut dies auf fast allen Gebieten des modernen geistigen Lebens mit sehr feinfühliger Hand. Sein Büchlein wird so ein UeberbUck über alle Erscheinungen der Ge• Seilschaft, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft usw., von einem einheitlldien Weltanschauungspunkt gesehen. Das Judentum betrachtet er nur in seinem assimilierten westlichen Teil, dem er mit Recht Verstrickung in die bürgerliche Gesellschaft nachsagt, doch hebt er auch das sich in sozialistischen Juden msnltestierende antibürgerüche Ethos hervor. Im Zionismus, den er nur kurz referierend behandelt, mit einer etwas unzulänglichen Charakteristik Bubers, erkennt er jedoch richtig die Abwendung von diesem bürgerlichen Geist, die er auch sonst als Merkmal der religiösen Lage der Gegenwart zu bemerken glaubt. W, Zeitscbriftenschau• In Nr. 15 der ,J.R.“ haben wir tat die in der Zeitschrift ״Europäische Revue'.' erschienenen Verträge der Tagung des ״Internationalen Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit“ über ״Die Geschichte im Bewußtsein der Völker‘ hingewiescn. Eines dar auf dieser Tagung gehaltenen Referate ״Die Geschichte als Verwirklichung der Idee“ von Prof. Hans E ibl (Wien) ist insofern besonders interessant, als er den katholischen Aspekt de« Problems zeigt. Dieser Vortrag, der in Nr. 13—1ך der Wiener Zeitschrift ״Das Neue Reich" erschien, ist eine geistvolle Darlegung der völkerverbindenden Idee, die dem römischen Reich dos Mittelalters und in gewissem Sinne auch der alten Asterrcichischen Monarchie zugrunde lag. Die christliche Weltanschauung der europäischen Mitto stellt er der ״atomistischen“, die absolute Souveränität dos Staates begründenden westeuropäischen Geistigkeit gegenüber.. Mögen auch die aktuell-politischen Ausführungen des Redners den meisten anfechtbar craeoemen, es Ist doch lohnend, «ich dfan meist unbeachtete A«tebaHMf*weij(e kennen zu Urnen. — Im n. Heft VeisnacM) ist noch das Referat des Polen Oskar Balecki ״Geschichte als Lebensgrundlage" veröffentlicht, auch dieses sowie manche der früheren, vor allem eine Auseinandersetzung zwischen Traditionall*״ mus und Spontaneität, die mit der Parole ״kritisöhe Auslese** aufgelöst wird. Dasselbe Heft enthält auch ״Die Entgöttlichung der Welt“ von Leopold Ziegler, der das Rommen einer neuen Religion vorausahnt, und ״Der neue Typus der russischen Jugend‘‘ von Nikolaus Berdjadwo, der den Kommunismus als das ,,Barbarentum der Zivilisation“ bezeichnet. — Mit dem Märzheft schließt der dritte Jahrgang dieser vorzüglichen Zeitschrift, die eine allseitlgB Information über die wichtigsten Probleme der europäischen Nationen ermöglicht. Eine Biographie von Karl Marx von Otto Rühle, zugleich eine Darstellung und Würdigung seines Werkes, erseneint In den nächsten Tagen im Avalun-Verlag, Hellerau. Emil Ludwig’» ״Der Menschensohn, Geschichte eines Propheten“, erscheint Endo des Monats im Emst Rowohlt-Verlag. Berlin. Am gleichen Tage wird dieses neuartige Laben Jesu & London, New York, Paris, Stockholm, Kopenhagen, Helsingfors, Prag. Warschau und Budapest in den Sprachen dieser Linder ausgegeben. Die Firma sollte Bloomfield und Compagnie heißen und die Gegend und Rußland mit Juxgegenständen versorgen. Die Drillinge wollten Feuerwerk, Papierschlangen, Serpentinen, Knallerbsen und Frösche fabrizieren. ich hörte dann, daß Bloomfield die Idee mit der» Ju.vgegcnständen sehr gefallen hatte und sah nach zwei Tagen, wie langsam ein holzernes Gerüst um die Maihlunisehc Fabrik wuchs und wuchs, bis das ganze lialbzerfallene Gemäuer von Holz eindeckt war, wie ein Monument im Winter. Naclurann, Zobel und Wolff hielten sich hier lange auf. Man sab sie unzertrennlich durch die Straßen und Plätze der Stadt schleichen. Alle drei kamen in die Bar und holten sich ein Mädchen an den Tisch. Sic führten ein inniges Familienleben. Man begegnet mir mit mehr Ehrfurcht, als je vorher, im Hotel Savoy. Ignatz schlägt seine biergelben Kontrollaugen nieder, wenn er mit mir zusammentrifft, im Lift oder in der Bar. Der Portier grüßt mich tief. Die Drillinge ziehen gleichmäßig vor mir die Hüte. Gabriel, sage ich mir: Du kommst mit einem Hemd im Hotel Savoy an und fährst weg als ein Gebieter über zwanzig Koffer. Verborgene Türen öffnen sich auf meinen Wunsch, Menschen geben sieh mir preis. Wundersame Dinge tun sich kund. Und ich stehe da, bereit, alles aufzunehinen, was mir zuströmt. Die Menschen bieten sich mir an, unverhüllt liegen ihre Leben vor mir. Ich kann ihnen nicht helfen, noch schaden, — sie aber, froh, ein Ohr gefunden zu haben, das sie anhören muß, schütten Leid und Geheimnis vor mir aus. Es gebt ihnen schlecht, den Menschen, riesenhaft steht ihr Weh vor ihnen, eine große Mauer. Eiogesponnen sitzen sie in staubgrauen Sorgen und zappeln, wie gefangene Fliegen. Dem fehlt es an Brot und jener ißt es mit Bitterkeit. Der will satt sein und jener frei. Hier regt einer seine Arme und glaubt, es wären Flugel, und er würde sich im nächsten Augenblick, Monat, Jahr über die Niederung seiner Welt erheben. Es ging ihnen schlecht, den Menschen. Das Schicksal bereiteten sie sich selbst und glaubten, es käme von Gott. Sie waren gefangen in Ueberliefcrungen, ihr Herz hing an tausend Fäden und ihre Hände spannen sich selbst die Fäden. Auf allen Wegen ihres Lebens standen die Verbotstafeln ihres Gottes, ihrer Polizei, ihrer Könige, ihres Standes. Hier durften sie nicht weitergehn und dort nicht bleiben. Und nachdem sie so ein paar Jahrzehnte gezappelf, geirrt hatten und ratlos gewesen, starben sic im Bett und hinterließen ihr Elena ihren Nachkommen. t Ich saß 1m Vorhof des lieben Gottes Henry Bloomfield und registrierte Gebete und Wünsehe seiner kleinen Menschen. Die Leute kamen zuerst zu Bondy und ich empfing nur jene, die einen Zettel von ihm vorzeigten. Zwei oder drei Wochen wollte Bloomfield bleiben — und nach drei Tagen sah ich, daß er mindestens zehn Jahre hier bleiben müßte. Ich lerne den kleinen Isidor Schabei kennen, der einmal rüniäniseher Notar gewesen und wegen einer Unterschlagung aufgehört hat, Notar zu sein. Er wohnt schon das sechste Jahr im Hotel Savoy, im Krieg hat er hier gewohnt, zusammen mit den Offizieren der Etappe. Er ist sechzig Jahre alt, er hat Frau und Kinder in Bukarest und sie schämen sich seiner — sie wissen gar nicht, wo er sich befindet. Nun, glaubt er, wäre es an der Zeit, an der Rehabilitierung zu arbeiten, fünfzehn Jahre sind seit jener uuglikklichen Geschichte vergangen, es wäre v, ,'11 au der Zeit, heimzukehren, nachzusehen, v.as Frau und Kinder treiben, ob sie leben, ob der Sohn Offizier geworden, trotz des väterlichen Unglücks, Es ist ein merkwürdiger Mensen, er will die Charge seines Sohnes wissen —- und hat so viele Sorgen. Er lebt von kleinen Winkelschreibereien. Ein Jude kommt manchmal zu ihm und läßt sich eia Gesuch an die Behörde aufsetzen, eine Befreiung von der Erbschaftssteuer zum Beispiel Seine Koffer sind längst von Ignatz gepfändet, er ißt geröstete Kartoffeln zu Mittag, aber er will wissen, ob sein Sohn Offizier ist. Vor, einem Jahr war er schon bei Bloomfield, ohne Erfolg. Er braucht eine hohe Summe, um zu seinem Recht zu kommen. Er blieb hartnäckig dabei, daß er Im Recht war. Er fraß sich in seine Bitterkeit hinein. Heute noch bat er schüchtern, morgen würde er fluchen und in einem Jahr hatte ihn der Wahnsinn ergriffen. Ich kenne Taddeus Montag, Zwonimirs Freund, den Schildermaler, der eigentlich ein Karikaturist ist. Er ist mein Nachbar, Zimmer 713. Nun bin ich schon ein paar Wochen hier und neben mir hungerte Taddeus Montag und niemals schrie er. Die Menschen sind stumm, stummer als die Fische, früher einmal riefen sie noch, wenn ihnen etwas wehe tat, aber ira Laufe der Zelt gewöhnten sie sich das Rufen ab. Taddeus Montag Ist ein Todeskandidat, dünn, blaß und groß steigt er sachte herum, seinen Schritt hörte man nicht einmal auf den nackten Steinfliesen des sechsten Stockwerks. Er geht auf zerrissenen Sohlen, allerdings, aber selbst die weichen Pantoffel Hirsch risch’s werden auf diesen Steinfliesen hörbar. Taddeus Montag aber hat schon die lautlosen Schattensohlen eines Seligen. Er kommt schwelgend, wie ein Stummer steht er an der Tür und 7erreißt das Herz mit seiner Stummheit. Er kann nichts dafür, Taddeus Montag, daß er kein Geld verdient Er zeichnete die Karikatur des Planeten Mars, oder den Mond oder längstverstorbene Griecheahelden. Agamemnon war auf seinen Bildern zu finden, wie er Klytämnestra betrügt — fm Felde, mit einem rundlichen trojanischen Mädchen. Auf einet» Hügel stand Klytlmnestra und sah durch ela riesiges Opernglas die Schande ihres Mannes. Ich entsinne mich, daß Taddeus Montag die ganze Geschichte von den Pharaonen bis zur Gegenwart grotesk verdrehte. Montag reichte seine verrückten Blätter so selbstverständlich herüber, als zeigte er Hosenknöpfe zur Auswähl. Einmal zeichnete Taddeus Montag ein Schild für einen Tischlermeister. Er zeichnete einen überdimensionalen Hebel in die Mitte, daneben auf einem großen Holzgerüst einen Mann mit einem Zwicker auf der Nase, der einen kleinen Bleistift an dem riesigen Hebel spitzte. Und dieses Schild lieferte er sogar ab. -~ Es kamen wunderbare Lügner, der Mann mit dem Glasauge, der ein Kino gründen wollte. Nun war die Ausfuhr deutscher Filme sehr schwierig, das wußte Bloomfiel — und Heß sich auf die Sache gar nicht ein. In dieser Stadt fehlt nichts so sehr, wie ein Kinotheater. Es ist eine graue Staat mit viel Regen und trüben Tagen, die Arbeiter streiken. Mau hat Zeit .Die Halbe Stadt würde tagsüber und eine halbe Nacht Im Kino sitze«, Der Mann mit dem Glasauge heißt Erich Köhler und ist ein kleiner Regisseur aus Müh« eben. Er stammt aus Wien, so erzählt er, aber mich kann er nicht täuschen, mich, der ich die Lcopoldstadt kenne. Erich Köhler stammt, es ist kein Zweifel, aus Czernowitz und das Auge hat er nicht ira Krieg verloren. Dts hätte fchon ein viel größerer Weltkrieg seJ» müsse». (Fortsetzung folgt.)