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Jüdische Rundschau · 1928-04-04 · Heft 27-28 (4.4.1928) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 27-28 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 204 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27/28, 4. TV. 1928 «Schade“ sagte sie nach einer Weile. ״Ich habe soviel davon gehört, was für ein Spaßmacher beim Zechen du bist Ich hatte gehofft, mich diese sieben Tage auch ein wenig vergnügen 711 können. Es ist bei uns so langweilig ... Werden denn deine Eitern bis zum Schluß der Hochzeitsfeierlichkeiten in Timnata bleiben?“ ״Sie werden solange bleiben, als sie wollen“, sagte er kurz. ״Wer ist dieser Händler bcn-Schuni,“ fragte sie nach einer neuen Pause, ״der mit euch aus Zora gekommen ist? Ich kenne ihn — Semadar und ich sind ihm einmal auf diesem selben Wege begegnet. Früher meinte ich, er sei der älteste Diener. Aber er steht bei deinen Eltern offenbar hoch in Ehren — insbesondere bei deiner Mutter.“ ״Doch nicht bei mir“, brummte Simson. Elinoar erwiderte nichts. Sie befanden sich schon in Blick• weite der ersten Häuser von Timnata. ״Leb wohl “ sagte sie stehenbleibend, ״ich werde durch die Weinberge nach Hause gehen, sonst wird die Ausfragerei kein Ende nehmen, wo ich gewesen sei.“ Und errötend fragte sie mit Flfistcrstimmc: ״Bist du mir nicht mehr böse, Tajisch?“ Simson lachte herzlich: ״Wir werden noch große Freunde werden, Elinoar“, sagte er, ihr den Kopf streichelnd. ״Wir werden es!“ antwortete sie mit besonders tiefer Stimme, die er nicht beachtete, denn es war ihm letzten Endes nicht um sie zu tun. Als sie in dem staubigen Laub verschwanden war, gesellte sich Nechuschtan ihm zur Seite. Sein Nacken war stark geschwollen, und er schien überhaupt nicht guter Laune zu sein. ״Es wird aus ihr noch ein nettes Mädchen werden“, sagte Simson vor sich hin. ״Eine Natter wird aus ihr werden“, murmelte der Knabe, aber Simson hörte es nicht Als Elinoar schon weit hinter den Weinbergen war, warf sie sich plötzlich mit dem Gesicht auf den Weg und begann bitter zu weinen, indem sie die Hände in den staubigen harten Lehm krallte. (Fortsetzung folgt.) Ausstellungsireife (Sezession — Lesser Ury) Die Sezession brachte zur Feier ihres neuen schönen Hauses — es ist die Schöpfung des Architekten Nachtlicht — und diesmal der Hauptanziehungspunkt der Ausstellung — möglichst alle ihre Mitglieder, darunter eine ganze Reihe Juden, in repräsentativer Leistung. Trotz des so erzielten Niveaus nebst dem herrlichen Einzelgänger — Degners festlicher Komposition aus Blumen und Früchten —, fehlte es an jugendlicher Lebendigkeit. Die Neuschul, Berdzinsky u. a., die etwas zeigen könnten, das vielleicht nicht immer vollendet ist, aber ein schönfes Wagnis, diese fehlten trotz der gegenteiligen Programm Vorrede. Einzig Feigl ist vertreten, aber seine Laubenkolonie ist nicht glücklieh gewählt, man kennt ihn bedeutend stärker, und das Stillleben von Hans W. Glaser arbeitet allzu sehr mit der überwundenen Rauhigkeit der expressionistischen Anfänge. Der Große der diesjährigen Sezession ist Kokoschka und, man muß es sagen, neben Magnus Zellers Ueberdampf ist er der einzig Geniale mit seinem romantischen, eleganten und ehevalresk gesehenen Place de L’Opera. Außer ihm ist noch bemerkenswert Krauskopf, der immer besser wird und für seine regenfeuchte Dorfstraße mit Recht den Tietzpreis erhielt. Und natürlich L e s s e r U r y, der in seinem ״Cafö Unter den Linden“ den neuen breiten Strich zeigt, dessen schönste Aus- Wirkungen in der großen Ausstellung ״Aus zwei Weltstädten“ gerade jetzt in vielen Kleinoden der Malerei in der Kunst- ndlung Wasservogel zu sehen sind. ־ Der Gast des großen unvergeßlichen Lovis Gorinti» — «ins seiner späten herrHchen Selbstbildnisse — weiht die Vorhalle, dieser lebenflammende Geist des großen Wagemuts, ist aber doch nirgends spürbar. Einige der alten Mitglieder haben dafür ihren Namen verbessert. Ernst Oppler,der lange nicht auffiel, zeigt mit zwei schönen winterlichen Stadtbildern eine feine und sichere Malerhand. In der ungesuchten Einfachheit zarter Farben, bei sicherem Raum- und Nervenge fühl in der Darstellung der lautfangenden weichen Schneestule sind dies sehr erfreuliche Leistungen. Walter Trier bringt in einem kleinen, gut gemalten Bild Spitzweglyrik, Rud. Levy fällt auf durch Knabenporträt und J a c o b 1 durch eine regendüstere ״Notre Dame“. Auch Jacob Steinhardts Fabrikhof erreicht mit seinen ruhigen Flächen gutes Niveau. Von Eugen Spiro erhielt ein kultiviertes Frauenbilditis im lichten Dämmer des morgendlichen Schlafzimmers gleichfalls sehr mit Recht den Werthehnpreis. Den Staatspreis erhielt diesmal Pechstein, der gar nicht günstig vertreten ist In Hugo Lede rer 5 gewaltigem Hubermannkopf steckt, wenn man auch nicht jedem Zug bestimmt, doch so viel Wahrheit und so viel vom Titanenkampf jedes großen Künstlers, daß das Corinth-Gleichgewicht diesmal von der Seite der Plastik her ausgeglichen ist Leo Nachtlicht modernisierte das alte Tiergartenhaus an der Ecke der Hildebrandstraße, indem er den Anbau durch eint Bandfassade mit Säulen als Türrahmen — Luft wird arehitektonisch benutzt als parallele Fläche — unter Verwendung des neugebildeten Rechtecks der glasgedeckten Treppe, in die neue Flächen fassade eingliedert. Aus altem Haus und An- und Vorbau ist jetzt zunünaestens in der Hildebrandstraße ein moderner Bau entstanden, bewußt betont aus: Tragbalken und Tragstützen. Auch innen ist das Programm der rechten Winkel streng und harmonisch durchgeführt. Die Säulen und die klare Gliederung aus Mauer, Metau und Glas, die den Eintretenden sofort wohltuend empfängt, schafft zugleich eine Atmosphäre ruhiger und ungesuchter Feierlichkeit * In der Lesser Ury-Ausstellung mit ihren 05 Ge* mälden und Pastellen — er zeigt sie wieder unter dem Namen ״Bilder aus zwei Weltstädten“ in der Kunsthandlung Wasservogel in der Leipziger Straße —, gibt es Gemälde und Pastelle, die schöner sind als altes, was man bisher von Lesser Ury sah. Die Weltstädte sind diesmal Paris und Berlin, 1026 waren es Berlin und London. Die Straßenbildcr, immer schon seine unerreichte Meisterschaft, sind einfacher geworden, freier gestaltet, selbständige Kunstform. Kurven und Straßen laufen in breiten Bändern, spiegelnd und glatt. Auch die Nachtbilder mit den leuchtenden und starken Farbflecken, wie sie 1026 zu sehen waren, kehren in dieser konzentrierten Form nicht wieder. Die Pariser Nachtbilder sind freier, unbegrenzter, breiter ausschwingend und das gleiche gilt von den andern Bildern im kleinen Format Es ist Raum für das Ausklingen der Töne und alle Feinheit der Palette. Von Lesser Urys Pariser Pastellen sind weitaus die meisten Köstlichkeiten aus intimster Kenntnis und höchster Vollendung seiner vier Jahrzehnte überdauernden Liebe zur Großstadt. Der freier hinsebwingende Strich der hellen Bilder ist aller• dings nicht Geschenk von Paris. Die Berliner Bilder aus dem vorigen Jahr und vom Anfang des Jahres und Londoner Gemälde und Pastelle, die fast zwei Jahre zurückliegen, zeigen ihn gleichfalls. Auch unter den Berliner Bildern — hier zumeist die Gemälde — gibt es einige, die zum Schönsten der Aus• Stellung gehören: die Wasserbilder ״an der Burgstraße“ und ״an der Stechbahn“ und ״Kanalbilder mit dem Dom“. Auf dem einen ist das Leuchten, von dem ich sprach. Auf einer Anschlagsäule am KuTfürstendamm ist es auch zu sehen. Ein vom Frühlingsregen gewaschenes Brandenburger Tor ist so frühlings* frisch, als wäre Lesser Ury 20 Jahre und nicht über 60. Dankenswerterweise sieht man auch diesmal sehr in$truktive alte Bilder. Das besonders schöne: ״Großvater und Enkelkind“ zeigt vor Munchkahlheit ■— nur ein überaus sorgfältig gemalter alter Schrank, Türfüllung und Mauer bilden den Hintergrund — den mit viel zeichnerisch detaillierte Feinheit in Genrestellung erfaßten alten Juden mit der viel moderner gemalten blonden Enkelin. Das früher oft versuchte Moses-Thema brachte dieses Jahr ein neues Gemälde: ״Moses siebt das felobte Land vor seinem Tode“. Der Moses von esser Ury steht an einem Felsen, der steil zur Ebene abfällt als Riesengestalt, nur der Himmel Ist um ihn und die Tiefe. Aber der Kopf und die Schultern sind schräg gesenkt. Er ist freier und größer im Airfriß als die früheren Gestaltung«- versuche. Aber er ist ein Mensch, ein alter Mann, der am Leben litt, ein resignierender Weiser. Moses aber — so denke ich — bleibt auch im Schmerz der Riese, der er ist. Der Dichterkünstler Lesser Ury hat neben der Vollkommenheit und Schönheit in der Beherrschung des Gebietes, auf dem er Meister Ist, eine große Sehnsucht, die ewige Aufgabe, die Moses heißt. Etwas über der mit jedem Nerv gekonnten Gestaltung des degenwartsmenschen, den er im Porträt mustergültig zeigt eine schöne, rassige, moderne Frau bringt die Sezession. Sein Moses aber zeigt auch diesmal nur das erreichbar Menschlich», das merkwürdigerweise umgewandelt ist iit die Auffassung unt 1890, nicht in aas Menschliche von 1928. Lothar Brieger würdigte am Tage der Eröffnung Lesser Ury als den Meister der Großstadtma’erei und die Pariser Pastelle als Schöpfungen aus rauschhafter Freude des Großstadtmalers, der die Leichtigkeit and Schönheit der Weltstadt Paris als kennerischer Gemesser auskostet Ruth Morold. Uriel Birnbaum: Moses. Verlag Georg Müller, München 1928. ״Die großen Menschen sind es, die der Menschheit ihren Wert geben.“ Von diesem Leitsatz ausgehend und in scharfem Widerspruche zu der heut allenthalben üblichen soziologischen Auffassung der Volksmasse als Trägerin der Entwicklung in der Weltgeschichte versucht Uriel Birnbaum, das Leben des größten Juden aus biblischen und anderen Quellen wiederzugeben. Das begeistert und lebendig geschriebene und vom Verlage Oeorg Müller sehr originell und religionsornamental ausgestattete Büchlein hat das Verdienst, zu erneuter Beschaffte gurig mit der großen Quelle anzuregen; und dies Verdienst wird durch einzelne anfechtbare Behauptungen des Verfassers nicht wesentlich geschmälert Bath Hille!. Bflcherschan Eine Werfel-Gesamtausgabe. Der Verlag Paul Zsolnay (Wien) hat soeben mit aer Herausgabe der ״Gesammelten Werke“ von Franz Werfel begonnen. Als erster liegt ein Band ״Gedichte“ vor, wohl das Kostbarste, was Werfel zu geben hat. Werfels Begabung ist eine ausgesprochen lyrische; mit Recht hat ihn Buber schon vor zehn Jahren als den Dichter er gibt echtem Kreaturgefühl singende Stimme, aber er erschrickt auch zutiefst vor der Fratze der Sünde, des Abfalls. Von biblischen Gestalten interessiert Moses den Dichter am meisten, ihm hat er mehrere Gedichte gewidmet. Und den Zasammenhang der Generationen besingt er wieder in einem der neuesten Gedichte, dein ״Lied der Ahnen" — er stammt aus alter Prager JudenfamiUe, dieser Dichter, und seine Ahnen begleiten ihn, so sehr er sich auch in die Weite einer ungewöhnliehen Intelligenz und eines umspannenden religiösen Gefühls befreit Die Gesamtausgabe gibt eine Art vorläufiger Bilanz, eine vom Dichter selbst besorgte Auswahl aus seinen fünf Gedichtbänden, ergänzt um eine Sammlung ,?Neue Gedichte“. Manche der aufgenommenen älteren Stücke sind umgearbeitet, in strengere Form gegossen. Das ganze Ist ein edles und reifes Geschenk eines noch auf dem ansteigenden Ast des Lebens stehenden Künstlers. — Bei dieser Gelegenheit soll auf eine andere sehr wichtige Arbeit Werfels hingewiesen werden, den Aufsatz ״DerSnobismusalsgeistigeWeltmach t“, der in dem auch sonst schönen und lesenswerten Jahrbuch des Paul Zsolnay-Verlages 1928 den wohl bemerkenswertesten Beitrag bildet Die Analyse, die Werfel vom ״Snob“ gibt, gipfelt in folgenden drei Gesetzen: ״Erstens: Jeder Snob verrät seine Eltern und seine Herkunft. Zweitens: Jeder Snob verleugnet sein wahres Vaterland. Drittens: Jeder Snob lebt Im Zustande eines dauernden Selbstmordes.“ Jeder Renegat ist zwangsläufig Snob. Thomas de Torquemada, Großinquisitor und Judenverbrenner, war Jude! ״Ebenso gibt es zu Hunderten Juden, wenn auch gerade keine Torquemadas, die einen seligen Schwächeanfall bekommen, wenn sie Weihrauch spüren, und einen uhseligen Schwächeanfall, wenn sie als das erkannt werden, was sie sind.“ — Dieser kostbare und aufschlußreiche Aufsatz, der sich auch sonst den besten Werken der Werfelschen Essayistik würdig anreiht, sollte von vielen Juden gelesen werden, die zu lesen verstehen. Es ist begreiflich, daß gerade dieser Aufsatz ins Hebräische übersetzt wurde. D. Tom Seidmann-Freud hal wieder eine neues reizendes Kinderbilderbuch herauseegebeo, das alle, die ihre früheren deutschen und hebräischen Bilderbücher lieben, mit Freuden begrüßen werden. E* heißt ״Buch der Hasongesehichten“ (Peregrin-Verla g. Berlin). Die Texte sind den verschiedensten Märchensammlungeii entnommene Hasen-Motive, frei bearbeitet, die Bilder neigen wieder die Stilisierung ins Primitive, besonders eindrucksvoll für Kinder. Das Buch Ist ein empfehlenswertes Geschenk für kleine und größere Kinder, woliltuend abstechend von den zahlreichen gesehmackverderbenden Erzeugnissen dieses Genre». Die Religion In Geschichte und Gegenwart, das Hand- Wörterbuch für Theologie und Rcligionswissenschaft (Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen), dessen ersten Band wir bereits angereigt haben, eröffnet nun den zweiten Band seiner rweitan, völlig neu bearbeiteten Auflage mit der ersten Lieferung (33/94), dio einen Teil des Buchstabens E. umfaßt. Er enthält wieder eine ganze Reihe von Artikeln spezifisch jüdischen Interesses, die hier nur rum Teil aufgezählt werden können. Ueber Edomiter schreibt Hempel (dagegen fehlt ״Edom" als symbolischer Begriff), von hiblischon Figoren worden u. a. EU, Elia (ausführlich von G n n k e 1, freilich leider ohne Berücksichtigung der religäonsgeschiehtlicii doch interessanten späierou jüdischen Legende), Elisa (gleichfalls von Gq» ke.l) behandelt; von wichtigen Institutionen: Ehe im AT.. Eia im AT. (beide von Köhler), dagegen sonst der jüdisch-religiösen Anschauungen über diese beiden Probleme nicht gedacht. Die wichtigen Schlagvvorlo El und.Elohim haben nur kurze Artikel!'von Eißfeldt), auch Engel wird nicht in seinom biblischen Umfang bearbeitet. Ein interessantes jüdisch-historisches Kapitel ergibt der Artikel Elophantino, den Fundort der Papyri über ein jüdisches Heer im Aegypten des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Im Artikel England wird dio christliche Religionsgeschichte dieses Landes dargestellt. G. Soeben erschien im Phaidon-Verlag in Wien ein sehr interessanfes Buch ״Die Juden im alten Wien“ von Ludwi g Ba to. An Hand der Quellen und eines reichen Materials werden Leben und Leiden der Juden in Wien und das Wirken prominenter Persönlichkeiten durch die Jahrhunderte verfolgt, es ist ein lebendiges Bild eines der interessantesten Kapitel mitteleuropäischer jüdischer Geschichte. Wir werden auf das Buch noch zurückkotnmen. Der Wiener Musikscliriftsteller Professor Max Graf arbeitet seit längerer Zeit an einem umfassenden inusikhisforischen Werke über die hebräische Musik. einer Firma. Alle hatten schwarze Schnurrhärtchcn und Weine Augen und große karierte Schirmkappen und Regenschirme 1'n Etuis. _ Es war ein Wunder, daß sie sich selbst nicht verwechselten. Der nächste Zug, der um vier Uhr nachmittags kam, brachte einen Herrn mit einem Glasauge und einen jungen kraushaarigen Mann mit geknickten Knien. Und am Abend um neun kamen noch zwei junge Herren mit spitzen französischen Stiefeln und dünnen Sohlen. Es waren Männer von neuestem Schnitt. Die Zimmer 17, 18, 19, 20 im Hochparterre waren besetzt. Henry Bloomfield lernte Ich beim Fünf-Uhr- Tee kennen. Das hatte Ich Zwonimir zu verdanken, der mit dem Militärarzt plauderte. Ich saß dabei und las in einer Zeitung. Bloomfield kommt mit seinem Sekretär in den Saal und der Militärarzt begrüßt ihn und lädt ihn an unseren Tisch. Als er Zwonimir vorstellen will, sagt Bloomfield: ״Wir kennen uns schon,“ und gibt uns beiden die Hand. Seine kleine Kinderhand hat einen kräftigen Druck. Sie ist knochig und kühl. Der Militärarzt erzählt mit lauter Stimme und interessiert sich für amerikanische Verhältnisse. Bloomfield spricht sehr wenig, sein Sekretär beantwortet alle Fragen. Sein Sekretär ist ein Jude aus Prag und heißt Bondy. Er spricht artig und beantwortet die dummsten Fragen des Militärarztes. Sie sprechen über das Alkoholverbot in Amerika. Was macht man in so einem Lande? ״Was macht man in Amerika, wenn man traurig ist — ohne Alkohol?“ fragt Zwonimir. ״Man spielt Grammophon,“ sagt Bondy. Das also ist Henry Bloomfield Ich habe ihn mir ganz anderes vorgestcllt Ich habe geglaubt, dal Bloomfield das Gesicht, den Anzug, die Manieren eines neuen Amerl* kaners hat. Ich habe geglaubt, daß Henry Bloomfield sich seines Namens und seiner Heimat schämt. Nein, er schämt sich nicht. Er erzählt von seinem Vater: Das Trinken schadet nur den Betrunkenen, hatte der alte Blumenfeld gesagt, und Henry Bloomfield, sein Sohn, zitiert die Aussprüche seines alten jüdischen Vaters. Er hat ein kleines Hundegesiciit und große, felbe Hornbrillen. Seine grauen Augen sind lein, aber nicht flink, wie kleine Augen sonst, sondern langsam und gründlich. Henry Bloomfield sieht sich alles genau an, seine Augen lernen die Welt auswendig. Sein Anzug ist nicht amerikanisch geschnitten und seine dünne Weine Gestalt ist altmodisch elegant Eine große weiße Halskrause glätte zu seinem Gesicht gepaßt. Henry Bloomfield trinkt seinen Mocca sehr schnell, eine halbe Schale läßt er stehn. Er nippt hur flink, wie ein durstiger Vogel. Er bricht ein kleines Törtchen entzwei und läßt ein halbes liegen. Er hat keine Geduld für die Nahrung, er vernachlässigt seinen Leib, er ist mit gewaltigen Dingen beschäftigt. Er denkt an große Gründungen, Henry Bloomfield, des alten Blumenfeld’s Sonn. Viele Menschen kamen vorbei und begrüßten Bloomfield, sein Sekretär Bondy sprang immer auf, er schnellte in die Höhe, als zöge ihn jemand an einem Gummiband, Bloomfield aber blieb immer sitzen. Es schien, daß der Sekretär auch die Aufgabe hatte, alle Höflichkeit für Bloomfield zu erfüllen. Einigen reichte Bloomfield sein kleines Handeben, den meisten nickte er nur zu. Dann steckte er seinen Daumen in die Westentasche und trommelte mit den übrigen vier Fingern auf der Weste. Manchmal gähnte er, ohne daß man es merkt. . Ich beobachte nur, wie seine Augen wässerig werden und seine Brille trübe. Er putzt sie mit einem riesengroßen Taschentuch. Er schien sehr vernünftig, der kleine große Henry Bloomfield. Nur, daß er just im Zimmer Nummer 13 wohnen mußte, war amerikanisch. Ich glaube nicht an die Ehrlichkeit seines Aberglaubens. Ich habe gesehen, daß viele vernünftige Menschen sich absichtlich eine kleine Verrücktheit zulegen. Zwonimir war merkwürdig still. So still war Zwonimir noch nie gewesen. Ich hatte Angst, daß er über eine Möglichkeit nachdachte, Bloomfield umzubringen. Plötzlich kommt Alexander! herein. Er grüßt sehr tief und schont seinen neuen Filzhut nicht. Er lächelt mir intim zu, so daß jeder merken muß: hier sitzen Alexanders Freunde. AJexanderl geht ein paarmal hin und zurück durch den Raum, als suchte er jemanden. In Wirklichkeit aber hat er hier niemanden zu suchen. ,Amerika ist doch ein interessantes Land,“ sagte der dumme Militärarzt, weil man schon eine Weile geschwiegen hatte. Und er fuhr mit seiner alten Klage fort: ״Hier in dieser Stadt verbauert man. Der Schädel wird einem zugenäht. Das Gehirn verdorrt.“ ״Aber die Kehle nicht,“ sage ich. Bloomfield sah mich mit einem dankbaren Blick an. Kein Zug seines Gesichts verriet, daß er lächelte. Nur seine Augen bemühten sich, von unten her über den Rand der Brille zu blicken und bekamen so einen spöttischen Ausdruck. ״Sie sind ja fremd hier?“ fragte Bloomfield und sah uns beide au, Zwonimir und mich. Es war die erste Frage, die Bloomfield getan hattet seitdem er «!gekommen war. ״Wir sind Heimkehrer,“ sage ich, ״und halten uns nur zum Spaß hier auf. Wir wollen weiterfahreii, mein Freund Zwonimir und ich.“ ,״Sie sind schon lange unterwegs,“ fiel der höfliche Bondy ein. Es war ein prächtiger Sekretär — Bloomfield brauchte nur ein Stichwort zu sagen und schon setzte Bondy Bloomfields Gedanken m Rede um. ״Sechs Monate,“ sage ich, ״sind wir unterwegs. Und wer weiß, wie lange noch.“ ״Es ist Ihnen schlimm ergangen in der Gefangenschaft?“ ״Im Kriege war es schlimmer,“ sagt Zwonimir. Wir sprechen nicht mehr viel an diesem Tage. Die drei Reisenden ans Deutschland kommen in den Saal, Bloomfield und Bondy verabschieden sich und setzen sich mit den Drillingen an einen Tisch. XX. Die Branche der Drillinge waren Juxgegenstände — das erfuhr ich am nächsten Tage vom Zimmerkellner. Es waren keine Drillingsbrüder. Die gemeinsamen Interessen hatten sie so verbrüdert. Viele Menschen kamen aus Berlin, dem letzten Aufenthalt Bloomfields. Sie reisten ihm nach. Nach zwei Tagen kam Christoph Kolumbus. Christoph Kolumbus war Bloomfields Friseur. Er gehörte zum Gepäck Bloomfields und kam immer als Nachsendung. Er ist ein gesprächiger Mensch, der Abkunft nach ein Deutscher. Sein Vater war ein Verehrer des großen Kolumbus gewesen und hatte seinen Sohn Christoph Kolumbus getauft Aber der Sohn mit dem großen Namen ward ein Friseur. (Fortsetzung folgt)

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