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Jüdische Rundschau · 1928-04-04 · Heft 27-28 (4.4.1928) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 27-28 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 4. April 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 27/28 Richter und Narr Von Altalena (WI. Jabotimky) Wir beginnen heute mit der Veröffentlichung einet Abteknittes aas dem Simson-Roman Jabotinskys, der in den nächtlen Tagen im Verlag Meier <§• Jessen, München, erscheint. Der biblische Bericht wird von Jabotimlcy frei bearbeitet. Die Erscheinung des ״Engels" bei der Mutter Simsons wird in sehr menschlicher Weis« gedeutet, so daß Simson selbst, dieser naive Kraftmensch, seiner Abstammung nach nicht Volljude ist. Simson lebt auch ein Doppelleben: Auf der einen Seite ah ernster, beinahe asketischer Volksführer in Zorah im Stamme Dan, gleichzeitig unter dem Namen Ta fisch ab lustiger Saufkumpan in Timnata im Lande der Philister, des im Vergleich zu den Jaden hochzivilisierten Volkes, ln Zorah hat, er sein Gefolge, die ,JSchakale“ genannt, und seine Braut Kami, die, Schwester seines Freundes, das JSchakah“ Jahir; in Timnata scherzt er mit den Mädchen und verliebt sich in Semadar, eine schöne Phi-!uterin, mit der er ein romantisches Abenteuer in einer Frühlingsnacht am Rande eines Teiches gehabt hat. Semadar wird aber auch von Simsons philmtäischem Freund Achtur begehrt. Semardars Schwester, Elinoar, liebt Simson leidenschaftlich, ihre Liebe verwandelt sieh jedoch in wahnsinnige Rachsucht, als sic sieht, daß Simsons Neigung der Schwester gehört. Simson beschließt, Semadar zu heiraten, und er begäbt sich mit seinen Eltern und mit dem Gefolgt der Schakale nach Timnata. Unterwegs tötet er — wie in der biblischen Erzählung — einen Panter, ln Timnata wird er im Haus« seines Freundes und heimlichen Rivalen Achter eingmrtiert. So ist die Situation m Beginn des folgenden Kapitels, in welchem die Entstehung dm berühmten Simson-Rätsch in einer neuen und originellen Weise abgeleitet wird: Das Rätsel erhält hier einen Doppelsinn und wird nicht von dem schwerfällig-einfältigen Simson erfunden, sondern von der kleinen Intrigantin Elinoar, die mit ihrer überlegenen. Schlauheit das Netz spinnt, in welchem sie Simson fangen will. Neuntes Kapitel. Honig Vor Tagesanbruch noch verließ Simson leise Achturs Haus. Seine Eltern und das Gefolge hatte der Vater der Braut bei sieh untergebracht; der Bräutigam aber mußte der Sitte gemäß vor der Hochzeit unter einem anderen Dache übernachten. Simson hatte nur den Knaben Nechuschtan in sein Nachtquartier mittenommen, zur großen Betrübnis Jahirs, der bis dahin stets bei en Streifzügen sein persönlicher Waffenträger gewesen war. Kaum hatte sich Simson auf dem Flur gezeigt, als auch schon der Knabe von irgendwo herausgeschlüpft kam. ״Du hast ein scharfes Gehör“, sagte der Nasiräer. ״Ich bin Hirte,“ erwiderte der Knabe, ״selbst im Schlaf höre ich die Schlange im Grase am anderen Ende des Feldes; auch höre ich das Rascheln der Morgenröte, wenn sie am Himmel emporklettert.“ Simson suchte in seinem Beutel, nahm einen Feuerstein und einen Eisensplitter heraus, nickte, legte beide wieder an seinen Platz zurück und band die Riemen des Beutels wieder zu. ״Verstehst du dich aufs Ausräuchern von Bienen?“ fragte er uijvermittelt. ': ״'Wohl verstehe ich. mich darauf,“ antwortete Nechuschtan, ״doch brauche ich das nicht Mir tun weder Mücken, noch Bienen, noch Schlangen etwas.“ Simson wunderte sich nicht. In Ekron, im Tempel des dortigen Götzenbildes, wurden alle Priester und Diener aus solchen Leuten mit bitterem Blut ausgewählt, vor dem sich sowohl Reptil als auch Insekt fürchtet. ״Komm“, sagte er, und sie gingen über die Felder auf jenen Weg zu, der am Hause Semadars vorbei in die Berge führte. — Am Ufer des bereits ausgetrockneten Teiches stand, mit dem Rücken ihnen zugekehrt, ein Mädchen. Simson erkannte sie an den goldenen Schimmer ihres Haares und an ihrer Gestalt Obwohl er während des ganzen Tages der Trauung und auch nicht vorher mit Ihr sprechen durfte, rief er sie leise an: ״Semadar!" Das Mädchen wandte sich schnell um, aber es war Elinoar. Wieder merkte Simson, daß sie in den letzten Wochen gewachsen und in Gesicht und Gestalt Aehnüchkeit mit der Schwester bekommen hatte, sogar das schwarze Haar hatte jetzt an den Rindern einen Kupferton. Das bin nur ich,“ sagte sie traurig und kurz, ״Semadar schlaft noch.“ ln ihrer Stimme und im Gesichtsausdruck lag heute etwas Liebes, Unterwürfiges. Simson tat cs jetzt leid, daß er sie damals im Olivenhain geschlagen hatte. ״Wohin so früh?“ fragte Elinoar, näherkommend. Ihr Gang war wie jener Nechuschians, gleichmäßig und federnd. ״Ein Brautgeschenk zu holen.“ ״Was kann es in den Bergen für Geschenke geben?“ ״Du wirst schon sehen. Auch du sollst etwas bekommen.“ ״Tajisch,“ bat sie kindlich, ״darf ich mit euch gehn? Seit Mitternacht kann ich nicht schlafen, ich langweile mich. Ich werde nicht stören. Darf ich?“ Ihr ganzes Gesicht leuchtete vor kindlicher Neugier. Sie ließ den Schleier auf die Schultern herabgleiten und sah plötzlich wie ein Knabe aus. Simson lachte, klopfte sie auf die Schulter und sagte: ״Du darfst.“ Die erste Zeit über gingen sie schweigend, nur Nechusch* tan pfiff, die Lerchen nachanmend, vor sich hin. Von Zeit zu Zeit blieb er zurück oder bog vom Wege ab, durchsuchte irgendwelche Erdhöhlen oder schaute unter nasse Steine. ״Dein Schakal Jahir konnte vor Eifersucht lange nicht einschlafen“, sagte Elinoar gelegentlich eines seiner Abstecher. ״Woher weißt du es?“ ״Ich habe gestern mit ihm gesprochen. Ich habe ihnen allen das Abendessen gereicht und erkannte ihn — er war es, der dich an der Straße zu mir rief, worauf du ... worauf du dich so erzürntest.“ Sie sprach hiervon schlicht, ohne Kränkung, wie ein Kind mit dem Vater, der es am Tage vorher wohlverdienterweise an den Ohren gezogen hat, während heute schon alles wieder vergessen ist. ״Ich tröstete ihn, gab ihm mehr süße Plinsen als den anderen, und er erzählte mir den ganzen Abend lang, wie kühn und mächtig du seiest.“ Fast hätte sie hinzugefügt; ״Und wie du zugunsten Semadars auf seine Schwester verrichtet hast“, beherrschte sich jedoch. Doch dachten sie beide an ein und dasselbe. Auch kam es für Simson nicht überraschend, als sie plötzlich eigensinnig den Kopf hin- und her wiegend sagte: ״Ich wäre gern eine Zoritin. Ich kann die Phi- Ilster nicht leiden.“ ״Sie sind dein Volk.“ ״Nein, Meine Mutter ist ja eine Avvitin, eine Fremde im Hause. Sie fürchtet sich vor aßen; niemand spricht mit ihr; seit man mich in Spiel und Tanz unterweist, ist sie sogar schüchtern mir gegenüber. Als ich aber noch klein war, erzählte sie mir häufig aus den alten Zeiten. Die Awiten waren einmal das freieste Volk von ganz Kanaan. Sie hatten nicht einmal eigene Fürsten und Aelteste. Eine jede Familie lebte nach ihrem eigenen Gesetz. Ehe Philister unterwarfen sich leicht alle übrigen Eingeborenen; aber die Awiter wollten ihnen lange nicht als Sklaven dienen, meuterten und liefen davon. In Askalön und Gaza hielt man sie wie Hunde an der Kette. Der Großvater meiner Mutter trug noch einen Eisenring im Ohr, mit dem er für jede Nacht an einen Pfahl geschmiedet wurde. Und auf der Stirn hatte man ihm ein Mal eingebrannt.“ Sie holte tief Atem — der Weg ging an dieser Stelle steil bergauf — und fügte mit tiefem Haß hinzu: ״Die Philister sind das grausamste Volk der Welt.“ ״Das alles war einmal“, sagte Simson. ״Auch ich habe unsere Seeleute das gleiche erzählen hören. Aber jetzt sind die Kriege längst beendet. Jetzt haben sie ihre Wagen nur noch für die Rennen, die Schwerter für Wettkämpfe — ihr ganzes Leben ist ein Spiel: sie singen Lieder, trinken Wein una überessen sich an süßem Gebäck.“ ״Aus dem Süßen kommt zuweilen Bitteres“, antwortete Elinoar. Simson sah sie aufmerksam an: es fiel ihm ein, daß die gleichen Worte vor kurzem eine andere za ihm gesagt hatte. Aber er schüttelte sei« Zöpfe and rief sorglos aus: ,״Bei den Philistern ist es anders: aus dem Grausam« kam Süßes!“ Das Mädchen hob plötzlich den Kopf, begegnete seinem Blick und senkte sofort die Augen. Dann sagte sie nachdenklieh: ״So also denkst du über sie ... Wer weiß?“ Sie langten bei der Senke an, in der Simson den Panther erwürgt hatte. Sein Gerippe lag sauber abgenagt auf der gleichen Stelle, es war teilweise mit Fetzen des Felles bedeckt, das zusammengeschrumpft, hart, schwarz und rindenartig geworden war. lieber dem Gerippe summten friedlich kleine wilde Bienen. ״Das hier ist mein Geschenk,“ erklärte Simson, ״ich kann von dem Honig sagen, daß er aus meinem eigenen Bienenstock stammt.“ ״Hast du den Panther getötet? Schon lange her?“ ״Erinnerst du dich noch des Morgens, da bei euch im Teig noch Wasser war?“ sagte er, sie listig, jedoch arglos von der Seite ansehend. Sie wurde tiefrot, senkte den Bilde und sagte leise: ״Ich war damals wahnsinnig. Und kürzlich im Hain ebenfalls. Ich werde nicht wieder so sein, Tajisch.“ Jetzt hatte sie sich endgültig in sein Herz eingeschlichen. Mit den ebenmäßigen Zähnen blitzend, lachte er vergnügt und klopfte sie von neuem auf die Schulter. Alle ihre vorhergehenden Ausfälle waren offenbar Streiche einer Halbwüchsigen gewesen, jetzt aber war sie plötzlich erwachsen and klug geworden. — Sie standen am Abhang. Nechuschtan ließ sich den Hang hinabgleiten und begann Reisig zu sammeln. Elinoar folgte ihm nach, um ihm zu helfen. Er sagte zu ihr: ״Pflücke frische Zweige, Herrin: dann wird es mehr Rauch geben.“ Simson setzte sich am Abhang hin, sah zu und mischte sich nicht ein. Der Knabe schichtete das Reisig, etwa zwanzig Schritte vom Panthergerippe, in einem langen Streifen auf. Obenauf schüttete er eine dünne Schicht grüner Zweige und befahl dem Mädchen: ״Gehe jetzt und setz׳ dich neben Simson — doch wirf mir vorher sein Feuerzeug herunter.“ Er zündete den Rrisighaufen von zwei Enden her an, über• zeugte sich, daß das Reisig gut brannte und schritt dann auf das Gerippe zu. Anfangs ging er schnell, aber einige Schritte vor der Behausung der Bienen blieb er regungslos stehen. Eine kleine Kundschafterabteilung der Bienen flog ihm entgegen. Wie festgebannt stand er da, während sie um seinen Kopf kreisten. Plötzlich machte er einen Schritt nach vorn und blieb wieder wie erstarrt stehn. Die Bienen schwirrten zur Seite, kehrten aber sofort wieder zurück, es waren ihrer jetzt schon bedeutend mehr. Eine Minute darauf machte Nechuschtan wieder einen Schritt und erstarb wieder; dann wieder und wieder. Jetzt stand er bereits mitten in einer dichten Wolke goldschimmernder dunkler Punkte. Von allen Enden der Senkt her kamen die alarmierten Bienen geflogen. Das erregte Sun! men klang deutlich bis zu Simson und Elinoar herüber und hatte manchmal Aehnüchkeit mit dem unterdrückten Brummen eines großen Tieres. ״Sie werden ihn fressen“, flüsterte das Mädchen beunruhigt, sich an Simsons Arm schmiegend. Er antwortete nicht, aber man sah es ihm an, daß auch er unruhig war. Nechuschtan stand bereits dicht neben dem Aas. Durch den Bienenschleier sah man, wie er sich plötzlich mit einer ruckartigen Bewegung vorneigte, als klappte er mitten zusammen. Da wurde das Summen noch lauter, wie das Rauschen eines Flüßchens; der Schwarm verdichtete sich zu einer Masse, wich dann zurück und wurde loser. Wieder sahen sic den Knaben; er stand bereits mit dem Gesicht zum Abhang, blaß, mit fest zusammengepreßten Lippen. Er hielt die Hände mit den Honigwaben hoch über dem Kopfe erhoben. Die Bienen kreisten jetzt darum herum, bedeckten die Waben von allen Seiten, Aber man sah, daß keine von ihnen seine Hände oder sein Gesicht berührte. Auf die gleiche Weise, Schritt für Schritt, zog er sich wieder zurück. Ein Teil der Bienen stürzte zurück zum Bienenstock, um den Verlust zu prüfen, die übrigen aber begleiteten den Räuber. Der war jetzt nur noch zehn Schritte vom Feuer entfernt. Das trockene Reisig knisterte im lodernden Feuer, und von den feuchten Zweigen stieg hoher Rauch auf. Plötzlich beugte sich der Knabe zur Erde, nahm Anlauf und sprang über das Feuer. Wie hinter einem Motor erstreckte sich hinter ihm ein Schweif abfallender Bienen. Jenseits des Feuers betrachtete er aufmerksam seine Beute und kletterte den Abhang hinauf. Hilflos und ungeordnet kehrten die Bienen zu ihrem ausgeplünderten Haus zurück. — Elinoar klatschte in die Hände: ״Wer bist du — Baal-Sebub selbst oder sein Sohn?“ fragte sie, die duftenden Waben .reinigend und sie in ihr weißes Kopftuch wickelnd. — Nechuschtan, immer noch blaß, drehte linkisch den Hals hin und her und rieb sich den Nacken. ״Eine hat mich gebissen,“ sagte er weinerlich, ״im letzten Augenblick, als ich schon zum Feuer lief.“ Auf dem Rückwege war Elinoar außerordentlich erregt. Sie unterhielt sich ununterbrochen mit Nechuschtan und lobte jede Einzelheit seiner Tat, doch wurde er mir schüchtern und schwieg. Schließlich ließ sie ihn in Frieden und wandte sich nach ein paar Minuten des Schweigens plötzlich an Simson: ״Tajisch ... du bist mir doch nicht böse, daß ich dich so nenne? Ich bin es gewohnt.“ Er nickte. ״Tajisch, gib doch heute beim Schmaus unseren Jungen ein Rätsel auf. weißt du welches? Du selbst sagtest es vorhin: Aus dem Grausamen kam Süßes.“ ״Betrifft das die Philister?“ ״O nein 1 Den Panther und diesen Honig. Sie werden es um keinen Preis erraten 1“ Simson machte eine verlegene Handbewegung. ״Solange meine Eltern hier sind“, sagte er, ״kann ich nicht gut Rätsel aufgeben.“ Schon wollte er ihr den wahren Grund erklären, ihr von seinem Nasiräer-Gelübde erzählen, überlegne es sich aber anders und fand eine andere Begründung: ״Es ist in Dan nicht üblich, daß der Sohn angesichts des Vaters und der Mutter scherze.“ Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. (10. Fortsetzung.) Mir war zumute, wie damals im Felde, wenn ein General inspizieren kam und ich zufällig; Kompagniedienst hatte. Unwillkürlich streckte ich mich, nahm meine Glieder zusammen und wartete. Ein Herr im grauen Staubmantel stieg aus, ich sah seine Züge nicht genau. Dann kam noch ein Herr, er trug den Mantel überm Arm. Dieser zweite Herr war um ein Beträchtliches kleiner, er sagte ein paar englische Worte, die ich nicht verstand. Ich merkte, daß der kleine Herr Bloomfield sein müsse und daß der andere, sein Begleiter, einen Befehl ausführte. Nun war also Bloomfield da. ״Das ist Bloomfield,“ sage ich zu Zwoniinir. Zwonimir will sich auf der Stelle davon überzeugen, er tritt auf den kleinen Herrn zu, der auf seinen Begleiter wartet und fragt: ״Mister Bloomfield?“ Bloomfield nickt nur mit dem Kopf, wirft einen Blick auf den großen Zwonimir, er muß auf Bloomfield, den Kleinen, den Eindruck eines Kbchtums machen. Dann wendet Bloomfield sich rasch wieder dem Sekretär zu. Der Portier war erwacht und trug seine Mütze wieder. Ignatz eilte gerade an uns vorbei. Zwonimir vergaß nicht, ihm einen Schlag zu versetzen. ln der Bar war die Musik verstummt. Die kleine Tür stand halboffen, Neuner und Kanner standen an der Tür. Frau Jetti Kupfer kam heraus. ״Bloomfield ist da!“ sagte sie. ״Ja, Bloomfield!“ sagte ich. Und Zwonimir schrie und tanzte, wie verrückt auf einem Bein. ״Bloomfield ist da! ah-ah-ah!“ ״Still!“ zischt Frau Jetti Kupfer und legt ihre feite Hand auf Zwonimirs Mund. Bloomfields Sekretär und Ignatz und der Portier schleppten zwei große Koffer in den Flur. Henry Bloomfield saß im Klubsessel des Portiers und zündete sich eine Zigarette an. Neuner kam heraus. Er war erhitzt, auf seinem Gesicht glühten die Schmisse, als wären sie mit Karmin aufgemalt Neuner ging auf Bloomfield zu, Bloomfield blieb sitzen. ״Guten Abend 1“ sagte Neuner. ״Wie gehts!“ sagte Bloomfield, nicht fragend, sondern wie einen Gruß. Er war gar nicht neugierig. Bloomfield — ich sah nur sein Profil — streckte Neuner eine dünne Kinderhand ententgegen. Sie verschwand spurlos in Neuners großer Pranke, wie eine Kleinigkeit in einem Riesenetui. Sie sprachen deutsch, aber es schickte sich nicht, zuzuhören. Ignatz kam mit fliegender Zunge, einen Karton mit einer großen schwarzen Dreizehn in der Hand. Er nagelte den Karton an die Türmitte. Zwonimir schlug Ignatz ein paarmal auf die Schulter, Ignatz zuckte nicht, er schien die Schläge gar nicht zu spüren. Frau Kupfer kehrte in die Bar zurück. Ich wäre gerne noch für ein halbes Stündchen hineingegangen, aber es schien mir gefährlich, Zwonimir noch trinken zu lassen. Wir fuhren also selbst mit dem Lift hinauf, zum ersten Male ohne Ignatz. Hirsch Fisch kam in Unterhosen. Er hatte Lust, so wie er war, bis zu Bloomfield hinuntemigehn. ״Sie müssen sich anzlehn, Herr Fisch!“ sage ich. ״Wie sieht er aus? Hat er schon zugenommen?“ fragt er. ״Nein! er ist immer noch mager!“ ״Gott, wenn das der alte Blumenfeld wüßte,“ sagt Fisch und kehrt wieder um. ״Wenn man den Bloomfield umbringen könnte,“ sagt Zwonimir, als er schon ausgezogen lag. Aber ich antwortete ihm nicht, weil ich weiß, daß der Alkohol aus ihm spricht. XIX. Am nächsten Morgen scheint mir das Hotel Savoy verändert Die Aufregung hat sich meiner, wie aller andern bemächtigt, hat meinen Blick geschärft für tausend kleine Veränderungen, so, daß ich sie wie durch ein Fernrohr sehe mit mächtig geschwollenen Dimensionen. Es ist möglich, daß die Stubenmädchen der drei unteren Stockwerke dieselben Häubchen tragen, wie gestern und vorgestern. Mir scheint, daß die Hauben und Schürzen neugestärkt sind, wie vor einem Besuch des Kaieguropulos. Neue grüne Schürzen tragen die Zimmerkellner, auf dem roten Treppenläufer ist kein einziger Zigarettenstummel zu sehen. Es ist eine unheimliche Sauberkeit. Man fühlt sich nicht mehr heimisch. Man vermißt wohlbekannte Staubwinkel. Ein Spinnennetz in der Ecke des Fünf-Uhr- Saals war mir eine liebe Gewohnheit geworden, in der Ecke fehlt heute mein Spinnennetz. Ich weiß, daß man eine schmutzige Hand bekam, wenn man über das Stiegengelinder strich. Heute ist die Handflache sauberer, als sie vorher gewesen, als bestünde das Geländer aus Seife. Ich glaube, man hätte einen Tag nach der Ankunft Bloomfields auf dem Fußboden essen können. Es riecht nach aufgelöstem Bohnerwachs, »de daheim in der Leopoldstadt einen Tag vor Ostern. Etwas Feiertägliches liegt in der Luft. Wenn Glocken läuten würden, wäre es selbstverständlich. Wenn plötzlich jemand mich beschenkte —- es wäre nichts Ungewöhnliches. An solchen Tagen muß man beschenkt werden. Und trotzdem regnete es draußen in dünnen Schnüren und der Regen war voller Kohlen- Stäubchen. Es war ein dauerhafter Regen, er hing über der Welt, wie ein ewiger Vorhang. Die Menschen stießen mit den Regenschirmen zusammen und trugen hochaufgeschlagene Mantelkragen. Die Stadt bekommt an solchen Regentagen erst ihr eigentliches Gesicht. Der Regen ist ihre Uniform. Es ist eine Stadt des Regens und der Trostlosigkeit. Die hölzernen Bürgersteige faulen, die Bretter quietschen, wenn man auf sie tritt, wie schadhafte nasse Schuhsohlen. Der gelbe, träge Brei in den Rinnen löst sich auf und fließt träge dahin. Tausend Kohlenstäubchen birgt jeder Regentropfen, sie bleiben auf den Gesichtern und Kleidern der Menschen liegen. Dieser Regen konnte dtirch die dicksten Kleider dringen. Es war, als hätte man im Himmel große Reinigung und schüttete die Kübel auf die Erde. An solchen Tagen mußte man im Hotel bleiben, im ״Fünf-Uhr-Saal“ sitzen und die Leute ansehn. Der erste Zug, der aus dem Westen kam, um zwölf Uhr mittags, brachte drei Fremde aus Deutschland. Sie sahen aus, wie Drillinge, sie bekamen alle drei nur ein Zimmer, — Nummer 16 hörte ich —, sie hätten ganz gut alle drei in ein Bett gepaßt, wie Drillinge in eine Wiege. Alle drei hatten Regenmäntel über die Sommermäntel gestreift, alle waren gleich klein gewachsen und hatten spitze Bäuchlein von

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