Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 26 (30.3.1928)
- Date
- 1928-03-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26, 30. III. 1928 JUEDI5CHE RUNDSCHAU Seite 189 Der Britische Vertrag mit Trans|ordanien Die ״Times“ vom 27. März veröffentlicht den Vertrag zwischen Großbritannien und Transjordanien, welcher am 20. Februar in Jerusalem vom Oberkonimissionär Lord Plumer und vom Wesir des Emirs von Transjordanien unterzeich• net worden ist. Der Vertrag enthält eine Präambel und 21 Ar• tikel. In der Präambel wird die Existenz einer unabhängigen Regierung in Transjordanien unter der Herrschaft des Emirs an• erkannt, vorausgesetzt, daß sie der englischen Regierung die Möglichkeit gibt, ihre internationalen Verpflichtungen m bezug auf das transjordauischc Gebiet zu erfüllen. Art. 1 bestimmt, daß ein britischer Resident namens des Oberkommissärs in Transjordanien amtieren und die Verbindung mit der englischen Regierung hersteilen soll. Die Kosten sind von Transjordanien zu tragen. Art. 2 besagt, daß die Gesetzgebung und Verwaltung in Transjordanien durch eine konstitutionelle Regie• rung geführt werden soll, entsprechend dem Verfassungsgesetz von Transjordanien und etwaiger Abänderungen dieses Gesetzes, die der Bestätigung Großbritanniens bedürfen. Im zweiten Absatz des Art. 2 wird die Grenze gegen Palästina festgesetzt. Die Grenzlinie beginnt an einem Punkte zwei Meilen westlich von der Stadt Akaba, am Golf von Akaba und zieht sich durch die Mitte des Wadi araba, des Toten Meeres und des Jordans bis zu seiner Vereinigung mit dem Jarmuk; von hier aufwärts längs der Mitte dieses Flusses bis zur syrischen Grenze. Art. 3 bestimmt, daß Beamte anderer als transjordani• scher Staatsbürgerschaft nur mit englischer Zustimmung ernannt werden dürfen. In Art 4 heißt es, daß keine Verordnung angenommen werden darf, die die Erfüllung der England ob* liegenden internationalen Verpflichtungen behindern, ln den nächsten Artikeln wird gesagt, daß in der auswärtigen Politik Transjordanien Englands Rat annehmen wird, daß das Budget sowie andere wichtigen finanzeilen Gesetze England vorgelegt werden müssen, ebenso alle Fragen der Gerichtsbarkeit von Ausländern. In Art. 7 wird bestimmt, daß zwischen Palästina und T ransjordanien keine Zollschranken bestehen sollen. Der Zolltarif von Transjordanien muß von England bestätigt werden. Die Regierungen von Palä* stina und Transjordanien sollen gegenseitig die Zolleinnahmen für importierte Waren, die dann in aas andere Gebiet überführt wurden, verrechnen. Art. 8 lautet: Soweit es mit den internationalen Verpflichtungen Großbritanniens vereinbar ist, soll einer Vereinigung Transjordaniens mit benach* barten arabischen Staaten für Zollzwecke oder andere Zwecke kein Hindernis in den Weg gelegt werden. In Art. 10 wird England das Recht eingeräumt, bewaffnete Kräfte in Trans• Jordanien zu halten. Der Emir verpachtet sich, ohne Englands Erlaubnis keine eigenen Truppen zu halten. In Art. 12 wird eine Subvention oder Anleihe für Transjordanien in Aussicht gestellt, ebenso trägt England die Kosten der in Transjordanien stehenden Streitkräfte, solange das Land dies nicht bezahlen kann. Art. 17 bestimmt, daß der Emir sich dem Englischen Rate in allen Fragen unterwirft, die die Erteilung von Konzessionen, Ausbeutung von Naturschätzen, Bau von ELenbahnen usw. betreffen. Der Vertrag unterliegt gemäß Art. 20 der beiderseitigen Ratifikation, und zwar soll er in Transjordanien seitens der konstitutionellen Regierung ratifiziert werden, die in Art. 2 vorgesehen ist und die ihrerseits wieder so lange als provisorisch zu gelten hat, bis der Vertrag ratifiziert ist. * Der Vertrag zwischen England und Transjordanien ist für uns darum von großem Interesse, weil es sich hier um die innere Regelung des Mandatsverhältnisses handelt, ähnlich wie es früher bereits in Irak geschehen ist Transjordanien werden freilich viel weniger Freiheiten Eingeräumt als Irak. Immerhin wird eine konstitutionelle Regierung vorgesehen, wenn sie »tfth dUrch dEn Vertrag in ihren Kompetenzen sehr eingeschränkt ist Von Wichtigkeit für Palästina ist die Grenz• festsetzung.dle Feststellung der Zollgemeinschaft und die Bestimmung über die K 0 n z e s s i o n e n , die praktisch vor allem für Ruthenberg und für das Tote Meer in Frage kommt In Artikel 8 wird eine Zollunion der arabischen Staaten für zulässig erklärt und auch sonst der Gedanke der panarabischen Föderation in sehr verschwommener und unverbindlicher Weise wieder angedeutet. Vor allem die Tatsache, daß Transjordanien eine Verfassung bekommen soll, ist von großer Tragweite, da in diesem Zusammenhang auch die stets erneuten Versuche eines palästinensischen Parlaments betrachtet werden müssen. M o s k a u, 25. März. (j. T. A.) Die Regierungskommission für jüdische Landansiediung ״KOMZET“ hat unter dem Vorsitz von Mereschin beschlossen, das gesamte Kolonisationswerk in Biro-Bidschan der Gesellschaft ״OZET“ zu übertragen. Es wird ein diesbezügliches spezielles Abkommen zwischen ״KOMZET“ und ״OZET“ abgeschlossen werden. Das Judentum in Tunis Ein Artikel des Freiherr!» v. Schoenaich Dio ״Vossische Zeitung" veröffentlicht in ihrer Abendausgabo vom 27. MSrs einen hochinteressanten Artikel von. Dr, h. c. Freiherr v. Schoenaich, datiert aus der Oase Tonno, und überschrieben: ״Knotenpunkte in der Welt geschichte“. Der Artikel befaßt sich ausschließlich mit dem tunesischon Judentum. Wir entnehmen ihm folgende Stellen: ״Auf dom nur uoch sehr spärlichen Trümmerfeld« de* allen Karthago hat uran bei dem heutigen Dorf Garuajt Inschriften auf Grabsteinen gefunden, dio zweifelsfrei beweisen, daß schon mit den ersten ph5nizi*ohen Kolonisten viele vornehme Juden in das Land gekommen sind. Dabei ist zu bedenken, daß Phönizier und Juden beide Angehörige der großen semitisrhea Völknrfamilie und nur durch die Religion unterschieden waren. Diese Semileo trafen dann bei iltron Handelszügen auf dio nordafrikanischen Ureinwohner, die Berber. Neben Vermischung durch Ehen scheint die Werbekraft der jüdischen, monotheistischen Religion auf die Berber sehr stark gewirkt zu haben. Viole Berber sind zum Judentum über getreten. Man hört von den langjährigen Kämpfen der Eingeborenen gegen die im siebenten Jahrhundert cindringen* den mohamodanischon Araber. Acht Jahre lang haben die Berber unter ihrer Königin Rahena —. einer jüdischen Jungfrau von Or- Irans — standgehallcn, bis sie unterlagen'. Die Ucberreslo dieser jütilsdien Berber loben, heut« noch an ihren damaligen Sillen nähe festhaltend, auf der Insel Dherlia bei Gnbes. Dieses jüdisch-berbensche Volksgomisch erhielt dann im Mittelalter .Marken Zuzug au» Spanien. Unter der türkischen Herrschaft entwickelten sich aus diesom phömziscb-jüdisch-berberisfhen Blutgemisch allmählich ein einigermaßen einheitlicher Typus. Neuer Zuzug kam dann in "Her ,Mitte dos 1g. Jahrhunderts, als die große Welle der Revolution das alte Europa durchflutete. Wie überall, wenn alte Machthaber sich wanken fühlen, suchte man auch hier nach Prügelknaben. In Toskana solle* es die in Livorno dicht gedrängt wohnenden Juden sein. ,So kam es, daß viele von ihnen im nahen Nordafrika Zuflucht suchten. Als sie in bitterer Armut zwar, aber doch von europäischer Kultur schon beeinflußt, in Tunis eintrafen, bildete sich schnell ein scharfer Gegensatz zwischen ihnen und den, mehr oder minder arabisierten, alttunesischen Juden heraus. Die Tuansa betrachteten die Neuankömmlinge als Ilalbabtrünnige. weil sie mit manchem Altväterbrauch gebrochen hatten, und die ״livomesischen Grani" fanden sich in dem Schmutz der Medina zwischen Juden und Arabern nicht mehr zurecht. So blieb es, bis die Franzosen ins Land kamen, die mit ihrer Meisterhand in der Behandlung Fremdstämrniger auch den Stroit der Tuansa und Grani in das nützliche Geläuf geschältliciien Wettkampfes zu leiten verstanden. Aus dem alten Juden• viertel sind heute längst die Tüchtigsten in die schönen neuen Häuser in der Avenue de Paris gezogen. — Tunis hat seit der fr,111• zösischon Okkupation i. J. 1881 ganz gewaltige wirtschaftliche und kulturelle Fortschritte gemacht. An diesem Fortschritt haben di* Juden einen sehr großen Anteil. In allen Büros und Kontoren sind sie heiß begehrt, weil sie nüchtern und fleißig sind, und weil sie Arabisch, Französisch und Italienisch ebenso beherrschen wie ihr arabisiertes Jiddisch. Und neuerdings dringt das moderne Hch r n i s c h ein. Die Sehnsucht nach dem Lande der Väte! Ist in den Jahrtausenden in den Tuansa nicht erloschen. Als ich Ihnen erzählte von meiner vorjährigen Reise nach Palästina, vom Wachsen und Werden Im Emek Jesreel, da strahlten die Augen manches Jungen, der schon die Mittel spart zut Uebersiedlung in eine Kwuza oder einen Moschaw. Unsere Völkischen sollten wirklich einmal nach Tunis reisen." Die Anstritts •Propaganda in Erez-Israel Der Führer der Agudah, Dr. Pinkas Kohn, der vorige Woche aus Jerusalem, nach Wien zurückgekebrt ist, äußert «11 in der ״Jüdischen Presse* über die Auswirkung des neuen Cjemeindegesetzes und die Auatrittsaktion der Agudah in Palästina. Dr. Kohn behauptet, daß bisher 12000 Austrittserklärungen bereits vorliegen, aber aus seiner zurückhaltenden Darstellung kann man herauslesen, daß er selbst den politischen Wert dieser Aktionen nicht allzu hoch einschätzt, da es sich um politisch völlig unerzogene Menschen des alten Jischuw handelt, für die das Wichtigste ist, daß ihnen aus der Mitgliedschaft im Waad Hair Haaschkenasi (d. i. die agudistische Trennungsgemeinde) ״keine weitere Verpflichtung“ erwächst. Auch die Lage im WaadLeumi beurteilt Dr. Kohn vorsichtig, insbesondere glaubt er, daß mit dem Misrachi ein.Kompromiß in der Frage des Frauenwahlrechts möglich ist. Dagegen habe ihm Oberrabbiner Jakob Meir erklärt, die S e - fardim würden austreten, falls nicht das passive Frauenwab!- recht abgeschafft wird. Dr. Kohn verzeichnet ferner das Gerücht, daß der Waad Leumi nach dem Aushang der Einwohnerliste nochmalige Austrittserklärungen verlangen wird. Mgr. Barlassina,der lateinische Patriarch in Jerusalem, ist am 22. März in Rom eingetroffen und wurde am gleichen Tage vom Papst in Audienz empfangen, Barlassina erstattete dem Papst Bericht über die Lage im Heiligen Lande. Emst Joseph Lesser (Eine Grabrede, die nicht gehalten werden konnte.) Ihr dürft es uns nicht verübeln, Hebe Freunde, wenn wir Zionisten den ersten Anspruch auf das Leben Ernst Lessers erheben. Oewiß war er ein großer Forscher, liebe Freunde, einer der ganz Großen, bei denen sich Klarheit und Stärke des Intellekts mit reicher Vorstellungskraft verbinden. Dazu kam noch ein leidenschaftlicher Trieb nach Wahrheit und Erkenntnis, der den ganzen Menschen beherrschte. Gewiß war er ein glühender, deutscher Patriot, der tief unter dem Zusammenbruch von 1918 litt, nicht so sehr unter dem militärischen Zusammenbruch, als unter dem moralischen, wie er sich in den führenden Kreisen des Reiches enthüllte. Aber im Tiefsten war er Jude. Nicht weil er als Jude geboren und gewohnt war, keiner Verpflichtung aus dem Weg zu gehen, sondern weil sein unbändiger Stolz sich gegen den schmachvollen Zustand seines Volkes empörte. Das Herrentum in ihm bäumte sich auf. Während des Krieges schrieb er einmal: ״An einem Palästina von jüdischen Proletariem habe ich kein Interesse. Die Siedler müssen sich zu wirtschaftlich unabhängigen Menschen entwickeln können.“ l ieber die Schwere der Aufgabe gab er sich keinen Illusionen hin: ״Die ganze Sache scheint ja unmöglich und doch muß sie gemacht werden.“ Ihr habt versucht, liebe Freunde, Ihm an einer der deutsehen Universitäten doch noch die Professur zu verschaffen, auf die er seit vielen Jahren Anspruch hatte. Anspruch nicht nur seiner wissenschaftlichen Leistungen wegen, sondern weil er ein geborener Lehrer war, von jenen ganz seltenen einer, in dem sich Klarheit des Denkens, Vornehmheit der Gesinnung, Tiefe der Empfindung, Leidenschaft des Ausdrucks und Schönheit der rednerischen Form zu vollkommener Einheit verbanden. So sehr er die Stille seines Laboratoriums liebte, was hat die deutsche Jugend verloren, daß man ihr diesen Führer vorenthielt! Aber wißt ihr, nach welcher Universität es ihn in Wirklichkeit verlangte? Nach der unbedeutenden Stätte auf dem Oelberg, von der sich allmählich ein neues Zentrum jüdischer Wissenschaft entwickeln soll. Nach Palästina, das er nur einmal, kurz vor dem Kriege, besuchen konnte, zog es ihn mit allen Fasern seiner Seele. Und doch versagte er sich, weil er der Meinung war, daß keine Gelder für rein wissenschaftliche Zwecke vorläufig dem wirtschaftlichen Aufbau entzogen werden dürften. Meint ihr vielleicht, daß sie denn doch nicht so ganz zwingend gewesen sei, diese Paiästinaliebe? Nun, so sollt ihr das ganz Unerhörte wissen: daß dieser Gelehrte, dieser Forscher, der sich so im Tiefsten mit seiner Wissenschaft verbunden fühlte, willens war, das alles über Bord zu werfen und daß er zu wiederholten Malen definitive Vorschläge machte, die darauf hinzielten, als ein kleiner Beamter hinüberzugehen, als ein Malariainspektor oder so was Aehnliches, nur um am Aufbauwerk teilnehmen zu können, ״da ich leider keine Kenntnisse fürs Wirtschaftliche habe“. Vielleicht hat das Abenteuerliche solchen Unternehmens ihn etwas gereizt, stärker aber, ihm selbst wohl in seiner Bescheidenheit unbewußt, muß ihn doch das Gefühl beherrscht haben, daß i«;Rlöhierzelten, noch wehr Als soh$t und wehr als alle Wissenschaft dies gilt: die Persönlichkeit Nicht nur um den Quellen seines Judentums näher zu sein, hat er hebräisch studiert. . . . Genug! Der Reichtum dieses Lebens kann in Worten doch nicht erschöpft werden. Wir, liebe Freunde, die ihn kannten, können es ja nur als Stammeln empfinden, wenn wir jetzt von ihm reden, da er es nicht mehr wehren kann. Und ihr, die ihr ihn nicht kanntet, denkt besser an die Verse seines geliebten Heine, um eine Ahnung seines Wirkens und seines Wesens zu haben: Rein und wahrhaft, sonder Makel War sein Lied, wie seine Seele — Als der Schöpfer sie erschaffen, Diese Seele, selbstzufrieden Küßte er die schöne Seele . . . New York, im März. Julius Simon. Grienspun Von Martha Hofmann. Dr. N., mein Arzt aus dem Hadassah-Hospital in Haifa, hat mich besucht. Er hat mir erzählt, daß Grienspun gestorben ist. Grienspun — gestorben. Ich kann es nicht glauben, ich kann es mir nicht vorstellen. So ist es jetzt ohne seinen leisen, unscheinbaren, allzeit guten Haus- ,!reist geblieben, das Haus am Abhang des Karmel, mit seinen vielen Betten und weißen Schwestern, mit dem Aethergeruch und dem Sausen der großen Primus-Kocher in der Küche, das Haus, in dessen Hof tagaus tagein die weiße Bettwäsche gewaschen wird, die so rasch in der Mittagssonne trocknet... Ich erwache. Silbergraue Dämmerung ist im Raum. Silbergrau und ölig stockend spannt sich drüben das Meer. Noch ist kein Segel wach. Noch ist die Sonne verborgen. Wie spät mag es sein? Ich brauche nicht nach der Uhr zu tasten. Täglich fast erwache ich um diese Zeit... — Ich höre das Schnauben der Esel aus dem Hofe — jenes Pfauchen, Brammen und Schnauben, das so gar nicht wie I—A klingt, das man uns Kindern daheim als Esellaut vormachte — ich höre Glöckchen bimmeln — da ziehen die ersten Kamele vorbei, sic wiehern brausend, neu belebt — wahrscheinlich bringen sie Gemüse zu Markt oder Eier aus dem nahen Jadgur — und dort — ich blicke halb aufgerichtet durchs Fenster — dort taucht Achmed’s gestrickte Arabermütze aus dem Straßengraben auf, worin der Bauarbeiter übernachtete.... Die alte Frau im benachbarten Bette hüstelt und wirft sich umher. Gleich wird sie erwachen. Schon mummelt sie leise Worte mit ihrem zahnlosen Mund. Oh, wie der Dicke drüben irn Männersaal wieder ächzt. Bin ich allein nur wach? Noch rührt sich nichts in den Krankenzimmern, nur die Schwester schlurft leisen Schritts durch den Korridor nach der Küche. Wohliges Aroma, Vorhaueh duftenden Kaffees, dringt zu mir. Oh, vvie ich euch liebe, ihr singenden, sausenden Petroleumbrenner, du Primus, Hort und Zuversicht von Erez-lsrael! — Meine Wunde brennt, meine Kehle ist trocken. Ich weiß, auch dieser Tag muß ertragen werden, ein neuer Tag voll Qual und Bitternis. Die Schwester Ruth bringt mir den ersten Kaffee. Sie meint es gut, die Schwester, ich habe nachts wenig ge* schlafen, habe gestern wenig gegessen, fast nichts. Der Kaffee soll dem erschöpften Organismus Kräfte verleihen, wie nur je ein duftender Zaubertrank.... Doch so sehr die Patientin danach schmachtet — die Schwäche verschmäht selbst ihr Heilmittel, sie wehrt der Nahrung. Matt und erschöpft sinkt die Kranke in das Kissen zurück. Noch einmal umgibt erbarmender Schlaf ihr schmerzendes Haupt mit dem dunkeln Mantel. Als sie wieder erwacht, sitzen die Kranken ringsum ganz oder halb aufgerichiet, schlürft die Alte behaglich mit hörbarem Wohlgefallen den frisch gewärmten Kaffee. Eia frisches Krankenhemd aus grobem Hausleinen umhüllt ihre hageren Glieder und vertraulieh plauscht ihr zahnloser Mund mit dem schmächtigen alten Mann im weißen Spitalskittel, der, den Stuhl dicht an den Bettrand gezogen, neben ihr silzt und sie füttert. Der da sitzt, der Alte, mit dem fein geknitterten kleinen Gesicht, der schmalen Nase, dem dünnen Bart beiderseits der kleinen Lippen, mit den Augen voll Güte und Klugheit, voll Leid und Schalk, voll Erbarmen und Scherz, — das ist Grienspun, der jüdische Apotheker aus Rußland, der vor 18 Jahren ins Land kam, jetzt Verwalter der Medikamente und Nahrungsmittel des Hospitals, Bruder und Vater der Kranken, Freund in jedem Schmerz und vor allem Tröster der hungernden, dürstenden Patienten, der heißhungrigen wie der appetit* losen, der von Operation und Narkose erschöpften, derer, die sich nicht aufrichten können, um die Nahrung zu nehmen, gütiger Mittler zwischen Linp’ und Tellersrand — kurz, Nährvater — Krankenfütterer. Das ist Vater Grienspun, der Kluge und Gütige, der Weise und Schalkhaftet der Erbarmungsreiche. Oh, welche Einfälle hat Vater Grienspun! Er schüttelt ״Schmetten“ (Sahne) in der Flasche, damit sie flüssiger, leichter trinkbar wird und flößt sie mir ein. Er hackt das Oebäck und feuchtet es in Tee und schiebt es der Patientin behutsam durch die schwach geöffneten Lippen. Er brät kleine weiße Fische, deren zartes Fleisch auf der Zunge beinahe zerschmilzt, kleine weiße Fische, die er bei seinem Freund, dem Fischer Ruhen, unten am Hafen bestellt hat, weil der Patient Fleisch nicht beißen kann. Er zerbricht sich den Kopf um ein neues Gericht, das den Magen nicht schädigt, das Fieber nicht treibt und den Organismus belebt. Habt ihr ihn je gesehen, wie er die Kranken füttert? Die Schwalben tun es nicht so, wenn die Jungen die Hälse recken und weitauf die gelben Schnibelein sperren. Habt ihr je gesehen, wie die tausend dünnen Fältchen um seine schalkhaften Augen strahlenförmig sich reihen, vor Freude blitzend, wenn es dem Kranken schmeckt? Gleich den Sonnenstrahlen schimmern die blanken Fältchen.... Und so geht auch den Kranken die Sonne auf, wenn Vater Grienspun hereinkommt. Früh un 6 Uhr, da tritt er die Arbeit an und wirklich erhebt sich damit um diese Stunde die Sonne. Vorher war Dunkelheit oder die Dämmerung — trübes Kauern zwischen Tag und Nacht, drückende Last der Einsamkeit, tödlicher Druck an den Schläfen. Aber dann kommt Grienspun und alles wird leichter. Der Druck löst sich, die Last fällt ab, Grienspun hat sie uns abgenommen. Er hilft uns tragen, er trägt selber. — Seltsam, dieser sorgsame Nährvater, niemals haben wir ihn selbst essen g״״ . — Nein — er wehrt ab. Er kann nicht essen, wenn es Arbeit gibt, sagt er. Er wird doch nicht selber jetzt essen, wenn die Kranken auf ihn warten. Er wird doch nicht warten lassen 1 Er ist ja nicht krank. — Wirklich nicht? Wir haben es oft bange gefragt, die Kranken einander oder ihn selbst. Gar kein Gedanke: Wer wird krank sein, wenn er gebraucht wird, wenn kranke Menschen auf ihn warten, seiner bedürfen? Und er macht Späße. Zitiert Raschi nicht anders denn unseres Scholem Alechem unsterblicher Tevvje, der Milchmann. Ja, so ist Grienspun. Nein — so war er. Denn Dr. N. Sagt mir, er sei nicht mehr. Plötzlich litt er an Schmerzen, so stark, daß er selbst — Vater Grienspun — sie nicht mehr verschweigen konnte. Vom Magen, so glaubte er, der jede Nahrung verweigerte. Aber es war das Herz. Des gütigen Krankenbruders selbstloses, allzeit tätiges sorgendes Herz. Noch sausen die Primuskodier in der Küche des Hospitals. Noch schnauben die Esel im Hofe vor Tagesanbruch, schreien die Möwen vom Strande, ehe die Sonne aufgeht. Doch er ist nicht mehr, der milde, gütige Lichtbringer des Tages für die Kranken, er Ist erloschen! — Geht noch die Sonde auf? Er ist nicht mehr — Vater Grienspun. ״Leis-leisc durchwandert ihr so, wie auf Zehen, die Pfade des Lebens, Wachsamen Herzens nur und horchbereiten Ohrs, — Einsam verstirbt euer Schritt, nicht Hall oder Spuren lassend... sagt Bialik von Euch, Ihr Stillen, Ihr Unbekannten — Ihr Un■ vergeßlichen. Ruhe sanft, Vater Grienspun'