Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1928)
- Date
- 1928-03-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit* 184 JUCISISCRE RUNDSCHAU Nr. 25, 27. IU. 1928 anwenden, bei dem die Juden die Empfindung habe«, daS es für sie gar nicht in Frage kommt, und das mit ihnen gar nicht in Zusammenhang gebracht werden kann, dieses Wort ״Mainlacbah“ ist das zentrale Wort dieser Schrift Dies Substantiv ״Mamlachah“ wird adjektiviert, adverbisiert, verbalisiert, variiert in allen verschiedenen Formen. Der ״wilde“ Jude braucht den Staat. Der Staat ist für ihn die Quintessenz seines individuellen und nationalen Daseins. Fr geht immer von einem besonders gearteten Staatsbewußtsein aus. Alles geht bei ihm durch das Prisma seiner staatszentrischen Weltanschauung. Was das Werden dieses postulierten Staates fördert, wird anerkannt, alles andere -- zum alten Eisen geworfen. Er kämpft für das Ideal eines reinen ״hebräischen“ Staatentunis, für die Schaffung einer hebräischen staatlichen Struktur (dabei ist nicht das Sprachliche gemeint). Staat ist für ihn der Boden, im Gegensatz zu der bodenlosen Exterritorialität der Diaspora. Staat ist für ihn identisch mit Totalität, keine bloße resultierende Zusammenfassung aller geschaffenen Werte und Güter. Die andere Voraussetzung dieser ״wilden“ Kampfschrift ist ein ganz nüchterner, diesseitiger Pasitivisfnus, ja vielmehr, ein moderner Utilitarismus. Auf diesem Boden kennt der Dichter keinen Idealismus. Er bekennt sich zur krassen Wirklichkeit, zur Wirklichkeit wie sie ist. Er ruft zur Wirkliehkeit auf. Er unternimmt den Kampf gegen all die Kultur- Strömungen, die dieses Bekenntnis zur Wirklichkeit abzulegen nicht imstande sind. Die beiden skizzierten Gedanken- oder Stimmungsdemente bilden in keiner Weise eine Einheit, aber wir haben es hier ja auch mit keinem philosophischen System m tun. Von seinem Standpunkte aus unternimmt Uri Zwi Grünberg den Kampf gegen die ״Neunundneunzig“, die die hebräische Literatur und jüdische Kultur schaffen. Im Lichte des neuen hebräischen ״Staatsbewußtseins“ will er sein ״litersrisches Ich“ untersuchen, seinen Beruf als hebräischer Dichter auf dem Boden Judäas feststellen. Daß er seine polnische Vaterstadt verlassen hat, daß er seine Muttersprache aufgab, sich seine ״jiddische Zunge“ ausgeschnitten hat, daß er nach Palästina ging, Hebräisch zu seiner Sprache machte — all dies und was dazu gehört, ist nicht Zufall. Seine Kollegen und Freunde, die um das neue hebräische Wort ringen, wflj er aufrütteln, daß sie sich Rechenschaft abgeben von ih{em Beruf, von ihren Pflichten als Diener des hebräischen Wortes, als Schöpfer seiner Majestät des hebräischen Judäa- Staates. Er vermißt in der hebräischen Literatur Palästinas die innere Umstellung, die geistige Revolution, die jeder Chaluz durchmachen muß, wenn er den Staat in Judäa bauen will. Die hebräischen Schriftsteller, die die Diaspora vor dem Kriege und hauptsächlich nach dem Kriege verlassen hatten und nach Palästina übersiedelten, hätten ״ander e“ werden müssen, sind aber dieselben geblieben. Sie setzen ihre fiterarische Tätigkeit in Tel-Awiw und Jerusalem fort, als ob sie noch in Berlin, Warschau, Wilna oder Odessa lebten. Sie sind nicht die Pioniere der neuen jüdischen Revolution; Nachzügler, Mitläufer sind sie. Nach einem Leben von 20 oder 30 Jahren im chaluzischcn Palästina erzählen diese Schriftsteller noch immer die aiten, inzwischen völlig abgeblaßten Geschichten aus der längst verschwundenen jüdischrussischen Provinz, aus dem Milieu des jüdischen Studenten und ״Baal-Bait“ von vor 30 Jahren — Geschichten, die die Schriftsteller vor 20 Jahren viel frischer, schöner erzählt haben. Läßt das nicht auf einen organischen Defekt dieser neuen Literatur schließen? Den Geist dieser Literatur vergleicht Grünberg mit einer alten Uhr, die seit der Zeit der Großeltern geht, mit einem verwischten Zifferblatt und ohne Zeiger. Wie spät ist es? fragt der ״wilde“ Dichter. Er will nicht immer in der Sphäre einer ״Ewigkeit“, sub specie acternitatis leben. Er fordert auf, sich zur jüdischen Kultur der Gegenwart, sieh zur Zeit und zum Raum zu bekennen. Die neunundneunzig palästinensischen Schriftsteller haben nicht richtig Fuß gefaßt in der palästinensischen Wirklichkelt, sie haben bisher das neue, große Wort nicht gesagt. Ihre Literatur ist keine Literatur eines werdenden Staates. Der ״wilde“ Dichter versteht es nicht, wie hebräische Dichter der Gegenwart Sonette und Idyllen verfassen können. Dies sind geeignete Formen für Petrarca, für Longfellow und andere, für ausgeruhte Olympier der verschiedensten Nationen. Aber der jüdische Dichter im Judäa der Gegenwart? Dieses Chaos im jüdischen Leben in der gesamten Diaspora — und ein Idyll? Grünberg sucht das Gestern des zerstörten Staates, nicht das Gestern der noch existierenden Diaspora. Ein Bibelpsahn aus der Zeit des jüdischen Heroismus ist ihm lieber als das schönste neuhebräische Gedicht, das nach bestem europälsehen Vorbild, nach modernstem Muster geschaffen ist Der hebräische Dichter auf dem Boden Palästinas kann sich manchen ״Luxus“ seines europäischen nichtjüdischen Genossen nicht ״leisten“. Mögen die nicht-jüdischen Dichter nach Palästina kommen und die schöne Landschaft des Landes unserer Väter besingen. Aber wir jüdischen Dichter? Diese ״poetische“ arabische ״Wüste“ in Judäa, diese arabischorientalischen Reize auf altem jüdischen Boden, der nicht uns gehört, müssen uns ״wie mit Messern ins Fleisch schneiden“, ״Blut aus jedem Gliede saugen“. ״Ich vermag nicht“, sagt der Dichter der ״Wilden“, ״am Meere das zu erleben, was ein Dichter eines reichen, gesättigten Volkes am Meere erlebt, dessen Bewußtsein doch von dem Glauben an sein Staatentum beherrscht wird, und sei er auch ein Kosmopolit wie Henri Barbusse. Ich kenne nicht das abstrakt-schöne Gefühl: Meer, Farbenspiel ... Ich habe eine ganz andere poetische Erkenntnis: Wozu brauchen wir jetzt soviel Wasser? Wieviel besser wäre es gewesen, wenn hier Land wäre und auf ihm Städte und Dörfer, Felder und Bäume; Nachts wäre Licht, Licht aus zehntausenden Fenstern; ein arbeitendes Volk, Kinder, die groß würden, Kühe, die Milch geben usw. Ein Staat im Werden. O, es wäre gar nicht schrecklich, wenn rauchende Schornsteine den schönen palästinensischen Himmel schwärzten, diesen schönen, schönen, sehr schönen HimmelI O, unsere Bodennot — und dieses schöne Meer, diese hem liehe kanaaalische Wüste!“ Orünberg will die so geartete poetische ״Blut-Erkenntnis“, die so genannte politisch-poetische Erkenntnis nicht eintauschen gegen das allgemeine poetische Erlebnis eines palästinensischen Dichters, der sich für verpflichtet hält, das Meer in Palästina zu besingen, wie die ״Anderen“ es tun. Der Dichter der ״Wilden“ bekennt sich mit einer Klarheit, die nicht viel zu wünschen übrig läßt, zur ״politischen“, tendenziösen Dichtung — in seinem angedeuteten Sinne. L’art pour l’art lehnt er ab. Literatur ist kein Selbstzweck. Auch die hebräische Literatur hat ihre Mission. Sie muß eine Kampfliteratur werden. Sie muß sich dem Volke, dem Gedanken des Staatentums im maximalsten Sinne des Wortes unterstellen. Die hebräische Literatur muß eine revolutionäre Literatur sein, eine Befreiungsliteratur werden, der Ausdruck jenes Uebergangsprozesses von einem exterritorialen Judentum zu einem staatlichen Hebräertum. Sie muß die neue Bundeslade werden, die an der Spitze gebt. Grünbergs Vorbilder sind B e r d i - czewski, Brenner, der Bialik der ״prophetischen Periode — und der Amerikaner Walt Whitman, von dem er besonders stark beeinflußt ist. Er möchte auch an die alte jüdische Prophetie anknüpfen, die aus der Tiefe des Volkes ihrer Zeit heraus die absoluten, ewig gültigen Werte geschaffen hat Andererseits ist die Haskalah-Uteratur sein Musterbild, jene Literatur, die ״Schwert und Flamme“ war, die eine zentrale Idee hatte, die von harten und groÄ Kämpfern geschaffen worden ist Und in der Tat, in seiner Einstellung zur Literatur Ist unser ״wilder“ Dichter nicht allzu fern von denjenigen Haskalah-Kämpfero, die beim damals bekannten russischen Kritiker Pissarew gelernt haben, daß ein Paar Schuhe wertvoller als der ganze Shakespeare sind . . . Dieser nüehtern-״wilde“ Dichter sehnt sich demnach nicht nach einer romantisch-jenseitigen Schechinab. Die Schechinah ist nur im täglichen Leiden und Schaffen des arbeitenden Mensehen in Palästina. ״Wenn ein Messias auferstehen wird, so wird er nicht mehr im primitiven Galiläa, sondern im kultivierten Galil zur Welt kommen — im QaÜl mit seiner Elektrizitit, seinen Maschinen, hygienischen Wohnstätten und Motor* booten auf dem See Kinereth. Er wird kommen und sprechen zu den neuen Israeliten, den Juden ohnne Bart und Peoth, die mit offenen Augen träumen können und im voraus wissen, ob ihre Träume verwirklicht werden können oder nicht!“ Das Lied des ״wilden“ Juden schließt diese Schrift: ... »13ם׳ ס13כים 3ךי1 .צל 3לי1נ1ת ל?(ים ,ותאבי 9י אלן? צ??ם" ה9'ש1!ר חןרא, בור מילה.- .»? ף*?»ים mf ליים אם אליה. אןןז1יי?י** ה$ילה ריאת מ?9<!ת. למ8׳& ה?אר סןבואה ליווית.. "ו©איו לי ללפ-^יל אלזלה ח§ד?ר מצלח ים!י דלדימים אבלסם ני^ר אכטיה ל9עוז!ת לץלב* ף&?ת1סי 0ט#ה א1י לוולת־ס^ה לכ^ה ןכ^מיים וכאובים?מ(י?אל״ריוראל. % ולא^חת הגופים הלילית?אלו האלימים אאןטע $־לא4קת הק<ןיג1ת .צל גאות׳גם*9;ם. ז1?ת!ךת היתולים ה$ךאים. (Frei über?et*t: Ihr, die mit 'Finte auf weißem Pa»» weinet,... Ihr wollt, ich •all mit Euch gelten, der wilde Dichter 8011 mit Euch rmammon singen... Meine Hand werde ich reichen den Schmieden, wenn das Eiien rot wird, und denen, die ihrem Vieh nachgehen. Ich wäll nicht sein wie das Kamel, das hier im Sande ruhig — ruhig seine Last schleppt, dessen Glocko tags und nachts schellt: Unterwerfung... Nachts werde ich mich de» Meere anschließen, wie dieses werde ich lasten auf diesem gelben Beden... Ich singe nicht in ״gesegneten" Versen, die Tore meines Herren« sind offen... Und siebzig Jahre, wann ich lebe, werde ich mich den Leidvollen anschließen, die landesdurstig im Lande sind, an der Spilre dieser sehnsuchtsvollen Menschen werde ich voranschreiten, den Quell der hebräischen Prophetie ru suche» •.. An Stelle de» mir versagten irdischen Brotes werde ich himmlisch» Gnade trinken... Meine Lippen werden triefen vom Tetengebet fdr viele Arme, Leidzorfressene, wie ich in Erer-lsrgej.,. Auf dl» nächtliche Seufzen dieser Kftrper in diesen Zelten werde leb horchen, als wäre es daa Seufzen der Schilfa auf hochgetQrmtea Meereswellen. Das ist das Gesetz des Dichter» in der Lehre der wilden Juden.) ■ Oege» ״Neunundneunzig“ kämpft der Dichter der ״wflden“ Juden. Aehnllebe, wenn 4uch andere geartete und «ad» anderer Richtung tendierende ״wilde“ Dichter kennen ja auch die anderen größeren und kleineren nichtjüdiaehen Literaturen. Auch dort gibt es einen Kampf gegen bloßen Aesthedzismus und journalistischen Impressionismus. Daß aber der Gegner der ״Neunundneunzig“ sicher Einseitigkeiten zum Opfer fällt, daß er in seiner Eigenschaft als fanatischer Kämpfer und Dichter manches anders sieht als es gesehen weiden müßte, daß er viele positiven Momente der jungen hebräischen Literatur vollkommen übersieht, muß fest־ gestellt werden. Und trotzdem ist dieser ״wilde“ Ruf ein Gebot der Stunde. Er stellt die warnende Frage an die Wortführer der jüdischen Kultur, an die führenden Gejster unserer Literatur: Schafft Ihr wirklich neue jüdische Kulturwerte oder seid Ihr vielleicht nur Gefangene im Schlepptau der alten, schafft Ihr wirklich eine neue jüdische Geschichte, gestaltet Ihr wirklich das neue hebräische Wort? Es ist wahrhaft gut, daß es noch ״wilde“ Juden gibt Gäbe es keine ״wilden“ Juden, so könnten wir vor lauter opporti*- nistischeni Kompromißlertum die Aufgaben verflachen, di* unsere Oeneration auf dem Gebiete der Literatur und der Lebensgestaltung zu vollbringen hat Hn Simsen -Roman von Jabottnsky ln nächster Zeit erscheint im Verlag Meyer & Jessen, München, unter dem Titel ״Richter und Narr• von Aitalena die deutsche Uebersetzung eines Slmson-Romans. Der Verfasser, der sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, ist niemand anderes als Jabotinsky, der früher bereits in Rußland unter demselben Pseudonym geschrieben hat Jabotinsky hat den Simson-Stoff frei bearbeitet, unter Festhaltung der allgemeinen Linie der biblischen Erzählung. Wir beginnen in der nächsten Nummer mit dem Vorabdruck eines Abschnittes, aus diesem hochinteressanten Buch« über das zum Schluß noch ein Wort zu sagen sein wird. Unter dem Titel ״Die Kunst, als Jude zu lehen“ erscheint demnächst beim Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig, von Heinrich York-Stejner, dem Autor des ״Talmudbauer“, ein Buch, in dem das Zusammenleben mit der Christliehen Mehrheit unter dem neugeprägten Leitsatz ״Minder• heit verpflichtet“ erörtert wird. bekamen Lungenbluten und starben im fünfzigsten Jahr ihres Lebens. Es gab allerlei Hygiene und Gesetze, die Arbeiter sollten Masken tragen, die Arbeitsräume sollten so und so viel Meter hoch und weit sei# und die Fenster offen. Aber eine Renovierung der Fabrik hätte Neuner viel mehr gekostet, als doppelte Kinderzulagen. Deshalb wurde der Militärarzt zu allen sterbenden Arheitern gerufen. Und er bestätigte schwarz auf weiß, daß sie nicht an Tuberkulose gestorben waren und auch nicht an Blutvergiftung, sondern am Herzen. Es war ein herzkranker Menschenschlag, alle Arbeiter Neuners starben ״infolge Herzschwäche“. Der Militärarzt war ein guter Kerl, er mailte jeden Tag im Hotel Savoy Schnipse trinken und den Santsdiins Weine schenken, wenn es zu spät war. Die Gewerkschaftsführer lebten auch schlecht, aber sie kamen sich vor, wie Bürgermeister der Fabrik und Neuner war ihr König. Jetzt suchten sie immer wieder Wege, um zu Neuner zu kommen. Er empfing sie mit Wein und Kaviarbrötchen, gab ihnen Vorschüsse und vertröstete sie mit Bloemfiekl, Es war dem Fabrikanten Neuner überhaupt gar nicht um die Arbeit zu tun. Bloomfield, dessen Arm weit war und über den großen Teich reichte, Bloomfield war an allen Fabriken seiner alten Vaterstadt beteiligt. Wenn er einmal im Jahr herüberkam, ordnete sich alles, ohne daß es Neuner etwas gekostet hätte. Neuner wartete auf Bloomfield. Man wartete also auf Bloomfield — nicht nur im Hotel Savoy. In der ganzen Stadt wartete man auf Bloomfield. Im Judenviertel erwartete man ihn, man hielt mit den Devisen zurück, das Geschäft war flau. Man hoffte auf ihn in den oberen Stockwerken des Hotels, Hirsch Fisch zitterte vor Angst, Bloomfield könnte ein Unfall zugestoßen sein und er hatte sich schon schöne Lose träumen lassen. Uebrigens hatte sich Hirsch Fisch mit meinem Los geirrt, die Ziehung war erst in zwei Wochen. Ich erfuhr es im Gemeindeamt. Auch in der Armenküche sprach die Welt von Bloomfield. Wenn er kam, bewilligte er alle Forderungen, die Erde bekam ein neues Gesicht. Was machte bei Bloomfield so eine Forderung? So viel gab er im Tag für Zigarren aus. Man erwartet Bloomfield überall: 1111 Waisenhaus ist ein Schornstein eingestürzt, man richtet ihn nicht, weil Bloomfield jedes Jahr etwas für das Waisenhaus gibt. Kranke Juden gehn nicht zum Arzt, weil Bloomfield die Rechnung bezahlen soll. Am Friedhof hat man eine Erd- Senkung bemerkt, zwei Kaufleute sind abgebrannt, die Kaufleute stehen in der Gasse mit ihren Warenballen, es fällt ihnen nicht ein, die Läden zu reparieren — womit sollten sie zu Bloomfield gehn? , Die ganze Welt wartet auf Bloomfield. Man wartet mit dem Versetzen des Bettzeugs, mit Anleihen auf Häuser, mit Hochzeiten. Es ist eine große Spannung in der Luft Abel Glanz sagt mir, er hätte jetzt Gelegenheit, eine gute Stellung anzunehmen. Aber lieber wäre ihm eine Stellung bei Bloomfield. Ein Onkel des Glanz lebt in Amerika, bei dem könnte man wohnen, vielleicht gibt Bloemfiekl nur die Schiffskarte, ohne Anstellung, dann würde er sich schon durch den Onkel fortbringen. Glanz’ Onkel verkauft Limonaden in den Straßen New Yorks. Sogar Phöbus Böhlaug braucht Geld, um sein Geschäft zu ״vergrößern“. Er wartet auf Bloomfield. Aber Bloomfield kommt nicht. So oft der Zug aus Deutschlan.l einührt, steheu viele Menschen am Bahnhof, Vornehme Herren mit braunen und gelben Reiseplaids kommen mit großen Lederkoffern in Gummitnänteln, mit zusammengerollten Schirmen ln Etuis. Aber Bloomfield kommt nicht Dennoch gehen die Menschen täglich zur Bahn. XV1II. Plötzlich war Bloomfield da. Es ist immer so mit den großen Ereignissen, mit den Kometen und Revolutionen und Hoch- Zeiten der regierenden Fürsten. Die großen Ereignisse lieben es, überraschend zu kommen, und jede Erwartung bewirkt ihr Zögern. Bloomfield, Henry Bloomfield, kam in der Nacht, um zwei Uhr im Hotel Savoy an. Um diese Zeit verkehrten keine Züge — aber Bloomfield kam auch gar nicht mit der Bahn — war Bloomfield denn auf Eisenbahnen angewiesen? Er fuhr von der Grenze im Auto hierher, in seinem amerikanischen Salonauto, weil er sich auf die Eisenbahnen nicht verließ. So einer war Henry Bloomfield: das Sicherste schien ihm ungewiß, wenn alle Menschen mit dem Zugsverkehr rechneten, wie mit einem Naturgesetz, mit Sonne, Wina und Frühling, so machte Bloomfield eine Ausnahme. Er traute nicht einmal den Fahrplänen, obwohl sie doch staatlich waren und einen Adler trugen und Siegel von verschiedenen Bezirksdirektionen und das Resultat mühevoller Berechnungen waren. Bloomfield kam um zwei Uhr nachts im Hotel Savoy an und Zwonimir und ich waren Zeugen seiner Ankunft Wir kommen nämlich um diese Zeit aus den Baracken. Zwonimir trank eine Menge und küßte alle. Zwonimir konnte sehr viel trinken, wenn er Ins Freie kam, war er wieder nüchtern, dje Nachtluft nahm ihm jeden Rausch — der Wind bläst mir den Spiritus aus dem Kopf, sagt Zwonimir. Die Staat ist still, eine Turmuhr sehlägt Eine schwarze Katze läuft übet den Bürgersteig. Man kann die Atemzüge der Schlafenden hören. Alle Fenster des Hotels sind dunkel, eine Nacht* lampe lauert rötlich vor dem Eingang, in der engen Q*sse sieht das Hotel aus, wie ein düsterer Riese. Durch die Scheiben der Hoteltür sieht man den Portier. Er hat die betreßte Livreekapp* abgelegt יzum ersten Mal sehe ich, daß er einen Schädel besitzt, ein wenig überrascht mich diese Tatsache. Der Portier hat ein paar graue Haarbüschel, sie wachsen um seine Glatze und rahmen sie ein, wie eine Oirlande eine Geburte» tagsplatte. Der Portier streckt beide Beine weit von sieh, er träumt gewiß, daß er in einem Bett liegt. Die Normaluhr in der Portierloge zeigt drei Minuten vor zwei. In diesem Augenblick fährt ein Kreischen durch die Luft, es ist, als ob die ganze Stadt auf einmal aufschreien würde. Einmal und noch einmal und zum drittenmal kreischt es. Schon flitzt da und dort ein Fenster auf, zwei Stimmen sprechen. Ein Dröhnen erschüttert das Holzpflaster, auf dem wir stehen. Ein weißer Schein erfüllt die Gasse, es ist, als ob ein Stück des Mondes in die schmale Gasse gefallen wäre. Der weiße Schein kam von einer Laterne, einer Blendlaterne, einem Scheinwerfer: dem Scheinwerfer Bloqmfields. So kam also Bloomfield, wie ein Nachtangriff. Der Scheinwerfer erinnerte mich an den Krieg, ich dachte an ״feindliche Flieger“. Es war ein großes Auto. Der Chauffeur waf ganz in Leder gehüllt. Er stieg ab und sah aus wie ein Wesen einer fremden Welt. Das Auto ratterte nach ein bißchen. Es war bespritzt vom Kot der Landstraße und war von der Große einer mäßigen Schiffskabine. (Fortsetzung folgt)