Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1928)
- Date
- 1928-03-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 27.März!928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Maxim Gorki (zu seinem 60. Geburtstag) Von Scb. Gorelik. Vor dreißig Jahren durch seine Erzählungen aus dem Leben ״gewesener Menschen“ zur großen Sensation der russisehen und europäischen Literatur geworden, hat Gorki durch sein weiteres sehr produktives Schaffen den verdient erlangten Weitruhm immer mehr befestigt. Jede neue Erzählung, jeder neue Roman Gorkis fesselt unsere Aufmerksamkeit, rüttelt uns auf und ergreift, obwohl er doch immer mit denselben Motiven vor uns tritt, immer dieselbe düstere Melodie aufnimmt und das Tal des Jammers, die Hölle menschlicher Leiden zeigt Die Selbstbiographie Gorkis, das Buch ״Meine Universitäten“, in dem er sein schweres, bitteres Leben mit seltener Meisterschaft schildert, beweist, in welch erschreckender Weise er das Grauen der Hölle erdulden mußte. Geläutert verließ er ihre Pforten und gab sich den heiligen Schwur, über alles Erlittene und Erlebte getreu zu berichten. Gorki heißt ״bitter“ (sein bürgerlicher Name ist Aleksei Pjeschkow) und in diesem Pseudonym, das er sich wählte, liegt schon die Bezeichnung für den Charakter seiner Werke: Bitternis, Grausamkeit des Lebens und der Menschen. Gorki selbst bemerkt Irgendwo, daß er oft verzweifelnd sich fragte, warum es gerade ihm beschieden war, soviel Grausames, Bestialisches, Niederträchtiges zu sehen. Das überraschende Philosophieren betrunkener Vagabunden, das rhetorische Beichten russischer Seelen und all die stillen Weisen, heiligen Narren, denen wir in Gorkis Büchern begegnen, können und sollen uns nicht vergessen machen, wie schrecklich doch die Menschen, die Bilder des Lebens sind, die Gorki geschildert hat. Kein anderer wie Oorki hätte den Anspruch für sich erheben können, grenzenloser Pessimist und Menschenverächter zu sein. Daß das Gegenteil eingetreten ist, daß Gorki sich freudig zum Optimismus bekennt, ist ein Zug, dem eine gewisse Größe nicht abzusprechen ist. Der Schilderer der Hölle ist auch Verfasser von Hymnen auf den Menschen, ״der immer vorwärts schreitet und höher, immer vorwärts und höher“. Trotz allem. Tolstoi geriet darüber in nicht geringe Verwunderung, er äußerte diese seine Verwunderung, indem er zu Gorki einmal sagte: ״Und sehr merkwürdig, daß ihr, wo Ihr das Recht hättet, schlecht zu sein, dennoch gut seid. Ja, Ihr hättet ein Schlechter sein können.“ Und ferner sagte Tolstoi, daß Gorki ein ״kluges Herz“ hat Aber nicht nur klug ist das Herz Gorkis, sondern auch groß. Und dieses große, heiße Herz Gorkis war auch dem jüdischen Volke stets aufrichtig, vorbehaltlos zugetan. Sein Eintreten für Juden war immer von einer Stärke des Gefühls, deren laue Freunde niemals fähig sind. Außer Korolenko und Wladimir Solowjew hat Rußland keinen weiteren Schriftsteller aufzuweisen, der wie Gorki die Ungercchtigketten, die am jüdischen Volk begangen—worden sind4 s_0 tief/ » leidend einpfunden hat. ״Kannst du mir nicht sagen — fragte ihn einmal Andrejew — was dich zwingt, für den fruchtlosen Kampf gegen die Judophobcn soviel Zeit zu vergeuden?“ Gorki zählt die Gründe auf, die in ihm eine tiefe Sympathie für die Juden erweckten. Sie sind •alle schmeichelhaft für uns, und am Schluß bemerkt er: ״Hinzu kommt noch das Beschämende für einen Russen, daß in seinem Hause — in seiner Heimat — ununterbrochen Schändliches und Niederträchtiges an den Juden begangen wird.“ Sehr interessant ist übrigens dieses Gespräch zwischen Gorki und Andre jew. Mit seinem mutigen Auftreten für Juden und Jüdisches wollte Gorki nicht einfach Sympathie ausdrücken, sondern auch sozusagen einen Teil der Schuld abtragen. Für die Leiden, für die Ungerechtigkeiten, die die Juden in Rußland und in der Wett überhaupt zu erdulden hatten, fühlte sich Gorki als Nichtjude, der großen nichtjüdischen Mehrheit angehörend, irgendwie mitschuldig, mitverantwortlich. Bel Andrejew dagegen löste ein solches Gefühl der Mitverantwortung eine gereizte Stimmung aus. ״Ich liebe sie nicht — sagte er — sic bedrücken mich. Ich fühle mich verpflichtet, ihnen Komplimente zu machen.“ ln den Werken Gorkis ist nur eine Erzählung vorhanden, ״Kain und Artem“, in der ein Jude geschildert wird. Kain ist der Name, den verkommene Menschen in einer verkommenen, verwahrlosten Gegend der Stadt dem furchtsamen Straßcnhändlcr C-haim gegeben haben. Der Hauptheld der Er- Zählung ist Artem, wegen seiner großen Kraft von allen gefürchtet. Ein Raufbold. Einmal wird an ihm, als er bctrunken war, von seinen zahlreichen Feinden Rache geübt. Artem wird arg zugerichtet und bleibt halbtot am Boden liegen. Von allen verlassen. In diesen Stunden der schwersten Bedrängnis nähert sich dem hoffnungslos daliegenden Artem Chaim — Kain, der auch einmal die Prügel des Riesen zu spüren bekommen hatte, und reicht ihm Hilfe. Er ist der einzige, der nicht an Rache denkt. Chaim rettet Artem, seine Rettung hat der gefürchtete Vagabund dem Juden zu verdanken. Er will sich erkenntlich zeigen, er fühlt sich dem Juden gegenüber verpflichtet und, wieder im Besitz seiner physischen Kraft, breitet er seine schützende Hand über Chaim aus. ״Jeden, der Kain mit einem Worte beleidigt, werde ich totschlagen“, verkündet Artem. Chaim-Kain bewegt sich, dank des mächtigen Schutzes, freier. Er wird von niemandem mehr belästigt, bis eines Tages Artem den Schutz kündigt. Er erklärt, daß er cs nicht mehr aushalfen könne, Beschützer zu sein, sich jemandem dankbar, verpflichtet zu fühlen. Er ist ganz auf Rache für die erlittene Schmach eingestellt, und hier soll er betreuen, bemitleiden, schützen. Es ist keine Sache für Artem, er hält es einfach nicht mehr aus. Für die Hilfe damals ist er bereit, zu zahlen, aber Chaim muß weg. Weg soll er aus der Gegend. ״Und ich habe es doch gewußt . sagt Kain — schon damals, als ich zu Euch, dem Zerschlagenen, ging, wußte ich es, daß Ihr nicht lange für mich werdet cintreten können.“ Kain geht, kehrt aber bald wieder, um noch einen letzten Versuch zu machen. ״Artem — rief Kain und wartete lange auf Antwort — Artem? Vielleicht tut ihr nur so? — wiederholte der Jude mit zitternder Stimme. — Erinnert Ihr Euch, wie ich Euch damals ... 11a? Artem! Keiner kam, nur ich bin gekommen.“ Alt Antwort ertönte nur das Schnarchen Artems. Je nach der Einstellung zum Menschen und den Dingen des Lebens wurde seinerzeit die Erzählung gedeutet. Manche bemerkten nur die Furchtsamkeit Cbaiins, daß er sich selbst nicht schützen konnte und nahmen daran Anstoß. Andere dagegen sahen in Chaim den Menschen, der in sich das Gefühl der Barmherzigkeit trug, einen Menschen, der weiß, was ״Rachamim“ heißt. Und besteht denn nicht die Anklage gegen Welt und Mensch in Gorkis Werken darin, daß es so wenig ״Rachamim“ gibt? Die Sympathien Gorkis konnten deshalb nicht auf seiten des Artem, sondern mußten auf seiten Chäims; 'sein...־-' - ״ - .• Gorki vergaß niemals das schwere Unrecht, das die Juden in Rußland erleiden mußten. Sein waches Gewissen zwang ihn, immer daran zu denken. Zu der wahren Sympathie, die er auch sonst für die Juden hegte, gesellte sich noch das Bemühen, durch offenes, warmes Auftreten dieses Gefühl der Verantwortung stets zu bekunden, wenn es sich um eine jüdische Sache handelte. In Maxim Gorki ehrt und schätzt die jüdische Welt nicht nur den großen Schriftsteller, sondern auch den aufrichtigen, tapfern Freund. Die jüdische Welt hat alle Veranlassung, dem bedeutenden Menschen Maxim Gorki zu seinem 60. Geburtstage die wärmsten Gefühle und Wünsche entgegenzubringen. * Maxim Gorkis Werke erscheinen in einer deulschen Gosamtausgabo im Matik-Verlag, Berlin. Zuletzt erschienen tlio Romane ,,Das Werk rler Antamanows" und ,,Kosherajakin" (nvei Bande . Es sind echt russische Dichtungen, in denen dio Scolo der rassischen Kleinstadt, die Sehnsucht und Zerrissenheit des russischen Menschen und seine tiefe Religiosität eino Gestaltung findet, die in den realen Problemen dieser durch ihre ökonomischen Veränderangen charakterisierten neuen Zeit wurzelt. Aus der hebräischen Literatur Von Z. J z c h a k 1*). Das Lied des ״wilden" Jaden Wir haben oft in unseren ״Cheder“-Jahren von den ״wilden“ Juden gehört. Sie haben unsere kindliche Phantasie sehr angeregt, gereizt, sie waren Gegenstand unserer Träume Tag und Nacht. So oft sind wir unaufmerksam im ״Chcder“ und zu Hause ertappt worden, unsere Gedanken waren bei den ״wilden“ Juden, bei unseren ״wilden“ Brüdern. Wir wollten aus dem ״Chedef“ fliehen, um dorthin zu gelangen, wo die ״wilden“ Juden leben. Aber wie sollten wir es bewerkstelligen? Wir wußten zwar wenig von den Juden unserer Umgebung, von den ״zahmen“ Juden, die wir Tag für Tag, Sonnabend für Sonnabend im Bet-Hamidrasch sahen. Wir wußten aber ganz genau Bescheid über die ״wilden“ Juden, die Juden jenseits des Sarabation, jenseits aller jetier ״Vulkane“, die die* ganze Woche Feuer speien, aber am Sonnabend ruhen, die Ihre vulkanische Tätigkeit einstellen, sobald wir Freitag abends den Weg zum Bet-Hamidrasch an getreten haben. Wir sind inzwischen groß und alt geworden, wir haben die ״wilden“ Juden ganz aus unserm Gesichtskreis verloren. Und deshalb werden sich viele jüdische Menschen, die mit jenen ״wilden“ Juden aufgewachsen sind, freuen zu erfahren, daß die ״wilden“ Juden nicht tot sind, daß es kein Betrug war, daß es ״wilde“ Juden gibt, daß sie nun einen Dichter gefunden haben, der ihre Gedanken- und Gefühlswelt zu gestalten versucht. Freilich, es sind nicht jene ״wilde“ Juden, mit denen wir iu unserer Kindheit befreundet waren, sie leben nicht jenseits des Sambation, sondern am Jordan und Kincreth, in Jerusalem und Tei-Awiw, sie sind zwar keine Sprößlinge der verschollenen ichn Stämme Israels, sondern Kinder jüdischer Männer und Frauen aus Wilna und Kowno. Sie sind aber doch ״wilde“ Juden. Sie wollen ״wilde“ Juden sein. Der Dichter dieser ״wilden“ Juden unserer Gegenwart ist der jetzt in Palästina lebende Und schaffende Uri Zwi Grünberg, und sein Lied des ״wilden“ Juden heißt: ״Gegen Neunundneunzig“׳*). Das Lied kommt erst am Schluß. Die Schrift beginnt mit einer scharfen polemisch-publizistischen Auseinandersetzung des ״wilden“ Dichters mit der neuen hebräisetaen Literatur, mit der jüdischen Wirklichkeit hüben und drüben. Es ist eine Kampfschrift, die mit schwerstem Geschütz operiert. Seit den aggressiven, temperamentvollen, zündenden Worten M. J. Berditschewskis um J. Ch. Brenners ist eine solche Sprache in der jüngeren hebräischen Literatur nicht gesprochen worden. Man braucht nicht, ja man kann auch nicht mit der ganzen Kulturauffassung, mit der gesamten Lebenseinstellung dieses ״wilden“ Dichters übereinstimmen. Seine Staatsphilosophie, wenn dieser Ausdrude hier angewandt werden darf, seine historischen Voraussetzungen wird nicht jeder bejahen können. Er muß aber doch gehört werden. Es ist mehr als in einer Hinsicht notwendig, diese Stimme auf uns wirken zu lassen. ״Gegen Neunundneunzig“: Gegen die neunundneunzig von hundert Juden kämpft der alleinstehende ״wilde“ Jude. Gegen die neunundneunzig hebräischen Schriftsteller, gegen die neun• undneunzig jüdischen Politiker, Staats- und Kulturpolitiker, gegen diese und jene Neunundneunzig zieht der Dichter der ״wilden“ Juden zu Felde. Ein eigenartiger ״ekstatischer“ Staatsmystizismus, eine mystische Verherrlichung des Staatsgedankens, des Willens zum Staat, wie wir es charakterisieren möchten, eine Ueber- Ordnung des Staates über das gesamte Kulturscliaffen, bilden die eine Seite dieser Kampfschrift Staat heißt hier jüdischer Staat, Judenstaat im Judenlande. Das bei den Juden längst in Vergessenheit geratene, aus dem Sprachgebrauch verschwundenc hebräische Wort ״Mamlachah“ טסלכה, dieses Wort, das die Juden seit Jahrtausenden nur auf fremde Gemeinwesen *) Siehe ״Jüdische Rundschau“ Nr. 7 vom 24. Januar. •אורי גבי גריגגרג׳ מסי תשעים ותשעה. הרצאת .5דך. תל־אביב• תרפ״ח Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. (9. Fortsetzung.) Mein Freund Zwonimir geht in die Baracken, denn er liebt Aufregung lind Unruhe und ver- ״rößert sie. Er erzählt den Hungernden von den Reichen, schimpft auf den Fabrikanten Neuner und erzählt von den Mädchen in der Bar des Hotel Savoy. Du übertreibst ja, sage ich zu Zwonimir. Das muß man tun, sonst glauben sie einem nichts, sagt er. Er erzählt vom Tod Santschins so stark, als wäre er dabei gewesen. Er hat eine Kraft zu schildern, der Atem des Lebens geht von seinen Reden aus. Die Heimkehrer hören zu, und dann singen ssc Lieder, jeder sein Heimatslied und alle klingen gleich. Tschechische Lieder und deutsehe, polnische und serbische und in allen liegt die gkiche Trauer, und alle Stimmen sind gleich rauh und hart und gröhlend — und dennoch klingen die Melodien so schön, wie manchmal die Stimme eines alten, häßlichen Leierkastens schön ist ־— an Märzabenden, 1m Vorfrühlung, an Sonntagen, wenn die Straßen leer und reingefegt sind, von den großen Glocken, die des Morgens über die Stadt gingen. Die Heimkehrer essen in der Armenküche und Zwonimir auch. Er sagt, das Essen schmecke ihm. Zwei Tage essen wir in der Armenküche und ich sehe, daß Zwonimir recht hat. Amerika! — sagt Zwonimir. Es war eine dicke Bohnensuppe, wenn man den Löffel hineinsteckte, blieb er drinnen, wie sin Spaten in der Erde. Das ist Geschmacksache, ich liebe dicke Bohnen- und Kartoffelsuppen. Niemals öffnet man die Fenster in der Armenküche, deshalb liegt der Duft alter Speisereste in den Winkeln und steigt von den niegewaschenen Tischplatten auf, wenn der Dampf der frischgekochten Speisen ihn zu neuem Leben erweckt. Und die Menschen sitzen eng an den Tischen, ihre Ellbogen führen Krieg gegeneinander. Ihre Seelen sind friedlich, ihre Gesinnungen freundschaftlich, und ihre Arme führen Krieg. Die Menschen sind nicht schlecht, wenn sie viel Raum haben. In den großen Gasthäusern nicken sie einander fröhlich zu, weil sie Platz finden. Bei Phöbus Böhlaug streitet niemand, weil die Menschen einander aus dem Wege gehn, wenn es ihnen nicht mehr paßt. Aber wenn zwei in einem engen Bett liegen, kämpfen ihre Beine im Schlaf und ihre Hände zerreißen die dünne Decke, die sie einhültt. Wir stellten uns um halb eins an das Ende einer langen Menschenkette. Vorne stand ein Polizist und wedelte mit dem Säbel, weil er sich langweilte. Je zwanzig wurden eingelassen, wir standen paarweise, Zwonimir und ich zusammen. Zwonimir fluchte, wenn es zu langsam ging. Er sprach mit dem Polizisten, der ihm nicht gerne antwortete, weil die Behörde schweigsam sein muß. Zwonimir sagte ihm ״Du“ und ״Kamerad“ und einmal erklärte er, daß ein Polizist gar keinen Grund hätte, so stumm zu sein. ״Du bist stumm, wie ein Fisch, Kamerad!“ sagt Zwonimir. ״Nicht w ie ein lebendigcr? sondern wie ein toter Fisch, den man mit Zwiebeln füllt hier zu Lande. Bei uns zu Hause werden nur gesprächige Menschen zur Polizei engagiert, so wie ich einer bin.“ Die Arbeiterfrauen erschrecken ob cinei solchen Rede und fürchten sich, zu lachen. Der Polizist, der sieht, daß er Zwonimir unterlegen ist, zwirbelt seinen Schnurrbart und sagt: ״Das Leben ist langweilig. Es gibt kein Gesprächsthema.“ ״Siehst Du, Kamerad,“ sagt Zwonimir, ״das kommt davon, daß Du nicht in den Krieg gegangen bist, sondern zur Militärpolizei. Wenn man im Schützengraben gelegen hat, wie wir, hat man Gesprächstoff bis zum Tod.“ Hier lachen einige Heimkehrer. Der Polizist sagt: ״Unser Leben war auch in Gefahr!“ ״Ja,“ erwidert Zwonimir, ״wenn Ihr einen mutigen Deserteur gefaßt habt — freilich, das glaub ich schon, da war Euer Leben in Gefahr.“ Kein Zweifel, die Heimkehrer liebten meinen Freund Zwonimir, und die Polizisten nicht. ״Du bist ein Fremder,“ sagen sie zu ihm, ״und sprichst zu viel bei uns.“ ״Ich bin ein Heimkehrer und darf mich hier aufhalten, Freund, weil meine Regierung mit der Deinigen eigens deswegen einen Vertrag geschlossen hat. Das verstehst Du nicht: es gibt in meinem Lande der Eurigen genug, und wenn Ihr mir hier ein Haar krümmt, schlägt meine Regierung daheim den Eurigen die Kopfe ab. Aber man sieht, Du hast keine Politik studiert. Bei uns zu Hause muß jeder Polizist eine Prüfung in Politik abiegen.“ Das sind wirksame Argumente und die Pollzisten schweigen. Und Zwonimir konnte jeden Tag fluchen. Er fluchte, wenn er lange warten mußte und auch drinnen, wenn er die Suppe schon in der Hand hielt Sie war kalt oder ungesalzen oder zu sehr gesalzen. Er steckte die Menschen mit seiner Unzufriedenheit an, sie schimpften alle, schweigend oder laut, so, daß die Köche hinter den Scheibenfenstern erschraken und noch einen Löffel mehr dazugaben, als sie gewohnt waren und als ihnen befohlen war. Zwonimir vergrößerte die Unruhe. Die Arbeiterfrauen nahmen Suppe in Töpfen nach Hause, für den Abend. Sie hätten die Suppe auch in Zeitungsnapier packen können, wie sie es mit dem Viertel Brot taten — so erstarrt und zäh war sie, wenn man sie kalt werden ließ. Es war dennoch eine schmackhafte Suppe, man aß sie sehr lange und weil nur je zwanzig eingelassen wurden, dauerte die Abspeisung drei Stunden. Man hörte, daß die Köche unzufrieden waren, sie wollten nicht für geringen Lohn einen ganzen Tag arbeiten. Von den Wohltätigkeitsdamen, die umsonst und ehrenhalber die Aufsicht führen sollten, war am zweiten Tag nichts mehr zu sehen. Zwonimir hatte eine ״Tante“ genannt und man drohte, die Küche zu sperren. ״Wenn sie nur die Küche sperren!“ sagt Zwonimir. ״Wir werden sie schon aufmachen. Oder wir werden uns von Herrn Neuner zum Mittagessen einladen lassen. Seine Suppe ist bestimmt besser.“ ״Ja, der Neuner,“ sagen die Arbeiterfrauen. Sie waren elend und blaß und die schwangeren schleppten ihre gesegneten Leiber, wie eine verhaßte Last ״Wenn man ein Bündel Holz schleppt vom Walde,“ sagt Zwonimir, ״weiß man wenigstens, daß es warm wird in der Stube.“ ״Neuner hätte ja Zulagen für jedes Kind gegeben, wenn sie nicht angefangen hätten zu streiken, wäre es doch irgendwie gegangen,“ weinten die Frauen. ״Es wäre nicht gegangen,“ sagte Zwonimir, ״es kann nicht gehen, wenn der Neuner verdienen will.“ Es war eine Borstenreinigungsfabrik. Dort reinigte man die Schweinehaare von Staub und Schmutz, und es wurden Bürsten daraus gemacht, die wieder zum Reinigen dienen. Die Arbeiter, die den ganzen Tag die Borsten strählten und siebten, schluckten den Staub und