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Jüdische Rundschau · 1928-03-23 · Heft 24 (23.3.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 24 (23.3.1928)
Date
1928-03-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24, 23. III 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 175 uns bekämpfenden jüdischen Welt gibt es verborgene Zio* ת i s t e n in großer Zahl; und gibt es ferner viele, die wenigstens zu der Erkenntnis kommen können, daß die jüdische Entscheidüng in unserem Geschlecht durch die Verwirklichung des Ziorn'smus herbeigeführt wird. Ein Wort noch zum Schluß an die ernsten Freunde des Palästina-Aufbaus außerhalb unserer Reihen. Im G-V. finden wir eine wachsende Zahl. Es will mitunter scheinen, als ob diese Palästinafreunde die gemeinsame Arbeit am Keren Hajessod an einen Gesinnungswandel im Zionismus knüpfen. Auch sie versuchen, die zionistische Bewegung durch eine gewisse bagateUisierende Dar- Stellung harmlos erscheinen zu lassen und glauben, so der Palästlna-Sache zu nützen. Gerade diese aufrichtigen Freunde des Palästinawerks sollen wissen, daß sie mit dieser Taktik einen schweren Felder begehen. Würde sie Erfolg haben, so gäbe es keine Hoffnung auf ein jüdisches Leben, das den Erwartungen, die auch sie mit dem jüdischen Palästina verknüpfen, gerecht zu werden vermag. Ohne eindeutigen Zionismus gibt es keine neuen Menschen für Erez-Israel. Wer hingeht, bedarf der treibenden Idee. Er läßt sich nicht von vorsichtigen Maßnahmen Außenstehender dieses Lebensziel bestimmen. Nicht einmal wir Zionisten könnten durch ״Beschlösse“ den Zionismus bändigen und der palästinensischen Entwicklung ihren Weg vorschreiben. Die von uns seit Jahren mit Erfolg betriebene Kooperation von Zionisten und Nichtzionlsten war und ist in ihrer Art wahrhaft neutral. Jeder kann teilnehmen, der das Werk will und jeder mit seiner ganzen ungebrochenen und klaren Haltung in jüdischen Dingen. Ich glaube, daß die ernste Auseinandersetzung über die Anschauungswelten im Judentum nur dazu beitragen kann, den Freunden Palästinas eine bessere Möglichkeit für ehrliche Mitarbeit zu geben. Es gibt keinen anderen Ausweg. Zionismus ist uns innerer Zwang, Erez-Israel die Aufgabe für die ganze jüdisehe Welt. * Nahem Goldmaans Rede Nach dem ausführlichen Referat von Blumenfeld möchte ich mich darauf beschränken, einige Bemerkungen zu dem Thema zu machen, und zwar weniger von einem polemisch parteipolitischen Standpunkt, als vielmehr von dem überparteilichen Gesichtspunkte einer Betrachtungsweise, die das deutsche Judentum innerhalb des gesamtjüdischen Lebens von heute einreiht. Die deutsche Judenheit ist in ihrer Gesamtheit sicherlich einer der wertvollsten und kraftvollsten Teile des jüdischen Volkes. Ihre Gemeinden, ihre Organisationen, die Summe von jüdischen Kräften, die in ihr leben, sind zweifeilos in vieler Hinsicht vorbildlich. Andererseits aber zeichnet sich ein großer Teil der deutschen Juden — sofern er Im Central-Verein organisiert ist, — durch einen nahezu unbegreiflichen Mangel an Verständnis für die Zeichen der Zeit aus. Das Central-Vereins-Judentum verharrt — jüdisch gesehen — heute in einer Position, die im gesamtjüdischen Leben schon lange überholt ist. Die ganze Debatte, ob Juden eine Nation oder Konfession sind, i:t, so wie der Central-Verein sie heute führt, überholt und belanglos» Es kommt, viel weniger auf die terminologische :Definition dessen any-WiS die Juden sind, :ak vielmehr auf den wirklichen Ge* halt und die entscheidenden Tendenzen des jüdischen Lebens. Es gibt keine stärkere und schöpferische Tendenz in der jüdischen Gegenwart als Palästina, wie Palästina ja auch eine der stärksten und tragenden Tendenzen unserer historischen Vergangenheit darstellt; und der eigentliche Kampf geht darum, ob man diese Tendenz anerkennt oder nicht. Tut man es nicht, dann leugnet man den entscheidenden Sinn der gesamten jüdischen Vergangenheit und konstituiert sich ein Judentum, das nicht mehr Erbe unserer Geschichte ist und dazu verurteilt wäre, so etwas wie eine isolierte jüdische Sekte zu bleiben, ln Wirklichkeit ist auch das Central- Vereins-Judentum besser als es sich gibt. Das Bewußtsein jüdischer Solidarität ist auch in diesem Judentum in den letzten Jahrzehnten außerordentlich gewachsen. Beweis dafür sei die Anteilnahme an der Krim-Kolonisation. Ganz gleich, wie man zu dieser Sache selbst steht, so bedeutet doch die Beteiligung daran das denkbar stärkste Bekenntnis zum Gedanken einer internationalen jüdischen Solidarität, nicht nur im Sinne bloßen Bekenntnisses und historischer Verbundenheit, sondern 1'n gemeinsamer schöpferischer Leistung für Gegenwart und Zukunft. Es ist nicht zu begreifen, wie dieselben jüdischen Politiker, die mit Elan sich für die Krim- Kolonisation einsetzen, den Mut haben, gegen Palästina aufzutreten. Ich gebe gern zu, daß der Begriff ״V o 1 k“ rein theoretisch gesehen auf das Judentum nicht ganz paßt. Nicht, weil wir nicht etwa ein Volk wären, sondern weil wir noch mehr sind als eine Volksgemeinschaft; aber es gibt in nichthebräischer Sprache keinen ausreichenden terminus zur Definition der jüdischen Gemeinschaft, und wenn wir heute im Politischen vorwiegend mit dem Begriff des Nationalen operieren, so müssen wir es tun, weil dieser Begriff die einzige Basis für unsere politischen Forderungen darstellt. Man kann nicht Palästina im Namen einer jüdischen Konfession verlangen. Um diese Forderung handelt es sich doch viel mehr als um die theoretische Definition. Oder paßt etwa die Definition der ״Glaubensgemein־ schaft“ besser? Man soll doch endlich mit dieser Formel, die alle Zeichen innerer Unwahrhaftigkeit an sich trägt, aufhören. Welche wirkliche Glaubensgemeinschaft verbindet einen extremen Reformer in Deutschland mit dem Rebben aus Munkaez, der über die Agudas Jisroel den Cherem verhängt? Diese Phrase von der ״Glaubensgemeinschaft“ wird allmählich unerträglich, da ihr nichts Wahres und Wirkliches mehr entspricht. Natürlich kann man theoretisch Konfükie zwischen der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke und dem deutschen Patriotismus konstruieren. Es gibt keine Beziehungen im menschlichen Leben, zwischen denen nicht Konflikte sich ergeben können. Aber nirgendwo im jüdisehen Leben fürchtet man sonst solche möglichen Konflikte. Nehmen Sie einen Mann wie Sir Alf r ed M on d. Er war englischer Minister und kann es morgen wieder werden. Dieser Mann war jetzt in Palästina und hielt dort Reden, die getragen waren von einem stolzen jüdischen Volksbewußtsein und von wahrer Liebe zu Palästina. Denkt er daran, daß er vielleicht in Konflikt mit seinem englischen Patriotismus geraten könnte? Weder er noch die Engländer kümmern sich um solche Möglichkeiten. Das Peinlichste und menschlich Verletzende an der Resolution des Central-Vereins liegt in seiner Verknüpfung des antinationalen Standpunktes mit der Frage der Gleichberechtigung. Das ist unerträglich, denn damit negiert der C.-V. die Basis unserer Gleichberechtigung und konstruiert eine Gleichberechtigung ä condition. Entweder wir haben als Juden alle Rechte, und es ist unsere Sache, als was wir uns fühlen und wie wir auftreten, oder aber unsere Gleichberechtigung ist wertlos. Spült nicht der C.-V., daß er mit dieser Preisgabe der inneren jüdischen Autonomie zur Selbstbestimmung des Wesens unserer Gemeinschaft sich gegen die Würde des Judentums vergeht? Hier zeigt sich eine bedenkliche Unreife des deutsehen Judentums im Sinne seiner mangelnden Autoemanzipation. Schuld daran ist vielleicht nicht so sehr eine aus dem Ghetto übernommene Furcht als vielmehr der unselige Hegelschc Staatsbegriff, der im alten Deutschland herrschend war, diese Götzendienerei dem Staate gegenüber, der ihm das Recht auf alle. Sphären der geistigen Existenz seiner Bürger zuerkannte.. Man war als Sozialdemokrat ein schlechter Bürger, man war es als Katholik, man war es als nationaler Jude. Die Welt ist heute über diesen Staatsbegriff hinweggegangen, der eine barbarische und kulturfeindliche Konzeption aarstellt. Das G-V.-Judentum lebt noch immer unter den Vorstellungen dieses überwundenen Begriffes und SOEBEN ERSCHIENEN: \ SONDERHEFT zu Marita Bobers fünfzigstem Geburtstag AUS DEM INHALT: JIrnoIÖ fSmei«: Martin Ruber, ein Mann von fünfzig Jahren Bart* ftebtt: Der junge Buber und der Herzische Zionismus Kbolf Idee und Organisation SITarfu® Keiner: Hie Biologie des Zionismus 5?0&ett lüeltfdj: Zionismus als nnendliche Anfgabe . €mft Simon: Zum Problem der jüdischen öffentlichen Meinung C. fTIflatte»: Al Har Hazophim Klod?: Der Jude zwischen Orient u.Okzident Siegfried Cebmcmn: Ueber die erzieherischen Kräfte von Erde und Volk St\db PtrfihFetgt Von Jüdischem Lehrertnm in unserer Zeit Diftor K-TTncr: Volk und Individuum S^CttlS Kofenztrelg: Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionistea 5*115 tPeltfch: Freiheit und Bindnng in Nationalismus und Religiosität Bit<0ז Ber<1ma״tt: Begriff und Wirklichkeit Cit&KMct Strem ft: Das Gesnräch Klar JJroö: Zur Problematik des Bösen und des Rituals | *rleörich tTBUFe-rrrer: Die neue Gläubigkeit f KlüTT r: Geiste״« Betrachtungsweise des Hebräischen j OtcrT־avö SchoTem: Theo'ogie des Sabbatianismus | ntetretarote Sttsman: Botschaft der chassidischen Mystik! *>0 Eine religionssoz'o'ogische Linie : H1־tb<m KitnFcmm: Ans Einsamkeit in Einsamkeit! tnartm Buber: ״Lebensfrömmigkeit“ j BEMERKUNGEN UND DOKUMENTE: 1; Cee Scrrmattit, ÄM׳lVeMcfc«ro t «.«. Xawtpert, In eia GedenMwA | s Sl»amwn> K׳״n«Har«. ח«• G1«nh« d״* UnsI»nS-'״m1 / Pcrmanu p«(fe j und Pcxtnrt. Ucker M*rt:n Bnher / ff&alnt IPeiimattn, Briefe Sfcee&at l*arjT, Ein Brief (FaSaaiafic) / Nachwort der Redaktion i Preis des Heftes Mk. 3,50 | Jüdischer Verlag / Berlin W57 j ■iiitiinimiiiii imuniUHtiitumiiiiiuiunuiimtiniuiictci erweist auch damit seine reaktionäre Position. So gesehen, sind wir Zionisten in einem viel höheren Sinne die Wahrer unserer Gleichberechtigung als es der C.-V. ist. Auf der Tagung des Central-Vereins war die Rede von einem Central-Verein, der wirklich alle deutschen Juden umfassen sollte. Auch ich würde wünschen, daß ein solcher Central-Verein aller deutschen Juden entstehen könnte. Kampf für Gleichberechtigung kann eine wunderbare Sache sein, auch jüdisch befruchtend, wenn er geführt wird mit Stolz und unter Wahrung unserer innerjüdischen geistigen Autonomie. Aber bevor ein solcher Central-Verein entstehen kann, der die volle Verwirklichung der Emanzipation herbeiführen könnte, müßte erst das deutsche Judentum reif zu seiner Auto-Emanzipation werden. Die Auseinandersetzung zwischen uns und dem Antizionismus ist ein historischer Kampf. Entscheiden werden nicht die Programme und die Formeln, sondern ein einziges Kriterium: welche Bewegung die schöpferischere ist. So gesehen ist die Auseinandersetzung bereits entschieden. Das kleine jüdische Palästina enthält heute mehr an schöpferischen Potenzen als das ganze Galuth-Judentum, das nichts weiter hervorbringen kann als Bücher und Literatur über das Judentum. Dort in Palästina liegen tausend Keime eines neuen schöpferischen Lebens. Und wenn die gesamte nichtjüdische Welt heute mit solcher Spannung auf aas jüdische Palästina blickt, so Ist hier die Erklärung dafür. Sie fühlt, daß dort Neues entsteht. Wenn Juden in Amerika Millionäre werden, so ist es für die Welt uninteressant. Wenn in kleinen Dörfern in Palästina Juden neue Formen des Gemeinschaftslebens schaffen, so ist dies für die Weltkultur von Bedeutung. Der Aufbau eines jüdischen Palästina Ist die stärkste schöpferische Bewegung des jüdischen Lebens von heute. Dadurch, daß der Central-Verein sich in doktrinärer Verbortheit und im Festhalten an überwundenen Staatsbegriffen gegen die Teilnahme am Palästinawerke sträubt, entsteht für einen großen Teil des deutschen Judentums die Gefahr einer unfruchtbaren Isolier u n g und eines Ausschlusses aus dieser stärksten Betätigung jüdischen Schöpfergeistes. Darum setzen wir uns dagegen zur Wehr; kämpfen wir gegen den Central-Verein, so kämpfen wir — richtig verstanden — um ihn, weil wir nicht auf die großen Energien des deutschen Judentums, auch sofern es Im Central-Verein organisiert Ist, verzichten wollen. Dieses Judentum hat im 10. und 20. Jahrhundert Bedeutsames für das Gesamtiudentum geleistet. Ich bin überzeugt, daß es auch in Zukunft Großes leisten wird; wir müssen es davor bewahren, sich durch Führer, die keinen Instinkt haben für die Wandlungen der Zeit und für die Forderungen der Geschichte, in eine unfruchtbare Haltung hineintreiben zu lassen zu seinem eigenen Schaden und zum Schaden des gesamten jüdischen Volkes. Der Vorsitzende Dr. Martin Rosenbtülh schloß hietauf die Versammlung. Die ״Encyclopaedia Judaica" (Anläßlich des Erscheinens des ersten Bandes im Verlag Eschkoi, Berlin.) Von Rabb. Dr. Max Wiener. Der Versuch, einen Lebenskreis, wie ihn das Judentum darstellt, enzyklopädisch zu umfassen, bedeutet ein geistesgeschichtliches Unternehmen größten Stils. Und die wissenschaftslogische Schwierigkeit und Verantwortung wird in keiner Weise durch die Form des vorliegenden Werkes berührt, das die Gesamtheit des zu behandelnden Gegenstandes in dem Fach werk alp habetisch geordneter Artikel und Monographien unterzubringen strebt. Denn es handelt sich bei der Absicht dieser Enzyklopädie nicht um ein Lexikon, ein Nachschiagebuch, das zufällige oder selbst tiefer interessierte Wißbegier befriedigen will; es gilt vielmehr, das Ziel geordneten Wissens zu erreichen, das heißt, eine Darstellung zu geben, welche sozusagen eine systematische Neugierde zu stillen imstande ist, indem jede Frage im Rahmen ihrer sachlichen Beziehungen, jeder Gegenstand gemäß dem natürlichen Schwergewicht, das er im Ganzen des Problemgebietes besitzt, die wohlabgemessene Charakterisierung empfängt Gewiß kann das Studium einer Enzyklopädie des Judentums nicht das Studium des Judentums selbst ersetzen; aber es soll jedem, der soviel Wissenschaft besitzt, Erkenntnis von jüdischen oder anderen Dingen, um des Grundsinnes aller Wissenschaft, der systematischen Ordnung und Einordnung sicher zu sein, dahin führen, daß er sich in der Gesamtheit der jüdischen Probleme wirklich zurechtfindet, die Fülle der jüdisehen Lebenserscheinungen in sich, in ihrer gegenseitigen Bezogen heit wie in ihrem Verhältnis zur außerjüdischen Welt zu erfassen imstande ist. Eine ungeheure Aufgabe. Die Verfasser haben ״das Judentum der Geschichte und Gegenwart“ — wie der Untertitel lautet — in 40 000 Stichworte aufgelöst. Es handelt sich darum, das Leben des Volkes und die Manifestation seines Geist«, seine Ideen darzulegen. Seitdem die letzte, einem breiten Kreis von Interessierten zugängliche Enzyklopädie, die englische, erschienen, sind 25 Jahre vergangen; ein Viertel Jahrhundert, in welchem das Antlitz des jüdischen Lebens in tnannigfaltigster Richtung sich gewandelt hat. Das Aufkommen einer neuen Deutung oder doch einer neuen Formulierung der Selbstbetrachtung des Geistes im Nationaljudentum, der Komplex aller der Fragen, die um die moderne Palästinaidee sich gruppieren, die Erschütterung und Neuorientierung, die das Gesamtjudentum, mag es in diesen Tendenzen die Erfüllung seines Wesens finden oder sie bekämpfen, durch das Neue erlebt, die wirt* schaftlichen, sozialen, politischen und organisatorischen Wandhingen, die im Verfolg der Realisierung dieses modernen modifizierten Selbstbewußtseins aufgetaucht sind, haben nicht nur die Substanz des Judentums aufgelockert und — wie man wohl sagen darf — mächtig geweitet, sie haben zugleich für das geschichtliche Urteil neue Aspekte geschaffen. Die enzyklopädische Bewältigung dieser Aufgabe kann nicht andere verfahren, wie durch den Weg einer objektiven Berichterstattung einen klaren Einblick in diese Lebensprobleme zu bieten. Sie hat sich jedes Werturteils, das ihre Gegenstände aus der Sphäre der erkenntnismäßigen Darlegung in diejenige der Politik utid des Meinungsstreits verpflanzen könnte, zu enthalten. Aber sie muß, wenn der Hauch lebendiger Gegenwärtigkeit in ihr wehen soll, durch den Grad der Beachtung, die sie dem werdenden Judentum schenkt, zeigen, daß auch in der wissenschaftlichen Ergründung das Echo des wirklichen Lebens hallt Ihr kommt so eine höchst praktische Aufgabe zu. Indem sie in umfassender Weise zu sagen hat, was ist und wie es ist hat sie In der Bewährung reiner Sachlichkeit eine befriedende Wirkung, die dem heutigen jüdischen Meinungsbetrieb nur zum Vorteil gereichen kann. Was aber ist Judentum im Sinne des von dem Werk beschriebenen und auch tatsächlich zu beschreibenden Kreises? Alle interessanten Erlebnisse und Leistungen, individuelle wie kollektivische, die Juden als Juden erfahren und vollbracht haben, ihr Geist und ihr Schicksal, wie sie sich an der Gesamt- und an den bedeutungsvollen Einzelpersönlichkeiten darstellt; ebenso der Anteil jüdisch geborener Menschen einschließlich der Apostaten am außerjüdischen Kulturleben. Indem so dem Charakter des geschichtlichen wie des gegenwärtigen Judentums entsprechend sein Totalgehalt sich zugleich in der Fülle der Beziehungen — sachlich-ideeller wie personaler — darlegt, müssen naturgemäß alle möglichen Kulturgebiete eine mehr oder weniger ausführliche Behandlung erfahren. Die Enzyklopädie wird so der Spiegel jenes ungeheuren Reichtums an Bcziehungen, in dem die Lebenserscheinung des Judentums sich in der Wirklichkeit entfaltet. Und das scheint uns der Punkt zu sein, wo sowohl an die technische wie an die systematisch wissenschaftliche Ausgestaltung der höchste Anspruch gestellt wird. Jene, die technische, Seite betrifft vor allem den Umstand, daß die Hunderte von Mitarbeitern, ohne die ein solches Werk nicht gedeihen kann, unter der straffen Leitung einer zentralen Instanz auf allen Ressort-Partikularismus verzichten und die Aeußerung noch so interessanter, aber einstweilen privat gebliebener Theorien sich für Werke eigener Verantwortung aufsparen, daß Anlage und Ausmaß der einzelnen Artikel nur in steter Kontrolle durch das Taktgefühl der Leitung in Beziehung auf das Ganze geformt sind. Und diese technische Forderung greift bereits in die systematische ein. Diese ist in zwiefachem Sinne zu verstehen: erstens unter dem Gesichtspunkt der Einheit des Gesamtgebietes, das heißt, daß die verschiedenen Teilbereiche, z. B. Religions-, Sozial-, politische Geschichte in ihrer Bedeutung für den jüdischen Organismus zu ihren gegeneinander wohlabgewogenen Rechten gelangen. Wie weit dieses Ziel erreicht ist, läßt sich heute, da nur der erste von den geplanten fünfzehn Bänden vorliegt, noch kaum sagen. Zweitens, wie weit innerhalb eines relativ geschlossenen Kreises, wie z. B. Prophetie oder Religionsphilosophie, die Einheit eines solchen Teilganzen darstellungsmäßig klar zum Ausdruck kommt und nicht von der Masse zerstreuter Details erstickt wird. Ueber dieses letztere gestattet schon der herausgekommene Band ein Urteil. Denn er enthält bereits eine Anzahl von Monographien, die im Unterschiede von der bisher meist üblich gewesenen Behandlung eine wenn auch gedrängte, so doch erschöpfende und über bloß oberflächliche Orientierung weit hinausgehende Uebersicht gestatten. Es sei hier, um eine Vorstellung zu geben, auf die an Umfang bedeutendste und auch qualitativ in vorderster Reihe stehende Abhandlung von W. Heller über Agadische Literatur aufmc-iksam gemacht. Diese Monographie fügt sich einer Arbeit von A. Marmorstein an, welche den Begriff und die Arten der Agada, sowie ihre Stellung in der

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