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Jüdische Rundschau · 1928-03-20 · Heft 23 (20.3.1928) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 23 (20.3.1928)
Date
1928-03-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 20. März 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 12 Ein indischer Schriftsteller reist nach Canada Von Sch. Qorelik. Rückkehr nach Montreal. — Ate Sommerfrischler in St Agath. — Die entweihte Apotheke. — Illusionen, die der Besitz einer Schiffskarte nach Europa hervor• ruft. — Der Abschiedsabend und die anfechtbare Rede, die der Schriftsteller hielt — Mr. Stone entwickelt neue Pläne. — Der Schriftsteller verläßt das schöne Land Canada. X. Kapitel (Schluß.) Ich kehrte von New York nach Montreal zurück and, um mich nach den Monaten unerträglicher Hitze etwas zu erholen, fuhr ich — dem Rate einiger Bekannten folgend — nach St. Agath, einem kleinen Städtchen in der Provinz Quebeck, das von nicht besonders anspruchsvollen Sommerfrischlern gern besucht wird. Dieser waldreiche Ort wird sogar als Höhenluftkurort angepriesen, manche Lungenleidende suchen dort Heilung, indes für europäische Begriffe dürfte St Agath allenfalls nur den bescheidenen Anspruch erheben, ein ruhiges, kleines Städtchen zu sein, das einige Hotels und Privatpensionen für Oiste aufzuweisen hat Ich weiß nicht, wie St Agath im Winter aussieht; wahrscheinlich schläft es in Einsamkeit den Winterschlaf, dafür aber ist es in den Sommermonaten nicht einfach ein Städtchen voll regen Lebens, sondern geradezu ein jüdisches Städtchen. Zahlreiche andere Ortschaften der ganzen Gegend sind von jüdischen Sommerfrischlern aus Montreal bevölkert, und zwar in einer Ausschließlichkeit, die in Europa nirgends anzutreffen ist Man hat bisweilen das Gefühl, als befinde man sich ln den berühmten ״Datsche“-Oegenden in der Nähe von Kiew. Das vierstöckige Hotel ״Vermount", auch nur von jüdischen Olsten bewohnt, vermittelt besonders stark diese Vor- Stellung. Die Erholungssuchenden tummelten sich den ganzen Tag auf den großen Veranden und dem Tennisplatz, dagegen ließen de sich selten zu einem Spaziergang bewegen. Diese geringe Lust zum Wandern ist wohl hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen, daß die Wälder um St Agath trotz der Nähe größerer und kleinerer Siedlungen fast wie Urwälder anmuten. Jedenfalls vertrieben sich die Oiste von St Agath die Zeit mit Tanzen, Kartenspielen und leichtem Sport Eine JazzkapeUe von jüdischen Studenten, die sich mit ihrer geräuschvollen Kunst etwas Geld für das weitere Studium verdienten, spielte während der Hauptmahlzeiten. Ob diese lärmende Musik für die Verdauung fördernder ist als jene leise, die in den großen Hotels den Gästen geboten wird, bleibt dahingestellt Manchmal setzten sich die Damen und Herren in einem Halbkreis zusammen und suchten Zerstreuung in dem beliebten Abstrakt- und Konkret-Spiel, wobei die Zionisten es immer auf Dinge absahen, die mit dem Zionismus in direkter oder indirekter!Verbindung;steht».'* die׳ ersten Worte der Batfbiff-fMdirädoirzu taten nwt do aiider Mal sogar den Schnurrbart des Sir Herbert SamueL Mir wurden immer Aufgaben aus dem Gebiete der Literatur zu lösen gegeben, und zwar handelte es sich immer um irgendeinen Helden aus dem Jean-Christoph-Roman. Ich hatte nämlich über Romain Rolland einen Vortrag gehalten, und nun wollte man mir damit eine Aufmerksamkeit erweisen, indem man mir leichte, nicht zu fernliegende Rätsel aufgab. Oefter ging man abends in die Apotheke Eis essen. Jawohl, in die Apotheke Eis essen! Als ich das zum erstenmal hörte, wunderte ich mich auch sehr darüber. Eine Apotheke war für mich immer eine Stätte, an der ich nicht ohne Rührung Vorbeigehen konnte. Die Gerüche und Düfte, die einem heim Oeffnen des Eingangs zu einer Apotheke entgegenströmen, erschienen mir als Düfte der Humanität und der Menschenliebe. Welche Entweihung nun, einen Apotheker zu sehen, der sich dazu hergab, derart leichte und vorübergehende Genüsse wie Eis herzustellen! Ich stellte aber zu meiner noch größeren Verblüffung fest, daß man in der Apotheke auch Tennis- und Golfschuhe, Mützen und Schirme, Briefpapier und englische Romane bekommen konnte. Allmählich gewöhnte ich mich daran, alles, was ich brauchte, nicht in den Spezialgeschäften, sondern in der Apotheke zu kaufen. In besonders schönen Nichten fuhr man Im Auto durch den Wald, machte dann an einem Fluß Halt und lauschte in die Natur. Der Chauffeur des Hotelautos übrigens war auch ein Student, der sich auf diese Weise Geld verdiente. So bekam ich im allgemeinen einen Begriff von einer Sommerfrische in Canada, davon, wie ein canadisches Stadteben aussieht und wie die Montrealcr Juden die Natur genießen. Nach meiner Rückkehr nach Montreal war mein erster Gang zu der Schiffsgeseilschaft, um mir eine Karte für die Rückreise nach Europa zu lösen. Mit dieser Schiffskarte in der Tasche verließ ich das Büro in einer frohen, glücklichen Stimmung, und ich hatte wahrscheinlich das zufriedene Aussehen von Mensehen, die nach langem Fernsein in die ersehnte Heimat zurückkehren dürfen, obwohl sich für einen Staatenlosen, der offiziell heimatlos ist, eine etwas kühlere Betrachtung geziemt hätte, und es gewiß unangebracht war, sich Verhältnisse vorzutäuschen, Illusionen zu schaffen, die der Wirklichkeit nicht ganz entsprachen. Aber so ist der Mensch nun einmal Es genügt, sich im Besitz eines Rückreisebilletts nach Europa zu befinden, um sich auch gleichzeitig in dem Olauben zu wiegen, man gleiche denen, die wirklich eine Heimat haben. Ich sollte Canada nicht verlassen ohne ein letztes Beisammensein mit einigen aus der Montrealer jüdischen Intelligenz, die ein gewisses Interesse für den unbestreitbar zu lange im Lande verweilenden Gast bekundeten. Es war kein Bankett Für Festlichkeiten war weder bei den Versammelten noch bei dem zur Abreise bereiten Gast Stimmung vorhanden. Man kam zusammen, um sich auszusprechen, ein Mißverständnis lag vor, das man gern aufklären wollte. Für mich bestand das Mißverständnis darin, daß ich überhaupt hierher gekommen war. ich hatte mich gewöhnt, die bittere Einsamkeit, die ich während einiger Monate ertragen mußte, als eine nicht unverdiente Strafe für die ohne ernste Ueberlegung unternommene Reise zu betrachten. Irgendwo in irgendeinem Eckchen der Seele lag zwar so etwas wie ein leiser Verdruß verborgen, ein Gefühl des irgendwie Verletztseins, aber da sich in meiner Brieftasche ein so überaus lieblicher Gegenstand wie das Billet für die Rüdereise nach Europa befand, ließ ich jenen Winkel in meiner Seele unbeachtet und wollte gar keine Notiz davon nehmen. Indes die Redner dieses Abschiedsabends sprachen gerade nur darüber, Sie versicherten, daß ihnen jene Einsamkeit, mit der ich so schwer zu kämpfen hatte, keineswegs entgangen sei, und daß es ihnen auch nicht gleichgültig gewesen sei, mich, in der Hotelhalle in einem Sessel sitzend, meditieren zu sehen oder mich in einem Zuge der Heilsarmee zu wissen. Aber die Umstände, die Umstände — und Amerika sei nun einmal so. Ein Redner empfahl mir, folgendes in Betracht zu ziehen: Man ist hier zu Lande — sagte er — ziemlich reich an Erfahrungen, was man mit einem Delegierten einer Partei oder gar einem Abgesandte» des jüdischen V^es zu tun hat, matt Ist aber demlieh unbeholfen, sobald es sich um einen Schriftsteller handelt, besonders wenn sein Aufenthalt nicht Tage oder Wochen, sondem ganze sechs Monate währt Sie müssen uns glauben, wenn wir Ihneu offen bekennen, daß wir keine Kenntnisse besitzen, was den Umgang mit Schriftstellern anbetrifft Mit einiger Ungeduld wartete ich, bis die Reibe an mich kam zu antworten. Dann nahm ich das Wort zu einer kleinen Rede. In der Einleitung vertrat ich vor allem die Ansicht, daß, wenn sich schon jemand zu entschuldigen hätte, es vielleicht eher der Schriftsteller sei, der es tun sollte. Ich schilderte ihnen ihr friedliches, von gewissen Dingen unbeschwertes Leben, das durch das unerwartete Erscheinen des Schriftstellers unliebsam gestört wurde. Nachdem ich dies gesagt hatte, versuchte ich, verschiedene Entschuldigungsgründe vorzubringen und verstieg mich dabei zu einigen Behauptungen, die mir später sehr sonderbar vorkamen, derart sonderbar, daß ich mir gewiß eine Blöße gebe, wenn ich sie hier wiederhole. Auf die Oefahr hin, als unverbesserlicher Illusionist betrachtet zu werden und als Jemand, dem der Sinn für Realitäten fehlt, wage ich es doch, hier jene Behauptungen zu wiederholen. Ein gewisses Maß von geistigen Pflichten — sagte ich — von Pflichten, über tiefere, über letzte Dinge ernsthaft nachzudenken, hat jeder Mensch zu erfüllen. Aber fast alle entziehen sich dieser Pflicht, um ungehemmt, sorglos an der Jagd nach den Dingen des Tages sich beteiligen zu können. Wer aber erfüllt diese Pflicht? Der Dichter, der Künstler. Und indes er für sie die heilige Arbeit des sich Versenkens in die wahre Betrachtung der Welt leistet, tummeln sie sich, von der schwersten Bürde befreit, um so leichter, um so lärmender auf den Jahrmärkten des Lebens. Oewöhnüch folgt ihm als Dank nur das Lächeln der Geringschätzung, Weltfremdheit wird ihm vorgeworfen, als Schlemihl wird er verspottet In Wahrheit aber hat der Dichter das Recht auszurufen: Meine Schuld besteht nur darin, daß ich auch den Anteil Eurer Pflichten auf mich genommen habe. Wie! Ihr wollt keine Zeit dazu haben, Ihr seid zu beschäftigt und mit der Verwirklichung des kleinen Quantums Olück zu stark In Anspruch genommen. Out, eifert denn, soviel Ihr wollt, so werde ich die Nichte schlaflos verbringen im Nachsinnen über Dinge, die jeden Menschen beschattigen sollten, werde ich für Euch Bücher lesen, die Ihr niemals anrührt Die Erfolge, deren Ihr Euch so rühmt, kommen nur daher, daß Ihr es Euch sehr leicht gemacht habt Ihr habt das Schwerste von Euch abgeschüttelt: das Denken über das vielleicht einzig allein Wichtige, Ihr miedet fürsorglich alles, was starke Empfindsamkeit zur Folge haben kann, sogar einen Sonnenuntergang etwas länger zu betrachten, scheut Ihr, nicht aus Zeitmangel, sondern aus Angst vor Stimmungen, die dazu führen können, den Appetit zum Alltäglichen zu beeinträchtigen. Ihr ahnt, daß ein längeres Verweilen an Stätten der großen Kunst, inmitten der schönen Natur, auch gewisse Gefahren in sich birgt, nämlich die Gefahr einer leben Traurigkeit, einer innerlichen Ergriffenheit und dies alles könnte womöglich zu einer Entwertung vieler Dinge führen, die zu erreichen Ihr als Hauptzweck und Ziel des Lebens zu betrachten gewohnt ward, so alles am dem Wege entfernend, was Euch aufhalten könnte, sichertet Ihr Euch den Erfolg. Er würde auch dem Dichter und Künstler beschieden sein, könnte er sich zu jener Sorglosigkeit bequemen, mit der Ihr, die scheinbar so stark Beschäftigten, Euch auszeichnet Mit aüzu Leichtem seid Ihr beschäftigt, während in Wahrheit der Dichter nur schwer und mühselig beladen ist.... Ich 6chloß diese Betrachtungen mit der Bemerkung, daß der Dichter, der die Pflichten, die andere zu erfüllen haben, noch auf sich nimmt, dadurch das Recht auf gewisse Aufmerksamkeiten und Rücksichten für sich in Anspruch nehmen darf, wenn die Forderungen des täglichen Lebens, die er infolge des überbürdeten eigenen Ichs wenig beachtet hat, iha manchmal zu gewagten, unüberlegten Reisen zwingen. Mit efanem Wort: die Entschuldigungen, die ich für mein ungebetenes Erscheinen Vorbringen wollte, kleidete ich ln eine anfechtbare Rede voll von Ueberheblichkeiten, ließ mich zu einer Auffrischung der Legende von der besonderen Sendung des Dichters herbei Ich sprach sozusagen im Namen aller Dichter, auch jener, die vielleicht die Lust verspüren könnten, noch einmal nach Montreal zu fahren.... Mit Worten des Dankes an alle und an jeden Einzelnen verabschiedete ich mich, sparte nicht mit Komplimenten für das schöne Land Canada, verhehlte dabei aber nicht daß ich gern nach Europa zurückkebre. Den letzten Tag in Montreal verbrachte ich hauptsächlich mit Mr. Stone. Ich sah ihn in einer etwas ungewohnten Stirnmung. Plötzlich war in ihm das Verlangen nach etwas mehr Erfolg im Leben erwacht Mr. Stone sprach von dem festen Entschluß, endlich das Staateexamen zu machen, ein Anwaltsbüro zu eröffnen und Geld zu verdienen. Viel, viel Geld zu verdienen. Ein Auto haben, Vergnügungsreisen machen, leben, gut leben, zum Donnerwetterl Geradezu rasend wurde Mr. Stone, als er seine Absichten äußerte, auf nichts mehr Rüdesicht nehmen zu wollen, um sein Ziel zu erreichen. Als wir aber später gemütlich in dem japanisch-chinesisch stilisierten Teehaus saßen, war nichts mehr von seinem plötzlichen Aufbrausen, von seinem stürmischen Tatendrang zu spüren. Mr. 1 Stone sprach über die neuen literarischen Zeitschriften, die er Hotel Savoy fbtnan von Joseph Roth. (8. Fortsetzung.) XVI. A11 diesem Tage wurde Kaieguropulos er* wartet Zvvonimir warf die Stühle um, brachte Unordnung in unser Zimmer. Er beschloß, Kaieguropulos aufzulauern, er wollte ihn im Zimmer erwarten. Ich erwartete Kaieguropulos unten, im Fünf-Ulir-Zimmer und Zwonimir blieb oben. Ich sah diesmal keine Aufregung. Alle hatten das Motel verlassen, die drei höchsten Stockwerke standen leer, man konnte elende Häuslichkeiten sehen. Unten war es still. Ignatz fuhr hinauf und hinunter. Nach einer Stunde kam Zwonimir und erzählte, daß der Direktor über den Korridor gegangen sei. Zwonimir war an der Tür gestanden, der Direktor hatte gegrüßt, aber nirgends war ein Kaieguropulos zu sehn gewesen. Zwonimir vergaß diese Dinge leicht, mich aber ließ das Geheimnis des Kaieguropulos nicht ruhen. Zwonimir macht selbständige Ausflüge im Hotel, er geht in leere Zimmer, läßt Zettel mit Grüßen zurück und kennt alle Menschen nach drei Tagen. Er kennt Taddeus Montag, den Karikaturisten, der Schilder malt und nicht viel Arbeit bekommt, weil er die bestellten Arbeiten verpatzt. Er kennt den Buchhalter Katz, den Schauspieler Nawarski, zwei Schwestern Mongol, Helene und Irene Mongol, zwei ältliche Jungfern. Zwonimir begrüßt alle laut und herzlich. Auch Stasia kennt er und berichtet mir: ״Die Kanaille Ist in Dich verliebt!״ ich bin verlegen, es ist ja nicht böse gemeint, aber der starke Ausdruck ärgert mich. Ich sage: ״Stasia ist ein gutes Mädchen." Zwonimir glaubt nicht an gute Mädchen und sagt, er würde mir schon beweisen, wie schlecht Stasia sei. Zwonimir ist schon in den Kellern des Hotels gewesen, im Souterrain, wo sich die Küche befindet. Er kennt den Koch, einen Schweizer, der nur Meyer heißt, aber gute Mehlspeisen macht. Zwonimir erhält Gratisproben. Zwonimir schlägt Ignatz. Es sind freundliehe Schläge und Ignatz kann nichts dagegen tun. Ich beobachte Ignatz, wie er zusammenzuckt, wenn sich ihm Zwonimir nähert Es ist eine Reflexbewegung, keine bewußte Angst. Zwonimir ist der größte und stärkste Mann im Hotel Savoy, er kann Ignatz bequem unter den Arm nehmen. Fr scheint furchtbar und gewalttätig, er poltert gern und in seiner Nähe ist alles still und scheu. Dem alten Militärarzt ist Zwonimir sympathiseh. Der Doktor zahlt ihm gerne ein paar Schnäpse am Nachmittag. -Solche Doktoren wie Sie, kenne ich vom Militär,״ sagt Zwonimir. ״Sie können Lebendige tot machen, dafür bekommen Sie eine hone Gage. Sie können die Menschen vom Boden wegamputieren, Sie sind ein großer Chirurg. Ich möchte Ihnen nicht einmal ein Hühnerauge anvertrauen.“ Aber der Doktor lacht. Er ist nicht be leidigt. ״Ich möchte Sie aufhängen!״ sagt Zwonimir einmal freundschaftlich und klopft dem Doktor auf die Schulter. Nie hat dem Doktor jemand auf die Schulter geklopft. ,,Ein herrliches Hofe!,״ sagt Zwonimir, und fühlt nicht das Geheimnisvofle dieses Hauses, in dem fremde Menschen, nur durch papierdünne Wände und Decken geschieden, nebeneinander leben, essen, hungern. Er findet es selbstverständlich, daß die Mädchen ihre Koffer verpfänden, bis sie hilflos der Frau Jetti Kupfer anncimfallen. Er ist ein gesunder Mensch. Ich beneide Ihn. Bei uns in der Leopoldstadt gab es keine so gesunden Kerle. Er freut sich an den Geineinheiten. Er hat keine Achtung vor den Frauen. Er kennt keine Bücher. Er liest keine Zeitung. Er weiß nicht, was in der Welt vorgeht. Aber er ist mein treuer Freund. Er teilt sein Geld mit mir und er würde auch sein Leben mit mir teilen. Und ich täte es genau so. Er hat ein gutes Gedächtnis und weiß nicht nur die Namen der Menschen, sondern auch die Nummern ihrer Zimmer. Und wenn der Zimmerkellner sagt: 403 ist bei 41 gewesen, so weiß er, daß der Schauspieler Nowakorski bei Frau Goldenberg gewesen ist. Er weiß auch vieles über Frau Goldenberg, es ist jene Dame, die ich am ersten Tage getroffen habe. Hast Du Geld genug? frage ich. Aber Zwonimir zahlt nicht. Er ist dem Hotel Savoy verfallen. Ich erinnere mich an ein Wort des toten Santschin. Der hatte mir gesagt, — es war ein Tag vor seinem Tode — daß alle, die hier wohnten, dem Hotel Savoy verfallen waren. Niemand entging dem Hotel Savoy. Ich warnte Zwonimir, aber er glaubte nicht. Er war gesund bis zur Gottlosigkeit und er kannte keine Macht, außer seine eigene. ״Das Hotel Savoy ist mir verfallen, Bruder,“ sagte er. Nun war schon der fünfte Tag seit seiner Ankunft vergangen. Am sechsten faßte er den Entschluß, zu arbeiten. ״Man darf nicht so leben/* sagt er. ״Es gibt keine Arbeit hier, laß uns weitergehn 1״ bat ich. Aber Zwonimir wollte just hier Arbeit finden für uns beide. Er fand wirklich Arbeit, Bei der Bahn, am Güterbahnhof, waren schwere Hopfenballen da. Sie mußten umf' der Vorsteher“ sah wohl ein, daß er raonatelang mit diesen Beamten arbeiten müßte. Von den streikenden Arbeitern Neuners meldeten sich kaum zehn, zwei jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine kamen, und dann Zwonimir und ich. Wir bekamen Essen in der Bahnküche und mußten um sieben Uhr früh zur Stelle sein. Ignatz wunderte sich, als er sah, wie ich in meiner alten Militärbluse mit meinem Eßgerät ausrückte und schmutzig vom Kohlendunst und von der Arbeit heimkam. Zwonimir übernahm das Kommando über uns Arbeiter. Wir arbeiten fleißig. Wir bekommen scharfe Packhaken, die stoßen wir in die Hopfensäcke und rollen sie auf kleinen Handwagen. Wenn wir die Haken eingeschlagen haben, kommandiert Zwonimir: Hopp! dann ziehen wir an — Hopp! wir rasten eine Weile — Hopp! nun lagen die fetten grauen Säcke unten. Sie sahen wie große Walfische aus, und wir sind wie Harpuniere. Rings um uns pfeifen Loko* motiven, leuchten grüne und rote Signale auf, aber wir kümmern uns um gar nichts — wir arbeiten. Hopp! Hopp! dröhnt die Stimme Zwonimirs. Die Menschen schwitzen, die zwei ukrainischen Juden können es nicht aushalten, sie sind schwächliche und magere Handels׳- männer. Ich fühle Schmerz in den Muskeln und meine Oberschenkel zittern. Wenn ich meinen Haken auswerfen soll, spüre ich einen schweren Druck in der rechten Schulter. Der Haken muß tief

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