Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1928)
- Date
- 1928-03-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23, 20 Hl!928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sette 185 Drei Stufen Von J. Ch. Brenner. Manchmal bildet man sich ein: trotz allem gibt es doch Aufstieg. Ja, wir steigen sogar vdn Stufe zu Stufe. Manchmal . . . Zuerst kam man und sagte: Aufklärung. Gewiß war das ein gutes Zeichen. UeberaU ein Ameisenleben und Ameisenbegriffc; eine Ameisengesellschaft. Alles war Markt oder Klaus, Maklerei oder Rabbinentum, selbst die Thora galt nur als ״das beste Geschäft“. Ein Jude müßte entweder die Bänke des Lehrhauses drücken oder im Laden sitzen, eine Jüdin richtete ihre Augen nur auf den Heiratsvermittler. Der faulige Sumpf ließ Sumpfpflanzen aufsteigen — unten unwissende, gedrückte Handwerker, ihnen zur 15י Seite Krämer, Makler, Fromme und Gottesfürchtige, oben reiche Kultuspräsidenten, Thoragelehrte, Volksprediger und Aufpasser aller möglichen Arten und Schattierungen — das ist das Bild des jüdischen Ghetto jener Tage, Die Ameisengesellschaft verteidigte ihre starken Stützen, die in diesem Sumpfe standen und alle die Fäulnis in sich trugen, mit der stumpfen, starren Hartnäckigkeit, die man in jedem derartigen patriarchalischen Milieu findet. Die Quellen des ״Reichtums“ und die Ueberfülle der Erwerbsmöglichkeiten bestanden in der Schank- und Steuerpacht. Gelehrte Schwiegersöhne waren teuer. Das Licht der Vernunft, die Freiheit des Gefühls und das Feuer des Geistes fanden keinen Einlaß in den jüdischen Häusern. Draußen herrschte Nikolaus der Erste und (Irinnen Erstarrung und Tod. Da kamen die Aufklärer — laßt uns ihr Andenken immerhin ehren! — und warfen einen Stein in den verfaulten Sumpf. Sie bewiesen die Berechtigung der ■Arbeit, die Landarbeit inbegriffen, aus der Thora, ent- ־^schlossen sich auch, Bibelstudium und hebräische Grammatik zu gestalten, predigten, man solle die Landesspräche lernen, damit ״das Bürgerrecht für die Rose erblühe“. Nebenbei erinnerten sie daran, daß früher einmal der König David die Michal, und Amnon der Hirt die Tamar geliebt hatte. Sie erweckten das Schönheitsgeführ durch ihre lieblichen Redewendungen (die jedenfalls für unsere Talmudjünger lieblicher waren als die bekannten Talmuddebatten, mit denen sie ihr Leben vertrödelten). Dann riefen sie auch zum Streit auf egen die Heuchler, warfen Licht auf den Talmud, ver- (* - ■- ־ _k׳- _ — _. ...... - i-.jw• י Grj llDd. CllfiSf oiKswohl. ' :•..'.•'״■'׳•׳׳•־׳־׳ י‘׳ - י"•■״• Es versteht sich, daß sie vor der Außenwelt (von der sie freilich nur einen sehr nebelhaften Begriff hatten) sich selbst ganz nichtig fühlten. Aber wie dem auch sei — etwa mit Unrecht? War nicht schließlich draußen, in jener fernen Welt, das 18. Jahrhundert schon vorüber? Dort blühten Naturwissenschaft, Philosophie, Technik, Poesie und alle Herrlichkeiten des Lebens . . . Dort draußen standen Schiller und Goethe, Byron und Puschkin, dort draußen gab es alles — und drinnen? Aegyptische Mumien und Talmudschulen . . . Aufklärung — gewiß, das war ein gutes Zeichen: zu seiner Stunde und auf Geschlechter hinaus. Die Anpassungsfähigkeit — vielleicht das Geheimnis der Existenz der Juden überhaupt — weckte die letzten Lehenskräfto auf, die noch übriggeblieben waren. Aber — ach, ärmlich, sehr ärmlich waren noch die besten Kräfte des Mumienvolkes. Jene neuen Aufklärer hatten schließlieh doch zu wenig Tatkraft und einen zu engen Horizont: das naiv Idyllische, ein überschwenglicher Stil waren ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Sie alle waren doch die Kinder ihrer Vorfahren und ihrer Generation. An den Besten unter ihnen fraß, wie gesagt, die Sentimentalität in ihrer ganzen Leere und Schwäche (״Sprache“, ״geläuterter Ausdruck“ war ihr Haupt- Prinzip). Und die Minderwertigen? Dis überwiegende Menge unter ihnen? Das waren ängstliche Seelen, Karrierejäger mit leeren Herzen. Der russische Eeamte war in ihren Augen das Symbol der Vollkommenheit, Herrlichkeit und Erhabenheit, vor dem sich der Wurm Jakobs im Staube zu wälzen hätte, dessen Handlungen man nachahmte, dessen Gunst zu erringen man sich bemühte. ״Der Herr Gouverneur“ schrieb mit dem Zittern eines kleinen Lehrers . . . wißt ihr wer? Mapu, der Verfasser der ״Liebe Zions“! Und wenn solch eine edle jüdische Seele dieser kleinlichen Vorstellung unterlag, die aus Mangel an Einsicht die grobe äußere Wirktichkeit verherrlicht, ist es dann ein Wunder, daß der Polizeiknüppel das Ideal aller Aufklärer jener Generation wurde, von Jizchak Beer Levvinsohn bis auf Jehuda Lejb Gordon . . . ״Wozu sollen wir den Juden predigen? . . . Prodigen wir den Völkern . . .“ Das ist schließlich der Ausdruck des Geistes der Aufklärergeneration, nicht minder wie es jener beschämende Imperativ ist, den man ihnen nicht vergessen kann und der einen immer wieder aufbringt: ״Sei Jude zu Hause und Mensch draußen . . . Jene Tage waren voller Sturm und neuer Bcstrebungen: ein Bienenstock statt des Ameisenhaufens. Dann tarnen die achtziger Jahre, die ersten Pogröme und der Beginn der Auswanderung nach Amerika. ״Kein Volk und keine Gemeinde“, sondern eine verstreute Herde, die überallhin lief, wohin der Wind sie trug . . . Damals stand eine neue Generation auf und schrieb auf ihr Banner: Nationalismus: Krieg gegen Assimilation und Assimilantep. ״Sei Jude zu Hause und Jude draußen.“ Wir sind nicht seit gestern auf der Welt, viel lernten andere von uns, und noch viel werden wir sie lehren, wenn wir uns nur selbst zu beurteilen wissen und uns auf uns selbst besinnen. Sind wir doch seit 3000 Jahren ein Kulturvolk mit großer historischer Vergangenheit Und auf der Grundlage dieser Vergangenheit wollen wir unsere nationalen Werte pflegen und ausbauen. Gibt man uns nur nationale Rechte, können wir Großes leisten. Freilich, eine Gegenwart haben wir nicht, aber dank unserer Vergangenheit wird auch unsere Zukunft groß sein. Möge sich nur unsere nationale Gemeinschaft zusammenschließen . . . Das war eine zweite Stufe, aber noch einmal: Wehe! Denn reicher als an nationalem Banner und nationalen Werken waren jene an Ansichten, Theorien und Definationen. Alle Waffen der Wissenschaft anwenden, um das Volkstum einer Nation zu beweisen, der alle ihre grundlegenden Attribute fehlen — das ist wirklich keine leichte Arbeit! . . . Die Gelehrten disputierten, ob auch ein Volk ohne Land und Sprache usw. Volk genannt werden könne. Und unterdessen, während man die Beweise suchte und fand, während der Ueberhcbung — trotz allem — mit unserm nationalen Wesen und unserer eigenartigen Geisteskultur ging jenes Volk, unccr Volk, dahin, zerbröckelte, assimilierte sich und verblaßte und blieb, wie es war: ohne nationales Kulturleben, ohne Arbeit, ohne Boden unter seinen Füßen . . . Und, wie bekannt, ״zog auch viel Mischvolk mit ihnen hinauf“: allerlei bloße Lobredner der Vergangenheit, Reaktionäre, Religionsverteidiger und Apologeten des Judentums, und protzten mit ihrer Volksliebe, ihrem Hebräertum, ihren ewigen Idealen, ihrer absoluten Gerechtigkeit, ihrem ethischen Niveau usw. usw. usw. Und die schwachen Kräfte des Volkes wurden immer schwächer, die materiellen und geistigen Nutzquellen versiegten immer mehr. Die Ausweisungen und Verfolgunfen mehrten sich noch immer, die innere Entartung und äulnis enthüllte sich immer mehr, und der Krug war nahe am Ucberlaufen. Und als sich endlich auch der Irrtum der modernen nationalistischen Ideologie enthüllte, da kam der jüdische Einzelne aus unserer Generation und sprach dies .eijjb W6rt_aus^\Ärt«i:^.jיי'־’,‘4־:־ Nicht die lächerliche Sentimentalität und nicht die oberflächliche Aufklärung unserer Voreltern, die sich in biblischen Phrasen und zuweilen selbst in einer unirdischen, unfruchtbaren ״Zionsliebe“ ausdrückten, weder die hinkenden nationalen Theorien noch die geistigen Konstruktionen unserer Väter, die sich in Midraschphrasen und manchmal gar in einem spießbürgerlichen, philanthropischen Palästinophilentum aussprjehen — sondern Besserung unseres Zustandes durch jüdische Arbeit Die jüdische Wirklichkeit wartet auf keine Revolution: sie ist von innen her revolutioniert und vernichtet Von neuem, von Anfang an muß begonnen werden. Nur die elementare Arbeit verleiht Rechte, nur sie eine Gegenwart Nicht ״sei so“ oder ״sei anders“ — ich. der jüdische Einzelne, bin Mensch in meinem Hause und Mensch, wenn ich hinausziehe gegen den Feind... Mensch durch meine menschliche Arbeit Ich brauche nicht in die Welt hinaus, wie die Aufklärer lehrten, denn die ganze große Welt habe ich in mir und forme sie neu. Ich brauche nicht Nationalbewußtsein zu predigen und alles mit Beziehung auf den Nationalismus zu tun, denn mein ganzes Alltagsleben isttatsächlieh nationales Leben. Einsam sind diese einfachen Einzeljuden, und gezählt. Aber sie existieren. Sie sind neu, eine neue Art unter den Juden . . . Gepriesen sei das sieche, kranke und entartete Volk, daß ihm solche Kinder — und seien es auch nur wenige — in seinem Alter geboren wurden. Hier liegt ein großes Wunder vor, und wer weiß, vielleicht ist unsere Hoffnung in Wahrheit ״noch nicht verloren“. Ein ernstes Wort zum Fest In diesen Tagen feiert die Organisation Hechaluz das Jubiläum ihres zehnjährigen Bestehens. Das genaue Datum ist nicht festzustellen, da vor zehn Jahren die Bewegung in Rußland begann, organisiert von Trumpeldor, elementar und spontan aus der Stimmung der jüdischen Jugend erwachsen. Erst etwa ein Jahr später kam es auf einer Konferenz zur Gründung des Welthechaluz. Trotzdem ist es wohl berechtigt, wenn gerade der Hechaluz seinen Beginn nicht von irgendwelchen Konferenzen, sondern von den wirklich gelebten Vorgangen, den ersten Alijahversuchen, berleitet Es ist daher auch zu begrüßen, daß das Büro des Welthechaluz jetzt die Parole zur Feier de* Jubiläums ausgegeben hat Es ist eine zeitgemäße Erinnerung, die besonders in dem heutigen Stadium der zionistisehen Arbeit nottut. Denn obwohl es erst wenige Jahre zurückliegt, hat man an vielen Orten bereits vergessen, was der Chaluz für den Zionismus dieser zehn Jahre bedeutete. Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte dieser einzigartigen Erhebung der jüdischen Jugend, dieser einrigen wirklichen Realisierung des Zionismus, zu schreiben, es ist auch nicht die Möglichkeit, die Tage der dritten Alijah, mit ihrer Romantik und ihrem Leiden, mit dem Enthusiasmus brüderlicher Verbundenheit und den Enttäuschungen des materiellen Lebens, die Eroberung des Eniek und den Bau der ersten Kwischim, dies alles hier zu schildern. Wir fürchten ohnedies, daß dieses Jubiläum ein Anlaß zu vielem Wortemachen sein wird. Es wird kaum jemand geben, der nicht bereit ist, ein paar Worte der Begeisterung für den Chaluz zu verlieren, der Organisation Hechaluz aus festlichem Anlaß Komplimente zu machen. Aber dieses Feiern ist nicht das, was der Chaluz heute braucht Nicht sentimentale Erinnerungen und nicht rethorische Verhimmelung, sondern Eines will der Chaluz und braucht er: wirkliche Hilfe. Ein Gedanke, eine Sehnsucht erfüllt die Chaluzim in allen Ländern: Wann wird der Tag der neuen Alijah anbrechen? Und wir alle haben, wenn wir den Chaluz feiern, wenn wir dem Zionismus dienen wollen, auf diese Frage Antwort zu geben. Was ist zu tun, um zu einer neuen Einwanderung, zu neuem Aufbau zu kommen? Diese Frage, die in den letzten Jahren vor uns steht, heischt von uns wirkliche Antwort, und nicht eine Scheinantwort, mit der wir uns selbst betrügen. Um aber die wirkliche Antwort zu finden, müssen wir die wahren Verhältnisse in Erez-Israel schonungslos ins Auge fassen und dürfen uns nicht scheuen, mit uns selbst ins Gericht zu gehen, unsere bisherige Tätigkeit in ihren Einzelheiten zu prüfen, und wo es noltut, zu verurteilen, um besser beginnen zu können. Denn die Frage des Neubeginns der Alijah ist keine Frage der Diskussion oder der Abstimmungen, sondern eine Frage der wirklichen Verhältnisse im Lande Palästina. In der aufgeregten Atmosphäre der letzten Jahre und aus begreiflichen psychologischen Situationen heraus haben sich immer wieder Mißverständnisse hcrausgcbildet, die besonders das Verhältnis des Chaluz zur zionistischen Allgemeinheit trübten. Seit Jahren schon erleben wir das Schauspiel, daß in zionistischen Gremien ein Kampf um Einwanderungsquoten u. ä. geführt wird, daß die Wortführer der Chaluzbewegung es darauf anlegen, ״Resolutionen“ durchzusetzen, daß man um Zertifikate kämpft und zum Schluß gegen die zionisticbe Exekutive oder eine andere Instanz loszieht, weil diese die Ein- Wanderung oder die Ansiedlun״ versage. Die schönsten Resolutionen über Alijah bleiben aber leeres Papier, wenn nicht die tatsächlichen Voraussetzungen für die Alijah vorhanden sind. Nicht weil die Exekutive keine Zertifikate ausgibt, kann heute keine Alijah stattfinden, sondern weil die Lage im Lande es nicht zuläßt. Was ist also za tun, um eine neue Alijah zu ermögliehen? Zwei Dinge sind zu tun: erstens muß die Wirtschaft im Lande Palästina so fundiert und ausgebaut werden, ihre Produktionsbasis muß so erweitert werden, daß sie existenzfähig ist und sogar neue Mensehen anziehen kann. Die Einwanderung hat ja nur dann einen Sinn, wenn die Menschen in der Produktion des Landes verankert werden. Eine Einwanderung von Menschen, die im Lande ihr mitgebrachtes Gold aufzehren und dann der (}Öffentlichkeit zur Last fallen oder zurückwandem müssen, hat ebensowenig Sinn wie die Einwanderung von Arbeitskräften, die durch Unter- Stützungen oder Notstandsarbeiten künstlich erhalten werden müssen. Beides vergrößert unsere nationale Position im Lande nicht und ist weder von ökonomischem noch von politischem Wert. Der einzige Effekt einer solchen Einwanderung ist der, daß sie die Möglichkeit einer wirklich produktiven, daher zionistisch wertvollen Ein- Wanderung vernichtet. Die Chaluzbewegung war auf Kontinuität angelegt, aber nach der ersten großen Welle mußte die Bewegung abbrcchen, weil man nicht alle Bedingungen richtig abgeschätzt hatte. Man mußte lernen. Wir alle haben in den zehn Jahren viel gelernt, auch die Chaluzbewegung hat viel gelernt Sie muß heute wissen, daß das Tempo der Einwanderung davon ahhängt, wie schnell die eingewanderten Chaluzim ihre Wirtschaftsbetriebe selbsterhaltend und rentabel machen. Um dieses Stadium zu erreichen, ist freilich noch anderes nötig als der Enthusiasmus der ersten Tage der Chaluzbewegung. Ohne im einzelnen hier darauf, einzugehen sei nur erwähnt, daß der Chaluz zwar kulturell und technisch trainiert wird, aber ein wesentliches Element vernachlässigt wird oder wurde, nämlich wirtschaftliches Denken und wirtschaftliches Verständnis, was nicht dasselbe ist wie technische Arbeitsbeherrschung. In diesem Punkt haben unsere Chaluzim in Palästina selbst bereits sehr viel zugelernt. Sie verstehen heute schon, daß die Berücksichtigung wirtschaftlicher Gesichtspunkte nicht ein von eigensinnigen Theoretikern ausgehender Zwang ist, sondern ihrem eigenen Interesse dient. Aber damit die Bewährung sich wirklich erweisen könne, ist es erforderlich, den Arbeitersiedlungen eine volle Chance zu geben. Dies haben wir — angesichts unseres begrenzten Kongreßbudgets — vor einigen Jahren in dem viel bekämpften Grundsatz formuliert, es müsse die ..Konsolidierung“ der bestehenden Wirtscliaftsb נ triebe jeder anderen Gcldvcrwendung, also auch der Gründung