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Jüdische Rundschau · 1928-03-13 · Heft 21 (13.3.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 21 (13.3.1928)
Date
1928-03-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 152 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 21. 13. HL 1928 i׳: 0.2' #;4v: •׳ .< : kommenheiten und Eitelkeiten denken? Wie oft findet man I in unseren heiligen Büchern solche Stellen wie ״Boeho Rabbi dieser", ״Bocho Rabbi Akiba“ — Rabbi Eliescr weinte. Nun, an diesem frühen Morgen in New York stand ein Greis Rabbi ("iamlicl in einem Talis-Koten über dem weißen Hemd mit dem breiten Kragen, der lange Bart bis an die Knie reichend, so stand er da und segnete und umarmte zum letztenmal einen Sohn und weinte Trinen, Tränen eines würdevollen Greises, die etwas Hohes, Ergreifendes in sich haben . . . Später schrieben mir meine Brüder, wie der Vater starb. Keine Angst, keine Todesqualen. Er ging schmerzlos hinüber, wo man auf ihn wartete und sich zu einem würdigen Empfang bereitete, ln den letzten Minuten, nach dem Widui, sagte er noch mit klarer Stimme Psalmen, bat die um Um versammelten Söhne, sich aus dem Zimmer zu entfernen, um ein wenig zu ruhen. Er wachte nicht mehr auf. Er ging hinüber, und man freute sich dort im Jenseits mit dem hohen Gast, der durch ein gerechtes Leben sich Verdienste erworben hatte . . . Als ich den Brief meiner Brüder über die letzten Stunden des Vaters las, wußte ich, daß jene Tränen nicht Angst vor dem Tode bedeutet hatten, eher war cs Mitleid mit dem Sohn, Mitleid mit der Welt, aber nicht Angst; denn auch für ihn gilt jene Stelle im Sohar, die lautet; ״Omer Rabbi Jehuda beschoo scheuischmas Hazadik rozoh lozehs hu someach“, Rabbi Jehudah sagte; wenn die Stunde kommt, in welcher die Seele den Zadifc verlasset! will, empfindet er Freude . . . _ (Schluß folgt.) Zur dMrtsdi-jflilLsdien GeschteMe Geschichte der jüdischen Gemeinde zu GuttstadL. Ein Botrag zur Geschichte der Juden im Errniand. Von Felix Halpern, Prediger der jüdischen Gemeinde zu Guttstadt. 1927, Selbstverlag, 45 S. Die Gesetze am die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten im ehemaligen Kurhessen 1816 und 1833. Von L Hör■ witz, Lehrer i. R. in Kassel. Selbstverlag, 51 S. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß in letzter Zeit mehrfach von den Rabbinern und Lehrern der jüdischen Geraeinden in Deutschland die Geschichte ihrer Heimatgemcinde geschrieben wird und so wichtige Kleinarbeit geleistet wird als Vorbereitung für ein zusammenfassendes Oesenichtswerk. ־ Von den beiden obengenannten Schriften gibt das Buch von Felix Halpern die Oeschichte der Juden im Ermland an der Grenze von Deutschland und Polen, in welchem sich die Juden nach den großen Judenverfolgungen des Jahres 1618 niederließen. Die Geschichte ist bis auf den heutigen Tag fortgeführt. L Horwitz׳ Schrift ist sehr interessant durch den Nachweis des starken Einflusses, welchen die engeren Beziehungen mit Frankreich auf die Geschichte der Juden in Hessen genommen haben. Der Anhang dieses Buches enthält Originaldokumente zur Geschichte der Juden in den dreißiger Jahren. Die Juden in China und Japan. Ueber dio Juden in OstasMsn sprach am 27. Februar LandgericbUrat Dr. Stern (Berlin) auf Grund seiner Rabeemdrücko an der Berliner lluclischule für die Wissenschaft des Judentums. Nach einer anschaulich und mit innerer Anteilnahme gegebenen Uebersicht über dio gegenwärtige Kulturrevolution Chinas führte der Vortragende יה!", daß es seit den letzten 50 Jahren keine chinesischen Juden in dem Sinne wi® früher ^äbe, als sin noch nach Aussehen und Lebßniwoise den .ChinMüB glichen. Schon um Christi Gehurt waren Juden aus Palästina, wahrscheinlich auf den großen Karawanenstraßen über Persien und Indien, nach China gekommen. Ihr Mittelpunkt war die Gemeinde in Kai-fong-fu am Gelben Fluß. Darüber liegen Bericht« von berühmten Reisenden des Mittelalters vor. Japanische Juden bat o» wohl niemals gngoben. Auch jetzt leben in diesen Ländern Juden, jedoch nur ausländischer Provenienz. Ihre Zahl beläuft sich in Japan gegenwärtig auf etwa 2000—3000. Ihr Wohnsitz sind dio Städte Nagasaki, Tokio, Yokohama. In China gibt es erheblich mehr, irr Charbin allein leben wohl 10 000; sie sind dorthin meist infolge der politischen Umwälzung in Rußland verschlagen worden. In Shanghai und Hongkong haben os namentlieh die aus England und Indien stammenden Juden tu hohem Ansehen gebracht, mitunter auch tu hohen Staatsstellungen, wie os beim Gouverneur Nathan der Fall war. Dio meisten sind Kaufloate, auch Handwerker; sin leben häufig, in Japan überwiegend, ta dürftigen Verhältnissen. Beide Linder kennen ursprünglich keinen Antisemitismus. Wenn neuerdings Strömungen dieser Art vorhanden sind, so sind sie darauf zurückzuführen, daß Hetzschriften, wie dio gefälschten Protokolle der Weisen von Zion, Los Chinesische und Japanische übersetzt, von Sibirien her nach OsUsien «ingefübrt worden sind, hauptsächlich zu. dem Zweck, den Bolschewismus als jüdisches Geistosprodukt zu kennzeichnen. Zum Schluß seiner inleressantAQ Ausführungen bemerkte der Vortragende, dio Juden sollten, «ingedonk ihrer eigenen Leidensgeschichte, die Partei Chinas in icmtsm Kampfe um dio Freiheit ergreifen. Das Euch Asatir Manche Gedankengänge, Fragenkomplexe treten im Leben zyklisch auf, absorbieren mit unwiderstehlichem Zwang, ver* schwinden dann plötzlich aus der Interessensphäre^ tauchen wieder auf, um einen mit erneuter, gesteigerter Gewalt zu packen. Die Legende von der Kindheit Moses am Hofe Pharaos, von der Krone, vom Onyxstein, der glühenden Kohle wurde mir zuerst durch eine zufällig in meine Hände geratene Photographie zugetragen. Es war das eine der Aufnahmen von Montinari oder den fratelli Aünari, wie sie die Kunsthandlungen der europäischen Großstädte überschwemmen. Unfähig, die dargestellte Szene zu deuten, schrieb ich an den Rabbiner Dr. Bloch nach Posen, schickte ihm das Bild, aber die übrigens sehr unscharfe Photographie vermochte seinen alten Augen nichts zu sagen. Jahre vergingen, da las ich bei David Kaufmann in einer Fußnote von aer Moseslegende und bekam eine Illustration dazu zu sehen. Diese war einer Pessachhaggadah des 14 Jahrhunderts entnommen. Ich hatte endlich den Stoff und das Bild, einen Jüdischen Stoff und eiu Bild in einem jüdischen Buche. Das Rätsel der italienischen Renaissancefreske war gelöst, bloß die Einzelheiten gingen noch nicht restlos auf. Der Scfer Hajaschar, ein mittelalterliches jüdisches Legendenbuch, zu dem ich nun gelangte, klärte alles auf, wenn nicht in bezug auf das Vorkommen des Bildstoffes bei einem christlichen italienischen Künstler, so doch wen'gstens in bezug auf die Gestaltung des Stoffes. Der Kreis schien sich zu schließen, da lese ich vor einigen Tagen in einem Bücher- Prospekte: The Asatir, The Samarltan Book of the Secrets of Moses. Das Buch liegt vor mir. Das Inhaltsverzeichnis liefert unfehlbar das gesuchte Stichwort: Die Legende um Bileam. Bileam, der Prophet, der dem Volke Israel fluchen wollte und es segnen mußte, Bileam nämlich kommt in der Legende vom Moseskinde im Sefer Hajaschar, wie auch bereits im Talmud, vor. Er tritt in der Legende in der Rolle eines der Sterndeuter am Hofe Pharaos auf, er ist es, der Moses Verderben will, der aber auch Moses künftige Größe prophezeit Dr. Gaster, der Herausgeber des Asatir, gibt in seiner Einleitung eine ausführliehe Darstellung der verschiedenen Redaktionen der Legende von Moses und der Rolle, die Bileam darin spielt. Die samaritanische Quelle selbst enthält aber leider die Episode mit der Kronenabnahme gar nicht, auch stehen die Sterndeuter des Pharao im Asatir m keiner Beziehung zu Bileam. Ebenso mager ist die Behandlung der Abrahamlegende in diesem ״ältesten Denkmal der samaritanischen Literatur“. Die dramatische Szene der Feuerprobe, der Abraham durch den König Nimrod unterzogen wird, dessen wunderbare Errettung, der Kampf Abrahams mit seinem Vater für die Idee des einzigen Gottes, die Haltung des Vaters gegenüber dem Sohn und dem König, die Rolle Harans, des Bruders Abrahams, von all den bewegten Situationen und komplizierten Beziehungen, die der Sefer Ha'aschar so beredt schildert, erfahren wir nur wenig im Asatir. Dr. Gaster glaubt, im abbreviatorbchen Charakter der Darstellung einen Beweis für das hohe Alter der Schrift sehen zu müssen. Aber, wenn die breite amplifizierende Manier des Sefer Haraschar auf eine späte Redaktion schließen läßt, so kenn aus der Knappheit des Asatir noch nicht auf dessen unverfälschte und ursprüngliche Frische geschlossen werden. Die Abbreviatur deutet häufig auf das Gegenteil von Echtheit und Spontaneität der Ausdrucksformen, d. h. auf Verschiebung und Abnutzung derselben. Eine Stelle, wie die folgende, mag die Verschieifungstendenz illustrieren: ich übersetze sie aus Dr. Gasters englischer Uebertragung des Asatir: Kap. V, 26. Und nachdem Abraham mit großem Glanz geboren wurde. 27. Und Nimrod ihn nahm und ins Feuer warb weil er gesagt hatte: die Welt hat einen Gott, 28. Und als Haran dem Abraham erzürnte und ihm sag> er sd ein Zauberer, kam das Feuer hsraus und erzürnte ihn “ ״Und Haran starb in Gegenwart seines Vaters Terach in Uf Kasdim.“ In sieben Jahren starb er (Nimrod). Im nächstfolgenden Kapitel des Asatir werden die weiteren Geschicke Abrahams geschildert, und zwar ohne irgendwelche Bezugnahme auf die vorangegangenen Geschehnisse. Er lebt also. Auf welche Weise Ist er gerettet worden? Wir erfahren nichts davon. Doch offenbar nur, weil die Legende bereits Allgemeingut geworden war und der Erzähler sich mit dem Memorieren einzelner lierausgerissener Phasen begnügen zu dürfen glaubte. Der Asatir ist gegenüber anderen samaritanischen sowie jüdischen und hellenistisch-jüdischen Sammlungen biblischer Legenden, die Dr. Gaster in sorgfältig durchgeführten Parallelen vorführt, durch die Tendenz des Weglassens gekennwidmet. Mir erscheint er nach einer vielleicht nicht maßgebliehen Stichprobe als ein schon ziemli:h erschöpfter Quell. Reich und prächtig ist die Landschaft, in die ihn Gaster gesetzt hat. Ueberaus fesselnd die Darstellung des Bileam, als eines Archetyps des Antichrist und des Pinechas, als eines Gegenstücks zu Bileam, wie sie in den verschiedenen Legendensammlungen auftreten. Diese Gegenüberstellung der lichten und der finsteren Gewalten in der Person der beiden Helden war beim Bibelerzähler nur kaum angedeutet Im sonst so flüdttigen und summarischen Asatir wird der Gegensatz der beiden Gestalten kräftiger herausgearbeitet als in der Bibel. Die Weissagungen des Bileam werden auf Pinechas selber bezogen. Pinechas gewinnt dadurch an Bedeutung, die Prophezeiungen aber verlieren ihren messianrehen Charakter, werden sachlich, historisch, aktuell. Das Motiv verrät somit wohl eine noch alte Fassung. Der Asatir ist von der Royal Asiatic Sodely 1927 in London herausgebracht worden. Er enthält die zum ersten Male veröffentlichten samaritanischen Texte, sowie die englischen Ueber- Setzungen des Asatir, eines Kommentars zum Asatir und einer samaritanischen Oeschichte von Moses Tod. Gaster datiert die der von ihm benutzten Abschrift zugrunde liegende Redaktion des Asatir in das 3. Jahrhundert vor der gewöhnlichen Zeitrechnung. Ein praktischer Index, eine Kombination von Sach- und Namenregister und die übersichtliche Anlage des Buches gestalten dessen Lektüre zu einem Vergnügen. Rahel Wischnitzer-Bernstein. Vortragsabende Eingeladen von der Volksbühne, las der Dramatiker Emil Bernhard Cohn am vergangenen Mittwoch im Bürgersaal des Rathauses aus eigenen Dichtungen. ״Die Legende von Rabbi Akiba“ aus dem bei Georg Müller (München) erschienenen Legendenbuch wirkt durch die bildhafte und zugleich plastische Einfachheit •der Sprache, die überliefertes und dichterisches Eigengut durch intuitives Erfassen des Geistes biblischer Sprache und biblischer Landschaft auf sehr glückliche Weise miteinander verband. Emil Bernhard Cohn wählte aus der bewegten Zeit des Bar Kochba-Aufstandes und der ersten Anfänge des Christentums nur in ganz großen Zügen die Ereignisse, die direkt auf Rabbi Akibas Persönlichkeit hinzielten. Mittelpunkt der Darstellung wurde nach einer farbenprangenden Schilderung des Hirten Akiba der tragische Konflikt zwischen dem Dienst an der Lehre und dem Dienst am Menschen. Akiba vergißt über der leidenschaftlichen Liebe zur Thora das Leben mit Frau und Kind. Sein Sohn stirbt als erstes Opfer des großen Schüler- Sterbens, das der Dichter als unheimliches Symbol für die verliachlässigte Liebe zum Menschen darstel.t und Akibas späterer Dienst am Volk, seine Entdeckung des Messias Bar Kochba, sein Kampf für die Befreiung und sein endlich fast gesuchter Märtyrertod erscheinen als Sünne für die überwuchernde Leidenschaft der Wissenschaft Der erste Akt aus seinem im Volksbühnenverlag erschienenen Drama ״Das reißende Lamra“, die Geschichte des Sträflings Twerskoy, der durch seine Sanftmut die Zivilisationslügen wie Spreu in die Luft bläst, — beschloß den sehr wertvollen Abend. Am Tage vorher gab die junge sehr begabte Rezitatorin Ilse Davidson n, die Tochter des bekannten Oberkantors Davidsohn, einen in der ersten Programmhälfte fast ausschließlich jüdischen Abend im Grotrian Steinwegsaal, zu dem der Cellist Julius Berger das Kolnidre von Bruch spielte. Ilse Davidsoha ist eine sehr vielversprechende Begabung. Ihr weicher, inniger Vortragston mit In dieser Stimmlage ausreichender weite — nur das laute Pathos in Max Brods ״Stadt der Gerechtigkeit“ liegt ihr gar nicht — verhalf ihr zu einer vorzüglichen Wiedergäbe von Beer Ho (man ns Schlaflied für Mirjam. Auch Toller, der oft aber ungleich wertig rezitiert wird, konnte — er war anwesend — diesmal zufrieden sein. Das Mitgefühl mit der geschändeten Kreatur das aus seinem Schwaibcnbueh gewaltig aufschreit, kam selten so erschütternd zum Bewußtsein. Die vollendete Gelöstheit in Werfels Welthingabe seines ״Mond'ied eines Mädchens“ legitimieren Ilse Davidsohn als berufene Interpretin echter großer Dichtung. Manfrcdüeis, der nun über die ersten Anfänge hinaus ist, bestätigt in seinem letzten Rezitationsabend in der Kunstkammer wasservagel an einem guten literarischen Programm aussotfl4eßi Leb jMif?Nr Au+ 'ör-tfü; ,-daß er heitere, leichte Dinge gekonnt und leicht, wie'sie'genommen sein Wollen, darzubringen versteht Für Kerrs fröhliche Wissenschaft, die Sprüche in den Cappriecios, fand er sogar einen Ton, der überrascht Er gab ihnen die nötige Standfestigkeit und Ucberlegen* heit Für Lion Fcuchtwangersweetchek Uebertragungen aus dem Liederbuch Pep eignete sich sein für solche Zwecke präparierter Naturlaut mit etwas Krihstimme, er sollte ihn nur etwas sparsamer anwenden. Ferner las Geis Stücke von Kurt Tucholsky und Walter Mehring. Es sei dankbar vermerkt, daß er in den ״Bemerkungen zu einer Heuschrecke“, worin Mehring die Assimilantenängste verspottet: ״die Ostjuden sind an allem schuld“, ein Prosastück wählte, das einfach und unkompliziert dahinfloß. Von Max Kolpe, dem jüngsten jüdischen Dichter, hörte man diesmal gleichfalls von Manfred Geis Kabarettverse wie ״Carrierc“ und ״Windhund“, die gut gefeilt sind und rhythmisch lebendig und jung. Hede Geber, eine hochbegabte junge Rezitatorin, die abwechselnd mit Manfred Geis das reichhaltige Programm bestritt, sprach mit Charme, Klugheit und beachtlichem sprachlichen Können, die kultivierten aus überlegener epischer Ferne sicher gemeißc'ten Strophen aus Emil Ludwigs geistrecher Vcrsnovelie ״Tom und Svlvester“. Sie las außerdem leicht und mit federndem Stahlkfang aus Polgars von ihm groß gesehenen Episoden teils ״An den Rand geschrieben“ und teils aus dem ״Orchester von Oben“. Ruth Morold. wie das Volk und flucht in seiner Muttersprache, Aber einen kräftigen Fluch versteht her jeder, und wenn er chinesisch gesprochen wäre. Aui Abend gehen wir in die Felder hinaus, da setzt sich Zwonimir auf einen S'.ein, schlägt die Hände vors Gesicht und schluchzt, wie ein Knabe. t ״Warum weinst Du, Zwonimir?“ ״Wegen der Kuh,“ sagt Zwonimir. ״Aber das weißt Du ja schon den ganzen Tag. Warum weiast Du jetzt?“ ״Weil ich bei Tag keine Zeit habe.“ Das sagt Zwonimir ganz ernst, er weint noch eine gute' Viertelstunde, dann steht er auf. Er lacht plötzlich laut auf, weil er entdeckt, daß ein Prellstein wie eine kleine Vogelscheuche äugezogen ist. Die Kerle sind zu faul, stellen ihre Vogelscheuchen nicht ordentlich in die Mitte. Prellsteine sind ja keine Vogelscheuchen!! Möchte den Sperling sehn, der vor einem verkleideten Prellstein Angst hat! ,.Zwonimir, bitte ich, fahren wir fort! Geh’ beim. Dein Vater lebt noch, aber er wird vielleicht sterben, wenn Du nicht kommst und - dann wirst Du keine bösen Träume mehr haben. Und ich will auch fort.“ ״Ein bißchen bleiben wir noch,“ sagt Zwo* nämir und ich weiß, daß er fest bleibt Er freut sieb über das Hotel Savoy. Zum ersten Mal lebt Zwonimir in einem großen Hotel. Er wundert sich gar nicht über Ignatz, den alten Liftknaben. Ich erzähle Zwonimir, daß In anderen Hotels kleine, mi'chwangige Buben die Fahrstühle bedienen. Zwonimir meint, es wäre schon vernünftiger, wenn eine solche Amerikasache einem altem, erfahrenen Herrn überlassen wird. Uebrigens sind ihm beide unheimlich, der Fahrstuhl und Ignatz. Er geht lieber zu Fuß. Ich mache Zwonimir auf die Uhren aufmerksam, und daß sie verschiedene Stunden zeigen. Zwonimir sagt, das wäre unangenehm. Abwechslung muß aber sein. Ich zeige ihm den siebenten Stock und den Dunst der Waschküche und erzähle ihm von Santschin und dem Esel am Grab. Diese Geschichte gefällt ihm am besten, Santschin tut ihm gar nicht leid, über den Esel lacht er, des nachts, während er sich auskleidet Ich mache ihn auch mit Abd Glanz bekannt und mit Hirsch Fisch. Zwonimir kaufte bei Fisch drei Lose und wollte noch mehr kaufen und versprach Fisch ein Drittel vom Gewinnst. Wir gingen mit Abel Glanz in das Judengäßchen, Abel machte (gute Geschäfte, fragte, ob wir deutsche Mark hätten, Zwonimir hatte deutsche Mark. *£u zwölf ein viertel“, sagte Abel. ״Wer kauft?“ fragte Zwonimir, mit überraschender Kennerschaft. Kanr.er! sagte Glanz. ״Führen Sie den Kanner her!“ sagt Zwonimir. ״Was fällt Ihnen eiu? Kanner wird zu Ihnen kommen?!“ schreit Glanz erschrocken. ״Dann geb’ ich die Mark nicht!“ sagt Zwonimir. Glanz will verdienen und reunt zu Kanner. Wir warten. Er kommt nach einer halben Stunde und bestellt uns in die Bar für den Abend- Am Abend kamen wir in die Bar, Zwonimir in einer russischen Mi.itärbluse, mit genagelten Stiefeln. Zwonimir kniff Frau Jett! Kupfer in den Oberarm, sie ließ einen schrillen Juchzer lo־.. so einen Gast hatte sic schon lange nicht gehabt Zwonimir ließ Schnäpse mische«, gab Ignatz einen Klaps auf die Schulter, daß der mte Liftknabe zusammensank, in die Knie brach. Zwonimir lachte über die Mädchen, fragte laut nach den Namen der Gäste, rief den Fabrikanten Neuner beim Namen ohne den Titel ״Herr“ und fragt Glanz: ״Wo steckt denn der verdammte Kanner?“ Die Herren verzogen die Gesichter, sie blieben ruhig und Neuner rührte sich nicht und ließ sich jede Anrede gefallen, obwohl er Einjähriger bei der Garde gewesen war und Schmisse hatte. Anselm Schwadron und Siegmund Fink unterhielten sich leise, und als Kanner verspätet eintraf, wurde er nicht mit jenem Hailoh begrüßt, das er erwartet und verdient hatte. Er sah sich um, entdeckte Zwonimir, da ihm Glanz winkte, trat er auf uns zu und fragte majestatisch: Herr Panssn? ״Zu Befehl, Mister Kanner!“ schrie Zwonimir mit dröhnender Stimme, daß Kanner einen halben Schritt zurücktrat ״Zwölf dreiviertel,“ schrie Zwonimir wieder. ״Nicht so laut!“ flüsterte Glanz. Aber Zwonimir zog, während alle nach unserera Tisch sahen, sein Geld aus der Brieftasche — auch dänische Kronen hatte er — weiß Gott, woher. Kanner steckte das Geld ein und rechnete rasch, um nur fertig zu werden und zahlte zwölfdreiviertel ״Meine Provision?“ sagte Glanz. In Schnaps!“ sagte Zwonimir und ließ fünf Schnäpse für Glanz bringen. Abel Glanz trank, aus Furcht, bis er besoffen war. Es war ein lustiger Abend. Den Stammgasten hatte Zwonimir die Laune verdorben, ignatz war böse. Seine bicrgelben Augen funkelten. Zwonimir aber tat, als wäre Ignatz sein bester Freund, rief ihn beim Namen, — ״liebster Ignatz!“ sagte Zwonimir und ignatz kam auf leisen Sohlen, wie ein alter Kater. Der Fabrikant Neuner fand keine Lust an Tonka, die nackten Mädchen kamen zutraulich an tinsern Tisch und aßen Zwonimir aus der Hand. Er fütterte sie mit Gebäck, zerbröckelten Kuchen und ließ sie an verschiedenen Schnapsgläsern nippen. In ihrer weißen Nacktheit standen sie da, wie junge Schwäne. Spät kam Alcxanderl Böhiaug. Er war niedergeschlagen und aufgeräumt zugleich, er wollte irgendeinen Kummer übertönen und Zwonimir half ihm. Zwonimir hatte viel getrunken, dennoch war er nüchtern und spöttisch und höhnte Alexaßderl, daß es eine Lust war. ״Sie haben spitze Stiefel!“ sagte Zwonimir, ״lassen Sie sehen, ob sie scharf sind. Wo lassen Sie Ihre Stiefel schleifen? Die neueste Kriegswaffe. Sturmangriff mit französischen Stiefelspitzen! — Ihre Krawatte ist schöner, als meiner Großmutter Kopftuch, so wahr ich der Sohn Nikitas hin, so wahr ich Zwonimir heiße und niemals mit Ihrer Braut geschlafen habe.“ Alexander! tat, als hörte er nicht. Gram zehrte an ihm. Er war traurig. ״Ich möchte diesen Vetter nicht an Deiner Stelle!“ sagte Zwonfmir. ״Man sucht sich seine Vettern nicht aus,“ sagte ich. ״Nichts für ungut, Afexanderl!“ schrie Zwonimir und stand auf. Er war groß, wie eine Mauer stand er in der kleinen dunkelroten Bar. Am nächsten Morgen erwacht Zwonimir f üh und weckt mich. Er ist angekleidet Er wirft meine Decke auf den Fußboden und zwingt mich aufzustehn und mit ihm spazieren zu gehn. Die Lerchen trillern wunderbar. (Fortsetzung folgt)

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