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Jüdische Rundschau · 1928-03-09 · Heft 20 (9.3.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 20 (9.3.1928)
Date
1928-03-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 20, 0 Itl!928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sei» 141 Rundschau Wirren in Arabien - Wo bleibt der Waad Leumi? ~ Die agudisiiscbe Ausirtttskampagne RW, Berlin, 7. März. Vor einigen Tagen ist, wie Reuter gemeldet hat, ln lerusalem üer Vertrag zwischen EnglandundTrans- Jordanien unterzeichnet worden. Der Inhalt dieses Vertrages, über den bereits fünf Jahre lang verhandelt wird, ist noch nicht bekannt Es läßt sich daher nicht sagen, ob der politische Status Transjordaniens darin entscheidend geändert wird. Bekanntlich besteht in Transjordanien gäbst eine Opposition gegen den Emir Abdullah, vor allein aber hat Transjordanien Schwierigkeiten an!,einen Grenzen. Aus dem Gebiet des Nedschd waren wiederholt Beduinenschwärme gegen transjordanisches Gebiet vorgestoßen, und die Annexion der zwei wichtigen Städte Maan und Akaba, die früher zum Hedschas gehört haben, hat das Verhältnis zu den wahabitischen Nachbarn nicht verbessert. Nun ist in den letzten Wochen im gan- 7cn Wahabitengebiet eine starke Unruhe ausgebrochen. Im östlichen Teil der arabischen Halbinsel, in der Gegend von Koweit, haben rebellierende Stämme mesopotamisches Gebiet überfallen, so daß die Regierung des Königs Feisal Truppen absenden mußte, denen ein englisches Expeditions.iorps beigegeben wurde. In den letzten Tagen wiederholten sich die Kämpfe. Meldungen, deren Richtigkeit schwer kontrollierbar ist sprechen sogar von einer Einnähme von Akaba durch vvahabitische Stämme. König Ibn Saud hat vor einem Jahre mit England der! Freundschaftsvertrag von Hadda abgeschlossen, worin die Abfretung von Maan und Akaba seitens des Königs zwar nicht rechtlich anerkannt, aber als Faktum hingenommen wurde. Bisher also konnte jedenfalls von einem Krieg zwischen England und Ibn Saud nicht die Rede sein. Nach den letzten Telegrammen der ״Times“ hat es aber den Anschein, als ob Ibn Saud selbst aus innerpolitischen Gründen gezwungen sei, den Kampf gegen die Ungläubigen zu proklamieren. Das würde bedeuten, daß er die kriegerischen Einfälle in Irak und Transjordanien billigt. Wenn man bedenkt, daß in diesen beiden Ländern Fürsten aus dem verhaßten Haschimitenhause regieren, dessen Haupt Hussein von Ibn Saud aus dem Hedschas verdrängt worden ist, so wird man geneigt sein, an die feindlichen Absichten Ibn Sauds zu glauben. Die offene Sanktionierung des Kampfes durch Ibn Saud würde fraglos ein energisches Eingreifen Englands zur Folge haben. Dies ist für uns um so bedeutungsvoller, als die Kämpfe sich wahrscheinlich an der transjordanischenGrenze abspielen würden, so daß wohl auch das sogenannte ״transjordanische Grenzkorps“, die palästinensische Armee, in Funktion zu treten hätte. Es ist kaum anzunehmen, daß England, das gerade jetzt den Vertrag mit Abduliah unterzeichnet hat, diesen ebenso preisgeben wird wie seinen Vater Hussein, obwohl die Faden dieser Polltik höchst undurchsichtig sind. Zu gleicher Zeit mit diesen Wahabi-Wtrren ist der Konflikt zwi$che«J&s1 glj» »4u »4־ A* sjtptl«׳. brechen. Nach einigen Jahre» relativer Ruhe sehen wir also das arabische Problem in verschiedenen Formen wieder akut werden. Je unsicherer Englands Position in Aegypten wird, — der Hauptstreitpunkt ist das Verbleiben der englischen Garnison westlich des Suezkanals, — um so wichtiger wird für England Palästina, d. h. das Ostufer des Suezkanals und die Schlüsselposition für Trans- Jordanien, Irak und Arabien. Das ist eine bedeutungsvolle Situation für die zionistische Politik. Wir Zionisten haben heute vor allem den Wunsch nach einer ruhigen und gesicherten Atmosphäre des Bauens, und wir haben kein Interesse an Unruhen in der arabischen Welt und an Kämpfen zwischen den arabischen Völkern, auch nicht an Unfrieden zwischen England und den Arabern. Aber es wäre verfehlt, die Augen davor zu verschließen, daß für den Vorderen Orient eine ernste und vielleicht verwickelte Zeit heraufzieht, wo auch wir auf der Wacht stehen müssen. * Die von unserem Mitarbeiter Dr. Löwenstein aufgeworfene Frage einer Ueberwllzung des Erziehungsbudgets auf Regierung und Waad Leumi ist schon seit Jahren ein Gegenstand der zionistischen Erörterung. Zweifellos ist eine solche Entlastung des Budgets wünschenswert, doch sind heute leider die Tatsachen nicht sehr ermutigend. Aus der soeben von der Zionistischen Exekutive veröffentlichten Erklärung, wegen der rückständigen Lehrergehälter, geht hervor, daß die Rückstände vor allem auf die Saumseligkeit der verschiedenen Faktoren des J1 s c h u w, die zur Beitragsleistung vernflichtet waren, zurückzuführen ist. Der Waad Leumi soll nun freilieh einen neuen Status mit Steuerrecht bekommen. Er wäre dann vielleicht eher den Aufgaben gewachsen. Aber heute können wir noch nicht mit diesem neuen Gebilde rechnen. Es käme darauf an, einen arbeitsfähigen Waad Leumi zunächst zu schaffen, und leider müssen wir aussnrechen, daß es den Eindruck macht, als ob im entscheidenden Moment der Jischuw versagte. Seit vielen lahrcn kämpft der Jischuw für die gesetzliche Organisierting, aber nun, da die Legalisierung erfolgt ist, scheint die Energie in eigentümlicher und jedenfalls sehr gefährlieber Weise erschlafft zu sein. Die Orthodoxie führt eine große Austrittskampagne, die in den orthodoexn Zeitungen des ganzen Galuth in eigentümlicher Verblendüng glorifiziert wird. Es ist begreiflich, daß die Austrittsparole insbesondere bei den Elementen des alten Jischuw Erfolg hat, wenn man bedenkt, daß viele dieser Leute Angst haben vor der Besteuerung durch die neue Organisation, und daß außerdem den verschiedenen r.haiukkah־Gmnpe!1 gar nicht angenehm ist. wenn eine zentrale Körperschaft zur Kontro’le der jüdischen sozialen Arbeit gesetzlich anerkannt wird. Stellt man nun den Austritt sogar als eine Mizwah, eine gottgefällige Hand- Iting hin. so ist es begreiflich, daß viele geneigt sind, diese Mizwah zu tun, wenn man mit dem fertigen Formular zu ihnen ins Haus kommt. Ein nationales Bewußtsein oder geschultes nolitisches Denken existiert doch in diesen Kreisen gar nicht oder nur sehr rudimentär. Was Wunder, daß wir heute in Palästina geradezu einen Hexenkesse! der Abspaltungen, der Weinen Grtmnen- und Klüngelbildung vor uns sehen, wie in den schlimmsten Zeiten der Vorherrschaft der landsmannschaftllclien Chalukkah. Diese Vorgänge würden eine energische G e g enaktion des Waad Leumi erforderlich machen. Davon aber ist kaum etwas zu merken. Der M i s r a c h ו hat versucht, gewisse Kompromißvorschläge zu machen, insbesondere bezüglich des umstrittenen Frauenwahlrechtes. 7. B. daß in Städten wie Jerusalem, Hebron, Safed nur Männer das Wahlrecht zur Gemeinde haben sollen, weil in dieser. Orten große Telle der Bevölkerung gegen das Frauemvah! recht seien. Der gegenwärtige Waad Leumi hat zu diesen Fra״cn noch nicht Stellung genommen (soweit unsere Nachrichten reichen). Aber abgesehen von solchen Einzel- Problemen fehlt das Gefühl einer elementaren Beweg 11 n g zugunsten der Organisation. Fast nur die Arbeiter- Parteien zeigen einigen Elan, und gerade diese sind jetzt mit anderen Problemen überbürdet. Dies ist ein Zustand, der der zionistischen Welt nicht gleichgültig sein kann. 1 Die Zionistische־'OffifOTlsaflon'Ält'ülfeh atrf־ Dringen des Waad Leumi mit dessen Fordernngen nach Schaffung der Gemeindeorganisation identifiziert, ohne eingehend zu nrüfen. ob der Jischuw dafür auch reif ist. Praktische Zweifel zu äußern war gar nicht möglich in einer Atmosnhäre, in welcher das Schlagwort übermächtig war. Heute mm stehen wir vor einem fait accompü, vor der Notwendigkeit zu handeln, und dieser Moment darf nicht ungenützt vorübergehen, Der Jischuw muß den zersetzenden und zerstörenden Kräften, mit denen das jüdische Volk seit Moses Zeiten von Gott geschlagen ist, seinen Willen zur nationalen Einheit entgegensetzen. Die Agudah, die keine Aufgaben des Aufbaus, sondern nur der Zerstörung hat, hat natürlich die viel leichtere Arbeit, weil sie alle ihre Kräfte und Geld auf diese Sache konzentrieren kann. Sie hat ihren besten Organisator, Dr. Pinchas Kohn, nach Jerusalem geschickt. Der Zionismus braucht natürlich seine Kräfte für ganz andere und wichtigere Dinge und es ist verständlich, daß auch der Jischuw in diesem Moment andere Aufgaben sieht als den Kleinkampf in den Niederungen des Ghettos. Trotzdem aber scheint es uns unerläßlich, daß die zionistischen Kräfte jetzt darauf konzentriert werden, die gesetzliche Organisation des Jischuw zu einer Wirklichkeit zu machen. Man kann nicht eine Sache, die man jahrelang leidenschaftlich erstrebt hat, bagatellisieren, weil die Erfüllung gerade in einem ungünstigen Moment kommt Die Idee der jüdisehen Einheit die die Voraussetzung unserer nationalen Zukunft ist muß —• ungeachtet natürlich aller Freiheit religiöser Differenzierung — verteidigt werden. Ein 4nfru! des Vorstandes der JOdfsdten Gemeinde Auf Grund eines in der Sitzung vom 21. Februar d. J. gefaßten einstimmigen Beschlusses des Gemein aevor- Standes wird der folgende Aufruf verölfenf.icht: ״An unsere Mitglieder! Im Dezember vorigen Jahres hat der neue Gemeinde- Vorstand sein Amt angetreten. Wohl nie zuvor Ist dies unter gleich schwierigen Bedingungen geschehen. Schon durch das lange Ausbleiben der Bestätigung der Repräsentantenwahlen mußten die Verwaltungsausgaben leiden; die darauf folgenden Erörte-ungen ln der Oeffentllchkeit haben die Erregung ln der Gemeinde noch nicht zur Ruhe kommen lassen. Zu alledem kommt die schwere, wlrtschädliche Not, die auch für unsere Gemeinde den Gegenstand ern ter Sorge bilden muß. Der Gemeindevorstand hat den festen Willen, möglichst schnell die Verwaltung wieder ln normale Bahnen zu leiten, durch ruhige, sachliche, dem Ganzen dienende Arbeit, die jeder religiösen Richtung in der Gemeinde ihr Recht läßt, een Notwendigkeiten der Stunde gerecht zu werden und die Gemeinde aus dem Kampfe der Parteileidenschaften heraus wieder zur Ruhe und zum Frieden zu bringen. Deshalb wendet sich der Gemeindevontand an alle Mitlieder der Gemeinde mit dem dringenden Appell, eizutragen zur endlichen Befriedigung der Geme in de und zur Schaffung einer Atmosphäre, ln der allein . . hat, nicht die eigene Kraft durch inneren Zwist und unsachliehe Angriffe zu untergraben. Die Einheit der Gemeinde muß unter allen Umständen erhalten werden. Berlin, im Februar 1923. Vorstand der Jüdischen Gemeinde.'* Die Lage der hebräischen Lehrer Die zionistische Pa'ästina-Exeku ive veröffentlicht en. Erklärung, in der gesagt wird, die Lage der hebrairchen Le ver in Palästina sc! unsagbar hart, niem ind bedauere dies mehr a s die zionistische Exekutive. Seitdem die Gehälter für Juni und Juli vorigen Jahres gezahlt wurden, ist erst im Januar 1923 ein .A ״»nafsgeiialt wieder geleistet worden, und zwar aus dem Budget für das laufende Jahr. Demzufolge blieb man den Lehrern das Gehalt für fünf Monate schuldig. Durch kleinere Auszahlungen verringerte sich der Gehalterüchsfand auf vier Monate. Man stellt an die palästineniischzionistische Exc'-jtive das Verlangen, eine Anleihe aufzunehmen, um den gesamten Verpflichtungen gegenüber c'en Lehrern nachzukomtnen. Das ist Z%tej.it'<1n1cbt mog'ich. Nur für den• Fall, daß das ־gesam.te,on k* -H M:<6 K1r%Sr.ÄtOO&t־vo« äü 1 ge © 1־aeb t *öA'*p», .die übrigen speziell für das Unterricht;Budget tctlom. ז *•jha. Ganz einfließen, werden die lehrergehälter für das Jahr 5633!nd de® ausgezahlt werden könne n, im anderen Fal e werden die Lei ־*, Orehälter nur im Verbal tiiis zu den einfließer rV••« ummen gezahlt werdt-r können.— Die zienisti che Oeflen' 1. ׳ keit erfährt hier in einem SpwialfaU, wie sehr es von ih ' hängt, das Los der am Aufbau eines neuen Vo'kstums schwer und opfervoi! arbeitenden Menschen zu erleichtern. Für Kolonisier!!«! Irlherer iüdiseber Soldaten Jerusalem, I. März. (J.T.A.) Sir Alfred Mond hat der Palästina-Regierung ein Memorandu m Überreicht, in welchem er an die Regierung die ernste Mahnung richtet, den früheren jüdischen Soldaten, die während des Krieges in und für Pa’äsfina gekämpft haben, Siedlungs• land zur Verfügung zu stehen, damit sie in dem Lande, für das sie Leben und Gesundheit einsetzten, a's Bauern seßhaft werden können. Seit mehreren Jahren bemüht sich bekmnl i:h eine Gruppe der früheren jüdischen Legionäre vergeh ,ich, von der Regierung Siedlungsland zu bekommen. Hermann Ungar und sein neuer Roman Von Oskar Baum. Der Reichtum des jüdischen Geistes besteht nicht in seiner crstaim'ichen Vielseitigkeit, in seinen verblüffenden, vielbeneideten Erfolgen auf den verschiedensten Gebieten. Daß wir alles machen können und überall noch den anderen in stolzen Verhältnisziffern den Rang ablaufen, ist eher verdächtig. Diese unendlichen Möglichkeiten überdecken und verzetteln den eigentlichen Urgrund des jüdischen Wesens, die Urkraft, die auf irgendeinem Wege alle an die Oberfläche tretenden tausend Talentquellchen speist Die originale Kraft, das Stammvermögen der jüdischen Seele ist — wie soll man es doch nur mit einem Worte nennen? —• die schöpferische Ekstase des Gottesverlangens. Durch alle Erscheinungen bis auf ihren religiösen Grund hinabzugehen und von ihm aus die Welt zu beurteilen und zu behandeln. Wie einst die Propheten, so sind es nun die Dichter, die aus dem lebendigen Zeitgefühl jeder Epoche heraus dieser Grundkraft ein überraschendes neues Gesicht geben und so ihre Wirkungen verjüngen. Ein eigenartiger und interessanter Vertreter der jungen Dichtergeneration, der auf diese Weise eine tiefiüdische Mission erfüllt, ohne daß in seinem Werk auch nur ein Wort vom Judentum vorkommt, ist Hermann Ungar. In ihm ist der Gegensatz heidnischer und jüdischer Sittlichkeit von neuem fruchtbar geworden. Dem Sinnengenuß, der Ueberlegenheitslust, dem Heldentum der siegenden Faust stellt er die Werte des Leidens gegenüber, das Ringen der Benachteiligten und Gezeichneten um die Gnade, um jeden Fußbreit Seelenfriedens. Seine Helden sind die Schuldlos-Schuldigen, ״die Verstümmelten“, die ״Knaben und Mörder“, bis zuletzt die ganze Menschheit ״Die Klasse“ ist, die sich unter dem unerbittlichen Lehrer von Prüfung zu Prüfung schwer durcharbeitet oder durchmogelt Die Schuldlos-Schuldigen und ihre Peiniger in einer besonders gereinigten herben Klarheit des Gegensatzes. Die unbarmherzige Logik dieser Klarheit hat etwas vom ehernen Schritt des Geschicks, der Kälte des Weltraums. Aber in dieser Kälte und Herbheit fühlt man nur den Panzer eines besonders welch empfindenden Herzens, das den Mitschmerz, das Mitleiden mit den Qualen der Unschuld sonst nicht ertrüge, in der Tiefe seiner Liebe sucht Hermann Ungar die Hilfslosesten der Bedauernswerten und weiß selbst Dummheit und Beschränktheit zum Gegenstand der Tragik, einer packenden, tiefaufwühlenden Tragik zu machen. Mit handgreiflicher Deutlichkeit jeder Einzelheit des Geschehens wachsen schauerliche Märchen, unheimliche Phantasmagorien von unerhörter Natürlichkeit vor uns auf. Nachtgespenster brechen aus dem Unterbewußtsein aus und stehen als lebendigste alltägliche Wirklichkeit im grellen Licht. Man hat vom Einfluß Franz Kafkas auf diese Gestaltung*- weise gesprochen. Die Parallele liegt sehr nahe. Die zärtliche Deskriptive bis in Einzelheiten ivie: die genaue Aufzeichnung der Körperstellungen ebenso wie das Schweben zwischen Magie und Wirklichkeit und die ergreifende Darstellung der höchsten göttlichen und menschlichen Fragen in unscheinbarem Sinnbild weit ab von pompösen Phrasen ist das Gemeinsame. Aber man braucht wohl nicht daran zu erinnern, wie alle, zumal die größten Geister der Kunst (wie Mozart von Gluck, Beethoven von Mozart, Büchner von Shakespeare) abhängig sind, um darzutun, daß auch dieser Dichter deshalb nicht minder ein ehrlicher und eigener, ja vielleicht darum eben ein besonders kraftvoller ist, denn es kommt auf die Stärke der eigenen Note an, wie viel und wie Hohes ein Künstler zu assimilieren vermag, ohne seiner Eigenfarbe verlustig zu gehen. Wie völlig anders ist schon der Tonfall der kurzen Sätze Ungars mit ihren nackten Substantiven, in denen der gehetzte Lebensrhylhmus der Verfolgten Melodie wird, als die kunstvoll, mit symphonischem Schwung gebauten, sanft instrumentierten riesigen Sätze Kafkas! Und die scharf disziplinierte Planmäßigkeit bei Ungar gegenüber der wundervollen, aber vom Plan nur sehr locker geführten Phantasie Kafkas, den unendlichen Episoden, Diskussionen. Die Werke Kafkas werden fragmentarisch durch die unaufhaltsame Schwungkraft der Situationen und die rätselhafte Ziellosigkeit des Lebens selbst Der Problemkomplex der jüdischen Künstler aus der Tschechoslowakei wird es den Literarhistorikern dereinst nicht schwer machen, Zusammenhänge seelischer Voraussetzungen aufzuzeigen. Im letzten Roman Ungars ״Die Klasse“ (wie seine früheren Bücher bei Emst Rowohlt, Berlin, erschienen) ist nicht nur durch das Milieu und die grausame Rache der Jugendeindrücke auch eine Verwandtschaft mit Ludwig Winders ״Turnlehrer Pravda“ herauszuhören. Der Gymnasialprofessor Josef Blau, ein häßlicher, schwächlicher Mensch, wird durch die Angst vor seiner Klasse, vor der Entdeckung seiner Minderwertigkeit durch sie, die ״e sunde Jugend, zum raffinierten, mitleidslosen Quälgeist und sch’ießlich zum Mörder. Hier handelt es sich aber nicht etwa um jene Angst des Verfolgers, die sich durch dem bekannten chemischen Prozeß in Mut und Tapferkeit verwandelt, dazu ist die Verzweiflung zu tief. Hier erhält ein Schu'dbewußtsein der Häßlichkcit, das an indische Mystik der Verantwortung für die Gestalt und deren Ueberwindung in Leiden gemahnt, in unserem Zeitgefühl einen neuen Ausdruck. Die Minderwertigkeitsqualen der Schüler und die Lebens- Verkrüppelung, die sie verschulden, sind seit langem ein hterarisches Modethema. Hier ist nun einmal die Seelenlage des Quälers als Kriegsschauplatz gewählt und man wird gewahr, daß der versteinerte Gegensatz Schultyrann und Schulsklave kein klaffender Abgrund, sondern eine eng verknüpfte Folgcerschei* nung ist. Jeder Tyrann war erst einmal Sklave gewesen und nur, weil er es ira Grunde noch weiter ist, wird er zum Tyrannen, Die Sünde wider den Geist, die in dem bloßen Begriff der Autorität liegt, verewigt hier ein phantastisch-überwirkliehes Monument gehetzter, unerträglicher, kleiner menschlicher Tragik. Eine Vision von unvergänglicher Gültigkeit. Alle meinen es gut mit dem Oberlehrer Josef Blau, bis auf Modützki, eine grausliche neue Teufelsvariation, einen nahen Verwandten des Pflegers in den ״Verstümmelten“ und des Verführers in den an Stimmungszauber so reichen Novellen ״Knaben

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