Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1928)
- Date
- 1928-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 13® JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr.!9, 0.m 1028 Inzwischen eilte der Zug durch die grandiose Welt der Vereinigten Staaten, an Feldern, Flüssen und Hügeln vorbei. Bis Albany betrachtete ich noch mit Interesse die schönen Landschaften, dann aber vermochte ich nicht mehr, mich dem ruhigen Beschauen hinzugeben, die Gedanken über die bald bevorstehende Begegnung nahmen mich völlig gefangen. Es sind immerhin — dachte ich — schon mehr als zwanzig Jahre, seit ich die Meinigcn nicht gesehen habe. Wie werde ich mm all den Nichten, Neffen, Schwägerinnen, die ich nicht kenne, gegenüberstehen? Die Intensität der Verwandtschaftsgefühle ist durch das lange, fast ein Vierteljahrhundert währendes Fernsein natürlich abgeschwächt, aber zu einem bloßen ״how do you do?“ und ״well“ und auf die Schulter klopfen wird es doch hoffentlich nicht kommen; der Unterschied zwischen einer Wiedersehens- oder Abschiedsszene vergangener Zeiten wäre doch zu kraß. Eine Abschiedsszene alter Zeiten! Wenn ich nach meinem alljährlichen Besuch der Eltern in dem ukrainischen Heimatdorf nach Wilna zurückkehren mußte, weinte die Mutter heimlich schon Tage vorher, und wenn die Stunde der Abfahrt nahte, dann hielt auch die sonst sehr starke Gefaßtheit meines Vaters nicht mehr stand, er seufzte, hüstelte, griff öfters zu der Schnupftabaksdose und sagte: ״Die Mutter, nun natürlich, wie eine Mutter immer ist; und Wilna liegt ziemlich weit. Aber mit Gottes Hilfe kommst du doch bald wieder, im jirzeh Haschern recht bald.“ Auch der ältere Bruder suchte Herr seiner Unruhe und Aufregung ZU werden, indem er immer ans Fenster ging, um nachzu- *ehen, ob Stepan mit seinem Pferd und Wagen schon da sei ״Man wird den Zug versäumen, — klagte er — ich wette, daß man ihn versäumen wird, ich gehe selbst zu Stepan, was sagt man bloß dazu!“ Aber in demselben Augenblick kam Stepan mit Pferd und Wagen herangefahren und der entscheidende Moment tritt ein. Da gibt es kein Halten mehr! Denn Wilna ist weit, so weit. Auch ich, der Reisende selbst, vergaß, daß sich für einen stolzen Marxisten, der ich damals war, wohl eine etwas ruhigere Aufnahme der nun unvermeidlichen Trennung geziemt hätte, und ließ Tränen In Strömen fließen . . . Und nun ist schon bald New York da, wie wird es bloß werden! Der Zug lief in die Zentralstation ein. Ein Neger mit roter Mütze nahm mein Gepäck, und ich folgte ihm zum Ausgang. Ich ging geradeaus, ohne seitwärts zu blicken, das Herz klopfte stark, und die Aufregung, die sich meiner bemächtigte, war stärker, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich ging mechanisch vorwärts, immer dem Neger mit der roten Mütze nach, seltsam benommen. Da auf einmal Rufe, Schreie, und Schon sehe ich mich von meinen vier Brüdern umringt, die alle gleichzeitig mich umarmen wollen, die Unverstand* Mies reden, komisch lachen, deren Stimmen sich überschlagen. Mein Hut ist weggeflogen, ich weiß nicht wohin, ich stammle auch Unverständliches, lache komisch und rufe nach dem Neger mit der rofen Mütze, der verschwunden ist, mit meinem Gepäck natürlich. Dabei ist der schwarze Dienstmann längst verabschiedet, die Sachen stehen neben mir, bloß der größere Koffer fehlt. Wo ist der große Koffer? gebt den großen Koffer her! Gepäckträger, Gepäckträger! schreie ich, um überhaupt schreien zu können (denn es ist immerhin ein Vierteljahrhiindert fast vorüber, seit man sich zum letzten- -ntal gesehen Iiat, und da ist man ein wenig aufgeregt). Hahaha, lachen alle ׳Brüder/ztigleieb׳, er 'sucht-den'•Koffer, ,der doch hier ist Wahrhaftig! Mein Bruder Menachem hält den schweren Koffer unterm Arm, als wäre es eine leere Mappe. Der ziemlich schwache Mann merkt nicht die Last, fühlt nur eine leere Mappe unter seinem Arm . . . Unter nervösem Lachen, Freudenausrufen, Verlegenheitsfragen wie: ״Wie gefällt dir Canada?“ ״Warum bist du so blaß?“ und dergleichen, gingen wir auf die etwas abseits stehende und wartende Qruppe von unbekannten Nichten, Neffen und Schwägerinnen zu, die erst vorgestellt werden mußten. Eine dieser unbekannten Nichten trat vor und sagte: ״Hier, Onkel, dein Hut, den du verloren hast, pleasc.“ Wir fuhren alle zu der verheirateten Schwester, die in Brooklyn wohnt Während der Fahrt dorthin hielt noch die Benommenheit an, aber etwas ruhiger wurde ich doch und ich dachte: Die Intensität der Verwandtschaftsgefühle scheint gar nicht sonderlich nachgelassen zu haben, jedenfalls zu dem gefürchteten ״flow do you do?“ ״Well“ und auf die Schulter klopfen ist es nicht gekommen . . . Im Hause meiner Schwester sahen wir uns alle erst richtig an, aber die Worte, die man sprach, waren noch immer Zwei Tage vor Pessach, der Melamed sieht: es ist nichts da, es ist nichts da, — so nimmt er die Sabbatleuchter und den Kidduschbecher, verkauft sie und kauft Mazzes. Wie er am Pessach in die Schul’ kommt, fragt ihn der Rabbi: ״Nun. hast Mazzes?“ Da erzählt der Melamed, was geschehen ist. Drauf der Rabbi: ״Siehst du, ich habe dir doch gesagt — du wirst Mazzes haben.“ Lüge. Zwei jüdische Kaufleute treffen einander im Zug. Ein Gesprich beginnt: ״Was tut sich, Jankel?“ — ״Was tut sich, David?“ —- ״Was soll sich tun? Der Mensch lebt und Gott hat die Sorge.“ — ״Wohin fährst du, Jankel?“ — ״Ich fahre nach Warschau, mich ein bißchen um Getreide umsehen.“ David schaut den Jankel an und lächelt. ״Warum lachst du, David?“ — fragt Jankel. - ״Ich lache, weil ein Jude immer schwindeln muß.“ ״Schwindeln? Was heißt schwindeln? Habe ich dich schon so oft beschwindelt?“ ״Aber, fankel, aber! Du sagst zufleiß, daß du nach Warschau um Getreide fährst, damit ich glauben soll, du fährst nach Lodz um Tuch. Ich weiß aber, daß du wirklich nach Warschau um Getreide fährst, was I ü g s t d u als o?“ Was der Jude hat. Der Melamed übersetzt mit seinen Schülern eine Bibelstelle, in der das Wort ״ischah“ vorkommt. Bei diesem Wort stockt Motel; der Lehrer will ihm nachhelfen: ״Ischah, ein W...“ — Motel ergänzt: ״Wasser.“ — ״Nein, Baucrnschädel, ischah, ein W...“ — ״Wanze" — ergänzt Motel. — ״Lausbub, Tölpel! Ischah. ein W... Nun, das ist etwas, was ich habe und was dein Vater hat; und dt! wirst es auch später haben.“ •— ״Ein Bruch, Rebbe!“ — Erkannt Ein Jude geht in Gedanken versunken durch die Straße. Da ruft jemand hinter ihm: ״Reb Chaim!“ Der Jude dreht sich um und sagt: ״O weh! Woher kennt er mich? Ich heiß׳ doch gar nicht Chaim!“ ״Hotel Savoy“. Die Fortsetzung unseres Romans ״Hofe! Savoy‘• von Josel Roth mußte wegen Raummangel für nächste Woche zurückgestellt werden. nicht die, die man finden und haben wollte, die gestellten Fragen waren so belanglos im Verhältnis zu dem, was man wirklich fragen wollte. Wer kennt nicht diese Unbeholfenheit, Befangenheit nahestehender Menschen, die sich nach langer Trennung Wiedersehen, eine durch seelische Ergriffenheit hervorgerufene Unbeholfenheit Meinem älteren Bruder war dieser Zustand ganz besonders anzumerken, er fühlte in seiner Aufgewühltheit selbst nicht, daß er schon mehr als zehnmal den Gruß unseres Vaters, den dieser ihn an mich auszurichten gebeten hatte, wiederholte. Er schwieg sonst fast die ganze Zeit während unseres ersten Zusammenseins, aber die eintretende Pause im allgemeinen Gespräch benutzte er immer wieder zu derselben Mitteilung: ״Ja, der Vater läßt grüßen, er nimmt es dir keineswegs übel, daß du ihn erst morgen besuchen wirst, es ist auch schon sehr spät, und du bist gewiß sehr müde. Er läßt dich herzlich grüßen, unser Vater, ja, er nimmt es dir keineswegs übel.“ * Diese Nacht in Brooklyn verbrachte ich schlaflos. Bilder und Ereignisse der Vergangenheit tauchten auf, verschwundenes Leben sah Ich wieder vor mir, das Leben von dreizehn jüdischen Familien in einem ukrainischen Dorfe. Es war ein saftiges, färben- und inhaltreiches Leben, voll Arbeit und Freude. Eine Hochzeitsfeier dauerte eine Woche, und wenn behüte Gott ein Unglück geschah, war die Trauer stark, maßlos. Stark und leidenschaftlich war auch oft die Gegnerschaff, dafür aber auch die Freundschaft voll Innigkeit und Wärme, wie sie jetzt nirgends anzutreffen Ist. Bei den HIuptern dieser dreizehn Familien waren die verschiedensten Arten jüdischer Geistigkeit, jüdischen Wesens vertreten. Es waren Fromme, es waren Eiferer der Tugend, es waren Lowdim, es waren Witzlinge und es waren auch Nörgler, Ränkenaturen. Und die Jugend sang Lieder, arbeitete in den Schnittwaren- und Kolonialgeschäften der Eltern, fuhr auf die Jahrmärkte, um Getreide aufzukaufen, aber wenn der Abend hereinbrach, sammelte sie sich, um Lieder zu singen, jüdische, ukrainische, russische. Man las Bücher mit einer Hingebung, mit einer Ergriffenheit, die nie wiederkehren wird. Wann fing dieses Leben zu verlöschen an, wann machten sich die ersten Zeichen des Verfalls bemerkbar? Ich brauche jetzt in dieser schlaflosen Nacht in Brooklyn mein Gedächtnis nicht besonders anzustrengen, um genau den Zeitpunkt festzustellen: Zwei Töchter der kinderreichen Familie Solotaljew, Halja und Sonja, fuhren zu ihrem Onkel nach Amerika. Sie waren die ersten Auswanderer. Die ganze jüdische Gemeinde des Dorfes begleitete sie bis pi den Windmühlen auf dem Felde, dann blieb der Wagen, der sie zum Bahnhof bringen sollte, stehen, und man nahm Abschied. Alle weinten, alle ahnten aber auch, daß etwas Ungewöhnliches, Schicksalhaftes hier eingetreten war. Den ersten Brief, den Halja und Sonja nach Hause schrieben, las ihr Vater Awrohm Solotaljew, eine prächtige Gestalt, in den Minjon am Schabbes nach dem Beten vor. Oho, diese Halja! Als bei Ihrer Ankunft in New York ein Herr sie umarmen wollte, gab sie ihm eine Ohrfeige und lachte laut bald darauf, als dieser ausrief: Ich bin doch dein Onkel. Auch in der jüdischen Gemeinde lachte man über diesen Fall. Diese Halja! Aber man lachte nicht lange, man hatte überhaupt angefangen, weniger zu lachen, denn man mufM bald auch die Eltern der ausgewanderten beiden Schwestern bis zu den tWfmühlen geleiten. Min sang in unserem Dorfe immer weniger und weniger. Nach Solotaljew» wanderten die Orlows aus, nachher kamen die Finkeisteins und die Slutzkis und die Meersons. Ich lebte damals In Wilna, und ich ging immer zum Bahnhof, um meinen Landsleuten zu begegnen, die durch Wilna nach Llbau fuhren, wo sie sich nach Amerika einschifften. Eines Tages bekam ich ein Telegramm, mich zu einer bestimmten Stunde am Wilnaer Bahnhof einzufinden. Aus einem Wagen des eintreffenden Zuges stieg fast die ganze noch übriggebliebene jüdische Jugend meines Heimatdorfes aus. Auch meine Brüder. Damals war es leicht, nach Amerika zu kommen . . . ich Heß in dieser schlaflosen Nacht alle diese Bilder an mir vorüberziehen, und mir fiel ein, daß ich einst einen literarischen Ehrgeiz hatte, nämlich den Ehrgeiz, die Geschichte der dreizehn jüdischen Familien aus einem ukrainischen Dorfe zu schreiben, den Glanz und das Elend eines wundersamen Lebens zu schildern. (Fortsetzung folgt.) ״Gibt cs einen Weg zum Ritual?“ (Digkussionsabend der Jüdischen Waisenhilfe.) Was mag eigentlich der Herrgott getan haben, ehe et die Welt erschaffen hatte? fragen die Alten. — Manche Antwort gibt es; aber seit gestern weiß ich die einzig glaubliche: Er wellte in einer Diskussionsversammlung der ja schon damals — das Ziel ist im Gedanken das Erste — in Seinen Gedanken vorhandenen Juden und beschäftigte sich dort mit Vorstudien zum Tohuwabohu — dem Chaos, das Er ja dann am ersten Schöpfungstage bekanntlich notwendig brauchen mußte. Solche Erleuchtung kam mir, als ich am Montag Abend, von der Jüdischen Waisenhilfe eingeladen, den DiskuSsionsabend miterlebte ״Gibt es einen weg zum Ritual?“, den in Weiterführung der unter Leitung von Martin Buber stattefundenen Aussprache über religiöse Erziehung Erich Gut• ind leitete. Die Aussprache begann diesmal (zu unerwartet später Stunde) mit einem offenbar aus eignem Kämpfen erwachsenen Referat des Leiters, das sich die Aufgäbe stellte, das große Gebiet dieser Problematik nur zu umreißen und etwa die Hauptstationen in diesem weiten Lande auszurufen. Gutkind ging von der ungeheuren Gefahr des heutigen Tages aus, aa das Judentum in Gefahr ist,* die Einheit seiner Form zu verlieren, nachdem die neue Orthodoxie den Bund mit Bürgerlichkeit und Kapitalismus eingegangen ist und der Zionismus die Hoffnungen auf Wiederbelebung des Rituals in Palästina noch nicht erfüllt hat Er bestimmt das Ritual (was nicht ohne Widerspruch blieb) als ״Drill und Training“ des jüdischen Menschen, als Vorbedingung zur Erschaffung des jüdischen Typus, will auch die ״Mizwah ohne Kawanah", die Erfüllung ohne Andacht gelten lassen und das Ritual in seiner Ganzheit erhalten wissen — freilich nur, wenn es sich von der Verbürgerlichung befreie und ״die Thora wieder in ihrem Ursinne ausgesprochen werde“. Erneuerung des Rituals in jenem alten großen Sinne des Propheten strebt er an, daß die Schellen der Pferde in Jerusalem heilig sind wie die Opferpfannen am Altäre. Ein Bündel voll ernster Fragen warf er damit den Hörern bin. Es antwortete zunächst die von ihm sowohl anerkannte wie angegriffene Orthodoxie durch den Mund von Dr. Aron B a ri h, der die drei Wege zum Ritual, die es seiner Meinung nach gebe, scharf nebeneinander stellte: den Weg des Offenbarungsglaubens, den Weg der historisch-nationalen Auffassung, den Weg der Wertung. Gegen ihn wie gegen manches Wort des Leiters wandte sich Rabbiner Dr. Wiener, der von der Geschichte des Rituals ausging, dessen Entwicklung und Kritik selbst nach halachischen Grundsätzen auch heut noch nicht abgeschlossen oder ausgemünzt worden sei. Auch er möchte das Ritual nicht missen; obwohl er es in seiner Ganzheit für ״geliefert“, dem Untergange geweiht hält Als Beweis für diese These wies er auf die uns affen bekannte Abwendung der ostjüdischen wie der palästinensischen wie der amerikanischen Jugend von der Tradition hin. Dr. Weltsch betonte dagegen die Unmöglichkeit der Trennung von Kawanah und Mizwah, von religiöser Erschütterung una religiöser Handlung und deutete aut die Hoffnung der zionistischen Jugend hin: die Schöpfung eines neuen Rituals in Erez-Israel. Aber auch er sah im Zweifel, in der ungeheuren Zwiespältigkeit der jüdischen Welt das Grundmotiv dieser Aussprache. Die Jüdische Waisenhilfe hatte den Abend einbenifen, die ״Gesellschaft zur Förderung der Erziehung Jüdischer Kinder“; dies ist das Moment, aas in der Diskussion allzu sehr fehlte (mit wenigen Ausnahmen) und sie meiner Meinung nach dem Leben entfremdete. Wer ein jüdisches Kind zu erziehen hat, der weiß, daß wir das Ritual nicht entbehren können; wenigstens heute noch nicht entbehren können. Vielleicht, daß sich in Erez-Israel ein neues Ritual bildet — wir wollen's begrüßen, wenn es selbwachsen ist und nicht blasses Nachstammeln wie die Neuerungen der Galuth. Solange aber nicht dieser neue Himmel und diese neue Erde vor uns steht — laßt uns behalten, was allein imstande ist, unser» Kindern beseelten Alltag und beglänzten Festtag, was ihnen jüdische Lebensluft zu spenden vermag. — Mit Recht erwähnte Gronemann im Laufe des Abends jenes bedeutsame Gedicht des großen Heiden Goethe, den ״Neologen“ gewidmet, worin der brave junge Mann sich mit vieler Mühe ein kärglich Gütlein erspart, — während er doch von seiner Frau Mutter her die allerschönsten ererbt hat — Aber freilich: auch Der muß seine Güter erwerben, um sie zu besitzen. Mitternacht war längst vorbei, als die letzten Gespräche, die sich von dem Saale aus in den Vorräumen und draußen auf dem Heimwege fortsetzten, schwiegen. Ein uralt jüdisches Bild: so saßen einst die Rabbanira um den Tisch in der Sedemacht von Bne Berak und stritten — nicht um dem Weg, doch um das Ziel . . . Nur eins fehlte: wo blieb die Bücher und Zeitschriften Hermann Cohens ״Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte“. Unter diesem Titel erscheint soeben eine zweibändige Sammlung aus dem Schatze Cohenschen Denkens. Herausgeber sind, im Aufträge der Hermann Cohen-Stiftung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, Prof. Albert Görland und Prof. Ernst Cassirer. Die ״Schriften“ bilden eine schöne, gemeinverständliche Ergänzung zu den schweren Büchern Cohenscher Systematik. Die vier Teile: Systematisches, Politisches und Zeitgeschichtliches, Persön'irhes, Rezensionen, enthalten neben manchem bereits verstreut Gedruckten auch viel Ungedrucktes und Verschollenes. So die längst vergriffene und vielgesuchte Abhandlung: ״Das Prinzip der Infinitesimal-Methode und seine Geschiehte“. Der Akademie-Verlag, Berlin W 35, Lützowstraßc 16, hat das zweibändige Werk gediegen ausgestattet. Ein philosophisches Lexikon des hebräischen Schrifttums. Ein Werk von großer wissenschaftlicher Be׳!eu'ung gelangt im Verlag ,,EsphkoI“-Bcrlin zur Aufgabe: das philosophische l exikon des hebräisehen Schrifttums von Jakob Klatskin. Lias Werk, das Resultat einer beinahe zwanzigjährigen Forschungsarbeit, ist auf Grund der gesamten einschlägigen Literatur sowie vieler unveröffentlichter hebräischer Manuskripte aufgebaut und stellt den ersten Versuch dar, das gesamte Schrifttum der jüdischen Gedankenwelt und insbesondere das infolge unklarer Deutung der Terminologie häufig mißverstandene Gebiet der jüdischen Rehgionsphilosophie in seinen begrifflichen und terminologischen Elementen zu ergründen. Das Lexikon umfaßt etwa 1600 Oktavseiten und ist wie folgt gegliedert: a) Alphabetisches Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Termini, b) Wörterbuch der mathematischen Termini, insofern sie ein Grenzgebiet der jüdischen Philosophie ist. c) Index aller philasophischen Termini (in deutscher, französischer und englischer Sprache) mit ihren hebräischen Aequivalenten. Aron Propes: Das Leben Josef Trumpeldors. Im Verläse des allweltlichen Jugendverbandes Brith Tnnmeldor in Riga erschien soeben eine Kleine Broschüre, die dem lange schon fühlbar gewordenen Bedürfnis nach einer kurz gefaßten, leicht geschriebenen Biographie des heroischen Kämpfers für den Pa- Jastinaauibaugedanken entgegenkommt Der Verfasser, der Vorsitzender des den Namen Trumpeldors tragenden Jugendverbandes ist, hat sich nicht mit der Aufzählung trockener Lebensdaten begnügt, sondern ein lebendiges Bild des Menschen und Arbeiters gezeichnet. Wladimir Jabotinsk y hat zu dieser Broschüre ein Vorwort geschrieben, das eine tiefschürfende Charakteristik Trumpeldors, des Mitarbeiters und Freundes Jabotinsky darstellt. —■ Die Broschüre ist zum Preise von 4,— Kc. bei Brith Trumpeidor für die Tschechoslowakei, Brünn, Adlergasse 12, zu beziehen. Jugendorganisationen erhalten bei größeren Bestellungen Rabatt. * Die von Elisabeth Rotten und Karl Wilker herausgegebene ausgezeichnete Monatsschrift für Erneuerung der Erziehung ״Das werdende Zeitalter“ (Kohlgraben bei Facha- Rhön) hat zum fünfzigsten Geburtstag von Martin Buber e'ne Sondernummer herausgegeben, die, ausgehend von Bubers pädagogischen Lehren, eine Reihe von wichtigen mmschliehen Grundfragen der Erziehung erörtert Wir erwähnen aus dem Inhalt des Heftes die Beiträge von Karl Wilcker: ״Religion, Politik, Erziehung“, von Joseph Wittig: ״Schweigendes Warten“, Banaschewski: ״Einsam nach oben“, Elisabeth Rotten: ״Vom Mit-Sein“ usw. wir möchten nicht verfehlen, bei dieser Gelegenheit unsere Freunde auf diese Zeitschrift aufmerksam zu machen, die ganz ähn’iche seelische Probleme erörtert, wie sie auch in zionistischen Kreisen und im Zusammenhang mit der Erneuerung unseres Volkes in Palästina sich ergeben. Im Februar-Heft des ״K u n s t w a r t“ (Verlag Georg D. W. Callwey, München) ist ein überaus wichtiger Aufsatz von Franz Rosenzweig ״Das Formgeheimnis der biblischen Erzählungen“ Martin Buber zum 8. Februar gewidmet. Der Ver• fasser grenzt das Wesen der biblischen Erzählung gegenüber allen anderen Arten des Erzählens ab, und charakterisiert sie als ״offenbarende Bat chaft“, verbunden mit ״gebietender Lehre“. An einzelnen Beispielen wird gezeigt, wecher Mittel sich die biblische Erzählungskunst bedient, um ihre inneren Wirkungen zu erzielen. Es ist vor al'etn ein gewisses ״dialogisches Element, das die Erzählung auf ein Gerüst von Frage und Ant- , wort, Spruch und Widerspruch, Satz und Zusatz aufspannt“.