Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1928)
- Date
- 1928-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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U NTE R HALTU N G S ־ B EI LAG E 6.Marz!928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Purim des Flüchtlings Aus den Aufzeichnungen eines jüdischen Kriegsfluchtlings Von J. Tiger, Wien. . . . Erst jetzt, beim Hcrannahen des Purimfestes, empfanden sie die ganze Schwere ihres Geschickes, die kleine Schar galiz.ischer Juden, welche im böhmischen Marktflecken K. nach wochcnlangen und qualvollen Irrfahrten Unterkunft gclunden hatten. Denn dieser Tag war ja der Vorbote eines noch viel bedeutsameren Festes, des 1’■.!';:ich, zu dessen Emplang sogar in der galizischen Heimat umständlich gerüstet werden mußte. Was soll man mm hier, in diesem fremden und trostlosen Nest, beginnen? Jenseits der Brücke befand sich zwar ein Tempel, der von der Existenz einer jüdischen Gemeinde zeugte, jedoch nur während der hohen Feiertage fand sich ein ״Minjan‘־ zusamtnen. Sonst waren die Pforten geschlossen und nur der ״Vorstand", der stets griesgrämige und verdrießliche, machte sich dort manchmal zu schaffen. Die galizischen Flüchtlinge mieden aus sonderbarer Scheu den Tempel, sie erbaten sich bloß eine Thora und bei Mejlech Melamed wurde ein eigenes, ein ״gaüzfsches“ Minjan, eingerichtet. Die fünfzig Heller österreichischer Währung, die man pro Kopf und Tag als Unterstützung erhielt, reichten kaum für das Allernotwendigste aus. aber ״P r z ן in y s I war noch fest in unseren Händen“ und ״Kireti“ (die populäre Benennung des österreichischen Kaisers bei den galizischen Juden), der große Judenfreund lebte noch — das gab Hoffnung und Mut zum Ausharren. Draußen war cs öde und ,Morast gab es hier noch mehr als fm galizischen Städtchen. Den ganzen Tag saß man im Zimmer, schlief oder zankte sich. Die Mädchen, die trotz der kärglichen Kost ״wie auf Hefe wuchsen“, schauten stundenlang zum Fenster hinaus und stichelten einander. Alles war trostlos. Mutter seufzte und des Vaters Auge beobachtete die Familie, besorgt um die Zukunft der Ueranwachsenden Töchter. Die Vorläufer des amerikanischen ״Joint“ begannen das Hflfswerk: Aus unbekannter Ferne langten beim ״Vorstand“ verschiedene Sendungen ein. Alte Kleidungsstücke, Stroh• racke und papie.rgcfiillte Schlafdecken, die wie Brennesseln stachen. Die Frauen mußten sich mit großen, breiten Männerschuhen zufrieden geben und die kleinen Jungen liefet! in langen Röcken herum, deren lange Aermel beutelten, als wenn sich in ihnen bloß Armstümpfe befunden hätten. Wollte inan passendere Kleidungsstücke haben, so wurde der ״Vorstand“ noch mürrischer, schob die landesübliche Pfeife in den linken Mundwinkel und meinte, daß er eigentlich keine Modekleider auf Lager hätte und die Unzufriedenen mögen direkt in Prag eine Bestellung machen. Fleisch genoß man keines, zum ״Meschtirned“, der Rabbin er, Prediger, Vorbeter, Kinderlehrer und Schorhct in einer Person war, hatten die Galizier kein Vertrauen und seine ״Schechita“ wollten sie nicht anerkennen, was jenen nicht wenig verdroß. Ab«*־ für die Purimssude mußte doch vorgesorgt werden. So machte man sich auf der Suche nach Fischen, die man schließlich um teueres Geld erstand. Und nun wurde der Vorstand ersucht, ihnen eine ״Megilla“ auszuhprgoi; er weigerte׳ ■sich, a'nLmga׳ ׳■und■ ■ meinte, ■ st® sei: unauffindbar, weil man sie schon sehr lange nicht benützt hatte, aber die Flüchtlinge baten eindringlich, machten sich erbötig, selbst zu suchen, und er gab nach. Man betrat den unheimlichen Dachboden der Synagoge, den lange schon kein menschlicher Fuß betreten hatte. Die einstige Blüte der Kchilla konnte man aus dem großen Haufen verschiedener Gebetbücher und Talmud-Traktate ersehen, die dort herumlagen. Die Flüchtlinge warfen sich über diese Bücher mit viel größerer Vehemenz als über die alten Kleidungsstücke. Waren es doch alte, vertraute Bekannte, die daheim ein Raub der Flammen geworden waren, und ohne die man die Flucht so schwer an getreten hatte. Nun hatte man sich wiedergefunden und das ״Golus Böhmen“ ward einigermaßen erträglicher.... Die ״Rolle“ fand sich auch und in gehobener Stimmung stieg man hinunter. Der Vorstand kehrte zum Tarockspiel zurück und Mejlech Melamed, von dem man sich erzählte, daß eine von ihm geschnitzte Schnupftabakdose in der Residenzstadt Wien ausgestellt wurde, ging darin, für sein Enkelkind einen ״grager“ (Knarre) aiizufertigen. Daran arbeitete er den ganzen Fasttag hindurch und bereitete sich dann zum Lesen der ״Megilla“ vor. Jüdische Schwänke im Verlag R. Löwit, Wien, ist unter dem Titel ״Jüdische Schwänke“ eine Sammlung von jüdischen Witzen, Anekdoten und Schwänken erschienen, die zum größten Teile dem im Jahre 1020 erschienenen Buche ״Rosinkes mit Mandlen“ entnommen sind, in dem Dr. Imanuel Olswanger alles an jüdischem Witz auf genommen hat, was als autochthon jüdisch ange״chen werden kann. Die deutsche — leider allzu hochdeutsche — Uebertragung der von Dr. Olswanger jiddisch erzählten Schwänke vermag natürlich nicht den vollen Reiz des Originals zu erreichen. Trotzdem vermittelt auch sie demjenigen, der des Jiddischen nicht kundig ist, title Vorstellung von der Vielseitigkeit des jüdischen Humors. Im nachstehenden sei zur Probe eine kleine Auswahl aus der Sammlung wiedergegeben: Das große St erben. ln der Uebersetzung der Bibel kam man im Glieder zu der Stelle ״Watomoth Sarah“1). Bei der Wiederholung konnte der kleine Chaiin diese Stelle nicht übersetzen und fragte den Melamed: ״Rebbe, was heißt watoraoth?“ — Der Lehrer erklärt: ״Watomoth: ist gestorben: Sarah — Sarah; also wer ist gesterben?“ — ״Watomoth ist gestorben“ — antwortet Chaim. —- ״Dummkopf, ,watomoth‘ das heißt deutsch: ist gestorben; also, wer ist gestorben?“ Chaim antwortet: ״Deutsch ist gestorben.“ — Der Melamed gerät in Zorn: Lausbub, blöder, ich sage dir schon zum zenntenmal: watomoth, das heißt deutsch: ist gestorben; Sarah — Sarah; watomoth Sarah; Sarah ist gestorben; also — wer ist gestorben?“ — ״Jetzt kenn' ich mich schon gar nicht mehr aus, Rebbe!“ — antwortet Chaim — ״Alle sterben; Watomoth ist gestorben, Deutsch ist gestorben und Sarah ist auch gestorben!“ Deutsch. Ein Frechling־ beleidigte den Row in der Synagoge, schrie ihn au und schlug dann Lärm. Sein Benehmen war derartig, daß ein Polizist ihn arretierte. Nachher aber hatten die Juden Mitleid mit dem jungen Mann und beschlossen, zum Polizeiieiter zu gehen und ihn zu bitten, er möge den jungen Mann freilassen. D Und Sarah ist gestorben. Die Männer standen um den hell beleuchteten Tisch herum und batten Mühe, das vergilbte Pergament zu spannen. Dieses zog sich wie eine Spirale wieder zusammen, als wäre es erstaunt und erbost zugleich, daß man seine Ruhe störe. in der Küche steckten die Frauen ihre Köpfe zusammen, seufzten tief und hüllten die schleißig gewordenen Tücher noch enger um ihre ausgeniergelten Gestalten. Mejlech Melamed schlug den altbekannten und lieben Ton an, die Jungen scharrten geräuschvoll mit den Füßen, sobald der Name ״Hainau״ gelesen wurde — aber die Stimmung blieb beklemmend wie früher. Auch der ״grager“ konnte nicht viel helfen und ächzte bloß leise und traurig, als wäre «1־ heiser geworden. Mejlech gab seinem Lnkeikiude stumme Zeichen, er solle nur stärker schütteln — darauf verstummte der ״grager“ ganz . . . Die Stimmung Mejlech Melaincds blieb düster. Cs gelang ihm nicht, die zehn Söhne Hamans in einem Atem zu lesen wie es der Brauch erfordert. Im Scheine des fahlen Lichtes boten sic einen nach jammervolleren Anblick, diese Geflüchteten und Vernichteten, von denen manche ihre letzte Zuflucht auf den längst geschlossenen, alten Friedhöfen fan• den, ohne je die gali/i«ehe Heimat wicderz.usehcn. Die am Leben Gebliebenen schlossen sich später den größeren jüdischen Gemeinden an oder kehrten in ihre inzwischen ״befreite'‘ und zerstörte Heimat zurück. Die ״Megilla“ aber verlangte der Vorstand am nächsten Tag zurück und schloß sie wieder ein. Noch heute mag sie unbenutzt auf dem Dachboden des Tempels in K. liegen; vielleicht noch mehr vergilbt und widerspenstiger als sie zuvor gewesen. Denen aber, denen sie vor genau dreizehn Jahren Erbauung und Trost geboten, wird sie stets in trauter Erinnerung bleiben! ... Leopold Jeßner Leopold Jeßner feiert seinen fünfzigsten Geburtstag gerade zu einer Zeit, wo er in einem schweren, man muß sagen: poütisehen Kampf steht Jeßner hat in der schwersten Zeit des Um- Sturzes die künstlerische Leitung des Sfaatstheaters übernommen und mit großer Energie und Tatkraft dieses etwas altmodische Institut zu voller künstlerischer Blüte und höchstem Ansehen gebracht. Sein eigenartiges und zuwc.i’en sogar etwas eigenwilliges Temperament hat, unbekümmert um reaktionäre Eedenken und Angriffe, danach gestrebt, wirklich lebendiges Theater zu schaffen, das für den Geist der Zeit und das neue Lebensgefühl Ausdruck und Gestalt ist. Wie soviele audere Juden ist auch der aus litauisch-jüdischem Milieu stammende. Jeßner ein Erneuerer des deutschen Theaters geworden, Jeßners neunjähriges Wirken in Berlin war in diesen Tagen Gegenstand eingehender Würdigung von berufener Seite. Wir können uns an dieser Stelle damit begnügen, zu betonen, daß dieser große Künstler auch ein aufrechter Jude ist, der sich stets mutig für jüdische Ehre eingesetzt hat. Der Kampf, der gegen Jeßner geführt wird, hat nicht zum geringsten offen oder versteckt antisemitische Motive. Er teilt das Schicksal der meisten Juden in Deutschland, deren Leidungen nicht ob־'c':tiv gewürdigt werden, weil politische Tendenzen den Buck dafür trüben. ’Es wird ein Prüfstein für die geistige Freist in der deutschen Republik sein, ob die systematische Wül11af,*At gegen Jeßner Erfolg־ haben wird'oder nicht Wer Interesse hat ah. wirklichem Fortschritt, an .freiem künstlerischen Schaffen, an der Entwicklung eigenartiger Pcrsön'ichkei'en in Dcutsch’and, der wird Jeßners Position mit aller Kraft stützen müssen. Der fünfzigste Geburtstag ist eine gute Gelegenheit, diesen Mann der Sympathien der Oeffentlichkeit zu versichern. Wir beglückwünschen Leopold Jeßner, den Künstler und Organisator, den stolzen Juden, und wünsche» ihm, der auf der Höhe seines Lebens stellt, noch viele Jahre fruchtbaren Schaffen«. Das ITlini.irtieB der Monalswhriit für Geschichte '1 n <1 W isse 11 schalt dos Judenlutos beginnt mit einem Rückblick auf die söjüFirijm Arbeit der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums aus der F'eder von Professor El bogen. Unter den zahlreichen Aufsätzen des lief tun darf eine Arbeit von Flarold M. Wiener über das Deuteronomium besonders Aufmorksamkeit beanspruchen. M. W >: 1.- b 0 r g weiß den Kampf der Aufklärung in Galizien lebhaft darzustello». Von den beiden Sammsl- Besprechungen ist eiuo der Geschichte der Juden ira Osten, die andere der Belletristik gewidmet. Din interessante Zeitschrift geh* a!l״n Mitgliedern der ,.Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" zn. Zwei Juden gingen hin und brachten ihre Bitte vor; der Polizcileitcr sagte, er sei bereit, den jungen Mann freizulassen, wenn der Row im Amt erkläre, er verzeihe ihm. Der Row sagte, er sei dazu bereit, aber er könne nicht Russisch. ״Der Rabbiner kann seine Erklärung auch deutsch abgeben“, erklärte der Polizeimeister. — ״Deutsch? Deutsch kann ich; welcher Jude kann nicht Deutsch?“ -- sagt der Row und geht ins Amt. Dort fragt ihn der Polizeileiter: ״Nun, wollen Sie dem jungen Mann verzeihen?" Drauf der Row: ״Lechatchüe bin ich af em gewen molej kaß: asa schcjgez, mechuzef poiiirn, is sich mejaschcw schabes, b’schaß krias tojre, bifnej ko! am weejde, un is tnecharef un megadef a rnore d’assre; nor bideewed bin ich mojchel bimechiie gmure‘).“ Der Polizeileiter, der kein Wort von diesem Deutsch versteht, fragt: ״Was sagt der Rabbiner, das ist doch nicht Deutsch!“ Drauf der Row: ״Er lehrt mich Deutsch!“ Ein kurzes T e legramm. Eine junge Frau hat einen Buben bekommen. Ihr Mann will das freudige Ereignis seiner Mutter telegraphieren und setzt folgende Depesche auf: ״Fanni glücklich entbunden, Sohn.“ Das Telegramm zeigt er dem Schwiegervater; der schüttelt mißbilligend den Kopf: ״Da sieht man gleich, daß du kein Kaufmann bist; wer telegraphiert einen solchen Roman? Schau nur, wieviel überflüssige Worte du da schreibst! Da hast du erstens: Fanni. Was heißt Fanni? Natürlich Fanni! Du wirst doch nicht telegraphieren, wenn eine andere Frau entbindet! Zweitens: glücklich. Was denn? Nicht glücklich? Wäre es, Gott bewahre, unglücklich gewesen, hättest du da telegraphiert? Weiter: entbunden. Was denn? Das Kind ist vom Himmel gefallen? Und wozu schreibst du eigentlich Sohn»׳ Wenn man sich freut und schon telegraphiert, ist es doch sicher ein Sohn. Bei einer Tochter wäre doch die Freude nicht so groß.“ l) ״Anfangs war ich ihm sehr böse: so ein frecher Lausbub erlaubt sich am Sabbat während des Thoravorlescns in Gegenwart aller Leute den Rabbiner zu beleidigen und zu beschimpfen; Jedoch, da es geschehen ist, vergebe ich ihm von ganzem Herzen!“ Ein jüdischer Schriftsteller reist nach Canada Von Sch. Gorelik. 8. Kapitel. Die Reise nach New York. — Der wenig aufmerksame Grenzbeamte und ein ״Brief an Alle“. — Erinnerung an eine Abschiedsszene aller, vergangener Zeit —• Ankunft in New York. Man sieht sich nach einem Vierteljalirhundert wieder. — Eine schlaflose Nacht in Brooklyn. Meinen Bemühungen um eine Einreise-Erlaubnis für Ne» York war letzten Endes doch ein Erfolg beschiedcn. Auf dem amerikanischen Konsulat wurde mir nahegelegt, daß ein Empfehlungsbrief seitens des Reform-Rabbiners Mr. M., in dem er auch die Garantie übernimmt, daß ich nach abgelaufener Frist nach Canada zurückkehren werde, als genügende Grundläge für die Erteilung eines Visums angesehen werden würde. Der liebenswürdige Reverend, den ich in seiner Kanzlei in dem Eaianuel-Tempel aufsuchte, setzte sich sofort an die Schreibmaschine, um den erforderlichen Brief zu schreiben. Ich dankte dem vortrefflichen Rabbi, der übrigens mehr einem Sportsmann als einem Förderer der Religion glich, und eilte zum Konsulat, das ich bald darauf mit der Erlaubnis verließ, die Grenze der Vereinigten Staaten zum Zwecke eines drei* wöchentlichen Besuches zu passieren. Unter den verschiedenen Papieren, die ich unbedingt besitzen zu müssen glaubte, damit sich das Ueberschreiten der Grenze des mächtigsten Landes der Welt ln Ruhe und ohne Störungen vollziehen könne, befand sich eins, das der besonderen Erwähnung verdient Dieses Dokument, in englischer Sprache verfaßt, war ein ״Brief an Alle“, ein pathetisches Empfehlungsschreiben von der Redaktion des ״Katiader Odler“, worin die Aufmerksamkeit Aller, hauptsächlich aber die der Grenzbeamten, auf die Tatsache gelenkt wird, daß der Vorzeiger dieses Schreibens ein der Landessprache noch immer unkundiger, jüdischer Schriftsteiler ist, und in welchem für die rücksichtsvolle Behandlung desselben im voraus gedankt wird. Für eine Welt wie die jetzige, die derart mißtrauisch, argwöhnisch, unfreundlich!, ungefällig geworden ist, schien es mir angebracht, möglichst viele Empfehlungsschreiben, Bestätigungen usw. zu besitzen, ich befinde mich also an einem frühen Juli-Morgen im Zuge, der sich zusehends der amerikanischen Grenze nähert und halte alle offiziellen Feststellungen betreffs meiner Person bereit, als der Grenzbeamte auch schon da ist Und nun geschah etwas wirklich höchst Merkwürdiges. Als ich auf seine Frage, ob ich Canadier oder Amerikaner sei, die ein wenig diplomatische, aber der Wirklichkeit entsprechende Antwort gab: ״Ich wohne jetzt in Canada“, bekundete er nur ein flüchtiges Interesse für die kleine Quittung über die obligatorisch geleistete' Kaution .von•• acht Deilar» auugestflU vott dem Amerikanischen Emigrations Office in Montreal, während er allen übrigen Dokumenten eine unverständliche, man kann wohl sagen, ' verletzende Gleichgültigkeit bezeugte. Nichts, aber gar nichts wollte er auch nur eines Blickes würdigen, weder Paß noch Visum. Auch den ״Brief an Alk“, diesen flammenden Aufruf des ״Kanadcr Odler“, ließ er unbeachtet. Ich war im ersten Moment fast beleidigt, und noch verdutzt über solches Verhalten, merkte ich nicht, daß ich mich schon jenseits der Grenze auf amerikanischem Boden befand. So verlief dieses Ereignis doch viel einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich fuhr nach New׳ York per Eisenbahn. Wie aik anderen Montrealer Passagiere, die nach New York wollen, nahm ich einfach den Morgenzug. Als eine besondere Gunst des Schicksals mußte ich es doch ansehen, daß mir auf diese Weise die mögliche Bekanntschaft mit Eflis Hand, mit der Insel der Tränen, erspart geblieben ist. Statt unzähliger Fragen, statt Demütigungen aller Art nur eine höfliche Einsiebt in eine kleine Quittung, die ein Grenzbeamter vornahm, der sich dann mit einem Lüften der Mütze und einem ״all right“ entfernte. M a g g i d i m1). Ein Maggid kam ln eine kleine Stadt und hielt dort in der Schul’ eine lange Predigt, die zwei Stunden dauerte. Unter den Zuhörern, die dicht gedrängt standen, befand sich auch ein freigeistig angehauchter Jude, der kein Freund der Maggid’m war, aber hingegangen war, um den Sabbatnachmittag totzuschlagen. Am nächsten Tag trifft der Maggid den Juden auf der Straße und da ihn seine Meinung über die Predigt besonders interessiert, geht er auf ihn zu und fragt: ״Nun, wie hat Ihnen niciue Predigt gefallen?“ — ״Wie mir Ihre Predigt gefallen hat? .Ach, was soll ich Ihnen sagen? Nach Ihrer Predigt habe ich die ganze Nacht nicht schlafen können.“ Erfreut fragt der Maggid: ״Wirklich? So großen Eindruck haben meine Worte auf Sie gemacht?“ — ״Nein,“ antwortet der Jude, ״aber ich konu‘e nachts nicht schlafen, denn, wenn ich bei Tag schlafe, fcann ich bei Nacht nicht schlafen.“ Mazzes. Ein armer Melamed kommt zum Wunderrabbi: ״Heiliger Rabbi, Hilfe, Rettung!“ - ״Was gibt’s?“ — ״Ach, Rabbi, es ist schlimm; in einem Monat ist Pessach und ich habe kein Geld auf Mazzes.“ — ״Mach’ dir keine Sorgen und geh' nach Hause — es werden Mazzes sein.“ — Wenn der Rabbi sagt, es werden Mazzes sein, so werden Mazzes sein. Zwei Wochen sind vergangen und der Melamed siehtj daß noch immer kein Geld da ist; er tauft zu׳n Rabbi: ״Heiliger Rabbi, Rettung, Hilfe, in zwei Wochen ist Pessach und ich habe noch immer kein Geld auf Mazzes.“ — ״Ich habe dir doch gesagt — es werden Mazzes sein, also werden sie sein.“ Der Melamed macht sich Vorwürfe, den Rabbi erzürnt zu haben, und geht: wenn der Rabbi sagt, es werden Mazzes sein, so werden sie sicher sein. Wieder ist eine Woche vergangen, die Frau weint — sie hat keine Mazzes. Der Melamed ist ratlos. Noch einmal zum Rabbi gehen? Er hat Angst, aber die Verzweiflung besiegt seine Furcht und er geht: ״Heiliger Rabbi, hab’ Mitleid! Was soll ich tun? Ich habe keine Mazzes auf Pessach!“ Der Rabbi wird sehr böse und schreit den Melamed an: ״Apikojress! Ich habe doch gesagt, es werden Mazzes sein! Geh’ nach Hause und sei unbesorgt — es werden Mazzes sein!“ Der Melamed geht י) Plural von Maggid Wanderprediger.