Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1928)
- Date
- 1928-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10S JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 15, 21.0.1928 Mein Manager zwang mich manchmal, meinem Versprechen, Gehorsam zu leisten, untreu zu werden. Ich hatte einmal Grund, mich gegen einen Vortrag vor einem Kreis höchst uninteressierter Leute zu wehren. Ich bat meinen Manager, von diesem Vortrag Abstand zu nehmen, ich sagte Ihm klipp und klar, daß ich ihn nicht halten würde. Der gute Manager konnte sich aber nicht vorstellen, daß man zu einem Vortrag, für den ein Dollar Eintrittsgeld festgesetzt worden war, nicht erscheinen würde, und waltete mutig seines Amtes, d. h. er ließ die Zimmer einer Privatwohnung sich von einem erwartungsvollen Publikum füllen. Ich dagegen saß wihrend dieser Zeit in einem Kino. Am folgenden Morgen klopfte der Manager an die Tür meines Hotelzimmers. Das entschiedene Klopfen und die harten, fast grausam klingenden Worte: ״Oeffnen Sie“ ließen mich nichts Gutes ahnen. Ich öffnete. Der Manager, ohne guten Morgen zu sagen, kam herein, vergrub sein Gesicht in den Händen und stöhnte. Dann folgten seine bitteren Vorwürfe. Das Gesicht immer noch in die Hände vergraben, sprach er: ״Ein Haus voll Menschen, man zahlte einen Dollar Eintrittsgeld, und Sie sind nicht da! O Gott, o Gott, was haben Sie getan!“ Das wiederholte er einige Male. Dann aber fing er auf einmal laut, fast hysterisch zu lachen an. Es fiel ihm nämlich plötzlich ein, daß die Sache auch eine komische Seite hatte, und er schüttelte sich vor Lachen. Sein allzu großer Eifer verlief indes nicht immer so harmlos. Ich hatte meinem Manager eine Gespensternacht zu verdanken. Spät in der Nacht, als ich midi im tiefen Schlaf befand, wurde ich von einem Pochen an der Tür ge* weckt und natürlich erschreckt Die Geistesgegenwart, Licht zu machen, verließ mich, denn zu meinem Entsetzen hörte ich, wie die Tür sich leise öffnete, und im Licht des Korridors sah ich bald einen Menschen jenseits der Tür stehen, der einen Gegenstand in der ausgestreckten Hand hielt und Unverstand- Hches redete. Ich sprang aus dem Bett. Licht zu machen oder um Hilfe zu rufen, oder einfach zu läuten, hatte ich keine Kraft Aber ohne zu wissen, was ich tat, schrie ich dem Ein* brecher entgegen, daß ich Ausländer sei und versuchte, die Tür zuzumachen Das Oespenst gab aber nicht nach, redete weiter und hielt mir einen Gegenstand entgegen, einen Revolver wahrscheinlich! Merkwürdig nur, daß er nicht schoß, oder vielleicht hatte er auch geschossen, vielleicht war ich sogar verwundet Ich wußte nicht mehr, was mit mir ist, der Dialog mit dem geheimnisvollen Unbekannten dauerte weiter, ich schrie, daß ich Ausländer sei und wollte die Tür zumachen. Der Eindringling öffnete sie wieder und redete auf mich ein. Dann wurde es plötzlich still, das Gespenst verschwand, und Ich lag mit offenen Augen, bis es Tag wurde und hörte mein Herz fürchterlich klopfen. — Das alles dankte ich der Fürsorge seitens des Managers. Er hatte den Dienstleuten im Hotel gesagt, daß ich ein Schriftsteller sei, der aus Europa hierher gekommen wäre, die englische Sprache nicht verstehe und außerdem ein wenig furchtsam sei, und gebeten, man solle auf mich aufpassen. Er machte sie sozusagen verantwortlieh für alles, was mir im Hotei zustieß. In jener grauenvollen Nacht nun machte der wachthabende Portier seinen Rundgang und sah, daß der Schlüssel zum Zimmer des furchtsamen Gastes von außen im Schloß steckte. Der Schlüssel war jener Gegenstand, den er mir entgegengestreckt hatte, *ןו§»;.4ן!ןן« -Worte, die ich nicht verstand, warcnhöchst vern&nftige, daß man nachts eine Tür von Inneh schließen muß, besonders wenn man furchtsam ist. Mein letzter Vortrag, den ich in einer Volksversammlung hielt, war über ״Herzl’s Tagebücher“, und ich weiß nicht, womit icii es begründen soll, aber einige von der Torontoer jüdischen Intelligenz wurden auf einmal sentimental, ergingen sich in scharfen Vorwürfen gegen die Torontoer jüdische Gesellschaft, die es nach ihrer Meinung an Aufmerksamkeit mir gegenüber hatte fehlen lassen, baten mich inständig, unbedingt zu bleiben. Ich verließ aber am folgenden Tage Toronto, הסי meinem Manager begleitet, der gewiß froh war, der schweren Aufgabe sich entledigt zu haben und sich seiner gewohnten Beschäftigung als Rechtsanwalt wieder widmen zu können. (Fortsetzung folgt.) Die zionistischen Reden Lord Balfours werden jetzt in Buchform mit einem Vorwort Herbert Samuels demnächst veröffentlicht Die Ausgrabung des allen Sieben! Im Rahmen des Vereins für jüdische Ge■ schichte und Literatur hielt Prof. E. Sellin von der Berliner Universität einen Vortrag über seine Ausgrabunen in Sichern. Sellin, einer der bahnbrechenden Archäologen alästinas, der schon vor mehr als zwanzig Jahren ayf dem Boden des heiligen Landes arbeitete und dessen Namen mit den berühmten Ausgrabungen von Jericho und Taanach verknüpft ist, war nach dem Krieg der erste Deutsche, der neben den amerikanischen, englischen und dänischen Gesellschäften daran ging, die Ueberreste der altlsraelitischen Kultur zu heben. Sein Vl^erk in Sichern hatte schon knapp vor Ausbruch des Weltkrieges begonnen. Der Vortragende erzählte von den ungeheuren Schwierigkeiten, die ihm damals von seiten der Regierung und der Bevölkerung von Nablus bereitet wurden und wie seine kurze, vielversprechende Tätigkeit im Jahre 1924 plötzlich durch seine Ausweisung beendet wurde. Erst 1926 konnte er wieder an die Arbeit gehen und innerhalb zweier Sommer gelang es ihm, aus einem Trümmerhaufen, einem nichtssagenden Sandhügei, eine ganze Stadt hervorzuzaubern, die nicht nur einen tiefen Einblick in das Leben des alten Israel gewährt, sondern vor allem durch ihre Monumentalität alle bisher bekanntgewordenen palästinensischen Städte in den Schatten stellt Sichern lag in der Nähe des heutigen Dorfes Balata bei Nablus, am Fuße des Ebalberges, unweit von den altheiligen Stätten Jakobsbrunnen und fosefsgrab. Die Stadt war zur Zeit Johannes Hyrkan endgültig zerstört worden (1. Jhdt. v. Chr.) und hatte schon in den vorhergehenden Jahrhunderten ganz an Bedeutung verloren. Nacheinander stießen die Ausgräber auf hellenistische, jüdisch-samaritanische, spätisraelitische Schichten, dann folgten die der Königszeit und unter ihr die der frühisraelitischen und kanaanäischen Epoche. Die beiden letzten stammten aus der Blüteperiode der Stadt Sie sind durch eine Aschenschicht getrennt, die wohl eine Erinnerung an die Verbrennung durch Abimelech ist Die Mauern aus riesigen Steinblöcken sind oft bis zu einer Höhe von 8—10 Metern erhalten. Sie schlossen die Stadt fast in einem Kreis. Das Nordtor, dessen Schwellen 6 tn tief zum Schutze fegen Unterminieren fundamentiert sind, besteht aus sechs ürmen und gleicht in seiner Anlage den Torbauten vieler nordsyrischer Städte. Links davon, an der Mauer, stand der Palast, ein geräumiger Saal und eine Säulenhalle, von deren hölzernen Säulen die Steinsocke! noch in situ erhalten sind. Südlich daran schloß sich der riesige Baaltempel, von mächtigen Mauern umgeben (21X 26 m). Zum heiligen Bezirk gehörten auch einige Kapellen, in denen Mazzeben, Denk- und Opfersteine standen und im Tempelvorhat ein Altar und ein großes Waschbecken. Auch der Tempel war einige Male umgebaut worden und seine verschiedenen Fundamente gingen übereinander, wobei der Altar immer an gleicher Stelle blieb und nur sein Niveau änderte. Im Osten des Hügels wurde eine jüngere, vielleicht israelitische Mauer aus Bruchsteinen entdeckt, bei derer! Verfolgen man bis zum Osttor gelangt. Der übrige Teil der Stadt war von Privathäusern angenommen. In ihnen fanden sich Bronzewaffen, ein reicher Goldschmuck, Tonfiguren der nackten Göttin Astarte, Siegelzylinder baby- Ionischer Herkunft, Skarabäen aus Aegypten und solche einheimischer Fabrikation, und eine Menge ganzer und zerschlaener Tongefäße, aus deren Material und Bearbeitung man ie einzelnen Perioden der Stadt genau bestimmen konnte. Das wichtigste aber waren zwei Keilschrifttafeln aus der Amarnazeit, die reichen Aufschluß über die vorisraelitische Bevölkerung geben. In einem Hause stand ein Privataltar aus dem 8. Jahrhundert. Es ist ein prismatischer, 60 cm hoher SteinblocK, mit ringsumlaufender Rillenverzierung, einer Vertiefung an der Öeacfläche und ״Hörnern" in jeder Ecke. Den Vortrag begleiteten gute Lichtbilder, an d*ftar״Stfitn den Gang seines Werkes erläuterte. Zuletzt sprach er die Hoffnung aus, in der diesjährigen Ausgrabungszeit noch die ältesten Teile der Stadt aufzudecken, zu denen er bisher nicht Vordringen konnte. Die lichtvollen Ausführungen ernteten den Beifall der zahlreich erschienenen Zuhörer. Paul Kraus. Das Problem der Geschichte Im vorigen Herbst hat bekanntlich in Heidelberg und Frankfurt a. M. eine Tagung des Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit stattgefunden, die dem Thema ״D i e Geschichte im Bewußtsein der Völker“ gewidmet war. Schon dieser Gegenstand macht die Verhandlungen der Tagung für uns Zionisten überaus wichtig. Denn auch unsere geistige Haltung ist davon bestimmt, welche Rolle die Geschichte im Bewußtsein des jüdischen Volkes gespielt hat und heute noch spielt, welche gestaltende Kraft und welche lebendigen Impulse von ihr ausgehen. Das jüdische Volk ist das Volk der Geschichte kat exochen, der eigentliche Begründer des Begriffs der Weltgeschichte und der ersten Ge- Schichtsphilosophie. Die Religion, bei den heidnischen Völkern aus der Natur und ihrer Verbindung mit dem Leben entstanden, hat bei den Juden ihren Ursprung in der Geschichte und ihrer Auswirkung im Leben. Zweifach ist diese Auswirkung: als Bericht, und als formgewordenes Ergebnis. Das aktuelle Problem der Tagung könnte auch formuliert werden: ״Die Bedeutung der Geschichte für das Leben der Völker“, für das heutige wirkliche Leben. Dies ist die Problemstellung, die Nietzsche in seiner Betrachtung über ״Nutzen und Nachteil der Historie“ gegeben hat, und über seine Ergebnisse ist man auch auf der letzten Tagung nicht wesentlich ninausgekommen. Immerhin hat die konkrete Form, die durch das Auftreten von Vertretern verschiedener Nationen, von denen jeder gerade seine Nation behandelte, gegeben war, den Verhandlungen Buntheit und Fülle verliehen. Man muß bedauern, daß kein Vertreter des jüdischen Volkes zu Worte kam; oder denkt man auch in diesem mythoskundigen Kreise mehr in Staaten als in Völkern? — Die Reden und Referate des Kongresses sind jetzt in der ausgezeichneten, von Karl Anton Prinz Rohan herausgegebenen Zeitschrift ״Europäische Revue“ (Verlag Kurt Vowinckei, Berlin) veröffentlicht worden, una zwar enthält das Dezemberheft die Vortrage des Italieners Emilio Bodrero, des Engländers W. Alison Philips und des Franzosen Albert Thibaudet, sowie die Diskussionsrede von Alfred Weber, das Januarheft den Vortrag des Deutschen Hans Rotfeis. Die Vorträge haben sämtlich einen etwas apologetischen bzw. propagandistischen Unterton, und suchen jeder in seiner weise die Synthese zwischen Geschichte und Leben, anders formuliert, zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Bindung und Freiheit, im konkreten Dasein des eigenen Volkes aufzuweisen. Es ist überaus interessant, aus diesen Aeußerungen die Eigentümlichkeit des Nationalisraus der einzelnen Völker zu entnehmen. Man versieht, wenn man die einseitige Selbsterfülltheit dieses Nationalismus in seinen Wirkungen abschätzt, die Skepsis Alfred Webers, der bei allem Verständnis für den mythologischen Ursprung der Nationen doch das Verbindende stärker betont sehen möchte. Diese Verbindung muß sich aus den Bedürfnissen des heutigen Lebens, aus der Notwendigkeit des praktischen Zusammenlebens der Völker ergeben. Allzu enge Bindung des Volksbewußtseins an seinen nationalen Mythos gefährdet Leben und Sicherheit der Nationen und damit die gesamte europäische Kultur. Alfred Weber hat das Problem am deutlichsten formuliert, das bei Lektüre auch der andern Vorträge sich aufdrängt: daß es darum geht, die nationale Verwurzeiung nicht zu verlieren und doch der nationalistischen Expansions-Tendenz bewußt Fesseln anzulegen. Es ist das ewige Problem jedes Nationalismus und im Grunde auch jedes humanistischen Individualismus: die Mittellinie zu finden zwischen Ausprägung der eigenen Persönlichkeit und den Verpflichtungen gegenüber dem sozialen Ganzen, der Menschheit. Es ist ein Problem, das gerade uns Juden gut bewußt und bekannt ist, und nur in seiner vollen Erkenntnis kann der moderne jüdische Nationalismus seinen Weg gehen, ohne der erade bei uns Juden drohenden Gefahr des Abgleitens in er einen oder der andern Richtung zu verfallen, und so eine wirkliche Menschheitsfunktion erfüllen. W. Der ״Golem“ in der ״Habimah“. Ke freudige Erwartung, mit der man am vorigen Freitag zu spater Nachtstunde wieder zu den alten Freunden eilte, wurde zwar durch fast einstündiges Warten auf den Beginn der Vorstellung etwas gedämpft Aber sobald der Vorhang aufging, stand man wieder 1m Banne dieser einzigartigen Kunst, die so weltenweit entfernt ist von all dem ״AHÄj«^ns״i״dert,jms..;sQast.ffc^Bül1nenkm1st jjL.ße#t.wr< b gesetzt wird. Wieder empfand man, daß es hier n&f im f stilistische Probleme oder interessante Experimente geht, sondern daß hier unmittelbar Seelisches zu Wort und Gebärde geformt wird. Darum ist die Unzulänglichkeit des Stückes auch letzten Endes unerheblich, denn schließlich war es nicht der ״Golem“, der hier vor uns lebendig wurde, sondern das alte Lied von Judenleid und Messiassehnsucht. Das ist doch wohl das Geheimnis der tiefen Wirkung dieser Schauspieler, daß das, was sie spielestj ihr innerstes angeht, daß sie — nicht eine Tendenz, aber eine Idee vorführen. Man würde ihren Absichten Unrecht tun, wenn man einze!ne Namen besonders hervorheben würde. Denn gerade die vollendete Art ihres Zusammenspiels, das Festhalten einer großen Gesamtstimmung durch alle Personen und Szenen ist ja das Besondere, was ihre Kunst auszeichnet Unvermindert war auch wieder der Genuß, die uralte Sprache in voller Lebendigkeit und klangreicher Schönheit zu hören. Hoffen wir. daß die ״Habimah“, die sich jetzt nach Erez- Israel begibt, aus der Berührung mit der Urheimat ihrer Sprache und Gesinnung neue Kräfte und Wegweisungen gewinnt. and sagte ״Nein“ und gleich darauf ״Guten Abend“, obwohl es noch gar nicht dämmerte und die Sonne Lust hatte, noch eine geraume Weile am Himmel zu bleiben. Ich schritt rasch in die entgegengesetzte Riehtung, ich sah wohl, daß ich mich nicht der Stadt näherte, hörte, daß mir Zlotogor etwas nachrief, aber wandte mich nicht um. Bündel gemähten Heus dufteten stark, Grünzen kam aus einem Schweinekoben, Baracken standen verstreut hinter den Hütten und ihre Dächer aus Weißblech glühten, wie schmelzen* des Blei. Ich wollte bis zum Abend allein sein. Ich dachte an viele Dinge, Alles, Wichtiges und Nebensachen gingen mir durch den Kopf, die Gedanken kamen wie fremde Vögel und flogen wieder davon. Spät am Abend kehrte ich heim, die Felder una Wege lagen im Dunkel und die Grillen zirpten. Gelbe Lichter brannten in den Dorf* Häusern und Glocken schlugen. Hotel Savoy schien mir leer. Santschin war nicht mehr da. Zweimal nur war ich in seinem Zimmer gewesen. Aber mir war, als hätte ich einen lieben guten Freund verloren. Was wußte ich von Santschin? Er war ein Clown im Thejter; und zu Hause traurig, arm und grob, er erstickte im Wäschedunst, Jahre lang hatte er den Duft schmutziger fremder Wäsche geatmet — wenn nicht in diesem Hotel Savoy, so doch in andern. In allen Städten der Welt gibt es kleinere oder größere Savoys und überall in den höchsten Stockwerken wohnen die Santschins und ersticken am Dunst fremder Wäsche. Das Hotel Savoy war nech vollbesetzt — von afleu 864 Zimmern stand nicht ein einziges leer, nur ein Mensch fehlte, der einzige Wladimir Santschin. Ich saß unten im Fünfuhrsaal. Der Doktor lächelte mir zu, als wollte er sagen: siehst Du, wie recht ich hatte, als ich Santschin den Tod prophezeite? er lächelte, als wäre er die medizimsche .Wissenschaft und feierte nun einen Triumph. Ich trank einen Wodka und sah Ignatz an, — war er der Tod, oder war er nur ein alter Liftknabe? Was glotzte er mit seinen grünen Bieraugen. Nun fühlte ich, wie Haß in mir aufstieg gegen das Hotel Savoy, in dein die Einen lebten und die Andern starben, in dem Ignatz Koffer pfändete und die Mädchen sich nackt ausziehen mußten vor Fabrikanten und Häusermaklern. Ignatz: war wie ein lebendiges Gesetz dieses Hauses, Tod und Liftknabe. Ich werde mich nicht durch Stasia verlocken lassen, hier zu bleiben, denke ich. Für drei Tage reicht meine Barschaft, weil ich durch Glanz׳ Hilfe Geld gewonnen habe. Dann wird man mich, wenn ich verhungere, genau so begraben, wie den armen Santschin, weit draußen auf dem Jenseits des Friedhofs, in einer lehmigen Regenwümiergrube. Jetzt kriechen die Würmer und Schlangen schon über Santschins Sarg, drei Tage noch, acht oder zehn und das Holz wird verfaulen und der schwarze alte Anzug, den ihm jemand geffhenkt hat und der schon längst fadenscheinig war. Hier steht Ignatz mit seinen grünen Bieraugen und fährt hinauf und hinunter mit dem Fahr* Stuhl und hat auch Santschin zum letzten Mal hinuntergefahren. In dieser Nacht betrat ich mein Zimmer mit großer Ueberwindung. Ich haßte das Nacht* kästchen, den Lampenschirm, den Druckknopf, ich schmiß einen Sessel um, daß es laut polterte, ich hätte gern den Zettel des Kalcguro* pulosj der höhnisch an der Tür hing, abgerissen und ich ging furchtsam ins Bett und ließ die ganze Nacht die Lampe brennen. Santschin erschien mir im Traum: ich sehe, »ie er in seiner lehmigen Grube aufsteht und sich rasiert — ich reiche ihm einen Wasserkübel, er nimmt Lehm dazu und streicht sein Gesicht mit Lehm an, als wäre es Rasierseife. ״Das kann ich,“ sagt er und: ״sehen Sie mir nicht zu!“ und ich starre beschämt auf seinen Sarg, der in der Ecke steht Dann klatscht Santschin in die Hände und es erhebt sich ein lautes Beifallsklatschen, das ganze Hotel Savoy klatscht, Kanner und Neuner und Sigmund Fink und Frau Jetti Kupfer. Vorne steht mein Onkel Phöbus Böhlaug und flüstert mir zu: ״Weit hast Du’s gebracht! Du bist nicht mehr wert, als Dein Vater! Du Taugenichts!“ Xi. Ich wollte gerade das Hotel verlassen, da stieß ich mit Alexanderl Böhlaug zusammen, der einen hellen Filzhut trug. So'cn einen schönen Filzhut habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen, cs ist ein Gedicht, ein Hut von einer zartgetönten heilen, unbestimmbaren Farbe, in der Milte sorgfältig zusammengekniffen. Wenn ich diesen Hut trüge, ich hütete mich wohl zu grüßen und ich verzeihe es auch, daß Alexanderl nicht grüßt, sondern nur mit dem Zeigefinger an den Hut tippt, salutierend, wie ein Offizier, wenn er den Gruß eines Mi'itärkochs erwidert Dabei bewundere ich Alexanderls kanariengelbe Handschuhe ebenso, wie den Hut — wenn man diesen Menschen sieht, kann man nicht zweifeln, daß er schnurstracks aus Paris kommt, dorther wo es am stärksten Paris ist. ״Guten Morgtn!“ sagt Alexanderl, schläfrig und lächelnd. ״Was macht Stasia, Fräulein Stasia?" ״Ich weiß es nicht!“ ״Sie wissen es nicht? Sind Sie aber lustig! Gestern sind Sie mit der Dame hinter den Sarg einhergegangen, als wären Sie ihr Cousin.“ ״Die Geschichte mit dem Esel Ist köstlich,“ sagt Alexanderl, rieht einen Handschuh aus und wedelt mit ihm. Ich schweige. ״Hören Sie, Vetter,“ sagt Alexanderl, ״ich möchte ein Absteigquartier mieten — im Hotel Savoy. Zu Hause fühle ich mich nicht frei. Manchmal —“ Oh, ich verstehe — Alexanderl legte seine Hand auf meine Schulter und schob mich ins Hotel. Das war mir unangenehm, ich bin abergiäubisch und kehre nicht gerne wieder ins Hotel zurück, das ich kaum verlassen. Ich habe keinen Grund, Alexander! nicht zu folgen und ich bin neugierig, welche Nummer mdn Vetter bekommen wird Ich überlege, die Zimmer links und rechts von Stasia sind bewohnt *, Es bleibt nur ein Zimmer übrig, in dem Santschin gewohnt hat — seine Frau packt schon und soll zu Verwandten aufs Land. Einen Augenblick freue Ich mich, daß Alexanderl aus Paris in Santschins Wäschedunst wohnen wird — und sei es auch nur ein paar Stunden, oder zwei Nächte in”3er Woche. ״Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,“ sagt Alexander!, ״ich miete Ihnen ein Zimmer privat, oder zahle ihnen das Logisgeld für zwei Monate, oder — wenn Sie unsere Stadt verlassen wollen, das Reisegeld nach Wien, Berlin, Paris sogar — und Sie treten mir das Zimmer ab. Ist das ein kulantes Geschäft?“ Dieser Ausweg lag sehr nahe, dennoch überraschte mich meines Vetters Angebot. Nun hatte ich alles, was ich mir wünschte. Weiterreise und Zehrgeld und ich brauchte nicht mehr auf Phöbus Bonlaugs Wohltat zu rechnen und war ein freier Mensch. Sehr schnell löste sich jede Verwicklung. Meine Wünsche gingen prachtvoll in Erfüllung. Gestern noch hätte ich eine halbe Seele für ein Reisegeld verkauft und heute bot mir Alexander Freiheit und Geld. Dennoch schien es mir, daß Alexander Böhlaug zu spät gekommen war. Ich hätte jubeln sollen, Ja sagen, und ich tat nichts dergleichen, sondern machte ein nachdenkliches Gesicht. (Fortsetzung folgt)