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Jüdische Rundschau · 1928-02-21 · Heft 15 (21.2.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 15 (21.2.1928)
Date
1928-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I go to Toronto. — Ein Manager, der Gehorsam fordert. — In einem jüdischen Hause am Freitag Abend. — Das unumgängliche Interview. — Häufige Autofahrten. — Einiges über die Stadt Toronto und die alte Mühle. — Der Gehorsam dem Manager gegenüber wird verweigert und die Folgen, die daraus entstehen. — Gespenster in der Nacnt. — Abschied von Toronto CMe jüdische InteUigenz von Toronto entschloß sicli doch noch, aus der gewahrten Reserve herauszutreten, und lud mich ein, einige Vorträge zu halten. Dieser Entschluß wurde von einem neugegründeten Verein gefaßt, dessen Mitglieder nicht nur als Saison-Zionisten gelten wollten, sondern darüber hinaus etwas größere Ansprüche stellten. Junge und nicht mehr junge Leute schlossen sich zu einem Verein zusammen, der einen schönen hebräischen Namen trug, hübsche Abzeichen hatte und auch für Dinge, die nicht direkt mit Geldsammlungen zu tun haben, da sein wollte. Sie fühlten sich frisch, unternehmungslustig, zu Taten bereit. Aber vorläufig waren sie noch ohne Arbeit, und ich zweifle, ob ihnen Pläne auch nur für die nächste Zukunft vorschwebten. Sie trugen tapfer und treu ihr Vereinsabzeichcn, aber die Tatenfreudigkeit fand noch keinen Ausdruck, bis der glückliche Gedanke bei ihnen auftauchte, für den sich ohnedies im Laude aufhaltcnden Schriftstei'er eine Vortragsreihe zu organisieren. Das Ende der ziem ich langwierigen Verhandlangen war, daß ich mich eines Abends auf dem Wege zum Bahnhof befand, einen Pulltnan-Wagen bestieg und am nächsten Morgen in Toronto anlangte. Ich stand auf dem Perron, bemühte mich, das verabredete Erkennungszeichen möglichst sichtbar zu machen und sah bald zwei Herren, einen kleineren und einen größeren, langsam auf mich zukommen. Was mir auffiel, war der wenig wohlwollende, ja finstere Ansdruck ihrer Gesichter. Besonders der ältere, niditjädisch aussehende Herr trug einen derartigen Ernst und eine solche Strenge zur Schau, daß ich mir sagte, die Leute suchen gewiß jemand anderen, die Mitglieder des neugegründeten Vereins dagegen, die ich mT mit strahlenden Gesichtern, wie sie Neügrüpder immer haben, vorstellte, würden bald angestürmt kommen und um Entschuld!* güng wegen ihrer Verspätung bitten. Aber die finsteren Gestalten kehrten nicht um, immer näher und näher kamen sie heran *- es waren doch die Vertreter des neuen Vereins ״Et Laassot“. Der Aeltere trat vor und begrüßte mich, richtiger, er unterzog mich einer Feststellung der Identität, die notwendig war, um das weitere veranlassen zu können. Nachdem dies geschehen, teilte er mir mit, daß Ich ihn während meines auf ,zehn Tage bemessenen Aufenthalts in Toronto als meinen '-'Manager'zu. betrachten ,und׳ allen, all«» ...sj^pea Anol^nungein HalSe. ,ijfÄt Ktftf fie» «RinÄ'äilWsaA ׳ ׳terttteft zu halten und ließ mich ins Hotel abführen. Ich' hatte meinem Manager Gehorsam versprochen. — was zu halten, wie sich später zeigte, nicht immer möglich war, weil er ein freiwilliger Manager war. Dieser nicht besonders erfolgreiche, aber immerhin beschäftigte Rechtsanwalt mit ungeschliffenen Manieren, die nicht durch allzu reiche Intelligenz ausgeglichen wurden, opferte täglich viele Stunden seiner kostbaren Zeit, um all die bevorstehenden Vorträge und das Bankett zu organisieren. Er hielt es noch obendrein für seine Pflicht, auch für einige Zerstreuungen zu sorgen, die dem Gast den Aufenthalt in der Stadt Toronto angenehm machen sollten. Er hatte hierfür Helfer, aber nur wenige, die Hauptarbeit fiel ihm zu, und wie ich später erfuhr, sollte es seine erste große Leistung in Dingen der jüdischen Oeffentlichkeit sein. Der junge Verein wie auch mein Manager sollten erst zeigen, was sie könnten. Den Ernst, den er zur Schau trug und der mir fast ejnen Schrecken eingejagt hatte, war, wie ich nachher — leider za spät — erfuhr, eine Maske der Angst, und Angst hatte er nämlich vor mir, vor dem Schriftsteller, vor einer Menschenarf, mit der er niemals etwas zu tun gehabt hatte. Die Barschheit, die Unhöflichkeit bei der Begrüßung am Bahnhof, waren nur Ausdruck der Sorge um die große Verantwortlichkeit, um die schwere Bürde, die er auf sich genommen hatte. Mit einem Wort, mein Manager war ein etwas tapsiger, aber im Grunde genommen sehr guter Kerl, und er erfüllte seine Auf״ gäbe nicht schlecht, wenn cs auch an manchen komischen Situationen nicht fehlte. Meine Hauptbeschäftigung bestand vorläufig nur darin, daß ich mich im Hotel aufhielt und auf die Anordnungen des Managers «׳artete. Die erste dieser Anordnungen betraf eine Einladung zum Abendessen, der ich an! Tage meiner Ankunft in Toronto Folge zu leisten hatte. Zu der genau angegebenen Zeit hielt ein elegantes Auto vor meinem Hotel, dessen Be״ sitzer, ein gut und sympathisch aussehender Herr, von mittleren Jahren, sich bei mir meiden ließ und die Einladung zum Abendessen persönlich überbrachte. Er sagte während der Fahrt, daß er zwar kein gelehrter Mann sei, ziemlich wenig von den Dingen verstehe, um die sich Schriftsteller angeblich bemühen, aber er hoffe dennoch, daß ich mich bei ihm wohl fühlen werde. Er sagte dies gutmütig und sein Gesicht zeigte ein feines Lächeln. Wir passierten die Hauptstraßen der Stadt, kamen in entlegene und wenig belebte Gegenden, fuhren durch Villen* viertel und hielten vor einem schönen Landhaus mit einem großen, gepflegten Garten in englischem Stil. Bald saßen wir in einem mit erlesenen! Geschmack eingerichteten Herrenzimmer und plauderten gemütlich. Was Ist es in diesem Hause -־ dachte ich —, das mich in so gute, unbefangene Stimmung versetzt? Hier müssen offenbar gute Menschen wohnen, die den Reichtum genießen, ihm aber nicht verfallen sind. Hier lacht man wahrscheinlich viel und selbst die Dienerschaft sieht immer munter und zufrieden aus. Wie bescheiden man doch allmählich ward und wie die Au* Sprüche, die man noch zu stellen wagt, nur in der Richtung liegen, daß die guten Bekannten, bei denen man ab• und zu einige Stunden verweilen darf, ,schöne, gemütliche Wohnungen haben. Man wünscht auch, daß in diesen schönen, gemütlichen Wohnungen der guten Bekannten stete Eintracht, gute Stirnraung, bestes Einvernehmen zwischen Kindern und Eltern herrschen möge. Man ist bereit, all die Unzulänglichkeiten der Welt allein geduldig zu ertragen, aber in den paar Häusern, wo man gelegentlich verkehrt, soll stets die Sonne des zufriedenen Gemüts leuchten. Das soll man doch verlangen dürfen, das ist doch gewiß bescheiden.... Die Herrin des Hauses trat herein, eine äußerst schöne, vornehme Erscheinung, and hieß den Gast auf das herzlichste willkommen. Und als wir uns dann in das Speisezimmer begaben, uns an den festlich gedeckten Tisch setzten, war es mir, angeheimeit durch die Schabbatkerzen in den hohen, silbernen Leociifern, als kennte' Rh 'diese guten, freudigen Leute schon lange, lange. Ich sagte später der •anmutigen Herrin de? Hauses einige schffldÄeffcafte Worte über ,!:״e Kinder, lauter dtS «w«!- der Jungen* adoptierte •tikrataiscfie Pogromwaise;: seien. י In diesem, jüdischen 'Hause, 'das Vornehmheit und Güte atmete, verlor sogar das Gesicht * meines Managers sehr viel von seiner sonstigen Düsterkeit. In Wirklichkeit war die Aufhellung. seines Gesichtes darauf zurückzufühfen, daß er mich in sehr guter Stimmung tind lachend sah, was ihm ein wenig Mut einflößte, denn er hatte doch Angst vor mir ׳- was ich leider nur zu spät erfuhr. Ara nächsten Tage mußte ich• in einem zweiten repräsentativen. jüdischen Haust?u Mittag speisen, und hier hatte ich allen Grund, in ganz entgegengesetzte Stimmung zu geraten. Ich versuchte, mich einigermaßen damit zu trösten, daß wieder eine Nummer des Programms hinter mir lag. Mein Manager versicherte, daß dieser Besuch unvermeidlich gewe en sei. Nach ihm war es genau so unmöglich, auch einen anderen Punkt des Programms nicht zu erfüllen, nämlich von einer Torontcer englischen Zeitung interviewt zu werden. Meine Einwendungen dagegen waren vergeblich, und eines Morgens erschien der Manager mit einem Zeitungsreporter, der sehr wertig Neigung־ zur Originalität aufwies, denn er fing an mit der üblichen Frage, was der Gast über Wilson denke, wollte dann meine Meinung hören, wenn man zu den berühmtesten zehn Zeitgenossen zählen dürfe, begab sich alsdann auf das literarische Gebiet und forschte, wen ich zu den zehn bedeutendsten Schrift* steilem der Weltliteratur rechne, und endete mit der!׳rage, wie ich die Christian Science beurteile. Jede Acußerung über Wilson und über die berühmten Zeitgenossen lehnte ich ab, erklärte mich aber bereit, einen Spaziergang durch das literarische Pan* theon zu machen, und die verdienstvollsten Zehn auszuwinlen. Die von mir Erkorenen konnten bestimmt nicht nach dem Gesehmack der Zeitung sein, die in der puritanischen Stadt Toronto erscheint, denn unter diesen Zehn befanden sich auch solche wie Oskar Wilde, Verlaine, die in einem frommen Hause gewiß nicht erwähnt werden dürfen. Ich bemerkte schon, daß mein Manager nicht nur für die Veranstaltung und dem Verlauf der Vorträge sorgte, sondern sich auch redliche Mühe gab, mir die langen und heißen Sommertage auf angenehme Weise erträglich zu machen. Dies konnte nach seiner Auffassung nur in einer Art geschehen, in der bewahrten traditionellen Art nämlich, daß täglich einer von den jüdischen Bürgern der Stadt abwechselnd sein Auto vor meinem Hotel halten ließ und mich zu einem längeren Ausflug einlud. Diesem Umstande habe ich es zu verdanken, daß ich die Stadt Toronto, besonders aber die Umgebung ausgiebig kennenlemte. Die Autofahrteu ergänzten die Eindrücke und Wahrnehmungen, die ich auf Spaziergängen erhalten hatte. Toronto ist eine große Handelsstadt, erfreut sieb einiger Wolkenkratzer und Warenhäuser und besitzt noch die Eigenschaft, eine starke Sehnsucht nach Montreal hervorzurufen. Montreal erscheint im Vergleich mit Toronto als die Stadt der mannigfaltigsten Zerstreuungen, als eine Stadt, wo djis ganze Jahr Karneval herrscht... Toronto Ist älter als Winnipeg, aber da der Schreiber dieser Zeilen selbst älter ist als Winnipeg, muß Toronto nicht besonders alt sein, jedenfalls ist ein Großvater, vorausgesetzt, daß er nicht mit 1$ Jahren geheiratet hat, wahrscheinlich desselben Alters wie Toronto. Ich erwähne dies deshalb, weil ich mich sehr wunderte, als ein Herr, der an der Reihe war, mich in seinem Auto spazieren zu fahren, mir sagte, wir würden in der ״Alten Mühle“ frühstflcken. Die ״Alte Mühle" ist natürlich nur eine Imitation und als solche sogar sehr gelungen. Alles sieht wirklich!so verwittert, so schwarz aus, daß man glauben möchte, die .Stürme vieler Jahrhunderte seien an ihr vorübergebraust. Die ״Alte Mühle" ist die Frucht einer berechtigten Sehnsucht nadi Geschichte, und in Amerika soll, wie man sagt kein Mangel sein an Reichen, die sich alte historische Schlösser und Burgen bauen möchten. Toronto bat ein jüdisches Theater, in dem aber nur ge-!egei1tUf.il gespielt wird, and eine Jüdische Zeitung. 'OSe'-p* disc-he Bevölkerung ist an Zahl geringer als die von Montreal, die Lebensart: im _ allgemeinen dieselbe Ke geistig« und Jni» toi dir .1 I,».־!essen imdem amfb in-Toronto mm Charitv, Hadassah und In zionistischer Aktivität während der periodisch stattfindenden Geldsammlungen. Einmal war •'!& in dem Jüdischen Club und schrieb meinen Namen in das Gästebuch. Der letzte Gast, der sich vor mir eingeschrieben hatte, war Zangwill, der während seiner Amerika-Reise auch Toronto besuchte. Mich verdroß es stark, von einigen Vertretern der jüdischen Intelligenz in Toronto abfällige Aeußerungen über Zangwill zu hören. Das war die Respektlosigkeit einem originellen, unabhängigen Geist gegenüber, der auf seiner Amerika-Reise durehgefallen war. Alles in allem vergingen die zehn Tage in Toronto so, daß ich mich nicht zu beklagen hatte, um so mehr als ich nicht besonders Vielversprechendes erwartet hatte. Natürlich gab es ein Bankett. Der Rabbiner, der mein Tischnachbar war, versicherte mir, daß in Amerika ein neues Judentum entstehen werde, eine neue amerikanische Art von Judentum. Er wollte nicht einsehen, wie ungemütlich, wie unheilvoll einem wird bei dem Gedanken, alle fünfzig Jahre neue Arten von Judentum entstehen zu sehen. Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. (5. Fortsetzung.) Ich entsann mich der Nächte in freien offe- Ben Schneefeldern, der Wachtpostennäebte, der weißen podolischen Schneenächte, in denen ich fror und jener von Raketen durchblitzten, da der dunkle Himmel von roten glühenden Wunden zerfurcht war. Aber keine einzige Nacht meines Lebens, auch jene nicht, in der ich selbst zwischen Leben und Tod geschwebt, war so furchtbar. Santschins Fieber steigt plötzlich und eilig. Stasia bringt in Essig getauchte Tücher, wir jegen sie um Santschins Kopf, aber es hilft nicht. Santschin phantasiert Er gibt eine Gratis- Vorstellung. Er ruft nach August, seinem Esel. Mit rührend zärtlicher Gebärde ruft er nach Seinem Esel. Er hält die Hand vor sich, als böte er dem Tier ein Stück Zucker an, wie er es vor jeder Vorstellung tut. Er springt auf und schreit Er klatscht in die Hände, wie im Variete, um Beifall herauszufordem. Er streckt len Kopf vor, wackelt mit den Ohren, steift sie, wie ein Hund und lauscht auf den Applaus. ״Klatschen Sie,“ sagt Stasia und?vir klatsehen. Santschin verneigt sich. Am Morgen lag Santschin in kaltem Schweiß. Die großen Tropfen wuchsen, wie gläserne Beulen aus seiner Stirn. Es roch nach Essig, Urin, fauler Luft. Frau Santschin plärrte leise. Sie drückte den Kopf gegen den Türpfosten. Wir ließen sie weinen. Als ich mit Stasia hinausging, sagte uns Ignatz Guten Morgen. Er stand im Korridor, *o selbstverständlich, als wäre hier sein stattdiger Posten und nirgends sonst in der Welt ״Santschin wird wohl sterben?“ fragt Ignatz. In diesem Augenblick ist es mir, als hätte der Tod die Gestalt des alten Liftknaben an* genommen und stünde nun hier und warte auf eine Seele. X. Santschin . wurde um drei Uhr nachmittags begraben, auf einem entlegenen Teil des ortentauschen Friedhofs. Wer im Winter etwa sein Grab wird besuchen wollen, wird sich mit Spaten und Schaufel mühsam einen Weg bahnen müssen. Alle Armen, die auf Gemeindekosten sterben, werden so weit draußen bestattet und erst, wenn drei Generationen gestorben sind, zeigt jener entlegene Teil des Gottesackers menschliehe Wege. Aber dänn wird das Grab Santschins nicht mehr zu finden sein. Nicht einmal Abel Glanz, der arme Souffleur, wird so weit draußen liegen. Das Grab Santschins ist kalt und lehmig - ich sah hinein, als er begraben wurde - und sein Gebein ist schutzlos dem Getier der Erde preisgegeben. Santschin lag drei Tage aufgebahrt im Variete, weil das Hotel Savoy ja kein Hotei für Tote ist, sondern für Springlebendige. Er lag hinter der Bühne in einer Garderobezelle und seine Frau saß bei ihm und ein armer Küster betete. Der Direktor des Varietes hatte die Kerzen beigesteuert. Die Tänzerinnen muß* ten an dem toten Santschin vorbei, wenn sie auf die Bühne gingen, die Blechmusik machte ihren Lärm, wie gewöhnlich, auch der Esel August kam, aber Santschin rührte sich nicht Von den Gästen wußte niemand, daß hinter dieser Bühne ein Toter lag. Die Polizei hatte es erst verbieten wollen, aber ein. Polizei- Offizier, der immer Freiplätze bekam — seine Verwandtschaft füllte ein Viertel des Saales - brachte die Bewilligung. Vom Varite aus ging der Leichenzug, der Direktor bis an den Rand der Stadt, wo die Schlachthöfe stehen — in dieser Stadt wurden die Toten den gleichen Weg geführt, wie das Vieh. Die Kollegen, Stasia und ich und die Frau Santschin folgten bis zum Grab. Als wir das T6r des Friedhofs erreicht hatten, stand Xaver Zlotogor da, der Magnetiseur, und zankte mit dem Friedhofsverwalter. Zlotogor hatte den Esel Santschins unbemerkt an aas offene Grab geführt und dort warten lassen. ״So kann er nicht begraben werden!“ schrie der Verwalter. ״So wird er begraben werden!“ sagte Zlotogor. Es gab einen kleinen Aufenthalt, ' der Pope sollte entscheiden und da ihm Xaver Zlotogor etwas zuflüsterte, entschied er, daß das Tier bleiben könne. Der Esel stand mit schwarzen Trauerläscheben auf den gesenkten Ohren und rührte sich nicht. Hart am Grabesrand stand er und rührte sich nicht und jeder ging um ihn herum und wagte nicht, das Tier wegzuschieben. Mit Xaver Zlotogor und dem Esel ging ich zurück, auf den breiten, kiesbestreuten Wegen des Friedhofs, an vornehmen Grabtnälem vorbei. Hier liegen die Toten aller Bekenntnisse nicht weit voneinander, nur der jüdische Friedhof ist durch zwei Zäune getrennt Bettelnde Juden stehen am Zaun und in den Alleen den ganzen Tag, wie menschliche Zypressen. Sie leben von der Gnade reicher Erben und schütten über jeden Geber ihre Segenssprüche. Ich mußte Xaver Zlotogor meine Anerkennung ausdrücken, er hatte tapfer für den Esel gekämpft. Ich kannte den Magnetiseur noch gar nicht, er trat nicht jeden Tag, sondern nur am Sonntag auf oder bei besonderen Anlässen und sehr oft reiste er ,.selbständig“ durch kleine und größere Städte und gab Vorstellungen. Er wohnt im Hotel Savoy, im dritten Stock. Er kann es sich leisten. Xaver Zlotogor ist ein weitgereister Mann, den Westen Europas kennt er und Indien. Dort hat er seine Kunst von Fakiren gelernt, wie er erzählt. Er mag wohl an die vierzig alt sein, aber man metkt ihm kein Alter an, so gut be• herrscht er Gesicht und Bewegungen. Manchmal glaube ich, er wäre müde, während wir so gehen, ich glaube seine Knie seien leise geknickt und, weil der Weg weit ist, und ich nicht mehr frisch bin, will ich gerade vor* schlagen, daß wir uns ein bißchen auf einen Stein setzen. Aber siehe; Xaver Zlotogor springt mit hochgezogenen Knien über den Stein und ein gut Stück darüber in der Luft, wie ein vierzehnjähriger Knabe. Er hat in diesem Augenblick ein Knabengesicht, ein olivengrünes jüdisches Knabengesicht mit schelmischen Augen. Eine Minute später trägt er einen müden Mund mit hängender Unterlippe und es ist, als lastete sein Kinn schwer, er muß es auf der Brust stutzen. Xaver Zlotogor wandelt sich so schnell in kurzen Zeiträumen, daß er mir unsympathisch wird, ja, ich muß denken, daß seine ganze edle Geschichte mit dem Esel eine gemeine Komödie war und es scheint mir, daß dieser Xaver Zlotogor nicht immer so geheißen, daß er vielleicht, — der Name taucht plötzlich in mir auf — Salomon Goldenberg geheißen hat in seiner kleinen galizisehen Heimat. Merkwürdig, daß sein Einfall, den Esel auf den Friedhof zu führen, mich hatte vergessen lassen, daß er Magnetiseur ist, ein schnöder Zauberer, ein Mann, der das indische Fakirtum für Geld verriet und von den Geheimnissen einer fremden Welt nur so viel wußte, als die Zauberkunst- Stückchen erforderten. Und Gott ließ ihn leben und strafte ihn nicht. ״Herr Zlotogor,“ sage ich, ״ich muß Sie leider allein lassen, ich habe eine wichtige Unterredung.“ ״Mit Herrn Phöbus Böhlaug?“ fragt Zlotogor. Ich war verblüfft und wollte fragen: woher wissen Sie — aber ich unterdrückte diese Frage

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