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Jüdische Rundschau · 1928-02-14 · Heft 13 (14.2.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 13 (14.2.1928)
Date
1928-02-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 94 JUEÜISCHE RUNDSCHAU Nr. 13, 14. fl. 1928 meine Anwesenheit, meine Worte noch etwas galten, in den Tagen, wo ich noch Gast in einer schönen Villa war, passierte es zuweilen, daß meine Gastgeber mich fragten, ob ich jemanden von meinen Bekannten einladen möchte, sie würden •s meinetwegen sehr gern tun. Ich antwortete darauf, daß Ich besonderen Wert auf die Gesellschaft des Mr. Stone lege und daß es mich freuen würde, ihn hier eingeladen zu sehen. Mr. Stone wurde darauf eingcladen, er wurde öfters eingeladen, er wurde auf einmal für salonfähig erklärt, und man fing an, sich allmählich an ihn zu gewöhnen. Vorbei, vorbei! Mit meinem Sturz stürzte auch Mr. Stone. Nicht nur gelang es mir nicht, die Montrealer Intelligenz zu anderer Ansicht über die Qualitäten, des Privatlehrers zu bekehren, sondern ich selbst wurde vielmehr als zu der Rasse der Erfolglosen gchörend entlarvt und entsprechend behandelt. So gingen wir nun durch die Straßen Montreals und führten ungeachtet des Lärmes und Gedränges ernste Gespräche miteinander über Dinge, deren Erörterung niemals zum täglichen oder dauernden Glück verhelfen. Der Sonnabend allerdings war für mich immer ein interessanter Tag. Zu dieser Zeit, am Nachmittag nämlich, postierten sich an den Ecken der Hauptstraßen, auf den Squares, die Prediger und Werber der verschiedenen Rcligions- Sekten, um die Vorteile ihres Glaubens zu verkünden. Ueberall konnte man Neugierige, aber selten ergriffene Gruppen sehen, die den Worten der Redner lauschten. Ich erinnerte mich dabei an eine scherzhafte Bemerkung Voltaires, die er in einem seiner Briefe aus London machte: In England — schrieb er — gibt es sehr viele Religionen, aber nur eine Sausse. Beides traf auf Montreal zu. Ich entschädigte mich für die schlechte Sausse wenigstens dadurch, daß die sehr betrachtliehe Zahl der Religionsselcten während des Sonnabends und Sonntags der Stadt ein etwas anderes Aussehen gaben, ich ging von einem Ort zum andern, um den Eindruck, den die Eiferer dieser Sekten auf ihre Zuhörer machten, zu beobachten. Am meisten verweilte ich aber bei den Soldaten und Offizieren der Heilsarmee, die trotz des etwas mechanisierten Pathos niemals verfehlten, tiefen Eindruck auf mich zu machen. Ich schloß mich manchmal ihrem Zuge an, wanderte mit ihnen durch die Stadt, hörte ihren demütigenden Worten, ihren Märschen und Hymnen zu. Traurig wurde mir oft zumute, wenn ich darüber nachdachte, warum sich in mir während der ganzen Zeit niemals das Verlangen regte, eine Synagoge in Montreal aufzusuchen. Ich fühlte, daß die Schuld nicht an mir lag. In Wilna wäre bei einer ähnlichen Verfassung mein erster Gang wahrscheinlieh zu dem alten großen ״Schulhof“ gewesen. Ich hätte auch in Montreal den lieben Gott einen Gefallen getan und einer seiner Residenzen einen Besuch abgestattet, aber ich glaubte, daß ihm daran nicht besonders gelegen war. Denn der jüdische Gott kann sich in Montreal, wie in Amerika überhaupt, nicht besonders gut fühlen. Er ist nicht böse mit seinen zu beschäftigenden Kindern, er zürnt ihnen nicht, er ist nur so verstimmt, furchtbar verstimmt, er trauert jenen alten Stätten nach, wo die Juden in Ergriffenheit mit ihm Zwiesprache hielten und die jetzt verwüstet sind. Und ich wollte ihn nicht in dieser seiner allzu berechtigten Stimmung stören. (Fortsetzung folgt.) Ein Didiier in der Verbannung Ein Gedenkblatt für Blanco Ibafiez, Von Ludwig Bato (Wien). Fern von der geliebten spanischen Heimat, vor deren Tyrannenherrschaft er die Flucht in die Fremde ergreifen mußte, ist dieser Tage der bekannte Freiheitskämpfer und Dichter Blanco IbaSez gestorben. Der verbannte Poet, der seinen Idealen allen Lockungen und Drohungen zum Trotze bis zum letzten Atemzuge die Treue bewahrt hat, brachte dem Judenvolke besondere Sympathie entgegen. Die buntschillernden Bilder der wechselvollen jüdischen Geschichte auf der iberischen Halbinsel, deren Anfänge sich im sagenumrankten Altertum verlieren und die iin blutigen Drama der Vertreibung ihren jähen Abschluß findet, entflammten seine südländische Phantasie und ließen ihn nicht mehr los. Dieses Interesse entsprang aber durchaus nicht einer vorübergehenden Laune, es war tief verankert in seiner Seele. Er lag einem einebenden Studium der jüdischen Geschichte in Spanien ob, as ihm dem Judentum näherbrachte und dessen Ergebnisse er in seinem berühmten Roman ״Los muertos mandan“ (״Die Toten befehlen“ — deutsch erschienen vor zwei Jahren im Verlag Paul List in Leipzig) und in zahlreichen Aufsätzen, Gesprächen und Interwiews festhielt. IbaSez erblickte im Judentum nicht nur einen bedeutenden, sondern geradezu den entscheidenden Faktor in der Geschichte Spaniens. Alles Große und Bedeutsame — sowohl im guten, wie im bösen Sinne — führte er auf die Juden zurück. Er ging sogar so weit zu behaupten, daß der Stolz Spaniens, Christoph Columbus selbst jüdischer Herkunft gewesen sei. Allerdings seien auch die bedeutendsten Inquisitoren, die unduldsamsten Bischöfe getaufte Juden gewesen. Die Zahl der Juden, die im Laufe der Zeit unter dem Drucke der Vcrfolgungen in Spanien zum Christentum übergetreten sind, bezifferte er mit dreihunderttausend Seelen, die —■ bis auf wenige Reste auf den Balearen — samt und sonders im spanischen Volke aufgegangen seien. Er zog daraus den Schluß, daß ein Viertel Spaniens jüdischen Geblütes sei. Mit schwärmerischen und verehrungsvollen Worten sprach er stets von den bedeutenden jüdischen Geistern, wie Maimonides, Alfasi, Gabirol, Abarbanel, deren Namen — wie er meinte — aus der in der Kulturgeschichte Spaniens glänzendsten Schule, der Toledaner, gar nicht weggedacht werden könnten. Ein spanischer Jude, Benjamin aus Tudela, habe im 11. Jahrhundert die erste Beschreibung einer Reise um die Welt verfaßt. Mit Stolz wies er darauf hin, daß es unter den Juden in Spanien überaus namhafte Mathematiker, Astronomen, Physiker, Aerzte, Historiker gab, wobei Spanien das einzige Land gewesen sei, in dem die Juden in der Diaspora Ackerbau betrieben haben. Aber nicht nur das Judentum sei für Spanien von entscheidender Bedeutung gewesen, auch für das jüdische Volk bedeute die spanische Periode seiner Auffassung nach den Höhepunkt seiner Geschichte. Als vor einigen Jahren in führenden freiheitlichen Kreisen Spaniens eine Bewegung entstand, die Spaniolen, diese ״Espafioies sine patria“, wieder in Spanien anzusiedeln, tat IbaSez mit vollem Herzen mit. ״Wir kennen keinen Judenhaß — rief er aus — und wir werden uns alle Mühe geben, so viel Juden wie möglich wieder nach Spanien zu bekommen.“ Es erfüllte ihn mit großer Genugtuung, daß der Antisemitismus in Spanien so gut wie unbekannt sei, wobei er immerhin übersah, daß das Fehlen der Juden hierfür auch eine Ursache sei. (Allerdings gibt es Länder, wie Tirol, die trotz ihrer Judenreinheit zu den grimmigsten Judenfeinden zählen.) Aber ״fangen Sie mit einem Handwerker in Barcelona oder mit einem Arbeiter in Sevilla eine Unterhaltung über den Antisemitismus an — sagte er — und er wird Sie gar nicht verstehen!“ Während im benachbarten Portugal die Marranen über vier Jahrhunderte hindurch bis Zum heutigen Tage dem Judentum die Treue gehalten haben, scheinen ihre Brüder in Spanien wirklich im Wirtsvolke untergegangen zu sein. Nur in einer verborgenen Ecke des Landes, auf den balearischen Inseln, lebt heute noch ein, kümmerlicher Rest der Marranen, vom Volke ״Chuetas“, Speckesser genannt, der sich wohl mit dem fanatischen Eifer der Konvertiten zum Katholizismus bekennt — die Frauenklöster wimmeln von Chueta-Nannen, so wie auch viele Chueta-Männer geistliche Würden bekleiden — von der einheimischen Bevölkerung aber hartnäckig gemieden und verachtet wird. Ein Matrose oder ein Arbeiter aus Majorca würde nie eine Chueta heiraten, die ein Offizier aus Valencia oder ein Abkömmling^ eines spanischen Granden mit Stolz heimführen würde. Diesen Winkel der spanischen Erde, wo sich der Judenhaß, von alten Traditionen zehrend, bis zum heutigen Tage lebensfrisch erhalten und zu zahllosen Tragödien ynd Konflikten geführt hat, hat ibaftez mit dem Auge eines Dichters gesehen und in seinem genannten Roman mit unübertrefflichem Zauber geschildert.;Je : Mit Blanco Ibanez ist ein warmer Freund onseres Volkes heimgegangen- Ob es wirklich nur das von patriotischem Stolze und von Menschenfreundlichkeit getragene historische Interesse war, das ihn für das Judenschicksal Interesse einflößte? Vielleicht war es die Stimme des Blutes — er dürfte sich selbst zu dem ״Viertel Spanien“ gezählt haben — oder das gleiche Schicksal, das das Herz des Heimatlosen für das verbannte Israel höher schlagen ließ..... Im Verlag Theodor Presser & Co., Philadelphia, erscheint in der nächsten Zeit der vollständige Klavierauszug einer Oper in drei Akten ״Eine Nacht in Palästina“, Text und Musik von Jacob Weinberg. Diese erste palästinensische Oper, die in dem uns zugegangenen Prospekt sehr gelobt wird, wird in zwei Ausgaben, einer gewöhnlichen zu 5 Dollar und einer Luxusausgabe zu 10 Dollar ausgegeben. Die Namen der Besteller der ersten Ausgabe werden auf dem ersten Blatt der Ausgabe abgedruckt. Saul Tschernlchowski hat Goethes ״Reineke F uc h s“ ins Hebräische übertragen. Französische Palästina-Literatur IV. Die Syntese. Von Dr. S. Go m c lsk y, Paris. (Nachtrag zu Nr. 3•) Anspruch auf einen Ehrenplatz in der Reihe der vorher besprochenen Palästinawerke kann mit vollem Recht das soeben erschienene Buch von Pierre Bonardi: ״Die Rückkehr nach Jerusalem“, erheben. (Paris, Edit. Deipeuch.) Schon die Tatsache, daß ein so ernstes Buch über Palästina in den Tagen der wirtschaftlichen Krise im Lande erscheint und voll Glauben an das Werk ist, wirkt angenehm und ermutigt. Aber das Buch ist mehr als nur ein vager Glaube, als ein wohlwollender Wunsch: es ist die Bejahung des zionistischen Unternehmens! Dazu kommen noch sämtliche Eigenschaften dieses prominenten modernen französischen Schriftstellers: eine sonderbare Synthese von Künstler und Journalisten. Dem ersten, dem Künstler, haben wir nicht nur die meisterhafte Form, den Stil, die echt französische Eleganz des Buches zu verdanken, sondern den Ton, den dichterischen Geist dieses Werkes; der zweiten Komponente seines Wesens ist zuzuschreiben der scharfe politische Blick, ohne die geringste Beimischung von Romantizismus. Den Höhepunkt hat diese Synthese dort erreicht, wo Bonardi seine Unterredung mit dem Zionistenfeind Musa Kasim Pascha el Hussein, in Anwesenheit des Herrn Kalvariski reproduziert Es ist nicht nur eine meisterhafte Schilderung des ״Hofes“ des Pascha, seiner Person und seiner Psyche, sondern ein großartiges politisches! Kapitel. Und so ist aus dieser Alliance des Dichters und des Künstlers die glückliche Definition des Zionismus und des Palästinawerkes entstanden: ״Wiederaufbauer des Tempels sind sie — die Chaluzim — gleichzeitig die Quacksalber der orientalischen Lethargie... Palästina ist jetzt ein Staat; folglieh — der Jude auch ein Staats-Mensch!“ Auch für Bonardi, wie für die vorher besprochenen französischen Schriftsteller, ist Palästina das Land der Liebe, der Sonne, der Freude, des Frühlings. Palästina hat, nach Bonardi, das große Glück, befruchtet zu werden und nach tausendjähriger Vernachlässigung ״die kalte Majestät einer sterilen Frau zu verlieren, die nicht einmal die Entschuldigung hat, schön zu sein“ .... Dieses Buch ist mit 64 Zeichnungen von Feder, der auch das Buch von J. Kesse! illustrierte, versehen. Die Zeichnungen, die das Talent dieses jüdischen Malers zeigen, harmonieren nicht immer mit dem Geiste des Buches. Ist es ein Zufall? Oder ist es charakteristisch für die Verschiedenartigkeit der Auffassung des Palästinaproblems durch den nichtjüdischen Europäer und den an Okzident assimilierten Juden: für Bonardi ist es hauptsächlich das jüdische Palästina und für Feder ist Palästina nur ein Teil seines Orientes! Dies ist eine Disharmonie, — dieselbe Disharmonie, die der Nichtjude Bonardi im jüdischen Volke nicht begreifen kann und die er in seiner Schlußfrage an das okzidentale Judentum formulierte: ״Wo ist die Wahrheit? Man hat mir immer den Aufopferungsgeist des jüdischen Volkes und die Einheit dieser Rasse gelobt. Nun, aa sind die Reichen unter ihnen, die auf ihren Goldsäcken ruhig und teilnahmlos sitzen und der Metzelei, der ihre Brüder ausgeüefert sind, zusehet»...4 Ist dies möglich?“ _______ Nene Strömungen ln der jüdischen Dichtung Am 7. Februar sprach in der Gruppe des XII. Bezirks der B.Z.V. Herr Aminaaaw Grynberg über das Thema: ״Die neuen Strömungen in der jüdischen und hebräischen Dichtung". Der Referent führte aus, daß die geistigen Strömungen im vorigen Jahrhundert von zwei Grtmdpnnrtpfen aus zu betrachten Ad; Der Drang *dfer ächöpfdrischin jüdischen Kraft aus den* Ghetto, Später die Romantik des ״Städtel“ Beth Hamidraseb und Cheder. Als neues Element trat am Ende des vorigen Jahrhunderts in den Vordergrund der hebräischen Dichtung; die nationale Wiedergeburt und Palästina, zuerst lyrisch besungen, später aber lebendig geschildert, in der allerneuesten Zeit der Kernpunkt einer jüdisch-palästinensischen Realistik. Das Suchen nach neuen Wegen auf allen Gebieten der neuen Kunst be* herrscht noch zum großen Teil auch unsere Dichtung. Doch sind schon Symptome einer gesunden, fest umrissenen Strö• mung in der Literatur, auf dramatischem Gebiete, wie auch im Theater bemerkbar. Die andere Sprache, die im Galuth noch dotninent ist, das Jiddische, weist künstlerische Werke auf allgemein europäischer Höhe auf. Doch ist auch hier das Element der jüdi« sehen Gestalt und des Lebensweges des Juden überwiegend. Alle Versuche, in dieser Sprache Werke allgemein menschlichen Inhalts zu schaffen, haben bisher keinen großen Erfolg gehabt. Eine lebhafte Diskussion folgte dem so außerordentlich interessanten Vortrag. Auf Wunsch der Erschienenen rezitierte der Referent einiges aus hebräischen Werken. schrie, daß sieh die Hebamme Watte in die Ohren stopfen mußte. Aber aus Bosheit und vielleicht, weil kein Platz war in dem kleinen Zimmer, legte sie mich aufs Fensterbrett. Und seitdem huste ich.“ Santschin liegt nur mit einer Hose bekleidet auf dem Beit, barfuß. Ich sehe, daß seine Füße schmutzig sind und seine Zehen von Hühneraugen und allerlei unnatürlichen Verkrümmungen verunstaltet. Seine Füße erinnern an seltsame Waldwurzeln. Seine großen Zehen sind gekrümmt und bucklig. Er will keinen Arzt, weil sein Großvater und sein Vater auch ohne Arzt gestorben sind. Hirsch Fisch kommt und bietet einen heilkräftigen Tee an und hofft den Tee ״preiswert“ zu verkaufen. Als er sieht, daß niemand den Tee will, bittet er mich hinaus: ״Vielleicht wollen Sie ein Los kaufen?“ ״Geben Sie 11er,‘י’ sage ich. ״Die Ziehung ist nächsten Freitag, es sind sichere Nummern.“ Es waren die Zahlen 5, S und 3. Stasia läuft atemlos herbei, sie hat Ignatz mit dem Lift nicht erwarten können. Ihr Gesicht ist gerötet, Haarsträhnen umflattern es. ״Sie müssen mir Geld geben, Herr Fisch," sagt sie, ״Santschin muß einen Arzt haben.“ ״Dann kaufen Sie auch den Tee,“ sagt Fisch und sieht mich verstohlen an. ״ich werde den Arzt bezahlen,“ sage ich und kaufe den Tee. ״Bleiben Sie ruhig, Herr Santschin,“ sage ich auf russisch. ״Stasia ist um den Arzt gegangen.“ ״Warum sagt man mir das nicht?“ fährt Santschin auf. Ich drücke ihn mühsam aufs Bett ״Man muß die Fenster aufmachen, Weib, hörst Du? Man muß den Kübel ausschütten und die Asche muß verschwinden. Der Doktor wird mir natürlich das Rauchen vorwerfen. Darin sind sich alle Doktoren gleich. Und außerdem bin ich nicht rasiert Reichen Sie mir mein Messer. Es liegt auf der Kommode.“ Aber das Rasiermesser liegt nicht auf der Kommode. Frau Santschin findet es im Nähzeug, weil sie es statt einer Schere benutzt hat, um Hosenknöpfe abzutrennen. Ich muß Santschin ein Glas Wasser geben, er befeuchtet sein Gesicht, zieht einen Taschenspiegei aus der Hose, hält ihn vor sich in der Linken, verzieht den Mund, streckt die Zunge hinter die rechte Backe, daß sich die Haut strafft und rasiert sich ohne Seife. Er kratzt sich nur einmal — ״weil Sie mir zusehn,“ sagt er und ich sehe beschämt in irgendeine Ecke. Dann!egt er ein Zigarettenpapier auf die verwundete Stelle. ״Jetzt kann der Doktor kommen.“ Den Doktor kannte ich. Er saß täglich im Für!fuhrsaal des Hotels. Er ist Militärarzt gewesen. Man sieht ihm eine lange Dienstzeit an, er hat den festen klirrenden Gang pensionierter Offiziere, eine gewölbte Brust. Kleine Sporen trägt er noch, trotz Zivilkleidüng und langen Hosen, an den Absätzen. Von seiner gereckten Gestalt, seinen metallenen Augen, seiner starken Stimme geht ein Glanz aus, wie von Kaisermanövern. ״Nur der Süden kann Sie retten,“ sagt der Doktor. ״Aber, wenn Sie nicht nach dem Süden ehn, muß der Süden zu Ihnen kommen, warten ie.“ — Der Doktor geht mit klirrendem Schritt auf die Tür zu und klingelt. Er klmgelt ausdauernd, spricht, während er mit dem Daumen den Klingelknopf drückt, es dauert einige Minuten, bis der Diener klopft. Der Zimmerkellner steht in militärischer Haitung vor dem Doktor, der mit seiner schönsten Kommandostimme ruft: ״Bringen Sie mir die Weinkarte!“ Es ist eine Weile sehr still im Zimmer, Santschins Augen irren, Rätsel ratend, vom Arzt zu Stasia und zu mir. Dann kommt der Zimmerkellner mit der Weinkarte. ,,Eine Flasche Malaga und fünf Gläser, aut meine Rechnung,“ kommandiert der Doktor. ״Die einzige Medizin,“ sagt er dann mit Bedeutung zu Santschin. ״Jeden Tag drei Gläschen Wein, verstehen Sie mich?“ Der Doktor schüttet alle fünf Gläser halbvoll und reicht sie uns der Reihe nach. Dabei sehe ich, daß der Doktor alt ist. Seine knochigen Hände haben viele blaue Aederchen und zittern. ״Auf Ihre Gesundheit!“ sagt der Doktor zu Santschin und wir stoßen alle an. Es ist wie ein fröhlicher Leichenschmaus. Ich reiche dem alten Doktor Hut und Stock und Stasia und ich begleiten ihn auf den Korridor. ״Mehr als zwei Flaschen überlebt er nicht,“ sagte der Doktor zu uns. ״Na, man braucht es ihm ja nicht zu sagen! Ein Testament braucht er nicht aufzusetzen.“ Der Doktor stieß seinen schweren Stock auf die Steinfliesen und ging mit klirrender Sporenmusik davon. Er wollte kein Geld nehmen. An diesem Abend begleitete ich Stasia ins Variete. Es war immer noch dasselbe Programm. Nur hatte es ein Loch, oder schien es mir so, weil ich wußte, daß Santschin fehlte. Sein Esel trottete auf die Bühne mit roten Läschchen auf den langen Ohren, die er senkte und hob, wie Federstiele. Er suchte etwas auf dem Boden, ihm fehlte Santschin, der heitere Santschin, der auf den Brettern kugelnde Körper Santschins, seine heisere krächzende Stimme, seine glucksenden Juchzer, sein lautes Clown- Geplärre. Der Esel fühlte sich unbehaglich, er hob die Vorderbeine, tanzte auf den Hinterbeinen stehend einen Marsch aus Blech und Messing und trottete ab. Alexander! Böhlaug traf ich, er säß in der ersten Reihe und aß ein Kaviarbrötchen, hielt es mit Daumen und Mittelfinger und spreizte die Bubenhand. Als die Tanznummer kam und Stasia auftrat, verzog er einen Mundwinkel, als schmerze ihn etwas. Aber es geschah nur, well er ein Monokel einklemmte. Dann ging ich mit Stasia nach Hause. Wir wählten stille Gäßchen. wir sahen durch beleuchtete Fenster in Stuben, lauter arme Stuben, in denen kleine Judenkinder Rettich und Brot aßen und ihre Gesichter in große Kürbisse gruben. ״Haben Sie bemerkt, wie traurig August war?“ ״Wer ist August?“ ״Santschins Esel, er arbeitet schon sechs Janre mit Santschin.“ ״Nun wird das Hotel Savoy um Einen ärmer,“ sage ich — nur, weil ich mich vor dem Schweigen fürchte. Stasia sprach nicht — sie erwartete, daß ich etwas anderes sagen würde und gerade, als wir auf den Marktplatz kommen sollen — wir stehen in der letzten kleinen Gasse, zögert Stasia ein wenig und wäre gerne noch geblieben. Wir sprachen kein Wort mehr, bis wir mit Ignatz 1m Fahrstuhl sitzen. Da schämen wir uns vor seinem Kontrollblick und reden Gleichgültiges. In dieser Nacht trug Stasia das Bettzeug der Frau Santschin und aas Kind in ihr Zimmer und bat mich, bei Santschin zu bleiben. Santschin freute sich. Er dankte Stasia, nahm ihre Hand und meine und preßte unsere Hände. Es war eine furchtbare Nacht. (Fortsetzung folgt) Nr. 1 Die :111 ihre gelegen Oeschä Präsidii ״ c s p 1 behalte daß di Antiser die Ve nahrasl w enn Besoud Saales eines I Dies י essantt J uliu Wirtsc im C,-' einer I die Ti daß g« wirt sei schaff vertrat er au! und n satnm« die C nicht einige k 11 n ן sollte Schaft dieser die, a Selbst obwol war, die jü der d haltlo die h der \ über deute genuj In an jüdi« fiüssi gen cinmi gege der von weh. Psyc die strfcl Eure ist t wähl rech׳ Prin Reef kam Hör! und Jude aufg Kort kein best gesj die ersc erst well sich C.A Er den sch! in jüdi der fr« Bet siel and hui kla:!ag ies Ge leri Ve »ta kai Au An cf Je:;et I״ 311 de: du Fie Er <v; m de

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