Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1928)
- Date
- 1928-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ich beteiligte mich an der allgemeinen Freude über den eingetretenen Wandel in der Natur, begrüßte die Frühlingssonne, das Schmelzen der Schnecresie, müßte aber gleichzeitig mitansehen, wie auch einige meiner Aussichten mit ihnen zerrannen. Je heilerer, sonniger der Himmel war, desto größer wurden meine Besorgnisse, gewisse Hofftrangen schwinden zu sehen. Mit der Möglichkeit, literarische Vorträge auch in anderen Städten Canadas zu halten, war nämlich nicht mehr zu rechnen, denn das ohnehin mehr als geringe Interesse für derartige Dinge kann höchstens in den Wintermonaten wachgehalten werden. Mit dem Nahen des Sommers ist man begreiflicherweise anderen, leichteren, zusagenderen Zerstreuungen zugetan. Aus der geplanten Reise nach Winnipeg wird also nichts werden; die Gedanken der dortigen Juden, deren Hauptbeschäftigung der Getreidehandel ist, sind der kommenden Sommerernte gewidmet. In Betracht konnte nur noch Toronto, die zweitgrößte Stadt Canadas kommen, aber Toronto hüllte sich in Schweigen, war undurchsichtig, vermied es vorläufig, irgendwelche Zeichen zu geben, die man als Einladung hätte deuten können. Nichts war daher natürlicher, als an die Rückreise nach Europa zu denken, um so mehr, als ich eine gewisse Sehnsucht nach diesem Europa in mir schon festzustellen imstande war. Sie trat merkwürdigerweise etwas früh ein, aber sie war nicht wegzuleugnen. Das Europa, däs ich verlassen hatte, war noch frei von dem Ehrgeiz, sich amerikanisch zu gebärden, die Jazz-Musik hatte noch nicht ihren lärmenden, niederschmetternden Einzug gehalten, mit einem V^ort, es war ein Europa, ein Abendland, das trotz aller Prophezeiungen des — vielleicht nicht unverdienten — Unterganges einer leisen Sehnsucht dennoch wert war. Ein sehr wichtiger Grund hielt mich aber in Canada zurück. Es war unmöglich für mich, das Land zu verlassen, ohne in New York gewesen zu sein, wo ich einen sehr alten Vater und Brüder hatte, die ich schon mehr als zwanzig Jahre nicht gesehen hatte. Der Vater riet mit; mich mit meinem Besuch zu beeilen; da er sich sehr alt und gebrechlich fühle. Auf dem amerikanischen Konsulat in Montreal war aber ein Visum für das gelobte Land auch auf die Dauer von nur ein paar Wochen schwer zu erlangen. Die Herren glaubten mir wohl, daß ich in New York sehr nahe Verwandte habe und waren nicht abgeneigt, die Billigkeit meines Verlangens, sie zu besuchen, anzuerkennen; aber was sie mir nicht glauben wollten, war, daß ich von dort zurückkehren würde. Ihre Beamten-Phantasic sah midi schon nach Califormen eilen, um dort einen Friseurladen zu eröffnen, oder nach Chicago, um mich als Bodenspekulant niederzulassen; auf keinen Fall wollten sie in mir einen Menschen sehen, der nach den Vereinigten Staaten geht, ohne die geringste Absicht zu hegen, seinen Besuch auch nur einen Tag länger auszudehnen als unbedingt notwendig war. Außer einer Not des Herzens, außer der Pflicht, einen alten, kranken Vater umarmen zu können, wußte ich mich, was New York sonst betrifft, frei von irgendwelcher Neugier. Am besten ließen sich meine Gefühle in dieser Hinsicht durch die bekannte, für meinen Fall etwas geänderte Stelle aus dem -',"f....*"'. 1.... ■ ..... . Il.ll .III . Heine-Gedicht beschreiben, die dann folgendermaßen lauten würde: Nach New York ledizt’ ich nicht so sehr, Wenn nicht der Vater dorten wir’. Das Yankee-Land wird nie verderben, Jedoch der alte Herr kann sterben. Um den alten Herrn handelte es sich hauptsächlich. Er drängte, verstieg sich manchmal sogar zu Drohungen, indem er mit zitternder Hand schrieb: ״Ob ich die Stunde, Dich zu sehen, noch erleben werde?“ Das klang wie ein Befehl. IqJi konnte mich nicht zur Abreise entschließen, ohne die letzten Empfehlungsmöglichkeiten ausgenutzt zu haben, ohne die ,Guten Morgen! Ich habe Sie gestern atil der Straße getroffen . . , Hoffnung aufzugeben, endlich doch die Einreise-Erlaubnis für New York zu erlangen, was erst Mitte des Sommers gelang. So blieb ich denn in Montreal und wohnte als Untermieter in einer französisdi-canadischen Familie, die aus einer Witwe und ihrem erwachsenen, blonden Sohn bestand. Letzterer klopfte jeden Morgen bei mir an, um mich zu begrüßen und daran die für ihn anscheinend höchst spaßige Mitteilung zu knüpfen: ״Guten Morgen! Ich habe Sie gestern auf der Straße getroffen, aber Sie haben mich nicht erkannt.“ Das wiederholte sich fast jeden Tag, so daß ich mir mehrmals ernstlich vornahm, während meiner Wanderungen dulch die Stadt die Passanten aufmerksam zu mustern, damit mir der Sohn meiner Wirtin nicht wieder unbemerkt durchschlüpfe. Aber niemals sah ich ihn. Darauf beschloß ich, ihn selbst dafür verantwortlich zu machen, denn er besaß offenbar eines von jenen Durchschnittsgesichtem, die von der Natur in ganz gewaltigen Mengen hergestellt werden. Ich wanderte viel durch Montreals Straften, saß aber auch stundenlang auf einer Bank unter einem grünen Baum in dem schönen Westmounf Park, suchte und fand Erbauung in dem buddhistischen Buche ״Der Wahrheitspfad“, das den Zauber besaß, den städtischen Park in einen dichten Wald in Indien zu verwandeln. Solange ich die weisen Worte laut. vor mich hinsprach, glaubte ich, ich befände mich in Indien... Dies war übrigens das einzige Buch, zu dein ich immer wieder griff, denn sonst las ich während meines Canada-Äufenthalts — in meinem ganzen Leben ein nie dagewesener Fall — fast gar nichts. Die Geistlosigkeit, die ich rirjgsum sah und fühlte, wirkte derart lähmend auf mich, daß ich einen hohen Genuß, der mir bisher immer Lebensbedürfnis gewesen war, den Genuß des Lesens, vernachlässigte. Dies führte dazu, daß die Tage in Montreal mir besonders lang vorkamen, und es bereitete mir große Schwierigkeiten, die tödliche Langeweile zu bekämpfen. Wollte ich versuchen, hier eine genaue Schilderung davon zu geben, wie solch ein langer Tag gewöhnlich verlief, müßte ich freilich manches beichten. Ich müßte mich zu der gewiß wenig erfreulichen Tatsache bekennen, daß ich einer der häufigsten Kino-Besucher Montreals wurde und dies sogar in den ungewöhnlichen Stunden des frühen Nachmittags, Die Kino-Häuser und -Paläste öffnen ihre Pforten sehr früh, und so konnte es manchmal Vorkommen, daß ich bis fünf Uhr nachmittags es schon fertiggebracht hatte, zweimal im Kino gewesen zu sein. Nachdem ich die Reiterkünste des Tom-Mix bewundert hatte, eilte ich, meinen Bildungsschatz durch einen amerikanischen historischen Film zu bereichern oder mich von einem sentimentalen Kitsch mit gutem, glücklichen Ausgang rühren zu lassen. Auch kann ich nicht leugnen, daß ich mich oft in der Halle eines der großen Hotels aufhielt, wo ich mich in einem tiefen Klubsessel niederließ und stundenlang meditierte, ohne daß es den vielen Angestellten, die herumschwirrten, aufgefallen wäre. Die Hotelhallen sind in Amerika dem Publikum wie den Gästen zugänglich, und man kann sich dort aufhalten, solange man Lust hat. Einen irgendwie nennenswerten Ersatz für ein Cafe können allerdings diese Einrichtungen nicht bilden. Man muß in Amerika gewesen sein, um erst schätzen zu lernen, was ein europäisches Cafehaus eigentlich bedeutet, wieviel liebevolle Voraussicht, welch ein humanitärer Dienst in solchen Tag- und Nachtasylen steckt. Das Cafe, diese schnelle Hilfe für Einsame, dieses Spital und Palast zu gleicher Zeit für seelisch Bedrängte, ist in Nord-Amerika wie in Canada völlig unbekannt. In Montreal entdeckte ich zwar ein Tee-Haus, ganz in japanisch-chinesischem Stil gehalten, aus dem sich viel machen ließe, aber immer, wenn ich dorthin kam, konnte ich als einziger Gast nur die Besitzerin selbst erblicken, die, eine Zigarette rauchend, gedankenvoll über einem Buche saß. Das geschmackvoll eingerichtete Lokal, aus dem eine Stätte der Muße hätte werden können, fand kein Publikum. Ich kehrte in dies so zu Unrecht verlassene Haus öfters ein und versuchte, es durch meine Phantasie mit Gestalten verkannter Dichter, erfolgloser Musiker und Gruppen disputierender lntdlektueller zu bevölkern, aber das besorgte Antlitz der Besitzerln erinnerte mich daran, daß das Haus leer war, unheimlieh leer. Ich zahlte und nahm wieder das ziellose Wandern durch die belebten und weniger belebten Straßen der Stadt auf. Hin und wieder traf ich einen von den vielen Bekannten, der meine Vorträge besucht hatte oder zu den Mitfeiernden, vielleicht sogar zu den Rednern des Banketts gehörte, und der mich dann, nachdem das Staunen darüber, daß ich noch immer hier sei, von seinem Gesichte gewichen war, höflichteilnahmsvoll fragte: ״Es ist Ihnen in Montreal wohl sehr langweilig?“ Manchmal passierte es auch, daß ich auf jenen etwas merkwürdigen, bekümmert aussehenden Herrn stieß, der immer, wenn ich ihm begegnet war, nur das eine von mir wissen wollte, ob ich schon die englische Sprache gelernt habe, wobei er niemals vergaß, folgende Bemerkung zu machen: ״Sie müssen aber nicht nur die Sprache allein, sondern auch die Aussprache lernen. Glauben Sie mir, ich sage Ihnen das auf Grund meiner eigenen Erfahrungen.“ Er hob seihen Finger empor und wiederholte: ״Auf die Aussprache kommt es hauptsächlich an.“ Dann entfernte er sich mit ernster Miene. Es liegt vielleicht nahe zu fragen, warum man bei all den schweren Kämpfen mit der Montrealer Langweile, dle? ich zu führen hatte, die Hilfe Mr. Stone’s gar nicht merkte. Mr. Stone war natürlich immer zur Stelle, aber immer erst, nachdem er seine Pflichten als Privatlehrer erfüllt hatte, und das geschah erst gegen Abend. Mr. Stone führte mich dann gewöhnlich in irgendein Lokal, das er, um mich gewissernlaßen zu trösten, als Cafehaus bezeichnete, gegen welcfie Bezeichnung ich mich mit größter Entschiedenheit wehrte. Er bestand übrigens nicht hartnäckig darauf, er gab bald zu, daß ein solcher Vergleich eine große Ungerechtigkeit bedeutete. Da er längere Zeit in Paris gelebt hatte, fiel es ihm nicht sonderlich schwer, dies einzusehen. Mr. Stone war und blieb meine einzige Gesellschaft während der Nach-Bankettzeit bis zu meiner Abreise. Wahrlich ״sic transit .“ ich mußte oft an die verflossenen Tage meines Ruhmes denken, in denen ich mir vorgenommen hatte, etwas für Mr. Stone zu tun, indem ich cjie Montrealer jüdische Intelligenz sozusagen über die wirkliche Bedeutung des so zu Unrecht Geringgeschätzten aufklärte. In jenen Tagen, als Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. (4. Fortsetzung.) \ Wir kamen ins Savoy, Glanz öffnete eine kleine Tür am Ende des Korridors, da stand Ignatz. Es war eine Bar in einem dunkelrot getünchten Raum. Eine rothaarige Frau stand hinter dem Bartisch und ein paar geputzte Mädchen saßen verstreut an kleinen Tischchen und sogen Limonade durch dünne Strohhalme. Glanz grüßte. ״Guten Tag, Frau Kupfer,“ und stellte vor: ״Herr Dan — Frau Jetti Kupfer, die alma mater.“!,Das ist lateinisch,“ sagt er zu Frau Kupfer. ״Ich weiß, Sic sind ein gebildeter Mann,“ sägt Frau Kupfer, ״aber Sie müssen mehr verdienen, Herr Glanz.“ ״Jetzt rächt sie sich für mein Latein.“ Glanz schämte sich. Es war halbdunkel im Raum, in einer Ecke brannte rötlich eine Ampel, ein schwarzer Flügel stand vor einer kleinen Bühne. Ich trank zwei Schnäpse und glitt in ein Lederfauteuil. Vor dem Bartisch saßen Herren und aßen Kaviarbrötchen. Ein Klavierspieler setzte sich an das Instrument. VIII. Wir sitzen an kleinen Tischen, Verbindung besteht zwischen allen, es ist eine große Familie. Frau Jetti Kupfer läutet mit einem silbernen Glöckchen und nackte Frauen treten auf die Bühne. Es wird still und dunkel, man schiebt Stühle zurecht und sieht auf die Bretter. Die Mädchen sind jung und haben weißgepuderte schlanke Glieder. Sie tanzen schlecht, biegen und winden sich nach der Melodie, jedes, wie ihm gefällt. Unter allen — es sind zehn — fällt mir eine dünne Kleintj auf, die mühsam überpuderte Sommersprosse!! hat und erschrockene blaue Augen. Ihre schmalen Knöchel scheinen gebrechlich, ihre Bewegungen sind ungelenk und furchtsam, mit den Händen versucht sie vergeblich ihre Brüste zu schützen, die klein und spitz sind und fortwährend zittem, wie junge, fröstelnde Tiere. Dann läutet Frau Jetti \vieder das silberne Glöckchen, der Tanz hört auf, der Klavier- Spieler schlägt einen Donnerwirbet, das Licht brennt hell und die Mädchenkörper weichen leichmäßig einen halben Schritt zurück, als ätte sie erst das aufflammende Licht entkleidet Sie wenden sich, um im Gänsemarsch abzutrippeln und Frau Jetti ruft: ״Toni!“ Toni kam, die kleine Sommersprossige, Frau Jetti Kupfer verließ den Bartisch, kam hinunter, wie aus Wolken^ sie verbreitet einen starken Parfüm- und Ukorgeruch und stellt vor: ״Fraulein Toni, unsere neueste!“ ״Brav!“ schrie ein Herr, es war Herr Kanner, ein Anilmfabrikant, wie mir Glanz erklärte. ״Tonka,“ sagte er und knipste mit Daumen und Zeigefinger wohlgelaunt. ״Wo stecken die Mädchen?!“ schreit Jakob Streimer, ״was ist das überhaupt für eine Bedienung? Hier sitzen die Herren Neuner und Anselm Schwadron, sie werden behandelt, wie — ich sag nicht wer . . Ignatz glitt durch den Raum und brachte fünf Mädchen, verteilte sie auf fünf Tische. Frau Kupfer sagte: ״Wir haben nicht mit so viel Gästen gerechnet“ Anselm Schwadron und Philipp Neuner, die Fabrikanten, standen gemeinsam auf, winkten zwei Mädchen heran und bestellten Prünell gemischt Ein Gast trat ein, von allen mit großem Geschrei begrüßt, die Mädchen schienen vergessen, sie saßen auf kleinen Stühlchen, wie abgelegte Gegenstände. Der Gast ruft: Bloomfield ist heute in Berlin! ״In Berlin,“ wiederholen alle. ״Wann kommt er?“ fragte der Anilinfabrikant Kanner. ״Er kann jeden Tag eintreffen l“ sagt der Neuangekommene. ״Und grad jetzt müssen meine Arbeiter streiken,“ sagt Philipp Neuner, der ein Deutscher ist, groß, rotblond, stiernackig mit einem runden starken Kindergesicht. ״Einigen Sie sieb, Neuner,“ ruft Kanner. 20״ Prozent Zulage für die Verheirateten?“ fragt Neuner, ״können Sic das zahlen?“ ״Ich gebe Zulage für jedes neugeborene Kind,“ trumpft Kanner auf, ״und seitdem ist ein Kindersegen auf meine Arbeiter hereincbrochen. Ich wünsche allen meinen Feinen eine so fruchtbare Arbeiterschaft. Die Kerle legen sich selbst herein, predige ich immer, aber ein Arbeiter verliert den Verstand für zwei Prozent vom Gehalt und macht mir ein Schock Kinder.“ ״Sie ihm auch!“ sagt Streimer gelassen. ״Ein Fabrikant ist kein Häusermakler! Merken Sie sich das!“ schnarrt Philipp Neuner. Er hat einmal bei der Garde gedient, als Einjähriger. ״Ein Duellant,“ sagt Glanz. ,.,Mehr als ein Fabrikant,“ sagt Streimer, ״hier ist nicht Preußen.“ Ignatz stürzt mit einem Telegramm herein. Er weidet sich an dem neugierigen Schweigen der Gesellschaft, zwei, drei Sekunden lang. Dann sagt er leise, daß man ihn kaum versteht: ״Ein Telegramm von Herrn Bloomfield. Er kommt Donnerstag und bestellt Nummer dreizehn!“ ״Dreizehn? — Bloomfield ist abergläubisch —“ erklärt Kanner. ״Wir haben nur 12 a und 14,“ sagt Ignatz. ״Malen Sie eine Dreizehn hin,“ sagt Jakob Streimer. ״Ei des Kolumbus! Bravo Streimer!“ ruft Neuner versöhnt und streckt Streimer die Hand entgegen. ״Ich bin ein Häusermakler,“ sagt der und verbarg die Hand in der Hosentasche. ״Kein Streit bitte,“ ruft Kanner, ״wenn Bloomfield kommt!“ Ich gehe in den siebenten Stock, mir scheint es plötzlich, daß Stasia mir begegnen muß. Aber Hirsch Fisch tritt mit seinem Nachtgesrhirr aus dem Zimmer. ״Bloomfield kommt! Glauben Sic? —“ Ich höre ihn nicht mehr. IX. Santschin ist plötzlich erkrankt. ״Plötzlich“ sagen alle Leute und wissen nicht, daß Santschin zehn Jahre lang unaufhörlidi gestorben ist, Tag für Tag. Im Simbirsker Lager war vor einem Jahr auch einer so plötzlich gestorben. Ein kleiner Jude. Er fiel eines Nachmittags, während er sein Eßgeschirr putzte, hin und war tot Er lag auf dem Bauch, streckte alle Vier von sich und war toi Damals sagte jemand: Ephraim Krojanker ist plötzlich gestorben. ״Nummer 748 ist plötzlich eikrankt,“ sagen die Zimmerkellner. Es gab in den drei höheren Stockwerken des Hotel Savoy überhaupt keine Namen. Alle hießen nach den Zimmernummem. Nummer 748 ist Santschin, Wladimir Santschin. Er liegt halb angekleidet auf dem Bett und raucht und will keinen Arzt. ״Es ist eine Familienkrankheit,“ sagt er. ״Es sind die Lungen. Bei mir wären sie vielleicht gesund geblieben, denn als ich geboren wurde, war ich ein starker Kerl und