Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1928)
- Date
- 1928-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 02 JUEÖISCH1 RUNDSCHAU Nr. 13, 14. IL1028 Was aber fehlt Palästina? ln erster Reihe fehlen Palästina alle jene mittleren Berufe, die zwischen dem ungelernten Arbeiter und dem,. Hochschulingenieur stehen, also der qualifizierte Facharbeiter, der Vorarbeiter, Maschinist, Techniker, bis herauf zu .dem, was man ln Deutschland als praktischen. Ingenieur oder Zivilingenieur zu bezeichnen pflegt, Die Aufgabe, diese Kräftr licranzubilden, ist für die Zukunft ,Palästinas nicht nur wesentlich, sondern gehört sicher zu den allerwertvollsten Aufgaben, die heute eine Institution im Lande zu lösen vermag'. Ls ist klar, daß es zwischen den beiden Extremen, die wir hier geschildert habe», auch mittlere Auffassungen gibt, die in der ׳Richtung׳ einer langsamen Entwicklung liegen, welche schließlich einmal in einer Technischen Hochschule ihre Krönung linden soll. Diese Kompromißlösung war wohl bisher etwa das Programm des Technikums. Der Board of Governors, der in den ersten Jahren das Technikum leitete (später trat er zurück und die Exekutive trat an seine Stelle) vertrat den Standpunkt des sogenannten niedrigen Standards, also der Erziehung von Werkmeistern und praktischen Ingenieuren; ihm gegenüber kämpften die palästinensischen Instanzen für den Hochschulcharaktcr, vor allem Lehrer und Schüler, deren Standpunkt ja psychologisch leicht verständlich ist. Es ■kam soweit, daß die Schüler einen Boykott von Heckers Vorlesungen organisierten, weil Hecker als der Gegner des Hochschulgedankens galt, was nicht einmal richtig war, denn er warnte nur vor überstürzter Entwicklung, Jedenfalls bestehen im Augenblick im Technikum zwei Abteilungen, für Hoch- und für Tiefbau, die beide auf einem ziemlich hohen Niveau stehend in diesem Jahre zum ersten Mal eine Gruppe von Studenten fertig ausgebildet haben werden, die nach Ansicht von Fachleuten nicht wesentlich schlechter ausgebildet sein werden, als Absolventen Technischer Hochschulen, wenn auch beide Fakultäten noch nicht als vollständig ausgebaut angesehen werden können. Daneben gingen Abendkurse, die der beruflichen Fortbildung von Arbeitern dienten, während in die eigentlichen Vorlesun* geh nur Abiturienten von Mittelschulen aufgenommen werden. Die Frage nach dem Charakter des Technikums, das Problem der Entwicklung zur Hochschule, hat wiederholt zionistische Instanzen, so im vorigen Jahre das Aktions- Coroite beschäftigt, ohne aber bereite definitiv entschieden zu sein. Auch jetzt, nach dem Ausscheiden Heckers, steht die Frage noch zur Diskussion. Dieses Problem steht in enger Verbindung mit der Frage, wem das Institut eigentlich gehören solle. Siegt nämlich der Hochschulgedanke, so liegt es nahe, das Technikum der Universität anzuschließen und den Universitäts-Instanzen zu unterstellen, was für die Finanzen des Technikums wahrscheinlich eine ausgezeichnete Lösung wäre. Vorläufig jedoch bleibt das Technikum eine Institution der Zionistischen Organisation, deren Stellung dem Technikum, gegenüber ungefähr ebenso ist, wie dem Schulwerk gegenüber. Damit soll gesagt werden, daß die Zionistische Organisation aus Keren Hajessodmitteln nur einen Teil des Budgets des Technikums deckt, daß sie aber auch für die aus anderen Quellen fließenden Einnahmen die Verantwortung hat. Wie sich die Lehrer unserer Schulen an die Zionistische Exekutive halten, wenn etwa Tel-Awiw seinen Beitrag dem Schulwerk nicht bezahlt, so hat vorläufig die Exekutive auch dem Technikum gegenüber die volle finanzielle Verantwortung, obwohl weniger als die Hälfte des Budgets aus *־!Weckt ■,wird. 1JQ@s> gegenwärtige Budget:hejrigt £. .?000, janrli'ch,,'V0n'"äene{1.!'Ä’ 3Öt»״MrcB' die. Exekutive aus Keren Hajessod-Mitteln gegeben werden, zirka £ 1000 aus Einnahmen des Technikums erwartet werden (Schulgelder, Wasserabgabe an Hadar Hacarmcl usw,), während die restlichen £ 3000 durch Spenden aufgebracht werden sollen. Es ist klar, daß dieser letzte Posten keineswegs als eine sichere Einnahmequelle betrachtet werden kann, obwohl Dr. Weizmann, der sich stets für das Technikum besonders interessiert hat, um die Aufbringung dieser Mittel bemüht ist. Jedenfalls kann bei diesem Stande der Finanzen im Augenblick keine Rede davon sein, daß das Technikum weiter ausgebaut wird; man muß zufrieden sein, wenn es gelingt, die fehlenden £ 3000 aufzubringen, und damit den gegenwärtigen Stand ohne wesentliche Ein- Schränkungen zu behaupten. Das Technikum hat eben gegenüber der Universität den gewaltigen Nachteil, daß cs keine Gruppen tatkräftiger Freunde im Ausland hat, die in der Weise für den Ausbau des Technikums sorgen, wie es die entsprechenden Gruppen für die Universität tun. So zeigt sich, daß das Technikum sich im Augenblick i« einer Uebergangsperiode befindet, von der noch nicht gesagt werden kann, wann sie zu Ende gehen wird und in welcher Richtung nachher die Entwicklung gehen wird. Die Exekutive, überhäuft mit verantwortlichster Arbeit auf allen Gebieten, kann dem Technikum nicht soviel Aufmerksamkeit widmen, als erforderlich wäre; der palästinensische Board kann nur laufende Verwaltungsgeschäfte erledigen, und die auf einer Sitzung des Aktions-Comites eingesetzte Sonderkojnmission für das Technikum hat niemals getagt. Soll das Technikum weiterkommen und soll cs seine großen Aufgaben erfüllen, so bedarf es ohne Zweifel einer Organisation, die das laufende Budget deckt und langsamen systematischen Weiteraufbau ermöglicht. ,Ferner ist erforderlich, daß möglichst bald klargestellt wird, welches eigentlich die Aufgabe des Technikums ist, um die Programmdebaften zu beenden, die ohne Zweifel der Entwicklung des Technikums in der letzten Zeit verhängnisvoll gewesen sind. Weizmann geht nach Amerika Die J. T. A. meldet, daß Dr. Weizmann am 29. Februar die Reise nach den Vereinigten Staaten antritt. Dr. Weizmann wird sich an der Kampagne für den United Palestlne Appeal beteiligen, ferner wird er die Verhandlungen wegen der Jewish Agency weiterführen. Danach würde also der ursprüngliche Plan, daß Dr. Weizmann statt nach Amerika nach Südafrika fahren soll, fallen gelassen worden sein. Die Spende von Nathan Strans Wie wir erfahren, Ist der von Nathan Straus avisierte Brief, der die Bestimmung des von ihm gespendeten Geldes enthalten sollte, nunmehr bei Miß Szotd in Jerusalem eingetroffen. Aus einem anderen Telegramm geht hervor, daß Nathan Straus einverstanden ist, die von ihm gespendeten 100 000 Dollar in zwei Telle zu zerlegen, und zwar sollen 50 000 Dollar für die beiden Gesundheitszentren in Jerusalem und Tel-Awiw verwendet werden, während 50000 Dollar der Exekutive zwecks Bekämpfung der Arbeltslosigkeit zur Verfügung gestellt werden. V Ueber Wert und Unwert der Assimilation Eine Diskussion im ״Morgen“. In Nr. 1 der ״Jüdischen Rundschau“ dieses Jahres haben wir die Aufsätze erwähnt, die unter der Uebersclirift ״Prinzipielle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift“ in Heft 5 der von Professor Julius Goldstein herausgegebenen Zeitschrift ״Der' Marge n“ erschienen sind. Dort haben Rabbiner Dr. Jacob, Dortmund, und der christliche Schriftsteller Wilhelm Michel, anknüpfend an das Buch ״Zionistische Politik“ von Hans Kohn und Robert Weltsch, heftige Angriffe Kegen den Zionismus veröffentlicht. Ohne auf den Inhalt des Buches, das bekanntlich mehr den Charakter einer inner zionistischen Streitschrift hat, im Einzelnen näher einzugehen, haben die beiden Autoren ihre eigene assimilatorischen Ueberzcugtrngen ' ausführlich dargelegt, in Nr. 1 der ״jüdischen Rundschau“ iiat Dr. Robert Weltsch auf den Aufsatz Dr. Jacobs erwidert, der eine Assimilation ״im Akkusativ“ (wo ich mich assimiliere) verurteilt, hingegen eine Assimilation ״im Dativ“ (wo ich mir etwas assimiliere) anerkennt. Weltsch hat darauf hingewiesen, daß eine solche Assimilation im Dativ auch vom Zionismus niemals bestritten worden ist, daß jedoch der politische Sprachgebrauch lediglich die ״Akkusativ“*Assimiiation trifft. In dem neuen Hefte des ״Morgen“ Nr. 6 sind nun Entgegn ungen von Hans Kohn und RobertWeltsch abgedruckt. Der Herausgeber, Prof. Goldstein, leitet die Auseinandersetzung mit einer Vorbemerkung ein, in weicher er seine Meinung über den Unterschied zwischen Zionisten und Nichtzionisten ausspricht. Darin heißt es z. B.: ״Die Na t i onaljuden behaupten die Existenz eines jüdi* sc henVolkeslndemSinnc.wieesc in deutsches, englisches und französisches Volk gibt.“ Der Satz allein würde schon genügen, um festzustellen, daß Prof. Goldstein leider den Zionismus, über den er schreibt, nicht kennt, bestimmt nicht das Buch, Um das es sich handelt, das an vielen Stellen gerade einer primitiven nationalen Auffassung, die im übrigen in dieser Fprm kaum je ein denkender Zionist geäußert hat, entgegentritt. Die Vorbemerkung schließt mit der Feststellung: ״Die nationale Heimstätte der deutschen Juden ist Deutschland“. — Man sieht, daß die Polemik hier ganz in der Schablone bleibt und kaum über die ersten Stufen heraus* gelangt ist. Hans Kohn schreibt in seiner Entgegnung auf Wilhelm Michel u. a.: ״Unser Buch war vor allem eine innerzionistische Auseinandersetzung. Es gilt der Durchsetzung der Ideen ,der Humanität des Friedens und der Menschheit, für die auch Wilhelm Michel eintritt, im Rahmen des jüdischen Volkes, das es nun einmal gibt, und innerhalb der zionistischen Bewegung, die das Ergebnis eines zweitausendjährigen Lebens- und Ge- Schichteprozesses des jüdischen Volkes ist. Auch wir glauben daran, daß ,nur dem Liberalismus und den großen Gedanken, die ihm, wenn auch picht immer vollwertig vertreten, zugrundeliegen, es zu danken ist, daß die Dämonie der Trennungen samt ihren wölfischen Leidenschaften die Menschheit nicht schon längst gesprengt hat4, und auch wir treten für diesen Liberalis« mus ein. Jedem obliegt es, innerhalb seines Volkes ,der Dämonie nationalistischer Selbstbehauptung* ein Halt zuzurufen. Wir freuen uns, daß Michel es innerhalb seines Volkes tut. Wir tun es innerhalb unseres.“ Nachdem er sodann sich mit Dr. Jacob auseinandergesetzt hat, und insbesondere die Darstellung, Palästina solle nach Ansicht der Zionisten die polt tische Heimat für alle Juden sein, zurückgewiesen hat, kommt er schließlich auf die Wertung der Assimilation zu sprechen und erklärt: ״Herr Michel mißversteht unsere Auffassung der Assimilation. , Wir :haben den hohen moralischen un3 kulturellen w ert |d * t 4* aßdBtfftU o־«äh sondern1u unseren Schriften immer wieder betont. Es ist unsere. Ueberzeugung, daß die jüdische Renaissance am Ausgang und zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch eine Synthese Zwischen Chassidismus und Aufklärung oder Assimilation entstanden ist. Wir sehen gerade in Moses Heß und Martin Bubör die hervorragendsten Führer dieser geistigen Renaissance, weil sie beide die Synthese dieser zwei Elemente, des Chassidismus und der Assimilation, vollzogen haben. Wir glauben nur, daß die Assimilation oft in eine würdelose und opportunistische Form ausgeartet ist.... Wir glauben aber auch, daß diese Assimilation in einer höheren Synthese überwunden werden muß und daß die entscheidenden Kräfte im Leben eines jeden Juden, wie Martin Buber in seiner ersten Rede über das Judentum ausgeführt hat, seine jüdische Erbmasse bildet. Dies verhindert uns nidtt, die geistige Assimilation für den Lebensprozeß des jüdischen Volkes anzuerkcünen/‘ Robert Weltsch schreibt in Ergänzung von Kohns Bernerkungen u. a.: ״Kohn hat schon darauf hingewiesen, daß Michel unsere Wertung der Assimilation unrichtig einschätzt. Er mißversteht aber auch unsern Begriff des Nationalismus. Wir verstehen unter nationaler (nicht ,nationalistischer‘) Selbstbchauptung die Besinnung auf unsern Ursprung, unser Wesen und die historischen, geistigen und schicksalhaften Zusammenhänge, verbunden mit dem Bewußtsein der Menschenwürde, diesem Geschenk der Assimilation. Eine solche Orientierung, Selbstentdeckung tut gerade uns Juden not, die durch die Plötzlichkeit der Entwicklung des letzten Jahrhunderts die Kontinuität und damit ihre Selbstsicherheit zum großen Teil eingebüßt haben. Nach unserer Meinung gibt erst diese Art des jüdischen Nationalismus uns eine innere Unabhängigkeit und einen freien Blick für die Welt. Was Michel auf Seite 538 als ein ,Leben im Wartesaal‘ ganz treffend schildert, ist nach unserer Meinung gerade die Charakteristik des assimilatorischen Juden, der — teilweise natürlich unbewußt — durch Rücksichtnahme auf äußere Faktoren entscheidend bestimmt wird, so daß eine rückhaltlose ,Entspannung seines Wesens‘ verhindert wird. Dies hat Achad Haam ,Knechtschaft in der Freiheit‘ genannt, d. 11. innere Knechtschaft bei äußerer Freiheit. Michel rechtfertigt diese jüdische Haltung nicht nur explizite, sondern auch implizite: denn wenn die um ihre Existenz in einer Ueber- ■gangszeit kämpfenden Juden wissen müszen, daß Nichtjuden und obendrein liberale so denken wie Michel, nämlich, daß sie die restlose Assimilation als Bedingung der Emanzipation und sogar beinahe des physischen Leben-dürfcns aufstcllen, muß ihr Leben etwas Gezwungenes und innerlich Unfreies bekommen. Darum glauben wir, daß wir aus allgemein-menschlichen und sittlichen Gründen einen Anspruch darauf haben, daß die Welt unsere Lage und sogar die Eigenart unseres Nationalismus nicht nur ,versteht‘, wozu Michel bereit wäre, sondern auch praktisch respektiert. Daß die nationale Selbstbesinnung des Zionismus Berliner Zionistische Vereinigung Donnerstag, den 16. Februar, abends 85/2 Uhr im groben Saal des Logenhauses, Joachimsthaler Strafte 13: Vortrag F. Bernstein, Rotterdam (Verfasser des gleichnamigen Buches) ״AnflsemUlsmas als Gruppenersdieiiiiiiir. UnkosfenbeUrag 50 Pf., für Jugendliche 25 PL nicht Ihren Charakter einer menschlich-geschichtlichen Ortentierung und geistigen Befreiung verliert, daß sie nicht in das Fahrwasser herkömmlicher, gegen Andersartigkeit intoleranter nationalistischer Hybris gerate, dagegen kämpfen yrit 5n unsern Buch.“ - Darauf erwidert schließlich Wilhelm Michel. Er bestreitet zunächst, die restlose Assimilation als Preis der GleichbCfcchtigung gefordert zu haben, vielmehr fordere er nur den Verzicht auf die ״Fiktion einer jüdischen Nation“. Er fährt fort: ״Che beiden gegnerischen Auffassungen werden nicht friedlich zueinander finden. Sie werden sieh in offenem Feld begegnen und einander bekämpfen müssen, und dieser Kampf wird wahrscheinlich sehr lange dauern. Vorläufig tut es not, daß in diesem Kampf heute schon jeder, der näher oder ferner davon betroffen ist, seine Fahne wähle; und dies habe ich tun wollen mit meiner Aeußerung über das Buch von Kohn und Weltsch. Das tnögliehe Ergebnis dieser großen Auseinandersetzung kann kaum vorausgesagt, werden.. Es ist historisch-politische Tat oder Schöpfung, um die es gellt: soll sich die endgültige Herauslösung der ,jüdischen Nation‘ vollziehen oder die endgültige Eingemeindung der Juden in die sogenannte moderne Kulturwelt, der sie zum Teil schon seit fast zwei Jahrtausenden angehöreu?“ —־ Zur Frage der Assimilation repliziert er unter Anspielung auf einen hier nicht wiedergegebenen Teil von Weltsch«• Antwort folgendermaßen: ״Ich sehe Juden den stärksten Aufforderungen, den väterlichsten Lockungen Gottes, des Herrn der Geschichte, folgen, indem sie Wurzel schlagen im Erdboden, den ihnen Gott unter die Füße gegeben hat, indem sie mit vollen Lungen die Himraelsluft atmen, die um sie ergossen ist, indem sie das Geheimnis des Lebens nehmen, Kinder gleich, wie es sich ihnen greifbar und sichtbar darbietet, ganz geschöpflich, ganz durchdrungen von der Allgegenwart dessen, dem man auch auf Flügeln der Morgenröte nicht entflieht — und wenn ich dies mit dem einfachsten Namen nenne, der sich hier anbietet, mit dem Namen ,Lebensfrömmigkeit‘, so wird dies von einem Menschen, der Geist und Herz hatj ,nicht verstanden‘. Weltsch kann in der empirischen Assimilation den ideerihaften Zug (denn ,heroisch-martyrisch‘ möchte ich ihn nicht nennen) nicht finden, von dem ich gesprochen habe. Auch ich habe keine Enqulte über die Beweggründe der Assimilation veranstaltet. Sie scheint mir so überflüssig wie eine Enqufite über die Gründe, weshalb Baumknospen sich der belebenden Sonne öffnen. Assi« milation ist Lebensfunktfön schlechthin und eben dadurch Ideen» haft. Wie soll man es anders nennen als ,Lebensfrömmigkeit‘, wenn ein Geschöpf sich in die Bedingungen seines Daseins schickt, wenn es sich in eine Ordnung stellt und die Sonne anerkennt, die über ihm ist?“ Wir haben über diese Diskussion hier berichtet, weil sie, in einer prominenten, radikal assimilatorisch redigierten Zeitschrift geführt, höchst charakteristisch ist Obwohl die Ausspräche im ״Morgen“ geschlossen ist und ihre Fortsetzung bei der Schwierigkeit, «ine gemeinsame Sprache zu finden, kaum fruchtbar wäre, muß doch gegen die poetische Idealisierung der Assimilation durch Wilhelm Michel noch ein Schlußwort gesagt werden. Michel geht über die Darlegungen seiner Diskussionsgegner, betreffend die zionistische Be- Wertung der Assimilation, einfach hinweg und erklärt, daß sie den ״ideenhaften“ Zug der Assimilation nicht verstehen. Wir haben uns bemüht, die historische Erscheinung der Assimilation gerecht zu würdigen, wir haben anerkannt, daß in den Anfängen dieser Bewegung starke und fruchtbare Ideelle Kräfte wirksam waren, die die Erstarrung des Judentums spretlgeti geholfen haben. Gewiß war die Assimilation auch;ein naturMeherj natnihafter: Vorgang:•:.aber...dies, hilft! n1tot־׳Är"dte":Bi1Ächt־Ä11#eg; dit-sil cittfc:®bjektiv■ j^währe" Situation geschaffen hat. Eine Situation, wo der Jude sieh über sein eigenes Ich nicht Rechenschaft gibt, wo eine voll* ständige Heteronomie sein Leben und Wesen bestimmt, und wo die EntartüngserscKeinungen, über die Michel leicht hinweggeht, durchaus organisch notwendige Konsequenzen sind. Ich selbst habe schon vor etwa zwei Jahren in einer Zuschrift an die C. V.-Zeitung dargelegt, daß es uns fern liegt, die subjektive Ehrlichkeit und Gutgläubigkeit der Assimilation ־— insbesondere bei der vorigen Generation ־— zu bestreiten, sind es doch unsere eigenen Väter, um die es hier geht; und wenn Michel dies ״Lebensfrömmigkeit“ nennt, dann möge es gelten.. Aber die historische Epoche der Assimilationstendenz ohne Bewahrung des Ich (also im Sinne der auch von Dr. Jacob abgelehnten, von Michel aber durchaus gcforderten ״AkkusatiV'-Assimilation) muß endgültig vorüber sein. Heute ist diese Assimilation krampfhafte Verzerrung, nicht < blumenhafte Entfaltung der natürlichen Seelenkräftc. Daß es so ist, kann wohl nur aus der inneren Erfahrung jedes Juden, aus der näheren Betrachtung der jüdischen Gesell- Schaft, aus der Analyse des jüdischen Individual- und Gesamtbewußtseins festgestellt werden. Und die Frage ist, ob diese Feststellung den nichtjüdischen ״liberalen“ Menschen — denn nur von ihm reden wir — etwas angeht oder nicht. Es gilt heute für die Juden Besinnung auf ihr eigenes Ich, das wieder in geistigen und tatsächlichen Zusammenhängen verankert werden muß, und aktive, bewußte Gestaltung der jüdischen Zukunft. Ob nur das Gcschehenlassen und nicht auch dieses Tun-Wollen — ,,Lebensfrömmigkeit“ genannt werden darf, darüber wollen wir mit Michel nicht streiten. Aber jeder wahre Jude wird dahin streben, die ״Dämonie der Trennungen“ von Mensch zu Mensch zu überwinden, denn gerade dies ist jüdisches Ideengut; und je bewußter einer Jude ist, um so bewußter wird ■er auch dieser Menschheitsmission dienen können. R. W. Ein italienisches Pro Palästina-Komitee Am 9. Februar fand in Rom die Gründungsversairanlung eines italienischen Pro Palästina-Komitees statt. Präsident des Komitees ist Prinz Scaiea, ehemaliger italienischer Kolonialminister. Viele bedeutende Persönlichkelten des italienischen politischen und geistigen Lebens sind dem Komitee beigetreten. Ein österreichisches Pro Palästina-Komitee Am 15. Februar trifft der Präsident der Zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow, in Wien ein, um an der Konstituierung des österreichischen Pro Palästina-Komitees teilzunehmen. Dieses Komitee vereinigt führende Persönlichkeiten Oesterreichs auf allen Gebieten des kulturellen, politischen und Wirtschaftslebens. Wie die ״Stimme“ mitteilt, wird Präsident Sokolow anläßlich seiner Anwesenheit in Wien vom österreichischen Bundespräsidenten Dr. Hainisch und vom Bundeskanzler Dr. Seipel empfangen werden. An die Konstituierung des österreichischen Pro Palästina-Komitees wird sich eine großangelegte Werbeaktion für den Keren Hajessod anschließen.