Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652971-2652983--19739-2677646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
(Kmowitz: Vm Jüdische WirttBeNBeä) Der liberalen Rabbinerkonferenz stobt Seligfohn sehr kritisch gegenüber. Ala ein positiv« Ergebnis wertet er die Stellungnahme der liberalen Rabbiner zu Zionismus und Paliistinaaufbau, die wohltuend von der ״gehSssigen" Art abweicht, in der die deutschjüdische ()Öffentlichkeit sich zu dieser Frage stellt. Um dieser Haltung zu Palästina willen werden die liberalen Itabbiner als neue Bundesgenossen begrüßt, allerdings mit einer Einschränkung, ״da ein Teil von ihnen nur aus eigener Schwäche den Palästinaaufbau anerkennt". Er sieht in dieser Bejahung des Zionismus ein Symptom einer tief religiösen Unsicherheit. Im Gegensatz zu diesem Versagen vor dem deutsch-jüdischen Leben, als einer Aufgabe von eigenem Wert, bejaht Seligsohn die Arbeit an der Zukunft des Judentums in Deutschland um ihrer selbst willen. Ebenso freimütig, wie hier äußere Haltung und innere Verfassung des liberalen Judentums von seiner eigenen Jugend kritisiert wird, wird auch zum C.-V. Stellung genommen (Referent Erich Hirschberg). ״Einer positiven Einstellung zum C.-V. stehen erhebliche Bedenken im Wege.“ Die Beschränkung lediglich auf die Abwebrtäligkeil, die Füarung des Kampfes gegen Antisemitismus nur aus verletztem Rechtsgefühl, die mechanische Identifizierung des Judentums mit anderen Staatsreligionen wird als unzulänglich und ■rückständig empfunden, ebenso die Ablehnung des Zionismus um des deutschen Staatebürgertunis willen. Diese Bef-ündung wird zumal nach den bedeutsamen undgebungen des Pro Palästina-Komitees als unzureichend empfunden. Bejaht wird die Mitarbeit im C.-V. letzten Endes aus einem sehr formalen Grunde: Er sei die größte Organisation des deutsch-jüdischen Lebens, habe seine Zweigstellen in allen Städten und Städtchen Deutschlands und biete so am braten Gelegenheit, das deutsche Judentum im Sinne dieses Kreises zu beeinflussen. Wir müssen die Entwicklung dieser aus dem antizionistischen deutschen Judentum »wachsenen Generation als einen außerordentlichen Fortschritt begrüßen und glauben, im ganzen Verlauf der Auseinandersetzungen den außerordentlichen Einfluß zu spüren, den der Zionismus auf die Gestaltung des deutschen Judentums gewonnen hat Auf der anderen Seite ist auch za besonderem Optimismus gegenüber Mer Entwicklung gerade dieses Kreises wenig Veranlassung. Einmal befürchten wir, da» di«• hiw Aufgerteliten Forderungen Programm lierten Gruppe junger Menschen aufgestellt werden, die keine wirkende Macht in der jüdischen Jugend darstellt Außerdem wird auch die notwendige Auseinanderentwicklung dieses Kreises, die durch das Aufgehen in den einzelnen Parteien bedingt ist, eine außerordentliche Abschwächung seiner Wirksamkeit mit sich bringen. Ei geht eben nicht an, sich eine jüdische Haltung zu konstru- Das Führerlager des Jirng-Jfimscliefi.WaadertHsades In Zossen hielt der Jung-Jüdische Wanderbund seine diesjährige Führertagung ab. Junge Menschen suchen einen neuen Weg. Hinein gestallt mitten in die sozialen Probleme unserer Zeit ist ihnen Zionismus nicht allein Antwort auf die Frage ihrer Not Erfaßt von der swingenden Gewut des Befreiungskampfes der Millionen unterdrückter Individuen und unterdrückter Gemeinschaften, kann ihnen nur die Synthese von Sozialismus und Zionismus den Weg weisen. Wesen Dualismus in eine Einheit zu verwandeln und die gegenseitigen Interessen beider Bewegungen zum Ausgleich zu bringen, ist dio Aufgabe der geistigen Arbeit des J. J. \V. B. Um diese beiden Punkte kreisen die Auseinander- Setzungen unter den Chawerim, so auch auf dem Führerlager, da» in der lelzteln Dezemborwocho stattfand. BlamenfeU führte den Chawerim die Gefahr vor Augen, die der zionistischen Sache drohe, wenn einzelne Gruppen innerhalb der Bewegung ihr Programm mit seiner besonderen Färbunß als das allein gültige der allgemeinen zionistischen Ideologie entgegenhielten. Denn, während sich sonst gesellschaftliche Umwälzung« binnen kurzer Zeit, in Monaten, vielleicht Wichen nur, vollziehen, kann das Baseler Programm auf Verwirklichung seihst nach optimistischer Minimal- Schätzung erst nach Jahrzehnten rechnen. Während dieser Zeit, während dieser langen Jahr©, zeigen sich die Differenrierungserschemungen der Go- Seilschaft und drohen so die Bewegung zu zersetzen. Deshalb richtete Blumenfeld seinen Appell an alle, dio Gruppeninleressen außer acht zu lassen und sieb einer zentralisierten Gesamtleitung unterzuordnen. Er glaubte den Weg zu dieser Eingliederung in das Gänze durch seine Forderung zu weisen: den Zionismus als eine geistige Kraft zu erfassen. Ein elementarer Zwang, der sich nicht in rationalen Gedankengängen auflösen kann, treibt uns zum Zionismus. Und dieser uns allen gemeinsamen Triebkraft heißt es die Führung in uns zu überlassen und eine Kampffront zu bilden. Denn wie wenig auch der Zionismus im Rationalen wurzelt, ist der Aufbau doch ein mechaniseher Vorgang und dieser Aufgabe müssen sich alle Kräfte widmen. Zeitliche Schwierigkeiten ließen zwar keine eingehende Diskussion über Blumenfelds Referat zu, aber dio Chawerim haben oft noch in Zossen selbst, und auch in ihren Heimatstädten Gelegenheit genommen, die vorgetragenen Gedanken zu durchdringen und sie 1n Beziehung zu ihren Fragen zu bringen. Di« kritiach« SteDu&guh»• läßt meh auf diese zwei wesentlichsten Gesichtspunkt« rtxrückführen: Enteis: ein« Klasse kann sich als Nation konstftuieren, wie der Leninismus diesen Standpunkt SOMMtlI• *«t ■ T-t- - ...» u.C J!_ ___I Erez-Israei rieh als den Repräsentanten de■ nationalen Gedankens anrieht, überzeugt, daß nur durch die Eroberung der Arbeit das Land als nationales Eigentum erworben ward«! kann. Und wer sonst erfüllt dies« Aufgabe, denn die palästinensische Arbeiterschaft? Zweitens: die Chawerim des Bundes sind von revolutionären Kräften erfaßt. Diese revolutionären Kräfte haben sie zum Bund, zum Zionismus geführt. Aber nicht dar Zionismus «Urin bindet diese revolutionären Kräfte. Es hieße an dar Wirklichkeit vorbeisehen, wollten wir leugnen, daß die Mehrzahl der Chawerim die nationale Befreiung des jüdischen Volkes als einen Schritt auf dem Wege zur Weitrevolution ansieht. Eia Schritt, der getan werden muß von jedem Volke, ehe die große, über alle Völker hinausgreifende Umwälzung erfolgt. Diese Verbundenheit mit dem internationalen Proletariat schafft eine Differenz HURI?10** nistischen Bürgertum. Eroberung der Arbeit und Wehrevolutioa fallen in eins zusammen. Die Umschichtung vom Bürgerliehen Erwerb zum produktiven Beruf ist Forderung und Bewährung einer Weltanschauung. Sie bedeutet demonstrative Abwehr von bürgerlicher Lehen»־ haltung und volle Solidarität mit dem Proletariat. Alfred Berger, der ideologisch den Chawerim gewiß nahesteht, konnte in diesem Punkte die unbedingte Haltung der Chaluzim nicht verstehen. Beigor, ein Mann mitten im politischen Kampf, stets bedacht auf real« Erfolge, sah sich einer fremden Welt gegenüber, als er aufforderte, die Möglichkeit oder die Notwendigkeit in Rechnung zu setzen, daß man nach der Racfucharah im Galutli bleiben und auf die Alijah werde verzichten müssen. Berger betonte besonders, daß die Existenz der jüdischen Nation durch die Blüte oder den Zusammenbruch des Palästina-Werkes nicht ausschließlieh bestimmt sein könne. Wo die Arbeit in Pallstina dem Einzelnen kein« Platz gewähre, habe er Aufgaben im Galuth, überall wo Juden gemein- •chaften existieren, und jüdisches Leben, wo es nur schwach sich noch regt, wieder anzuschflren. So klar die Gedanken Bergers auch waren, so he rechligt sie auch mit Rücksicht auf die palästinensische Krise schienen, riefen sie doch große Bewegung, ja zum Teil geradezu Entrüstung hervor. Der Bund bekennt rieb zu den Anschauungen der Jugendhewe* ieren, die von allen Richtungen das Beste nimmt und sich letzten Endes nirgends einsetzt. Es genügt nicht, sich auf den Richterstahl zu setzen und nach Kaks und rechts gute und schlechte Zensuren auszuteilen. Gerade einer jungen Generation steht diese überlegene Weisheit schlecht an. Die große yette||1tipnlre;|dee'des'־lud«»t01»s; :Idee 15•nicht: mähr als wirkende und verpflichtende Macht empfunden, sondern als eine gegebene Tat- Sache des jüdischen Lebens registriert. Wir bedauern, daß gerade in diesem Kreise, der lief genug in die jüdische Problematik sieht, tun uns begreifen zu können, die Entwicklung in diesem Stadium zum Stillstand gekommen zu sein scheint. Die reale Gestaltung der jüdischen Wirklichkeit wird nur den Gruppen möglich sein, die in dem groß«! Entscheidungskampf, den heute das Judentum um seine Erneuerung, kämpft, klar und eindeutig Stellung zu nehmen vermögen. Es geht, nicht an, an der Not dieser Ent- Scheidungen vörbei, ein ״Edeljadentom*’ Zu proklamieren, das imstande sein mag, dem Binzettrai״' ftbitip. «ihr jttdf<rii»”llttzttm^^1*, heit hiawegzunelfen, für das ftMische Geschehen aber unwirksam bleibt Und 80 muß man es bedauern, daß über die Menschen dieses Kreises die Entwicklung notwendig hin- Weggehen wird, ohne eine Spur ihres Woilens zu unterlassen, es sei denn, sie besinnen sich noch und _ finden den Weg zur jüdischen Wirklichkeit Der Glaube, ihn gefunden zu haben, ist ihr verhängnisvoller Grundirrtum. .. *• urilwWmHarf, vfeifelefct seggr uaformBaroer, eine neue Lebenshaltung ausmaeheu. Positiv•* und Negativ«» drängen gleich stark zur zioaistischell^ Lösung. Nicht allein der Wille zum Aufbau de• jüdischen Landes, sondern ebenso stark der Widerwille gegen das Leben im Galuth sind die treibenden Kräfte. Galuth, das ist nicht allein nationale Heimatlosigkeit, sondern das Verlassensein des Menschen inmitten der bürgerlichen Umweit. Die Doppeltheit des bürgerlichen Lebens, das Fehlen eines Orientierungspunktes in ihm, (£88 und vieles mehr noch wollte die Jugendbewegung beheben, indem sie den in sich geschlossenen, aufrechten und bekenntnismutieen Menschen schuf, für den Gerinnung und Leben sich decken. In diese Atmosphäre fuhren nun Bergers Worte hinein und versuchten mit dem Gedanken vertraut *u machen, vielleicht — vielleicht müßt Ihr doch hier weiterieben. Am Tage zuvor sprach Kurt Bondy aus Hamburg über Gemeinschaft, oder besser über . durch die Gemeinschaft. Wie es heute hofier, über den Rahmen der Jugendbünde hinaus geistige« Allgemeingut geworden ist, bildet die gruncuegande Voraussetzung für jede fruchtbare pädagogische Arbeit der enge Kontakt der Gruppe mit dem Führer und untereinander. Auf dieser Baris müsse dann, sagte er, aus dem Erlebnis und der Anschauung des Menschen sein Ziel sich harauskriitalli- »ieren. ^Bondy, der nicht Zionist ist, kannte daher auch nicht auf die speziellen Erziehungsprobleme des Bundes, wie Haehscharah und Chaluziuth eingehen. Aber er schuf doch eine allgemeine Grundläge, auf der die Chawerim die besonderen Fragen, die sich aus ihrer speziellen Situation ergehen, eingehend durchdenken konnten. Der Frage des Führers war besonderes Interesse zu gewandt. De! Führer müsse in gewissem Grade die Idee bereits in sich verwirklicht haben, damit der jüngere Chawer durch ihn hindurch, ihn überwindend, rieh immer mehr der Konkretisierung der Idee nähere. Der Führer sei Mittler zwischen dem jüngeren Chawer und der Idee. (Von diesem Gedanken ausgehend fürchtet der Band für seine Arbeit, wenn er den Worten Berger» folgt.) Die Arbeit auf dem Führera&er umfaßte außerdem noch einige enger gesetzte Themen. So sprach man über Hesse• ״Steppenwolf*' und Zweig« ״Sergeant Grischa", über Bauers ״Sozialdemokratie und Kirche”, über besondere Fragen jüdischen Wissens und die praktische Arbeit des Bundes. Eines Nachts sprach man unter Führung von Bondy über he sexuelle Frage, wobei die allgemein» Verwirrung unserer Zeit diesen Dingen gegenüber auch im Bunde zutage trat. Der Wert dieser Zusammenkunft kg nicht in der Vermittlung neuer Erkenntnisse Über Sein und Ziel der Bewegung. Außer einem mit zwingend» Dl«- Iektik vorgetragenen Referat Fritz Naphtalin Über Sozialismus war di« Arbeit nur getragen von den Chawerim selbst. So kam es, daß die Menschen nicht um Ideologien und sachliche neue Erkenntnisse bereichert, hingegen vielfach zu neuem Nachdenken wesentlich angeregt, ausainandergihgen. Die rückhaltlose Aussprache über die Fragen, welch« ״dje. ,Zukunft jede». Chawer» *ngphßn, d* fwl»itig» ::jy|(s!ml»%'“zBr "Mety *ctitgigj» jedoch. eip* j||f asphlr# menschlich« Nähe וסי!«' neuen Antriebs, M. R. Der Jungjüdisehe Wanderbund gibt, abgesehen von seiner offiziellen Teilnahme am ,Jungen Juden" auch noch zwei interne Zeitschriften heraus. Eise für die Aeiteren des Bundes und die andere für die Jüngeren. Die letztere soll von nun an versuch»- weise in» Druck herausgebracht und über den Rahmen des Bundes hinaus vertrieben werden. Aus A. D. Gordons Nachlass Von Jizchak Lof ban•) In A. D. Gordons Nachlaß, der nun gesamme.lt ist und beim ,Jlapoel Hazair", dem Verlag des gleichnamigen jüdischen Arbeiterbandes in Palästina, erscheint, findet sich unter vielen Fragmenten ein fertiger, geschlossener Aufsatz, der schon vor dreizehn Jahren geschrieben wurde und jetzt erstmalig gedruckt wird. Dieser Aufsatz bringt eine scharfe Ausf inanderselzung mit I. Ch. Brenners ,]Unsere Selbstbewertung in drei Bänden", einer Bespreehang der drei Bände von Mendale Macher Spharim, die damals in dem Schriftenbände ״Rwiwim" veröffentlicht wurde. Gegen Brenner, den Verneiner, den Nihilisten, der die Kette der Beziehungen zur jüdischen Vergangenheit auflösen wollte, der glaubte, daß i'on urher die jüdische Art untauglich und verdorben gewesen und daß es nötig sei, sich von dem ganzen Erbe frei zu machen, dm Grabhügel aufzuwerfen über den Schöpfungen des hebräischen Geistes der Vergangenheit und insbesondere über die Bibel, — gegen Brenner trat der Bejahet Gordon auf, durchdrungen von der Liebe zum Volke und zu seinem IFescn, sich auflehnend gegen ״den fremden Geht, der uns unbewußt unsere Seele kriechtet", und leugnete die Möglichkeit einer Entwurzclung des nationalen Ichs und seines Eintauschs gegen ein andres. Unter anderem schreibt Gordon in seinem Aufsatze: Das Irrlicht kommt aus einem kleinen Rechenirrtuin. Die Schwächung des Gefühls für unser nationales Wesen hält man für eine Stärkung unserer Selbsterkenntnis, für eine Stärkung unserer Erkenntnis überhaupt. Das ist verständlich. Nationales Wesen ist ja eine Sache, die dem Auge entzogen ist, und der Unterschied zwischen den Wesen der verschiedenen Völker gehört zu den Dingen, die *) Mit frdl. Erlaubnis des Verlages Lambert Schneider, Berlin, aus der Festgabo für Martin Buber ״Aus unl>ekannten Schriften“. Wir werden auf das schön® und wertvollo Buch noch zurückkommen. dem Gefühle anvertraut sind, ohne daß ein Erkennen möglich ist, nicht aber zu denen, die des Erkennens sind, die logisch geklärt und logisch erwogen werden könnten. Und somit ist auch die trügerische und verkehrende Wirkung des fremden Wesens auf uns dem Auge entzogen. Um so mehr, wenn wir bedenken, daß hier in der Wirkung des fremden Einflusses auf uns und im Kampfe unsres nationalen Wesens um seinen Bestand zwei ungleiche Kräfte Zusammenstößen, die fast außerhalb alles Vergleichs stehen, sowohl Im Ausmaß als auch in der Wesensart Auf der einen Seite: das Wesen der Völker Europas (das Gemeinsame in ihren verschiedenen Wesenheiten), das in einer riesenhaften, michtigen und wunderbaren Kultur sichtbar wird und deshalb als eine wirkliche, tätige, lebendige Kraft erscheint, so wirklich und so lebendig, daß man glauben könnte, dies, was sich die Seele des Juden erobert und ihn von Wurzel auf wandelt, sei nicht eine negative Beeinflussung des Gefühls, und keine solche also führe den Beeinflußten zur Abkehr, sondem ein positives, klares Erkennen des Beeinflußten, eine rationale Ueberlegung, die objcktive Wahrheit selbst. Auf der andern Seite: das Wesen des alten Israel, des ewig Unsteten, das eben nichts hat als dies sein bloßes Wesen (da ja auch die letzte dünne Hautdecke immer mehr zerreißt und vergeht), das sich Raum sucht, um sichtbar zu werden, also etwas schlechthin Unreales ist, so daß man sein Dasein selbst anzweifeln könnte, und mehr noch, daß man einen grundlegenden Unterschied zwischen uns und dem Wesen der Völker Europas bezweifeln würde, da doch unser Wesen zur Sichtbarwerdung viel von eben jener Kultur annehmen muß, gegen deren Geist es kämpft. Und so, ohne allen Kampf, in Ruhe und Sicherheit, geht das Leben, in das wir gestellt sind und in dem unsere Seele lebt, dahin, es fließt von Grund auf aus Quellen, die unserem Wesen fremd sind, durchsetzt mit Atomen fremden Wesens, indem es langsam atomweis von unser rem Wesen ablöst und fortspült und atomweis Fremd«! in unsere Seele ein fließen läßt. Dies so, daß die fremden Schichten in uns immer fester werden, die eigenen aber immer dünner, bis auch die letzte zergangen und geschwunden sein wird von der Schwere des Fremden. Es ist klar, daß fremdes Wesen den Ort unseres eigenen nie einnehmen wird und nie einnehmen kann, wie sehr das auch jene anstreben mögen, die sehen, was gewöhnliche Sterbliche nicht sehen können; jedoch dieses Wesen zu zertrümmern und zu verwüsten ist Kraft genug da. So ward in unserer Mitte die Verneinung geboren, die alles auflöst, die grundsätzliche Verneinung, die weder Wurzel hat noch Frucht (Große, tiefe, weite, schöpfeilsche Verneinung vermag nur aus mäehügern, lebendigem, naturhaftem Wesen zu kommen.) In keinem Volke, keiner Zunge wird man so viele Verneiner Anden als unter uns und in dieser Zeit Freies Denken, letztes Erkennen sind unter uns fast Synonyma für allgreifende Verneinung und ganz besonders für Verneinung allen Unsrigen. Wir habens leichter als die anderen und als unsere Väter, nicht weil wir uns in Wahrheit besser auf die Tiefe der Frage verstehen, sondern weil wir unzulänglicher empfinden, wefl unser Wesen unvollkommen ist und unser Selbstgefühl unvollkommen. Helden sind wir im Rationalisraus, im freien Denken, aber diese Freiheit gleicht dem Triebrad einer Maschine, von dran der Treibriemen losgelöst ist und das sich in völliger Freiheit und großer Geschwindigkeit dreht, während die Maschine, natürlicherweise, in Ruhe steht Die Losgelöstheit — das ist heute vor allem die wirkende Kraft unter uns, eine tiefe seelische Losgelöstheit, unterbewußt oder unbewußt, und deshalb mächtiger als alle bewußte Loegelöstheit in der Welt Sie ist es, die den Menschen nicht nur zur Auflösung alles dessen führt, was unser ist, sondern, aus psychologischer Reaktion, za gewissen Zeiten auch zur Auflösung alles dessen, was der Anderen ist. Man gebraucht für den Einfluß des Judentums auf uns das Wort Hypnose, aber in Wahrheit ist dieses Wort dem Einfluß der fremden Kultur auf uns gemäß. Sie ist wahrlich Hypnose, bezwingend, knechtend Hirn und Herz und Willen, — das ganze Sein des Juden, ohne eine andere Möglichkeit übrig zu lassen, da ja aller Wille nur noch darauf geht, jenes Seins ledig zu werden. Man glaubt aber bei uns ganz fest, daß die europäische Aufklärung durch das Mittel des Erkennens vor allem auf unser Selbstgefühl wirkt Sie, so sagt man uns, erleuchtet unser Denken, und das Licht wirkt ein aufs Gefühl, oder, wie das Sprichwort sagt, es verscheucht die Finsternis, den niederen Glauben, die Wahngebilde usw. Man bedenkt nicht, daß zwar naturhaftes Licht einem naturhaften Wesen und einem naturhaften Selbstgefühl niemals schaden kann, daß aber hier ״Licht und Wesen beide so getrübt sind, daß sie nicht unter einem Dache wohnen können. In Wahrheit ist die Sache gerade umgekehrt. Europäische Kultur reizt vor allem, noch ehe der Jude ihr zu nahen beginnt, durch ihren äußeren Glanz, dnreh ihre Wirkung aufs Leben, durch ihren kräftig wehenden Geist, durch die Stärke ihrer geistigen und psychologischen Formulierungen; so führt sie den Juden zur Losgelöstheit, die in ihm Kraft und Willen lötet, sich der Knechtung seine« Wesens entgegenzusetzen, zu kämpfen um dessen Vervollkommnung und Erneuerung. Dieser Verhalt ist offenkundig; er bedarf keines Erweises bei denen, deren Augen frei sind, während keine Erweise jenen nützen würden, deren Augen an ihrem ״freien Denken" oder ihrem ״letzten Erkennen“ haften. (Aus dem Hebräischen. von N. N. GkUer.) «