Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JUNGZIONISTISCHE 1928 BLÄTTER Nr, 1 7Aischrüte«: W 15, Meinekestraße 10 Erscheinen, monatlich Verantwortlich; Dr. phE, Moritz Spitzer m Diese Blätter sollen einen Akt der Selbstbesinnung in d«r zionistischen Jugend cinleiten helfen. Seit sieh im Zionismus die wachen Teile des jüdisehea Volkes zu geeinter Bemühung zusammengeschlossen haben, um durch eine Tat eigener Anstrengung der jüdischen Not zu begegnen, ist ein Zeitraum verstrichen, den man der Wirksamkeit einer Generation zu״ zubilligen pflegt Erschütterungen in der Welt draußen und ihre Folgeerscheinungen im Judentum drinnen drängten in diese Zeitspanne Geschehnisse von ungewohnter Vielfalt zusammen. Sie konnten auf den Weg des Zionismus, sein Schicksal und sein innc res Wesen nicht ohne Einfluß hleiben. Es ist ihm geschehen, was allen revolutionären Bowegungen widerfährt, die sich entscheidend ihrem Ziel genähert haben. Ke Bemühung um das Werk, das vor seinem Ziele steht und durch das er zu ihm gelangt, hat die Intensitat seiner Bewegung in vielfache Werkzeuge des Handelns in der Welt der Wirklichkeit ergossen und dort aufgespeichert. Ist es der große Vorzug des Zionismus, daß er die Möglichkeit hat, vom Zentrum der Bewegung aui auf direktem Wege zur konkreten Tat zu gelangen, die Bestand hat, so hat die Ucbermacht der Aufgabe mit allen ihren Erfordernissen doch die Einheit, van der sie getragen ist, ihren Ausgangspunkt und ihr Ziel weniger deutlich werden lassen. Besonders in den letzten zehn Jahren trat vag dem Wettlauf mit der Zeit all das zarück, was ihm Antrieb und Rechtfertigung |ifc ' J|jd. in. den! : in t dpip. def.. Aufbau sfeh mannigfaltige und manchmal widerstre-!»ende Kräfte und Anstrengungen untertan machte, löste sich das Werk in eine Vielfalt von konkreten Tages- und Teilaufgaben auf. Diese wieder schufen durch das Interesse, das sie beanspruchten und erzeugten, im Zionismus Gruppen, von denen sich jede je einer solchen Aufgabe als der wichtigsten verschrieb. Das ist die Situation, in die die junge zioruslischc Generation bineingewachsen ist. Und noch eines kommt hinzu: Nachdem der Zionismus ein ״Faktor“ im Judentum und in der Welt geworden ist, hat sich die Stellungnahme zu ihm geändert. Man empfindet schwächer als früher die erschütternde Wirkung seines Aufrufes: die Lüge der Galuth zu überwinden, die Unerträglichkeit der jüdischen Situation cin/usohen und sich zu der seelischen und materiellen Anstrengung zu sammeln, die notwendig ist, um die Not zu überwinden. Der glückliche Fortgang das Aufbauwerkes, für ihn das Sorgenkind, ist indessen für die anderen eine Formel geworden. Eine Formel, die man bekämpft oder anerkennt, ohne mitzuspüren, daß es hier um das Entscheidende geht, daß in Wahrheit nicht ein jüdisches Palästina im Vordergrund steht, sondern ein Judentum, das im Begriff ist, unschönen Todes zu starben und durch das jüdische Palästina allem gerettet werden kann. Auch in zionistischen Kreisen ist vielfach das zionistische Werk durch seine Konkretisierung vom Mittelpunkt des Erlebens an die Außenseite gedrängt worden, dorthin, wo sich das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben abspielt, in dem es nun einen mehr oder weniger gern getragenen Bestandteil bildet. In dieser Atmosptjäxe vermochte die junge zionistische Generation ihre Einheit nicht zu finden. Sie hat sich zum Teil dem Aufbau voll und ganz verschrieben. Sie hat ihni' in anderen Tellen einen begrenzten Bezirk' ihrer Handlungen Und Bestrebungen Vorbehalten. Das Bewußtsein der Einheit von Wurzel, Weg und Bel aber ist geschwächt worden. Es ist wahr, daß für die jüdische Jagend besonders in den westlichen Lindem eine schwere Zeit angebrochen ist, insofern sie sich entschlossen hat, durch die Einreihung in das ..Judentum unterwegs“, welches durch den Zionismus repräsentiert ist, sein Schicksal auf sich zu nehmen. Der Antisemit«- mus in seiner neuen flagranten Form schal- An Martin Bober Eine Kette von Umständen hat es bewirkt, daß die erste Nummer dieser Blätter, deren Erscheinen für den Januar vorgesehen war, gerade heute, am Tage Ihres fünfzigsten Geburtstages fertiggestellt wird. Möge das für unsere Zeitschrift ein gutes Omen sein! Und mehr als das: möge dieses zufällige Zusammenfällen der Geburtstage das Symbol sein für die Erneuerung und Bekräftigung des Bundes, der seit je zwischen uns, der zionistischem Jugend, und Ihnen, ihrem Lehrer, Führer und Fürsprecher besteht. Indem wir daran gehen, aus innerer Not und in schwerer Stunde die Raumlosigkeit der Gemeinschaft zionistischer Jugend durch das gedruckte Wort zu überwinden, sind die Glückwünsche, die wir Ihnen aus vollem Herzen mit diesen bescheidenen Blättern auf den Geburtstagstisch legen, zugleich Wünsche für uns. Jeder Wunsch, den wir für Ihr Wohl und den Fortgang Ihres Werkes auszusprechen vermöchten, ist zugleich ein Wunsch für uns, die wir Empfänger Ihres Wortes sind. 8. 2. 1928 Siegfried Kanowitz: Um jüdische Wirklichkeit Der Bericht über die Dessauer Tagung des AeUeren-Bundes der Kameraden, der uns jetzt in Gestalt einer Broschüre ״Um jüdische Wirklichkeit“ vorliegt, bedeutet, ein wesen tliebes Dokument für die Beurteilung der Entwicklungstehdenzen im deutschen Judentum und besonders der deutsch-jüdischen Jugend. Die Ergebnisse dieser Tagung müssen nach zwei Richtungen hin vp« uns beurteilt uipä EM werdem Einmal bedeuten sie eine ungsäußarung zu den aktuellen Fragen jüdischer Gegenwartspolitik, die von einer Gruppe erhoben wird, die jetzt den Versuch macht, von sich aus die Gestaltung des deutsch-jüdischen Lebens entscheidend ro heeinflussen, und der darum eine aktuelle palltische Bedeutung zukommt. Darüber hinaus zwingt ater diese Schrift zur Auseinandersetzung mit der sich hier offenbarenden Eiti- Stellung zu dem großen Gesamtkomplex Judentum, die 1ms in mehr als einer Hinsicht für eine bestimmte Schicht des deutschen Judentums typisch zu sein scheint, tu dem Vorwort, das Ernst Heinrich Seligsohn dieser Schrift gibt, bezeichnet er die Entwicklung, die der Aeltercn-Bund der Kameraden genommen hat, als den ״Gang in die Wirklichkeit“. Als die Triebkräfte dieses Kreises werden Bekenntnis zur jüdischen Art, das Streben nach einer religiösen Grundhaltung und die Verpflichtung zur schaffenden Anteilnahme am Geschicke Deutschlands empfunden. Von solchen Tendenzen bestimmt, wiR sich dieser Kreis der Gestaltung des deutsch-jüdischen, Lebens ruwende». Die Frage, wo seir» Grenze verläuft, wird zunächst offen gelassen. Der Bund soll aUo Menschen umfassen, die, abgesehen von menschlichen Voraussetzungen, als wasentliehst« die mitbringen, daß sie die Arbeit ajn deutsch-jüdischen Leben als Eigenart anerkennen. Zionisten, welche die Arbeit im Galuth nicht nur im Hinblick auf Palästina bejahen, sondern eie um ihrer selbst willen tun, sollen in die Grenzen dm Bandes miteinbezogen sein. Von vornherein bemüht sich diese Gruppe, ihre Stellung zum Zionismus und Palästinaaufbau von der üblichen Stellungnahme der deutsch-jüdischen Oeffentlicbkeit abzugrenzen. Die bedeutsame Tat des Ziomsmus ׳.wird* anerkannt und zur bewußten Unterstützung am Aufbau Palästinas aufgerufen. Die Forderungen, die Rudolf Stahl in seinem Referat über die jüdische Gemeindearbeit auf stellt, können, von unwesentlichem abgesehen, unsere vollste Zustimmung finden, wenn auch au vielen entscheidenden Fragen mit etwas unscharfer Formulierung vorbeigegangen wird. Stahl verlangt als erste Forderung ״Verlebendigung der Gemainde“. Die Antithese ״Volksgemeinde“ oder ״Religionsgemeinde“ wird abgelehnt, wie uns scheint mit Recht; auch uns kam es niemals auf diese Worte an, sondern darauf, was auch Stahl hier fordert: die Gemeinde von einem Verwaltungsapparat, der sich auf die Abwicklung des Kultus und die Ritualien beschränkt, zu einem Organismus zu entwickeln, der in allenFragen des jüdischen Lebens regelnd und führend eingreift. Wesentlich ist, gerade mit Hinblick auf aktuelle gemeind «politische Auseinandersetzungen, daß der Gedanke der Einheit der jüdischen Gemeinde bejaht wird. Daß sich hier in der Gemeinde Menschen aller Richtungen zum gemeinsamen Werk zusammenfügen müssen, wird als wesentlichster Faktor des jüdischen Gemeindeletens bejaht. Als außerordentlicher Fortschritt muß auch die innerhalb dieses Kreises erhobene Forderung nach der jüdischen Schule empfunden werden, die zwar von Stahl abgelehnt wird tet Abwehrbedürfnisse ein und macht es schwer, über die Judenfrage ohne Ressentiments, nur mit dem Willen nach klarer Erkenntnis und dem Bewußtsein der Veranlworlung vor einem Gewissen, das über den Tag und seine Demagogie erhaben ist, zur Einsicht zu kommen und diese Einsicht zu verhrejten. Und trotzdem, vielmehr gerade deshalb ist es jetzt notwendiger als je zuvor, daß wir uns zu dieser Unserer Aufgabe voll bekennen und sie mit erneuter Kraft und reinem Willen von vorn in Angriff nehmen. Sonst könnte es geschehen, daß das fortschreitende jüdische Palästina einem Judentum in der Welt gegenübergestellt ist, das schon zu schwach, zu mürbe und zu kbens unfähig ist, um von ihm die Rettung m erfahren. Zu diesem Akt der Selbstbesinnung wollen wir die zionistische Jugend wecken und mit ihr zugleich alle, die zu hören vermögen. Wir werden uns in diesen Blättern darum bemühen, die jüdische Wirklichkeit der jüdischen Jugend, ihrem Bewußtsein und ihrem Gewissen gegenüberzustellen. Nichts, was ihrem Leben angehört, soll uns dabei fremd sein. Wir wollen gegebene Situationen der Gegenwart und der Geschieht« aufweisen, die Not der jüdischen Jagend sprechen lassen, uns auch vor den prinzipiellen Fragestellungen und Kämpfen nicht verschließen. AB das ater in einer konkreten Art, nicht auf dem Umweg über Ideologie und Konstruktion, die ja zweifellos wichtig sind, aber allzusehr die Tendenz haben, selbstherrlich geworden, vor die Tatsachen zu treten, und so die Klarheit der Einsicht zu verwirren. Damit, daß wir in dieser ersten Nummer unserer Blätter in Berichten einen ungefähren Uebcrblick über das geben, was an zusammengofaßter zionistischer Jugendenergie in Deutschland vorhanden ist, haben wir zugleich eine der wichtigsten Aufgaben, die wir uns gestellt haben, angedeutet: die, über die Vielfalt der Organisationen hinaus eine neue Einheit zu schaffen: die Einheit des jungen Zionismus. Moritz Spitzer (mit Hinblick auf die Stellung dar deutschen Juden innerhalb der Linksparteien), in där Diskussion ater, wenn auch mit verschiedenen Begründungen von fast allen Sprechern vertreten wurde. ,,Wir brauchen eine Schule, in der unsere Kinder mindestens 4 Jahre jüdische Luft atmen.“ Einen großen Umfang nimmt in der Diskussion die Stellung des Rabbiners in der Gemeinde ein. Allgemein wird die gegenwärtige Situation als unzulänglich und unwürdig empfunden. Schon seine äußere Stellung bedarf einer Korrektur, er muß im Gemeindevorstand Sitz und Stimme haben. Als noch bedenklicher wird seine geistige Isolierung innerhalb der Gemeinde empfunden: die Tatsache, daß er sieh nur berufen fühlt, zu den religiösen Dingen Stellung zu nehmen, alle anderen Fragen ater unbeantwortet läßt, die Tatsache, daß er zum ״Frommen kraft Amtes“ geworden ist, daß die Gemeinde lediglich zum Objekt kultischer Handlungen geworden ist und daß der Gottesdienst von den Kultusbeamten ,,gemacht" wird. Wir glauben, daß es nicht genügt, diese Tatsache einfach zu registrieren und daß es ein Irrtum ist zu glauben, daß man durch organisatorische Schntte (z. B. Eintritt des Rabbiners in den Gemeindevorstand) in diesen Dingen grundlegenden Wandel schaffen kann. Hier hätte die Frage nach der Möglichkeit einer religiäten Erneuerung innerhalb des jüdischen Lebens in Deutschland 4 überhaupt aufgeworfen werden müssen. Man bitte sich auch an dieser Stelle mit den Brgebnissen dar liberalen Rabbinerkonforenz auseinandersetzen müssen, besonders mit den Reden von Baeck und Wiener. Dies© Frage 'nach'einer reRgii&seo EroeuproogAjin ׳ JMebpp'^lan^. TO^־esr»|ba#»eÄ?'f^t11,»1*.:־- al lein nidht diskutiert weiden, sondern miiß hineingestellt werden in den großen Fragenkreis nach dem Sinn jüdischen Daseins und nach den Möglichkeiten neuer jüdischer Entwicklung, und es zeigt sich an dieser Stelle ganz deutlich der Mangel dieser Tagung, der darin besteht, daß unter Ausschaltung der brennendsten Frage, nämlich der einer nationalen Erneuerung des jüdischen Lebens, versucht wird, zum jüdischen Leben der Gegenwart Stellung zu nehmen. In einem weiteren Referat beschäftigt, sich Seligsohn mit der Stellung dieses Kreises zu der jüdhwh-literalen Partei Die T#t~ sache, daß die Literalen heute in einigen größeren Gemeinden Deutschlands in die Minorität gekommen sind, hält er im Interesse der inneren Gesundung der Partei * für außerordentlich begrüßenswert. Sie müsse einmal von der Fiktion geheilt werden, däß es ohne sie nicht geht Außerdem krankt die Partei an den ,,Verwaltungsjuden“, die bei weitem nicht in dem Maße Repräsentanten das jüdischen Liberalismus sind, in dem etwa die Vertreter der Orthodoxen und Zionisten ihre Bewegungen repräsentieren. Die llnfruchtbarkeal des religiös-liberalen Judentums wird deutlich empfunden, man ruhe auf den Lorbeeren des vergangenen Jahrhunderts aus, man poch« ganz mit Unrecht auf die eigene religiöse Inbrunst. Die liberale Weltkonferenz wird nicht so sehr um ihrer Ergebnisse willen, als um der Tatsache willen begrüßt, daß hier die literalen Juden «aus verschiedenen Landern zusammengearbeitet haben :also um ihrer nationalen Bedeutung willen: S. K.) Sehr heftig kriti- .wert wird der Schrill, der Liberalen Zeitun g in der Angelegenheit des Pro Palästina- Komitees, der als ein Zeichen mangelnder Solidarität emp 1 unden wird. Die Zionisten hingegen ncigim zu dem Fehler, um ihres großen Ziels willen eine Oeffentlichkeit zu gewinnen, die die jüdische Problematik doch nicht ganz verstehen könnte, und dieses Bedenken müsse auch gegen die Gründung des Pro Palästina-Komitees geltend gemacht werden. (Als ob es der Gründung des Pro Palästina-Komitees bedurft hätte, um dem deutschen Volk die Problematik des jüdischen Lebens vor Augen zu führen l Die Gründung dieses Komitees erfolgte nicht, um eiiiea Kreis Außenstehender in unsere Problematik hinemzuziehen, sondern positiv Um die deutsche politische und geistige Oeffentlichkeit an dem Weltproblem Palästina aktiv za interessieren. Wir empfinden Zionismus und Palästina nicht nur als eine interne Frage des jüdischen Lebens.),