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Jüdische Rundschau · 1928-02-07 · Heft 11 (7.2.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 11 (7.2.1928)
Date
1928-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 7. Icbnmr 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Am Tag der Rückschau P. B. gewidmet. Der Schweifende sprach zu mir: Ich bin der Geist. Die Schillernde sprach zu mir: Ich bin die Welt. Er hatte mich mit Flügeln überkreist. Sie hatte mich mit Flammenspiel umstellt. Schon wollt ich ihnen fronen, Schon war mein Herz genarrt, Da trat vor die Dämonen Eine Gegenwart. Dem Schweifenden sagte sie: Du bist der Wahn. Der Schillernden sagte sie: Du bist der Trug. Da ward so Geist wie Welt mir aufgetan, Die Lüge barst, und was war, war genug. Du wirktest, dafe ich schaue, Wirktest? du lebtest nur, Du Element und Fraue, Seele und Natur! Martin Buber. Zu Bubers Lehre und Wirken Von I)r. i: 111־ st Simon. Iälter den Völkern Europas hat jedes einen .Wann aufzuweiscu, der es kulturell repräsentiert. .Wan könnte siel! einen paueuropäiselum ,,Rat der Alten“ denken, in dem jede Nation durch einen ihrer großen Künstler, Schrift-Udler oder Denker vertreten ist. Zwar wären die Engländer vielleicht im Zweifel, oh sie Shaw oder (ialsworthv schicken sollten, die Franzosen schwankten möglicherweise /wischen Valery und Romain Rolland, die Deutschen /wischen (ierhart Hauptmanu und Thomas Mann, aller Italien präsentierte wohl mit Sicherheit d'Anmm/io, und hätte dieser Rat dann einen Spanier /u wählen, so würde er sieh vermutlich den aus dem 1 leimatland vertriebenen Uiiamuno holen. Kür Rußland emilieh käme am K.nde wenn er käme! der Kultusminister persönlich: himatseharski, der uns ein .-o merkwürdiges Drama über Don Quichote (womit er die Demokratie meint);;eschenkt hat. Wen würden wir, das jüdische Volk, in einem solchen Kall entsenden? W'olil kaum ein Zweifel: niemand anderen als .Martin Huber. Und wen hätten wir vor hundert, vor fünfzig Jahren , esehickt? Kein Name von jüdisch-europäisHicr Geltung gilt dem Suchenden ein, seit Spino/a kein ,em/iger. Und ,\->er gilt nur halb: war er doch nicht nur ä>bjv>,tu ein vielaunter des Rabhinates von Amsterdam, sondem auch subjektiv weder gewillt noch in der Lage. das Judentum vor der Weltöffentlichkeit zu vertreten. Hiermit wäre diejenige Bedeutung Martin Bubers festpesteilt, die zunächst in die Augen fällt, auch denjenigen, die wenig oder nichts von seinen Schriften kennen, schon deshalb, weil diese Bedeutung eine überpersönliche, eine gesehichtlielie ist. Vor dieser unserer Gegenwart konnte kein Jude das Judentum wirklich vor Kuropa repräsentieren, denn das Judentum war noch nicht europäisch genug dazu. Selbst Hermann Cohens Genius erlosch zeh.11 Jahre zu früh für diese Aufgabe, deren änderen Rahmen Theodor Mer/1 mit Zio¬ Die chassidische Botschaft Martin Bubers Von F r i e d r i e 11 T h i c b e r g e r. I )ic C h a s s i d i s c 11 e n B ii c h e r Martin Bubers sind zu einem Band z.usamnieiigefnßt soeben bei Jakob Hegner- Hellerau erschienen. Wie /.ur Gesamtausgabe der Reden hat Buber auch hier ein (ieleitwort geschrieben, das als Selbstbctrachtung beginnt und zu einer Botschaft sich steigert. In einem tiefen Sinne ist Buber ja immer biographisch. Kr pellt nicht zeitlos in den Dingen unter, die an ihn herandrängen: das scheidet ihn von den Nur-Künstlern, wiewohl sich wenige mit der Kraft seiner visuellen und sprachlichen Gestaltung heule messen können. Kr lieht aber auch nicht von Dingen ein Schema ab. um dann auf leblosem (iedankeurasier die Linien nach/u/.ieheu; das scheidet ihn von den Nur- Methodikern, obwohl die eiitdockerische (iahe seines Blickes und sehn < iew isseuhaftigkeit vor den (iegenständen sich in solchem Malle selten wiederfinden. Vielmehr kommt alles, was Buber ausspricht, aus jener zweiten Schicht des Menschen, in die sich die Abbilder der Krfahnmp von den Dingen durch eine erste Schiebt des Kmpfanpes pan/ versenkt haben. Krst in der tiefen Schichte wird ein Mensch erweckt mul wenn er dann von hier aus zu den Krschcimuipeii der Dinpc wieder aufsteigt. berührt er sie von innen her. Hat er 111111 par die Kraft, von solcher Berührung zu berichten, so vennap er durch die Dinpc sieh seihst aus/uspreelien; sie werden seine Botschaft an die Welt. Die kleine Schrift ״Mein Weg zum Chassidismus“, die auch der (iesamtauspahe als persönlicher Abschluil beigefugt ist, scheint mir das kostbar, Dokument der Buber’scheii Krweekunp zu sein. Kr hat die Können und!.ehren des Cliassidismtis schon von Jupeml auf datenmäliip, auch lebensmäßig gekannt. Aber all dies war nur wie ein Wissen in ilun; es hatte seine tiefste Schichte nicht erreicht. Bis eines Tapes ein Won aus dem Testament des Baal Schern in ihn einbrach und die Stück um Stück iiaehdränpeiide Welt des Chassidis- 111 us aus einem verwandelten Sinn heraus neu sichtbar wurde. Alle die Bücher, die nun in dem einen Band beisammen sind, aber auch die Reden mit ihrer neuen Erfassung des Judentums als eines seelischen Prozesses und die philosophischen Schriften, die von der geheimnisvollen, lebeubeheiTselieiiden nistenkongreß und zionistischer Organisation geschaffen hat und die seit der Balfourdeklaration zu einer unabweisbaren Notwendigkeit geworden ist. Buber erfüllt diese Aufgabe: betrachten wir, an Lebensgang und Werk, was ihn dazu befähigte und wie er es tut! I. Buber ist Ost west judo, vielleicht der einzige, den es überhaupt gibt. Natürlich gibt es sehr viele ,,assimilierte“ Ostjuden; es gibt auch vereinzelte veröstlichtc Westjuden, aber es gibt nur diesen einen Ostwestjuden, in dem beide hiemente, das Traditionserlebnis der gali/ischcn Kindheit und das Bildungserlcbnis der Wiener Jugend, die vertikale Bin- MM WM düng hinunter in die Tiefe der jüdischen Geschlechter und die horizontale Bildung hinein in die Breite der Meiischengemeinschaft so zu eit em Gan/en und Neuen geworden sind. Schon 111׳ Großvater ־'׳ n״; 1!!<־־!her war das vorbereitet. Dieser ח: י cm gnli, ::Vucit ,Aue, kiärter“ der alten Schule, für heutige Begiiff׳■ also et"־:! ein religiös konservativer Jude mit starkem NaKwr-.'pctnüS, bedeutendem hebräischen Wissen und einiger ciin-pmeher Bildung. Die Ablösung von der Welt der (.>11־ liudo■• 1e ist geistig vollzogen, jedoch nicht im Gebiete des praktiheu Handelns sehr ausgeprägt. So etwa mul! man sc 11 die Umgebung vorstellen, in der der junge ,Martin Buber bis zu seinem 14. Lebensjahre lebte lind lernte, nur da ii sie von einer besonders bedeutenden Personliclikeit geprägt war, eben von jenem Großvater Saloniou. den man als einen der, in jedem Sinne: ersten jüdischen Gelehrten moderner Art bezeichnen kann. Buber selbst hat in ,,.Mein Weg zum Chassidhim!-“ bezeugt, wie stark die Persönlichkeit dieses Großvaters auf ihn Wendung des Hs in das 1)11 verkünden, sind die Zeugenschäften einer immer innigeren Berührung des Erweckten mit der Welt. Wenn man die neue Gesamtausgabe durchblättert und es ist dies in dem ernst-schönen Druck der Hegners’sehen Bücher eine rechte Freude , dann merkt man, daß dieses Werk aus einem einzigen Keimpunkt gewachsen ist, daß cs aller nicht eine einzelne geistige Richtung, nicht die Stimme irgendeines Volkes, ja nicht einmal eine dauernd fortwirkende Mensehht■ilsepisode meint, sondern die ganze, allseieiule, jetzt und immer bestellende Wirklichkeit. Es ist wohl die besondere chassidische Welt, die Buber in den Geschichten vor uns auftut; aller so wie jedes Sonderstück der Welt ihren gan/en Sinn in sich trägt, so ist auch die kleinste Anekdote, die aus einem wirklich gelebten Augenblick herrührt, und die unwahrscheinlichste Erzählung, wenn sie nur in einer bestimmten atmosphärischen Dichte möglich ist, ein Stück des ganzen Lebens mit all seiner unausdeutbaren Fülle, aller Intimität der Beziehungen und mit dem Geheimnis unmittelbaren Daseins. Aus den Geschichten des Rabbi Nachman. der Legende des Baal-Schem schlägt noch wie vor zwanzig Jahren der Rhythmus der chassidischeu Seelcnwcise ais einer großen Meiischemveise hervor und ans den knappen Bildern, Anekdoten, ״guten Worten" des großen Magid und seiner Nachfolge lind aus dem ״Verborgenen Eicht“ spürt man, wie es dem spätem Buber nicht um ein Künstlerisches, sondern tun weit mehr: ein Lehens-Phänomen geht, das auch eine immer sachlichere, immer gemäßere Sprachform findet. Neben dieser dauernd gestalteten chassidischeu Welt der Geschichten stehen die Vorreden, Geleitworte, Einleitungen mit ihrer neuen Erkenntnis des chassidischeu Lebens, mit ihren Gedanken, die selbst wieder für eine ganze Generation erweckende Kraft hatten. Aller hier gibt es als Frucht persönlicher und fremder Erörterungen eine Weise des Vorwärtsdringens, die sich unaufhörlich überprüft und in dem bloßen Ungefähr des Geahnten immer schärfere Konturen sichtbar macht. So überragt das neue Vorwort alle bisherigen, ohne sie im geringsten zu ersetzen oder auch nur zu überschatten. Nach sieben Jahrhunderten scheint das Judentum wieder in ein Zeitalter eingetreten zu sein, in welchem Religions- Philosophie eine gegenwärtige, also nicht eine dogmatisch verteidigende und nicht eine historische Angelegenheit des Menschen geworden ist. Noch in allerletzter Zeit pflegte man wirkte. Aber nicht nur sie allein, sondern auch ganz andersartiges jüdisches Galizien drängte hier auf ihn ein: u. a. die erste Bekanntschaft mit ״(', h a s s i d i m“, den damals wohl schon einigermaßen entarteten Trägern einer großen lieberlieferimg, die mit ihrer dreifach neuen Unmittelbarkeit zu Gott, zu Mitmenschen und zur Natur für Bubers gesamten Lebensweg so entscheidend werden sollte. Vorher aber galt es erst, in den zweiten Strom zu tauchen. Das geschah in Wien, auf Gymnasium und Hochschule. Sehr schnell glaubt er nun, die Fesseln des jüdischen Gesetzes für seine Person zerreißen zu müssen; und auch die Schranken des Blutes überschreitet er durch seine Iriilie Ehe mit einer hochbedeutendeil Deutschen, aber in beiden Lösungen hält er am jüdischen Geist fest, mit den! er zunächst die, gleichsam abstrakte, Lehre identifiziert: ihn sucht er in der Verschalung der jüdischen Formen und in den Herzen derer, die gegen diese Formen aufbegehrt haben, und ihn bejaht und betätigt auch die Frau, die am Schicksal des ewigen Volkes schon teilgeiiommen hatte, bevor sie sich einem seiner Söhne verband. Aeußeres geschieht nun nicht mehr viel. Große Reisen vor allem nach Italien und im Vorjahre nach Palästina, wechseln mit schriftstellerischer Tätigkeit. Daneben lief stets die lebendige Tätigkeit des Redners einher - gerade die jüdischen Schriften sind fast alle keine Schreiben, sondern Reden und die des Organisators geistigen Lebens. Schon der Lüiifuiid/wan/igjährige hat, mit Berthold Feiwcl zusammeii, den ״Jüdischen Verlag“ begründet. Später hat sich Buber dann an der Leitung des ״F reien j ü d i - sehen L e h r 11 a 11 s e s“ in Frankfurt a. M. beteiligt, jener ein/igartigen Schöpfung Franz Rosenzweigs, die ein Lehrhaus für die Entfremdeten sein will, ein Beth-Hamidrasch für die Peripherie des Judentums, urn sie allmählich wieder an seinen lebendigen Kern heranzuführeii. In den gleichen Zusammenhang gehört die im Kriegsjahre 1910 erfolgte Gründüng der Monatsschrift ״Der Jude“, die in der Geschichte der jüdischen öffentlichen Meinung Epoche gemacht hat; erstand doch hier zum ersten Male ein Forum, das in voller Freiheit, ohne Furcht vor dem Antisemitismus draußen und der Apologie drinnen, Juden und Christen vor die ganze Größe, Tiefe und Gefahr der Judenfrage stellte. Das sehr Seltene traf hier ein: ein großer Schriftsteller, der auch ein großer Redakteur war. Und heute stellt Buber in eitler noch merkwürdigeren Redaktionsleistung: er gibt, gemeinsam mit dem früheren Theologieprofessor, der noch heute ein katholischer, wenn auch exkommunizierter Christ: mit Prof. Joseph Wittig, sowie mit dem protestantischen Viktor Freiherrn von Weizsäcker die Vierteljahrsschrift ״Die K 1־ e at u r“ heraus, deren Namen schon sagt, was sie will: Vereinigung aller jener, die unter und über ihren Religionen, denen sie volle Treue halten wollen, anerkennen, daß ein Schöpfer sie, die Geschöpfe, erschaffen hat. Und deshalb ist Buber zugleich Schriftsteller und Redaktcur, weil er im Grunde in beiden) und altem eines ist; Lehrer. Als solcher ist er unermüdlich vor allem im Gesprach, in der liebevollen Beratung junger Menschen, und ist es auch heute an der Frankfurter Universität, wo er als Nachfolger des frühvollendeten Rabbiners N. A. N o b e 1 einen Lehrauftrag für jüdische Religionsphilosophie übernommen hat. Und nur als Lehramt hat Buber auch seine starke politische Tätigkeit stets angesehen. Im Zionismus trat er politisch hervor, besonders zur Zeit der ״Fraktion“ und seiner ״Welt“-Rcdaktion, später im ״Juden“, am XII. Kongreß, schließlich in der Vorbereitung der Volkshochschule für Palästina. IJeberall zugleich als Lehrer, dessen Gedankenwerk hier umrißhaft dargestellt werden soll. immer bis auf die spanische Epoche zuriiekzugrciferi, wenn man die jüngsten Gewährsmänner jüdischer Religionsphilosophie zitierte. Es nützte dabei nichts, mit modernen Vor- Stellungen neuerer Philosophen zu operieren: im Kern blieb man mittelalterlich. Schon das Wort Religionsphilosophie hatte den Beiklang einer Spekulation bekommen, die mit wissenschaftlicher Methode ein unnötiges Phantasiegeriimpe! zu tieferem Sinn ordnen möchte. Das neue Vorwort des lebensnahen Buber, das ihn trotz aller Unterschiede in eine überraschende Nähe zu Hermann (lohen führt, wird noch einem späten Betrachter deutlich machen, wie sicli die heutige Wendung in der jüdischen Religionsphilosophie von verschiedenen Seiten 11er vorbereitete, wie aber nur e i n e 1־ sie zu wahrer innern Aktualität erhoben hat. Sobald einmal aus dem Geist strengen Vernunftglaubens der Durchbruch zur ständigen religiösen Situation des Menschen gefunden ist und das bloße A 1 s - 1M e n s e h - D a -Sein nicht mehr von der Gier nach gegenständlichen Wissensdaten, vom Haben, geblendet ist, breitet sich im Menschen immer mächtiger die Zone aus, die von religiösem Erfahren durchsättigt ist. Diesem Erfahren haftet eine zweifache Bewegung an: die eine ist gleichsam eine Welle des Gefühls, deren Ab und Auf die Intensität des religiösen Erfahrens bestimmt, die andere ist die (iegenbewegung des Verstandes, der auf rationalc Weise eleu geheimnisvollen Gehalt clor religiösen Wirklichkeit, die uns erfüllt, bewältigen möchte. Diese beiden Bewegungen sind ohne einander unmöglich•, sie durchdringen, steigern oder mindern einander; sie erst schaffen durch ihr Beisammen den ganzen religiösen Menschen. Hermann (,oben hat sich in der Wirklichkeitsverachtung des Kantianers auf die rationale Seite geschlagen und, ohne Bindung au das Gefühl selbst, den jüdischen Anteil an dieser allmenschüehen Bewältiguugsarbeit ais den unvergleichlichen, den allein vermuiftu aliren durchdacht. Aber sein unablässiges Problem war nicht die Wirklichkeit des Menschen, sondern die der Ideen. Es war der Ertrag eines Denkerlehens, daß die Ideen der Sitteulehre in ihrem letzten Warum und in ihrer Abwendharkeil dem Verstände nicht genügen und daß sie durch die vernunftrnäliigen Ideen, wie sic der Religion allein zukommen, ergänzt werden müssen. So sehr er ais erster in der neuen Zeit die Bewältigung des rationalen Teiles in der religiösen Erfahrung auf jüdische Weise und dogmenlos vertieft hat, so fehlte ihm (als Denker) der Sinn tiir den andern

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