Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1928)
- Date
- 1928-01-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 64 JUEÖISCH! RUNDSCWXD Nr. 0, 31. L!928 sich beim Grüßen mit einem sachlich-trockenen ״Hallo", ohne die Hand zu geben, was umständlich und zeitraubend ist Vom soziologischen und ökonomischen Standpunkt aus konnte ich eine derartige Vereinfachung des Grüßen* verstehen. So ist vielleicht der wirtschaftliche Rückstand, die mangelhafte kapitalistische Entwicklung des ehemaligen Russischen Reiches auf die Gewohnheit seiner Bewohner zurückzuführen, bei dem ״Sdrastwujte“ — dem beseelten russischen ״Hallo" —- die. Hand zu ergreifen und sie lange, lange zu schütteln. Bel der Riesenbevölkerung Rußlands und in Anbetracht dessen, daß jeder russische Bürger einige Male am Tage auf diese patri* archaische Weise seinen Gruß ausführt, kann man sich vorstellen, welcher Verlust an Zeit, die der Wirtschaft hätte zugute kommen können, sich hier ergibt. Also dem Seelenlosen, sachlich-trockenen ״Hallo" war ich bereit, volles Verständnls entgegenzubringen, obwohl ich mich dabei immer gewissermaßen an gerempelt fühlte, aber doch, warum beschloß man gerade jetzt, mich in dieser Arbeit zu begrüßen? Warum hielt man es für richtig, die gewiß etwas umstlndliehe Zeremonie, mit der man mich im Anfang grüßte, gerade jetzt aufzuheben? Es sah fast wie Maßregelung aus. Sehr bedenkliche Symptome, allzu deutliche Zeichen eines beginnenden Umschwungs. Ich unterließ es nicht, mich mit meinem Freunde Mr. Stone darüber zu unterhalten, der meine Vermutungen bestätigte, aber gleichzeitig das unvermeidlich Kommende sehr natürlich fand. Denn — sagte Mr. Stone, als ich eines Nachmittags mit ihm über die Cherbrooke Straße spazierte, — das, was Sie kommen sehen, ist eine Entfesselung, ist eine Befreiung von einem Joche, Sie haben den Leuten hier etwas aufgedrängt, wonach sie sich niemals sehnten. Sie waren naiv und weitfremd genug, auf einem Vortrag über Tschechows Dramen, den Sie Im Liberalen Club vor jüdischen Rechtsanwälten hielten — auf deren Wunsch zwar, weil nämlich das Moskauer Künstler-Theater aus New York nach Montreal kommen sollte — die erfolglosen Helden des berühmten Dichters und Dramaturgen zu glorifizieren. Und dabei vergaßen Sie sich derart, daß Sie einen Hymnus auf die Erfolglosigkeit überhaupt ansümmten. Und das hier in Amerika, wo der Erfolg zu einer Gottheit, der alle dienen, erhoben wird. Und was haben Sie sich auf dem Vortrag im Westmount Tempel geleistet, wo Sie vor vierhundert Frauen, Mitgliedern der ״Hadassah“, über ״Das Verbrechen des Vergessens“ gesprechen haben? Sie äußerten Empfindungen des Schmerzes über einen Zustand, der den zu Ihrem Vortrag Erschienenen nur Freude bereitet. Denn die Kreise, vor denen Sie Ihre Klagen führten, vergessen die jüdische Sprache gern. Sie haben einen Artikel mitgebracht, lieber Freund, der hier nicht benötigt wird, und nur aus Schwäche, aus Inkonsequenz und auch aus Gutherzigkeit ließ man sich herbei, einiges von Ihrem Vorrat abzunehmen, ohne ihn zu gebrauchen. So sprach Mr. Stone, eindringlich und temperamentvoll, was ich bei seiner sonstigen phlegmatischen Art kaum verrautet hätte. Mit einer Rücksichtslosigkeit, die mich nur deshalb nicht in Erstaunen setzte, weil ich wußte, daß er sie auch gegen sich selbst wandte, gab er mir die ganze Ucberfiüssigkeit meines Vorhabens hier zu verstehen. Nun verstand ich, daß das Wiederaufnehmen des Kartenspiels in meiner Gegenwart nicht nur als unerfreuliches Symptom eines beginnenden Umschwungs zu betrachten war, es war wie ein Aufatmen vou Menschen, die aus Rücksicht auf den Schriftsteiler eine Urleldenaehaft wie das Kartenspiel wochenlang unterdrückt hatten. —־ Aus all dem ergaben sieh aber für mich schwere, einsame Wochen und Monate in Montreal .... (Fortsetzung folgt) Oie jüdische Sonderschan der JPressa“ Die Arbeiten für die Jüdische Sonderschau auf der Internationalen Presse-Ausstellung ״Pressa“, die im Mai d. J. in Köln eröffnet wird, schreiten gut vorwärts. Für den zu errichtenden ״Jüdischen P a v ii 1 on“ sind die Pläne bereits fertig, so daß mit dem Bau schon in den nächsten Tagen begonnen werden wird. Namhafte jüdische Körperschaften des Auslandes, besonders Amerikas, Englands, Hollands und Frankreichs, haben ihre Bereitwilligkeit, sich an der Jüdischen Sonderschau zu beteiligen, zum Ausdruck gebracht Bei den gelehrten jüdischen Körperschaften des Auslandes macht sich ein besonderes Interesse für den historischen Teil der Aus- Stellung geltend. In England haben sich die Interessenten der Jüdischen Sonderschau, in erster Linie die Vertreter der jüdischen Zeitungen, zu einem Komitee zusammengeschlossen. Jacob Abraham and Abraham Abramson Von Dr. Karl Schwarz. Zu einer Zeit, da man nur ganz vereinzelt von der kflnst* lerisehen Betätigung der Juden hört und e« die sozialen Ver* hältnisse auch noch nicht zuließen, daß sie als Bildhauer oder Maler eine Rolle spielten, finden wir in der Medaiilenkunst bereits mehrere Vertreter, deren Arbeiten allgemeine Beachtung verdienen. Es ist aber bisher durch unzulängliche Nachrichten über Lebensumstände und Wirken der einzelnen Persönlichkeiten kaum möglich, mehr als einen summarischen Ueberbllck zu gewinnen. Zu Ende des 18. Jahrhunderts treten eine ganze Reihe von Namen auf, doch kennen wir meist nicht viel mehr als diese. Verschiedene Herrscher bedienten sich der Kunstfertig* keit jüdischer Künstler, wie Friedrich der Große, die Könige von Schweden und Dänemark. Die bisher bekannten aber werden von den beiden könig* liehen Medailleuren lacob Abraham und dessen weit bedeutenderen Sohn Abraham Abramson überragt, deren Kenntnis uns eine bedeutende Publikation der ״Gesellschaft für Förderung der Wissenschaft des Judentums“ vermittelt*), die gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Berliner Kunst um die Wende des 18. Jahrhunderts liefert. Jacob Abraham, der Vater, der 1723 geboren wurde, kam vermutlich mit vier iahren nach Mecklenburg-Strelitz, erlernte mit 13 Jahren in Polnisch-Lissa das Steinschneiden und Gra• vieren und kam 1750 nach Berlin. Er arbeitet in Stettin. Königsberg, Danzig und Dresden und kehrt 1760 wieder nach Berlin zurück, wo er bis an sein Lebensende (1800) als königlicher Medailleur an der preußischen Münze tätig ist und u. a. die Medaillen auf die friederizianischen Siege bei Roßbach, Zorndarf, Liegnitz und Torgat! schafft. Es ist wenig bekannt, daß Abraham der Schöpfer des neuen preußischen Adlers auf den Talern Friedrichs des Großen isf, der nach dem Urteil eittes Kenners wie Schröteer ,die schönste und charakteristischste Kehrseite aller preußischen Münzen Ist". Der Sohn, der sich unter günstigeren Bedingungen entwickeln konnte, setzte das von dem Vater begonnene Werk fort. Abraham Abramson, 1754 in Potsdam geboren, erhielt den ersten Unterricht bei seinem Vater, der ihn ״das Mechanische seiner Kunst lehrte", lernte dann bei Tassaert zeichnen und modellieren und wurde mit 17 fahren Assistent seines Vaters, 1787 schickte ihn der Minister Heinitz auf Staatskosten auf eine Studienreise, die ihn über Dresden, Prag, Wien, Venedig und Florenz nach Rom führte, wo er zwei fahre blieb. 1791 kehrte er nach Berlin zurück und arbeitete von da an bis an sein 1 ebensende (181י) als königlicher Medailleur an der preußischen Münze. Seit 1786 stellte er in der Kunstakademie seine Porträtmeda'llons aus, 1792 wurde er deren außerordentliches Mitglied. Bereits 1781 war er zum Ehrenmitglied der Malerakademie in Venedig, später auch zum Mitglied der Akademien Florenz und Kopenhagen ernannt worden. Ein groß angelegtes Unternehmen, das der kaum Zwanzigiihrige. zuerst in Gemeinschaft mit seinem Vater, begonnen hatte, kam nicht zu dem gewünschten Abschluß. Er wollte in einer ״Reihe deutscher Gelehrter" eine Medaiilenserie ״auf die besten Könfe De״tsch!ands" fertigen und begann sie mit dem Porträt Moses Mendelssohns. Es folgten Sulzer, Ramler, Soalding, Euler, Wieland, Lessing und Kant. Zu der Wieland* Medaille zeichnete Goethe eine Visierung, Leasings Medaille ent* stand erst nach dem Tode des Dichters, während die auf Kant zu dessen 60. Geburtstag von seinen H5r״m gestiftet wurde. Bereits die erste Arbeit dieser Serie, die 1774 entstandene Mendelssohn-Medail'e, zeigt die große Kunstfertigkeit Abramsons. Neben den bekannten Darstellungen des jüdischen Philosophen von Tassaert, Frisch. Rode. Chodowiecki und Graff soll Abratnsana. BiMnfe. das lebenswaprstg» 5: :׳" vt:. Von den auf Privatpersonen gemachten Prägemedailten verdienen besonders hervorgehoben zu werden: Daniel Itzig und Marcus Herz und das aus seiner Saatzeit stammende, wenig bekannte, ganz ausgezeichnete Porträt des Berliner Anatomen Joh. Gotth. Walter. Als anläßlich der Jahrhundertfeier der preußischen Königwürde Loos und Abramson auf Grund einer Kabinettsorder angewiesen wurden, eine Medaille zu fertigen, wurde Abramsons nach eigener Idee und Zeichnung gemachter Entwurf approbiert und dem Künstler als königliche Anerkennung 400 Reichstaler zuerkannt. Die Vorderseite der Medaille zeigt die Brustbilder der ersten fünf Könige nebeneinander, auch die auf der Rück- Seite dargestellte sitzende Borussia ist eine glückliche künstlerische Lösung, die ganze Medaille das beredteste Zeugnis dafür, wie weit sich der Künstler — zumal durch seine Studienreise, den langen Aufenthalt in Rom und dort wOkl hauptsächlich in freundschaftlichem Verkehr mit dem Bildhauer Trippei — von anfänglicher Abhängigkeit zu künstleris.ner Selbständigkeit entwickelt hat. *) Tassilo Hoffmann, Jacob Abrahcm und Abraham Abram* son, 55 Jahre Berliner Medaiilenkunst 1755—1810, Frankfurt am Main, 1927, Verlag J, Kauffmann. lieber die Arbeitsweise Abramsons unterrichtet uns das einzig erhaltene Original eines Medaillenentwurfes, das sich in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin befindet. Auf Schiefer hat der Künstler in hellem Wachs das Brustbild des Fürsten von Hessenstein modelliert Der Vergleich mit der Prägemedaille zeigt, mit welch minutiöser Kunstfertigkeit er bei dem Modell zu Werke ging und welche Feinheiten seine Bossierungen aufgewtesen haben müssen. Abramson veröffentlichte auch mehrere Schriften, deren beste die kleine Schrift ״Versuch über den Oeschmack auf Medaillen und Münzen" (Berlin 1801) ist. Es ist das Verdienst Dr. Hoffmanns, das Lebensbild und den Wirkungskreis dieser vielseitigen, bisher in seiner Bedeutung weit unterschätzten, durch falsche Zuweisungen und nicht erkannte Arbeiten getrübten Persönlichkeit klar Umrissen und aus der Vergangenheit gehoben zu haben. Die Mühen Hoffmanns, aus Archiven und Sammlungen, aus Akten und Urkunden das ungeheure Material herauszufinden, wurden noch durch eine ganz besondere Entdeckung belohnt. Im Joachimsthalschen Gymnasium zu Templin fand der Verfasser 30 Schwefelabgüsse von bisher unbekannten Porträtmedaillons, die zwischen 1785 und 1795 entstanden, an küntlserischera wert alle anderen Arbeiten Abramsons fibertreffen. Unter den Dargestellten erscheinen Friedrich der Große und andere Mitglieder des Königshauses, Zieten, der Minister Heinitz, der Chef und Gönner Abramsons, Ramler, Chodowiecki, Tassaert, Leibniz und Lessing. In den vorzüglichen Reproduktionen der Reichsdruckerei, die die Arbeit Hoffmanns zu einem numismatischen Prachtwerk gestalten, lernen wir diese Kostbarkeiten kennen und durch sie die Bedeutung Abraham Abramsons, dessen von vielen kleinliehen Sorgen, ungerechten Zurücksetzungen und wenigen Lichtblicken getrübtes Leben eine wichtige Epoche deutscher Kunst darstellt. Hebräische Inschriften ln filozel? Der bekannte Schweizer Archäologe Dr. Volten äußert sich in der ״Neuen Züricher Zeitung“ zu den Funden von Olozel in Frankreich, um deren Echtheit oder Nichtechtheit ein so großer Streit entbrannt ist. lieber die Echtheit der Stein- und Tontäfetchen, schreibt Dr. Volten, entscheiden die Inschriften, die mau noch recht gut lesen kann; ihre Schrift, ihre Sprache und ihr Inhalt waren von einem Fälscher nicht zu erfinden. Als mir Ende des Jahres 1927, fährt Dr. Volten fort, eine aus der Illustration entlehnte Abbildung eines der beschriebenen Täfelchen zu Gesicht kam, war ich sofort betroffen von der großen Verwandtschaft der Schrift mit der sogenannten sinaitischen Schrift. Gemeint ist damit die Schrift, mit der die unter der Pharaonin Hatschepsut (1501—1480 vor Chr.) und dem Pharao Thutmoses III. (1480—1447 vor Chr.) in den Minen der Sinaihalbinsel arbeitenden Hebräer ihre kielnen Bildwerke und Steintafeln beschrieben haben. Man hat diese erst vor wenigen Jahren gefunden, in und bei den Ruinen des ägyptischen Tempels auf der Höhe von Serabit el Rhadern. una hat inzwischen auch die Schrift auf diesen kleinen altnebräischen Denkmalen, in der Hauptsache jedenfalls, entziffert. Mit Hilfe der hier gewonnenen Ergebnisse konnte ich die blob mit Konsonanten geschriebene Inschrift auf dem Täfelchen ohne große Schwierigkeit lesen. Es steht darauf: ״Sakaph ist begraben (gn(u)z), der Sohn (bn) von Lahak (Lik?). Die Erinnerung (zeker) hat mich bewogen oder getrieben (ndan(j) mit. Aleph)" — nämlich die Tafel aufzustellen. Man hat es hier also mit einer Totentafel oder Oedächtmstafel für eineuVerstorbenen zu tun. Sie erinnert iWtnf Tnhilt nach-sflric an die Jofentaleln am S’wai (vgf. auf den letzteren: ״begraben ist Joseph oder begraben ist $...“ mit demselben Ausdruck ganuz, begraben). Auch die Schrift der Tafel entspricht zu einem guten Teil noch unmittelbar der sinaitischen, und die Sprache Tcann man als althebriisch bezeichnen. Hieraus habe ich geschlossen, daß in alter Zelt, am Ende der neolithischen Kulturperiode, die in so abgelegenen Gegenden wie der von Glozel besonders lange fortbestanden haben wird, frühestens um 1400 vor Chr., eher einige Zeit später, Semiten aus der Sinaigegend (Kaniter oder Hebräer, oder Angehörige anderer semitischer Stämme) nach Glozel gekommen sein müssen, sich hier auf einem Terrain, wo früher Menschen mit präolätluscher und neo!ithl;cher Kultur gewohnt hatten, niedergelassen und von da aus mit der Umgegend Handel getrieben haben. Aus Anlaß der 35jährigen wissenschaftlichen Tätigkeit des hervorragenden jüdischen Gelehrten Prof. Benedetto Morpurgo veranstaltete die Turiner Universität eine Feier. Schnorrer, obwohl man gerecht zugeben mußte, daß der Souffleur sich redliche Mühe gab, einen anständigen Beruf zu ergreifen. Er wollte Kaufmann werden und das wurde man am besten, in dem man ״Geschäfte machte“. ״Siehst Du, Glanz macht ganz gute Oeschäfte,“ sagt Onkel Phöbus. ״Was für Geschäfte?“ ״Mit Valuta,“ sagt Phöbus Böhlaug, ״gefährlief! ist es, aber sicher. Es ist eine Glücks- Sache. Wenn einer keine glückliche Hand hat, soll er nicht an fangen. Aber, wenn einer Glück hat, kann er in zwei Tagen Millionär sein." ״Onkel,“ sage ich, ״warum handeln Sie nicht mit Valuta?“ ״Gott behüte,“ schreit Phöbus, mit der Polizei will ich nichts zu tun haben! Wenn man gar nichts hat, handelt man mit Valuta.“ ״Phöbus Böhlaug soll mit Valuta handeln?“ fragt Abel Glanz. Und diese Frage kommt aus tiefer Empörung. ״Es ist nicht leicht, mit Valuta zu handeln,“ sagt Abel Glanz. ״Man setzt sein Leben auf’s Spiel — es ist ein jüdisches Schicksal. Man lauft den ganzen Tag herum. Brauchen Sie rumänische Leis, bietet Ihnen jeder Schweizer Franken. Brauchen Sie Schweizer Franken, gibt Ihnen jeder Leis. Es ist eine verzauberte Oeschichte. Ihr Onkel sagt, ich mache gute Geschäfte? Ein reicher Mann glaubt, jeder macht gute Geschäfte.“ ״Wer hat Ihnen gesagt, daß ich ein reicher Mann bin?“ sagt Phöbus lauernd. ״Wer soll mir das sagen? Das braucht man mir nicht zu erzählen. Die ganze Welt weiß, daß die Unterschrift Böhiaugs Geld wert ist.“ ^Die Welt lügt!" schreit Böhlaug, und seine Stimme klettert in eine hohe Tonlage. Er schrie, als hätte ihn ״die Weit" eines großen Verbrechens bezichtigt. Alexander! trat ein, im neumodischen Anzug eia gelbes Netz über dem glattfrisierten Kop Er duftete nach allerlei, nach Mundwasser und Briliantine und rauchte eine süß parfümierte Zigarette. ״Es ist keine Schande, Geld zu haben, Vater,“ sagt er. . ״Nicht wahr?“ rief Glanz freudig. ״Ihr Vater schämt sich.“ Phöbus Böhlaug goß neuen Tee ein. ״So sind eigene Kinder‘“ jammerte er. Phöbus Böhlaug ist In diesem Augenblick ein ganz alter Mann. Aschgrau das Angesicht, Runzelnetze auf den Augenlidern, die Schultern vorgeneigt, als hätte ihn jemand verwandelt. ״Wir leben alle nicht gut,“ sagt er. ״Man arbeitet und schindet sich ein ganzes Leben und dann wird man begraben.“ Es ist plötzlich sehr ruhig geworden. Auch dämmert der Abend schon. ״Man muß Licht machen!" sagt Böhlaug. Das war für Olanz gesagt. ״Ich gehe schon, besten Dank für den guten Tee!“ Phöbus Böhlaug gibt ihm die Hand und sagte zu mir: ״Komm׳ Du auch nicht so selten 1“ Glanz führte mich durch unbekannte GIßchen, an Höfen vorbei, verwahrlosten Oehöften, freien Plätzen, auf denen Schutt und Mist lagerte, Schweine grunzten, mit kotigen MSu* lern Atzung suchend. Grüne FUegenschwirme summten um Haufen dunkelbraunen Menschenkotes. Die Stadt hatte keine Kanäle, es stank aus allen Häusern und Olanz prophezeite plötzliehen Regen aus allerlei Gerüchen. ״So sind unsere Geschäfte,“ sagt Glanz. ״Böhlaug ist ein reicher Mann mit einem kleinen Herzen. Sehen Sie, Herr Dan, die Mensehen haben kein schlechtes Herz, nur ein viel zu kleines. Es faßt nicht viel, es reicht gerade für Frau und Kind.“ Wir kommen in eine kleine Gasse. Da stehen Juden, spazieren in der Straßenmitte, haben Regenschirme, lächerlich gewickelte, mit krummen Krücken. Sie stehn entweder still mit sinnenden Gesichtern, oder gehen hin und zurück, unaufhörlich. Hier verschwindet einer plötzlich, dort kommt ein anderer aus einem Haustor, sieht forschend nach links und rechts und beginnt zu schlendern. Wie stumme Schatten gehen die Menschen aneinander vorbei, es ist «ine Versammlung von Gespenstern, längst Verstorbene wandeln hier. Seit tausenden Jahren wandert dieses Volk in der engen Gasse. Wenn man näher kommt, kann man sehn, wie zwei stehen bleiben, eine Sekunde lang murmeln und aneinander Vorbeigehen, ohne Oruß, um sich nach wenigen Minuten wieder zu treffen und einen halben Satz zu murmeln. Ein Polizist erscheint, mit gelben knarrenden Stiefeln, schlenkerndem Säbel schreitet er gerade durch die Straßenmitte, an ausweichenden Juden vorbei, die ihn grüßen, ihm etwas zurufen. lächeln. Kein Gruß, kein Zuruf hält ihn auf, wie ein aufgezogener Mechanismus schreitet er seine Straße ab, mit abgemessenen Schritten. Seine Wanderung hat keinen Einzigen erschreckt ״Streimer kommt," flüstert jemand an Abel Glanz׳ Seite und da ist auch schon Jakob Streimer. In dem Augenblick entzündet ein biaugekittelter Mann eine Gaslaterne und es sieht aus, als wäre dies zu Ehren des Gastes geschehn. Abel Glanz wird unruhig, alle Juden werden es. Jakob Streimer wartet am Straßenende, prachtvoller noch, als der Polizist, erwartet er die Menge, die herankommt wie ein morgenländischer Fürst eine Abordnung bittender Untertanen. Er trägt eine goldene Brille, einen f“ * “ י ' ' Es sprach sich bald herum, daß Jakob Streimer deutsche Reichsmark brauche. Abel Glanz trat in einen Laden, in dem eine Frau scheinbar auf Kunden wartete. Die Frau verließ ihren Posten, eine Tür ging, ein Glöckchen schrillte, ein Mann trat aus dem Laden. Olanz kam zurück, strahlend: Ich habe Mark zu elf drei Achtel. Wollen Sie sich beteiligen? Streimer zahlt zwölf drei Viertel. Ich will fragen, Olanz fährt mit seiner Hand in meine Brusttasche, mit unheimlicher Sicherheit zieht er die Geldtasche, nimmt alle Scheine, steckt mir ein Bündel zerknüllter Banknoten in die Hand und sagt: ״Kommen Sie.“ ״Zehntausend,“ sagt er und bleibt vor Jakob Streimer stehn. ״Dieser Herr?“ fragt Streimer. ״Ja, Herr Dan." Streimer nickte. ״Savoy,“ sagte er. ״Gratuliere, Herr Dan,“ sagt Glanz, ״Streiiner hat Sie eingeladen.“ ״Wieso?“ ״Haben Sie nicht gehört? ״Savoy“ hat er ja gesagt. — Gehn wir!“ — ״wenn Ihr Onkel Phöbus Böhlaug ein weites Herz hätte, könnten Sie hingehn, Geld borgen, deutsche Mark kaufen — haben Sie in zwei Stunden hunderttausend verdient. Aber er gibt ihnen nichts. So haben Sie nur fünf verdient.“ ״Das ist auch viel.“ ״Nichts ist viel. Viel ist eine Milliarde,“ sagt Glanz träumerisch. ״Es gibt heutzutage kein viel. Weiß man, was morgen sein wird? Morgen ist Revolution. Uebermorgen kommen die Russen. Die alten Märchen sind wahr geworden. Sie bewahren heute hunderttausend im Schrank und gehn morgen hin und es sind nur fünfzigtausend. Solche Wunder geschehn heutzutage. Wenn nicht einmal das Geld noch Geld ist! Was wollen Sie mehr?“ (Fortsetzung folgt)