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Jüdische Rundschau · 1928-01-31 · Heft 9 (31.1.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 9 (31.1.1928)
Date
1928-01-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 31. Januar 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Ein jüdischer Schriftsteller reist nach Canada Von Sch. Gorelik. V. Kapitel. Anstrengende, aber nicht unangenehme Wochen. — ,Das Bankett im Windsor-Hotel und der vergebliche Kampf gegen das Wohlgefühl, das der Schriftsteller dabei empfand. — Ueber jüdische Bankette in Amerika überhaupt — Historische Parallelen, die sich von selbst aufdrängen. — Bedenkliche Symptome eines , beginnenden Umschwungs in den Beziehungen zum Schriftsteller. — Mr. Stone gibt die nötigen Erkürungen hierfür. Einige für mein Empfinden etwas anstrengende Wochen lagen nun bereits hinter mir. Die Hauptvorträge, die einen ganz anständigen materiellen Erfolg brachten, waren schon gehalten worden, der Höhepunkt der gemachten Bekanntschäften und Besuche war erreicht und das Bankett, dieser höchste Gipfel der Aufmerksamkeit, nach dem es nur ein langsames Hinabgleiten, Hinabsinken in dgs Tal der Vergessenheit gibt, hatte stattgefunden. Zwar waren sich die Veranstalter der Vorträge wie auch des Banketts über die Motive ihres Bemühens vollständig im klaren, Motive, auf die sie übrigens nur stolz sein könnten, weil sie von einer menschlichen Teilnahme an einem jüdischen Schriftsteller, der doch nun einmal da ist, zeugten. Und dennoch entstand eine Atmosphäre, die zu Irreführungen verleiten konnte. Es schien manchmal beinahe, als wäre mein Kommen nach Canada wirklich eine Notwendigkeit, um einem geistigen, literarischen Bedürfnis zu entsprechen. Merkwürdig genug, aber es gab Momente, wo ich selbst, trotz aller Vorbehalte, an diese Not- Wendigkeit zu glauben anfing. Solche Augenblicke, in deuen klare Erkenntnis durch Täuschung, und Einbildung getrübt wurde, kamen besondere auf dem Bankett, das mir die Montrealer j'üdische Intelligenz im Windsor-Hotel gab. Ausführ'ich auf dieses, mit Geschmack und ohne die sonst unvermeidlichen großen Uebertreibungen veranstaltete Bankett einzuge'cen, will ich mir versagen, weil ich mir eine solche Ausführlichkeit lieber für das fünf Monate später abgehaltene Abschiedsbankett Vorbehalten möchte, das eher einer Trauersitzung glich. Nur einige Beobachtungen, die ich über mich selbst auf diesem Bankett machte, Beobachtungen über einen Menschen, dem solches zum ersten Mal widerfährt, sind vielleicht der Erwähnung wert Also wie ist einem Menschen zumute, wenn er, von einem Kreis liebenswürdiger Damen und Herren umgeben, auf einen Ehrenplatz gesetzt wird, zu dem Zwecke, während der Dauer von einer oder zwei Stunden Angenehmes und Schmeichelhaftes über seine eigene Person zu hören? Am Anfang schien es mir heilige Pflicht, mich dem Wohlgejüjjt, Jas,ich ,dffefJppfand,,JBif;:4׳IJen Tfgiftep‘.zu,:;wider-. setzen. Ich sucKte Ablenkung von diesen verführerischen Worten, indem ich mir ausmalte, daß morgen schon kein einziger von den Anwesenden sich ihrer erinnern wird. Ich versuchte mich alsdann in Gedanken über die Eitelkeit dieser Welt zu versenken und rief mir einige Sprüche aus dem buddhistischen Buche ״Der Wahrheitspfad“ zu Hilfe, ein wunderbares Buch, das mir oft Trostspender auf meiner Canada-Reise war. Aber während ich diese und andere Maßregeln ergriff, um mich abzulenken, drangen doch die Worte der Redner an mein Ohr, und ich glaube kaum, daß mir ein einziges von ihnen verloren ging. Schließlich gab ich das Widerstreben auf und ließ mich von dem Strom der Lobreden treiben. Ich hielt es letzten Endes für angebracht, daß die guten Leute in dieser anerkennenden Weise über mich sprachen und fand ihre Worte maßvoll und gerecht. ... Der gütige, weise Lama aber aus Kip'hgs unsterblichem Buche ״Kim“ hätte gewiß anläßlich solch einer Schwäche seine bekannte Feststellung gemacht, daß ich ״angebunden“ sei ״an'das Rad der Dinge“ und noch weit davon entfernt sei, den mittleren Pfad, ״der der Pfad der Freiheit ist“, zu betreten . . . In der Montrealer jüdischen Zeitung stand am folgenden Tage eine ausführliche Beschreibung des Banketts, und der Berichterstatter hielt es für nötig, seiner Genugtuung darüber Ausdruck zu geben, daß sich dieses Bankett in überaus geschmackvoller, vornehmer Weise vollzog und merklich vou allen anderen Banketten ab wich, die durch die bekannte bombastische Art, durch die auf solchen Veranstaltungen üblichen Uebertreibungen, längst in Mißkredit gekommen sind. Er vergaß nur noch hinzuzufügen, daß das besonders Gelungene dieses Banketts vielleicht der Umstand war, daß alle, vom Vorsitzenden bis zu den Gästen, wußten, um was es sich handelte und wie der gefeierte Fremdling mit Namen hieß. Sollte sich jemand über diese Feststellung wundern, so sei ihm vorgehalten, daß man in Amerika, hauptsächlich in der Provinz, häufig bei solchen Anlässen verblüffende Dinge erlebt. Es kann Vorkommen, daß der Vorsitzende des Banketts, nachdem er den Gast als den größten Schriftsteller oder den größten Denker gepriesen hat, plötzlich zu stocken, zu stolpern anfängt und in entsetzliche Verlegenheit gerät, weil er auf den Namen des Gepriesenen nicht kommen kann. In einer großen Provinzstadt Amerikas wurde Scholem Alclchem vorn Vorsitzenden eines Empfangsabends dem Publikiint als der berühmte jüdische Schrift toller Scholcm-Asch- Aleichem-Abratrovitsch vorgtetelli Mit Bialik so'l es während seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten in dieser Hinsicht noch viel kurioser zugegangen sein. Ein Bankett- Chairman, der sein Amt nicht seinen Kenntnissen der hebräischen Literatur, sondern der finanziellen Kraft, die er darstellte, verdankte, redete in einemfort von einem genialen jüdischen Dichter Belkin, ßjelitzki, Bclkowitz, Bjelski, Bjelowetzki, Bjelarod usw. Er war auf dem Gebiete der Namengebung erfinderisch bis zum höchsten Grade, nur auf den richtigen Namen des Gefeierten konnte er n'cht kommen. Man erzählt, daß unser Dichter — auf Derartiges gefaßt ~ eine Zeitlang geduldig zuhörte, schließlich aber sich an den Vorsitzenden mit der Bitte wandte, ob es denn nicht möglich sei, sich auf den Namen Bolok zu einigen, womit wenigst■ 11s eine Aehnüchkeit hergestellt sei. Mag sein, daß sich in Wirklichkeit die Sache nicht ganz so zugetragen hat, aber die angeführten Beispiele sind einige von den unzähligen Anekdoten, die man in Amerika hört, .sobald man auf jüdische Bankette zu sprechen kommt. Das Charakteristische ist, daß alle derartigen Veranstaltungen längst jede Spur von Unmittelbarkeit, von Echtheit verlören haben. Weder der Gast, der die schwülstigen Reden über sich ergehen 13ssen muß, noch die Redner selbst messen der Rhetorik irgendwelche innere Bedeutung bei. Es ist nichts als eine etwas geräuschvolle An- und AbmeldungspHicht, die jeder jüdische Gast, der aus Europa nach Amerika kommt, mechanisch zu erfüllen hat Der Gefeierte sowohl wie die Feiernden sind am Schlüsse des öffentlichen Schauspiels selbst die talentvollsten Spötter über solche Bankette, und es gibt schon eine sehr reiche Sammlung •von gelungenen 'Witze« Hiber״■Naivlinge*;-die" mm, ersten Mal ein Bankett erleben, sich in ihrer Einfalt auf die wunderbaren Dinge, die sie über sich zu hören bekommen, etwas einbilden und es nicht verschmerzen können, wenn ihnen am folgenden Tage völlige Gleichgültigkeit zuteil wird. Sache der Moralisten wird es allerdings sein, einmal zu untersuchen, ob nicht das Bankettunwesen die n'cht wegzuleugnende Respektlosigkeit gegenüber dem großen, fc'erüchen Wort, die wir jetzt währnehmen, hervorgerufen hat Erstaunlieh in der Tat ist die Leichtigkeit, mit welcher man bei uns solche Ausdrücke Wie ,.genial“, ״größter Denker“, ״Prophet' gebraucht. Stirbt jemand, der auf Anerkennung uni dankbares Gedenken mit Recht Anspruch erheben dürf e, so wird die Bedeutung des Verlustes, den das Volk durch Hinscheiden des wertvollen Menschen erlitten hat, derart übertrieben, daß das Weiterbestehen der Welt nicht nur als eine Ueberraschung, sondern als Hne Unhöflichkeit dem Verblichenen gegenüber erscheint. Das Schwelgen in Superlativeu hat besonders in den letzten Jahren der häufigen Bankette das Maßlose erreicht Wird ein Schriftsteller gefeiert, so geschieht es in einer Form, die zu der Frage berechtigt, Wozu in aller Welt die Klagen der Nörgler und Unzufriedenen über eine kleine Zeit, die arm ist nicht nur an Genies, sondern an großen Talenten überhaupt Und was manchmal bei der Begrüßung eines jüdischen politischen Führers an Geschmack- und Stillosigkeit geleistet wird, ist gar nicht auszudenken. Die Anrede ״großer Staatsmann“, womit ein Gladstone sich hätte zufrieden geben können, scheint einem jüdischen Toastmeister zu schwach, zu farblos, und deshalb verleiht er dem Gefeierten die höchste Würde, nennt ihn ״Prophet*‘ noch dazu, außer acht lassend, daß es unmöglich ist, gleichzeitig Staatsmann und Prophet zu sein. Der Prophet hat die Aufgäbe, den Staatsmann zu bedrängen, ihm arg zuzusetzen, womöglich ihn zu stürzen, und dem Staatsmann obliegt eine schmerzliche aber notwendige Pflicht, den Propheten seinerseits unschädlich z.u machen und ins Gefängnis zu werfen. Es sind entschieden unvereinbare Aemter. Das Unwesen der Bankette im öffentlichen jüdischen Leben datiert von jenem unglückseligen Zeitpunkt her, wo ein Teil, der größte Teil des jüdischen Volkes, gezwungen war, regelmäßig Delegationen nach Amerika zu entsenden, wohüi sich dank der gütigen Vorsehung ein beträchtlicher Teil unserer Nation zur rechten Zeit gerettet hat. An und für sich ist cs keine Seltenheit in der jüdischen Geschichte, daß ein bedrängter Teil des Volkes bei dem unbedrängten um Hilfe sucht.. Glücklicherweise wurden die Juden nie in allen Ländern zu gleicher Zeit verfolgt, es gab immer hie und da Oasen des Friedens und der Ruhe und nach diesen Oasen pilgerten jüdische Gesandte mit ihren traurigen Botschäften. Aber die jüdischen Delegationen von ehemals leiteten ihre Mission gewiß nicht durch geräuschvolle Bankette, sondern durch inbrünstiges Beten ein. In Konstantinopel, im Haus; der wunderbaren Donna Grazia Mendesia wurden, nachdem die Vertreter der spanischen Maramten und der Fluchtlinge aus Ancona ihre traurigen Berichte erstattet hatten, gemeinsam Psalmen gesungen, worauf sich der Schwiegersohn dieser größten jüdischen Frau jener Zeit, Josef Nassi, Herzog von Naxos genannt, zum Sultan begab, uro poll!sehe Hilfe für die verfolgten Juden zu erwirken (wobei er übrigens mehr Erfolg hatte als einflußreiche Juden heutfutage), Und während der jüdische Patrizier seinen Einfluß ausübte, schrieb Donna Grazia Briefe an ihre Handelsagenten und sandte ihre Handelsschiffe aus, die überall die Flüchtlinge aufnahmem Die Delegationen verließen, durch Trost und Hoffnung gestärkt, das Haus der j'üdischea Patriotin. Ein Abschiedsbankett fand nicht statt, nur frommer Gesang ertönte; Hilf Deinem Volk und segne Dein Erbe Und weide und trage sie Ws in die Ewigkeit Neige mir Dein Öhr, schleunig rette mich. Sei mir ein Fe's, der Beste, Ein Bergschloß, mir zu helfen. Und Donna Grazia sang mit ... * * 1 Einige Abschweifungen vom eigentlichen Thema, die ich mir öfters erlaube, möge der Leser verzeihen. Die Betrachtungen drängen sich manchmal wie von selbst auf, und sie erleichtern dem Schreiber dieser Zeilen gewissermaßen die Berichte über weitere persönliche Begebenheiten. Historische Parallelen, die hier angeführt werden, sind sozusagen Rechtfertigung für den jüdischen Schriftsteller, der sich anmaßt, Aufmerksamkeit für sein Wohlergehen während seines Aufenthalles in Canada zu beanspruchen. Was nun dieses Wohlergehen nach dem stattgefundenen Bankett betrifft, so war es nicht besonders erfreulich. Mit Zwangläufigkeit stellte s ch nach dem feiern :hen Würdigung;- akt ein merkliches Erkalten der Temperatur bei meinen Bekannten ein. Es häuften sich die Symptome eines völligen Wetterumschwungs, der nach nicht allzu langer Zeit auch wirklich eintreten sollte. Leidenschaften, wie das Karlenspielen, die in den Häusern, wo ich verkehrte, unterdrückt worden waren, brachen in ihrer ganzen Kraft wieder aus. Die sympathisch berührende Rücksicht, in meiner Gegenwart jüdisch zu sprechen, wurde fallen gelassen. Einige begnügt n Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. (3. Fortsetzung.) Wie war er gekommen? In meinem Zimmer, auf dem Nachtkästchen, fand ich eine Rechnung, mit aufgedrucktem Vermerk: ״Die geehrten Gäste werden höfl. ersucht, in bar zu zahlen. Schecks werden prinzipieD nicht angenommen. Hochachtungsvoll Kaleguropulos, Hotelwirt“ Der Direktor kam nach einer Viertelstunde und bat um Entschuldigung, es wäre ein Versehen und die Rechnung für einen Gast bestimmt, der darum gebeten hatte. Der Direktor schied, er war aufrichtig erschrocken, seine Entschuldigungen nahmen kein F.nde, es war, als hätte er einen Unschuldigen zum Tode verurteilt, so überwältigte ihn die Reue. Er verbeugte sich noch einmal, zum letztenmal, tief, die Türklinke in der Hand, die Rechnung bergend, verschämt, in den Schößen seines Cuts. Später belebte sich das Haus, wie ein Bienenstock, in den die Bewohner mit süßer Beute sinschwärmen. Hirsch Fisch kam, und die Familie Santschin und viele andere, die ich nicht kannte, auch Stasia kam. Sie hatte Angst, in ihr Zimmer zu gehn. ״Weshalb fürchten Sie sich?“ sage ich. ״Es ist eine Rechnung da,“ sagt Stasia, und ich kann sie doch nicht bezahlen. Ignatz wird wieder mit dem Patent kommen müssen. Was das für ein Patent wäre? .,Später“ sagt Stasia. Sie ist sehr aufgeregt, sie trägt eine dünne Bluse und ich sehe ein leises Zittern ihrer kleinen Brüste. Auf ihrem Nachtkästchen lag eine Rechnung. Sie war ansehnlich; wenn ich sie bezahlen wollte, hätte sie mehr als die Hälfte meiner Barschaft verschlungen. Stasia erholte sich leicht. Vor dem Spiegel entdeckt sie einen Blumenstrauß, Nelken und Sommerblumen. ״Die Blumen sind von Alexander Böhlaug,“ sagt sie, ״aber ich schicke niemals Blumen zurück. Was können sie dafür?“ Dann schickt sie um Ignatz. Ignatz kam, mit forschendem Gesicht, und verbeugte sich tief vor mir. ״Ihr Patent, Ignatz,“ sagt Stasia. Ignatz zieht eine Kette aas der Hosentasche und greift nach einem Toiletteköfferchen vor dem Spiegel ״Das dritte*‘ sagt Ignatz und legt die Kette vierfach um den Koffer. Er hat dabei ein wollüstiges Gesicht, als fesselte er Stasia und nicht ihr Gepäck. Er hängt an die Kettenenden ein kleines Schloß, faltet die Rechnung und birgt sie in seiner abgegriffenen Brieftasche. Ignatz leiht jedem Geld, der Koffer hat Er bezahlt die Rechnungen der Parteien, die ihm ihre Gepäckstücke verpfänden. Die Koffer bleiben in den Zimmern ihrer Besitzer, sie sind von Ignatz versperrt und können nicht geöffnet werden. Das Patentschloß hat Ignatz selbst erfunden. Er kommt jeden Morgen nachsehn, ob ״seine“ Koffer unberührt sind. Stasia begnügt sich mit zwei Kleidern. Drei Koffer hat sie verpfändet. Ich beschließe, einen Koffer zu kaufen und ich denke, daß es gut wäre, das Hotel Savoy schnell zu verfassen. Mir gefiel das Hotel nicht mehr: die Waschküche nicht, an der die Menschen erstickten, der grausam wohlwollende Liftknabe nicht, die drei Stockwerke Gefangener. Wie die Welt war dieses Hotel Savoy, mächtigen Glanz strahlte es nach außen, Pracht sprühte aus sieben Stockwerken, aber Armut wohnte drin in Gottesnähe, was oben stand, lag unten, begraben in luftigen Gräbern, und die Gräber schlichteten sich auf den behaglichen Zimmern der Satten, die unten saßen, in Ruhe und Wohligkeit, unbeschwert von den leichtgezimmerten Särgen. Ich gehöre zu den hoch Begrabenen. Wohne ich nicht im sechsten Stockwerk? Treibt mich das Schicksal nicht ins siebente? Gibt es sieben Stockwerke nur? Nicht acht, nicht zehn, nicht zwanzig? Wie hoch kann man noch fallen? In den Himmel, in endliche Seligkeit? ״Sie sind so weit von hier,“ sagt Stasia. ״Verzeihen Sie,“ bitte ich, ihre Stimme rührt mich. VII. Phöbus •Böhlaug vergaß nie, auf den blauen Anzug hinzuweisen, er nannte ihn ״eine Pracht von einem Anzug“, ״wie auf Maß geschnitten“ und lächelte. Einmal traf ich bei meinem Onkel Glanz, Abel Glanz, einen kleinen, schäbig gekleideten, unrasierten Menschen, der furchtsam zusammensank, wenn man ihn ansprach und die Fähigkeit hatte, automatisch kleiner zu werden, durch irgendeinen rätselhaften Mechanismus seiner Natur. Sein dünner Hals mit dem ruhelos rollenden Adamsapfel konnte sich zusammenziehn, wie eine Harmonika und im. weiten Stehkragen verschwinden. Nur seine Stirn war groß, sein Schädel lichtete sich, seine roten Ohren standen weit ab und erweckten den Eindruck, als hätten sie diese Stellung eingenommen, weil alle Welt sich erlauben durfte, an ihnen zu ziehen. Abel Glanz’s kleine Augen sahen mich gehässig an. Er betrachtete mich vielleicht als Rivalen. Abel Glanz verkehrt seit Jahren in Phöbus Böhlaug’s Hause, er ist einer jener ständigen Teegäste, an denen die wohlhabenden Häuser der Stadt zugrunde zu gehn fürchten und die sie abzuschaffen niemals den Mut finden. ״Trinken Sie einen Tee,*‘ sagt Phöbus Böhlaug. ״Nein, danke!“ sagt Abel Glanz. ״Ich bin mit Tee gefüllt, wie ein Samowar. Das ist schon der vierte Tee, den ich ablehnen muß, Herr Böhlaug. Ich trinke, seitdem ich das Besteck fortgelegt habe, fortwährend Tee. Nötigen Sie mich nicht, Herr Böhlaug!“ Böhlaug läßt sich nicht bekehren: ״So einen guten Tee haben Sie in Ihrem ganzen Leben nicht getrunken, Glanz.“ ״Aber, was denken Sie, Herr Böhlaug! Ich war einmal bei der Fürstin Basikoff geladen, Herr Böhlaug, vergessen Sic das nicht!“ sagt Abel Glanz, so drohend, als es ihm möglieh ist. ״Und ich sage Ihnen, selbst die Fürstin Basikoff hat so einen Tee nicht getrunken, fragen Sie meinen Sohn, ob man in ganz Paris so einen Tee bekommt!“ ״So, meinen Sie?“ sagt Abel Glanz und tut, als ob er überlegte. ״Dann kann man ja kosten, kosten kann niemals schaden,“ tröstet er und rückt mit einem Stuhl in die Nähe des Samowars. Abel Glanz war Souffleur in einem rumänisehen kleinen Theater gewesen, aber er fühlte sich zum Regisseur berufen und hielt es in seinem Kasten nicht aus, wenn er zusehn mußte, wie die Leute ״Fehler“ machten. Glanz erzählte jedem Menschen seine Geschichte. Es war ihm eines Tages gelungen, probeweise Regie zu führen. Eine Woche später wurde er eingezogen und kam in die Sanitätstruppe, weil ein Feldwebel den Beruf ״Souffleur“ tür etwas medizinisches gehalten hatte. ״So spielt der Zufall mit den Menschen,“ schloß Abel Glanz. ״Glanz wohnt ja auch int Savoy,“ sagte Phöbus Böhlaug einmal und es sfhieu mir, als wollte der Onkel einen Vergleich an stellen zwischen dem Souffleur und mir. Für Phöbus Böhlaug gehörten wir beide zusammen, wir waren irgendwo ״Künstler“, irgendwo halbe

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