Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1928)
- Date
- 1928-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652971-2652978--19694-2677596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 48 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 7, 24.1.1928 zu einer schönen, komfortablen Häuslichkeit in Westmount heraufgearbeitet, man hat die Kinder zu Ladies und Cientlemen erzogen, man hat die jüdische Sprache vergessen und empfindet eine heimliche Freude darüber, daß die Kinder diese Sprache niemals gesprochen haben, mit einem Wort, man ist gerade so weit, um In einer Welt der mannigfaltigsten Zerstörungen henimzuschweifen, Theater-Premieren zu besuchen, Kritiken darüber zu lesen (obwohl man sonst das Lesen nicht gerade liebt). Bei oberflächlicher Vorbereitung könnte man auch über Kunstausstellungen plaudern, wenn die Veranstaltung solcher Kunstausstellungen möglich wäre und so weiter und so weiter. Was findet man aber in diesem Montreal außer dem Nachmittagstanz in den drei großen luxuriösen Hotels, außer Kinos? Gewiß, wenn man den Nachtzug, der nach New York geht, nimmt, ist man morgens dort, man tut es ein paarmal im Jahre und einmal in paar Jahren hat man das Glück, eine Reise nach Europa zu machen. Indes die Hauptzeit verlebt man doch hier in dem Riesendorf Montreal mit seiner gemischten Bevölkerung, deren Gruppen jede ein eigenes Leben führt, auf eigene Weise sich langweilt. Das Gefühl der Oede, die jeder europäische Betrachter des amerikanischen Lebens wahrnimmt, besonders wenn der l.ärm des Tages verballt und der Abend heranbricht, diese Oede und Langeweile ist in einer canadischen Stadt noch viel stärker zu spüren. Es ist Langeweile, die sich oft in Trauer und Unheimlichkeit auflöst. Eine Kolonie, ein unermeßliches Land, das vergehlieh auf Menschen wartet. Neun Millionen Menschen zerstreut über ein Land, auf dem 30D Millionen Platz finden könnten. Dieses Empfinden einer Leere, einer Verlassenheit und Einsamkeit können die paar Großstädte nicht verwischen. Aus der Langeweile, die sich oft in Trauer und Bangigkeit auflöst, könnte vielleicht eine tiefe Sehnsucht entstehen, wären nicht die schreienden Lichter vom Broadway, wäre nicht die Nähe New Yorks. . . . Dieser Langeweile versucht man in den jüdischen Kreisen Montreals auf verschiedenste Weise beizukommen, indem man die freie Zeit zu großen Auto-Ausflügen benutzt, indem man viel Karten spielt, indem man sich an alte, gute, jüdische Tugenden erinnert und Wohltätigkeit, Charity, übt. Auch die Anhängerschaft des Zionismus in Canada, wie in Amerika überhaupt, wird niemals richtig beurteilt werden, wenn man nicht die Tatsache ins Auge faßt, daß auch hier das Moment einer Art geistigen Zerstreuung, idealistischen Unterhaltung mitspielt Die starke Entwicklung der ״Hadassah“ in Canada wie in den Vereinigten Staaten, ist besonders geeignet, die Richtigkeit einer solchen Vermutung zu bekräftigen. ״Der Zionismus als Mittel gegen• Langeweile“ ist gewiß eine richtige, wenn auch etwas derbe Formulierung, die die braven, Hebenswürdigen Mitglieder der ״Hadassah“ vielleicht verletzen könnte, was nicht in den Absichten des Schreibers dieser Zeilen liegen kann. Eins ist aber klar: Nicht aus Seelennot, nicht aus geistiger Not und gewiß nicht aus irgendwelcher anderen Not existiert der Zionismus in Amerika. Er kann nicht in derselben Art betrachtet werden wie der Zionismus einst in Rußland und jetzt in einigen europäischen Ländern. Der amerikanische Zionismus ist letzten Endes eine verfeinerte Philanthropie und Helfer gegen eine innere Leere. . . . Diese Einblicke in das jüdische gesellschaftliche Leben Montreals, die mir während der ersten paar Wochen zuteil wurden, verhalten mir auch zu einer objektiven, nüchternen Beurteilung jenes regen־. Interesses,♦ das ,,mir• in» Anfang er־ wiesen wurde. Trotz des Wohlgefühls, das ich bei der warmen Aufmerksamkeit empfand, hütete ich mich, in festliche Stimmung zu kommen und war einsichtig genug, alles auf die richtigen Ursachen zurückzuführen, die mir die nicht besonders aufmunternde Gewißheit gaben, daß die Wärme wie auch das bezeugte Interesse nicht von langer Dauer sein würden. Ein wirkliches Interesse für literarische und geistige Dinge ist hier nicht zu finden. In den hübschen, wenn auch fast überall nach demselben Geschmack eingerichteten Wohnungen meiner neuen Bekannten konnte man zwar immer einen eindrucksvollen Bücherschrank sehen, aber die Genugtuung darüber wurde bald durch die befremdende Tatsache eingeschränkt, daß in jedem Haus genau die gleichen Bücher waren und daß es sich gewöhnlich nur um Gesamtausgaben berühmter englischer Schriftsteller handelte. Dabei stellte ich mir die ungewöhnliche Tüchtigkeit eines Bücherreisenden vor, der gewiß jetzt irgendwo im Schoße seiner Familie seine ansehnliche Provision verzehrt Niemals bin ich auf jene liebe Unordnung in den Bücherregalen gestoßen, die mir die freudige Vermutung aufkommen ließ, daß man es hier mit einem Freunde der Literatur zu tun hat. Als ich mir in einem Hause die prachtvolle Ausgabe der Beaconsfieldschen Werke ansehen wollte, fiel mir auf, daß es die Herrin des Hauses einige Mühe kostete, den Bücherschrank zu öffnen, so fest war er verschlossen. Nicht anders war es mit dem zweiten Versuch in einem anderen liebenswürdigen Hause, als man mir auf mein Verlangen die überaus kunstvolle Ausgabe von Carlyles Werken zeigen wollte. In einigen Familien waren auch jüdische Bücher zu sehen, die Bücher von Schalem Aleichem, Perez, Schalom-Asch und Jehoasch, aber wiederum handelte es sich um Gesamtausgaben, und der unerhört tadellose Zustand, in welchem sich die Bücher befanden, vermittelte schwer die Vorstellung eines eifrigen Lesers. Die Literatur, die nach der Ueberzeugung des unaufgefordert gekommenen Schriftstellers absolut unentbehrlich ist, scheint hier durchaus entbehrlich. Und dennoch sind meine neuen Bekannten eifrig an der Arbeit, Vorträge für mich zu veranstalten, man rüstet sogar zu einem Empfangsbankett Also wirken hier offenbar andere Momente. Welche denn? Die alte schöne jüdische Tugend, einen Gast, einen Orach freundlich aufzunehmen, womöglich etwas für ihn zu tun, vielleicht auch die Hoffnung, die lähmende Langeweile ein wenig loszuwerden, oder auch die Tatsache, daß meine An- Wesenheit in Canada mit der toten Saison zusammenfiel. Keiner von den Großen in Israel, die regelmäßig die überseeischen Länder besuchen, um die Eingeschlafenen aufzurütteln, kündigte seine Ankunft an. Die Geldsammlungen für nationale Zwecke waren vorüber oder standen erst in ferner Zeit bevor. Mit einem Wort: tote Saison. Das kam mir gewissermaßen zugute und nicht nur mir allein, denn es stellte sich heraus, daß ich nicht der Einzige war, der unerwartet hierher gekommen war, sondern genau so unerwartet landete in Montreal eines Morgens ein Herr aus Palästina mit der festen und löblichen Absicht, die jüdische Bevölkerung Canadas über merkwürdige Ausgrabungen alter, mit heiligen jüdischen Buchstaben beschriebener Steine, nicht nur einfach zu informieren, zu unterhalten, sondern ein Interesse dafür wachzurufen, diese nützlichen Ausgrabungen zu fördern und zu unterstützen. Er verlegte seine Tätigkeit auf die Down-town-Bezirke, er hielt flammende Reden in den Synagogen, seine Beredsamkeit schlug auf diese merkwürdigen Steine ein, die auch nicht versäumten, ihre Schuldigkeit zu tun, denn sie halfen ihm wahrscheinlich aus derselben Verlegenheit herauszukommen, die auch mich zwang, diesen unlängst entdeckten Erdteil zu besuchen. Uebrigens ein sehr tätiger Herr, dieser Ausgräber. Ich bekam ihn niemals zu sehen, aber die jüdische Zeitung vermittelte die Nachrichten über die Erfolge, die er erzielte und über die guten Aussichten seiner wichtigen Mission. Eines Morgens las ich sogar in der Montrealer Zeitung ״Der Kinäder Odler“ einen begeisterten Artikel ״Od Lo Ewjon Isroel“ (״Israel ist noch nicht arm“) betitelt, worin auseinandergetzt wird, wie beglückt die Juden Canadas sein müssen über den Besuch eines solchen Gelehrten und wie nahe jedem jüdischen Herzen die mit heiligen jüdischen Buchstaben beschriebenen Steine sein sollten. Der Artikel- Schreiber war übrigens derselbe Herr, der auf meinem ersten Vortragsabend das Wort nahm, um ungefähr dieselbe Verkündigung zu machen, nämlich die, daß die Juden Montreals schließlich doch fabelhaftes,jQJQjck haben, denn — war der Inhalt seiner pathetischen Rede — man geht seinen ge- Wohnten Beschäftigungen nach, man verweilt im Kreise der Familie, der Freunde, und man ahnt nicht, daß etwas Unerwartetes bevorsteht, daß dieses Unerwartete schon da ist, uncl so weiter und so weiter in dieser Art. Beendet wurde diese Rede mit dem Ausdruck der sicheren Hoffnung, daß man mich von hier nie weglassen wird, daß man mich in Canada behalten wird, mich, diesen, diesen Mann, den man so, so nötig hier braucht (Fortsetzung folgt.) Von der ״HabimahM Zur Wahrnehmung der Interessen des hebräischen Theaters ״H a b i m a h“ hat sich in Berlin ein bevollmächtigtes Sekretariat gebildet, dem u. a. Frau Lola Hahn-Warburg und die Herren Max Bacher, Willfrled Israel, Dr. Jacob Rosner angehören. Die ״Habinah“, die gegenwärtig In den Städten des Rheinlandes Gastspiele gibt, wird im Laufe des Februar zum ersten Male in Italien gastieren und in Mailand und Rom seine Repertoirestiieke in hebräischer Sprache zur Aufführung bringen. Max Jangmann: Jochanan von Glskala (Max Jungmann, Jochanan von Giskala, ein Schauspiel, Berlin, Horodisch & Marx Verlag. In Leinen 6 M.) Im Talmud Jonia lesen wir: Jerusalem ward zerstört durch den Hader m seinen Mauern. Manche glauben, daß Jerusalems Wiederaufbau längst gehingen wäre, wenn nicht ewig die Juden untereinander haderten. _ Jungmanns ״Jochanan von Giskala“ behandelt die letzte Episode jüdischer Selbständigkeit in Palästina. Und weil es ein Dichtwerk und kein Geschiehtswerk ist, liegt letzte historische Wahrheit in dem Buch. Denn der Stoff und seine Träger sind mit dem Auge des Liebenden gesehen und au« dem Herzblut des Dichters geschaffen. Giskala ist die letzte galiläiscne Veste, die dem römischen Eindringling widersteht, ihr Fall öffnet den Weg nach Jeru׳• salem. Aber Jochanan, Giskalas letzter Kommandant, ist eine echte Führernatur, frei von Eitelkeit und falscher Heldenpose. Er verschmäht es, sich und seine Mannen dem Ruhme nutzlos zu opfern. Er weiß: Giskalas Tage sind gezählt, und scheinbar gutwillig überlaßt er dem Feinde die Stadt־ um mit kluger List seinen Arm und seine Mannschaft dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden, in Jerusalem. Unbesiegbar ist das jüdische Volk, so lange es einig ist Doch in Jerusalem hadert das Volk. Die Eiferer sind im Tempel verschanzt, und in der Stadt bekämpfen sich die Partei des Hohepriesters und das Heer des Simon Bar Giora. Jochanan kommt, um die Einigkeit wieder herzustellen. Er ist der Einzige, der es könntet dem Hohepriester durch Freundschaft verbunden, dem Eiferer durch Eifer unverdächtig, Bar Giora im Heldentum ebenbürtig. Aber der Hader der Vielen erweist sich als stärker denn Jochanans ehrlicher Wille zur Eintracht; zu den drei Parteien gesellt sich die vierte: Jochanans galiläisehe Mannschaft. Siegreich zieht der Feind in die vom brüderlichen Zwist zerrissene Stadt. Selbst der letzte Trost bleibt Jochanan versagt: das Schwert wird ihm entrissen, ehe er’s gegen sich richten kann, und lebend fällt er in die Hände des verhaßten Feindes. Auf dem Hintergrund des reichen, vielfältigen jüdischen Volkstums jener Tage rollt sich Jochanans Einzelschicksal und Volksscnicksal ab. Die Grundstimmung bildet der unverrückbare nationale Stolz in allen Schichten des Volkes: siegen oder sterben; trotz jener nationalen Hochspannung die weitfremde Unbekümmertheit der philosophisch religiösen Theoretiker, die später verstanden, dem Judentum ohne Judenstaat für Jahrtausende Bestand zu verleihen, und mit leisem aber eindringlichem Klang die Spuren jener Sekte, die wenige Jahrhunderte später in veränderter, verwässerter Form das Abendland beherrscht. Ist das Buch ein Drama? Kaum. Denn es dürfte schwerlieh in dieser Form effektvoll auf der Bühne sein. Es ist ein dialogischer Roman, ein Lesedrama, nicht Spiel-, sondern Rezitierdrama. Aber als solches von hohem literarischen Reiz, einheitlich in der Fortführung der Handlung und in sehr schöner gepflegter Sprache. Wir haben nicht viel Bücher, die so wie dieses Buch den Geist einer bedeutsamen Epoche unserer Geschichte erwecken. Dieses Buch ist ein solches. Darum sei vor allem unsere Jugend darauf verwiesen; denn keine Bindung ist starker als das Eindringen in den Geist der Geschichte seines Volkes. Erfreuli'h ist auch die kultivierte Ausstattung des Buches: Schönes Panier, edle Drucktype, geschmackvoller Einband, ein Geschenkbuch par excellence. Max Lewy. Morus, Wie sie groß und reich .worden*. Lebensbilder erfolgrefcher Männer; Mit 24 Tafel». Verlag Ul stern, Berlin f027. Der unter dem Pseudonym Morus bekannte Schriftsteller Richard Levinsohn gibt hier eine Folge populärer Biographien industrieller und kaufmännischer Begabungen des letzten Jahrhunderts. Ihr Aufstieg aus kleinen Anfängen, die Bewährung ersönlichen Talents und Wagemuts wird mit voller Materialeherrschung und in glänzendem Stil dargesfellt. So ergibt sich dem Leser nicht nur ein Bi’d von tatenreichen Menschen'eben, sondern auch ein Einblick in das Wesen und Werden der raodernen Wirtschaft. Unter den Persönlichkeiten des Bvches (wie Rockefelier, Nobel, Krupp, Ford, Stinnes usw.) sind auch zwei iudenkapitel: die Rothschilds und Albert Ba 11 i n. Das Buch ist eine Kompüa'ion der, interessantesten Stoffes, der zur Beurteilung unseres Jahrhunderts gehört. —r. In Jerusalem ist ein hebräisches medizinisches Wörterbuch von Dr. Alexander M a 1 c h i erschienen, das auf 196 Seiten medizinische und naturwissenschaftliche terminologische Ausdrücke samt Erklärungen enthält. Es ist nach dem lateinischen Alphabet geordnet. (Ziko.) durch Fisch’s Träume reich geworden und wohnen im ersten Stock des Hotel Savoy. Aus Dankbarkeit bezahlen sie für Fisch das Zimmer. Fisch - sein Vornamen ist Hirsch — lebt in steter Angst, wei! er einmal irgendwo gelesen hat, daß die Regierung das Lotteriespiel aufheben und ״Klassenlose“ einführen will. Hirsch Fisch muß ״schöne Nummern“' geträumt haben, es dauert lange; ehe er aufsteht. Er läßt niemanden in sein Zimmer, begrüßt mich im Korridor, hört Stasias Wunsch an, schlägt die Tür wieder zu und öffnet sie nach einer geraumen Weile, mit einem Tecpäckchen in der Hand. ״Wir verrechnen das, Herr Fisch,“ sagt Stasia. ״Guten Abend,“ sagt Fisch und geht schlafen. ״ ־Wenn Sie Geld haben,“ rät Stasia, ״kaufen Sie bei Fisch ein Los“ — und sie erzählt mir von den wunderbaren Träumen des Juden. Ich lache, weil ich mich schäme, den Wunderglatiben zuzugeben, dem ich leicht verfiel. Aber ich bin entschlossen, ein Los zu kaufen, wenn Fisch mir etwas anbieten würde. Die Schicksale Santschins und Hirsch Fisch’s beschäftigten mich. Alle Menschen schienen hier von Geheimnissen umgeben. Träumte ich das? Den unwahrscheinlichen Dunst der Waschküche? Was wohnte hinter der, hinter jener Tür? Wer hatte dieses Hotel erbaut? Wer war Kaleguropulos, der Wirt? ״Kennen Sie Kaleguropulos?“ frage ich, Stasia kannte ihn nicht Niemand kannte Ihn. Niemand hatte ihn ge sehn. Aber, wenn man Zeit und Lust hatte, konnte man sich einmal aufstelien, wenn er gerade inspizieren kam und ihn anschaun. ״Glanz hat es einmal versucht,“ sagt Stasia, ״hat aber keinen Kaleguropulos eesebn. Uebrigena sagt Ignatz, daß morgen lnspektion ist. Noch ehe ich die Treppe hinabsteige, holt mich Hirsch Fisch ein. Er ist im Hemd und in langen weißen Unterhosen und hält steif vor den Leib hingestreckt ein Nachtgeschirr. Groß und hager, sieht er im dämmerigen Zwielicht wie ein Auferstandener aus. Seine grauen Bartstoppeln drohen wie kleine, scharfe Spieße. Seine Augen liegen tief, beschattet von mächtigen Backenknochen. ״Guten Morgen, Herr Dan! Glauben Sie, daß die Kleine mir den Tee bezahlen wird?“ ״Wahrscheinlich doch!“ ״Hören Sie. ich habe Nummern geträumt! Eine sichere Terz! Ich setz’ heute! Haben Sie gehört, daß die Regierung die Lotterie abschaffen will?“ ״Nein!“ ״Es wär’ ein großes Unglück, sag׳ ich Ihnen. Von was lebt das kleine Volk? Von was wird man reich? Soll man warten, bis eine alte Tante stirbt? Ein Großvater? und dann steht im Testament: das Ganze für’s Waisenhaus.“ Fisch redet, das Nachtgeschirr vor sich haltend, er scheint es vergessen zu haben. Ich werfe einen Blick darauf, er bemerkt es. ״Wissen Sie, ich erspar’ mir Trinkgelder, brauch׳ ich den Goj, den Zimmerkellner, bei nur? Ich mach’ mir selbst Ordnung. Die Menschen stehlen wie die Raben. Allen ist schon was gestohlen worden. Mir nicht! Ich mach’ mir selbst Ordnung. Heute, hat der Ignatz gesagt, ist Revision. Ich geh׳ immer weg, wer nicht da ist, ist nicht da. Wenn Kaleguropulos etwas nicht richtig findet, kann er mich nicht hersteilen. Bin ich sein Rekrut?“ ״Kennen Sie den Wirt?“ ״Wozu soll ich ihn kennen? Ich bin nicht neugierig auf die Bekanntschaft. Haben Sie das Neueste gehört; Bloomfield kommt!“ ״Wer ist das?“ ״Bloomfield kennen Sie nicht? Bloomfield ist ein Kind dieser Stadt, Milliardär in Amerika. Die ganze Stadt ruft: Bloomfield komm), ich hab’ mit seinem Vater gesprochen, wie ich hier mit Ihnen rede, so wahr teil leb’.“ ״Entschuldigen Sie, Herr Fisch, ich will noch ein bißenen schlafen!“ ״Bitte schlafen Sie! ich muß Ordnung machen.“ Fisch geht der Toilette entgegen. Aber unterwegs, ich war schon auf der Stiege, rannte er zurück: ״Glauben Sie, daß sie zahlen wird?“ ״Ganz gewiß.“ Ich öffnete die Tür meines Zimmers und glaubte noch einmal, wie gestern, einen huschenden Schatten zu sehn. Ich war zu müde, um nachzusehn. Ich schlief, bis die Sonne hoch im Mittag stand. VI. Es klang, wie ein Schlachtruf durchs Haus: Kaleguropulos kommt! Er kam immer am Vorabend, ehe die Sonne verschwand. Geschöpf der Dämmerung war er, Herr der Fledermäuse. Weiber standen in den drei höchsten Stockwerken verteilt und scheuerten die großen Quadersteine. Man hört Geräusch pantschender Staubfetzen, die in gefüllte Kübel fallen, Schrubbern eines harten Besens, und besänftigendes Gleiten trockener Tücher über den Korridor. Ein Zimmerkellner reibt, gelbes Säurefläschchen in der Hand, an den Klinken. Leuchter blinken, Druckknöpfe und Türleisten, verstärkter Dunst quillt aus der Waschküche und stiehlt sich ins sechste Stockwerk. Auf schwankenden Leitem ragen dunkelblaue Minner gegen den Suffit und tasten Drahtleitungen mit behändschuhten Händen ab. An braten Gurten hängen Mädchen mit wehenden Schößen, wie lebendige Fahnen zu den Fenstern hinaus, Scheiben putzend. Aus dem siebenten Stock sind alle Einwohner verschwunden, offen stehn die Türen, dargebateu ist dem Blick alle kümmerliehe Häuslichkeit, eilig zusammengeraffte Bündel, Haufen von Zeitungspapier über verbo'enen Gegenständen. In den vornehmen Stockwerken tragen die Zimmermädchen prachtvoll gesteifte Nonnenhauben, duften nach Stärke und feierlicher Aufregung, wie Sonntagsmorgen. Ich wundere mich, daß keine Kirchenglocken läuten. Unten stäubt jemand mit einem Taschentuch die Palmen ab, es ist der Direktor selbst, sein Auge sieht ein Lederfauteuil, dessen Sitz Risse aufweist und Eingeweide aus Holzwolle verrät Flugs legt der Portier einen Teppich darüber. Zwei Buchhalter stehn an hohen Kontorpulten und machen Auszüge. Einer blättert im Katasterkasten. Der Portier trägt eine neue Goldborte um den Mützenrand. Ein Diener tritt aus einem kleinen Gelaß in einer neuen grünen Schürze, blühend, wie ein Stück Früh- Ungswiese. Im Vestibül sitzen dicke Herren, rauchend und Schnäpse trinkend, von hurtigen Kellnern schmetterlingshaft umgaukelt Ich bestelle einen Schnaps und setze mich an einen Tisch am äußersten Rand des Vestibüls, hart neben dem Läufer, über den Kaleguropulos ja kommen muß. Ignatz kam vorbei, nickte, freundlicher als sonst, ruhig, mit einer Würde, die einem Liftboy gar nicht anstand. Er schien als Einziger in diesem Hause Ruhe bewahrt zu haben, seine Kleidung wies keine Veränderung auf, sein glattrasiertes Gesicht, bläulich schimmernd am Kinn, war heute genau so pastorenhaft, wie immer. Ich wartete eine halbe Stunde. Plötzlich sah ich Bewegung vorn in der Portierloge, der Direktor griff nach dem Kassabuch, schwenkte es hoch, wie ein Signal und rannte die Treppe hinauf. Ein dicker Gast ließ das Schnapsglas das er halb erhoben hatte, wieder stehn und fragte seinen Nebenmann: was ist los? Der, ein Russe, sagte gleichmütig: Kaleguropulos ist im ersten Stock. (Fortsetzung folgt)