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Jüdische Rundschau · 1928-01-24 · Heft 7 (24.1.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 7 (24.1.1928)
Date
1928-01-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 24• Januar 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 4 Aus der hebräischen Literatur Von Z. J z c h a k i*). I. Es Ist keine Uebertreibung, wenn wir sagen, daß die neuhebräische Poesie in vielen Punkten der Poesie der gegenwilligen Weltliteratur kaum nachsteht. Die Poesie ist das reichste Gebiet in der zeitgenössischen neu-hebräischen Literatur. Seitdem Achad-Haam sich — bereits lange vor seinem Tode — von einer aktiven Mitarbeit in der hebräischen Literatur zurückgezogen hat. ist abgesehen von einigen wertvollen Versuchen die hebräische Publizistik im eigentlichen Sinne des Wortes stark zurückgegangen. Dabei spielten innere Entwicklungstendenzen der modernen hebräischen Literatur wie auch äußere, innerjüdische und allgemeine Zeitumstände eine große Rolle, im Bereiche der Belletristik, der Kritik und der Wissenschaft ist hingegen während der Kriegs- und Nachkriegszeit in der hebräischen Literatur sehr viel geschaffen worden. Die größten Leistungen hat aber die Poesie aufzuweisen. Bis zum Kriege gab es nur eine Poesie in der hebräj.-chen Literatur. Man kann sic jetzt die ״klassische“ Poesie nennen. Diese Art der Poesie bewegte sich in den Bahnen Bialik-Tschernichowskis, wenn es auch neben diesen beiden auf die Entwicklung der modernen hebrä-!sehen Poesie entscheidend einwirkenden Dichtern eine größere Anzahl von jüngeren Dichtern gab, die auf ihre originelle Art und Weise der hebräischen Muse gedient haben. Der Krieg und die darauf folgende Zeit der politischen Revolutionen, wirtschaftlichen Katastrophen und allgemein sozialen Krisen hat auch auf dem Gebiete der modernen hebräischen Poesie tiefgehende Umwälzungen hervorgerufen. So entstand in den letzten Jahren neben der eben angedeuteten neuen hebräischen Poesie eine junge oder jüngere hebräische l vrik, die zwar von den ״altern“ ausgeht, aber doch etwas toto coelo Verschiedenes darstellen will, die um ganz andere Formen und Inhalte ringt und deshalb unsere Aufmerksamkeit ganz besonders verdient Diese Jüngste hebräische Lyrik bediente sich eines ganz anderen inneren und äußeren Ausdrucks, ganz anderer Farben als die von Blalik, Tschernichowski u. a. Die jungen Lyriker kommen aus einer ganz anderen Welt als die durch sie zu ״Klassikern“ gewordenen Alt-Meister der neu-hebräischen Poesie. Sie sind von ganz anderen Erlebnissen ergriffen worden. Sie haben unter ganz anderen Bedingungen ihre Wander- und Lehrjahre durchgemacht. Der alte Bet-Hamldrasch, die Leid- und Feiertage der die Romantik fördernden und nährenden litauisch-polnischen jüdischen Kleinstadt, die flüchtig gesehene und tief erlebte Heidelberg-studentische ״Natur“ und Liebe, dies und ahnliches sind nicht mehr die Motive der jüngeren hebräischen Lyrik. ... ־ .׳ - .• Diese jungen leidenden Juden können die Ungeheuerlichkeiten, die Schrecken, die sie und ihre Zeit erlebt haben, nicht loswerden. Ja, sie wollen sie auch nicht loswerden. Das ist ihr Lebenselement Bei einigen Lebensdement, bei den anderen doch etwas gekünstelt, ״heiser“. S c h I o n s k i und Uri Z w i G r ü n b e r g, um nur diese beiden zu erwähnen, sind unter anderen wohl die typischsten Repräsentanten dieser jungen Lyrik. (Ueber L a m d a n und eine andere Gruppe von jüngeren hebräischen Dichtem werden wir ein anderes Mal sprechen.) Wenn Schlonski ein feinerer Künstler ist, auf den die neu-hebräische Poesie mit Recht große Hoffnungen setzen kann, so ist doch Uri Zwi Grünberg, der Hebräisch und Jiddisch zugleich schreibt, noch von einer anderen Seite sehr bemerkenswert Er ist einer der wenigen jüngeren hebräischen Dichter, der auch ein bestimmtes politisches Wollen, ein ״politisches Programm“ hat, der dieses ״Programm“ oder richtiger, dieses *) Wir beginnen heute mit einer Serk von Aufsätzen, die unseren Lesern einen Einblick in die neueste hebräische Literatur geben soll. — Red. sein Ideal der jüdischen staatlichen Renaissance in maximalstem Ausmaße zum Motiv seiner Dichtung macht Sein extremes ״Aut Caesar aut nihil“-Ideal, seine maximalistisehen staats-politischen Postulate, sind trotz ihrer ganzen Nüchternheit und ihres Rationalismus doch nicht frei von Mystik, von einem gewissen Staats-Mystizismus, von einer ״religiös“-mystischen Verherrlichung des Staates, von der wir mehrfache Beispiele in der Politik und in verschiedenen staatsphilosophischen Systemen kennen. Uri Zwi Grünberg versteht cs, seine Gedanken jenseits der Poesie in pathetischpublizistische Formen zu kleiden. Ohne heute eine eingehendere Würdigung dieser beiden Dichter zu geben, wollen wir hier auf einen noch ״jüngeren“ hinweisen. Es ist Gawriel Talfir, dessen Dichtung ״Legion“*) uns vorliegt. Dieser Dichter erinnert sehr stark an Uri Zwi Grünberg und scheint einer aus seiner ״Schule“ zu sein. Charakteristisch für die ganze — SO Seiten umfassende — Dichtung ist, das ihr vorangeschickte Motto:?ל סרגל ־יא 5^ריךם. ,עלי - מ.קע?•?ר,?"1ד -?שרים. דים- ךסי - למיס* צהלי הךוט -?הוגי - לאשית הה האות*• גילך, - דמצדת. BJut, Liebe, Krieg, Revolutioa, Gott, Chaluzim, Pogrome, Wahnsinn, Freude, Messianismus, Schicksal, Verzweiflung — das ist da« Lied der rasenden ״Legion“. Aus dein ״durchbluteten“ Liede dieser ״Legion“ — wie aus dieser jüngsten Lyrik überhaupt — vernehmen wir keine Stimmen, sondern ein ununterbrochenes Geschrei, ein Geheul einer zerrissenen, nach Erlösung schmachtenden Seele. Moses kommt wieder mit den zehn Geboten, Jesus predigt weiter Bruderliebe — die ״Legion“ lehnt beide ab.!,?זל$ע מ׳ןה ה?ס ןי#* “?לזב:?די ג 'עלא לאי.מיד. ל>*חד: שוב לוחוה;.ע'שךה דג״ות */'שד: אהכידאחיס. אח- ציללי? אחי;$ה גו£5- אל לא לי... לא לי תוךיזף. תולהי: הורת שר-\ - דמים. Die ״Legion“ kennt nur das Lied des ewigen Sturms. Die ״Legion“ kann nicht vergessen, was sie erlebt, erfahren hat Die ״Legion“ glaubt nicht, die ״Legion“ rast weiter. Die ״Legion“ ist kein Meisterwerk. Aber als typischer Erscheinung müssen wir ihr unsere Aufmerksamkeit schenken. Wird diese allerjüngste Richtung in der neu-hebräischen Poesie sich weniger Pose und mehr Form, weniger Phrase und mehr Ausdruck, weniger Gekünsteltheit und mehr Kunst bedienen, könnte sie überaus Großes Xiftd Wertvolles schaffen. Sie könnte die Gemüter aufrütteln und unserer nicht Jpmer beweglichen ״hebräischen“ Generation, wenn man so sagen darf, neue Impulse verleihen. Ans Zeilsctirilten In dem von Prof. Ludwig Stein herausgegebenen Archiv für gesamte Philosophie bespricht Dr. Schlesinger ausführlich das hebräische Spinoza-Buch und die Spinoza- Uebersetzung von Dr. Klatzkin, den er als den ersten beachtenswerten Beitrag der neuhebräischen Literatur zur allgemeinen philosophie-geschichtlichen Forschung würdigt. Das Dezemberbeft der Monatsschrift tOr Geschichte and Wissenschaft de• Judentums eröffnet einen Aufeafs von Rabh. Dr. Dienemann über neuere Schriften zur Frage nach dem Verhältnis von UrchrMentum und Judentum. Ferner enthält des Heft neben Beiträgen, die wesentlich den Forscher interessieren, auch u. a. Abhandlungen wie die Darstellung der Geechidife der Juden in Bremen während des 19. Jahrhunderte von Mas Markreich. Der Abonhementspreis beträgt jährlich 10.—Mk. (Postscheckkonto der Gesellschaft Berlin 7030, Faul Veit Siraon). .::ריאל נ1ל«'י, יגיד, 8ואימה, הוצאת ,.*מיס׳*, ודעה, החוע״ה (* Ein jüdischer Schriftsteller reist nach Canada Von Sch. Goreiik. IV. Kapitel. Westmount, das Gruncwaldviertel von Montreal. — Uptown und Down-tovvn, — Etwas über den schnellen und langsamen Schritt. — Einblick in das Leben der Monfrealer jüdischen Gesellschaft. — Vom Bücherschrank und dem geschickten Bücherreisenden. — Der Schriftsteller überprüft seine Gesamtlage und beschließt, sich keine Illusionen zu machen. — Noch ein Zugereister. — Eine schwungvolle Rede. Westmount ist das Grunewaldviertel von Montreal mit einigen nicht unwichtigen Besonderheiten. Nach Westmount geht man nicht wie nach Gruncwald spazieren. Entweder man wohnt dort oder man wohnt nicht dort. Diejenigen aber, die in dem niederen Teil der Stadt, in Down-town, ihren Wohnsitz haben, denken dafür über Westmount in viel intensiverer, vor allem in viel sachlicherer Weise als der Berliner über seinen Vorort Gruncwald. Und wenn einer sich schon nach Westmount begibt, so sind seine Absichten von klarer, präziser Art. Das bedeutet, daß das unablässig auf Vorwärtskommen gerichtete Bemühen endlich von Erfolg gekrönt wurde und mit ihm die Möglichkeit, sich in dem Viertel der Wohlhabenden und Reichen anzusiedeln. Aus einem Down-towner wird man Up-towner. Ein Traum, den alle träumen, ist in Erfüllung gegangen, und man ist auf dem Wege des Erfolges bedeutend weiter gekommen. Der schnelle Schritt des Amerikaners, der in den Augen des Europäers fast ein Laufen ist, dieser Laufschritt hat somit doch einen Sinn. Und einen Sinn hat auch das Fehlen von Bänken auf den breiten Straßen, die nach der Meinung des gemächlich und langsam dahinschlendernden Europäers sehr angebracht wären. Seine Mentalität ist die des Bewohners eines Erdteiles, wo alles längst vergeben worden ist, und daher erscheint ihm das übermäßige Eilen, wenn es nicht durch eine drohende Gefahr begründet ist, als geschmacklos, ja lächerlich. Der Amerikaner hingegen, auch der jüdische, lebt noch immer in dem oft trügerischen Wahn, zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Reichtum zu erlangen, dessen Grenzen er gewöhnlich selbst bezeichnet Er nimmt sich einfach vor, bis zu diesem oder jenem Jahr soundso viel Geld zu ״machen“. Eine Sitzgelegenheit auf der Straße, durch die er eilt, losstürmt, wird er daher als eine Verhöhnung seines heiligen Zieles, das nur durch Rastlosigkeit erreicht werden kann, ansehen. Geradeaus, eilenden Schrittes will er den Weg gehen, der ihn zu seinem Ziele führt, und das Ziel vieler Montrealer Juden, die in Down-town wohnen, ist . . . Up-town, ist Westmount. In dieser Beziehung ist das Leben der Down-towner inhaltsreicher, ihre Phantasie beflügelter als die derjenigen, die zur Kategorie der Up-towner gehören. Man hat ein Ziel im Dasein. Man• hat einen vorgezeichneten Weg vor sich, den Weg nach Westmount. Mit diesem Ideal in der Seele, das zu verwirklichen nicht jedem gegeben ist, das aber jeder in seinem Innern verborgen hält, stößt man sich mit starken Ellenbogen durch die Jahre hindurch und gönnt sich selten Rast. Ein aus New York zugereistes jüdisches Theater zehnten Ranges, Wahlen zum Stadtrat, Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde und dergleichen mehr, bilden die einzige Ablenkung. Hin und wieder erscheinen Gesandte aus den bedrängten und schwer geprüften Teilen des jüdischen Volkes, die die materiell und politisch glücklicheren Brüder aufrütteln. Da heißt es Geld spenden, jeder nach Möglichkeit und nach dem Grad des Aufgerütteltwerdens. Viel komplizierter dagegen ist das Leben jener Kreise, die schon in Westmount wohnen. Das Hauptideal ist verwirklicht, die Leiden- Schaft des Besitzes, die natürlich immer fortdauert, verliert doch etwas an Schärfe und plötzlich fängt man an zu fühlen, daß es langweilig ist, ach wie langweilig! Montreal, die Täuschendste, lebendigste Stadt Canadas, kann so wenig bieten. Kein ständiges Theater, selten ein gutes Konzert. Welche Lage in der Tat! Man hat sich durch Jahre stärksten Mühens bis Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. (Z Fortsetzung.) Stasia hat wahrscheinlich mein Klopfen erwartet. Ich will mich entschuldigen. ״Nein, nein,“ sagt Stasia. ״Ich hätte Sie schon früher eingeladen, aber ich hatte Angst vor Ignatz. Er ist der Gefährlichste im Hotel Savoy. Ich weiß auch, wie Sie heißen, Gabriel Dan, und kommen aus der Gefangenschaft — — ich hielt Sie gestern für einen — Kollegen — Artisten —“ sie setzt es zögernd hinzu, vielleicht fürchtet sie, mich zu beleidigen? Ich war nicht beleidigt. ״Nein,“ sagte ich, j,ich weiß nicht, was ich bin. Früher wollte ich Schriftsteller werden, aber ich ging in den Krieg und ich glaube, daß es keinen Zweck hat, zu schreiben. — Ich bin ein einsamer Mensch und ich kann nicht für alle schreiben.“ ״Sie wohnen gerade über meinem Zimmer,“ sagte ich, weil ich doch nichts Schöneres sagen kann. ״Weshalb wandern Sie die ganze Nacht herum?“ ״Ich lerne französisch, ich möchte nach Paris ehn, etwas tun, nicht tanzen. Ein Dummopf hat mich nach Paris mitnehmen wollen ■— seither denke ich daran, hinzufzhren.“ ״Alexander Böhlaug?“ ״Sie kennen ihn? Seit gestern sind Sie hier?“ ״Sie kennen doch auch mich.“ ״Haben Sie auch schon mit Ignatz gesprachen?“ ״Nein, aber Böhlaug ist mein Vetter.“ ״Oh! Entschuldigen Sie!“ ״Nein, bitte, er Ist ein Dummkopfl“ Stasia hat ein paar Schokoladerippen und einen Spirituskocher holt sic aus dem Grunde einer Hutschachtel. ״Das darf niemand wissen. Selbst Ignatz weiß es nicht. Den Spirituskocher verstecke ich jeden Tag wo anders. In der Hutschachtel heute, gestern lag er in meinem Muff, einmal zwischen Schrank und Wand. Die Polizei verbietet Spirituskocher im Hotel. Man kann aber doch nur —• ich meine unsereins — im Hotel wohnen und das Hotel Savoy ist das beste, das ich kenne. Sie wollen lange hterbleiben?“ ״Nein, ein paar Tage.“ ״Oh, dann werden Sie Hotel Savoy nicht kennen lernen, hier nebenan wohnt Santschin mit Familie. Santschin ist unser Clown — wollen Sie ihn kennen lernen?“ ich will nicht gerne. Aber Stasia braucht Tee. Die Santschins wohnen gar nicht ״nebenan“, sondern am andern Ende des Korridors in der Nähe der Waschküche. Hier ist der Plafond abschüssig und hängt so tief, daß man fürchten muß, gegen ihn zu stoßen. In Wirklichkeit aber erreicht man ihn noch lange nicht -* er scheint nur so bedrohlich. Ueberhaupt verrinern sich in dieser Ecke alle Dimensionen, das omrnt von dem grauen Dunst der Waschküche, der die Augen betäubt, Distanzen verringert, die Mauer anschwellen läßt. Es ist schwer, sich an diese Luft zu gewöhnen, die in ständiger Wallung bleibt, Konturen verwischt, feucht und warm riecht, die Menschen in unwirkliche Knäuel verwandelt. »Auch in Santschins Zimmer ist Dunst, seine Frau schließt eilig die Tür, als wir eintreten, so, als lauerte draußen ein wildes Tier, das jeden Augenblick hineinstürzen kann. Die Santschins, die ein halbes Jahr in diesem Zimmer wohnen, haben schon Uebung im raschen Türschließen. — Ihre Lampe brennt mitten in einem grauen Kreis, weckt Erinnerungen an Photographien von Sternbildern, die von Nebeln umgeben sind. Santschin steht auf, schlüpft mit einem Arm in einen dunklen Rock und neigt den Kopf vor, um die Gäste zu erkennen. Sein Rock scheint aus Wolken herauszuwachsen, wie das Haupt einer überirdisehen Erscheinung auf frommen Bildern. Er raucht eine lange Pfeife und spricht wenig. Die Pfeife behindert ihn an der Unterhaltung. So oft er einen halben Satz zusammengebracht hat, muß er innehalten, nach der Stricknadel seiner Frau greifen und im Pfeifenkopf herumstochern. Oder es muß ein neues Streichholz angezündet werden und es fit die Zündholzschachtel zu suchen. Frau antschin kocht Milch für’s Kind, sie braucht die Streichhölzer ebenso häufig, wie ihr Mann. Die Schachtel wandert unaufhörlich von Santschins Seite auf den Waschtisch, wo der Spirituskocher steht, manchmal bleibt sie unter- Wegs liegen und verschwindet im Nebel spurlos. Santschin bückt sich, wirft einen Sessel um, die Milch kocht, man nimmt sie fort und laßt die Spiritusflamme flackern, bis man etwas anderes zu wärmen ״aufgestellt“ hat, weil die Gefahr besteht, daß die Streichhölzer überhaupt nicht mehr gefunden werden. Ich empfahl meine eigene Streichholzschachtel, abwechselnd dem Herrn und der Frau Santschin — aber niemand wollte sie nehmen, beide suchten eifrig und ließen den Spiritus vergeblich brennen. Schließlich erblickte Stasia die Schachtel in einer Falte der Bettdecke. Eine Sekunde später sucht Frau Santschin nach den Schlüsseln, um den Tee aus dem Koffer zu holen -- aus dem Kasten konnte er ״immerhin“ gestohlen werden. ״Ich höre irgendwo Klirren“ — sagt Santschin auf russisch und wir halten still, um ein Klirren der Schlüssel zu erhaschen. Aber nichts regt sich. ״Sie können ja auch nicht von selbst klirren,“ schreit Santschin. ״Ihr müßt Euch alle bewegen, dann melden sie sich schon!“ Aber sie meldeten sich erst, als Frau Sanfschin einen Milchfleck auf ihrer Bluse entdeckte und rasch nach der Schürze griff, um eine Wiederholung zu vermeiden. Es stellt sich heraus, daß die Schlüssel in der Schürzentasche lagen. Und im Koffer Ist kein Stäubchen Tee mehr. ״Ihr sucht den Tee?“ fragt Santschin plötzlieh, ״den hab׳ ich heute früh %׳erbraucht!“ ״Warum sitzt Du da, wie ein Klotz, und sagst kein Wort?“ schreit seine Frau. ״Erstens habe ich nicht geschwiegen,“ sagt Santschin, der ein scharfer Logiker ist, ״zweitens fragt mich ja auch niemand. Ich bin näralieh, müssen Sie wissen, Herr Dan, der letzte hier im Hause.“ Frau Santschin hatte eine Idee: man könnte Tee kaufen bei Herrn Fisch, wenn er nicht gerade schlief. Daß er etwas Tee herleihen würde, bestand keine Aussicht. ״Mit Nutzen“ würde er gern verkaufen. ״Gehn wir zu Fisch,“ sagt Stasia. Fisch muß erst aus dem Schlaf geweckt werden. Er wohnt im letzten Zimmer des Hotels, Nummer 804, umsonst, weil die Kaufieute und Industriellen des Ortes und die vornehmen Parterregäste des Hotels Savoy für ihn zahlen. Es geht die Sage, daß er einmal verheiratet, angesehen, Fabrikant und reich gewesen. Nun hat er alles unterwegs verloren, aus Nachlässigkeit — wer kann’s wissen. Er lebt von geheimer Wohltätigkeit, aber er gibt es nicht zu, sondern nennt sich ״Lotterieträumer“. Et besitzt die Fähigkeit, Lotterienummern zu trau• men, die unbedingt eintreffen müssen. Er schläft den ganzen Tag, läßt sich Nummern träumen und setzt. Aber ehe sie gezogen sind, hat er wieder geträumt. Er verkauft sein Los, ersteht für den Erlös ein neues, das alte gewann, das neue nicht. Viele Menschen and

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