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Jüdische Rundschau · 1928-01-20 · Heft 6 (20.1.1928) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 6 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6, 20.11628 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 41 Die Roth*childs Von Hans Ooslar. Die Geschichte des Hauses Rothschild hat wieder und wieder zur Legendenbildung geradezu eingeladen. Die Literatur, die sich bisher mit der Geschichte der königlichen Kaufleute aus der Frankfurter Judengasse beschäftigte, hat mit wenigen Ausnahmen dem Vorschub geleitet Sic bevorzugte das Anek* dotische und hübsche kleine Episödchen, versuchte und verstand es aber nicht, durch eine leidenschaftslose kaufmännische und finanzpolitische Darstellung die finanziellen Erfolge des Roth* Schilds verständlich zu machen und des Schleiers des Geheimnisvollen etwas zu entkleiden. Wir besitzen jetzt ln dem ersten Bande des großangelegten Werkes; ״Der Aufstieg des HausesRothscnild“ von Egon Cäsar Conte Corti (Inselverlag Leipzig 1927), eine Darstellung, die für uns um so wertvoller ist, als sie an Objektivität der Darstellung wie an Fleiß der Forschung nicht übertroffen werden kann und das Thema der Rothschi'.dschen Erfolge, frei einerseits von antisemitischer Voreingenommenheit und andererseits von der Ten* dettz der Verherrlichung prominenter jüdischer Persönlichkeiten einfach zum Gegenstand einer nahezu aktenmäßig korrekten wirtschaftspolitischen und finanzhistorischen Untersuchung macht. Gerade durch seine ruhige wissenschaftliche Objektivität kann dieses Buch demjenigen zum Führer werden, der dem Geheimnis des Erfolges der Rothschilds näherkommen und damit auch einen Beitrag zur Psychologie des jüdischen Wirtschaftserfolges überhaupt leisten will. Zunächst ist es klar, daß auch die bienenemsige Arbeit Cortis in den preußischen und österreichischen Staatsarchiven und andererorts nicht lückenlos alles Material zur Beurteilung der Rothschilds heran ziehen konnte, insbesondere solange das Rathschildsche Haus selbst es nach wie vor vermeidet, seine Archive zur Verfügung zu stellen. Aber es ist auch sehr frag-!ich, ob die Archive noch so außerordentlich viel mehr an ent* scheidend wichtigem Material offenbaren würden. Denn das eine zeigt gerade das Cortische Buch mit aller Klarheit, daß es in der Hauptsache die persönlichen und menschliehen Eigenschaften der Rothschilds waren, die sie vorwärts brachten, und daß irgendwelche geheim nis* vollen äußeren Begleitumstände, die erst durch die Archive offenbart werden müßten, keineswegs etwa die Rolle spielen, wie die Fähigkeit, Geschäfte im richtigen Augenblick vorzubereiten und abzuschließen. Höchstens über die T e c h - 11 i k ihres Arbeitens könnten an Hand der Unterlagen weiterer Geschäfte als der in dem Buche behandelten noch interessante Aufschlüsse gegeben werden. Aber es ist fraglich, ob es sich da nicht meistens um Wiederholungen handeln würde. Denn für den finanzpolitisch nicht Ungeschulten wächst schon aus dem zahlreichen Material, das Conte Corti beigebracht und durchaus glücklich und geschickt in das klar geschilderte historische Oeschehen der Jahre 1770 bis 1830 hinangestellt hat, lebendig und charakteristisch das person'iche Arbeiten der Rothschilds heraus. Ohne daß der Verfasser des Buches viel mit Werturteilen und eigenen Ansichten eine bestimmte Retouchierung des Bi'des der Rothschilds zu erzielen sucht, läßt er uns eben — das ist es ja gerade, was wir bisher in der Literatur vermißt hatten — Einblick in einen Teil ihrer Geschäftsgebarung gewinnen. Wie arbeiteten die Rothschilds? Sie lebten in einer Zeit dauernder politischer Unruhen, dauernder Unsicherheit auf dem öffentlichen Geldmärkte, dauernden Geldbedarfes sämtlicher Staaten und Souveräne 2m unproduktiven Zwecken mit großen Risiken und deshalb auch großen Gewinnmöglichkeiten für den Geldgeber und nicht zuletzt auch größter Rückständigkdt auf dem Gebiete des Verkehrs. Die Rothschilds durchschauten die Schwächen Ihrer Zeit und der handc’nden Menschen und verstanden es, diese ihre Erkenntnis und Ueber- ־legenheit praktisch auszuwerten 1 Die alte Forniel des' gouverner c'est prdvalr gilt keineswegs nur für die Verwaltung, sondern in ganz besonderem Maße für den Kaufmann, der mehr als Händler sein will. Jüdische Finanzleute und Industrielle von erstem Rang haben oft diese Eigenschaft des Ihrer-Zeit-vorausseins bewiesen. Man denke nur an einen so erfinderischen Kopf wie Strousberg, der in richtiger Erkenntnis der strate- S'sehen und kommerziellen Notwendigkeiten schon d i e Eisenhnünien in Preußen baute resp. projektierte, die Jahre und Jahrzehnte später der preußische Staat als unumgänglich notwendig werdende Strecken;erkannte und kaufte resp. an’egtc. Die Rothschi'ds erkannten früh, daß der Kaufmann nur dann richtig disponieren und vor a'lem rechtzeitig seine Verfügungen treffen kann, wenn er möglichst frühzeitig, am besten als erster, alles erfährt, was sich an politisch und wirtschaftlich Wissenswertem ereignet, und daß dazu bessere Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen gehören. Nicht zuletzt blieb so das Haus vor verhängnisvollen Verlusten bewahrt und konnte es sich blitzschnell auf alles neue einstellen, weil sein Nachrichtendienst, der a'lmählich ganz Europa überzog und zu dem sich weder die: alten Frankfurter Patrizierbankhäuser noch die Londoner weltbeherrschenden Geldkönige aufgeschwungen hatten, noch schne'ler arbeitete als der der eng-!!scheu und französischen Regierung, geschweige denn der damaligen Zeitungen. Sehen wir sonst die Geschäftsgebarung der Rothschi'ds an, so schälen sich unverkennbar eine Anzahl ganz hervorstechender Eigenschaften heraus, die so massiert allerdings schon eine Art Erfolgsbürtrschaft in sich trugen; intelligente Mensehen. Da ist der alte Meyer Amschel Rothschild, der Begründer des Hauses, klug bis in die Fingerspitzen und kaum jema’s sich in der Wahl seiner Mittel vergreifend. Die Söhne alle mehr oder minder mit stärkstem kaufmännischen Instinkt begabt, keine Pedanten, nicht kleinlich; der Bruder Nat h a n geradezu ein finanzpolitisches Genie, der als Einundzwanzig!,ähriger ohne Sprachkenn ntsse mit 20C03 Pfund nach Enr׳'and ging und sich in kürzester Frist dort in den Sattel setzte. Ale. Rothschi'ds tragen besonders ausgeprägt den hervorstechenden Zug des jüdischen Wirtschaftlers an sich, der es ihm unmöglich macht, sich in zünftlerisch organisierte Wirtschaftsgebilde einzugliedern und der ihm zu allen Zeiten neben dem Erfolg die bit*erste und heftigste Feindschaft der schwerfälligeren und daher erfolgloseren Konkurrenten eingebracht hat: sie warten nicht ab, bis ein Geschäft und ob es überhaupt an sie herankommt, sondern sie greifen mit stärkster A k t i v i t ä t d o r t z u , wo sie ein Geschäft wittern. Ja, sie b e - reiten — und das scheint mir das besondere Charakteristikum der Rothschilds zu sein — nach dauernder sorgfältiger Beobachtung des näheren und des Weltgeschehens planvoll die Vorbedingungen für Geschäfte vor und verstehen es dann, im geeigneten Moment hervorzutreten, um nunmehr auch durch das günstigste Angebot den finanziellen Abschluß der ganzen Aktion selbst in die Hand nehmen zu können. Zweife’los handelt es sich hier um ein ganz besonders ausgeprägtes Dlspösitionstale n t, um die Fähigkeit, auf kurze oder Ian״e Frist hin ganz sorgsam und se’bst unter den schwierigsten Voraussetzungen Geschäfte vorzubereiten und verseh’ungene Fäden zu entwirren. Dazu kommt eine geradezu genia'e Beherrschung der gesamten Technik des Geldverkehrs. Daß dabei alle bewährten kaufmännischen Prinzipien, wie das der Rückendeckung und der Rtsikovertfi'ung auf das beste beobachtet werden, üi selbstverständ’ich, denn die Rothschilds zeigen zwar sehr oft großen Wagemut und setzen auch, um vieles zu erreichen, oft viel auf eine Karte, können aber kaum jemals als leichtsinnig, niema's als unüberlegt und erst recht nicht als Spieler bezeichnet werden. Im Gegenteil, alle Aktionen erwachsen aus eingehender gemeinsamer Beratung, was den ungeheuren and während der Zeit der HauptbSte des Hauses Rothschild in der Welt einzig dastehenden Vorteil hatte, daß vor jedem Geschäft die Verhältnisse sämtlicher maßgebenden europäischen Geldmlrkte gleichzeitig auf Grund bester eigener Kenntnis und potitischer Informationen berücksichtigt und in die Rechnung eingesetzt werden konnten. Hinzu kommt weiter: die Rothschilds waren nicht nur intelligente Menschen, sondern auch trotz ihrer von Corti betonten —* vom europäischen Kulturkreis aus gesehen — Unbildung sehr lebensklug und besaßen die Eigenschaften, die auch noch dazu gehören, um Erfolg auf die Dauer zu verbürgen: eine zumeist instinkthaft-richtige politische Voraussicht, das untrügliche Fingerspitzengefühl gegenüber dem Kommenden, das ebenfalls so oft den jüdischen Kaufmann als schwer errungene und teuer bezahlte Erbschaft aus langer trüber Geschichte auszeichnet. Dieser gesunde politische Instinkt, der gewiß gelegentlich trügen konnte und auch wohl getrogen hat, befähigte die Rothschilds dazu, Geld in einer eit zu verdienen, in der Riesengewinne auf dem Gebiete der Staatsanleihen und des gesamten öffentlichen Kredits zu verdienen waren, aber auf die Dauer doch nur von Leuten, die neben ihren ausgezeichneten kaufmännischen Eigenschaften auch politischen Verstand in Fülle hatten. Kennen Sie die geographische Lage der von Ihnen gestifteten Gärten und Haine? Das Hauptbüro des Keren Kajemeth Lejisrael trägt in ein neuangelegtes Register mit Liegeplänen die komplettierten Gärten und Haine ein. Sorgen Sie durch Stiltang von Bäumen für die Komplettierung der auf den Namen Ihrer Lieben gestif• teten Gärten and Haine! Alle gestifteten Bäume werden gepflanzt und sind geographisch feststellbar! Fragen Sie an! Das Hauptbüro des Keren Kajemeth Lejisrael bezeichnet Ihnen genau die Lage ״Ihres“ Gartens oder Haines! Erst aus der Lektüre des Cortischet! Buches sieht man genauer den aktiven Anteil des Hauses Rothschild an der großen Politik der Zeit um die napoleonischen Kriege herum und später. Die Aktion Wellingtons in Spanien wäre ohne die kühne und ingeniöse Rothschildsche Finanzhilfe rettungslos zum Zusammenbruch verurteilt gewesen. Die fmanziellan Kalamitäten und technischen Schwierigkeiten der laufenden Uebcrmittelung gewaltiger Geldbeträge von-Land zu Land in jenen Zelten primitiven Verkehrs waren stärker als die englische Regierung und all ihre Macht Aber die Rothschilds waren stärker a.s alle technischen Schwierigkeiten. Man sieht weiter, wie ganz zweifellos die Rothschilds, die mit ihrer gesunden politischen Skepsis von vornherein dem genialen Abenteurer Napoleon mißtrauisch gegenüberstanden, erfolgreich an dem Sturze des großen Korsen mitgearbeitet haben, weil sie durch ihr ureigenes System der Barzahlungen auf dem Festlande an Stelle der bisherigen irrsinnig kostspieligen und verlustreichen Trassierungen auf England erst eigentlich die Durchführung der großen Subventionen an die Festlandsmächte und damit die finanzielle Wehrhaftmachung der anttnapolecnischen Koalition ermöglichten. Auch später wachsen die Rothschilds mehr und mehr in die große Politik hinein. In ungeheuer zähem und planvollem Kampfe, mit einer Energie und unerschütterliehen Zielbewußtsein, die auch schon an sich Bürgen des Erfolges waren, erobern sie schließlich das Vertrauen und die engste Finanzkundschaft der lange Zeit hindurch mißtrauischen und ablehnenden österreichischen Regierung, um damit eine Kette ungeheuer verdienstreicher und gewa'tig umfangreicher Geschäfte in engster Fühlung stets mit dem allmächtigen Mett ernich einzuleiten. Und während doch in England der große Bruder Nathan ziemlich schnell in die liberalen Traditionen dieses seit langen Jahren parlamentarisch regierten Landes hineinwf chst, steht 5 a 1 o m o n Rothschild und in gewissem Sinne auch Carl Meyer in Neapel in einer Front mit Metternich, dem Po’izeiminister Europas, der mit Rothschildschem Oelde die liberale Aktion in Italien niederschlug und jahrelang mit unerhörter Brutalität Neapel aussaugte, uni jeden Gedanken an ein Wiederauff ackern der Revolution niederzuhalten. Zweifellos sprach hier bei den Rothschi'ds, so konservativ sie sich auch in ihren festländischen Niederlassungen gaben, nicht ausschließlich eine politische Ueberzeugung, als auch durchaus eine starke Treue mit, die sie, wenn sie sich einmal an jemand, wie in diesem Fall an Metternich, eng attachiert hatten, ihm auch weiter durch Festhalten an ihm und an den Wegen, die er ging, bewiesen. Immerhin ist cs aber angesichts der weltrevolutionären Tendenzen, die k'nrlircherweisc von antisemitischer Seite oft dem jüdischen Großkapital unterlegt werden, amüsant, zu sehen, daß die antircvo'utionäre Polizeiht-rrfchaft Metternichs keine bessere Stütze als das Haus Rothschild hatte. Bei all den politischen Ereignissen, an denen die Rothschilds durch ihre Finanzierungskünste teilnahmen und die sie manchmal naturgemäß bei den Wechselfällen der politischen Geschicke auch in persön'ieh sehr peinliche Situationen brachten, zeigte es sich, daß die Rothschi'ds zu allen ihren anderen Eigenschaften auch ,.fortune“ hatten. Durch eine ganz besondere Kunst der Menschenbeeinflussimg und Mencchenbehandlung, keineswegs a'lein immer durch die finanzielle Beihilfen, sondern auch ebenso oft durch klugen Rat und ״fairness‘* in der geschäftlichen Behandlung ihrer Klienten, verstanden sie es, sich ln allen Lagern einflußreiche Freunde und Gönner zu halten. Sie hielten dem hessischen Kurfürsten, an dessen Geschäftsverbindung sie zuerst erstarkten und erb'ühten, vorbildlich Treue, und während jeder andere an ihrer Stelle In den Jahren ihrer emsigen geheimen Tätigkeit für den geflüchteten Kurfürsten von dem Zorne des dama's allmächtigen Naro’eon geschäft'ich und persön'ieh vernichtet worden wäre, schlüuften die Rothschilds trotz a’ler Aufregungen, mi'itärischen Haussuchungen und gefahrdrohender Po’izeiberichte noch gerade ungefährdet durch, wcH die Freundschaft mit dem judenfreund'Hien Großherzog von Napoleons Gnaden, Da'berg, sie zu schützen wußte. Und als in Kränkreich später Revo'utionen die Luft erzittern ließen und Dynastien purzelten, waren trotz der Todfefndtcha't der sich bekämpfenden Königshäuser dank der Klugheit und Vorsicht des jungen 1 a m e 6 Rothschi'd die Rothschilds sehr bald auch wieder die Bankiers der neuen Herren, so wie sie die der alten gewesen waren. Man konnte־ eben schon im Anfang des 19. Jahrhunderts bald die Intelligenz und die Kapitalkraft der Rothschilds nirgends mehr entbehren, zumal man wußte, daß sic zwar große Gewinn- Chancen verlangten, aber auch mit äußerster Redlichkeit und Zuverlässigkeit die Interessen ihrer Geschäfts* freunde wahrten. Wenn dabei vielfach eben ganz riesenhafte Gewinne erzielt wurden, so lag das vor allem an der ganz umverantwortlichen Finanzwirtschaft mancher Länder; wie z. B. Oesterreichs, die, trotzdem sie im Grunde häufig geradezu bankerott waren, sich in neue militärische Abenteuer stürzten und dann dazu eben Gelder k tout prix aiiforderten, in der Hoffnung, sie, wie Im Fall Neapel, von dem unterliegenden Teil wieder mit Zinseszius einkassieren zu können. Gewiß haben die Rothschilds auch ihre Schwächen. Wenn man aber 2. ß. ihre auffallende Sucht nach Titeln, Orden und äußeren Ehren dazurechnen will, so waren das dochjin Grunde christlichen Konkurrenten. Es war vielmehr ganz einfach der verständliche Wunsch, die beispiellose finanzielle Karriere der Söhne des Frankfurter Ghettos dadurch vor der nicht jüdischen Welt, mit der sie doch tagtäglich zu verhandeln hatten, zu legalisieren und sich selbst endgültig dadurch zu legitimieren, daß sie nach außen hin als österreichische Generalkonsuln, als Freiherrn usw. auftreten konnten. Noch dazu in einer Zelt, wo in ihrer eigenen Heimatstadt Frankfurt Jahre und jahrelang‘ hindurch der Senat für die Rückverweisung der Juden in da* Ghetto kämpfte, aus dem sie die napoleonische Zeit befreit hatte. In diesem Kampf ergriffen naturgemäß die Rothschilds — und das ist eigentlich auch das einzige, was Cortis Buch als jüdisch-politische Betätigung der Rothschilds an* führen kann — offen und energisch Partei Und nur ihrem ständigen Druck auf den übrigens auch sachlich gar nicht so unfreundlich gestimmten Fürsten Metternich ist es zu verdanken gewesen, daß, nachdem schließlich durch den Sturz des aus• gesprochen judenfeindiiehen österreichischen Bundesratsgesandten in Frankfurt, Graf Buol, das letzte große Hindernis beseitigt worden war, die Frankfurter Juden nicht wieder zu Ghetto-Insasse!!, sondern zu Einwohnern mit beschränkten Bürgerrechten wurden. Conte Cortis Buch hat das legendäre Dunkel, das noch immer im gewissen Sinne über den Zusammenhängen des märchenhaften Rothscbi'dschen Aufstiegs lagerte, wohl end• gültig zerteilt. Nicht unverhoffte Glückszufälle, mystische und einer Macht herangebildet, die zeitweiüg'eine der stärksten und elastisch-widerstandsfähigsten in Europa war. Nein, Zeiten, die an sich mit ihren angehiuften großen Wechselfällen bedeutenden Gewinnen und gewa'tigen Vermögensumschichtungen günstig waren, sind zuerst von einem schwerarbeitenden, bis in die Fingerspitzen ehrlichen und redlichen, klugen und erfmdungsreichen Kaufmann verstanden und in gewissem Umfange ausgenutzt worden. Sein Werk ist von fünf Söhnen, deren sprichwörtliche Einigkeit und geschickte Zusammenarbeit an den Hauptplätzen Europas an sich schon einen nicht zu unterschätzenden Vorteil bot, bis zu schwindelnder Höhe ausgebaut worden. Diese Söhne waren alle starke und ganz auf die Interessen ihres Hauses konzentrierte Arbeiter. Sie wie ihr Vater scheuten — und das muß ganz besonders betont werden — keine körperliche und geistige Mühe, wenn es galt, die Interessen ihres Hauses und ihrer Kunden zu fördern. Schwere körperliehe Strapazen und persönliche Gefahren, die die ständigen weiten und mühseligen Reisen in Kriegszeiten und bei primitiven Verbindungen mit sich brachten, gehörten dauernd zum Handwerk der rührigen Männer. Mühelos und risikolos ist das Vermögen der Rothschilds in den ersten beiden Jahrzehnten nicht verdient worden. Und 2m übrigen tat sich eine ganze Sammlung hervorragender kaufmännischer Eigenschaften, fand sich Voraussicht, enorme Zähigkeit, unermüd.icher Fleiß, politischer Instinkt, Großzügigkeit, Aktivität, die Kunst der Menschenbehandlung und Solidität zusammen, um die Erfolge zu schaffen, die allmählich zu einer Kapitalszusammenballung führten, die dann wiederum selbst zur stärksten Werbekraft für das Haus wurde und wie ein Magnet die kreditbedürftigen Höfe und die maßgebenden Persönlichkeiten auf dem politischen Parkett anzog. Der zweite Band des Werkes kann, obwohl die eigentliche heroische Periode des Hauses Rothschild mit dem Jahre 1830 abgeschlossen erscheint, und der große Bau zu dieser Zeit schon unerschütterlich festste!!!, mit Spannung erwartet werden. (nstitutum, Judaicum. Im Rahmen des vom Institutun Judaicum bei der Berliner Universität veranstalteten Vortragszyklus: Gestalten und Gestaltung des modernen Judentums. 11. Teil: Das Ostjudentum“ sprach als der zweite in der Reihe der Professoren am Russischen Wissenschaftlichen Institut Boris Brutzkus über das Thema: ״Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Ostjudentums“. Er führte ungefähr aus: Das polnische Judentum, der Kern des Ostiudcntums, befand sich zurzeit der Aufteilung des historischen Polens in einem sehr traurigen wirtschaftlichen Zustand; es bildete ein Bürgertum zweiten Ranges. Die Eingliederung der Juden in die drei großen Staaten Rußland, Oesterreich und Deutschland eröffneie für die Juden günstigere Aussichten. Das gilt auch für die große Mehrheit des Ostjudentums, die in den Grenzen Rußlands sich befand, wenn auch ihre Emanzipation bis zur letzten Revolution auf sich warten ließ. Das alte russische Regime war von Anfang* an bestrebt, die Juden von der ver* mittierischen Tätigkeit zwischen "Adligen und Bauern und vom Schankgeschäft zu' entfernen; die zünftierischen Tendenzen des christlichen Bürgertums hat sie aber nicht unterstützt, und So vermochten die Juden ihre wirtschaftliche Tätigkeit in den Städten des ziemlich weit begrenzten Ansiedlungsgebietes frei zu entwickeln. Die Regierung machte in der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts den ersten Versuch, die Juden auf dem L ande anzusiedeln und sie zu assimilieren. Sie wandte dabei teilweise repressive Maßregeln a!1, die unter der despotischen Regierung Nikolaus 1. einen grausamen Charakter besonders durch die massenhaften Rekrutierungen erhalten haben. Die fortschrittliche Entwicklung Ruß'ands unter der Einwirkung der großen Befreiungsreformen des Kaisers Alexander IL, die auch von einer Verbesserung der rechtlichen Lage der Juden begleitet waren, kam ihnen zugute. Die Juden spielten eine bedeutende Rolle im wirtschaftlichen Aufbau des Landes, sie entwickelten seine Ausfuhr. Die Einbeziehung der Bauern in die Verkehrs- Wirtschaft begünstigte die Entstehung einer großen jüdischen Handwerkerkiassc. Die wirtschaftlichen Verbindungen des jüdisehen Ansiedlungsgebietes mit dem Inneren des Landes wurden immer enger. Dies führte zur Entwicklung einer bedeutenden jüdischen Arbeiterklasse. Obgleich die Juden nach dem Kriege überall formell gleichberechtigt wurden, so bedeutet die ganze Nachkriegsentwicklung für sie eine Katastrophe. In den Rand- und Nachfolgestaaten müssen sich die Juden auf viel kleinere Verhältnisse einstellen, die Verbindungen mit dem Os'eu sind vollkommen unterbrechen, die Regierungen führen eine nationalistische Politik. In Rußland wurden die alten Formen des jüdischen Wirtschaftslebens durch den Vorstoß des Kommu* nismus anfänglich gänzlich zerstört. Die jüdischen arbeitendem Klassen haben dabei am stärksten gelitten. Die neue jüdische Kolonisation kommt ungeachtet ihrer ziemlich günstigen Ent- Wicklung als ein Mittel zur Verbesserung der Lage der jüdischen Massen nur wenig in Betracht Mit der te'lweisen Rückbildung des Kommunismus hat sich die Lage der Juden verbessert.

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