Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 40 JÜEDfSCHE RUNDSCHAU Nr . 6, 20.1102S Das Schicksal des jiddischen Lehrstuhls (Vor. einem Korrespondenten.) rs, Jerusalem, 10. Januar 1928. Am 5. Januar kam Dr. J. L. Magncs, der Kanzler der Universität, von seiner amerikanischen Reise nach Jerusalem zurück. Er hatte am 27. und 28. Dezember der Sitzung des Kuratoriums des judaistischen Institutes der Hebräischen Universifät beigewohnt, die in Mainz stattfand, und brachte gute Nachrichten über die Beschlüsse mit, welche die Konferenz bezüglich des Aushaus des judaistischen Institutes gefallt hatte. Es ist allseitig — und am meisten wohl von seiten der Leitung der Universität selbst — als schwerster Mangel empfunden worden, daß unsere höchste Bildungsstätte nicht systematisch ausgebaut wird, daß die einzelnen Institute mehr zufällig als organisch errichtet wurden. Besonders stark fühlte mau dies im judaistischen Institut, das docit wohl be* stimmt ist, das Herz der Universität zu sein, das auch finanziell besser dotiert ist als die andern Abteilungen der Universität, und trotz allem seinen Studenten bis jetzt nicht einen vollen und iit sich geschlossenen Lehrgang zu bieten vermag. Noch fehlen ganz wesentliche und zentrale Lehrstühle, vor allem Bibel, Hebräisch, jüdische Geschichte, Halacha, jüdische Philosophie. Es Ist nicht leicht, Lehrer für die Universität Jerusalem zu finden. Die Zahl der In Betracht kommenden Persönlichkeiten ist nicht groß. Es gibt nicht viele jüdische Gelehrte, welche Hebräisch vorzutragen imstande sind, gewillt sind, nach Palästina zu gehen und wissenschaftlich hervor* ragende Leistungen aufzuweisen haben. Auch ist es bei einem solchen Fach wie hebräische Philologie besonders schwer, den hohen Ansprüchen gerecht zu werden, welche das Hebräisch sprechende Palästina an einen hebräischen Philologen stellen wird. Das judaistische Institut hat zum Teil die schwer fühl• bare Lücke durch Berufung von Gastprofessoren (den Professoren Davidson, Gutmann, Mann, Margulies, Perles) aaszufüllen versucht, allein natürlich bedeutet dies keine Lösung, denn die Studenten der Universität brauchen dauernde Führung durch ständige Lehrer. Nunmehr brachte Dr. Magnes die Nachricht mit, daß auf Grund der Beschlüsse der Mainzer Sitzung Verhandlungen mit einzelnen Gelehrten begonnen wurden, um sie für die Fächer jüdische Geschichte, jüdische Philosophie und Halacha zu gewinnen. Dagegen konnte die Mainzer Konferenz keine Kandidaten für Bibel und hebräische Philologie genehmigen und hat zunächst Komitees eingesetzt, welche die Frage untersuchen sollen. Das bedeutet wohl eine Verschiebung für mindestens ein Jahr. Die Ankunft von Dr. Magnes war in Palästina diesmal besonders ungeduldig erwartet worden, weil man einer Entscheidung bezüglich des jiddischen Lehrstuhls entgegensah. Die Mainzer Konferenz hat über diese in Palästina so strittige Frage einstimmig folgenden Beschluß gefaßt: ״Das Kuratorium betrachtet die wissenschaftliche Erforschung aller. von Juden gesprochenen und geschriebenen Sprachen und Dialekte, wie des Jüdisch-Deutschen (Jiddischen), des Jüdisch-Spanischen (Ladino), des Jüdisch-Proveu^alischen, des Jüdisch-Arabischen usw. als wesentlich für ein vollständiges Verständnis des Judentums. Es begrüßt deswegen die Möglichkeit der Schaffung eines Lehrstuhles für Jiddisch, welcher sich mit jiddischer Philologie und Sprache, Literatur und Folklore und mit der sozialen und geistigen Geschichte der Juden, soweit sie im Jiddischen niedergelegt ist, beschäftigen soll. Das Kuratorium nimmt Kenntnis von der Opposition gegen die Einführung dieses Lehrgegenstandes im gegenwäriigen Augenblick, welche sich am Jerusalemer Institut erhoben hat, und autorisiert den Vorsitzenden des Kuratoriums (Chief Rabbi Dr. Hertz), den Lehrkörper und das palästinensische Komitee des Institutes Schritte zu unternehmen, welche einerseits dem Institut die Vorteile dieser Forschung sichern und andererseits durch eine Klärung der Ziele des Lehrstuhls den Frieden innerhalb des Institutes aufrecht zu erhalten geeignet sind.“ Der nach Palästina gedrahtete Beschluß des Kuratoriums erregte in den antijiddischen Kreisen heftigen Widerspruch. Wenige Stunden nach Dr. Magnes׳ Ankunft plakatierte die ״Legion der Verteidiger der Sprache“ in den Straßen Jerusalems schwarz umrandete Plakate mit dem Text ״Ein Götzenbild Im Heüigtume!“ und ״Der jiddische Lehrstuhl ist der Ruin der Universität“ und bereitete sich zu Versammlungen und Demonstrationen vor. Die Studenten hielten Versammlungen ab, die zu heftigen Zusammenstößen der beiden Gruppen unter der Studentenschaft führten. In dieser Atmosphäre von Leidenschaft tagte die Sitzung, welche Dr. Magnes wenige Stunden nach seiner Ankunft einberief und in welcher der Lehrkörper des judaistischen Institutes und das palästinensische Komitee zusammen tagten. Ls gelang Dr. Magnes, trotzdem beide Körperschaften in der Frage in Majorität und Minorität gespalten waren, nach sechsstündiger stürmischer Sitzung einen einstimmigen Beschluß zu erzielen, welcher besagt: ״ln Anbetracht des Beschlusses des Kuratoriums in Mainz, die Frage des jiddischen Lehrstuhls an den Lehrkörper und das palästinensische Komitee des Institutes zur Erwägung und Beschlußfassung zu verweisen, erachtet die gemeinsame Sitzung der beiden Körperschaften die Zeit für diesen Lehrstuhl noch nicht für gekommen, so lauge die vier Lehrstühle, welche den Vorrang haben (Hebräisch, Bibel, jüdische Geschichte und Philosophie) noch nicht errichtet und verwirklicht worden sind. Sobald diese Lehrstühle errichtet und verwirklicht sein werden, wird der Lehrkörper und das palästinensische Komitee die Frage wieder verhande 1 n“. Daß Dr. Magnes den einstimmigen Beschluß zustande brachte trotz der Erregung, welche die Sitzung umtoste, bedeutet zweifellos einen großen persönlichen Erfolg und sichert zunächst den Frieden der Universität. Sachlich freilich mußten die Anhänger einer objektiven Beurteilung der Wissenschaftliehen Frage zurückweichen. Sie haben nur soviel erreicht, daß das Angebot des ״Tog“ nicht einfach abgelehnt wurde, ln einem oder zwei Jahren wird die Frage neuerlich auf die Tagesordnung gesetzt werden. Es muß das Ziel der Leitung der Universität sein, in dieser Zeit die Frage von allem politischen Beiwerk loszulösen und Wissenschaftlieber Behandlung zuzuführen. Wenn auch die Körperschaften in Jerusalem ihre definitive Stellungnahme aufgeschoben haben, so bedeutet der Mainzer Beschluß dennoch schon eine p r i n - ziplelle Annahme des Lehrstuhls und bindet die Universität Es wird Aufgabe der Universitätsleitung sein, die Atmosphäre wissenschaftlicher Objektivität innerhalb unserer Hochschule zu schaffen, welche die ruhige Verwirklichung des Mainzer Beschlusses ermöglichen wird. Palästina in der deutschen Presse In der ״Deutschen Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte deren Korrespondent, Dr. Max Fischer, im November und Dezember eine Artikelserie von zehn Artikeln über Palästina und Transjordanien, wobei er ausführlich auf das zionistische Problem eingeht. Dr. Fischer hat sich offenbar sehr eingehend im Lande informiert und mit allen Bevötkerungskreisen Fühlung genommen. Er ist in seinem Urteil zurückhaltend, da er sich bewußt ist, daß in der zionistischen Bewegung immeßbare Kräfte liegen, deren Auswirkung man nicht Voraussagen kann, auch wenn mau im Einzelnen skeptisch ist ״So stark auch die Entwicklung der arabischen Bewegung und die Absichten der englischen Politik die Entwicklungsmöglichkeiten des Zionismus bedingen werden, die entscheidende Schicksalsfrage wird die Lebendigkeit und Zähigkeit des zionistischen Innenlebens sein.“ In dem Schlußartikel, der am 4. Januar erschienen ist, spricht der Korrespondent von der Notwendigkeit neuer seelischer Antriebe des Zionismus, die er nur gewinnen könne entweder aus einer religiösen Erneuerung oder aus der Weckung einer Kolonisatoren-Mentafität, die sich als Pionier europäischen Fortschritts gegen die veralteten orientalischen Wirtschaftsformen empfindet. Der Verfasser schildert auch die im arabischen Lager erwachenden Kräfte und die Anschauungen der christlichen Kreise, die sich zum Teil einen Erfolg des Christentums bei den rückkehrenden Juden versprechen. Wenn wir auch in vielen Punkten anderer Amsicht sind als der Berichterstatter, der gelegentlich auch revisionistische Gedankengänge wiedergibt, so muß doch anerkannt werden, daß Dr. Fischer bemüht war, ein objektives Bild zu gewinnen, und daß auch Zionisten, denen daran liegt, die Meinungen und Eindrücke anderer Kreise kennenzuleraen, aus diesen Berichten manchen Nutzen ziehen werden. In der ״VossIschen Zeitung“ vom 28. Dezember veröffentlicht der Korrespondent des Blattes, der Revisionist Herr Arthur Köstier, einen Aufsatz ״Stillstand in Palästina“, worin er nicht nur die gegenwärtige ökonomische Krise schildert, sondern diese auch in Zusammenhang bringt mit der sogenannten ״Verwässerung“ des zionistischen Judenstaatsprogramms, das 111 seiner heutigen Form keine Anziehungskraft auf die Massen habe, ln den ״Briefen an die Vossische Zeitung“ vom 8. Januar wendet sich Dr. Robert Welt sch gegen diese Darstellung, indem er die uninformierte Oeffentlichkeit darauf hinweist, daß der Verfasser Revisionist ist und hier innerzionistische Meinungsverschiedenheiten zum Ausdruck kommen. In_ der ״Kölnischen Zeitung“ vom 3. Januar veröffentlicht Major a. D. Welsch, München, einen längeren Aufsatz ״Ein britisches Dominium im Nahen Osten?“, worin er auch die britische Politik in Palästina ausführlich bespricht, ohne freilich der zionistischen Arbeit gerecht zu werden. Die Gegensätze zwischen Juden und Arabern werden dargestellt und der Meinung Ausdruck gegeben, England könne es einmal für zweckmäßig halten, ״auf das arabische anstatt das zionistische Pferd zu setzen“. Das Bäderblatt der ״Frankfurter Zeitung“ vom 15. Januar enthält einen ausführlichen Aufsatz von H. K., Jerusalem, über Reisen in Palästina, worin über die Verkehrsmögüchkeiten, Hotelpreise, aber auch über die Sehens- Würdigkeiten einschließlich der neuen jüdischen Kolonien zureichende Aufklärungen gegeben werden. Der ״Berliner Börsen-Courier“ vom 24. Dezeraber bringt einen sehr interessanten Aufsatz von Erich Gottgetreu über das hebräische Theater ״Haohel“ ln Jel-Awiw, das den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ bekannt ist. Der Verfasser schildert die Entstehung dieses Theaters, für das ״heldenhaft viel gearbeitet, gehungert und gefiebert wurde“. Herr Erich Gottgetreu hat in der letzten Zeit auch in einer Reihe von anderen Zeitungen sehr bemerkenswerte Artikel über Palästina veröffentlicht, die sich durch scharfe Beobachtung und konzise Darstellung auszeichnen. Wir erwähnen einen Beitrag im ״Sächsischen Volksblatt“, Zwickau, über die wirtschaftliche Lage, worin er hervorhebt, daß trotz aller Schwierigkeiten der Aufbau weiter geht Ferner im ״Lübecker Volks boten“ eine eingehende Schilderung von dem Leben einer Kwuzah, und endlich im ״P r ager Tagb 1 a11“ einen Bericht über ״Des Orients erste Kinderrepublik“, das Kinderdorf Kfar Jeladim im Emek Jesreel. Int ״Hamburgischen Correspondenten“ veröffentlicht D. Walter Classen einen ausführlichen Reisebericht über Palästina, worin er zu dem Ergebnis kommt, daß auch die Deutschen in Palästina noch gewaltige Kulturarbeit zu leisten haben, wie schon das bisherige Werk der Templer beweist ״Dabei laben v.ir allen Grund, die Zionisten als Bundesgenossen zu betrachten. Sie bedeuten ein Eindringen europäischer Arbeit, und dies Europäische ist stark deutsch beeinflußt.“ Der ״Weltspieg el“ von Sonntag, den 15. Januar, veröffentlicht eine Reihe von Palistlnabildern, in der er die alten und neuen Methoden der Siedlungen gegenüberstellt, ohne freilich zu erwähnen, daß cs sich um jüdische Siedlungen handelt. Das palästinensisch-syrische Zollabkommen Jerusalem, 17. Januar. (J. T. A.) Der Direktor des Zoll- und Handelsdepartements der Palästina-Regierung, Herr S t e a d, hielt eine Beratung mit den palästinensischen Fabrikanten ab, in deren Verlauf er mitteilte, daß eine neue Formulierung des palästinensischen Handels- und Zollabkommens gefunden worden sei, die sowohl der Palästina-Regierung als auch der palästinensischen Industrie annehmbar erscheinen müsse. In kurzem wird ein neues Abkommen zum Abschluß gelangen, bei welchem die neue Formulierung zum Ausdruck kommen wird. (Welcher Art diese neue Formel ist, wird nicht gesagt, so daß eine Beurteilung vorderhand unmöglich ist. A. d. Red.) Phantasien der ״Daily Mail“ London 15. Januar. (J. T. A.) Der Reiseberichterstatter der ״Daily Mail“ Percival Phillips, veröffentlicht in seiner Zeitung einen Reisebericht aus Palästina und stellt die Behauptung auf, Palästina sei das Zentrum der bol sehewistischen Bewegung des Mittleren Ostens. Das Ziel der Moskauer Sowjet!ntrigue sei die Schaffung einer jüdischarahischen Föderation. Zwischen Moskau und Jerusalem reisen regelmäßig bolschewistische Agenten. Erstes Ziel dieser Propaganda sei c'ic Gewinnung der palästinensischen Arbeiterföaeration ״Histadruth“. In Jaffa und Jerusalem wurden, so berichtet Percival Phillips, Schulen für kommunistische Agitatoren eröffnet. — Die Redaktion der ״Daily Mail“ fügt diesen Legenden ihres, Korrespondenten einen Kommentar bei, enthält sich aber diesmal eines Angriffes auf den Zionismus. In Te I-Awiw wurde in diesen Tagen die erste palästinensische Konferenz für Kur• und Vergnügung6• wesen abgehaitea. Die 3. jüdische Emigrationskonferenz In dem in unserer v>. vm Nummer erwähnten Referat führte Jakob L e s t s c h i!1 s k y u. a. aus: Man darf die Aus- Wanderungsbewegung nicht als eine Katastrophenbewegung, sondern als eine organische Erscheinung im soziale« Leben der Völker ansehen. Namentlich die jüdische Auswanderung, die gerade in Zeiten wirtschaaauu* 1 •oeperität weit stärker war als in Zeiten der Not, war der Ausdruck des Strebens nach An- Schluß an die Produktion. Vor hundert Jahren lebten 83 bis 83 0/0 des gesamten Judentums in den Osiländem in den gedirektesten Verhältnissen. Die Auswanderung setzte ein, als in diesen Ländern gleich wie in der übrigen Welt eia sozia'es Erwachen vor sich ging. Vier Millionen Juden haben in den letzten hundert Jahren ihre alte Heimat verlassen, von ihnen wandten sich 3,2 Millionen nach den Ueberseeländem, der Rest nach den übrigen Ländern Europas. Die Auswanderung bedeutete Loslösung vom Alten, also Zerstreuung, und doch wieder neue Konzentration. Sollte nun die Auswanderungsbewegung weiter stagnieren, so wird dies eine wirtschaftliche und sodann eine kulturelle Degeneration des Judentums des Ostens zur Folge haben. Für die Länder des Ostens besteht noch lange keine Möglichkeit, für den Export zu produzieren. Das Bauerntum wird favorisiert und dringt mit seinen überschüssigen Kräften 1n die sozialen Positionen des jüdischen Elementes ein. In den Krtegsjahren wurde die berufliche Ausbildung der jüdischen Jugend vernachlässigt, dabei sind die Forderungen der Einwanderungsländer scharfer geworden. Der jüdische Auswanderer muß zu einem produktiven Element herausgebildet, die Auswanderung muß finanziert werden. Der soziale Inhalt der jüdischen Emigration ist der Uebergang zu produktiver Arbeit. Den Finanzbericht erstattet Herr Dr. James Bernstein. Den mitgeteilten Zahlen ist zu entnehmen, daß vom 1. Juli 1925 bis 31. Dezember 1926 mehr als 55 000 Dollar Subventionen zur Erhaltung der Anstalten ausgezahlt worden sind. ״Hias“, New York, steuerte zum Budget 77650 Dollar« Die Schlußbilanz belauft sich auf 79 987 Dollar. Dr. Miron Krainiu erstattete sodann den Täügkeitsbericht und gab auch Perspektiven für die Zukunftsarbeit. Die Zusammenarbeit mit der ״lea“ hat sich sowohl im Zentrum als auch in den einzelnen Auswanderungs- und Einwanderungsländern als sehr wichtig erwiesen. Dr. D. Lvovitch beschäftigte sich in seinem Referat mit der ״Produkt{vierung der jüdischen Emigration“. Die neuen Einwanderungsländer, wie Kanada, Südamerika, Südafrika, Australien usw״ sind zum größten Teil agrarische; es kommen für die Einwanderung deshalb Landwirte oder geschulte Handwerker in Betracht. Der Redner skizzierte eingehend das System der ״Angehörigen-Hilfe“. Mehr a's 20 Millionen Dollar gehen jährlich aus Amerika zur Unterstützung von Verwandten in Rußland und den Randländern. Diese ungeheure Summe soll in den Dienst der Produkt!vierung gestellt werden. E. Tscherikower berichtete über die bisher geleistete Arbeit auf dem Gebiete der Berufsausbildung der Emigranten. Es ist vorläufig׳ nur ein Anfang. In der Landwirtschaft wurden im letzten Ha’bjahre 218 Personen ausgebildet. Die meisten aber waren Chaluzim. Der eigentliche Zweck, Emigranten für die Ueberseeländer auszubilden, wurde also nur in kleinem Maße erreicht. Wir brauchen unsere eigene ,.Hachschara“; die Heran• Ziehung auch von Nichtcbaluzim. Tscherikower schlug vor: 1. Schaffung eines Fonds zur Ermöglichung der Auswanderung von bereits Ausgebildeteu; 2. Einrichtung von Fortbildungskursen für Handwerker; 3. ein Teil der beruflichen Ausbildung soll in dem Eiawanderungsland vor sich gehen; 4. Aufklärung«- arbeit unter den Wanderern. Professor B. Brutzku $ referierte über Kolonlsa'to» und Emigration. Er skizzierte die Bedürfnisse der noch dünfi bevölkerten Ueberseeländer und die Möglichkeiten einer Ansiedlung in diesen Ländern. Er kam zu dem Schlüsse, daß die Ausbildung vor allem auf kolonisatorischer Grundlage vor sich gehen müsse. Aus den Verhandlungen des zweiten Tages sei erwähnt der Vortrag des Vertreters des ״Emigdircct“ in Genf, Zw! Aberson, über die politische Arheit in Genf auf dem Gebiete der Emigration. Der Leiter des riüchtlingskolonisationsfonds beim Völkerbund hatte die Anregung gegeben, das schwere Problem der in Konstantinopd in der uns'chersten tage sich befindende« 750 jüdischen Fluchtlinge in der folgenden Weise zu lösen: Die Palästina- Regierung wird ersucht, die Einwanderung der Flüchtlinge in Palästina zu gestatten und ihnen unentgeltlich Staatsboden zur landwirtschaftlichen Ansiedlung zur Verfügung zu stellen. Die sonstigen Kosten der Ansiedlung sollen zum Teil von dem Genfer Flüchtlingskolonisationsf onds, zum anderen Teil von den jüdrehen Organisationen getragen werden. Ein derartiger Appell des Völkerbundes als des Protektors Palästinas und der Flüchtlinge an die palästinensische Mandatarmacht sei den Umständen angemessen. Man nimmt an, daß Fritjoff Nansen den Plan billigt. Die letzten Sitzungen waren der allgemeinen Ausspräche über die Referate und Anträge von Dr. 1. Brutzkus (Organisation) und Z. Aberson (Völkerbur.darbe t' gewidmet. In der Schlußsitzung wurden Beschlüsse gefaßt, die sich auf den Aufbau der Organisation Emigdirekt auf detnokratischer Grundlage, auf die Arbeit in den Auswanderungs- und Ein wanderungsländern, auf die berufstechnische und sprachliche Vorbereitung der Wanderer, auf die Zusammenarbeit mit der ICA und die Zusammensetzung des Gemeinschaftlichen Komitees HJCEM, auf die Arbeit In Genf usw. beziehen. Es wurde folgende Exekutive gewählt: Dr, Miron K r e i - nin, Dr. James Bernstein, Dr. Alfred Klee, Dr. Oskar Cohn, Leo Motzkin, Jacob Lestschinski, Dr. D. Lvoviicb, Dr. Julius Brutzkus, S. Adler-Rudel, Dr. Silberschein, Israel Bernstein, A. Schallt, W. Latzky-Bertholdi, Dr. Gribeschok, E. Tscherikower, A. Dijour, Daniel Tscharny. $ Im Anschluß an die Emigrationskonferenz begann in Berlin die erste Konferenz der der ״Hias-Ica-Emigdirect“ angeschlossenen Organisationen. Die Tagesordnung der Konferenz umfaßte u. a. folgende Punkte: Vortrag der Direktion der ״Hias-’ca- Emigdirect“. (Referent: Dr. E. Oungre.) Einsetzung von Aus- Schüssen für: a) landwirtschaftliche, berufliche und sprachliche Ausbildung von Immigranten: b) Schiffahrtsangelegenheiten; c) Vereinheitlichung der Statistik und Berichterstattung der Landeskomitees. Keren Hajessod-Arbelt in Südamerika Agronom Jacob Ettinner hat soeben im Aufträge des Keren Hajessod-Hauptbüros eine Reise angetreten, die ihn durch die südamerikanischen Staaten wie Argentinien, Brasilien und Chile und durch Mexiko führen wird. Er wird sich sowohl um die materielle Unterstützung der Pal.vtinaarbeit durch die Juden als auch um die moralische Unterstützung der Idee des Jüdischen Nationalhdms durch die nichtjüdischen Staatsmänner Süd- und Mittelamerikas bemühen.