Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1928)
- Date
- 1928-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 17. Januar 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr. 3 Ein jüdischer Schriftsteller reist nach Canada Von Seb. Gorelik. fir. Kapitel. Die ersten einsamen Tage ln Montreal. — Der Schriftsteiler macht Spaziergänge und erregt allgemeines Aufsehen. ■— Auf der Suche nach einem Schlemihl, der auch gefunden wird. — Mr. Stone. — St. Lawrence Street und verwerfliche Ghettogedanken. — Plötzliehe Wendung im Schicksal. — Als Gast in einer Villa in Westmount. — Das Wolgalied. Den jüdischen Arzt, dem von einer ihm verwandten und mir befreundeten Berliner Familie geschrieben worden war, er solle sich meiner in der fremden Stadt annehnien, habe ich in Montreal natürlich nicht getroffen. Ausgerechnet als ich seiner besonders bedurfte, mußte er nach New Vork reisen. Dies war immerhin peinlich und geeignet, mich in der Ansicht zu bestärken, daß sich meine Reise nach Canada nicht unter allzu günstigem Stern vollzog. Denn es handelte sich nicht allein um diesen Fall. Der Seidenhändler Joine z. B., der einzige gute Bekannte, den ich in Montreal hatte, und der mir wegen seiner allgemeinen Beliebtheit als aussichtsreiche Stütze in Sachen der Vortragsveranstaltungen erschien, dieser gute Joine verläßt seine Heimatstadt, um sich nach Lion zu begeben und Seide einzukaufen, gerade zu der Zeit, als ich im Begriff war, mich nach Canada einzuschiffen. Pech. Zwar hat Joine diese Ungehörigkeit dadurch gutzumachen versucht, indem er sehr ausführliche Briefe an die Repräsentanten der jüdischen 111telligenz Montreals schrieb, worin ich auf das wärmste empfohlen, mein baldiges Kommen angekündigt und sie gebeten wurden, für dieses nun einmal Unvermeidliche alte nötigen Vorkehrungen zu treffen. Klug wie er war, vermied es Joine, in seinen Briefen darüber Erörterungen anzustellen, Inwieweit für die jüdische Bevölkerung Montreals Vorträge über jüdische Literatur wichtig sind. Er lenkte die Aufmerksamkeit seiner Freurde und Bekannten nur auf die eine Tatsache, daß ich eines Morgens bestimmt ankommen würde, daß ich einfach da sein würde und daß sich aus diesem Sachverhalt ein Interesse für jüdische Literatur von selbst zu ergeben habe. Ich konnte mich also mit dem Gedanken trösten, daß ich schon bei meiner Ankunft in der Stadt Montreal nicht ganz unbekannt sein würde. Trotzdem verurteilte mich die sonderbare Logik der Widersprüche in den ersten Tagen meiner Ankunft zu einer unerwarteten Einsamkeü Das Telephon in meinem Hotelzimmer verharrte in völliger Untätigkeit Die sicher erwarteten Anrufe interessierter Leute, die mich willkommen heißen würden, kam« nicht Vorläufig beschränkte sich meine Fühlungnahme mit den jüdischen Kreisen dieser größten Stadt Canadas nur auf eine offizielle Persönlichkeit, einen Beamten der canadischen zionistischen Organisation, der mich am Bahnhof empfing, Ins Hote! begleitete und die Versicherung abgab, daß ich mich nunmehr als unter dem Schutz der Organisation stehend zu betrachten habe. Er versprach, am kommenden Tag sich über mein Wohlergehen telephonisch zu erkundigen, was er auch tat. Das Bewußtsein, Scbutzjudc zu sein, flößte mir doch gewissen Mut ein und half mir, mich etwas sorgenloser über die belebten Straßen der Stadt zu bewegen. Es fiel mir bald auf, daß meine Erscheinung unter den eilenden Passanten ziemliches Aufsehen erregte. Sie betrachteten mich staunend, und obwohl sie doch gewiß stark beschäftigt waren, drehten sie sich nach mir um und manchmal vernahm ich auch Worte, die man über mich fallen ließ, die mißfällig zu deuten ich mich sträubte, wobei mir allerdings die Unkenntnis der englischen Sprache sehr zugute kam. Als sich aber in dem Restaurant, in dem ich meine Mahlzeiten einnahm, dasselbe Bild immer wiederholte, das Bild eines offensichtlichen Staunens über einen Fremdling, mußte ich allmählich lernen, dies als Zeichen des Mißfallens zu erkennen. Kein Zweifel, ich mißfalle aus irgendeinem Grunde den guten Leuten hier. Klar, daß der Grund in der äußeren Erscheinung des Fremdlings zu suchen ist. Altes an mir scheint den Gewohnheiten und dem Geschmack des Publikums zu widersprechen: der Bart, der Plüschhut. der Mantel. Ich sah natürlich bald ein, daß meinerseits Konzessionen auf diesem Gebiete unvermeidlich sein würden, daß sie aber höchstens in bezug auf den Bart und den Hut gemacht werden können, an dem Mantel kann vorläufig nichts geändert werden. Er wies wenig Aehnlichkeit auf mit dem Mantel des Oelmagnaten, den Upton Sinclair in seinem letzten Roman ״Petroleum“ mit folgenden Worten schildert: ״Der | i W— f! hi ג י ״Ich machte euch mit Mr, Sterne meinen ersten Spnjierganjr . . Vater trug einen hellbraunen, weichen, wolligen Ulster, weitgeschnitten, mit großem Kragen und großen Taschen — wo immer der Schneider eip Zeichen des Ueberflusses anbringen konnte, hatte er es getan.“ Was den unbekannten Schneider meines Mantels betrifft, so sorgte er vielmehr für Symbole des Mangels: er war kurz, eng und dazu von sehr melancholisther Farbe. Ich kaufte mir also zuerst einen grauen Filzhut, genau so einen Hut, wie man ihn von Montreal bis San Franzisko trägt, und war erfreut, die Feststellung zu machen, daß die Mißstimmung gegen mich sehr im Abnehmen war. Nun wurde ich auf meinen Spaziergängen nicht mehr mit so mißtrauischen Blicken verfolgt, das Staunen und Sichumdrehen härte fast auf, man anerkannte offenbar den guten Willen, den ich zeigte. Gewiß, es fehlte noch sehr viel, aber man sah doch den Anfang, und was das übrige betrifft, drückte man sozusagen ein Auge zu. Im Hotel dagegen wunderte man sich über den neuen Gast, der aus Europa kam und nach dem fast niemand fragte. Ich betrachtete selbst vorwurfsvoll das Telephon in meinem Hotelzimmer, das noch immer in Untätigkeit verharrte und flüchtete mich einstweilen in die Welt der Erinnerungen. Ich rief in meiner Phantasie wieder jene Zeit herbei, als mich die Diligence durch die Kleinstädte Podoliens führte, wo ich Vorträge über jüdische Literatur hielt. Wie anders war doch damals das Bild! Vor allem brauchte man sich nicht zu fragen, ob wohl jemand kommen würde, vielmehr wuijderte man sich, warum niemand die leiseste Andeutung machte, fortzugehen. Das kleine Zimmer des kleinen Hotels pflegte sich während solcher Vortragsreisen sofort nach Ankunft des Schriftstellers mit Freunden und Verehrern dir jüdischen Literatur zu füllen. Sie kümmerten sich nicht um die Müdigkeit des Angekommenen, sie saßen und saßen, immer neue kamen hinzu; und bat man die Leute, doch nicht so viel von ihrer gewiß kostbaren Zeit zu opfern, so wehrten sic sich gegen eine solche Zumutung mit den Worieft: ״O, seien Sie nur unbesorgt, Zeit haben wir genug.“ Wie sehnte ich mich jetzt hier in Montreal nach einem Juden, der Zeit hatte, nach einem Juden, der die amerikanische Formel: ״Give me a chance“ — nicht zum höchsten Prinzip seines Lebens gemacht hatte, nach einem Juden mit einem etwas verlangsamten Tempo beim Jagen nach Glück und Wohlstand. Als die offizielle zionistische Persönlichkeit mich wiederum mit einem Besuch beehrte, um hauptsächlich die Versicherung zu wiederholen, daß ich mich unter dem Hohen Schutz befinde, trat ich an ihn mit der Frage heran, ob in Montreal unter der jüdischen Intelligenz etwa jemand zu finden sei, der mit seiner Zeit etwas freier umginge, der sich vielleicht überhaupt aus der Zeit wenig mache. Vielleicht erinnert man sich hier — fragte ich — an irgendeinen Schlemihl, der trotz oder vielmehr wegen• seiner Talente es zu nichts im Leben gebracht hat, an einen, den man, was business anbetrifft, längst aufgegeben und der sich selbst in dieser Hinsicht aufgegeben hat, an einen, dem die jüdische Gesellschaft dieser schönen Stadt vielleicht gar dichterische Neigungen vorwerfen könnte. ״Begreifen Sie“ — rief ich fast in Verzweiflung aus — ״daß ich einen Bat Ion suche! Oder hat man hier schon vergessen, was man darunter versteht? Ich frage, ob es möglich ist, in Montreal unter einer jüdischen Bevölkerung von nahezu 70 000 Seelen einen einzigen Batkm aufzutreiben. Wenn ja, dann bitte schicken Sie mir diesen mit einer solch seltenen Gabe gesegneten Mann.“ Die offizielle Persönlichkeit gestand, sich eines Batlons nicht erinnern zu können, versprach aber, Recherchen dieserhalb anzustellen und, falls es in Montreal wirklich so etwas gäbe, würde ich ihn sehr bald zu sehen bekommen. Und so geschah es auch. Am nächsten Morgen klipgelte das Telephon: ,.Hallo! Erlauben Sie, daß ich mich verstelle, mein Name ist Stone, Privatlehrer und gelegen!- licher Journalist, der Mann, mit einem Wort, der sehr viel Zeit hat. Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich bald zu Ihnen heraufkommen, ich bin hier unten im Hotel.“ — ״Ich erwarte Sie mit höchster Ungeduld, Mr. Stone,“ antwortete ich. Nach einer Minute klopfte es an der Tür und herein trat ein Mensch, dessen Aeußcres mit nichts verriet, daß min ihn als Batlon bezeichnen könne; im Gegenteil, es wäre eiftfach lächerlich gewesen, ähnliches zu vermuten. Auf' ä* *r Schwelle stand nämlich ein Riese, ein blonder, rotwangiger Riese, mit einem frischen, mutigen Lächeln. Sonderbar seiten doch die Batlonim von Montreal aus, dachte ich, mich vöta Platze erhebend, um den Hereintretenden zu begrüßen. Und dennoch gehörte er zu dieser Gattung. Es war derselbe Mr. Stone, der Unterricht im Englischen und Französischen gab und von dem es — wie ich später hörte — in den erfolgreichen jüdischen Kreisen Montreals immer hieß: ״Er hat es zu nichts gebracht, man kann offen sagen, aus ihm ist nichts geworden. Ein Privatlehrer.“ Ihm wurde jetzt der Auftrag erteilt, mir Gesellschaft zu leisten, und er n'ahm ihn gern an. Da er über viel freie Zeit zu verfügen hatte, konnte, er es nicht hindern, daß durch seinen Kopf manche vom Getriebe und Lärm abseits liegende Gedanken herumliefen. Er hoffte nun, in dem jüdischen Schriftsteller, der aus Europa kam, jemanden zu finden, der für solche Gedanken Verständnis hätte.. Ueber sein Aeußeres lachte er selbst und betrachtete es als einen höclnt komischen Einfall der Natur,# seinen Geist in einen derartigen Riesenkörper zu stecken. Er erzählte bei dieser unserer ersten Bekanntschaft, daß, wenn er einmal auf der Straße auf eine Rauferei stoße, die Leute bei seiner Annäherung auseinander gehen, da man ihn wegen seines Aussehens und auch wegen seines langsamen Schrittes für einen Detektiv halte. Und nun wandelte ich von jetzt ab Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. (t. Fortsetzung.) Der Vater zupfte an den ManschcttenzöUehen und stieß sie wieder am Tischrand zurück, lächelte, wenn ihr! Phöbus ansprach, schwach und lauernd und wünschte seinem Schwager einen Herzschlag. Nach zwei Stunden stand Phöbus auf, drückte der Mutter ein Silberstück jn die Hand, dem Großvater eines und ein großes glänzendes steckte er in meine Tasche. Der Vater begleitete ihn, weil es dunkel war, die Treppe hinunter, mit der Petroleumlampe in hoch erhobener Hand und die Mutter rief: ״Nathan, gib’ acht auf den Schirm!“ Der Vater gab acht auf den Schirm und man hörte nöch, da die Tür offen stand, das gesunde Reden Phöbus’. , Zwei Tage später war Phöbus verreist und der Vater verkündete: ״Der Lump ist schon weggefahren.‘‘ ״Hör* auf, Nathan!“ sagte die Mutter. leb kam in die Gibka. Es ist eine vornehme Oraßstadtstraße, mit weißen niederen Häusern, neuen und verzierten. Ich sah erleuchtete Fenster im Hause Böhlaugs, aber die Tür war geschlossen. Ich überlegte eine Weile, ob ich so spät noch hinaufgehen sollte, es mußte schon zehn Uhr sein — da hörte ich Klavierspiel und ein Cello, eine weibliche Stimme, einen Schall von klatschenden Spielkarten. Ich lachte, daß es nicht anginge, in solchem Anzug, wie ich ihn trug, in die Gesellschaft zu kommen, von meinem ersten Auftreten hing alles ab, — ch beschloß, den Besuch für morgen aufzu-;chieben und kehrte ins Hotel zurück־. Der vergebliche Weg hatte mich mißmutig jemacht, der Portier grüßte nicht mehr, als ch ins Hotel trat. Der Liftmensch beeilte ,ich nicht, als ich auf den Knopf drückte. Er kam zögernd, in meinem Gesicht forschend. Es war ein fünfzigjähriger livrierter Mensch, ein alter Liftknabe; ich ärgerte mich, daß in diesem Hotel nicht kleine rotwangige Knirpse den Fahrstuhl bedienten. Ich entsann mich, daß ich noch einen Blick in den siebenten Stock hatte werfen wollen und schritt die Stiege hinauf. Oben war der Korridor sehr schmal, die Decke hing tiefer, aus einer Waschküche strömte grauer Dunst und es roch nach feuchter Wäsche. Zwei, drei Türen mußten halb offen stehn, man hörte streitende Stimmen, eine Normaluhr war, wie ich vermutet hatte, nicht vorhanden. Ich wollte erade die Stiege hinuntergehn, da hielt narrend der Fahrstuhl, die Tür ging auf, der Liftmensch warf einen verwunderten B ick auf mich und ließ ein Mädchen aussteigen. Sie trug einen kleinen grauen Sporthut. wandte mir ein braunes Gesicht zu und große, graue schwarzbewimperte Augen. Ich grüßte, und schritt die Stiege hinunter. Etwas zwang mich, vom letzten Treppenabsatz wieder aufzublicken, da glaubte ich, die biergelben Augen des Liftboys vom Treppengeländer her auf mich gerichtet zu sehn. Ich schloß meine Tür ab, weil ich eine unbestimmte Furcht hatte, und begann in einem alten Buch zu lesen. III. Ich war nicht schläfrig. Eine Kirchturmglocke bettet regelmäßige Schläge in die weiche Nacht. Ueber mir hörte ich Schritte, behütsame, sanfte, unaufhörliche, es müssen Frauenschritte sein, — ging jene Kleine aus dem siebenten Stock so rastlos auf und ab? Was hatte sie? Ich sah hinauf, zur Decke, weil mir plötzlich der Einfall kam, daß die Decke durchsichtig eworden ist Man sah vielleicht die zierlichen ußsohlen des graugekleideten Mädchens, Ging sie barfuß oder in Pantoffeln? Oder in grauen Strümpfen aus Halbseide? Ich erinnerte mich, wie sehnsüchtig ich und viele Kameraden einen Urlaub erwartet hatten, der den Wunsch nach einem wildledernen Halbschuh erfüllen konnte. Gesunde Bauernmädchenbeine durfte man haben, Füße, breitsöhlige, mit abstehendem großen Zeh, die durch den Schlamm der Felder, den Lehm der Landstraße wanderten, Körper, denen die grausam harte Scholle eines gefrorenen Herbstackers weiches Liebes bett war. Gesunde Oberschenke!, minutenschnelle Liebe in der Dunkelheit vor einbrechendetn Befehl. Ich entsann mich der ältlichen Lehrerin in einem Etappennest — dir einzigen Frau jenes Orts, die vor Krieg und Ueberfall nicht geflüchtet war. Es war ein spitzes Mädchen, über Dreißig — man nannte sie den ״Drahtverhau“ —. Aber es gab nicht Einen, der sie nicht umworben hätte, weil sie weit und breit, im Umkreis von Kilometern, die einzige Frau mit Halbschuhen und durchbrochenen Strümpfen war• In diesem Riesenhotel Savoy mit den 864 Zimmern, ja in dieser ganzen Stadt, wachten vielleicht nur zwei Menschen, ich und das Mädchen über mir. Man könnte ganz gut beieinander sein, ich, Gabriel, und ein kleines braunes Mädchen mit freundlichem Gesicht, großen, grauen, schwarzbewimperten Augen. Wie dünn mußten die Decken dieses Hauses sein, wenn die Gazellenschritte so deutlich zu hören waren, selbst den Geruch des Frauenleibs spürte ich fast. Ich beschloß, nachzusehn, ob diese Schritte wirklich dem Mädchen gehörten. Ijn Korridor brannte ein dunkelrotes Glühlämpchen, Schuhe, Stiefel, Frauenhalbschuhe standen vor den Zimmertüren und alle waren ausdrucksvoll wie Menschengesichter. Im siebenten Stockwerk brannte überhaupt keine Lampe, schwaches Licht rann aus geblendeten Glasscheiben. Gelb und dünn floß ein Strahl durch eine Ritze, es ist Zimmer 800 — da muß der rastlose Spaziergänger wohnen. Ich kann durchs Schlüsselloch sehn —, es ist das Mädchen. Sie schreitet in einem weißen Gewand —- es ist ein Bademantel — auf und ab, bleibt eine Weile am Tisch stehn, sieht in ein Buch und beginnt ihre Wanderung von Neuem. Ich bemühe mich, ihr Gesicht zu erhaschen, sehe nur die schwache Rundung eines Kinns, das Viertel eines Profils, wenn sie stehen bleibb ein Büschel Haare, und so oft der Mantel bei einem weiten Schritt sich lüftet — einen Schimmer braunen Fleisches. Irgendwoher kam ein mühsamer Husten, jemand spuckte in einen Kübel, es klatschte lau*. Ich' kehrte in mein Zimmer zurück. Als ich die Tür schloß, glaubte ich einen Schatten im Korridor zu sehn, ich riß die Tür weit auf, daß das Licht meines Zimmers einen Teil des Ganges erhellte, aber cs war niemand gewesen. Oben hörten die Schritte auf. Das Mädchen schlief schon wahrscheinlich. Ich legte mich angekleidet aufs Bett und zog die Gardinen vom Fenster weg. Sanftes Grau des beginnenden Tags legte sich weich auf die Gegenstände des Zimmers. Unerbittlichen Morgenanbruch verkündeten eine knallende Tür und der brutale Ruf einer Männerstimme in einer unverständlichen Sprache. Ein Zimmerkellner kam — er trug eine grüne Schusterschürze und die aufgekrempelten Hemdärmel ließen schwarz- und lerausbehaarte muskelreiche Unterarme bis zum Ellbogen sehn. Zimmermädchen gab es offenbar nur in den drei ersten Stockwerken. Der Kaffee war besser, als man erwartet hätte, aber was nutzte das, wenn keine Mädchen da waren in weißen Hauben? Das war eine bittere Enttäuschung und ich dachte nach, ob denn keine Möglichkeit, in den dritten Stock zu übersiedeln, vor• banden wäre: