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Jüdische Rundschau · 1928-01-17 · Heft 5 (17.1.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 5 (17.1.1928)
Date
1928-01-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Sette 34 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 5, 17.1.1928 durch Montreal nicht mehr allein, sondern mit Mr. Stone, der mir alle Sehenswürdigkeiten zeigte und mir vom Charakter der Stadt und ihren Menschen erzählte. Sie ist nicht ohne interessante Eigentümlichkeiten, diese Stadt Montreal mit ihrer gemischten Bevölkerung aus canadischen Franzosen (die sich als die Aristokraten des Landes betrachten), Engländern und Juden. Während Engländer und Juden die Träger der Industrie und des Handels sind und auch diejenigen Elemente, die den amerikanischen Lebensstil, das amerikanische Tempo verbreiten helfen, bildet der französische Teil der Bevölkerung eine Weit für si:h. Hier werden alte französische Erinnerungen und alte Kultur gepflegt, Werke von Joseph de Maistre und Chateaubriand gelesen, und Jesuiten treten als Führer der Konversation auf. Ein Hort des Katholizismus. Viele Klöster, Kirchen, eine sehenswerte Kathedrale. Frühmorgens ein Glockengellute als befände man sich im ewigen Rom und nicht in einer Stadt, wo die Handelsstraßen nur als eine Verlängerung des New Yorker Broadway erscheinen. Ich machte auch in Begleitung des Mr. Stone meinen ersten Spaziergang durch die lange und breite St. Lawrence-Straße, die, wie auch die umliegenden kleineren Straßen, hauptsächlich von Juden be• wohnt ist. Kein Ghetto-Eindruck und auch keine Stätte des Elends, der Armut; auffallend hier die vielen Fleisch-, Geflügel- und Fischgeschäfte. Es wird viel für das leibliche Wohl gesorgt, aber dafür auch die jüdische Küche in Ehren gehalten. Die jüdische Sprache kommt auch in diesem Bezirk allmählich in Vergessenheit, aber solange man noch in jüdischen Häusern gefüllte Fische zu bereiten versteht, wird der Sieg der Assimilation aufgehalten. Nicht zu unterschätzen ist die jüdische Küche. Dafür aber fehlten auf der St. Lawrence-Straße jene rührenden, kümmerlichen alten Läden, in deren verstaubten Fenstern alte Gebetbücher, allerhand jüdische Lektüre und Ritualgeräte ausgebreitet liegen. Ein würdiger alter Herr mit einem langen weißen Bart geht über die Straße, offenbar geht er zu einer Sitzung, und man vermutet in der Nähe eine der vielen Synagogen. Aber Erinnerung an ein Ghetto vermittelt auch dieses Bild nicht. Fast war ich betrübt darüber. Ich entdeckte in mir, als ich durch die St. Lawrence-Straße ging, eine seltsame, gewiß verwerfliche Sehnsucht, eine Sehnsucht nach einem Ghetto. Ich erschrak selbst nicht wenig vor diesem Verlangen, zurück ins Ghettoloch hineingestoßen zu werden und das dumpfe Zuschlägen des Tores hinter mir zu hören. Woher steigt plötzlich ein solches Verlangen auf? Ich suchte mich lange damit zu rechtfertigen, daß ich an die tragische Größe und düstere Feierlichkeit dachte, die dem alten jüdischen Ghettoleben eigen war. So war es also vielleicht eine Sehnsucht nach Feierlichkeit im jüdischen Leben. Die glattrasierten, wohlgepflegten Juden, die ich auf der St. Lawrence-Straße vorbeieilen sah, schienen mir wahrscheinlich weniger wert als jene elenden geduckten und dennoch tragischen jüdischen Gestalten mit brennender Seele, die in den dunklen, übel riechenden Ghettostraßen herumgingen und sich in elenden finsteren Stuben verkrochen. Nun denn, diese Stuben konnten oft durch Inbrunst, durch Glauben erleuchtet werden und sich in fürstliche Gemächer verwandeln. . . . Ich dachte noch darüber na;11, daß in der Abgeschlossenheit des Ghettos, in dem Nicht-beteiligt-sein an dem Unrecht und den Gewalttaten der Welt auch anziehende Momente liegen, besonders für ein Gemüt, das sich aus einer solchen Welt immer fluchten möchte. Ich entsinne mich ganz genau, wie, als ich die Nachricht las, daß der Jude Lord Reading in der Eigenschaft als Vizekönig von Indien sich gezwungen sah, den Heiligen Ghandi ins Gefängnis zu werfen, sich ein Verlangen in mir regte: zurück, zurück ins Ghettolocli, werft das Tor zu! Nicht beteiligt sein an dieser Welt! Keine jüdischen Lords, keine jüdischen Marquisen! Ghetto-Oedanken, gewiß höchst unzeitgemäße, höchst verwerfliche Gedanken, heraufbeschworen während meines ersten Spazierganges durch St. Lawrence-Street. Im übrigen befindet sich auch hier die Redaktion der einzigen jüdischen täglichen Zeitung in Montreal ״Der Kanader Odler“. Mr. Stone erinnert mich daran, daß ich dieser Zeitung noch keinen Besuch gemacht habe, und so begeben wir uns dorthin. Bevor ich nun zu jenen Begebenheiten komme, die mich aus meiner Einsamkeit herausrissen und mich während einiger Wochen zu einer ziemlich bekannten Figur des jüdischen Montreal machten, halte ich es für notwendig, noch einiges über den lieben Mr. Stone zu sagen. Aus den Andeutungen und Bemerkungen, die ich über diesen Privatlehrer bis jetzt gemacht habe, wird der gute Leser gewiß seinerseits den Schluß ziehen können, daß in der Tatsache, daß sich Mr. Stone nur eines dürftigen Einkommens und eines kleinen möblierten Zimmers rühmen konnte, während seine Kollegen von der Universität längst eigene Anwaltsbüros und Autos hatten, nichts Verwunderliches sei. Mr. Stone mußte offenbar Leidenschaften zum Opfer gefallen sein, die das natürliche Streben, Karriere zu machen, hemmten. Wenn es auch schließlich gleichgültig ist, welche Leidenschaften es sind, die einen zugrunde richten, so will ich doch bemerken, daß im Falle Mr. Stone es die Liebe zur Literatur gewesen ist, die ihn von der Bahn der Erfolgreichen abdrängte. Es fing wahrscheinlich einfach damit an, daß er ein zu begeisterter Leser guter Bücher war, daß er der faszinierenden Kraft ihres Inhaltes sich nicht entziehen wollte oder konnte und infolgedessen etwas nachlässig den Pflichten des Vorwärtskommens nachging. Weil er zuviel in der Gesellschaft von historischen und Rom an he Iden weilte, vergaß er darüber nachzudenken, wie man es anstellt, sich in der wirklichen Gesellschaft durchzusetzen. Ja, diese Leidenschaft zur Literatur fordert immer ihre Opfer. War denn nicht auch der Schreiber dieser Zeilen ihr verfallen, hat denn auch er es nicht dieser Leidenschaft zu verdanken, daß er zu dem geworden ist, was er ist? Fing es denn nicht bei mir auch ebenso an? Als ich eines Tages, während ich noch Buchhalter in einem Exportgeschäft war, mich derart vergaß, daß ich ins Hauptbuch statt den Namen des sehr soliden Kunden Rabinowitsch den Namen eines Helden aus der skandinavischen Literatur eintrug, wußte ich, daß ich verloren war. Ich kann mich jetzt nicht genau besinnen, ob es Kapitän Glan, Johan Nagel oder Gösta Berlins gewesen ist, aber einer von diesen Namen war es gewiß, mit dem ich ein Folio des Hauptbuches schmückte, denn ich befand mich damals gerade unter dem besonders starken Eindruck der nordischen Literatur. Ich war gewissenhaft genug, um sofort zu meinem Chef zu eilen und meine Entlassung zu erbitten. Er war ein guter, dem Humor nicht abgeneigter Herr, und als er sich das entweihte Blatt im Hauptbuch ansah, fragte er scherzend: ״ist Ihr Herr Johan Nagel wenigstens ein anständiger Mensch? Von Rabinowitsch, sehen Sie, kann ich das mit Bestimmtheit sagen, ein selten pünktlicher Zahler.“ Der Chef bat mich, von der weiteren Kundschaft der skandinavischen Romanhelden abzusehen und wollte dieses Vorkommnis als erledigt betrachten. Ich aber gab mir Mühe, ihm die wirkliche Bedeutung dieses symboiischen Falles zu beweisen, ich rang sozusagen um meine Entlassung, bekam sie schließlich, und trat die Verhängnisvolle Bahn des entwurzelten Schriftstellers an, Mr. Stone aber hat es bis zum Privatlehrer gebracht. Jetzt aber nehme ich vorläufig Abschied von meinem Freund Mr. Stone, denn ich muß von jenen Begebenheiten berichten, die sich am Wochenende zutrugen und die eine plötzliche Wendung im Schicksal des fast schon verzagten Schriftstellers mit sich brachten. Als i:I1 nach einem längeren, ermüdenden Herumschlendern in mein Hotel zurückkehrte, bemerkte ich freundlichere Blicke seitens des Portiers, der schon angefangen hatte, mißtrauisch gegen mich zu werden, gegen einen Menschen, nach dem niemand fragte und um den sich niemand kümmerte. Jetzt aber eilte er, mir zu melden, daß ich während des ganzen Nachmittags fortwährend angerufen worden sei. Ich ging auf mein Zimmer und wurde schon beim Eintritt von einem Telephonläuten empfangen. Eine zarte Frauenstimme, die in einem kläglichen, aber dennoch rührenden Jiddisch sich nach mir erkundigte, lud mich zum Abendessen ein. Eine zarte Frauenstimme, die noch dazu den Einfall hatte, das englische ״you“ im Jiddisehen mit ״du“ wiederzugeben, was mir gerade nicht unangenebtn war. Es vergingen einige Minuten, und es klingelte wieder. Nanu, denke ich, die Briefe, die der gute Seidenhändler Joinc meinetwegen versandt hat, fangen an sich auszuwirken. Ich bin auf einmal eine begehrte Persönlichkeit. Ich wußte gar ni ht, wie ich den vielen Einladungen gerecht werden sollte, als ein Klopfen an der Tür mich aller Verlegenheit enthob. Der zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Montrealer Arzt kehrte aus New York zurück und stürzte in mein Zimmer mit einem lebhaften ,,Willkommen in Montreal“. Die Einladungen, die ich schon angenommen hätte, müßten vorläufig abgesagt werden. Ich hätte schnell meine Sachen zu packen, die Hotelrechnung zu bezahlen und mich mit ihm nach dem Villenvorort Westmount zu begeben, wo ich für einige Wochen die Gastfreundschaft des bekannten Montrealer Rechtsanwalts F. genießen werde. Freundliche Aufnahme seitens der Villenbe itzer, eines sehr sympathischen intelligenten Ehepaares, angeregte Unterhaltung wahrend und nach dem Abendbrot. Ich verstricke mich im Gespräch in europäische Lieblingstherneu, die in diesem Lande, bei diesen lebensbejahenden Menschen, wahrscheinlich unangebracht waren, aber man nimmt es mir nicht übel. 4 Der Wirt des Hauses sagt lächelnd, indem er eine Schallplatte aufsetzt, er hoffe, mich jetzt angenehm zu überraschen. Es ertönt bald darauf das berühmte Wolgalied von Schaljapin, und es kommen mir Gedanken über Rußland, über das gewaltige Reich der Karamasow, über dieses rätselhafte Volk, das schreckt und anzieht, über die russischen Menschen in hohen benagelten Stiefeln und über die unter ihnen wohrienden Juden, die nur Schuhe tragen, und daß aus diesem Unterschied sich manches nicht Ungefährliche ergibt — für die Juden nämlich. . . . ״Wolga, Wol-ga, Matuschka“ und ״Ei da Uchnem“ singt Schaljapin, wie nur er allein singen kann. Ich trete an das Fenster, denke an Rußland und den russischen Winter. Auch hier ist es Winter, ein ausgesternter Winterhimmel, in der Villa aber ist es warm und behaglich. immerhin ist es für einen Heimatlosen tröstlich, sich auf einmal beheimatet zu fühlen, und sei es auch nur auf die Dauer von drei Wochen. (Fortsetzung folgt) Jüdische Sondersdian an! der ״Pressa 1928״ Nach längeren Vorbesprechungen konstituierte sich in Köln unter dem Namen ״jüdische Sonderschau der Pressa 1928, ISOP“ e. V., ein Verein, der; als ausführendes Organ eines großen Komitees, auf der internationalen Presseaus- Stellung in Köln in einem jüdischen Pavillon eine jüdische Sonderschau veranstalten wird. — An der Spitze der ״ISOP“ in Köln stehen Justizrat Max Bodenheimer und Dr. Rudolph Ca 11 manu. In Berlin nimmt ein Ausschuß die Aufgaben der ״ISOP“ wahr. Diesem Ausschuß gehören Vertreter der führenden Verbände und Organisationen der deutschen Juden* heit an. Die Leitung des Berliner Arbeitsausschusses liegt in den Händen von Legationsrat Sobernheim , Prof. Ismar E I b 0 g e n und Dr. Jacob KI a t z k i n. Ein Berliner Sekretariat, sowie Sektionen für die deutsch-jüdische Presse und Judaica, für die hebräische Presse und für die jiddische Presse, bemühen sich um die Sammlung und Sichtung des zur Ausstellung gelangenden Materials. Vor" einigen Tagen fand in Berlin unter Vorsitz von Justizrat Bodenheimer (Köln) eine Sitzung des Berliner Ausschusses statt, in der der zentrale, geschäftsführende Ausschuß der Jüdischen Sonderschau gewählt wurde. Diesem Ausschüsse gehören Persönlichkeiten aus Berlin und Köln an. Der geschäftsführende Ausschuß hat bereits alle Schritte unternommen, um die Beteiligung der jüdischen Presse der ganzen Welt an der Jüdischen Sonderschau zu sichern. In den nächsten Tagen wird sich der geschäftsführende Ausschuß in einem Aufrufe an die Oeffentlichkeit wenden, der von den führenden Verbänden und Organisationen des deutsehen Judentums, sowie von einem Ehrenausschuß gefertigt sein wird, dem repräsentative Persönlichkeiten aus allen Kreisen der Judenheit angehören sollen. ln diesen Tagen wurde in Odessa das den Name» des ״Großvaters der jiddischen Literatur“, Mendele Mocher Sforim tragende Museum für jüdische Kultur der Ukraine der Oeffentlichkeit übergeben. Das Museum enthält Objekte aus ferner jüdischer Vergangenheit, ist aber hauptsächlich der Sammlung von Dokumenten über den Kampf der jüdischen Arbeitermassen für politische Freiheit und Sozialismus gewidmet. Auch Gegenstände religiösen Gebrauchs von hohem Antiquitätswert sind enthalten. Die ausgezeichnet geleitete Zeitschrift der amerikanischen Studentenorganisation Menorah ״The Menorah Journal“ (63, Fifth Avenue, New York) wird ab 1. Januar 1928 in eine Monatsschrift umgewandelt. Die Zeitschrift enthält stets vorzügliche Reproduktionen jüdischer Kunst, ferner literarische und essayistische Arbeiten jüdischer Autoren nicht nur des amerikanischen Kulturkreises, sondern der ganzen Welt. Für den künftigen Jahrgang ist u. a. eine Uebersetzung von Franz Werfels ״Paulus unter den Juden“ angekündigt. fV. Phöbus Böhlaug sitzt vor einem glanzenden kupfernen Samowar, ißt ein Rührei mit Schinken und trinkt Tee mit Milch. ״Der Doktor hat mir Eier verschrieben“, sagt er, wischt sich mit der Serviette den Schnurrbart und streckt mir vom Stuhl aus sein Gesicht zum Kusse entgegen. Sein Gesicht riecht nach Rasierseife una Kölnischem Wasser, es ist glatt, weich und warm. Er trägt einen weiten Bademantel, muß eben aus der Wanne gestiegen sein, eine Zeitung liegt auf einem Stuhl, und ein herzförmiger Ausschnitt seiner behaarten Brust wird sichtbar, da er noch kein Hemd trägt ״Gut siehst Du aus!“ stellt er fest, für alle Fälle. ״Wie lange bist Du schon da?“ ״Seit gestern!“ ״Warum kommst Du heute?“ ״Ich war gestern hier, hörte, daß bei Euch Gesellschaft war und wollte nicht in diesem Anzug — —“ ״Ach was — ein ganz schöner Anzug! Heutzutage schämt man sich nicht. Heute tragen Millionäre auch keinen besseren Anzug! Ich hab auch nur drei Anzüge! Ein Anzug kostet ein Vermögen. ״Ich wußte nicht, daß es so ist.“ — ״leb komme aus der Kriegsgefangenschaft.“ ״Da ist esr Dir doch gut gegangen? Alle Menschen sagen, in der Gefangenschaft ist es gut.“ ״Es war manchmal auch schlecht, Onkel Phöbus!“ ״Nur., und jetzt willst Du weiter fahren?“ ja, ich brauche Geld!“ ,!Geld brauch’ ich auch“, lachte Phöbus Böhlaug. ״wir brauchen alle Geld!“ ״Du hast es ja wahrscheinlich.“ ״Ich hab? Wie weißt Du, daß ich hab? Man Ist von der Flucht zurückgekommen und hat sein Vermögen zusammengeklaubt. Ich hab in Wien Deinem Vater Oeld gegeben — seine Krankheit hat mich ein schönes Geld gekostet und Deiner seligen Mutter hab ich einen Grabstein gesetzt, einen schönen Stein — er hat schon damals zwei runde Tausender gekostet“ ״Mein Vater ist im Siechenhaus gestorben.“ ״Aber die selige Mutter im Sanatorium“, triumphiert Phöbus. ״Was schreist Du so? Reg’ Dich nicht auf, Phöbus!“ sagte Regina. Sie kommt aus dem Schlafzimmer, hält ein Korsett in der Hand mit baumelnden Strumpfbändern. ״Das ist Gabriel“, stellt Phöbus vor. Regina bekam einen Handkuß. Sie bedauerte mich, meine Leiden in der Gefangenschaft, den Krieg, die Zeiten, die Kinder, den Mann. ״Alexanderl ist hier, sonst hätten wir Sie gebeten, bei uns zu scnlafen“, sagt sie. Alexanderl kommt in einem blauen Pyjama, verbeugt sich und scharrt mit den Pantoffeln. Er war im Krieg rechtzeitig von der Kavallerie zum Train gekommen, studiert jetzt in Paris ״Export“ — wie Phöbus sagt — und feiert seinen Urlaub zu Hause. ״Sie wohnen im Hotel Savov?“ sagt Alexander mit weltmännischer Sicherheit. ״Dort wohnt ein schönes Mädchen“ — und er zwinkert mit einem Aug’ gegen seinen Vater. ״Sie heißt Stasia und tanzt im Variete — unnahbar, sag׳ ich Ihnen — ich wollte sie nach Paris mitnehmen“ — er rückt nahe heran — ״aber sie geht allein, wenn sie will, sagt sie mir. — Ein feines Mädchen!“ Ich blieb zum Mittagessen. Phöbus' Tochter kam mit dem Mann. Der Schwiegersohn ״half im Geschäft“, war ein robuster, gutmutiger, rotblonder, stiernackiger Mensch, löffelte brav seine Suppe, sorgte für Teller- Säuberung, schweigsam, unberührt von rollenden Gesprächen. ״Ich denke gerade nach,“ sagt Frau Regina, ״Dein blauer Anzug wird Gabriel passen.“ ״Ich hab noch baue Anzüge?“ tragt Phöbus. ״Ja,“ sagt Regina, ״ich bring’ ihn.“ Ich versuchte vergeblich Abwehr. Alexander klopfte mir auf die Schulter, ״ganz richtig“ sagte der Schwiegersohn und Regina brachte den blauen Anzug. Ich probiere ihn in Alexanders Zimmer, vor dem großen Wandspiegel — er paßt. Ich sehe ein, sehe die Notwendigkeit eines blauen ״wie neuen“ Anzugs ein, die Notwendigkeit braungetupfter Kravatten, einer braunen Weste und scheide am Nachmittag mit einem Pappkarton in der Hand. Ich werde wiederkommen. Leise noch singt in mir eine Hoffnung auf Reisegeld, ״Siehst Du, jetzt hab ich ihn ausgestattet“ — sagt Phöbus zu Regina. V. Stasia heißt sie. Das Programm des Variete nennt ihren Namen nicht. Sie tanzt auf billigen Brettern vor einheimischen und Pariser Aiexanders. Sie macht ein paar Wendungen in einem orientalischen Tanz. Dann setzt sie sich mit verschränkten Beinen vor einen Weihrauchkessel und wartet das Ende ab. Man kann ihren Körper sehn, blaue Schatten unter den Armen, schwellenden Ansatz einer braunen Brust, die Rundung der Hüfte, den Oberschenke! aus plötzlich aufhörendem Trikot. Es gab eine lächerliche Blechmusik, das Fehlen der Geigen schmerzte fast. Es gab alte Witzlieder, modrige Späße eines Clowns, einen abgerichteten Esel mit roten Ohrenläschchen, der geduldig auf und ab trippelte, weiße Keilner, die wie Bierkeller rochen, mit überschaumenden Krügen ׳zwischen dunklen Reihen, der Glanz eines gelben Scheinwerfers fiel schräg aus willkürlicher Deckenöffnung, ein dunkelgähnender Bühnenhintergrund schrie, wie ein aufgerissener Mund, der Ansager krächzte, ein Bote trauriger Kunden. Am Ausgang warte ich; es ist wieder wie einst; als wartete ich, ein Knabe, im Seitengäßchen, gedrückt in den Schatten eines Haust'ors und mit ihm verfließend, bis rasche, junge Tritte erschallen, aus dem Pflaster erblühen, wunderbar aus unfruchtbaren Kieselsteinen. Mit Frauen und Männern kam Stasia, die Stimmen rannen durcheinander. Lange war ich einsam unter Tausende». Millionen Dinge gibt es, die ich teilen kann; den Anblick eines krummen Giebels, ein Schwalbennest im Klosett des Hotels Savoy, das irritierende, biergelbe Aug' des alten Lift* knaben, die Bitterkeit des siebenten Stockwerks, die Unheimlichkeit eines griechischen Namens, eines plötzlich lebendigen, grammatikalischen Begriffs, die traurige Erinnerung an einen boshaften Aorist, an die Enge des elterliehen Hauses, die plumpe Lächerlichkeit Phö* bus Böhlaug’s und Aiexanderls Lebensrettung durch den Train. Lebendiger wurden die lebendigen Dinge, häßlicher die gemeinsam verurteilten, näher der Himmel, untertan die Welt Die Tür des Fahrstuhls war offen, Stasia saß da. Ich verbarg meine Freude nicht, wir wünschten einander Guten Abend, wie alte Bekannte. Ich empfand den unvermeidlichen Liftboy bitter, er tat, als wüßte er nicht, daß ich im sechsten Stock aussteigen mußte, fuhr uns beide in den siebenten, hier stieg Stasia aus, verschwand in ihrem Zimmer, während der Liftmann noch wartete, als müßte er hier Passagiere!nitnehmen: wozu wartete er mit gelben Hohnaugen? Ich gehe also langsam die Treppe hinab, lausche, ob der Fahrstuhl sich in Bewegung setzt, endlich, ich bin in der Mitte, höre ich befreit des Fahrstuhls glucksendes Geräusch und kehre um. Auf der obersten Stiege schickt sich der Liftmensch gerade an, hinunterzu• steigen. Er hat den Fahrstuhl leer laufen lassen und geht mit langsamer Bosheit zu Fuß. (Fortsetzung folgt).

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