Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1928)
- Date
- 1928-01-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1028 .ז.גז JUrOfSCHE RUNDSCHAU Jüdische Wanderungen Von Dr. Leo Rosenberg. Die Wanderungen der Juden Im Zeitraum ihrer Diaspora• geschieh te unterscheiden sich von denen anderer Völker aurch den wesentlichen Umstand, daß diese einen historischen Akt, jene einen historischen Prozeß darstellen. Den Charakter eines geschichtlichen Einzelaktes tragen die Wanderungen der europäischen Völkerfamilie von der für das Völkerwerden der alten Welt entscheidende ״Völkerwanderung“ zu Beginn der mittelalterlichen Weltära bis auf die großen Massenwanderungen der Oegenwart. Dem universellen ״ver saerum“, dem fieberhaften Taumel der Jungen Völkerstämme vor Anbruch unseres Jahrtausends, der ihre geschichtliche Wiedergeburt und Neugeburt bezeichnete, entspricht ■— äußerlich gesehen — die wenige Jahrhunderte später einsetzende Verschiebung des Schwer- Zentrums jüdischer Massenaggiomeration vom südwestlichen Deutschland nach dem europäischen Osten. Sie wird durch die Triebkräfte Ihres Ursprungs als historischer Prozeß, nicht als Akt gekennzeichnet Die äußeren Ursachen religiöser und politischer Art gehen mit einem gesellschaft-wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß Hand in Hand. Denn in jenen historischen Zeitpunkt fallt die Entfaltung eines elementaren sozialen Depossedierungsprozesses der in frühmittelalterlicher Zeit wesentach im Warengroßhandel tätigen Juden, und zwar infolge des in diesem Zeitpunkt mächtig aufblühenden deutschen Städtewesens und Bürgertums, vor allem im Rheingebiet, und des durch die Völkerbewegung der Kreuzzüge zur Vollendung gelangenden unmittelbaren Kontaktes mit den großen italienischen Handelsstädten und mit der Levante. Verfolgungen und wirtschnttliche Depossedierung stehen an der wiege der großen jüdischen Wanderungen und der Entstehung der großen jüdisehen Konzentrationen im europäischen Osten. Dieser Depossedierungsprozeß wird zum obersten Gesetz jüdischer Sozial- und Wirtschaftsentwicklung In der neueren Geschichte. Sein Walten tritt nunmehr in allen Krisenepochen des Gesaui!Judentums in der Folgezeit in die Erscheinung. Er stellt einen konstanten Faktor jüdischer Wanderungen dar, wie ihn keine andere Volksgeschichte kennt. Aber auch die überall wirksamen eigentlichen wirtschaftlichen und politischen Beweggründe der Wanderungen mußten im Gegensatz zu anderen Vftlkergruppen, bei denen sie nur sporadisch auftreten und zeitlich und räumlich bedingt waren, bei den Juden den Charakter eines Dauerfaktors annehmen. Für die europäische Auswanderung im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts war als primärer Faktor die gewaltige Bevölkerungsvermehning entschefdend. Die Bevölkerung Europas, die von 1350 bis 1800 von 100 auf 187 Millionen gestiegen war, wuchs 1803 bis 1900 auf 450 Millionen an. Dieser Orundfaktor bildete indessen nur die allgemeine Voraussetzung der im neunzehnten Jahrhundert emtretenden Massenverschiebungen. Die eigentlichen Triebkräfte wirtschaftlicher Natur ~ hinter denen im verflossenen Jahrhundert die Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert dominierenden religiösen und politischen Ursachen der Massenwanderung fast völlig zurücktreten — sind in den allgemeinen wirtschaftlichen Entwieklungstendenzen in Öen verschiedenen ländern und Weltteilen erkannt worden. Die unmittelbare wirtschaftliche Not mag in einzelnen Zeiten und Gegenden bestimmend wirken — so im Zeitraum des letzten Jahrhunderts in verschiedenen Gebieten die Wirkungen der Handwerkerkrisen infolge fortschreitender industrieller Entwicklung, die Landnot, Mißernten, ״Kartoffejkrankheit“ usw. — für das Ganze der Massenwanderung ist sie indessen keineswegs entscheidend. Es mag unwahrscheinlich klingen, aber es ist tatsächlich zutreffend, daß die Massenbewegung der Auswanderung in erster Reihe nicht durch die eigentliche Notlage, soadem im Gegenteil durch, den. allgemeinen Auf- Schwung des ettröplisäten W^l£1dt1lebif»-^dihrg^ Die* allgemeine Hdbüng der Lebenshaltung im Zeitalter des Ka* pitalismtfs weckte in den breitesten Bevöikerungsschichten den Willen zum Aufstieg und den Wunsch zur Erhöhung des Lebensstandards. Der Intensitätsgrad der Auswanderung ergibt sich unmittelbar aus dem Spannungsverhältnis zwischen Aus- und Einwanderungsland. Die Massenverschiebungen sind die naturgesetzliche Folgewirkung der Ungleichmäßigkeit des wirtschaftlichen Entwicklungstempos und •Niveaus der ver• schiedenen Volkswirtschaften. Der Aufstieg vom Agrarstaat zum Industriestaat und vom!!»entfalteten zum entfalteten Industriestaat vollzieht sich in verschiedenen Ländern nicht gleichzeitig und gleichmäßig. Außer diesen vielfach Jahrzehnte umfassenden Grundtendenzen kommen noch die mehr vorübergehenden wirtscba't'i'^en Differenzierungs- und Soaunungs- Verhältnisse in Betracht die durch die industrieli-kaoitaüstische Auf• und Abstiegstendenzen <Aufschwung, Hochkonjunktur. Krise, Niedergang, Depression) gegeben sind. Diese Spannung«• zustände zwischen den einzelnen Wirtschaftsgebieten bewirken unter günstigen äußeren Bedingungen eine elementare Bewegung aus der Richtung des stärkeren Druckes In die des geringeren Widerstandes. Die Massenauswanderung stellt so einen Akt intersoriaien Ausgleiches innerhalb der elementaren Entwicklungsgfeichheit dar. Der besondere Charakter der jüdischen Wände* rangen ergibt sich bereits aus dem rein Quantitativen, zahlenmäßigen Moment Unter den Bevölkerangsgruonen Europas an zwölfter Steile stehend, nehmen die Juden hinsichtlich ihres Ausvvande-ung-anteils den vierten Platz ein. (Eng-!and 1815—1925 etwa 17 MFlionen, Deutschland 1830—1925 7 Mi"'r.nen. Italien 1850—1975 6 Millionen. Juden 1830-1925 etwa 4 Millionen Auswanderer.) Die Auswanderungsnuofe der Juden erreicht das Fünffache der nichtiüdischen (in der Vorkriegszeit zirka 120—130 000 jährlich, mithin 13—14 000 pro Million, bei Nichf’üden — etwa 3000 pro Million)1). Für das Jahr 1900 ergibt sich die Verhältniszahl der Auswanderer zur Gesamtbevölkerung bei Juden 20.6, bei Nichtjuden — Polen 8.7, Litauen 6,4, Magyaren 5,1, Tschechen 2,6, Deutsche 2,3, Rumänen 1.6, Franzosen 13, Russen und Ru'henen 0.6. Die jüdische Auswanderung steht mithin prozentual zur Gesamtbevölkerung. also in ihrer eigentlichen Bedeutung für die Volksgemeinschaft, an erster Stelle. Unter den Rück- Wanderern stehen die fuden (für den Zeitraum 1938—1925. für die amtliche nordamerikanische Rückwanderungsermittefungen vorliegen) an neunter Stelle. Die Rückwanderung*- quote im Verhältnis zur Einwanderung betrug in diesem Zeitabschnltt bei Rumänen 67.0, Magvaren 64,2, Italienern 55,8; Russen 50.6, Polen 40,0, Litauern A4, Tschechen 21,2, Engländern 19,0, Franzosen 17,3, Ruthenen 16?7, Deutschen 15,2. Juden 5,2. Die Reineinwanderung ergibt folgende Verhältnisziffer (zur betreffenden GesamtbevöHcerung 1908) Juden 103. Polen 3,0, Litauern und Letten 2,8, Deutsche 1,1, Franzosen 1A Tschechen 1,0, Magyaren 0,8, Russen und Ruthenen 0,3, Rumänen 0,3. Die Eigenart der Ergebnisse deutet auf eine eigenartige Aetioiogie. Diese erhellt schon aus dem primären Faktor der נ) Ein besonders charakteristisches Beispiel aus der Ver• gangenheft tFdet das Prorent ״erH’t״Js der Auswanderung mm natürlichen Zuwachs bei Juden und Nichtjuden in Preußen 1843—1871, für die Zahlen vorliegen — Juden 36,0, Nicht* Juden 8,7. (Berechnet von Jakob Lestsehinsky auf Grund der Angabe» von $. Neumann, Die Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung. Ein Kapitel aus der pretaßP sehen Statistik. Berlin 19081 Vgl J. Lestsehinsky, Jüdische edemngen im letzten Jahrhundert“ im ״Wett• wirtschaftliche•* Arrifr״. Jamiar 19374 Bevölkerungsvermehrung. Die europäische Menschheit (die überseeische Auswanderung mitgerechnet) ist von 187 Milhonen um 1800 auf 600 Millionen 1935, mithin um das Dreifache gewachsen. Da* europäische Judentum wuchs im gleichen Zeitraum von etwa 2,2 Millionen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf zirka 13 Millionen 1920 — also auf das Sechsfache. Von einer Massendepossedierung infolge fortschreitender industriell-kapitalistischer Entwicklung ist der industriell retardierte Osten verschont geblieben. Der Kapitalismus als negativer, aber auch als positiver Faktor der Wanderung schaltet für das Ostjudentum aus. Es waren nicht die gesteigerten Lebensansprüche und der Wille zum Aufstieg, die die Massenwanderungen im Osten leiteten, sondern die winkende Rettung aus schlimmster Lebensnot. Diese Massen- Wanderung war nidit, wie in Westeuropa, ein Aufmarsch, sondern eine Flucht. Die Hoffnungslosigkeit des Einzelnen und der Gesamtheit erwuchs aus konstanten wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten eigener Art Es sind dies die für das ostjüdische Wirtschaftsleben spezifischen Faktoren der durch historische Berufsbeschränkung und Rechtbegren* zungen gegebenen UeberfüIIung und Depossedieruag. Dazu gesellt sich der ebenfalls spezifische Faktor der andauernden Verfolgung und Unterdrückung. Die ersten jüdischen Massenwanderungen im 19. Jahrhundert setzten in denjenigen Siedlungsgebieten des Ostjudentums ein, die durch die Polenteilungen um die Wende des 18, Jahrhunderts an Preußen gekommen waren. Die Juden Polens haben Jahrhunderte lang die organische Zwischenschicht zwischen Adel und Bauerntum und dem städtischen Mittelstand schlechthin gebildet' Als Träger der Geld Wirtschaft zu Beginn ihrer Einwanderung durchaus begrüßt und umworben, hatten sie jahrhundertelang unter den chronischen Reibungen mit den allmählich anwachsenden Christliehen ״Städtern“ einerseits und mit dem fanatischen Klerus andererseits häufig sehr zu leiden. Das rapide Aufkommen einer nichtjüdischen Mittelschicht in den preußisch gewordenen polnischen Provinzen, namentlich nach der Aufhebung der Hörigkeit, ließ diese als Ausfluß eines schleichenden Depossedierungsprozesses entstandenen Reibungen in ein akutes Stadium treten. Eine Massenauswanderung und Ab- Wanderung der Juden aus der Provinz Posen setzte ein. Von 72880 Ausgewanderten aus dieser Provinz im Zeitabschnitt 1821—1873 waren 48 209 Juden — gleich zwei Drittel. Auf je 1000 Bewohner von Posen una Westpreußen entfielen um diese Zeit bei den Juden 13,4, bei den Polen 0,1, bei den Deutschen 0,9 Auswanderer2). Auf die A b Wanderung (vornehmlich nach Berlin) entfiel noch nicht die Hälfte der Gesamtzahl der Auswanderer. Von den 41908 zwischen 1850 bis 1871 aus verschiedenen preußischen Provinzen ausgewanderten Juden ließen sich 19012 in Berlin nieder; der Rest wanderte nach Amerika aus. Die Auswanderung erfolgte überall unter dem wachsenden Druck der nichtjüdischen Konkurrenz. Die Auswanderer ״waren zum größten Teil Proletarier, jüdische Handwerker, die ihr unlohnendes Oewerbe den Polen überließen“3). ״Hatte die große Konkurrenz schon vorher einen Teil der jüdischen Bevölkerung abgestoßen, so begann nach der durch das Gesetz vom 6. April 1848 erfolgten Gleichstellung mit den Christen eine Abwanderung nach dem Westen und Nordamerika“*). Einen elementaren Depossedierungsprozeß der Juden hatte auch die russische Bauernbefreiung von 1861 zur Folge. In der überkommenen Agrarverfassung lebte und wirkte das ostjüdische Element als freie Mittelschicht zwischen Adel and hörigem Bauerntum. Im Rahmen des naturalwirtschift־ liehen Muieus fiel dem Juden die Rolie eines Trägers der Geldwirtschaft zu. Nicht weniger als zwei Drittel der Juden in׳ Rußland lebten in der Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Dörfern und Marktflecken. Diese jahrhundertelang geübten Funktionen erfuhren nunmehr durch die neue wirtschaftliche Lebensordnung eine starke Einschränkung. Die depossedierien jüdischen Massen verfielen der sogenannten Urbanisierung; es begann eine Massenwanderung vom Lande in die Städte. Es entsteht das große ostjüdische Handwerk in dem bald — 11m die Jahrhundertwende — 35,5 der jüdischen Gesamtbevölkerung tätig sind. So katastrophal die Depossedierung das jüdische Element auch anfangs traf — deren Folgen waren durchaus erfreulicher Art Eine fortschreitende Produktivterung der jüdischen Massen griff Platz. Der herumstreichende Landjude wurde in der Werkstatt seßhaft Der damals fast typische ״Luftmensch“ mußte sich produktiver Arbeit zuwenden. Jüdische Organisationen (wie der 1880 gegründete ״ORT“) trugen viel zur Förderung der Produkt!• vierungsbestrebungen bei. Auf die Regierung Alexanders II. folgte indessen bald die Aera Alexander HI. Die grausame Bedrückungspoliük der russischen Regierung erreichte in den sogenannten ״Maigesetzen“ des Jahres 1882 ihren Gipfelpunkt. Die Freizügigkeit der Jaden wurde endgültig aufgehoben, und die Millionenmassen In den ״Ansiedlungsrayon“ zusammengepfercht Innerhalb dessen ihnen jedoch das platte Land zum größten Telle gesperrt war. Die jüdische Bevölkerung, in Oesamtrußland kaum 4 <>•׳» der Bevölkerung bildend, machte in den Städten der hier offen gelassenen 25 Gouvernements zirka 40»/« der Gesamtbevölkerung aus. Hier war sie dem wirtschaftlichen Erstickungstode preis* fegeben. Im ostjüdischen Warenhandel der Vorkriegszeit ürfte das Verhältnis zwischen Vermittler und Verbraucher dasjenige von 1:10 erreicht haben. (In Deutschland, wo diese im WarenhandeJ 1:34 bildeten, wurden bewegte Klagen über ״UeberfüIIung“ laut.) Kein günstigeres Verhältnis dürfte auch das Handwerk aufgewiesen haben. Die katastrophale UeberfüIIung in den beiden hauptsächlichen den Juden offenen Berufen Handel und Handwerk, von denen zirka 75 0/0 der jüdischen Bevölkerung lebten, nahmen immer mehr zu. Zu diesem innerwirtschaftlichen Faktor der Verelendung gesellt sich jedoch am den Ausgang des Jahrhunderts ein verhängnlsvoller äußerer Faktor: die Depossedierung des jüdischen Mittelstandes durch das wachsende Eindringen der nichtjüdischen Schicht in die städtischen Berufe. Diese durch die Ausbreitung der konsumgenossenschaftlichen Bewegung und die nationalistischen Tendenzen verstärkte elementare Bewegung ging ursprünglich von Polen und Galizien aus, gewann aber in der Vorkriegsperiode immer mehr an Aus- Breitung. Handel und Handwerk der Juden wurden in gleicher Welse von der Depossedierung bedroht. Das jüdische Geschäft wurde vom nichtjüdischen verdrängt. Die jüdische Werkstatt erlag der Konkurrenz des — vielfach technisch überlegenen —- nichtjüdischen Handwerker. Aber auch innerhalb des jüdi! dien Betriebes selbst wurde der jüdische Lehr- Hag durch den nichtjüdischen verdrängt9). Vgl S. Nenmann, Die Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung usw. Berlin 1880. Zitiert nach Jakob Lestsehinsky a. a, 5. s) Zitziaf, Vosberg a. Karptesky, Preuß. Städte im Gebiete d. poin. Nationaiitätenkamofes. Schrift, d. Ver, f. Sozialpol 114 Bd. Lpg. 1909. S. XV. «) IbkL S. 150. 4 Vgl za obigem Leo Rosenberg, ״Zur Reform des oetjfidichea Handwerke (in ״Der Jude“ 1917, Heft 7) and die Arbeit desselben verfasse» ״Vom ostjüdischen Handel“ (ebd. Heft 11). Ferner auch vom Verfasser ״Armenwesen und soziale Fürsorge ln» Osfjadenima“ (ebd. 1918, Heft 11-1% in den ungezählten von de?'rösSscheiT Regierung"angestfton und begünstigten Judenpogromen, die die jüdischen Bürger als vogelfrei brandmarkten. 8 Auf eine Aenderung des Systems und eine humanere Judcnpohtik“ bestand unter dem Zarismus keine Aussicht Der Staatsantisemitismus war höchste Staatsräson und Regterungsmaxime. Jegliche Selbsthilfe - Entfaltung eines eigenen Kreditwesens zur Stärkung des Handel® und de Handwerks, eine unter dem Zarismus aussichtslose iandwfrt- *chaftliche Siedeiungsaktion — mußte versagen. Es blieb nur die Flucht übrig — die Auswanderung. .. Die genaue Zahl der Jüdischen Einwanderung ist für die Vereinigten Staaten seit 1899, für Argentinien seit 1904, für Kanada seit 1901, für Palästina seit 1921 feststellbar. Die Gesamtzahl der ostjüdisehen Auswanderung in den Jahren 1851-1925 dürfte folgende» Bild bieten: Weltteile und Linder Oesamtzahl der jüd sehen Einwanderer in 1000 Amerika 2875.5 davon nach: Ver. Staaten 1680 Argentinien 150 Kanada 118 Brasilien 25 Mexiko 18 Kuba <LS Uruguay 5 Chile * Venezuela 8 Paraguay andern Lindern 1 1 Asiens m davon nach: Palästina m dem fernen Osten «0 Afrika m davon nach: Sflda/rka m Aegypten m Australien 18 Europa 41» A davon nach: England 810 .... Frankreich 100 Deutschland 80*3 Belegen?5 Insgesamt 8648,5 ׳ Der Erkenntnis, dat die Jüdischen Matsenwamferasge» keinen historischen Akt, sondern einen historischen Prozeß darstellen, kommt nicht allein ein theoretisches, sondern *ach ein grundlegendes praktisches Interesse zu. Eine von Wirklichkeitserkenntnis geleitete gesamtjüdische Sozial• und stauten Lebenstendenzen gespeiste jüdische Massenwanderung selbst keine Uebergangserscheinung — wie unzweifelhaft di« wesentlich von vorübergehender Entwidselungsungletehhel innerhalb der Weltwirtschaft bedingte nichtjüdisch• — *00• dem ein Dauerfaktum, eine unmittelbare organische und des halb: normal*. Entwkkelungstendenz hödet Daß diese ho«״ stanten Faktoren jüdlselter Wanderung durch die politische» und wirtschaftlichen Neugestaltungen der Nachkriegszeit kein* Abschwächung, sondern «n Gegenteil eine Potenzierung erfahren haben, bedarf keiner weiteren Erhärtung. Hätte die russische Revolution ein politisch und wiitschaftlich frei« vereinigtes Rußland zur Folge gehabt dann wäre eße wirt■ schaftiiche Lebensfrage dm Ostjudentums für absehbare Zeit tatsächlich gelöst Nach Aufhebung des jüdischen Ansied• Iungsrayons im Riesenreicbe wäre die Auswanderung יוסי zweifelhaft von einer Abwanderung abgelöst worden. Bei einer natürlichen Verteilung und Schichtung des Ostjudentums, die ein Prozentverhiltnis von zirka 4 */» einer zu 80 °/0 agrarischen, in den Anfängen der Industrialisierung stehenden Bevölkerung ergeben hätte, wäre die verhängnisvolle Wirkung der Berufsüberfüllung und der Depossedierungstendenz völlig neutralisiert worden. Die Hälfte des russischen Judentums fei indessen an die Nachfolgestaaten gekommen, die, durch die Loslösung vom Osten selbst in einen Zustand hoffnungsloser wirtschaftlicher Labilität geraten, für die Judenmassen Isolierzellen darstellen, in denen sie keine Entfaltungsmöglichkeit haben. In Polen, das allein fast 3 Millionen Juden beherbergt, hat . •'־״ ־־,־“־1*-־״ ־־־־- sionen ««.!ך-~־—־— ״י״-י ״״.«״——. . nichtjüdische Element rapid vorwlrtssehreitet In Sowjet* rußland hat die allgemeine Verarmung die erlangte Frei- Zügigkeit kaum sich auswirken lassen; die Berufsüberfüllttng in Handwerk und Handel hat keine nennenswerte Ab• Schwächung erfahren. Dagegen ist das russische Gesamt- Judentum einer kommunistischen Depossedierung verfallen wie sie furchtbarer und vernichtender kaum gedacht werden kann. Die Handelstätigkeit wurde im Zeitabschnitt des ״Krieg»• Kommunismus“ (1917-1921) völlig unterbunden. Auch dem privaten Handwerk wurden schwere Beschränkungen auf• erlegt. Die Aera der neuen ökonomischen Politik (״Nep“) gab im wesentlichen Handwerk und Kleinhandel wieder frei, setzte jedoch den Handel hinsichtlich der Besteuerung (wie auch der Belieferung und der Miete) hinter den staatlichen Genossenschaften derart zurück, daß seine Verelendung und sein Zusammenbruch unvermeidlich waren. Die Wirtschaft- Uche Situation der zirka einen Million im Handel beschlftigten Juden Rußlands ist hoffnungslos. ,.*,״״n Die Auswanderung, die vor dem Weltkriege etwa!»000 bis 130000 Seelen jährlich betraf und somit etwa Dreiviertd des Geburtenüberschusses absorbierte, würde heute unter normalen Umständen im Ostjudentum das Vierfache dieser Zahl erreichen. Sie ging ln den Kriegsjahren auf kaum ein Fünftel der um 1900 erreichten Ziffer (60000) zurück, erreichte aber schon 1921 mit 119000 die Durchschnittshöhe der Jahre 1905—1914 (mit Ausnahme der amerikanischen Krisenjahre 1909, 1910, 1911 und 1912). Die Einführung der neuen Immigrationsbill, die mit ihrer Quotenbestimmung die Ein- Wanderung überhaupt und die aus dem Osten fast völlig ins Stocken brachte, bewirkte die Redaktion der jüdischen Einwanderung auf ein Sechstel des Jahres 1900 und an Zwölftel des Jahres 1914. Sie bedeutete für das Ostjudentum tatsächlich die Einwanderungssperre. Es ergab sich die tragische, ja katastrophale Situation eines äußerst gesteigerten Auswanderungsbedurfnisses neben einer äußerst reduzierten Auswanderungsmöglichkeit Ein Ver- . ’ * ״«---•--•-x— י- י י' .י׳ — Gefahr. Daß diese Lage auf die Dauer, ja unmittelbar unhaltbar Ist Hegt auf der Hand. Der Mensch ist zwar gegen den Druck widerstandsfähiger ajs das tote Etz. Das gegenwirtige Leben der jüdischen Massen im europäischen Osten ף 'Sehitzongcweta. I