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Jüdische Rundschau · 1928-01-10 · Heft 3 (10.1.1928) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 3 (10.1.1928)
Date
1928-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 18 JUEÖISCHE RUNDSCHAU Nr. 3,!0.1.1928 schäfte. Ich suchte nach einer Buchhandlung. Immer wenn ich in eine imbekannte Stadt komme, drängt es mich vor allem, eine Buchhandlung aufzusuchen. Nach den Büchern, die im Fenster ausgelegt sind, kann man sich schon einen Begriff von der geistigen Physiognomie des Ortes machen. Aber mein erster nächtlicher Spaziergang war in dieser Hinsicht ergebnislos, ich fand vorläufig keine Buchhandlung niif der St. Catharinc Street. (Fortsetzung folgt.) Französische Palästina ״ Literatur Von Dr. S. G o m e 1 s k i, Paris. (Schluß.) II. Die Romantiker Zions. Die mystische Anziehungskraft Palästinas verwandelt Pierre Benoit in ein lebendiges, menschliches Problem in seinem Roman ״Le puits de Jacob“. Er war der erste, der Palästina als Canevas für einen Roman benutzte, Originell am Werke ist die Art, wie er die gewaltige, mystische Macht des Landes über eine geniale, mondäne, dem Orient entstammende Tänzerin gestaltet, die durch nichts anderes als ihre zufällige Abstammung ans Judentum gebunden ist. (Im übrigen ist dieser erfolgreiche Kino-Roman u. E. durchaus Kolportage-Literatur und ein Mißbrauch des Chafuz- Motivs. — A, d. R.) Ganz anders sieht Myriam Harry das Problem. Sie ist keine Jüdin. Gebürtig in Palästina, verlebte sie dort die Kindheit, kam später zur Erziehung nach Frankreich und gilt jetzt als eine der erfolgreichsten französischen Schriftsteilerinnen. Nie waren ihre Romane einer speziell jüdischen oder palästinensischen Frage gewidmet. Während der letzten Jahre veröffentlichte sie eine Serie von vier Romanen, in denen das Thema entwickelt wird, wie eine im Orient geborene Frau sich im Okzident, dieser für sie wilden Welt, in die man sie hineinstellte, zurechtfindet. Die Serie, besonders der erste Teil ״La petite fille de Jerusalem,“ (״Die Kleine aus Jerusalem“), ist spannend, die Schilderung des seelischen Zwiespaltes, in den Siona, die Heldin, hineingerät, ein Meisterstück. Bedauerlich ist nur, dafl auch Myriam Harry, diese zarte und kultivierte Frau, in ״Siona in Berlin“, dem zweiten Teile der Serie, die zersetzende Wirkung des Nachkriegschauvinismus nicht ganz verleugnen kann. Anfangs war Myriam Harry Gegnerin, sogar Feindin des Zionismus. Sie gesteht es offen ein. Es dünkte ihr, daß der Zionismus ״einen schönen Traum materialisieren, den Klang der Harfe kommentieren wolle“. Unlängst war sie nun nochmals in Palästina und — ״mit Angst schloß ich die Augen, als ich hinkam, ich öffnete sie voll Begeisterung. Ich begriff, daß der Zionismus eine Poesie Ist. Ich liebte ihn. Jen begann, an ihn zu glauben.“ So vollzog sich ihre erste Metamorphose. Diese Romantik kennzeichnet ihr Buch über das neue Palästina: ״Les amants de Sion“ (״Die Liebhaber Zions“). Der Zionismus ist für Myriam Harry eine zur Her- Stellung des Gleichgewichtes in der Welt unerläßliche Bedingung. Deshalb macht sie der zivilisierten christlichen Welt scharfe Vorwürfe, weil sie zu wenig zur Verwirklichung des Zionismus beiträgt. Ihre Romantik aber lehnt die nur* sentimentale Sehnsucht gewisser Kreise im Judentum ab. Nicht nur Sehnsucht, nicht nur Gefühle, sondern Taten verlangt sie — und die ״Materialisierung“, die sie vorher so verabscheute, wird in diesem Werke zu einem ״Lied der Lieder“. In Palästina findet diese Europäerin, daß es nur ein Land für das ״Ich“ der jüdischen Seele gibt. Weder in .. Europa, wo die Juden so sehr die allgemeine Kultur ge* nassen, ebenso aber unter ihr gelitten haben, noch in Amerika, wo die Juden eine ökonomische Einheit schufen, sondern ״einzig und allein in Palästina fühlt der Jude, daß die Seele, die ihm in der Diaspora wurde, ihm nicht verwandt ist“. Myriam Harry erkennt ohne Vorbehalt das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina an, nicht nur das historische, gefühlsmäßige, sondern das tatsächliche, reale, das mit Blut, Schweiß, Arbeit und Idealismus bezahlt wurde. Die Araber sind für sie ״die Amalekiter“, ״das zerstörende Element im Lande“. Sie, die so intim mit dem Boden und der Luft Palästinas verbunden ist, kann es den Arabern nicht verzeihen, daß sie das Land dermaßen vernachlässigt haben und das man zweitausend Jahre lang warten mußte, bis ״das kleine Häuflein der jüdischen Wanderer den ersten Stein bewegen würde“. Myriam Harry trifft in Palästina den Chaluz, der ״wenigstens weiß, wofür er stirbt“ und der ihr sagt: ״Geld ohne Ideal ist wertlos“; sie erfährt dort von "den dramatischen Figuren eines Ben-Jehuda, eines Oordon, eines Milliardärs aus Buchara, der, von Sehnsucht nach Palästina getrieben, seine Paläste in der Adoptivheimat verlassen hat; sie lernt dort das tragische Schicksal der Familie Aaronson kennen (übrigens wurde es von den Tharaud ausgenutzt, um daraus in antisemitischer Tendenz eine jüdische Spionageaffäre zu konstruieren); sie verbringt dort das Peßachfest, sieht die palästinensischen Tänze, hört die palästinensischen “Lieder — und Myriam Harry vermittelt dem europäischen Leser die ganze Romantik der Bibel, wie nur der Kontakt mit dem palästinensischen Boden sie lebendig zu machen vermag, und die modernen Melodien des Landes: die des Schaffens, der Trauer und der Freude, des Leidens und der Hoffnungen! Im neuen Palästina sieht Myriam Harry ״das Gesicht Israels“, der nur einen Wunsch hat: ״wir wollen nur, daß man uns ruhig arbeiten läßt. Alles andere wird schon von selbst kommen, der Boden wird uns erzählen, was wir zu tun haben.“ Wie La Martere, schließt auch Myriam Harry ihr Buch mit einem ״Hosiannah“ für ״die Zerstreuten, die den alten Feldern Judäas ihre Seele und ihre Poesie wiedergegeben haben“. Wesentlich unterscheidet sich von diesen der Romantis• mus von Josue J£huda*). Josue Jöhuda gehört in die Kategorie der Ewigsuchenden, die einerseits ein zu starkes inneres, persönliches ״Ich“ besitzen, um der Realität der gegebenen Wirklichkeit zuzustimmen, die aber andererseits zu schwach sind, um die Romantik des Werdenden, des Sichselbstbestimmenden zu begreifen. Solche Romantiker haben immer Angst vor dem zu ״kleinen“ Rahmen, in dem ihre Romantik nicht ganz gut hineinpaßt. Hier ist der Grund der ״Kritik“ Jchudas, seiner Unzufriedenheit mit dem neuen Palästina. In den letzten drei Jahren besuchte Jehuda zweimal Palästina. Entzückt, bezaubert, tief bewegt — und doch unzufrieden kam er zurück. Dieser Zwiespalt kam letztens zum Ausdruck in seinem Buch ״La Terre Promise“ (״Das gelobte Land“). Der Verfasser übt Kritik an allem: an der Zionistischen Exekutive, an dem Chaluz, an dem Misrachi, an ganz Palästina. Er ist über den allzu materialistischen Geist des Aufbauwerkes empört; überall sieht er nur das eine: die Jagd nach dem Gelde. Das, was eine Myriam Harry zu iiberwindeil vermag — die Angst vor dem ״Materialismus“ — wurde bei Josue Jöhuda zu einem verhängnisvollen Faktor: ihm war es nicht gegönnt, dem Chaluz der Harry zu begegnen. Sonst hätte auch er erfahren, daß ״das Geld ohne Ideal wertlos ist“ und er hätte vielleicht begriffen, daß es in Palästina keinen Goldrausch gibt. Nicht das goldene Kalb, sondern der jüdische Gott ist das Ideal des neuen Palästina. Der echte Romantiker hätte doch empfinden müssen, daß nicht das Geld als solches, sondern der Geldmangel - die Tragödie Palästinas und des Jischuws ist. Das religiöse, rein sittliche Palästina, welches dem Verfasser vorschwebt, i-t entweder das Bild der Vergangenheit, oder das Vorbild der Zukunft. Das reale Palästina der Gegenwart, das Palästina des schweren Ringens, liegt nicht auf der Linie der J^hudaschen Romantik. Wenn aber diese Romantik uns als unzureichend erscheint, so akzeptieren wir doch das Schlußwort des Verfassers, wo sein Glaube zum Ausdruck kommt, daß Palästina schon jetzt die Wiege ״der Menschen von morgen“ ist. III. Der Dichter Zions. Einen ganz anderen Aspekt bietet Palästina Joseph Kessel. Das Buch**) ist soeben in einer prachtvollen Ausgabe, versehen mit Illustrationen des jüdischen Künstlers Feder, erschienen. Feder beteiligte sich im Jahre 1925 an einer Künstlerexpedition nach Palästina. Seine Illustrationen harmonieren mit Inhalt und Geist des Kesselschen Buches .und beweisen das Gefühl »des ־Künstlers für den jüdischen Orient.■ ' ' Kessel ist der Sohn eines russisch-jüdischen Arztes, in einer jüdischen Kolonie Argentiniens wurde er geboren, in Frankreich erzogen. Ungeachtet seines jugendlichen Alters erhielt Kessel vor einigen Monaten die größte Auszeichnung, die es in Frankreich für einen Romancier gibt: den ״Grand Prix du roman de l’Academie de France“. Der Autor ist ein Künstler von Gottes Gnaden — und die verschiedenen, mannigfaltigen Nuancen seines Talentes kommen hier zum Ausdruck. Das Buch enthält keine politischen Dokumente, ist auch von jeder sentimentalen Lyrik frei. Kessel urteilt nicht. Er schildert nur. Eben das unterscheidet ihn von Myriam Harry: sie ist nur Gefühl, sie erzählt, Kessel stellt in plastischer Schilderung lebenatraend dar; greifbar zeigt er. Beim Lesen hat man die Empfindung, die Reise durch das Land selbst zu machen, alles mit eigenen Augen zu sehen. Darin steckt das Geheimnis des Künstlers. Das große deskriptive Talent des Land ebafters zeigt uns vor altem den *) Josue fehuda: ״La Terre Promise“, Paris (ödit. Rieder). **) Joseph Kessel: ״La Terre d’Amour“ (״Die Erde der Liebe“), 1927, Paris, öditions Mornay. fröhlichen Reichtum und die Schönheit der Natur Palästinas. Der Dichter Kessel belebt vor uns ״den edelsten und feinsten aller Frühllnge in seiner rührenden Schönheit“. Das Gran• diose der Vergangenheit Palästinas für die gesamte Menschheit und die Schönheit, der Natur rufen das Gefühl in Kessel wach, daß inan ״mehr als von den ewigen Schönheiten Palästina* von der Rückkehr der Menschen sprechen sollte, dank denen Palästina aufgehört hat, mir das Land der Vergangenheit zu sein“. Kessel weiß, daß der Skeptiker verschiedene Fragen stellen könnte; aber ״all diese Fragen kann man nur in Paris, Berlin, London .... aufwerfen; ist man in Palästina, so sind sie alle unwesentlich geworden“. — Kessel führt uns durch die alten Kolonien, durch die Kwuzoth und die Siedlungen der Chassidim — er lehrt uns, den Boden, seinen Duft, seine Früchte, seine Menschen lieben. Trotz seiner leidenschaftlichen Liebe für das neue Palästina beherrscht er seine Gefühle, so daß die Ruhe und Heiligkeit des palästinensischen Epos vor unseren Augen aufsteigt. Er sieht das_Heilige im alten Jerusalem; der Chassid ist ihm mit dem Chaluz durch ihre ״geheiligte Arbeit“ in tiefer Harmonie verbunden. Heilig erscheint ihm, daß, wer in Palästina sagt und zeigt: ״das gehört mir“ — er nicht das private Eigentum, sondern die Arbeit, die Produktion meint, ihm ist die Ergebenheit der Leute heilig, die ״rak ivrith“ verlangen, da er in Palästina selbst feststellen konnte, wie das Hebräische aus dem ״Eifel von Babel“ ein homogenes Volk schuf. Heilig ist ihm das tragische Schi.kra! der wenigen, isolierten Schomronim und der Kidusch-Haschem der jungen jüdischen Generation. Ueber dein ganzen Buche liegt dieser Abglanz der Heiligkeit; die Liebe eine« großen Künstlers, der vom Gefühle des Uebermenschlichen und Göttlichen durchdrungen ist, voll tiefen Glaubens an ein Experiment, das ״zu großartig ist, um mißlingen zu können“. Ein interessantes Lite’aturdokument Im Jahre 1820 erschien eine deutsche Uebersetznng der Hebräischen Gesänge von Lord Byron im Verlage von Duncker und Humblot. Tn seinem Vorwort spricht der Uebcrsetzer, Franz Theremin, von den Juden seiner Zeit in einer Form, die verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden. Es heißt dort: ״Ein höchst rührender Moment im Zustande der Juden: ihr Verhältnis zu dem ewig verlorenen Vaterlande, — ist dem poetischen Blick des Lord Byron nicht entgangen.... Der Jude lebt in einer so beispiellosen Dumpfheit, daß er das Schreckliche seines Schicksals nicht fühlt, und es sich am Orte seiner Verbannung, bei den fremden Nationen, von deren Marke er zehrt, ganz wohl sein läßt Nur der Christ, indem er von seinem universalhistorischen Standpunkte aus, das Schicksal dieses Volks betrachtet, indem er sich den Juden konstruiert, und ihm die Gefühle des Patriotismus leiht, die in jenem längst untergegangen sind, kann über das Schicksal desselben von einer so tiefen Wehmut ergriffen werden, wie die ist, welche in diesen Gesängen sich ausspricht.“ Lion Feuchtwanger, der sich kürzlich in unserem Blatt über seine Stellung zum Judentum äußerte, ist gegenwärtig in angelsächsischen Ländern der bekannteste deutsche Autor. Ara berühmtesten ist sein ״Jud Süß“; aber auch sein Roman ״Margarete M a u i t a s c h“ (Verlag Kiepenbeuer, Potsdam) ist eine meisterliche Gestaltung eines merkwürdigen historischen Stoffes. Darin wird auch geschildert, wie die Juden nach Tirol kommen; wie sie nach all den höllischen Pogromen, die uns fast wie Gegenwart anmuten, ihre zähe Lebenskraft and innere Würde bewahren. Da feiert Mendel Hirsah mit Psalmen und Befielt, mit tichierb arid schönen Kleidern den Sabbat, und zugleich spricht der Markgraf zu Margarete: ״... Da lebt so was wie dieser Jud Mendel Hirsch. Hat keine Kirche, keine Spur Religion. Ist ärger als ein Heide und das liebe Vielt . . — Nun veröffentlicht Feuchtwanger (englisch: Wet-chcek>) eine Sammlung satirischer Gedichte ״P e p“ (Verlag Kiepen heuer, Potsdam 1928). die den Mr. Average, den Durchschnitts-Spießer des bürgerliehen Amerika, in alten möglichen Lebenslagen mit seinem Denken, Handeln, Träumen vorführen. Diese köstlichen Lieder dürften bald volkstümlich werden. Wer Sinn hat für wirklichen Humor (welcher stets ein Stück melancholischer Wahrheit enthält), der greife danach. raiwa. Dis Hinterbliebenen Maximilian Hardens beabsichtigen die Herausgabe seiner Korrespondenz. Sie wird int Avalun-Verlag, Hellerau-Dresden, erscheinen. Empfänger von Brieten Hardens werden gebeten, sie zur Abschrift, Sichtung für die Veröffentlichung, bei der rein Private* ausscheiden wird, an den Bevollmächtigten Paul Wiegier, Berlin-Charlottenburg, Riehlstraße 7, zu senden, der diese Briefe den Einsendern zurückstellen wird. Langsam steige ich die Treppe hinunter, aus unteren Stockwerken klingen Stimmen, hier oben ist alles still, alle Türen sind geschlossen, man geht, wie durch ein altes Kloster, an den Zellen betender Mönche vorbei. Das fünfte Stockwerk sieht genau so wie das sechste aus, man kann sich leicht irren; dort oben und hier hängt eine Normaluhr gegenüber der Treppe, nur gehen die beiden Uhren nicht regelmäßig. Die im sechsten Stockwerk zeigt sieben Uhr und zehn Minuten, hier ist es sieben Uhr und im vierten Stock sind es zehn Minuten weniger. lieber den Quadersteinen des dritten Stockwerks liegen dunkelrote, grüngesäumte Tepniche, man hört seinen Schritt nicht mehr. Die Zimmernummern sind nicht an die Türen gemalt, sondern auf ovalen Por/dlanfäfelchen angebracht. Ein Mädchen kommt mit einem Staubwedel und einem Papierkorb, hier scheint man mehr auf Sauberkeit zu achten. Hier wohnen die Reichen und Kalcguropulos, der Schlaue, läßt absichtlich die Uhren zuriiekgehn, weil die Reichen Zeit haben. Im Hochparterre standen zwei Flügel einer Tür weit offen. Es war ein großes Zimmer mit zwei Fenstern, zwei Betten, zwei Kasten, einem grünen Plüschsofa, einem braunen Kachel- Öfen und einem Ständer für Gepäck. An der Tür war kein Zettel des Kaleguropulos zu;ehn — vielleicht durften die Bewohner des Hochparterres nach zehn Uhr lärmen, ihnen haftete man vielleicht für ״abhanden gekommene Schmuckstücke“, oder wußten sie bereits von den Tresors, oder sagte es ihnen Kaleguro aulos persönlich? Aus einem benachbarten Zimmer rauschte?ine Frau heraus, parfümiert und in einem grauen Federnboa, — das ist eine Dauie, sage ich mir und gehe, hart hinter ihr, die wenigen Stufen hinunter, ihre kleinen Lackstiefelchen fröhlich betrachtend. Die *Dame hält sich eine Weile beim Portier auf, ich gelange mit ihr gleichzeitig zur Tür, der Portier grüßt tief, mir schmeichelt es, daß der Portier mich vielleicht für den Begleiter der reichen Dame hält. fcli beschloß, weil ich keine Richtung wußte, hinter der Dame einherzugehn. Sie bog, aus dem engen OäRehen, in dem das Hotel stand, rechts ab, da weitete sich der Marktplatz. Es mußte Markttag gewesen sein, Heu und Häcksel lagen verstreut auf dem Pflaster, man schloß gerade die Läden, es klirrten Schlüssel und Ketten rasselten, Hausicrer zogen heim mit kleinen Handwagen. Frauen mit bunten Kopftüchern eilten mit vollen und vorsichtig vor den Leib gehaltenen Töpfen, berstenden Markttaschen am Arm. aus denen hölzerne Kochlöffel hervorschauten. Sparliehe Laternen streuten silbernes Licht in die Dämmerung, auf dem Bürgersteig entwickelte sich ein Korso, Männer in Uniform und in Zivil wedelten mit schlanken Rohrstäbchen und Wolken russischen Parfüms wallten auf und verschwanden. Wagen kamen vom Bahnhof geholpert mit hochgeschichfetem Gepäck, vermummten Reisenden. Das Pflaster war $:h'e?ht, wies Mulden und plötzliche Versenkungen auf, über schadhafte Stellen waren faulende Latten gelegt, die überraschend knarrten. Dennoch sah die Stadt am Abend freundlicher aus, als am Tage. Am Vormittag war sie grau gewesen, Kohlendunst naher Fabriken wälzte sich über sie aus riesigen Schornsteinen, schmutzige Bettler krümmten sich an den Straßenecken und Unrat und Mistkübel waren in engen _ Gäßchcn zu sehen. Die Dunkelheit aber barg alles, Schmutz, Laster. Seuche und Armut gütig, mütterlich, verzeihend, vertuschend. Häuser, die nur gebrechlich und schadhaft sind, scheinen im Dtinkei gespenstisch und geheimnisvoll, von einer willkürlichen Archiicktur. Schiefe Giebel wachsen sanft in den Schatten, armseliges Licht winkt heimlich durch halberblindete Scheiben, z.wei Schritte daneben brechen Ströme von Licht aus mannshohen Fenstern einer Konditorei, Spiegel widerstrahlen Kristall und Lüfter, Engel schweben, lieblich gebeugt, an der Deckenwölbung. Es ist die* Konditorei der reichen Welt, die in dieser Fahriksfadt Geld erwirbt und ausgibt. Hierher ging die Dame, ich folgte ihr nicht, weil ich bedachte, daß mein Geld eine geraume Zeit würde reichen müssen, ehe ich fortreisen konnte. Ich schleuderte weiter, sali schwarze Gruppen behender Kaftanjuden, hörte lautes Gemurmel, Gruß und Gegengruß, zorniges Wort und lange Rede, Federn, Prozente, Hopfen, Stahl, Kohle, Zitronen flogen, von Lippen in die Luft geschleudert, in Öhren gezielt. Männer mit verdächtigem Blick und Kautschukkragen schienen Polizei zu sein. Ich griff nach meiner Brusttasche, wo der Paß lag, unwillkürlich, wie ich nach der Kappe gegriffen hatte als Soldat, wenn ein Vorgesetzter io der Nähe war. ich war Heimkehrer, meine Papiere waren in Ordnung, ich hatte nichts zu fürchten. Ich ging zu einem Schutzmann, fragte nach der Gioka, wo meine Verwandten wohnen, der reiche Onkel Phöbus Böhlaug. Der Schutzmann sprach deutsch, viele Menschen sprachen hier deutsch, deutsche Fabrikanten, Ingenieure und Kaufleute beherrschten Gesellschaft, Geschäft, Industrie dieser Stadt. Ich mußte zehn Minuten gehn und dachte an Phöbus Böhlaug, von dem mein Vater in der I eopoldstadt mit Neid und Haß gesprochen hatte, wenn er von vergeblichen. Rataisjiuuulungen, müde und zerdrückt heimgekommen war. Den Namen Phöbus hatte jedes Familienmitglied mit Respekt genannt, es war, als hätte man wirklich vom Sonnengott gesprochen; nur mein Vater sprach immer von ״Phöbus, dem Lump’“ — weil er angeblich mit der Mitgift der Mutter Geschäfte gemacht hatte. Mein Vater war immer zu feige gewesen, hatte nie seine,Mitgift gefordert, hatte immer nur, jührlieh um dieselbe Zeit, in der Freradenliste nachgelesen, ob Phöbus Böhlaug im Hotel imperia! abgestiegen sei und wenn er da war, ging mein Vater den Schwager in die Leopold- Staat einladen, zu einem Tee. Die Mutter trug ein schwarzes Kleid mit spärlich gewordenem Flitterbesatz, sie achtete den reichen Bruder, als wäre er etwas sehr Fremdes, Königliches, als hätte sie nicht beide ein Schoß geboren, ein Brüstepaar gesäugt. Der Onkel kam, brachte mir ein Buch, Lehzelte dufteten aus der dunklen Küche, in der mein Großvater wohnte, aus der er nur bei festlichen Gelegenheiten hervorkam, als wäre er gerade gar geworden, friscli gewaschen, mit einem weift gestärkten Brust- Vorsatz, zwinkernd durch die viel zu schwache Brille, vorgeneigt, um den Sohn Phöbus zu sehn, den Stolz des Alters. Phöbus hat ein breites Lachen, ein quellendes Doppelkinn und rote Nackenwülste, er riecht nach Zigarren und manchmal nach Wein und er gibt jedem einen Kuß auf beide Wangen. Er spricht viel, laut und fröhlich, aber wenn man ihn fragt, ob die Geschäfte gut gehen, quellen seine Augen hervor, er sinkt zusammen, jeden Augenblick kann er anfangen zu schlottern, wie ein frierender Bettler, sein Doppelkinn verschwindet im Kragen: ״Die Geschäfte gehn nicht mehr, in diesen Zeiten. Wie ich klein war, bekam ich einen Mohnbeugel für eine halbe Kopeke, zehn Kopeken kostet jetzt ein Brot, die Kinder — unberufen — werden groß und brauchen Geld, Alexander will jeden Tag Taschengeld.“ (Fortsetzung folgt)

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