Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1928)
- Date
- 1928-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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UNTERHALTUNGS-BEILAGE 10. Januar 1928 DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Nr.2 Ein füdisdier Schriftsteller reist nach Canada Von Sch. Ooreük. Zweites Kapitel. Ankunft in Halifax. — Die erste Enttäuschung. — Im Kolonisten zug. — Betrachtungen über ein 11־ die Flucht ergr ,.enden Hasen. — Der handlungsfähige Obst* hlndler. — Ankunft in Montreal. - - Erster nächtlicher Spaziergang auf der St, Catharine Street. * Nach, zehntägiger Reise, die auch jenen, die mit den Meereselementen besonders vertraut zu sein glaubten, immer unerträglicher wurde, legte unser Dampfer eines frühen Morgens in Halifax an. Man mußte noch vor der lmmigrantenkommission erscheinen, die die Papiere der Ankoromenden überprüfte, und erst wenn man aus den Händen eines dieser Beamten, die jeden mit korrekten, aber strengen und forschenden Blicken betrachteten, den Landungszettel erhielt, hatte man alles überstanden, und das unermeßliehe Land lag offen. Der Immigrationsbeamte, der meine Papiere besichtigte, fand sie natürlich in bester Ordnung, aber die Auskunft, die ich ihm über meine Absichten und Ziele gab, bewirkte, daß ich mich vor seinem Tisch etwas länger aufhalten mußte als die anderen. Nicht daß er meine Landung verhindern wollte — das konnte er schwerlieh tu», denn aus Ottawa war doch eine telegraphische Anordnung gegeben worden, mir ein Visum zu erteilen; aber ich war für ihn ein seltener Fall, ja ein Einzelfall, und dies machte ihm anscheinend Spaß, denn der strenge Ausdruck auf seinem Gesicht wich einem ironischen Lächeln, dessen Schärfe durch wohlwollendes Mitleid gemildert wurde. Schließlich überreichte er auch mir mit den Worten ״all right“ den Landungszettcl. ich entfernte mich, und ich glaube, hinter mir verstecktes Lachen gehört zu haben. Obwohl mich also jetzt nichts mehr hinderte, die canadische Erde z« betreten, blieb ich noch eine Weile. Ich erwartete nämlich, daß im nächsten Augenblick eine Schar jüdischer Jugend aus Halifax, meinen Namen laut rufend, über die Landungsbrücke heranstürmen würde. (Mit Eitelkeit hat das natürlich nicht das geringste zu tun. Der Schriftsteller, der selbst oft von Zweifeln befallen wird, ob er und sein Beruf irgendwelche Existenzberechtigung haben, hört cs gern, wenn man einmal seinen Namen laut ausruft, besonders ein jüdlscher Schriftsteller, und noch dazu auf einer Reise in eine neue, unbekannte Welt.) Mein Warten war aber vergeblich. So nahm ich meine Sachen und ging die Landungsbrücke hinunter, ohne die Hoffnung aufzugeben, wenigstens unter den zerstreuten Gestalten am Zollgebäude, die vermutlich etwas schüchterne jüdische Jugend zu finden. Indes diese jüdische Jugend von Halifax, sofern sie überhaupt existiert und ficht eine Einbildung meiner Phantasie ist, schlief wacker itf 'dirVlnterlichen Morgenstunde. Mein'spähender Blick'eht=l deckte ringsum kein einziges jüdisches We'ea. Ein wenig enttäuscht, begab ich mich zum Zollamt und von dort nach Erledigung der Formalitäten zum Kolonistenzug, der im Hafen bereit stand, um die Ankömmlinge ins Land zu bringen. Das also ist Canada, das gewaltige Land, das auf Mensehen wartet Die Landschaft erinnert an Rußland, vor allem die Schneefelder erwecken diesen Eindruck. Ucber die Wege sieht man Schlitten gleiten, und auf den kleinen Bahnstationen stehen Menschen in Pelzmäntel gehüllt und in hohen Galoschen. Während ich am Fenster im Korridor des Zuges die mir sehr zusagende Landschaft betrachtetej erwachten in mir, wie von selbst, Erinnerungen an ein jüdisches Städtchen in der Ukraine: Es ist Winter so wie jetzt hier, das Städtchen liegt im Schnee vergraben, in den Stuben aber ist es warm und behaglich, es ist Chanukkah und man zündet die Lichtchen an. Durch diese Erinnerungen an die ukrainische Landschaft, die mir aus den glückliehen Tagen der Kindheit und Jugend so vertraut war, Hotel Savoy Roman von Joseph Roth. I. Ich komme um zehn Uhr vormittags im Hotel Savoy an, entschlossen, ein paar Tage oder eine Woche auszuruhen, ln dieser Stadt lebten meine Verwandten, — meine Eltern waren russische Juden. Ich möchte Geldmittel bekommen, um meinen Weg nach dem Westen fortzusetzen. Ich kehre aus dreijähriger Kriegsgefangen־ schaff zurück, habe in einem sibirischen Lager gelebt und bin durch russische Dörfer und Städte gewandert, als Arbeiter, Taglöhner, Nachtwächter, Kofferträger und Bäckergehilfe. Ich trage eine russische Bluse, die mir jetnand geschenkt hat, eine kurze Hose, die ich von meinem verstorbenen Kameraden geerbt und Stiefel, immer noch brauchbare, an deren Herkunft ich mich s löst nicht mehr erinnere. Zum ersten Male nach fünf Jahren stehe ich wieder an der Schwelle Europas. Europäischer als alle anderen Gasthöfe des Ostens scheint mir das Hotel Savoy mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und livrierten Portier. Es verspricht Wasser, Seife, englisches Klosett, Lift, Stubenmädchen in weißen Hauben, freundlich blinkende Nacht״ eschirre, wie köstliche Ueberraschungen in raungetäfelten Kästchen; elektrische Lampen, aus rosa und grünen Schirmen, wie aus Kelchen erblühend; schrillende Klingeln, die einem Daumendruck gehorchen; und Betten, daunengepolsterte, schwellend und bereit, den Körper aufzunehmen. Ich freue mich, wieder ein altes Leben abzustreifen, wie so oft in diesen Jahren. Ich sehe den Soldaten, den Mörder, den fast Gemordeten, den Auferstandenen, den Gefesselten, den Wanderer, weicht allmählich das Gefühl der Beklommenheit, die Augst des Fremdseins, die sich meiner immer auf der Reise nach einem neuen Land bemächtigen. Der Rauch, der aus den Schornsteinen der Landhäuser sich zum Hjmmel schlängelt, die mit Holz beladenen Schlitten, die aus dem Walde kom* men, — wie bekannt ist mir das alles, wie erinnert es mich an mein Dorf Popowka, das nicht nur im Sommer, wenn die Gärten blühten, sondern auch im Winter — vielleicht im Winter noch mehr — so romantisch aussahI Ein Hase, und bald ein zweiter, machen ihre komischen — komisch für den Beschauer, in Wirklichkeit verzwcifelten — Sprünge über den Schneeteppich. Es fällt mir ein, daß der achtzigjährige Tolstoj einmal beichtete, er habe, als er an einem Winternachmittag unweit von Jasnaja-Poljana einen Hasen bemerkte, zu seinem Entsetzen wieder die alten Instinkte eines Jägers in sich erwachen gefühlt. Nicht ohne eine gewisse Genugtuung stellte ich in mir das Nicht- Vorhandensein auch der mindesten Spur solchen Jäger- Instinktes fest Begegnete ich einem Hasen, bei Gott, er brauchte sich vor mir nicht zu fürchten. Allerdings der Hase könnte einwenden, daß er zwar keine Angst vor einem Ghettojuden spüre, aber daß die Assimilation imme׳• größere Fortschritte mache, die alten Tugenden verloren gehen, und daß cs schon Juden gibt, die auch auf die Jagd gehen, 7. B. Sir Alfred Mond, den ein illustriertes Blatt unlängst mit seinem Sohn als Jäger zeigte. Ein Hase auf der Flucht! Wer sagt, daß nur die Angst ihn dazu treibt? Wie, wenn der Hase aus Ekel, ja aus Ekel vor einer Weit, in der Kampf das oberste Gesetz ist, die Flucht als letzte Konsequenz ergreift! Der Schreck, der aus den guten Augen j des springenden Hasen starrt, ist er nicht vielleicht derselbe, j der Tolstoj in einer Winternacht packte und ihn von Haus | und Hof trieb! Die Kreatur auf der Flucht ist die Symbolisierung der grauenhaften Wirklichkeit, des widerwärtigen Zustandes ewigen Kampfes. Indes fing es allmählich zu dämmern an, und ich wandte mich vom Fenster ab und ging zu meinem Platz. Der Wagen war voll besetzt. Alies Menschen aus fernen Heimaten, die sich nach Canada aufgemacht hatten, um dort ein neues, glücklicheres Leben anzufangen. Ruthcnen aus Galizien, Holländer, Deutsche — sic alle fahren nach dem Westen, nach Britisch-Columbien. Dort werden sie auf fremden Farmen arbeiten oder eigene gründen. Auf alle Fälle wird es schwere, schwere Pionierarbeit sein, aber die Leute tragen eine Zuversicht zur Schau, die sie das Vergangene vergessen macht, sie sind von Zukunftsplänen berauscht. Es herrscht ein lauter Austausch von Pioniergedanken, das Gespräch wird immer lebendiger. Nur einige verharren in traurigem Schweigen. Sie sitzen, an die Fenster gelehnt, und blicken in die Dunkelheit. Es hat sie die Sehnsucht nach dem verlassenen Heim gepackt. In dieser Stunde möchten sie wahrscheinlich zurück. Mag es hier sein, wie es will — nur zu Hause, nur wieder zu Hause! Ach ja, selbst wenn man nicht genau weiß, ob man ein richtiges, wirkliehe« Heim liät, ist es einem immerhin nicht besonders zumute. Auch mir nicht, ich will es offen gestehen. Eine Tür von nebenan wird aufgestoßen, und ein junger Mann mit einer Uniform-Mütze, die ihm schief auf dem Kopf sitzt, tritt herein. Er trägt einen Korb voll Apfelsinen, die er den Reisenden in verschiedensten Sprachen anbietet. Er wird seine Ware sehr schnell los und kehrt nach kurzer Zeit mit demselben Korb, diesmal mit Schokolade, Aepfcln und Limonaden gefüllt, zurück. Ausverkauft — und er taucht schon als Anpreiser von Taschenmessern, Bleistiften u. ä. wieder auf, und bald sieht man ihn mit einem Stoß Zcitungen beladen, die er mit lauter Stimme ausruft und unter die Canadier eiligst verteilt. Dann kehrt er wieder mit den goldenen Orangen zurück, deren Saftigkeit er mit einschmeichelnder, überzeugender Stimme in englischer, französischer, ruthenischer, deutscher Sprache dem ob solcher Zungenfertigkeit erstaunten Publikum rühmt. Auf den canadischen Eisenbahnen trifft man sie immer, diese Händler mit Obst und Süßigkeiten. Sie dürfen in jedem Zug einen kleinen Laden halten und ein Teil der Gewinne fällt der Eisenbahn zu. Dieser, der mir auf meiner Fahrt nach Montreal begegnete, muß gewiß einer der begabtesten und geschicktesten unter seinen Kollegen sein. Er sorgte auch für die Unterhaltung der Passagiere, er erzählte ihnen allerhand Lustiges und ve,r• bluffte durch witzige, schlagfertige Antworten. Mir mißfiel er zuerst über alle Maßen. Er war ein jüdischer junger Mann, dem die schief sitzende Mül/e ein freches Aussehen gab. ln Wirklichkeit aber hatte er kein unfeines Gesicht und Augen, die verrieten, daß der Spaß, den er hier trieb, nicht das Erschöpfende seines Wesens ausmachte. Der Kerl treibt Komödie, dachte ich mir, und er hätte cs gar nicht nötig, soviel Komödie 711 treiben. Fr könnte gut seine Orangen verkaufen ohne all die Zutaten des Grotesken und Pojazmäßigcn. Mein Mißfallen drückte ich dadurch aus, daß ich keine Notiz von ihm nahm und nichts bei ihm kaufte, obwohl mir eine Orange sehr willkommen gewesen wäre. F.r merkte bald mein Verhalten und unterließ es, mir seine Ware an/.ubieten. Manchmal aber trafen sich unsere Blicke. Seiner versuchte mich gleichsam zu beruhigen. Er wollte wohl sagen: Es ist ein Mißverständnis, mein lieber Jid. das sich bald aufklären wird. Wenn ich noch ein paar Rundgänge gemacht habe, komme ich zu Ihnen und dann werden wir plaudern. Und wirklich kam er unvermuteter* weise an meinen Platz heran, hatte die Mütze nicht schief, sondern gerade auf dem Kopf und fing ztt sprechen an. Merkwürdigerweise dauerte es nicht lange, bis er meinen Namen wußte und ich ihm sagen mußte, wohin ich fahre und was ich in Montreal zu tun gedenke. Er wiederholte mit verschmitztem Lächeln meinen Namen und fügte selbst den Vornamen hinzu. Er kennt noch viele andere jüdische Schriftsteiler, einige persönlich. In seiner Wohnung sind viele alte jüdische Zeitschriften zn finden. ,,Alle die Großen sind dahin,“ sagte er, ״nito Perez, nito Scholem-Aleichem.“ Dann wurde er sachlich, etwas besorgt. ,,Sie müssen Galoschen haben, hohe Galoschen, hier ist eine kalte Medine, kälter als hei uns in der Ukraine. Welche Nummer tragen Sie? Der Zug wird bald auf einer Station eine Viertelstunde halten, in der Ortschaft ist ein jüdisches Geschäft; es ist schon Nacht, aber ich werde anklopfen und werde für Sie Galoschen kaufen.“ Er bringt sie mir wirklich, als der Zug sich schon in Bewegung setzt. Dann wollte er durchaus, ich sollte ihm erlauben, an den ״Kiinäder Odler“ (Canader Adler), die tägliche jüdische Zeitung, zu telegraphieren. Den ganzen Weg über bis Montreal überhäufte mich dieser Händler mit den wärmsten Aufmerksamkeiten. Beim Anhalten des Zuges bot er sich an, mir Tee zu holen. Er machte mir ein bequemes Lager zum Schlafen, und so immerfort. Zwischendurch machte er seine Rundgängc mit dem gefüllten Korb, wobei er niemals vergaß, die Mütze schief auf den Kopf zu setzen, und kehrte dann zu mir zurück, ernst, ruhig und etwas besorgt. ״Und Morris Rosenfcld ist auch schon dahin, und wer bleibt?“ F.r erzählte über sciu Leben. Hier im Lande ist er schon zwölf Jahre. Erst jetzt hat es angefangen, ihm gut zu gehen. ״Eine schöne Parnossc ist cs nicht, die ich habe, man leM wie ein Hund, Immer• im Zug von Halifax bis Winipeg und von Winipeg bis Halifax, aber man verdient viel. Ich verdiene in einer Woche wahrscheinlich mehr als drei jüdische Schriftsteller in einem Monat. Es ist aber Amerika, hier muß man viel Geld haben, man schämt sich hier, arm zu sein. Meine Bekannten wissen nicht, womit ich mich beschäftige, und ich bitte Sie, auch niemandem in Montreal davon zu erzählen.“ Eine Station vor Montreal nahm er Abschied von mir, schüttelte lange meine Hand und sagte etwas wehmütig: ״Eigentlich müßten Sie auch einen wärmeren Mantel haben, in Canada ist es kalt, jaja, eine sehr kalte Medine.“ Damit verschwand er. Nach einer Reise von fast dreißig Stunden bin ich in Montreal angekommen. Diesmal hatte sich doch jemand gefunden, der mich am Bahnhof erwartete und mich in eines der schönsten Hotels geleitete. Noch an demselben Abend unternahm ich einen kleinen Spaziergang und schleuderte durch eine der belebtesten Hauptstraßen Montreals, St. Catharine Street. Wunderbare Beleuchtung, eleganteste Ge- Ich ahne Morgendunst, höre den Trommelwirbel der marschierenden Kompagnie, aufklirrende Fensterscheiben int höchsten Stockwerk; erblicke einen Mann in weißen Hemdärmeln, die zuckenden Glieder der Soldaten, eine Waldlichtung, die vom Tau glänzt; ich stürze Ins Gras vor ״fiktivem Feind“ und habe den brünstigen Wunsch, hier liegen zu bleiben, ewig, im samtenen Gras, das die Nase streichelt Ith höre die Stille des Krankensaals, die weiße Stille. Ich stehe an einem Sommemiorgen auf, höre das Trillern gesunder Lerchen, schmecke den Morgenkakao mit Buttersemmel und den Duft von Jodoform in der ״ersten Diät“. Ich lebe in einer weißen Welt aus Himmel und Schnee, Baracken bedecken die Erde, wie gelber Aussatz. Ich schmecke den süßen letzten Zug aus einem aufgeklaubten Zigarettenstummel, lese die Inseratenseite einer heimatlichen uralten Zeitung, aus der man vertraute Straßennamen wiederholen kann, den Gemischtwarenhandlet erkennt, einen Portier, eine blonde Agnes, mit der man geschlafen. Ich höre den wonnigen Regen in durch- Wächter Nacht, die hurtig schmelzenden Eiszapfen in lächelnder Morgensonne, greife die mächtigen Borste einer Frau, die man unterwegs traf, ins Moos legte, die weiße Pracht ihrer Schenkel. Ich schlafe den betäubenden Schlaf auf dem Heuboden, in der Scheune. Ich schreite über zerfurchte Accker und lausche dem dünnen Sang einer Balalajka. So vieles kann man in sich saugen und dennoch unverändert an Körper. Gang. Gehaben bleiben. Aus Millionen Gefäßen schlürfen, niemals satt sein, wie ein Regenbogen in allen Farben schillern, dennoch immer ein Regenbogen sein von der gleichen Farbenskala. ira Hotel Savoy konnte ich mit einem Hemd anlangen und es verlassen als der Gebieter von zwanzig Koffern und immer noch der Gabriel Dan sein. Vielleicht hat mich dieser EiafaU so selbstbewußt gemacht, so stolz und herrisch an Ansehen und Haltung, daß der Portier mich grüßt, mich, den armen Wanderer in der russisehen Bluse, daß ein Bov geschäftig meiner harrt, obwohl ich gar kein Gepäck habe. Ein Lift nimmt mich auf, Spiegel zieren seine Wände, der Liftboy, ein älterer Mann, läßt das Drahtseil durch seine Fäuste gleiten, der Kasten hebt sich mit mir in die Luft, ich schwebe — und es kommt mir vor, als würde ich so noch eine geraume Weile in die Höhe fliegen. Ich genieße das Aufwärtsgleiten, denke, wieviel Stufen ich mühsam erklimmen müßte, wenn ich nicht in diesem Prachtlift säße und werfe Bitter* keit, Armut, Wanderung. Heimatlosigkeit., Hunger, Vergangenheit des Bettlers hinunter, tief, woher es mich, den Emporschwcbcnden, nimmermehr erreichen kann. Mein Zimmer — ich habe eines der billigsten gewählt — liegt im sechsten Stockwerk und trägt die Nummer 703. Die Zahl gefällt mir — ich bin zahlengläubig — die Null in der Mitte ist wie eine Dame, von einem altern und einem jüngern Herrn flankiert. Auf dem Bett liegt eine gelbe Decke. Gottlob, keine graue, die ans Militär erinnern könnte. Ich knipse ein paarmal das Licht auf und ab, schlage die Tür des Nachtkästchens auf. die Matratze gibt dem Druck der Hand nach und federt zurück, Wasser blinkt aus der Karaffe, das Fenster geht in Lichthöfe hinaus, in denen lustig bunte Wäsche flattert, Kinder schreien, Hühner lustwandeln. Ich wasche mich und schlüpfe langsam ins Bett, jede Sekunde aaskostend. Ich öffne das Fenster, die Hühner schwatzen laut und lustig, aber es ist wie süße Schlafmusik. Ich schlafe ohne Traum den ganzen Tag. If. Späte Sonne rötete die höchsten Fenster des gegenüberliegenden Hauses; die Wäsche, die Hühner, die Kinder waren aus dem Hofe verschwunden. Am Vormittag, als ich ankam, hatte es leise geregnet; weil es inzwischen heiter geworden war, schien es mir, als hätte ich nicht einen Tag, sondern drei geschlafen. Meine Müdigkeit war abgetan. Mein Herz festlich gestimmt, ich war neugierig auf die Stadt, das neue Leben. Mein Zimmer schien mir vertraut, als hätte ich schon lange darin gewohnt bekannt die Glocke, der Druckknopf, der elektrische Taster, der grüne Lampenschirm, der Kleiderkasten, die Waschschüssel. Alles heimisch, wie in einer Stube, in der man eine Kindheit verbracht, alles beruhigend, Wärme verschüttend, wie nach einem lieben Wiedersehen. Neu war nur der Zettel an der Tür, aut dem zu lesen stand: ״Nach zehn Uhr abends wird um Ruhe gebeten. Für abhanden g׳ekommene Schmuckstücke keine Haftun״. Tresor im Hause. Hochachtungsvoll Kaleguropulos, Hotelwirt.״ Der Name war fremd, ein griechischer Name, ich bekam Lust ihn zu deklinieren: Kaleguronuios, Kaleguropulu, Kaieguropulo — — eine leise Erinnerung an ungemütliche Schulstunden, einen Griechischlenrer, der aufstieg aus vergessenen Jahren itt einem patinagrünen Jäckchen, drängte ich zurück. Dann beschloß ich, durch die Stadt zu gehn, vielleicht einen Verwandten aufzusuchen, wenn Zeit dazu blieb und zu genießen, wenn dieser Abend und diese Stadt Genuß bieten wollten. Ich gehe den Korridor entlang, der Haupttreppe zu und freue mich über die schöne Quaderpflasterung des Hotelganges, die rötliehen sauberen Steine, das Echo meiner festen Schritte.